Der Mythos Atlantis


Hausarbeit, 2011
29 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Platons Atlantis
2.1. Timaios und Kritias - Platons Atlantis-Bericht
2.2. Der Mythos Atlantis - Eine Erfindung Platons?

3. Der Mythos Atlantis und seine Nachwirkungen
3.1. Atlantis in Antike und Mittelalter
3.2. Widerentdeckung in der Renaissance

4. Atlantis im 20. Jahrhundert

5. Schlusswort

6 Literaturverzeichnis

1. Einführung

"Als aber in späterer Zeit gewaltige Erdbeben und Überschwemmungen eintraten, versank während eines einzigen schrecklichen Tages und einer Nacht (...) die Insel Atlantis."1 Mit diesen Worten schilderte der antike Philosoph Platon in seinem Dialog "Timaios" den Untergang der mächtigen Insel Atlantis vor vielen tausenden Jahren und machte sie zu einem der größten Mythen der Kulturgeschichte Europas.

Und noch heute beschäftigt dieser Mythos zahlreiche Menschen auf der ganzen Welt. Platons Erzählung des plötzlichen Untergangs einer hoch entwickelten Zivilisation, welche von einem König in beispielhafter Mustergültigkeit regiert wurde und die etliche andere Länder unter ihre Herrschaft bringen konnte, findet sich eingefügt in seinen Dialogen "Timaios" und "Kritias". Wird sie im erstgenannten nur kurz angeschnitten, so erfährt sie im letzteren eine ausführlichere Darstellung, die jedoch unvollendet blieb.2

Ziel dieser Arbeit ist es Platons Atlantiserzählung über die Jahrhunderte zu betrachten und ihre Wirkung auf diese nachzuzeichnen. Dabei soll vor allem der Wandel der Atlantisrezeption im Mittelpunkt stehen. Von der Wiederentdeckung der Atlantiserzählung in der Renaissance, über die Staatsutopisten des 16. und 17. Jahrhunderts, wie Thomas Morus oder Francis Bacon, bis zu den Atlantissuchern des späten 19. und des 20. Jahrhunderts. Vor allem das 20. Jahrhundert brachte dabei unzählige, zum Teil krude Theorien über den Standort Atlantis hervor. "Über 40 Orte lassen sich aufzählen, wo man den verschwundenen Kontinent vermutet, darunter der Kaukasus, die Niederlande, die Bahamas, die Arktis, die Mongolei, die Krim, Karthago, Malta, Iran, Australien, Spitzbergen, Ceylon, Brasilien, Preußen, Nord- und Südamerika, Bimini, Südafrika, Marokko, Nigeria, Helgoland, Portugal, Spanien und Grönland."3

Um sich mit dem Thema Atlantis näher zu befassen, ist es notwendig sich mit Platons Werken "Timaios" und "Kritias" auseinanderzusetzen. Dies soll im ersten Kapitel dieser Arbeit erfolgen, so werden wir uns dem Inhalt dieser beiden Dialoge widmen. Platons Beschreibung der Insel Atlantis und Ur-Athens, ihr Konflikt miteinander und Atlantis Untergang. In den folgenden Kapiteln werden wir uns der Atlantisrezeption in Antike, Mittelalter und Renaissance widmen, so beflügelte Platons Atlantiserzählung so manchen Denkenden zur Schaffung, wenn auch nur auf dem Papier, einer besseren und gerechteren Welt. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderte hielt diese Art sich mit Atlantis auseinanderzusetzen an. Mit dem Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts folgte ein Wandel im Umgang mit dem Mythos Atlantis. Dies soll im letzten Kapitel näher erläutert werden, so werden wir einige Autoren auswählen und näher betrachten. Zahlreiche Wissenschaftler und solche die es sein wollten, versuchten Atlantis ausfindig zu machen und interpretierten Platons Erzählung, die wohl eher seiner "Phantasie"4 entsprungen war, als ernsthafte historische Quelle.

