Ein Einblick in die Prototypensemantik


Hausarbeit, 2006

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Anfänge: Basic Color Terms

3. Die Prototypensemantik
3.1. Die Standardversion
3.1.1 Prototypikalität
3.1.2 Familienähnlichkeit und Cue Validity
3.1.3 Hedges
3.1.4 Basic Level Terms
3.2 Die erweiterte Version

4. Kritik an der Prototypensemantik

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Dem Menschen wird die kognitive Fähigkeit zur Kategorisierung zugesprochen. Mit Hilfe dieses mentalen Talents organisieren wir unser Denken, indem wir Informationen in Kategorien einordnen. So speichern wir die uns bekannten Wörter und Begriffe übersichtlich und können leichter über unseren Wortschatz verfügen. Georges Kleiber meint dazu: ’’Es ist schwer vorstellbar, wie unser Verhalten in unserer Umgebung sowohl in physischer als auch in sozialer und intellektueller Hinsicht aussähe ohne die Existenz von Kategorien’’.[1] Ein wesentliches Gebiet der Prototypensemantik ist die Erforschung von Kategorisierungsprozessen, also der mentalen Verarbeitung von Informationen.

Ziel dieser Arbeit ist es einen Einblick in die Prototypensemantik zu geben. Im ersten Abschnitt wird die Entstehung der Grundfarbenbezeichnungen dargestellt. Der folgende Abschnitt befasst sich mit der sog. „Standardversion“ der Prototypensemantik. Hier werde ich auf die grundlegenden Ergebnisse und Probleme der Forschung, wie Prototypikalität, Familienähnlichkeit, Cue Validity, Hedges und Basic Level Terms eingehen. Zum Schluss wird die erweiterte Version der Prototypensemantik erläutert, bevor noch kurz auf die Kritik an der Prototypensemantik eingegangen wird.

2. Die Anfänge: Basic Color Terms

Der Beginn der Prototypenforschung ist mit der Studie von Berlin und Kay (1969) zur Extension von Farbadjektiven anzusetzen. Der Grund für die Untersuchung von Farbbezeichnungen war, dass sich die Anzahl für Farben in verschiedenen Sprachen sehr deutlich unterschied. „Das Italienische kennt z.B. zwei verschiedene Blau (azzuro, blu), das Französische zwei Arten von Braun (marron, brun). Das in Wales gesprochene Kymrische hat zwar ein Wort für braun, unterscheidet aber nicht zwischen blau und grün.“[2]

Berlin und Kays Methode bestand aus zwei Stufen. Sie ermittelten zuerst durch Befragung die nativen und häufigsten Farbadjektive in 20 Sprachen. Die Farben, die aus diesen Befragungen hervorgingen, wurden als Basic Color Terms bezeichnet. Im Englischen sind das die Wörter white, grey, black, red, yellow, green, blue und purple. Alle anderen Farben waren aus den Grundfarben abgeleitet und konnten diesen mehr oder weniger zugeordnet werden. In der zweiten Stufe legten sie den Befragten eine Farbpalette vor. Sie sollte dann auf die besten und typischsten Beispiele des jeweiligen Farbtons deuten. Diese Stufe machte deutlich, dass es innerhalb der Farbkategorien wiederum prototypische Bereiche gibt.

Ihre Ergebnisse könnte man wie folgt zusammenfassen[3]:

1. Es gibt zentrale und randständige Vertreter einer Farbe.
2. Die zentralen Vertreter sind als universell zu betrachten, da fast alle Sprachen dieselben Farbtöne als zentral erkennen, auch wenn die Grenzen verschieden gesteckt sind.
3. Die Basic Color Terms sind keine Hyponyme eines Farbwortes, wie z.B. türkis oder morphologisch komplizierten Wörter, wie z.B. hellgrün. Sie sind nicht fachsprachlich (cyan) oder beschränkt auf bestimmte Kollokationen, wie z.B. blond, was man sowohl für Haare als auch für Bier verwenden kann.
4. Grundfarbwörter weisen untereinander eine Hierarchie auf. So unterscheiden Sprachen mit nur zwei Grundfarbwörtern zwischen schwarz und weiß. Bei Sprachen mit drei Farben tritt stets rot als nächste hinzu, danach kommen gelb und grün, etc.

Eleanor Rosch griff in ihren Experimenten die Untersuchungen von Berlin und Kay wieder auf. Sie schaffte es, die Untersuchungen zu bestätigen und zu erweitern. Sie führte zu den Basic Color Terms folgendes Experiment durch:

Sie bildete 2 Gruppen, eine englischsprachige und eine Gruppe der Dani, einem Volk aus Papua-Neuguinea, deren Sprache nur zwei Farbbezeichnungen kennt, nämlich „mola“ für weiß und alle warmen Farben (rot, orange, gelb, rosa, lila) und „mili“ für schwarz und alle kalten Farben (blau, grün).[4]

Es wurde getestet, welche Farben von den Vertretern der Gruppen als Focal Colors bezeichnet wurden und es stellte sich heraus, dass die Kongruenz der beiden Gruppen trotz der verschiedenen Sprachen sehr hoch war.

Die für die Dani nicht genauer kategorisierten Farben wurden außerdem mit neuen Namen belegt, die von ihnen gelernt werden sollten. Das Resultat ergab, dass zentrale Vertreter einer Farbe schneller gelernt wurden als randständige. Somit stand also fest: „Color [...] is instead´ a prime example of the influence of underlying perceptual – cognitive [...] categories.“[5] Die Untersuchungen zu den Farben setzten also den Grundstein für weitere Untersuchungen im Bereich der Prototypensemantik.

