Anselms von Canterbury (1033–1109) etwa 1077 veröffentlichtes Proslogion wird bis heute in der Forschung kontrovers diskutiert. Grund hierfür ist vor allem der darin enthaltene und von Kant als ontologisch bezeichnete Gottesbeweis. Manche Philosophen bestehen darauf, das Argument sei ungültig, andere, es sei gültig, allerdings nicht schlüssig und eine dritte Gruppe glaubt, dass es sich bei Anselms Argument um einen Zirkelschluss handele. Schon zu Anselms Zeiten hat sich der Mönch Gaunilo, aus dem Kloster Mars-Mutiers bei Tours, mit dem Gottesbeweis Anselms auseinandergesetzt und eine erste Kritik hierzu verfasst. Gaunilos Kritik sowie Anselms Antwort auf diese wurden anschließend in das Proslogion mitaufgenommen.
Die vorliegende Arbeit wird sich mit der Kontroverse zwischen Gaunilo und Anselm beschäftigen. Hierfür wird erstens der Gedankengang Anselms im Proslogion, sowie zweitens Gaunilos Kritik hieran skizziert. Schließlich soll geprüft werde, inwieweit Gaunilo Anselms Argument tatsächlich entkräftet.
Inhaltsverzeichnis
1. Der ontologische Gottesbeweis
2. Gaunilos Argument der vortrefflichsten Insel
3. Die Kritik an Gaunilos Inselargument
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die philosophische Kontroverse zwischen Anselm von Canterbury und seinem Kritiker Gaunilo bezüglich des ontologischen Gottesbeweises im Proslogion. Das primäre Ziel ist es, den Gedankengang Anselms sowie die Gegenargumente Gaunilos darzustellen und kritisch zu prüfen, inwieweit Gaunilos Einwände Anselms Argumentation tatsächlich entkräften können.
- Darstellung des ontologischen Gottesbeweises nach Anselm
- Analyse der Kritik Gaunilos am Beispiel der "verlorenen Insel"
- Diskussion der Schwachstellen im Übergang vom Verstand zur Wirklichkeit
- Untersuchung des Vorwurfs der Zirkularität im Gottesbeweis
- Einordnung in den Kontext von Seinsstufen und Begriffen wie "Größe" und "Vollkommenheit"
Auszug aus dem Buch
2. Gaunilos Argument der vortrefflichsten Insel
Sein zweiter Kritikpunkt bezieht sich auf den Übergang vom Sein im Verstand zum Sein in der Wirklichkeit. Er bezweifelt die Tatsache, dass man von der Existenz eines Seienden im Verstand auf eine Existenz desselben in der Wirklichkeit schließen könne. Um diesen Kritikpunkt zu verdeutlichen, entwickelt er ein Argument, welches dem ontologischen Argument Anselms der Form nach gleichen, dieses zugleich karikieren und es so als absurd entlarven soll. Vermutlich geht Gaunilo davon aus, dass man bei einem gültigen Argument kleine Bestandteile austauschen könne, ohne dass das Argument seine Gültigkeit verliert.
Schließlich könne man bei dem Syllogismus: „Alle Menschen sind sterblich. Aristoteles ist ein Mensch. Also ist Aristoteles sterblich“ den Namen Aristoteles durch Sokrates ersetzen, ohne dass das Argument ungültig wird. Gaunilos paralleles ontologisches Argument lautet wie folgt:
1) Es wird gesagt, es gebe im Ozean eine verlorene Insel, die im höchsten Maße vortrefflich sei.
2) Der Begriff der vortrefflichsten, verlorenen Insel ist verständlich.
3) Was man versteht, existiert im Verstand.
4) (aus 1, 2 und 3) Die verlorene Insel existiert im Verstand.
5) Zusätzlich zur Existenz im Verstand auch noch in der Wirklichkeit zu existieren, ist vortrefflicher als nur im Verstand zu existieren.
6) (aus 1, 4 und 5) Die Insel muss also auch noch über den Verstand hinaus in der Wirklichkeit existieren (da sonst etwas Vortrefflicheres über sie hinaus gedacht werden könnte, was ein Selbstwiderspruch wäre)
7) (aus 1 und 6) Die im höchsten Maße vortreffliche Insel existiert nicht nur im Verstand sondern auch in der Wirklichkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der ontologische Gottesbeweis: Dieses Kapitel erläutert Anselms Beweisführung, bei der Gott als das definiert wird, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, und schließt aus dessen Existenz im Verstand auf seine notwendige Existenz in der Wirklichkeit.
2. Gaunilos Argument der vortrefflichsten Insel: Hier wird Gaunilos Kritik präsentiert, der durch ein Analogieschluss-Argument (die "verlorene Insel") aufzuzeigen versucht, dass Anselms Logik auf jedes beliebige vollkommene Objekt übertragen werden könnte, was zu absurden Konsequenzen führt.
3. Die Kritik an Gaunilos Inselargument: In diesem Kapitel setzt sich Anselm mit Gaunilos Einwand auseinander und argumentiert, dass eine Insel als endliches Seiendes nicht mit dem Gottesbegriff vergleichbar sei, während gleichzeitig der Vorwurf der Zirkularität in der Definition Gottes diskutiert wird.
Schlüsselwörter
Ontologischer Gottesbeweis, Proslogion, Anselm von Canterbury, Gaunilo, Existenz, Verstand, Wirklichkeit, Notwendige Existenz, Vollkommenheit, Zirkelschluss, Inselargument, Denken, Verstehen, Seinsstufen, Kontroverse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem berühmten ontologischen Gottesbeweis Anselms von Canterbury und der historischen sowie philosophischen Kritik, die der Mönch Gaunilo daran geübt hat.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Arbeit behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der formalen Struktur von Gottesbeweisen, der Unterscheidung zwischen gedachter und realer Existenz sowie der Frage nach der logischen Validität und Schlüssigkeit von Anselms Argumentation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Kontroverse zwischen Anselm und Gaunilo nachzuzeichnen und zu bewerten, ob Gaunilo mit seiner Kritik an der Argumentationsstruktur des Proslogion erfolgreich war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, bei der die Argumentationsgänge der Primärquelle sowie deren kritische Einordnung anhand der Sekundärliteratur systematisch geprüft werden.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil werden Anselms logische Beweisführung, Gaunilos Gegenargument der "vortrefflichsten Insel" sowie Anselms Replik auf diesen Einwand detailliert analysiert.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Publikation am besten?
Zu den prägenden Begriffen zählen ontologischer Gottesbeweis, Existenz im Verstand, Zirkelschluss und die methodische Kritik an Anselms Gottesbegriff.
Warum hält Gaunilo das Argument Anselms für fehlerhaft?
Gaunilo argumentiert, dass die logische Form von Anselms Beweis auf beliebige Dinge wie eine "perfekte Insel" angewendet werden kann, was beweisen würde, dass diese Insel real existieren muss – was Gaunilo als absurd empfindet.
Wie reagiert Anselm auf den Vorwurf der Zirkularität?
Anselm verteidigt sein Argument, indem er betont, dass Gott ein vollkommenes Wesen darstellt, aus dessen Definition die notwendige Existenz analytisch folgt, was bei kontingenten Dingen wie Inseln nicht der Fall ist.
- Arbeit zitieren
- Dilara Erginos (Autor:in), 2014, Anselm von Canterbury, Gaunilo und der ontologische Gottesbeweis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288348