Wenn man sich mit dem Mythos Atlantis befassen möchte, wird man schnell erkennen, dass eine unglaubliche Masse von Literatur zu dieser Thematik vorhanden ist.5 Die Schwierigkeit dabei besteht vor allem in ihrer passenden Auswahl, so gibt es eine Vielzahl an wissenschaftlicher Literatur zu Atlantis, aber auch eine noch größere Menge an Trivialliteratur. Für die vorliegende Arbeit fand unter anderem das Buch "Platon und die Erfindung von Atlantis" von Heinz-Günther Nesselrath Verwendung, in welchem er Platons Atlantis untersucht. Daneben bietet Pierre Vidal-Naquet mit seinem Werk "Atlantis Geschichte eines Traums" einen sehr guten Überblick über die Atlantisrezeption von der Antike bis ins späte 19. Jahrhundert. Ebenso haben Burchard Brentjes mit "Atlantis Geschichte einer Utopie" und Martin Freksa mit "Das verlorene Atlantis" Übersichtsdarstellungen über den Mythos geliefert.

Besonders erwähnenswert ist die Arbeit von Eberhard Zangger "Atlantis Eine Legende wird entziffert", in welchem er die Theorie entwickelt, das Atlantis das alte Troia war. Schließlich hat Edwin S. Ramage mit der Herausgabe des Bandes "Atlantis Mythos Rätsel Wirklichkeit?" eine Sammlung von Aufsätzen vorgelegt, welche sich von verschiedenen Disziplinen an die Atlantis-Thematik heranwagen. Darunter sind für uns interessant J. Rufus Fears "Atlantis und die minoische Seeherrschaft", S. Casey Fredericks "Platons Atlantis: Ein Mythologe studiert den Mythos", sowie Edwin S. Ramage "Atlantis - Gestern und Heute".

2. Platons Atlantis

2.1. Timaios und Kritias - Platons Atlantis-Bericht

Will man sich mit dem Mythos Atlantis befassen, kommt man nicht umhin, sich mit Platons Dialogen "Timaios" und "Kritias" auseinanderzusetzen. So sind sie, wie Edwin S. Ramage feststellte "die primäre und wahrscheinlich die einzige unabhängige Quelle"6 die für die Geschichte um das versunkene Inselreich Atlantis vorliegt.

Zunächst ein paar Worte zu Platon. Er lebte etwa zwischen 427/8 und 347/8 v. Chr und entstammte einem alten Athener Adelsgeschlecht. 388/87 gründete er seine "Akademie" vor den Mauern Athens und lehrte seine philosophischen Auffassungen.7 Dabei vermittelte er seine Lehre vor allem in Form von Dialogen, in denen vor allem Sokrates8 und ihm nahe stehende Personen und Freunde sich miteinander unterhielten. Seine Dialoge verstanden sich als "Lehrstücke", von denen sich Platon erhoffte, dass die in ihnen enthalten Ideen und Utopien eines Tages Wirklichkeit werden würden.9 Der "Timaios" und der "Kritias", beide in Platons letzten Lebensjahren entstanden10, sind zwei dieser Dialoge, in denen er versucht eine Utopie, hier in der Gegenüberstellung von Atlantis und Ur-Athen, darzulegen. Beide Dialoge tragen die Namen ihrer Hauptsprecher, die sich in einer Unterhaltung mit Sokrates befinden.

Der "Timaios" sollte eine Art Fortsetzung von Platons "Staat" sein, in welchem er ein ideales Staatswesen nachgezeichnet hatte.11 Als Zuhörer folgen Sokrates, Kritias und Hermokrates den Worten des Timaios, der ihnen von der Schöpfung der Welt und der Menschen berichtet. Nachdem Sokrates die wichtigsten Aussagen aus dem "Staat" über das ideale Staatswesen zusammengefasst hat, lenkt Hermokrates die Diskussion auf eine Geschichte, die Kritias einen Tag zuvor erzählt hat. Sie stünde in Bezug zur Thematik des idealen Staates und so wird Kritias gebeten den Zuhörenden, Sokrates, Timäus und Hermokrates, noch einmal zu erzählen: "Gewiß Sokrates, bereitwillig wollen wir es, wie unser Timaios sagte, an gutem Willen in nichts fehlen lassen, auch haben wir keine Ausflucht, dem uns zu entziehen, so daß wir auch gestern, sogleich als wir von hier aus zum Kritias nach unserer Einkehrwohnung gelangten, und noch früher unterwegs eben diese Frage in Betrachtung zogen. Dieser teilte uns nun eine Sage aus alter Überlieferung mit, welche du auch jetzt dem Sokrates berichten magst, Kritias, damit er mit uns prüfe, ob sie für unsere Aufgabe zweckdienlich sei oder nicht."12 Und so beginnt Kritias ihnen die Geschichte von Atlantis zu erzählen, die vor allem eine Geschichte, sogar die "größte" von allen, über die "Heldentaten" ihrer "Vaterstadt aus früherer Vergangenheit" ist und die "durch die Zeit und das Dahinsterben der Menschen in Vergessenheit geraten" ist.13

