"Modern Society Shocked by its Risks." Ein Versuch über Risiko und Risikowahrnehmung bei Niklas Luhmann


Hausarbeit, 2013

10 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Risiko nach Niklas Luhmann
2.1 Das Risiko und die Entscheidung
2.2. Das Risiko und der Beobachter
2.3. Das Risiko und die Gefahr

3. Zusammenfassung

4. Quellen

1. Einleitung

“Die Tür zum Paradies bleibt versiegelt. Durch das Wort Risiko.” (Niklas Luhmann 1991: 26)

Das Phänomen Risiko gehört heute wohl zu den spannendsten Bestandteilen des täglichen Lebens. Es betrifft letztlich vom Berufsleben bis in die Sphären des Familienlebens jeden Bereich des menschlichen Agierens und wird damit zwangsläufig zum Gegenstand persönlicher Überlegungen.

Das spiegelt sich auch in der hohen Anzahl an Disziplinen wider, die heute versuchen, das Phänomen Risiko greifbar zu machen: Von der Mathematik und den Ingenieurswissenschaften bis hin zur Psychologie und den Kultur- und Sozialwissenschaften stellt das Risiko und der menschliche Umgang mit ihm einen bedeutenden Untersuchungsgegenstand dar (Renn / Klinke 2003: 24). Dabei geht es letztlich vor allem darum, das Risiko in verschiedenen Zusammenhängen handhabbar zu machen und Empfehlungen zu seiner Minimierung zu erarbeiten (Renn / Klinke 2003: 23).

Niklas Luhmann, Systemtheoretiker und Soziologe, befasste sich in seiner Forschung mit den Auswirkungen des Risiko-Konzepts auf die Gesellschaft und ihre spezifischen Teilsysteme. In Werken wie „Soziologie des Risikos“ (1991) und „Modern Society Shocked by its Risks“ (1996) analysiert er, wie die Wahrnehmung von Risiko gesellschaftliche Strukturen und menschliche Verhaltensweisen beeinflusst. Wesentlich ist dabei Luhmanns Annahme, dass Risiko als Phänomen konstruktivistischer Bewusstseinsbildung von der modernen Gesellschaft aufgrund eines Wandels in der Wahrnehmung des eigenen Handelsspielraums selbst auf den Plan gerufen wird.

Dieser Essay versucht, die einzelnen Komponenten dieser Auseinandersetzung vor allem auf Basis des Werks „Modern Society Shocked by its Risks“ (1996) zu beleuchten und so das Risikokonzept Luhmanns nachzubilden. Er soll zeigen, dass unsere Risikowahrnehmung in höchstem Maße von unserem eigenen Selbstverständnis abhängt und Luhmanns Konzept damit heute relevanter sein könnte als je zuvor.

2. Risiko nach Niklas Luhmann

Seine Ausgangsüberlegungen beginnt Niklas Luhmann zunächst bei der Veränderung der Risikowahrnehmung moderner Gesellschaften, die sich etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts abzeichnete. Der Begriff des Risikos tauchte zuvor erstmals im Mittelalter als Neologismus vor allem im Kontext der Seefahrt und möglichen Frachtschäden auf und wurde erst später auch auf gesellschaftliche Zusammenhänge übertragen. Hier spielte der Begriff etwa am Hofe eine Rolle, wenn es um Auf- oder Abstieg in der fürstlichen Gunst ging (Luhmann 1996: 3).

Um diesen Zeitpunkt verzeichnet Luhmann eine Wende in der Wahrnehmung des eigenen Handelns: Ursprünglich hatte man die Verantwortung über solche Angelegenheiten externen Kräften zugeschrieben, etwa Göttern, die über das persönliche Schicksal bestimmten und nur zu einem gewissen Maße beeinflussen werden konnten (Luhmann 1996: 3). Mit der Etablierung des Risikokonzepts wurde hingegen die Zuständigkeit für die eigene Zukunft in den persönlichen Verantwortungsbereich integriert. Dies bedeutete eine Wahrnehmungsänderung dahingehend, dass das eigene Handeln unmittelbaren Einfluss auf die eigene Zukunft hat und, einfach ausgedrückt, mit diesem Handeln gezielt Schaden verursacht oder abgewendet werden können.

Die Ausgangsüberlegungen Luhmanns fußen auf der Untersuchung dieses Umbruchs: Die Fragen danach, warum das Konzept des Risikos und damit der Eigenverantwortung für die persönliche Zukunft eingeführt wurde und weshalb alte Konzepte einer ausgelagerten Verantwortung für die Entscheidungskonflikte der modernen Gesellschaft nicht mehr ausreichten, werden zur Basis seiner Ausführungen (Luhmann 1996: 5).

Um die Gründe für die Entstehung eines solchen Risikokonzepts ebenso wie deren Konsequenzen für die Gesellschaft zu erarbeiten, untersucht Luhmann einzelne Aspekte der Risikowahrnehmung, die er für relevant hält. Dazu zählen vor allem die Komponenten der Entscheidung, der Zuordnung (bzw. des Beobachters) und deren Kategorisierung (bzw. dem Pendant der Gefahr).

