Die Stigmatisierung von Eigennamen


Essay, 2008

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Funktion des Eigennamens
2.1 Identifizierung
2.2 Bedeutung

3. Stigmatisierung von Eigennamen als De-Individualisierung

4. Grenzen der Stigmatisierung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Eigennamen sind Bestandteil aller Sprachen. In ihnen kommen linguistische und sozialphilosophische Deutungen und Bedeutungen zusammen. Eigennamen haben den Vorteil, dass sie Hinweise dafür liefern, wie Objekte und Sachverhalten eindeutig zueinander stehen, d.h. sie haben vor allem Anderen eine Identifizierungsfunktion. So ersetzen die Eigennamen als Substantive direkt hinweisende Gesten, so dass eine Referenz vollzogen werden kann.[1]

Im globalen Zeitalter werden neue Eigennamen für Personen kreiert, Namen wandern per Internet durch die virtuellen Welten und man tauscht sich in Foren über die verschiedensten Namen aus den unterschiedlichsten Kulturen aus und übernimmt sie in den eigenen Sprachschatz.[2] Es hat sich eine Praxis im Umgang mit Kultur entwickelt, in der auch die Wertschätzung des anderen sich in der Antizipation von Eigennamen ausdrückt.

In einer Umwelt, in der klare, binäre Differenzen verschwinden und die Landschaft der Alterität neu kartiert werden muss, haben Eigennamen in bestimmter Weise trotzdem noch mit Strukturen zu tun, die den Eigennamen zur Stigmatisierung nutzen. Neben der Assimilierung von Eigennamen gibt es auch den Prozess der Ausgrenzung, der Diffamierung und der negativen Identifizierung von Eigennamen. Was vor einigen Jahren vielleicht die ‚Thusnelda‘[3] oder der Heini[4] war, ist heute vielleicht der ‚Ali‘. Die Redeweise von Eigennamen etikettiert Individuen oder die Beziehung zu ihnen, sie haften an ihnen und haben scheinbar keine Bedeutung. Sie stellen eine Beziehung zwischen Name und Individuum her, die gesellschaftlich geprägt ist und die eine gesellschaftliche Funktion hat.[5]

Die transglobale Welt bietet also beides, die Funktionalisierung von Eigennamen als chic und trendy und die Abwertung von Eigennamen als fremd, anders und eventuell minderwertig.

Dieses Kurzessay ist der Stigmatisierung von Eigennamen auf der Spur. Dabei soll sich kritisch mit dem Prozess der Stigmatisierung von echten Eigennamen beschäftigt werden.

Da sie nur Individuen zukommen, haben sie Bedeutung, aber sie haben eine Funktion, die hier weiter zu erörtern wäre. Gerade die Eigennamen haben eine Fülle an onomastischer Semantizität, an Bedeutungshaftigkeit von Namen zu bieten. ‚Nomen est omen‘ ist sicherlich eine der bekanntesten Konnotationen in Verbindung mit Eigennamen von Individuen.[6]

Wir versuchen uns der negativen Stigmatisierung von Eigennamen aus linguistischer und aus soziokultureller Perspektive zu nähern, weil sich an diesem Problemfeld beide Untersuchungswege kreuzen.

2. Funktion des Eigennamens

2.1 Identifizierung

Eigennamen (onoma kyrion) haben vor allem anderen eine identifizierende Funktion.[7] Sie dienen der eindeutigen Zuordnung eines Individuums im Rahmen ihres sozialen Kontextes. Auch unterstützt der Eigenname in Verbindung mit einem Pronomen die Individuierung, „die Differenzierung gegenüber einer namenlosen Masse“.[8]

Es ist „jenes unauslöschliche Mal, das dem Träger seine Identität verleiht und ihm eine klare, eindeutige und festgeschriebene Antwort auf die Frage „Wer bin ich?/Wer bist du?“ gibt. Scheinbar ist der Name gleichgesetzt, demnach synonym, mit der Identität des Individuums. Allerdings wird der Eigenname nicht durch eigene Willenskraft, sondern von Anderen dem so Bezeichneten zugesprochen. Außer in seltenen Fällen der Namensänderung wird der Name extern vergeben und entzieht sich der Steuerung durch den Träger des Eigennamens. In der Taufe wird eine nichtreferentielle Verwendung des Eigennamens durchgeführt.[9] Auch ist der Eigenname eines menschlichen Individuums nicht singulär, jedenfalls nicht im Deutschen. Viele andere Individuen heißen auch Susanne oder Karl mit Vornamen, in der christlichen Tradition ist er sogar Heiligen entlehnt oder stammt aus der Familientradition und man erinnert durch einen Namen oder Beinamen an verstorbene Familienmitglieder. Kommt noch der Familienname hinzu, ist dies nicht die Gewähr auf singulärer Identität. Viele Michael Müllers können davon ein Lied singen.

