Das Gedicht "Nachtgedanken" von Heinrich Heine. Sehnsucht nach dem Heimatland


Essay, 2011
6 Seiten, Note: 12

Leseprobe

Das Gedicht "Nachtgedanken", geschrieben von Heinrich Heine während seines Pariser Exils, gehört zu den berühmtesten Werken des deutschen Lyrikers. Es bildet als abschließendes Gedicht aus dem 1844 publizierten Gedichtband "Neue Gedichte" den Übergang zum gemeinsam erschienenen Versepos "Deutschland. Ein Wintermärchen".

Formal beinhaltet das Gedicht zehn Strophen zu je vier Versen, die jeweils aus einem achtsilbigen und einem neunsilbigen Verspaar bestehen, die durch Paarreime verbunden sind. Beim Versmaß handelt es sich um einen vierhebigen Jambus, der in den achtsilbigen Versen in einer männlichen, in den neunsilbigen in einer weiblichen Kadenz endet.

Heine zeigt im Gedicht seine Liebe zum Vaterland und die Sehnsucht nach der Heimat, die sich auch durch das anschließende Wintermärchen zieht und den Kern dieser Werke bildet. Er zeigt zudem bereits im Eingangsvers "Denk ich an Deutschland in der Nacht,/dann bin ich um den Schlaf gebracht" seine Einschätzung der damaligen politischen Lage Deutschlands, die ihm einen unruhigen Schlaf beschere, da er mit den vorrevolutionären Zuständen und der Kleinstaaterei unzufrieden sei. Das durch den Wiener Kongress unterstützte Unterdrückerregime, das Heine zu seinem Exilaufenthalt in Paris gezwungen und Zensur und Indizierung zahlreicher Werke veranlasst hatte, war Heine ein Dorn im Auge und wurde in seinem Wintermärchen sowie dem Atta Troll hart kritisiert. Dies bildet auch den Inhalt der ersten Strophe des Gedichtes Nachtgedanken, sodass zunächst ein deutlich politischeres Gedicht erwartet werden kann, allerdings verfällt Heine in den anschließenden Strophen nun nicht in die von ihm verhasste rein politische Dichtung, sondern befasst sich vordergründig mit der Sehnsucht nach seiner Mutter, die er seit mehreren Jahren nicht sehen konnte, sodass "mein Sehnen und Verlangen" nach der Heimat stetig wächst.

Selbstverständlich zeigt sich in diesen Versen die typisch ironische Grundhaltung Heines und so führt er nun die politische Situation ad absurdum, indem er anstelle einer politischen Stellungnahme die Sehnsucht nach der Mutter in den Mittelpunkt des Gedichtes stellt. Dabei wird allerdings auch die für Heine wichtige Bindung zum Vaterland deutlich, die sich nicht nur im Heimweh und den vergossenen Tränen zeigt, sondern auch durch die immer wiederkehrende Wiederholung der bereits vergangenen Zeitspanne die das lyrische Ich quält. Trotz seines erzwungenen Frankreichaufenthaltes scheint Heines Bindung zum deutschen Vaterland also nach wie vor zu bestehen, auch wenn der Dichter dies einzig durch die Abwesenheit seiner Mutter erklärt. So gibt er zwar immer wieder an, dass er sich nach der Heimat sehne, in der siebten Strophe kontrastiert er diese Grundhaltung des Gedichts aber durch die Aussage, dass er weniger Heimweh haben würde, "wenn nicht die Mutter dorten wär'". Auch in den ersten fünf Strophen des Gedichtes konzentriert sich Heine zunächst auf die eigene Lebenssituation und die seiner Erzeugerin, die ihn ebenfalls vermissen müsste und die ihm Briefe schrieb in denen sie ebenfalls ihre Sehnsucht verdeutlichte. Heine treibt diesen Wehmut auf die Spitze, indem er in der fünften Strophe mehrfach wiederholt, dass bereits zwölf Jahre vergangen seien und dass seine Gedanken stets bei der Mutter, und damit auch bei seinem Heimatland, seien.