Kritias hat, wie er selbst sagt, die Geschichte von seinem gleichnamigen Großvater im Alter von zehn Jahren erzählt bekommen. Der ältere Kritias wiederum bekam die Geschichte von Solon übermittelt, der sie von den Ägyptern hatte: "Es ist in Ägypten, entgegnete er, im Delta, an dessen Spitze der Nilstrom sich spaltet, ein Gau, der der Saitische heißt und dessen größte Stadt Sais ist, aus welcher auch der König Amasis stammte. Die Bewohner haben als Stifterin dieser Stadt eine Göttin, die in ägyptischer Sprache Neith, in hellenischer, wie jene sagen, Athene heißt. Sie sagen aber, sie seien große Athenerfreunde und mit den hiesigen Bürgern gewissermaßen verwandt. Dorthin, erzählte Solon, sei er gereist und sei bei ihnen zu sehr hohem Ansehen gekommen und habe, als er die in diesen Dingen am meisten kundigen Priester eines Tages über die alten Zeiten befragte, erkannt, daß so ziemlich weder er selbst noch sonst einer der Hellenen von dergleichen Dingen sozusagen das geringste wisse."14 Im Tempel der Naith, die in Griechenland Athene genannt wird, ist Solon auf die Geschichte von Atlantis gestoßen. Auf einer Säuleninschrift waren die nötigen Informationen festgehalten, die über das Weltreich von Atlantis erzählten.15 Solon und seinen Zeitgenossen war nichts über diese Geschehnisse bekannt und so fragt er die Ägypter für den Grund dessen und sie antworteten folgendes: "Viele und mannigfache Vernichtungen der Menschen haben stattgefunden und werden stattfinden, die bedeutendsten durch Feuer und Wasser, andere geringere durch tausend andere Ursachen. Denn das, was auch bei euch erzählt wird, daß einst Phaeton, der Sohn des Helios, der seines Vaters Wagen anschirrte, was auf der Erde war, verbrannte, weil er die Bahn des Vaters nicht einzuhalten vermochte, selbst aber, vom Blitze getroffen, seinen Tod fand, das wird zwar in der Form eines Mythos berichtet, ist aber in Wahrheit eine Abweichung der am Himmel um die Erde kreisenden Sterne und eine in großen zeitlichen Abständen stattfindende Vernichtung der auf der Erde befindlichen Dinge durch mächtiges Feuer. (...) das alles von alten Zeiten her hier in den Tempeln aufgezeichnet und bewahrt. Bei euch und den anderen dagegen ist man jedesmal eben erst mit der Schrift und allem andern, dessen die Staaten bedürfen, versehen, dann bricht nach Ablauf der gewöhnlichen Frist wie eine Krankheit eine Flut vom Himmel über sie herein und läßt von euch nur die der Schrift Unkundigen und Ungebildeten zurück, so daß ihr wiederum vom Anbeginn gewissermaßen zum Jugendalter zurückkehrt, ohne von dem etwas zu wissen, was sowohl hier als auch bei euch zu alten Zeiten sich begab."16

Kritias erzählt weiter, dass der athenische Staat bereits vor der letzten großen Überschwemmung bestand und zu großer Blüte gekommen war: "Denn einst, Solon, vor der größten Verheerung durch Überschwemmung war der Staat, der jetzt der athenische ist, der tüchtigste im Kriege und war in jeder Beziehung durch eine gute gesetzliche Verfassung vor allen ausgezeichnet: er soll von allen unter der Sonne, von denen die Kunde zu uns gelangte, die schönsten Taten vollbracht, die schönsten Staatseinrichtungen getroffen haben."17 Dieser erste Staat der Griechen sei bereits 1000 Jahre vor der Staatsgründung Ägyptens entstanden, nämlich 9000 Jahre vor der Zeit Solons. So berichtet Kritias im folgenden über die Gesetzgebung, die verschiedenen Stände und die Heldentaten dieses frühen griechischen Staates, so nahm der Stand der Krieger eine besondere Rolle in diesem Staat ein: "Auch beim Stand der Krieger, dem vom Gesetze der Auftrag ward, sich um weiter nichts als um das Kriegswesen zu kümmern, hast du doch wohl beobachtet, daß hier von allen anderen geschieden ist. (...) Was andererseits die Weisheit angeht, so siehst du wohl, wie sehr unsere Gesetzgebung sich gleich von Anfang an sowohl um die Weltordnung bemühte, wobei sie alle Künste bis herab zur Wahrsage- und Heilkunst für die Gesundheit (...) und auch alle daran anschließenden Kenntnisse erwarb."18

