Implementierung der Ideen Fritz Karsens. Das Kaiser-Friedrich-Realgymnasium und die Planung des Raumes beim Projekt Dammwegschule


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Fritz Karsen
2.1 Biografische Skizze
2.2 Die Schule der werdenden Gesellschaft
2.3 Entwicklungen von 1921 bis 1930 am Kaiser-Friedrich-Realgymnasium

3 Planung der Dammwegschule Berlin-Neukölln
3.1 Aufbau des Schulkomplexes
3.2 Pädagogische Überlegungen

4 Schlussbetrachtung

5 Literaturangabe

6 Anhang
6.1 Innenansicht des Versuchspavillions
6.2 Gesamtansicht des Schulkomplexes
6.3 Ausschnitt Korridor

1 Einleitung

„The plan of school buildings depends on the method of tuition“ [Robson 1874, zitiert nach Filmer-Sankey 2003, S. 222] schreibt bereits Edward Robert Robson in seinem 1874 erschienenen Werk School Architecture. Der Zusammenhang zwischen baulichen und methodischen Aspekten in der Schule ist bis heute bekannt. So gilt der Klassenraum als dritter Pädagoge neben Lehrern und Mitschülern. Es ist wohl unumstritten, dass die Lernumwelt eines Schülers / einer Schülerin1 Einfluss auf sein Leistungsvermögen und seine Entwicklung nimmt. Doch neben den bildungspolitischen und strukturellen Veränderungen der Institution Schule scheint sich an diesem Aspekt nur in Einzelfällen etwas zu verändern. Der klassische Schulbau sieht lange Gänge, funktionale weiße Klassenzimmer und gradlinige Strukturen vor. Die Entwicklung zur Gesamt- und Ganztagsschule lässt die Bedeutsamkeit eines Lern- und Lebensraums umso wichtiger erscheinen. Welchen Beitrag kann die Planung des Raumes tatsächlich dazu leisten?

Diese Arbeit widmet sich dem Reformpädagogen Fritz Karsen – verdrängt durch die Nationalsozialisten und wiederentdeckt durch unter anderem Gerd Radde und Wolfgang Keim. Anhand seiner Idee einer Einheitsschule und der Planung der Dammwegschule Berlin-Neukölln in Kooperation mit dem Architekten Bruno Taut soll das Zusammenwirken von pädagogischen und baulichen Aspekten betrachtet werden. Nach einer kurzen biografischen Zusammenfassung Karsens wird auszugsweise seine pädagogische Idee und die Aufgabe von Schule basierend auf Karsens Werk „Die Schule der werdenden Gesellschaft“ (1921) erläutert. In einer Kurzdarstellung der Entwicklung des Kaiser-Friedrich-Realgymnasiums unter der Leitung Karsens sollen exemplarisch sein pädagogischer Ansatz und die Grenzen seiner Möglichkeiten aufgezeigt werden. Daran anknüpfend wird das Projekt Dammwegschule mittels der Ausführungen Tauts beschrieben und mit Karsens Konzept in Verbindung gebracht. Welche Bedeutung hat die Architektur in diesem Zusammenhang und inwieweit ist sie für die heutige Zeit noch relevant?

2 Fritz Karsen

Im Folgenden werden die wichtigsten biografischen Aspekte sowie – ausgehend von seinem Buch „Die werdende Gesellschaft“ (1921) – der Pädagoge Fritz Karsen zur besseren Nachvollziehbarkeit auszugsweise beschrieben. Daran anschließend wird die Umsetzung seiner Ideen skizzenhaft anhand seiner Reformen am Kaiser-Friedrich-Realgymnasium dargestellt.

