Die Ethik Jesu. Verschärfung oder Entschärfung der Thora?


Referat (Ausarbeitung), 2014

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Der historische Hintergrund Jesu

3 Jesu Stellungnahme zur Thora

4 Jesu Ethik zwischen Thoraverschärfung und -entschärfung

5 Jesu eschatologische Ethik
5.1 Jesu eschatologische Ethik ist Umkehrethik
5.2 Jesu eschatologische Ethik ist Barmherzigkeitsethik
5.3 Jesu eschatologische Ethik ist Nachfolgeethik

6 Mittelpunkt der Ethik Jesu

7 Zusammenfassung

8 Literaturverzeichnis

9 Anhang

1 Einleitung

Jesus Christus ist der Mittelpunkt des christlichen Glaubens, weil die Person, Worte und Taten Jesu für Christen grundlegende Bedeutung haben. Der Name Jesus hat griechisch-lateinische Form des hebräischen Jeschua und bedeutet „Der Herr ist Heil (Rettung)“.1

Aus dem christlichen Glauben, welcher auf Gott und Heiliger Schrift basiert, resultiert die Ethik Jesu. In meinem Referat möchte ich mich bei dieser göttlichen Ethik aufhalten, welche in den Zehn Geboten Gottes fest verankert ist und in der so genannten Bergpredigt Jesu zum Ausdruck kommt.

Was den Begriff „Ethik“ angeht, bedeutet er allgemein die Lehre vom sittlichen Wollen und Handeln der Menschen untereinander und in der Gesellschaft. Die christliche Ethik unterscheidet sich von der philosophischen Ethik indem, dass ihr zentrales Thema die Tätigkeit des Glaubens durch die Liebe ist.2

Das Referat „Ethik Jesu“ (welches ich am 05.12.2013 an der EHS gehalten habe) stellt eine Literaturarbeit dar, in der ich das Thema anhand der Bibelstellen genauer betrachte. In den Evangelien wird das Leben Jesu Christi von seiner Geburt bis zu seinem Tod nicht immer chronologisch beschrieben. Die Ethik Jesu ist im Matthäusevangelium Kap. 5-7 und Lukasevangelium Kap. 6 in der Bergpredigt Jesu zu finden. Folgende Fragen sollten in meinem Referat beantwortet werden:

Welcher geschichtliche Hintergrund geht der Ethik Jesu voraus?

Was sind Normverschärfung und Normentschärfung?

Was ist eschatologische Ethik Jesu?

Was ist das Zentrum der Ethik Jesu?

Können die Werte aus der Bergpredigt noch heute umgesetzt werden?

Nach der Zusammenfassung werde ich meine persönliche Stellung zu dem Thema „Ethik Jesu“ beziehen.

2 Der historische Hintergrund Jesu

„Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan,“ (Gal 4,4).

Der Apostel Paulus erinnert uns in diesem Bibelvers an die Geburt Jesu Christi, welche der Gott durch den Propheten Jesaja etwa 700 v. Chr. ankündigen ließ:

„Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird ihm den Namen Immanuel geben“ (Jes 7,14).

In Nazareth bringt der Engel Gabriel der Maria die freudige Botschaft, dass Gott sie zur Mutter seines Sohnes erwählt hat (vgl. Lk 1,26-28).

„Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären; und du sollst ihm den Namen Jesus geben“ (Lk 1,31).

So wird Jesus Christus in eine gläubige jüdische Familie hineingeboren, die seit der Makkabäerzeit sich wieder fester an den Tempeldienst in Jerusalem und die Gesetze der Thora hielt. Jesu Muttersprache ist das galiläische Aramäisch. Das Hebräisch war damals nur noch Religions- und Gelehrtensprache. Josef, Marias Mann, gilt als Vater Jesu.3

Da die Eltern Jesu mit dem Gesetz Mose vertraut sind, ist die Erziehung ihres Sohnes von der Ethik der Thora geprägt. Ob Jesus das Lesen und Schreiben in einer Elementarschule seiner Heimatstadt Nazareth gelernt hat, bleibt offen. Für Jesus als jüdisches Kind war das Elternhaus eine Bildungsinstitution von entscheidender Bedeutung, in dem die elementare religiöse Erziehung durch Erzählen, Auswendiglehren bzw. - lernen der zentralen Texte aus der Thora geschah.4