Und irgendwann einmal19 sei vom Atlantischen Ozean her eine große Heeresmacht "gegen ganz Europa und Asien zugleich" herangezogen. Sie kam von der Insel Atlantis, die sich vor den "Säulen des Herakles"20 befand und "größer als Libyen und Asien zusammengenommen"21 war. Atlantis war "(...) eine wundervolle Macht von Königen, welche die ganze Insel beherrschte sowie viele andere Inseln und Teile des Festlandes, außerdem herrschten sie noch über Gebiete diesseits der Säulen des Herakles, und zwar hier über Lybien bis Ägypten, über Europa aber bis Tyrrhenien."22 Als aber Atlantis sich anstrengte, den gesamten Mittelmeerraum zu unterwerfen, leisteten vor allem die athenischen Krieger einen heldenhaften Widerstand gegen das heranrückende Atlantis und konnten es zurückschlagen und den gesamten Mittelmeerraum vom atlantischen Joch befreien. In späterer Zeit aber, sollen "gewaltige Erdbeben und Überschwemmungen" die gesamte atlantische Heeresmacht vernichtet haben, wobei auch die Insel Atlantis in den Tiefen des Meeres versank und zurück blieb nur Schlamm, der den Atlantik unbefahrbar machte.23

Hier endet der Redebeitrag Kritias im "Timaios" über Ur-Athen und Atlantis. Daran anschließend wendet sich Kritias an Sokrates und stellt fest, dass der ideale Staat, von dem zu Beginn des Dialogs die Rede war, in Ur- Athen ein greifbares Vorbild gehabt hat: "Als du aber gestern vom Staate und von dessen Bürgern, wie du sie darstelltest, sprachst, wunderte ich mich, als ich mich an das, was ich eben erzähle, erinnerte und dabei merkte, wie du auf geheimnisvolle Weise durch eine Art Zufall meistens nicht ungenau mit dem, was Solon sagte zusammenstimmtest."24

Kommen wir nun zum Dialog "Kritias", in welchem Kritias ein Gespräch mit Sokrates führt und Atlantis und Ur-Athen ein zweites und detaillierteres Mal zur Sprache kommen. Zunächst fasst Kritias zusammen, was im "Timaios" über Atlantis und Ur-Athen gesagt wurde. Es ist ihm besonders wichtig daran zu erinnern, "(...) daß sich als Summe 9000 Jahre ergaben, seitdem, wie gezeigt wurde, der Krieg zwischen den jenseits außerhalb der Säulen des Herakles und allen innerhalb derselben Wohnenden stattfand (...). Es hieß nun, daß an der Spitze der einen Seite unsere Stadt hier stand und den ganzen Krieg allein durchfocht, an der der anderen aber die Könige der Insel Atlantis, von welcher wir behaupteten, daß sie einst größer als Asien und Libyen war, jetzt aber, auf Grund von Erdbeben versunken (...)."25 Kritias fährt nun damit fort, die beiden Seiten näher zu betrachten, die Anlage ihrer Städte, ihre Heeresmacht, ihre Staatsformen. Zunächst spricht er von Athen, welches von den Göttern Hephaistos und Athena erwählt und gegründet worden sei: "(...) dem Hephaistos und der Athena aber, die eine gemeinsame Natur hatten, (...) erlosten beide zusammen als einen gemeinsamen Anteil unser Land hier, da es von Natur Tapferkeit und Einsicht angemessen und zuträglich war, und sie bevölkerten es mit wackeren ureingeborenen Männern und gaben die verfassungsmäßige Ordnung nach ihrem Sinn."26

Schließlich folgt die Erwähnung des Standes der Krieger, der eine Besondere Stellung in der athenischen Gesellschaft einnahm: "Es wohnten aber damals in diesem Land die anderen Klassen der Bürger (...) die der Krieger aber, von Anfang an durch göttliche Männer von den übrigen geschieden, wohnte abgesondert; sie hatte alles zum Unterhalt und zur Bildung Erforderliche, irgendwelches Privateigentum aber besaß keiner von ihnen, sondern sie betrachteten alles als ihnen allen gemeinsam; und über den ausreichenden Unterhalt hinaus verlangten sie nichts von den übrigen Mitbürgern zu erhalten (...)"27 Dieser Kriegerstand wohnte in der Akropolis, genauer im "(...) oben gelegenen Teile (...) rings um das Heiligtum der Athena und des Hephaistos (...)"28 und ihre Anzahl umfasste 10.000 Männer und 10.000 Frauen. Damit endet die Beschreibung Ur-Athens und Kritias widmet sich der Darstellung von Atlantis.