2.1 Biografische Skizze

Der 1885 in Breslau als Sohn des Oberlehrers Prof. Dr. Gustav Krakauer geborene Fritz Karsen2 gehört mit seiner Idee einer sozialen Einheitsschule zu einer der bedeutendsten Reformpädagogen der Weimarer Zeit. 1904 legt er seine Abiturprüfung ab und studiert Indologie, Philosophie, Germanistik und Anglistik. Zudem erlangt er die Lehrbefähigung in den Fächern Deutsch, Englisch, philosophische Propädeutik, Französisch sowie Turnen. Auf Grund eines Magenleidens wird Karsen von dem Dienst im 1. Weltkrieg befreit. Nach seiner Anstellung als Lehrer in Liegnitz und Magdeburg lässt er sich im Oktober 1918 nach Berlin versetzen. Bereits ein Jahr später ist Karsen mit unter anderem Siegfried Kawerau, Otto Koch und Paul Oestreich Mitbegründer der Vereinigung Bund entschiedener Schulreformer. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit wird er von dem Kultusminister Konrad Haenisch 1920 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in das Ministerium berufen. Karsen soll die privaten und öffentlichen Versuchsschulen auswerten. Im selben Jahr erhält Karsen seine erste Chance, seine pädagogischen Überlegungen in Berlin-Lichtenfelde umzusetzen. Seine wohl recht drastischen Reformversuche scheitern jedoch bereits nach sehr kurzer Zeit. Allerdings wird Karsen schon ein Jahr später zum Oberstudiendirektor des Kaiser-Friedrich-Realgymnasiums ernannt. 1933 entlassen die Nationalsozialisten den ihrer Ansicht nach politisch unzuverlässigen Fritz Karsen. Dieser lebt zunächst in Zürich, dann in Paris und siedelt 1938 nach New York über. 1951 geht er im Auftrag der UNESCO nach Ecuador, wo er im selben Jahr stirbt. [vgl. Radde 1973, S. 21 ff. / vgl. Keim 2002, S. 356 f.]

2.2 Die Schule der werdenden Gesellschaft

„Die Schrift versucht, die Notwendigkeit einer neuen Schule zu begründen und die Gestalt, die sie vermutlich haben wird, aus der völligen Umformung unseres gesellschaftlichen Lebens abzuleiten.“ [Karsen 1921, S. 4] In diesem 1921 erschienenen Werk entfaltet und begründet Karsen seinen pädagogischen Ansatz. Nach der Erläuterung des Ausgangspunktes beschreibt er die Diskrepanz zwischen der Veränderung der Gesellschaft und dem Bildungssystem. Die alte bürgerliche Gesellschaft beschreibt er als „menschlich ohne Leben“ [ebenda, S. 10], lediglich an Profit und eigenem individuellen Erfolg interessiert. Zum Schutz ihres Standes wird an Autoritäten wie Staat und Kirche festgehalten, wenngleich sie sich selber damit nicht identifizieren kann. „Ihre Lebensformen sind Fassade ohne Innerlichkeit“ [ebenda, S. 10] schreibt Karsen weiter. [vgl. ebenda, S. 10] Demgegenüber steht die Zeit des Umbruchs. Das Ende des 1. Weltkrieges ist zugleich das Ende des Kaiserreiches. Der gesellschaftliche Umbruch zeigt sich in diversen Jugend-, Frauen- und Lebensreformbewegungen. Karsen sieht die neue Gesellschaft als Gesellschaft des arbeitenden Volkes. [vgl. ebenda, S. 17] „Die Gemeinschaftsschule als Schule der lebendigen Gesellschaft wird dieser entspringen, von den Mitteln der Gesellschaft leben und für alle da sein.“ [ebenda, S. 57; Hervorhebung H. K.] Karsen verdeutlicht in seiner Schrift die Idee einer Einheits- und Gemeinschaftsschule als Erfordernis der sich verändernden Gesellschaft. Statt einer Lehranstalt zur reinen Wissensvermittlung soll die Schule als Lebensraum und der Lehrer in seiner neuen Rolle als Unterstützer verstanden werden. Auf der Schulkonferenz von 1920/21 wird zwar neben einer Aufbauschule und der Deutschen Oberschule eine gemeinsame Grundschule eingeführt, jedoch teilt sich der Weg der Schüler im Anschluss daran wieder in Volksschule, Mittelschule und dem Zweig der höheren Schule [vgl. Lamla 1930, S. 6 f.] 1923 kritisiert Karsen weiterhin, dass die bestehenden Schulen auf Leistung, Erfolg, Individualismus und kapitalistischen Profit abzielen. Dieses steht der Entwicklung des Menschen in der werdenden Gesellschaft entgegen. Karsen vertritt die Ansicht, dass es eine Schule vom Kindergarten bis zum Abitur für eine Gesellschaft geben soll. [vgl. Karsen 1923, S. 4 f.]