Die Streitfrage Jesu „Habt ihr nicht gelesen?“, die er seinen Gegnern oft stellt, bestätigt jedenfalls, dass Jesus des Lesens mächtig war (vgl. Mt 12,3/ 19,4/ 22,31; Mk 12,26). Es werden in der Bibel die Geschwister Jesu, besonders seine Brüder mit Namen, erwähnt. Auch dort erfahren wir, dass Jesus, wie auch sein Vater, vom Beruf Zimmermann war (vgl. Mt 13,55; Mk 6,3).5

Dem Lukas zufolge (vgl. Lk 3,23) beginnt die öffentliche Wirksamkeit Jesu etwa mit seinem 30. Lebensjahr unmittelbar nach seiner Taufe durch Johannes des Täufers im Jordan (vgl. Mt 3,13-17). Nach diesem Ereignis, das für Jesus von tragender Bedeutung war, erhält Jesus Vollmacht, seinen Predigtdienst in Galiläa zu beginnen, woher später seine meisten Reden stammen. Laut Bornkamm sind nicht mehr die Taufe, sondern die Worte und helfende Taten Jesu die Mittel seines Wirkens.6

„Und Jesus durchzog ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und verkündigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk“ (Mt 4,23).

Nach William MacDonald war der Dienst des Herrn Jesus dreifacher Art: er lehrte Gottes Wort in den Synagogen7, predigte das Evangelium vom Reich und heilte die Kranken. Eine Zielsetzung der Heilungswunder bestand darin, seine Stellung als Messias und seinen Dienst zu beglaubigen (vgl. Hebr 2,3f). Mt 5-7 beinhalten ein Beispiel für seinen Lehrdienst, während Mt 8-9 seine Wunder beschreiben.8

Obwohl Jesus kein Schriftgelehrter ist, lehrt er in den Synagogen und debattiert mit seinen Gegnern in Streitgesprächen über die Anwendung der Gebote Gottes im ethischen, kultischen und politischen Verhalten der Menschen. Denn der Lehrer ist im Judentum laut dem Gesetzt ein Theologe und ein Jurist zugleich. So wird Jesus zwar von seinen Nachfolgern mit dem respektvollem Titel «Rabbi»9 angesprochen (vgl. Joh 1,38/ 20,16), dabei aber von seinen Opponenten als „Unstudierter“ genannt (Mk 6,2; Joh 7,15).10

3 Jesu Stellungnahme zur Thora

Die Thora bedeutet wörtlich die Weisung. Aus der Thora, die fünf Bücher Mose umfasst, geht die maßgebliche Weisung als Grundlage für Ethik und Moral des Volkes Israel hervor.11 In seiner Bergpredigt verkündet Jesus die Maßstäbe Gottes, deren Gültigkeit auch für andere Völker relevant ist. Er benutzt sprachliche Ausdrücke, die vermutlich seinen ersten Zuhörern mehr als uns heute verständlich waren. Ein Teil der Bergpredigt ist uns in einer poetischen Form überliefert, z.B.: “So bringt jeder gute Baum gute Früchte, der schlechte Baum aber bringt schlechte Früchte“ (Mt 7,17).

Außerdem gebraucht Jesus in der Bergpredigt die Bilder, die entweder zu Gleichnissen werden oder sich in unserem alltäglichen Leben spiegeln. Wir würden z.B. sagen: „Materialismus kann unser geistliches Wachstum verhindern.“ Jesus drückt es so aus:

„Niemand kann zwei Herren dienen... Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon!12 “(Mt 6,24)

Als Jude sollte Jesus nicht nur die Weisungen der Thora, sondern auch ihre Zeremonial- und levitischen Reinheitsvorschriften kennen. Obwohl es kein grundsätzliches Wort Jesu zur Thora gibt, ist trotzdem seine grundlegende Stellungnahme zur Thora in der Bergpredigt zu finden13:

„Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen sei, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen!“ (Mt 5,17)

Keinesfalls will Jesus die Inhalte der Thora aufheben und sie durch seine eigene Botschaft ersetzen. Denn sie sind der Ausdruck des Willens Gottes.14 Nach Jesu Verständnis besteht der Sinn des Gesetzes nur darin, die Herrschaft der Liebe im Herzen der Menschen aufzurichten und nicht den Willen Gottes auf den Buchstaben zu fixieren. So steht seine Praxis oft genug in Spannung zu einem gesetzeskonformen Verhalten. Die Heilungen am Sabbat und Tischgemeinschaft Jesu mit den Zöllnern und Sündern überragen rituelle Vorschriften sowie gesetzliche Ordnungen.15