In der fünften Strophe wechselt die Perspektive nun von der Sehnsucht nach der Mutter auf die Sehnsucht nach der Heimat, die er "immer wiederfinden" werde. Heine ironisiert die ersten Verse des Gedichtes, in dem er deutlich macht wie sehr ihn die politischen Umstände Deutschlands belasten zudem nun, indem er sagt Deutschland sei immer noch ein "kerngesundes Land", um das man sich keine Sorgen machen müsse. Allerdings, so berichtet das von Heine erschaffene lyrische Ich weiter, mache er sich Sorgen um die Mutter, da diese, anders als die deutsche Heimat, sterblich sei. Heine verdeutlicht damit seine politische Haltung, da die Mutter hier offensichtlich für die positiven Aspekte Deutschlands steht, die aber bedroht seien durch die momentane Lage und die so dem Dichter Sorgen machen würden. Auch ohne die Mutter habe Deutschland zwar weiterhin Bestand, seine Sehnsucht ließe sich aber mindern, wenn diese, zusammen mit den positiven Erinnerungen an die Heimat, unterginge. Heine liefert in dieser sechsten und siebten Strophe also eine deutliche Stellungnahme zur politischen Lage Deutschlands, da er einerseits die Langlebigkeit seiner Heimat betont, andererseits seine Sehnsucht nach dieser aber an bestimmte Aspekte knüpft die nicht von ewigem Bestand seien. Es zeigt sich dennoch, dass Heine entgegen der Anschuldigungen vieler Nationalisten weiterhin ein tiefes patriotisches Empfinden hat und nicht zu einem französischen Dichter geworden ist. Die Sehnsucht nach dem Heimatland wird in diesen Strophen zwar als eingeschränkt und abhängig vom Überleben der Mutter dargestellt, durch die vorherige immer wieder auftretende Sehnsucht zeigt sich aber Heines eigentliches Heimweh. Zudem verdeutlicht die ironische Darstellung des unzerstörbaren Heimatlandes Heines Ablehnung der Kleinstaaterei, die das eigentliche Deutschland auseinander reißen und zerstören würden. Es sei also an der Zeit, die Zustände zu verändern und Deutschland tatsächlich zu einem Land von "ewigen Bestand" zu wandeln.

Heine zeigt in der folgenden Strophe zudem seine Enttäuschung über den Verlauf der politischen Repression, die viele seiner geliebten Freunde ums Leben gebracht habe. Auch an dieser Stelle ironisiert Heine seine eigene Stellung zu Deutschland, indem er angibt, dass er selbst mitverantwortlich sei für die vielen gestorbenen Freunde, deren Leichen er nun zählen müsse. Seine Flucht habe dazu beigetragen, dass die politischen Umstände unverändert bestehen bleiben würden, sodass sein schlechtes Gewissen nun dazu führe, dass seine Seele verblute. Der Verfasser wendet sich damit gegen die Vorwürfe seine Flucht sei freiwillig gewesen und ironisiert deren Vorwürfe indem er sie aufnimmt und in übertriebenem Maße an sich selbst richtet. Auch hier zeigt Heine, dass er derartige Vorwürfe nur ablehnen kann und dass sein Exilat nicht aus einer Ablehnung des Vaterlandes, sondern aus politischem Druck entstanden ist. Trotz der politischen Umstände und der Verbindung des Vaterlandes mit den schrecklichen Erinnerungen an die gestorbenen Freunde ist seine Liebe zu Deutschland und damit seine Sehnsucht nach dem Heimatland also ungebrochen.

Allerdings führt Heine auch diese Interpretation des Gedichtes ad absurdum, indem er in der abschließenden zehnten Strophe seine tiefe Verbindung zu Frankreich herausstellt, dessen "französisch heit'res Tageslicht" das Heimweh vertreiben würde. Zudem habe er in Frankreich seine Frau, die ihm alle Sorgen und somit die Sehnsucht nach dem Heimatland vertreiben könne. Es ließe sich an dieser Stelle also auch deuten, dass Heine keine wirkliche Deutschlandliebe und Sehnsucht nach dem Heimatland mehr empfindet und dass das Gedicht zeigen soll wie glücklich Heine in seiner neuen Heimat Frankreich ist. Wer sich genauer mit dem Dichter Heinrich Heine beschäftigt erkennt aber an dieser Stelle, dass Heine typisch ironisch agiert, seine eigenen vorangegangenen Ausführungen kontrastiert und somit nur vordergründig nichtig macht. Dennoch zeigt sich im gesamten Gedicht sein Wehmut und die Sehnsucht nach dem Vaterland, die er zwar immer wieder einschränkt und in der letzten Strophe scheinbar auflöst, die aber dennoch bestehen bleibt und die eigentliche Kernaussage des Textes bildet.

Außerdem lässt sich die Sehnsucht Heines nach der deutschen Heimat auch in anderen Werken des Autors erkennen, insbesondere im Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“, der zusammen mit dem Gedichtband erschienen ist und sich unmittelbar an das Gedicht anschließt.

Auch hier zeigt Heine mehrfach seine Ablehnung des momentanen Systems, die aber mit einer tief empfundenen Vaterlandsliebe einhergeht und somit auf ein Sehnsuchtsempfinden schließen lässt. Bereits im Vorwort wehrt er sich hier energisch gegen die Vorwürfe er habe seine Heimat aus Liebe zu Frankreich gewechselt und stellt klar, dass er sein Vaterland liebe und derartige Anschuldigungen nicht dulden könne. Allerdings könne er die deutschen Farben erst ehren, „wenn sie es verdienen“, sodass sich auch hier das typische von Heine entworfene Bild der eingeschränkten Deutschlandliebe zeigt, das sich durch das gesamte Wintermärchen zieht.