2.3 Entwicklungen von 1921 bis 1930 am Kaiser-Friedrich-Realgymnasium

1921 wird Karsen als Oberstudiendirektor an das Kaiser-Friedrich-Realgymnasium berufen. Um sein Scheitern bei seinem ersten Reformversuch in Berlin-Lichtenfelde nicht zu wiederholen, geht Karsen bei dieser Aufgabe behutsamer vor. Durch vielfältige Kontakte und enge Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Reformpädagogen wie dem sozialistischen Schulpolitiker und Stadtrat in Berlin-Neukölln Kurt Löwenstein sowie dem Oberschulrat in Berlin Wilhelm Paulsen wird sein langfristiges Ziel einer Einheitsschule mit einer sozialen demokratischen Gemeinschaft gefördert. Es ist die erste praktische Umsetzung einer Gesamtschule in Anlehnung an die theoretische Überlegungen Oestreichs und Kaweraus. [vgl. Radde 1973, S. 63]

Zunächst nimmt Karsen organisatorische Veränderungen vor. Innerhalb von nur sechs Jahren schafft es Karsen, diese Schule gänzlich umzustrukturieren. Neben jahrgangsübergreifenden Studientagen in der Oberstufe etabliert sich die geforderte Bewegungsfreiheit in der Oberstufe, die einen altsprachlichen, neusprachlichen und mathematischen Schwerpunkt zum wahlfreien Unterricht ermöglicht. Bereits 1922 wird aus dem Realgymnasium ein Reformrealgymnasium, was eine Verschiebung der Sprachen in den Klassenstufen bedeutet. Latein wird zugunsten von Englisch und Französisch erst ab der Untersekunda Teil des Stundenplans. Im selben Jahr werden Aufbauschulklassen integriert sowie im darauffolgenden Jahr der erste Arbeiter-Abiturientenkurs für Männer und Frauen initiiert, gefolgt von dem Zusammenschluss mit der Volksschule zu einer kooperativen Gesamtschule. Die Angliederung einer Deutschen Oberschule erfolgt im Jahr 1927. Im Anschluss daran wird ein pädagogisches Seminar zur Ausbildung von Lehrern angegliedert. 1930 erhält die Schule den Namen Karl-Marx-Schule. [vgl. Keim 2002, S. 360 ff.]

Neben dieser organisatorischen Umgestaltung änderte sich auch grundlegend der pädagogische und didaktische Anspruch. Zu Beginn steht die Schule unter dem Aspekt einer Erlebnis- und Gemeinschaftspädagogik. Im weiteren Verlauf bekommen die Schüler beispielsweise durch die Einführung von einer Schülervertretung ein Mitbestimmungsrecht, um auf eine demokratisch orientierte Gesellschaft vorbereitet zu werden. Der Unterricht zielt nicht nur auf eine reine Vermittlung von Inhalten ab, sondern soll die Schüler zu einer selbstständigen und kooperativen Arbeitsweise anleiten. Nur so kann das eigentliche Ziel, die Förderung und Entwicklung der Persönlichkeit, erreicht werden. Der Frontalunterricht weicht einer Gruppenarbeit an Gruppentischen. Die Rolle des autoritären Lehrers ändert sich mit zunehmender Klassenstufe zu der eines Lernbegleiters. Der fächerübergreifende Lehrplan richtet sich nach Bedürfnissen der Schüler und der Gesellschaft, wenngleich er natürlich auch den preußischen Vorgaben entsprechen musste. [vgl. ebenda, S. 362 f.]

Es zeigt sich, dass Karsen innerhalb weniger Jahre aus einem zunächst klassischen Realgymnasium eine demokratisch und an der Lebenswelt der Schüler orientierte soziale Arbeitsschule mit einem Einheitsschulcharakter aufbaut, die sich zu einer stufenweise gegliederte Gesamtschule entwickelt. Allerdings sind Karsens Ideen äußere Grenzen gesetzt. Im Folgenden wird das Projekt Dammwegschule in Zusammenarbeit mit dem Architekten Bruno Taut beschrieben.

[...]


1 Im weiteren Verlauf schließt eine Geschlechterform beide Formen gleichermaßen ein.

2 Im Jahr 1901 erhält Fritz Krakauer und sein älterer Bruder Otto den Nachnamen Karsen. Seine Eltern behalten den ursprünglichen Familiennamen.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Implementierung der Ideen Fritz Karsens. Das Kaiser-Friedrich-Realgymnasium und die Planung des Raumes beim Projekt Dammwegschule
Hochschule
Universität Potsdam  (Department Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Wege zum Abitur im Kaiserreich und Weimarer Repuplik
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V288542
ISBN (eBook)
9783656890331
ISBN (Buch)
9783656890348
Dateigröße
1151 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fritz Karsen, Reformpädagogik, Dammwegschule, Bruno Taut, Planung des Raumes, Kaiser-Friedrich-Realgymnasium
Arbeit zitieren
Henriette Kolbe (Autor), 2014, Implementierung der Ideen Fritz Karsens. Das Kaiser-Friedrich-Realgymnasium und die Planung des Raumes beim Projekt Dammwegschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288542

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