4 Jesu Ethik zwischen Thoraverschärfung und -entschärfung

In der Thora offenbart Gott seinen Willen und gibt dem Volk Israel seine Gebote, nachdem er durch Gnadenhandlungen es für sich gewann. Der Bund Gottes mit Israel geht dem Gesetz Gottes voran.16 Daher fordert Gott von den Menschen Liebe und nicht den blinden Gehorsam gegenüber der gesamten Thora.17 Die Einstellung Jesu zur Thora scheint widersprüchlich zu sein:

Einerseits lehrt er ewige Beständigkeit der Thora:

– „Bis Himmel und Erde vergangen sind, wird nicht ein Buchstabe noch ein einziges Strichlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist“ (Mt 5,18/ Lk 16,17).
Andererseits spricht er von der zeitlichen Begrenzung der Thora:
– „Das Gesetz und die Propheten [weissagen] bis auf Johannes; von da an wird das Reich Gottes verkündigt, und jedermann drängt sich mit Gewalt...“ (Lk 16,16/ Mt 11,12).
Das charakteristische Merkmal des Verhältnisses Jesu zur Thora ist die Verbindung von Normverschärfung und Normentschärfung.18
Für die Thoraverschärfung (Bekräftigung) gelten z.B.:
– das Gebot der Nächstenliebe in dreifacher Hinsicht: zum „Feind“ (Mt 5,43-48), zum „Fremden“ (Lk 10,25-37) und zum „Sünder“ (Lk 7,36-50);19
– die sechs sogenannten Antithesen Jesu (Mord, Ehebruch, Scheidung, Schwur, Rache, Liebe und Hass), die nur im Zusammenhang mit den Thesen zu verstehen sind (Mt 5,21-48).20

Für die Thoraentschärfung (Kritische Stellung) gelten z.B:

– das Sabbatgebot wird dem Gebot der Hilfe untergeordnet (Mk 3,4);21
– der Tieropferkult wird dem Versöhnungsgebot untergeordnet (Mt 5,23f);
– das Zehntgebot und soziale Verpflichtungen (Recht, Barmherzigkeit, Treue) (Mt 23,23).22

So setzt Jesus Christus innerhalb der Thora wichtige Prioritäten. Für ihn ist die Nächstenliebe wichtiger als kultische Gebote. „Normverschärfung bezieht sich bei Jesus auf ethische Gebote im engeren Sinne, Normentschärfung dagegen auf rituelle und kultische Normen.“23

[...]


1 Rienecker/ Maier 2008.

2 vgl. Burkhardt/ Geldbach/ Heimbucher 1990, S. 156.

3 vgl. Bornkamm 1988, S. 48.

4 vgl. Theißen/ Merz 2001, S. 318.

5 vgl. ebd. S. 318

6 vgl. Bornkamm 1988, S. 49.

7 vgl. Rienecker/ Maier 2008. «Synagogen» waren die jüdischen Gemeinden, die sich zu Gebet und Lesung der Heiligen Schriften zusammenfanden, sowie ihre Versammlungsstätten.

8 MacDonald 1997, S. 36.

9 vgl. Rienecker/ Maier 2008. «Rabbi» ist aramäisches Wort für Lehrer/ Meister. Ehrende Anrede für jüdische Gesetzeslehrer.

10 vgl. Bornkamm 1988, S. 85.

11 vgl. Gnilka 1993, S. 213.

12 Rienecker/ Maier 2008. «Mammon» ist ein aramäisches Wort für Luxus und Reichtum.

13 vgl. Gnilka 1993, S. 213f.

14 vgl. Bornkamm 1988, S. 90.

15 vgl. Schrage 1985, S. 49.

16 vgl. Theißen/ Merz 2001, S. 322.

17 vgl. Schrage 1985, S. 51.

18 vgl. Theißen/ Merz 2001, S. 322f.

19 vgl. ebd. S. 323.

20 vgl. Schrage 1985, S. 54; Theißen/ Merz 2001, S. 324.

21 vgl. Theißen/ Merz 2001, S. 325f.

22 vgl. ebd. S. 326.

23 vgl. ebd. S. 331.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Ethik Jesu. Verschärfung oder Entschärfung der Thora?
Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V288454
ISBN (eBook)
9783656887676
ISBN (Buch)
9783656887683
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik, Jesus, Bibel, Bergpredigt
Arbeit zitieren
Dimitri Minakov (Autor), 2014, Die Ethik Jesu. Verschärfung oder Entschärfung der Thora?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288454

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