Kritias berichtet, das Poseidon der Gründungsvater von Atlantis gewesen sein soll: " (...) so erloste also auch Poseidon die Insel Atlantis und siedelte seine Nachkommen (...) auf einem folgendermaßen beschaffenen Ort der Insel an. Am Meer und über die Mitte der ganzen Insel hin lag eine Ebene, die die schönste aller Ebenen und von trefflicher Fruchtbarkeit gewesen sein soll. An der Ebene wiederum lag in der Mitte (ihrer Längenstreckung), etwa 50 Stadien (vom Meer) entfernt ein allerwärts niedriger Berg."29 Und auf diesem lebte die sterbliche Kleito, so das Poseidon den Berg befestigte und ihn von seiner Umgebung abtrennte: "(...)wobei er kleinere und größere Ringe von Meer und Land abwechselnd umeinander schuf, und zwar zwei von Land und drei von Meer, sie gleichsam mitten aus der Insel herausdrechselnd mit allenthalben gleichem Abstand, so daß der Hügel für Menschen unzugänglich war; Schiffe nämlich und Schiffahrt gab es damals noch nicht."30 Mit Kleito zeugte Poseidon fünf männliche Zwillingspaare und machte den ältesten von ihnen, Atlas, "nach welchem auch die ganze Insel und das Meer seine Benennung erhielt"31, zum König von Atlantis und ernannte seine Brüder zu Vizekönigen32. Gleichzeitig teilte Poseidon die Insel in zehn Teile. Atlas erhielt den ursprünglichen Herrschersitz, " (...) der der größte und vorzüglichste war (...)"33, seine Brüder die übrigen neun Landesteile.

Atlas und seine Brüder gaben ihre Herrschaft an ihre Nachkommen weiter und im Laufe der Jahrhunderte wurde Atlantis zu einem mächtigen Reich und beherrschte "(...) viele andere im Atlantischen Meer gelegene Inseln und (...) über die innerhalb der Säulen des Herakles hier Wohnenden bis nach Ägypten und Tyrrhenien (...)."34 Dabei kamen die Atlantern zu einem Reichtum "(...) von so gewaltigem Ausmaß, wie er weder je vorher in irgendwelchen Königshäusern sich fand, noch jemals später sich leicht finden kann."35

Kritias fährt fort mit der Beschreibung der Hauptstadt und des Königspalastes. Die ringförmigen Kanäle, die die Hauptstadt umgaben, wurden schließlich durchbrochen, um so eine Verbindung zum Meer zu erhalten: "Denn vom Meer ausgehend, gruben sie einen drei Plethren breiten, hundert Fuß tiefen und fünfzig Stadien langen Durchstich bis zum äußersten Ring; hier schufen sie die Zufahrt vom Meer zu jenem Ring wie zu einem Hafen, wobei sie eine Trichtermündung brachen, die für das Einlaufen der größten Schiffe ausreichte. Auch durch die Erdringe, welche diejenigen des Meeres voneinander trennten, brachen sie an den Brücken eine Durchfahrt von einem zum anderen Ring, die für eine Triere breit genug war(...)."36 Der Königspalast selbst soll eine sehr imposante Erscheinung gewesen sein. So fanden sich ein Heiligtum der Kleito und des Poseidon. Der Poseidon Tempel war von außen mit Silber und Gold überzogen, im Innern fand sich eine elfenbeinerne Decke, die mit Silber, Gold und Bergerz ausgeschmückt war. Umgeben war der Tempel mit goldenen Statuen der ersten zehn Könige von Atlantis.37 Weiter zum Königspalast gehörten zwei Quellen mit kaltem und warmen Wasser, die Zisternen und Bäder, teils unter freiem Himmel, speisten. Auf den außen gelegenen Ringen fanden sich diverse Heiligtümer verschiedener Götter, Gärten, Sportanlagen und sogar eine Rennbahn, wo sich die Wohnungen der Leibwächter befanden. Daneben existierten Schiffswerften, die mit Trieren und allem nötigen Zubehör ausgestattet waren. Gleichzeitig gab es drei Häfen und eine große Mauer: "Hatte man aber die Häfen, deren drei waren, in Richtung nach außen überschritten, dann lief, vom Meere ausgehend, eine Mauer rings herum, überall fünfzig Stadien vom größten Ring und Hafen entfernt, und vereinigte sich wieder an der Kanalmündung am Meer."38