2.1 Das Risiko und die Entscheidung

Für Luhmann hängt das Risiko unzertrennlich mit Entscheidungen zusammen; zum einen, weil das Risiko immer auftaucht, wenn Entscheidungen getroffen werden, zum anderen weil jede Entscheidung eine Zustandsveränderung bedeutet. Die Entscheidung wird damit zur Zäsur, wenn Vergangenheit und Zukunft scheinbar nicht automatisch ineinander übergehen, der Entscheider sieht also die Möglichkeit, mit einer Intervention in den Verlauf der Dinge einzugreifen. Der Entscheider befindet sich in seiner Wahrnehmung an einer Art Scheideweg, an dem er durch seine Entscheidung die Zukunft entweder ins Negative oder ins Positive beeinflussen kann, wobei wesentlich ist, dass das Bewusstwerden darüber, welcher Zukunftsverlauf positiv ist, als Reduktion von Unsicherheit empfunden wird (Luhmann 1996: 12). Der Entscheider selbst befindet sich am Punkt der Entscheidung nach Luhmann selbst an einem „blinden Fleck“ der Gegenwart, von dem aus er nur die (selektiven) Erinnerungen aus der Vergangenheit, etwa zur Beurteilung der Entscheidungssituation, heranziehen und diese Erfahrungen in die Zukunft projizieren kann (Luhmann 1996: 5).

Wesentlich ist dabei der Zwang zur Entscheidung: Selbst das Nicht-Entscheiden ist schließlich eine Entscheidung und beeinflusst die Zukunft in eine bestimmte Richtung. Demnach ist der Entscheider immer ein potenzieller Schadensverursacher, weil er nicht sicher weiß, wie seine Entscheidung die Zukunft beeinflussen wird. Damit kann das Risiko als fester Bestandteil von Entscheidungsprozessen betrachtet werden.

Das Risiko ist so Verbindung zwischen Ursache und Wirkung in Form von Entscheidung und Schaden. Jeder, auch potenzielle, Schaden kann daher, so Luhmann, auf eine Entscheidung zurückgeführt werden (Luhmann 1996: 5). Dementsprechend liegt nach Luhmann Risiko immer dann vor, „wenn eine Entscheidung ausgemacht werden kann, ohne die es nicht zum Schaden gekommen wäre“ (Luhmann 1991: 25) - unabhängig vom tatsächlichen Eintreten des Schadens.

Dieses Ergebnis eines Zuordnungsprozesses zwischen Entscheidung und (potenziellem) Schaden ist immer auch Zukunftsprojektion. Nach Luhmann kehrt das Konzept des Risikos die natürliche Ursache-Wirkungs-Beziehung chronologisch um: An den möglichen Folgen, also der Zukunft, wird die gegenwärtige Entscheidung ausgerichtet. Der Faktor Zeit nimmt damit ebenfalls eine bedeutende Position in Luhmanns Risikokonzeption ein (Luhmann 1996: 11) - vor allem auch, weil Zeitdruck immer einen Entscheidungszwang erfordert. Nicht zuletzt aus diesem Grunde ist die Entscheidung nie eine freie Wahl aus Alternativen, sondern sowohl durch solche situative Faktoren als auch durch konstruierte Werte, Meinungen und Prioritäten in ihrer Rationalität begrenzt (Luhmann 1996: 7). Die Definition der Entscheidung als Auswahlprozess bezeichnet Luhmann daher als tautologisch: Sie adressiert das Kernproblem des Entscheidungsprozesses nicht, sondern formuliert dieses bloß um (Luhmann 1996: 11).

2.2. Das Risiko und der Beobachter

Nach Luhmann ist die Risikowahrnehmung also das Ergebnis des Zuordnungsprozesses von Entscheidung und entstandenem oder potenziellem Schaden. Diese Zuordnung ist beobachterabhängig, das heißt, dieser Zusammenhang wird von einer Person oder einer Personengruppe hergestellt, die das vermeintliche Risiko einer Entscheidung aus einer eigenen, bestimmten Perspektive heraus beurteilt (Luhmann 1996: 6). Die Bewertungen finden dabei nach Luhmann durch Unterscheidungen statt: Eine Entscheidung wird also vom jeweiligen Beobachter etwa als „sicher“ oder „riskant“ oder als „rational“ oder „irrational“ eingestuft. Diese Zuordnungen sind hochgradig abhängig von der Perspektive, den Eigenschaften und Erfahrungen des jeweiligen Beobachters, ebenso wie die damit verbundene Wahrnehmung eines Risikos, die mit dieser Zuordnung einhergeht.

Diese Risikowahrnehmung ist also konstruktivistisch von Beobachtern erzeugt. Trotz der Existenz von Beobachtern zweiter Ordnung, die auf die Beobachter des Risikos blicken, bleibt die Beurteilung eines Risikos höchst subjektiv und abhängig von der jeweiligen Prägung des Urteilenden (Westhofen 2012: 68).

Luhmann betont weiter, dass auch der Entscheider sich diesen Kategorien bedient, um eine Entscheidung zu treffen. Die Festlegung und die genaue Definition von Kategorien, ebenso wie die Wahl darüber, was wir ihnen zuordnen, hängt dabei in höchstem Maße von unseren soziokulturellen Werten und unserer Sozialisierung ab: Andere Kulturkreise kennen das Konzept des Risikos beispielsweise nicht oder bewerten bestimmte Entscheidungen in bestimmten Kontexten in Bezug auf ihr Risiko völlig unterschiedlich (Schuh 2006: 73ff). Auch individuelle Erfahrungen und Einstellungen des Beobachters bestimmten über seine Beurteilung: Welche Kategorien und Beurteilungsmuster er wählt, etwa ob er nach seiner Vorstellung eher wissenschaftliche oder moralische Maßstäbe heranzieht, ist abhängig von seiner persönlichen Prägung.

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Details

Titel
"Modern Society Shocked by its Risks." Ein Versuch über Risiko und Risikowahrnehmung bei Niklas Luhmann
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
10
Katalognummer
V288260
ISBN (eBook)
9783656885368
ISBN (Buch)
9783656885375
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Niklas Luhmann, Risiko, Risikowahrnehmung, Modern Society Shocked by its Risks
Arbeit zitieren
Katharina Grimm (Autor), 2013, "Modern Society Shocked by its Risks." Ein Versuch über Risiko und Risikowahrnehmung bei Niklas Luhmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288260

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