So liefert Heine auch im ersten Caput eine Darstellung seiner Liebe und Sehnsucht nach dem Vaterland, die sich darin äußert, dass sein Herz „Recht angenehm verblute“ als der Ich-Erzähler die Grenze zu seiner Heimat überschreitet, nachdem er so lange im französischen Exil gelebt hat. Allerdings liefert Heine auch hier kein uneingeschränktes patriotisches Empfinden, sondern zeigt seine Begeisterung für ein gemeinsames und freies Europa das sich gegen die Unterdrückung durchsetzen wird, wenn die Politik sich endlich der Zukunft zuwendet anstatt sich zu einem mittelalterlichen System zurückzuentwickeln. Heine geht dabei soweit in seinem Gespräch mit dem Rhein das deutsche Symbol als greisen Mann darzustellen, der über die Lage des Vaterlandes so bestürzt ist, dass er sich am liebsten in seinen eigenen Fluten ertränken würde. Der Rhein, der von vielen anderen Lyrikern dieser Zeit als Symbol der deutschen Unabhängigkeit von der französischen Herrschaft genutzt wurde, kritisiert an dieser Stelle also die politische Inanspruchnahme durch die Deutschen und sehnt sich anfangs sogar nach einer Rückkehr der Franzosen. Demgegenüber steht Heine, der auch den Franzosen vorwirft „Philister ganz wie wir“ geworden zu sein. Indirekt äußert Heine an dieser Stelle also, indem er den Rhein als Figur auftreten und sprechen lässt, Kritik an der patriotischen Verwendung des Rheins vieler anderer Dichter seiner Zeit und spricht demnach eine deutliche Botschaft gegen den Patriotismus aus. Durch die Worte des lyrischen Ichs, der den Franzosen ebenso eine negative Entwicklung vorhält, macht er aber auch deutlich, dass er dennoch nicht zu einem Anhänger Frankreichs geworden ist und sich seine Sehnsucht nach einer freien Heimat ohne die unterdrückerischen Tendenzen nicht mindern lässt indem er ins Exil geht. Es lässt sich also erkennen, dass der Verfasser zwar harte Kritik an seiner Heimat und den dortigen Zuständen findet, sich aber auch mit den französischen Zuständen nicht völlig anfreunden kann. Er wünscht sich also weiterhin eine politische Veränderung, die ein freies Europa schafft, sodass sich auch sein Vaterland wieder zu einer Heimat entwickelt nach der er sich sehnt.

Heine kommt während seiner Reise durch Deutschland auch nach Hagen, wo er den „Dreck meines Vaterlandes“ genießt und so einerseits seine Sehnsucht nach der Heimat zeigt, diese aber gleichzeitig derartig überspitzt darstellt, dass er durch seine Worte weitere Spitzen gegen die Nationalisten und Patrioten liefert, die selbst für die schlechtesten Zustände noch positive Worte finden würden. Zwar lässt sich so deuten, dass Heine seine Heimat angreifen und Deutschland generell als schlecht empfindet und ablehnend betrachtet, auch hier ist es aber von Bedeutung die überspitzte Darstellung als Teil der ironischen Schreibart Heines zu erkennen und sie somit nicht als Kritik an der Heimat, sondern einzig als Angriff auf die übertriebene Heimatliebe der Patrioten zu sehen. Heine versucht also weder seine Heimat als schmutzig und verkommen zu bezeichnen, noch den eigentlichen Grundgedanken seiner Darstellung völlig umzukehren, sodass man zwar einerseits eine kritische Aussage gegen die Nationalisten findet, andererseits aber auch Heines Sehnsucht nach seiner Heimat deutlich wird. Auch in der anschließenden stark ironischen Darstellung der deutschen Küche zeigt Heine eine ähnliche Tendenz in seinen Aussagen mehrere Deutungsmöglichkeiten zu implizieren, die als Kritik, ebenso aber als wahre Aussage über das Heimweh des Dichters angesehen werden können. Besonders die Darstellung der deutschen Gans, die ihm zum Ende des Mahls aufgetischt wird, kann dabei als Beispiel der Mehrdeutigkeit der Aussagen Heines genommen werden. So äußert der Ich-Erzähler, dass die Gans zwar innerlich über eine schöne Seele verfüge, ihr Fleisch aber zu zäh sei, sodass es sich gegen jeden Einschnitt wehre. Diese Aussage lässt sich dabei auf Deutschland übertragen, dass nach Aussage Heines demnach zwar eigentlich ein schönes Land sei, das sich aber zu hartnäckig gegen Veränderungen sträuben würde, sodass die guten Seiten der Heimat verborgen blieben. Auch an dieser Stelle zeigt Heine also, dass er seiner Heimat viele positive Aspekte zuzusprechen vermag, was darauf schließen lässt, dass er trotz des langen Exilaufenthaltes in Frankreich Heimweh und Sehnsucht nach Deutschland empfindet.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Das Gedicht "Nachtgedanken" von Heinrich Heine. Sehnsucht nach dem Heimatland
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
12
Autor
Jahr
2011
Seiten
6
Katalognummer
V288784
ISBN (eBook)
9783656933250
Dateigröße
373 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gedicht, nachtgedanken, heinrich, heine, sehnsucht, heimatland
Arbeit zitieren
Philip Neuß (Autor), 2011, Das Gedicht "Nachtgedanken" von Heinrich Heine. Sehnsucht nach dem Heimatland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288784

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