Im folgenden spricht Kritias von der geographischen Beschaffenheit der restlichen Insel und von der Stellung und Organisation der atlantischen Streitkräfte. So war "(...) die ganze Gegend sehr hochgelegen und zum Meer steil abfallend, die Umgebung der Stadt dagegen durchgängig eine Ebene, die jene umgab, ihrerseits aber von Bergen umgeben wurde, die bis zum Meer hinzogen."39 Die Streitkräfte Atlantis sollen beispiellos gewesen sein, so sagt Kritias: "Die Zahl der aus den Bergen und dem übrigen Land kommenden Menschen wurde als unermeßlich angegeben (...)"40 Sie umfassten Streitwagenfahrer, Reiter, Fußsoldaten, Bogenschützen, Schleuderer, Stein- und Speerwerfer, sowie " (...) Matrosen zur Bemannung von zwölfhundert Schiffen."41

Im Folgenden schildert Kritias die Kooperation der atlantischen Könige untereinander. So heißt es: "Von den zehn Königen herrschte jeder einzelne in seinem eigenen teil und in seiner eigenen Stadt über die Menschen und über die meisten Gesetze; er bestrafte und ließ hinrichten, wen immer er wollte. Aber die wechselseitigen Herrschafts- und Partnerschaftsverhältnisse regelten sich nach den Weisungen Poseidons, wie das Gesetz es ihnen überlieferte und eine Inschrift, von den ersten Königen aufgezeichnet auf einer Säule von Bergerz, welche in der Mitte der Insel im Heiligtum Poseidons stand."42 Im Poseidon Tempel traf man sich dann auch alle fünf bis sechs Jahre um gemeinsame Angelegenheiten zu klären und Urteile auszusprechen. Um letzteres zu tun, mussten die zehn Könige allein, eigenhändig ein Stier einfangen, nur mit Holzknüppeln und Schlingen bewaffnet und ganz ohne metallische Waffen. "Denjenigen von den Stieren, den sie fingen, führten sie an die Säule heran und schnitten ihm in Höhe des oberen Säulenendes die Gurgel durch, so daß das Blut auf die Inschrift hinunterspritzte. Auf der Säule aber befand sich außer den Gesetzen eine Eidesformel, die schwere Verwünschungen über die Ungehorsamen herabrief."43 Nach dieser Opferung des Stiers schworen die Könige feierlich die auf der Säule aufgezeichneten Gesetze von Atlantis nicht zu übertreten.

Im letzten Teil des Dialogs über Atlantis, spricht Kritias über die allmähliche Entartung der Atlanter: "Viele Geschlechter hindurch, solange noch die Natur des Gottes in ihnen genügend stark war, waren sie den Gesetzen gehorsam und freundlich gesinnt gegen das ihnen verwandte Göttliche (...). Als aber der Anteil des Gottes in ihnen dadurch schwand, daß er viel und häufig mit Sterblichem versetzt wurde, und der menschliche Charakter die Oberhand gewann, da vermochten sie bereits nicht mehr ihre Lebensumstände zu ertragen und benahmen sich schändlich und erschienen dem, der sehen konnte, als häßlich, indem sie das Schönste unter allem Wertvollsten zugrunde richteten (...)."44 Göttervater Zeus jedoch, sah dies mit Argwohn und entschied, die Atlanter zu bestrafen und " (...) versammelte die Götter alle in ihrem ehrwürdigsten Wohnsitze, welcher im Mittelpunkt der gesamten Welt steht und alles überschaut, was des Werdens teilhaftig wurde; nachdem er sie versammelt hatte, sprach er:-..."45 An dieser Stelle bricht Platons Bericht über Atlantis ab. Es gibt viele Spekulationen um den Grund für diesen abrupten Abbruch. Fakt ist jedoch, Platons Atlantis wurde zu einem der größten Mythen der europäischen Kulturgeschichte.

