Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Weltbildern, die in Wolfgang Koeppens Roman „Tauben im Gras“ aus dem Jahr 1951 eine Rolle spielen. Neben einem amerikanischen und einem christlich-humanistischen Weltbild soll auch die Bedeutung von Kunst und Literatur , die Wissenschaft und die Religion analysiert werden.
Die im Rahmen der 'Umerziehungsprogramme' versuchte Vermittlung neuer, demokratischer Werte durch die Besatzer ist prägend in Zeit und Roman; hier werden aufgrund des gewählten Schauplatzes amerikanische Weltbilder in verschiedenen Nuancen zur Darstellung gebracht.
Mr. Edwin hat Amerika denn auch den Rücken gekehrt zugunsten des europäischen Kontinents, von dessen Geist und Tradition er durchdrungen ist. Der Dichter vertritt eine „konservative, elitäre, christlich-moralische Kulturideologie“, „eine Ideologie abendländischer Tradition, des autonomen Geistes, der Heilsgewißheit und des Humanismus“15. Seine Sinnproklamationen speisen sich demgemäß aus Antike, Renaissance und deutschem Idealismus16 und gipfeln in der Überzeugung, dass die christliche Religion „das einzige wärmende Licht“ (II 204) sei, mit dessen Erlöschen die europäische Kultur in die Barbarei zurückfalle.
Viele Figuren verweigern sich ganz der Gegenwart und einem Umdenken. Zu ihnen „gehören Frau Behrend, die Ladenbesitzerin, die Eltern der Verkäuferin in der Sockenabteilung des Kaufhauses sowie all die Händler, Geschäftsleute und Biertischstrategen in den Stehausschänken.“47 Sie versuchen mittels Kontinuität in Werten, Weltbild und Leben, der Angst, der Orientierungslosigkeit und den anderen Schwierigkeiten der Zeit zu entgehen. Dabei verdrängen sie Unangenehmes und Schrecken, flüchten sich in vergangene Zeiten, als noch 'Ordnung' herrschte und sie etwas repräsentierten, finden hier ein fragiles Glück. Auch einer sozialen Isolation entgehen sie, sind die 'Gesinnungsgleichen' doch zahlreich und erkennen einander schnell. Die Leiden der Menschen, die sich mit der schwierigen Gegenwart auseinandersetzen (müssen), treffen diese Figuren offenbar nicht.
Inhaltsverzeichnis
1. Weltbilder
1.1. Amerikanische Weltbilder
1.2. Christlich-humanistisches Weltbild
1.3. Die Bedeutung von Kunst und Literatur
1.4. Wissenschaftliches Weltbild
1.5 Religion
1.6. Kontinuität – Unverändertes Weltbild
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die unterschiedlichen, teils inkompatiblen Weltbilder, die das Handeln und Denken der Figuren in Wolfgang Koeppens Roman „Tauben im Gras“ (1951) prägen. Dabei wird analysiert, wie die verschiedenen ideologischen Ansätze – von amerikanischen Wertvorstellungen über christlich-humanistische Ideale bis hin zu technokratisch-wissenschaftlichen und restaurativ-nationalsozialistischen Weltbildern – in der orientierungslosen Nachkriegsgesellschaft aufeinanderprallen und warum sie letztlich an der Realität scheitern.
- Analyse des amerikanischen Einflusses und der gescheiterten „Umerziehung“
- Untersuchung der Rolle von Religion und christlicher Moral im Nachkriegsdeutschland
- Hinterfragung der Bedeutung und Wirkungslosigkeit von Kunst und Literatur
- Kritik an der blinden Kontinuität faschistischer Denkmuster und der Flucht in Vergangenheitsideale
Auszug aus dem Buch
1.1. Amerikanische Weltbilder
Die im Rahmen der 'Umerziehungsprogramme' versuchte Vermittlung neuer, demokratischer Werte durch die Besatzer ist prägend in Zeit und Roman; hier werden aufgrund des gewählten Schauplatzes amerikanische Weltbilder in verschiedenen Nuancen zur Darstellung gebracht.
Richard Kirsch, ein junger US-Soldat, sieht die Zeit für sein Land gekommen, ein „Jahrhundert der gereinigten Triebe“ (II 38), dessen Werte es umzusetzen und zu verbreiten gilt. Er spricht den Amerikanern die Rolle als „Kreuzritter der Ordnung“, „Ritter der Vernunft, der Nützlichkeit und angemessener bürgerlicher Freiheit“ (II 39) zu und fühlt sich „frei von Feindschaft und Vorurteilen, nicht Haß und Verachtung belasteten ihn. Die Mißgefühle waren [...] von der Zivilisation überwundene Krankheiten“ (II 38).