„So beleuchtet der Eigenname nicht die Identität eines Menschen, sondern vielmehr das Fehlen von Identität, und in seiner Operation, die wirkt, wenn er ausgesprochen wird, bewirkt der Eigenname eine Identitätsdestruktion. Nobus formuliert dies paradox: „Ein Eigenname ist dazu bestimmt, eine Identität eines Menschen zu schaffen, wo es keine gibt oder wo es keine mehr gibt, und so fungiert er als ein Symbol des Seins.“[10]

Eigennamen sind keine Appellative. Als Propria weisen sie eine Reduktion, Minderung oder gar das Fehlen gewisser semantischer Merkmale auf: Sie beschreiben nicht den Referenten, sie haben keine semantischen Felder oder stellen kein semantisches Konzept dar. Eigennamen verweisen auf einzigartige Objekte und da sie sich nicht aufgrund von bestimmten Merkmalen auf Konzepte beziehen, ist ihre wichtigste Eigenschaft, dass sie nicht zu vagen Referenzen führen können. Karl bleibt Karl und nicht nur ein wenig Karl, auch gibt es keinen Ersatz für den Eigennamen.[11]

Eigennamen sind keine Appellative, sondern sie bezeichnen Personen oder Dinge und „dienen der Individuation und sind ihrer Art nach analytisch“[12]. Dagegen denotieren Kennzeichnungen mit Appellativa einen Gegenstand, indem sie eine seiner Eigenschaften mit bezeichnen, demnach konnotieren.

Eigennamen werden weder übersetzt noch pluralisiert, sie sind meistens kein Teil des Fremdspracherwerbens und ihre Unkenntnis wird meistens jedenfalls nicht als mangelhafte Sprachkenntnis angesehen. So sieht Bühler, dass das Individuum schon vorhanden ist und ihm wird im Akt des Benennens (im christlichen Akt der Taufe) der Name zugewiesen: “Die Eigennamen werden deiktisch ausgeteilt.”[13] Trotzdem – die Annahme, dass Namensträger und Bedeutung identisch sind, d.h. synonym, ist nicht immer ausreichend, so kann der Mann, der Odysseus hieß und aus Ithaka kam, auch nicht existiert haben.

„Ein Eigenname wird durch einen formellen Akt - ostensiv oder deskriptiv - in einer geteilten Wahrnehmungssituation eingeführt und mit seinem Bezug weitergegeben; dabei bleibt die Beziehung zwischen Name und Ding fest, unabhängig von wechselnden Beschreibungen, unabhängig auch von der jeweiligen Identifizierungsfähigkeit der Sprecher. Demnach kann man also einen Namen auch dann angemessen verwenden, wenn man nicht über eine eindeutig identifizierende Kennzeichnung verfügt.“[14]

Eigennamen bilden das onomastische Feld, dem das rhematische Feld, dem Prädikatsausdrücke mit Verben oder Appellativa zugehören, gegenübersteht. Eigennamen „sind Teil einer Gebrauchsgeschichte, die einen Anfang hat und mit dem Ende des Benannten als Redegegenstand beendet ist“[15]. Sie setzen eine Gegenstandskenntnis voraus, die mit der Namenkenntnis einhergeht. Normalerweise sind sie resistenter als andere Phoneme gegenüber Veränderungen, gegenüber lautlichen und schriftlichen Sprachwandlungen. Wer den Eigennamen eines anderen kennt, bemächtigt sich u.U. des Anderen.

[...]


[1] Vgl. Bußmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft. 2. völlig neu bearbeitete Auflage, Stuttgart 1990, S. 204.

[2] Vgl. Wyss, Eva Lia: “What’s in a name?”. Zur soziokulturellen Bedeutung von Eigennamen, in: Bulletin VALS/ASLA 80, 2004, S. 1f.

[3] Vgl. Köster, Rudolf: Eigennamen im deutschen Wortschatz. Ein Lexikon. Berlin/New York 2003, S. 176.

[4] Vgl. Ebd. S. 67.

[5] Vgl. Hoffmann, Ludger: Eigennamen im sprachlichen Handeln, in: K. Bührig/Y. Matras (Hg.): Sprachtheorie und sprachliches Handeln. Tübingen 1999, S.1.

[6] Vgl. Wyss, Eva Lia: “What’s in a name?”. Zur soziokulturellen Bedeutung von Eigennamen, in: Bulletin VALS/ASLA 80, 2004, S. 13.

[7] Vgl. Ebd. S. 9.

[8] Vgl. Heupel, Carl: Taschenbuch der Linguistik. München 1973, S. 57.

[9] Vgl. Wimmer, Rainer: Der Eigenname im Deutschen. Ein Beitrag zu seiner linguistischen Beschreibung. Tübingen 1973 (= Linguistische Arbeiten 11), S. 90.

[10] Vgl. Doblhammer, Klaus: Das Sprechen der Sprache. Frühkindlicher Spracherwerb im Lichte der Psychoanalyse Jacques Lacans, Universität Wien 1998.

[11] Vgl. Wyss, Eva Lia: “What’s in a name?”. Zur soziokulturellen Bedeutung von Eigennamen, in: Bulletin VALS/ASLA 80, 2004, S. 9.

[12] Vgl. Ebd.

[13] Vgl. Bühler zit. nach Hoffmann, Ludger: Eigennamen im sprachlichen Handeln, in: K. Bührig/Y. Matras (Hg.): Sprachtheorie und sprachliches Handeln. Tübingen 1999, S. 2.

[14] Vgl. Hoffmann, Ludger: Eigennamen im sprachlichen Handeln, in: K. Bührig/Y. Matras (Hg.): Sprachtheorie und sprachliches Handeln. Tübingen 1999, S. 4.

[15] Vgl. Ebd. 12.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Stigmatisierung von Eigennamen
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Varietäten des Deutschen
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
13
Katalognummer
V288834
ISBN (eBook)
9783656890881
ISBN (Buch)
9783656890898
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stigmatisierung, Eigennamen, Varietäten, linguistische Sprache
Arbeit zitieren
Sabrina Cornelii (Autor:in), 2008, Die Stigmatisierung von Eigennamen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288834

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