2.2. Der Mythos Atlantis - Eine Erfindung Platons?

Thomas-Henri Martin schrieb 1841 in seinem Werk "Studien zu Platons Timaios" über Atlantis: "Meiner Ansicht nach gehört Atlantis weder in die Geschichtsschreibung über Ereignisse noch in die eigentliche Erdkunde, doch wenn ich mich nicht irre, vermag es der nicht weniger interessanten und auch nicht weniger instruktiven Geschichte der menschlichen Denkweisen durchaus ein recht kurioses Kapitel zu liefern." sowie: "Man glaubte es in der Neuen Welt gefunden zu haben. Nein, es gehörte in eine andere Welt, und die liegt nicht im Bereich des Räumlichen, sondern in dem des Denkens."46 Damit traf es Martin auf den Punkt, Platons Atlantis ist ein Mythos, mit dem uns Platon etwas mitteilen wollte. Einer unter vielen Mythen des Platons, die uns von der Entstehung des Kosmos, von der urzeitlichen Heils- und Unheilsgeschichte der Menschen und von ihrem Schicksal im Jenseits erzählen.47 So bilden der "Timaios" und der "Kritias" davon keine Ausnahme, wie wir im vorangegangenen Kapitel gesehen haben. Aber was wollte uns Platon mit seiner Erzählung von Ur-Athen und Atlantis sagen? Wie Heinz-Günther Nesselrath feststellte, war das eigentliche Thema der Atlantis-Erzählung nicht Atlantis selbst, sondern vielmehr Ur-Athen, mit seiner idealen Verfassung.48 So hat Atlantis seine Rolle in der Geschichte als übermächtiger Gegenspieler Ur-Athens, dessen Glanzleistung in der Bezwingung Atlantis besteht und dadurch selbst noch viel bedeutungsvoller erscheint.

An dieser Stelle ist es vielleicht von Vorteil, die wichtigsten Punkte der Atlantis-Erzählung noch einmal kurz zusammenzufassen:

1. Die Quelle für die Geschichte, die der jüngere Kritias wiedergibt, ist der Grieche Solon, der sie selbst im Tempel der Naith, im ägyptischen Sais erfuhr (etwa um 600 v.Chr.49 ).
2. Die Ereignisse spielten sich etwa vor 9000 Jahren vor Solons Zeit ab. Im "Timaios" war das die Zeit der Gründung Athens, im "Kritias" die des Krieges zwischen Athen und Atlantis.
3. Athen ist eine aristokratische Republik, organisiert nach dem idealen Staat, von dem Platon in seinem "Staat" spricht.
4. Atlantis ist eine mächtige Monarchie mit theokratischen Strukturen.50 Es ist eine Insel im Atlantischen Ozean, jenseits der Säulen des Herakles (der Straße von Gibraltar) und verfügt über einen großen Herrschaftsbereich bis weit in das Mittelmeer hinein.
5. Beide Mächte führten Krieg gegeneinander, aus dem Athen siegreich hervorging. Kurze Zeit darauf, wurden beide Opfer von Erdbeben und von einer großen Flutkatastrophe, durch welche Atlantis im Meer versank.
6. Der Atlantik ist seitdem an der Stelle, wo sich Atlantis befand, aufgrund von Schlammresten unbefahrbar geworden.

Aufgrund der Angaben, die Platon gemacht hat, kann es ein Atlantis in dieser Form nicht gegeben haben. So gab es vor 9000 Jahren noch keine Staaten oder Kriege zwischen Völkern in diesen Ausmaßen. Die Menschen Europas lebten zu dieser Zeit noch in Höhlen und waren Jäger und Sammler.51 Die Zivilisationen, wie Platon sie beschreibt, waren noch in weiter Ferne. So kann Platons Bericht über Ur-Athen und Atlantis nicht als historische Quelle bewertet werden. Es ging ihm vielmehr darum, eine "großartige Vergangenheit zu vermitteln und dem damals krisengeschüttelten" Griechenland, insbesondere seinem Athen zu neuen politischen Ideen zu verhelfen.52

Platon lebte zu einer Zeit, in der sein ehemals mächtiges Athen eine Zeit der Krisen durchstand. Hatte es zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. große politische und militärische Erfolge gegen das übermächtige Perserreich gefeiert, musste die Stadt im langwierigen Peloponnesischen Krieg schwere militärische Niederlagen hinnehmen. Die politische Ordnung in Athen, die athenische Demokratie, sah sich einem Staatsstreich von dreißig Aristokraten gegenüber, die schließlich die Macht an sich rissen und eine Schreckensherrschaft errichteten. Schließlich konnte die Demokratie wiederhergestellt werden, jedoch war sie im 4. Jahrhundert v. Chr. "stets auf der Suche nach verlässlichen Vorbildern und Orientierungshilfen"53.