Doch ist er kein tadelloses Vorbild für seine Überzeugungen. Das geringe Ausmaß an Zerstörungen in der Stadt enttäuscht, die große Warenfülle in den Geschäften überrascht ihn und man gewinnt den Eindruck, als hielte er beides für nicht angemessen. Seine so selbstsicher vorgetragene Vorurteilsfreiheit basiert überdies auf Gleichgültigkeit und Desinteresse, womit sie ihren positiven Aspekt verliert: „Richard hatte nichts gegen Neger. Sie waren ihm gleichgültig.“ (II 129) Überlegen blickt er auf die Europäer, „ihre Grenzen, ihren Hader“, aber ebenso auf ihren „ästhetischen“ und „gedanklichen Humus“ (II 39), dem er mit Herablassung begegnet. Die vermeintlich „vorurteilsfreie Sicht der Welt“ gerinnt zur „Selbsttäuschung“ und Richard, „der Deutschland und Europa vollkommen sachlich und objektiv zu sehen glaubt“, reproduziert „nur Klischees des „Schulwissens““.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Weltbilder: Einführung in die thematische Vielfalt der Weltanschauungen im Roman, die den Rahmen für die nachfolgenden Analysen bildet.
1.1. Amerikanische Weltbilder: Untersuchung der amerikanischen Besatzungspolitik und der Naivität sowie des Scheiterns der US-Soldaten bei der Vermittlung demokratischer Werte.
1.2. Christlich-humanistisches Weltbild: Analyse von Mr. Edwins Versuch, eine abendländisch-konservative Kulturideologie als Antwort auf die Nachkriegszeit zu etablieren, und dessen Scheitern an der Realität.
1.3. Die Bedeutung von Kunst und Literatur: Diskussion darüber, warum der Dichter in einer modernen, technisierten Welt seine orientierende Funktion verloren hat und Kunst als sinnstiftendes Medium versagt.
1.4. Wissenschaftliches Weltbild: Darstellung des technokratischen Weltbildes, das den Menschen auf materielle Prozesse reduziert und somit jede menschliche Hoffnung und Sinnhaftigkeit negiert.
1.5 Religion: Analyse der Bedeutungslosigkeit traditioneller Religion in der Nachkriegszeit, in der Gott zur Konvention verkommt und Frömmigkeit oft nur eine Maske für Härte oder Selbstbetrug ist.
1.6. Kontinuität – Unverändertes Weltbild: Untersuchung des Festhaltens vieler Figuren an alten nazistischen Denkmustern und ihrer Flucht in eine idealisierte Vergangenheit zur Bewältigung der Gegenwart.
Schlüsselwörter
Tauben im Gras, Wolfgang Koeppen, Nachkriegsliteratur, Weltbilder, amerikanische Besatzung, christlicher Humanismus, Scheitern, Kontinuität, Nationalsozialismus, Orientierungslosigkeit, moderne Gesellschaft, Existenzialismus, Ideologie, Literaturkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Weltanschauungen im Roman „Tauben im Gras“, durch die die Figuren versuchen, die chaotische Nachkriegsrealität zu deuten oder ihr zu entfliehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung konzentriert sich auf das Scheitern von Ideologien, den Einfluss amerikanischer Besatzer, die Rolle von Tradition und Religion sowie die Unfähigkeit des modernen Menschen, in einer desillusionierten Zeit Halt zu finden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie unterschiedliche Weltbilder an der komplexen Realität des Jahres 1951 zerbrechen und warum eine Neuorientierung für die Charaktere kaum möglich erscheint.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt einer literaturwissenschaftlichen Textanalyse, die auf Basis von Primärliteratur und ergänzender Sekundärliteratur Argumente aus dem Roman herleitet und interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen zu spezifischen Weltbildern – von amerikanischen Ansätzen über christlich-humanistische und wissenschaftliche Positionen bis hin zur hartnäckigen Kontinuität faschistischer Denkmuster.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Orientierungslosigkeit, Nachkriegsliteratur, Kontinuität, Scheitern und der Konflikt zwischen idealisierten Weltbildern und der rauen Wirklichkeit.
Warum spielt die Figur des Mr. Edwin eine zentrale Rolle für das christlich-humanistische Weltbild?
Edwin repräsentiert den Versuch, eine elitäre, abendländische Kultur als moralischen Anker zu retten, scheitert jedoch, da seine Botschaft am Alltag und den Bedürfnissen der Menschen vorbeigeht.
Wie bewertet der Autor das Verhalten der "kleinen Leute" hinsichtlich der Kontinuität?
Die Arbeit zeigt auf, dass viele Charaktere durch die Flucht in eine vergangene "Ordnung" und die Verdrängung der NS-Vergangenheit versuchen, ihre soziale Isolation zu überwinden, ohne sich den Anforderungen der Gegenwart zu stellen.
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- Claudia Kollschen (Author), 2004, Unterschiedliche Weltbilder und ihre Darstellung in Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“ (1951), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288484