3. Die Prototypensemantik

3.1. Die Standardversion

3.1.1 Prototypikalität

Die Standardversion der Prototypensemantik bezieht sich ausdrücklich nicht auf einzeln sprachliche Phänomene sondern untersucht mentale Konzepte sprach übergreifend. Dabei werden unterschiedliche Kategorisierungen in bestimmten Sprachen übergangen, d.h. die einzeln sprachlichen Ebenen werden nicht beachtet.

Exemplarisch für den Nachweis eines Prototyps unter verschiedenen Vertretern einer Kategorie war Labovs mittlerweile berühmtes Tassen-Experiment.[6] Dabei legte er seinen Probanden verschiedene Zeichnungen von Gefäßen vor und bat sie darum, diese zu benennen. Es stellte sich heraus, dass die Kategorien Tasse und Schüssel teilweise ineinander übergingen. Das hing vor allem von verschiedenen Faktoren ab wie z.B. vom Verhältnis Weite-Tiefe des Gefäßes, ob ein Henkel vorhanden war oder nicht und mit welchem Inhalt das Gefäß gefüllt war. Somit gab es „zentrale Vertreter, die auch die üblicherweise (enzyklopädischen) Merkmale wie [mit Henkel], [für Kaffee] etc. aufwiesen, aber auch solche, deren einzige Übereinstimmung mit diesen ´Prototypen` die Eigenschaft des Gefäßhaften war.“[7] Daraus ging nun „der Begriff des Prototyps als bestes Exemplar beziehungsweise Beispiel, bester Vertreter oder zentrales Element einer Kategorie“[8] hervor. Es handelt sich hier also um eine Art von Prototypikalität, bei der ein bestimmter Referent das Zentrum einer Kategorie bildet. Rosch zog daraus folgenden Schluss:

„Die innere Struktur vieler natürlicher Kategorien besteht aus dem Prototypen der Kategorie (den eindeutigsten Vertretern, den besten Beispielen) und den nichtprototypischen Exemplaren, welche in einer Rangfolge angeordnet sind, die sich von den besten zu den weniger guten Beispielen erstreckt.“[9]

Daraus ergibt sich eine nicht zu unterschätzende Konsequenz, die als Unschärfe, bzw. fuzziness von Kategorien bezeichnet wird. „Die Grenzen einer Kategorie sind häufig nicht scharf umrissen […]; in solchen Fällen kann die Frage nach der Zuordnung zu einer Kategorie […] nur mit einem bedingten Ja oder Nein beantwortet werden.“[10]

Ein Beispiel für die Unschärfe von Kategorien sind die folgenden Aussagen aus einem Versuch Lakoffs.[11]

- Ein Spatz ist ein Vogel. (wahr)
- Ein Küken ist ein Vogel. (weniger wahr als a)
- Ein Pinguin ist ein Vogel. (weniger wahr als b)
- Eine Fledermaus ist ein Vogel. (falsch oder fern davon, wahr zu sein)
- Eine Kuh ist ein Vogel. (absolut falsch)

Die Unschärfe entsteht hier dadurch, dass ein relativ augenfälliges Merkmal wie z.B. [kann fliegen] auch auf die Fledermaus zutrifft, was sie wieder näher an den Vogel rückt, obwohl sie biologisch gesehen, wie bereits erwähnt, weit davon entfernt ist. Einem Pinguin hingegen fehlt zwar das wichtige Merkmal [flugfähig], aber er hat Federn und die Gestalt eines Vogels und rückt deshalb eher in die Nähe eines Vogels.

Als Ergebnis stellte sich heraus, dass periphere Vertreter einer Kategorie signifikant langsamer eingeordnet werden als zentrale Vertreter. Dies unterstreicht die Unschärfe der Kategorien.

[...]


[1] Vgl. Kleiber, Georges: Prototypensemantik. Eine Einführung. Tübingen 1993. S. 4.

[2] Vgl. Blank, Andreas: Einführung in die lexikalische Semantik. Für Romanisten. Tübingen 2001. S. 46.

[3] Vgl. ebd. S. 45.

[4] Vgl. Blank, Andreas: Einführung in die lexikalische Semantik. Für Romanisten. Tübingen 2001. S. 46.

[5] Vgl. Heider, E. R.: “Focal“ Color Areas and the Development of Color Names, In: Developmental Psychology 4 (1971), S.447.

[6] Vgl. Taylor, J. R.: Linguistic categorization. Prototypes in linguistic theory. Oxford 1995. S. 40.

[7] Vgl. Blank, Andreas: Einführung in die lexikalische Semantik. S. 46.

[8] Vgl. Kleiber, Georges: Prototypensemantik. S. 31.

[9] Vgl. Rosch, Eleanor : Cognitive reference points. In: Cognitive Psychology 7 (1975) S. 544.

[10] Vgl. Kortmann, Bernd : Linguistik: Essentials. Berlin 1999. S. 175.

[11] Vgl. Kleiber, Georges: Prototypensemantik. S. 35.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ein Einblick in die Prototypensemantik
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Einführung in die gegenwartsbezogene Sprachwissenschaft am Beispiel. Lexikalische Semantik.
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V288842
ISBN (eBook)
9783656890836
ISBN (Buch)
9783656890843
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Semantik, lexikalische Semantik, Sprachwissenschaft, Prototypensemantik
Arbeit zitieren
Sabrina Cornelii (Autor), 2006, Ein Einblick in die Prototypensemantik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288842

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