Vor diesem Hintergrund entwickelte Platon seine Staatstheorie. Dabei erweist er sich "als schonungsloser Kritiker der zerfallenden Demokratie Athens und setzt ihr ein Ideal aristokratischer, elitärer Prägung entgegen."54 Seinen idealen Staat, entwickelte Platon schließlich in seinem Werk "Der Staat", von dem die wichtigsten Punkte folgende sind:

[...]


1 Eigler, Gunther (Hg.): Platon. Werke in acht Bänden. Griechisch und Deutsch, Bd. 7, Timaios Kritias Philebos, Darmstadt 1990, S. 27.

2 Vgl. Steuerwald, Hans: Der Untergang von Atlantis - das Ende einer Legende, Berlin 1983, S. 15.

3 Zangger, Eberhard: Atlantis Eine Legende wird entziffert, Augsburg 1996, S. 58.

4 Vgl. Nesselrath, Heinz-Günther: Platon und die Erfindung von Atlantis, Leipzig 2002, S. 42.

5 Vgl. Zangger, S. 58.

6 Ramage, Edwin S.: Atlantis - Gestern und Heute, in: Ramage Edwin S. (Hg.), Atlantis. Mythos Rätsel Wirklichkeit?, Frankfurt/ M. 1978,S. 16.

7 Vgl. Brentjes, Burchard: Atlantis Geschichte einer Utopie, Köln 1993, S. 9.

8 Sokrates war der Lehrer Platons, der bei ihm Zeit seines Lebens einen tiefen Eindruck hinterlassen hatte und mit seiner Autorität eine besonders wichtige Rolle im Leben Platons spielte. So gab er Sokrates in vielen seiner Dialogen einen festen Platz. Vgl. Freksa, Martin: Das verlorene Atlantis Die Geschichte der Auflösung eines alten Rätsels, Frankfurt/ M. 1999, S. 69.

9 Brentjes, S. 11.

10 etwa um 350 v. Chr., siehe: Ramage, S. 16.

11 Vgl. Ebenda.

12 Eigler, S. 13.

13 Ebenda, S. 13f.

14 Ebenda, S. 17.

15 zur Säuleninschrift, siehe: Freksa, S. 53ff.

16 Eigler, S. 19ff.

17 Ebenda, S. 21.

18 Ebenda, S. 23.

19 Vgl. Freksa, S. 72.

20 Die heutige Straße von Gibraltar.

21 Eigler, S. 25.

22 Ebenda.

23 Eigler, S. 27.

24 Ebenda.

25 Ebenda, S. 219.

26 Ebenda, S. 221.

27 Eigler, S. 223.

28 Ebenda, S. 227.

29 Ebenda, S. 231.

30 Ebenda, S. 233.

31 Ebenda.

32 Vgl. Freksa, S. 75.

33 Eigler, S. 233.

34 Ebenda, S. 235.

35 Ebenda.

36 Eigler, S. 237ff.

37 Ebenda, S. 241.

38 Ebenda, S. 243.

39 Ebenda, S. 245.

40 Ebenda, S. 247.

41 Ebenda, S. 247.

42 Eigler, S. 249.

43 Ebenda.

44 Ebenda, S. 251ff.

45 Ebenda, S. 253.

46 Zitiert nach: Vidal-Naquet, Pierre: Atlantis Geschichte eines Traums, München 2006, S. 17.

47 Vgl. Pieper, Josef: Darstellungen und Interpretationen: Platon, in: Wald, Berthold (Hg.): Werke in acht Bänden, Bd. 1, Hamburg 2002, S. 338.

48 Nesselrath, S. 8.

49 Ramage, S. 30.

50 Brentjes, S. 29.

51 Vgl. Brentjes, S. 29; Ramage, S. 31; Nesselrath, S. 13.

52 Brentjes, S. 30.

53 Vgl. Nesselrath, S. 34.

54 Brentjes, S. 31.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Der Mythos Atlantis
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Veranstaltung
Europas Mythen – von der Antike zum 16. Jahrhundert
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
29
Katalognummer
V288837
ISBN (eBook)
9783656890812
ISBN (Buch)
9783656890829
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mythos, atlantis
Arbeit zitieren
Marcel Fidelak (Autor), 2011, Der Mythos Atlantis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288837

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Mythos Atlantis


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden