Die Argumentation zur Legitimation der Bekämpfung von Terrorismus

Sprachgeschichtlich betrachtet am Beispiel zweier Reden


Seminararbeit, 2013

46 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Ausgangslage

Argumentationslinien

Sprachliche und rhetorische Besonderheiten

Conclusion

Literatur- & Quellenverzeichnis

Eidesstaatliche Versicherung

Anhang
1) Rede Fischer
2) Rede Goebbels

Einleitung

Die folgenden Seiten vergleichen die Reden von Joseph Goebbels vom 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast und die des ehemaligen Bundesaußenministers Joschka Fischer vom 08. November 2001 vor den Mitgliedern des deutschen Bundestags. Themenschwertpunkt der beiden Reden sind jeweils außenpolitische Lagen und die Begründung bewaffneter Auseinandersetzungen zur Bekämpfung des Terrorismus. Die jeweilige Definition von Terrorismus differenziert sich aufgrund der kontextuellen zeitlichen Gegebenheiten und Bezüge. Auch die Adressaten unterscheiden sich zunächst. Wohingegen Herr Fischer sein Anliegen an die Mitglieder des deutschen Bundestages richtet, führt J. Goebbels seine Erklärungen an geladene Zuhörer im Berliner Sportpalast und zugeschaltete Hörer vor den Rundfunkgeräten. Schwerpunkt des Vergleichs werden die jeweiligen Argumentationslinien und die sprachlichen Besonderheiten, insbesondere die Verwendung rhetorischer Mittel im sprachgeschichtlichen Kontext sein. Auffälligkeiten der sprachlichen Mittel des Dritten Reichs sollen nach Möglichkeit aufgezeigt und sprachgeschichtlich betrachtet werden. Inwiefern unterscheidet sich die Argumentation von J. Fischer von der von J. Goebbels ? Das Ziel ist dasselbe, aber welche Änderungen in der Sprache haben sich daraus ergeben? Als Grundlage des Vergleichs dienen die Inhalte des Seminars „Sprachgeschichte“, aus dem Sommersemester 2013 und die Ausführungen von Victor Klemperer in seinem 1957 erschienen Werk „LTI. Notizbuch eines Philologen“. In Anbetracht der Länge beider Ausführungen, gerade der Rede von J. Goebbels, wird der folgende Vergleich sich nur auf die jeweils wesentlichen Punkte beschränken und Randaspekte außen vor lassen.

Ausgangslage

Die Umstände und damit der Anlass beider Reden sind außenpolitische Verwerfungen und Auseinandersetzungen. Der äußere Unterschied liegt zunächst darin, dass die ältere Rede von Goebbels bereits im Zustand des Krieges den absoluten Rückhalt in der Bevölkerung sucht, wohingegen die Rede von Fischer, auf Grund dieses vergangenen Krieges den Rückhalt zunächst im Bundestag und darauf aufbauend, in der Bevölkerung, für einen aktuellen kriegerischen Zustand sucht. Der geschichtliche Kontext demnach aus den Lehren der Vergangenheit aufbaut, sogar wörtlich hierauf verweist1. Damit gibt es zunächst einen ersten Aspekt äußerlicher Zusammenhänge. Ein weiterer interessanter Punkt ist, dass beide Redner als Ausgangslage ihrer Rechtfertigung eine terroristische Gefahr sehen, die in irgendeiner Weise bedrohend für das Land ist. Bei Fischer stellt sich diese Gefahr in Form von Taliban in Persona von Osama Bin Laden und den Angriffen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center dar2. Goebbels sieht in seiner Rede hingegen die Offensive der Roten Armee gegen die Wehrmacht und die daraus resultierenden Effekte als eine Gefahr. Dezidiert, wird die mit der Sowjetunion verbundene Angst, als terroristische Gefahr ausgelegt3. Da beide Reden allerdings keine genaue Definition von Terrorismus offenlegen, wird der Bezug aus der Dudendefinition4 übernommen. Darauf aufbauend wird davon ausgegangen, dass die politische zur Wehrsetzung beider Redner nur durch militärische Mittel zu erreichen ist, da beide Reden Ziel eben dieser sind. Die bis hierhin zunächst offensichtlich erscheinenden Grundlagen der Rechtfertigung sollen aber an dieser Stelle zunächst nur beispielhaft für eine mögliche ähnliche Argumentationslinie im Raum stehen und sind nicht

Hauptaspekt der weiteren Auseinandersetzung. Im weiteren Verlauf ist zunächst zu betrachten wie genau die Argumentationslinien verlaufen, die als Drehscheibe der sprachlichen Verwendung dienen. Als Einstieg kann an dieser Stelle dennoch dienen, dass die bis hierhin aufgezeigten Beispiele bei Goebbels -wie auch bei Fischer, Angst vor einem bedrohlich erscheinenden Feind, Grundlage einer kriegerischen Rechtfertigung sind und damit bis hierhin zeitlos erscheint.

Argumentationslinien

Beginnend bei Fischer, der zu Beginn seines Legitimationsversuches, direkt den Verweis auf die Verantwortung und Schwierigkeit lenkt und damit ziemlich am Anfang „die Alles oder Nichts“ Frage stellt („Krieg oder Frieden“5 ). Diese denn auch sogleich mit der Vergangenheit verknüpft und somit die prekäre Frage sehr deutlich macht. Hieran anknüpfend folgt eine weitere Ausführung über die Schrecken, die ein Krieg mit sich bringt. Dabei verweist Fischer gleich darauf, dass es immer auch zivile Opfer geben wird, der „klinisch-saubere Krieg6 “ demnach nicht möglich ist. Auf dieser Grundlage fängt Fischer an die Fronten zu verdeutlichen und sieht den Angriff deutlich auf Seiten der Attentäter, damit den aus Afghanistan operierenden Taliban unter Osama Bin Laden7. Damit deutet er auf eine elementare Erkenntnis hin, dass nicht alle außenpolitischen Belange humanitär gelöst werden können8. Eine eklatante Feststellung, wenn man in Betracht zieht, dass die Lehren aus der Vergangenheit sagen, dass Krieg auf jeden Fall vermieden werden soll, wie Fischer es selbst zu Beginn erwähnt. Er also aufgrund der schwierigen Situation gleich einbaut, dass kriegerische Einsätze, um die Frage Krieg oder Frieden, elementare Grundsätze darstellen. Bis hierhin ist demnach deutlich geworden, dass Fischer zwar eine grundsätzliche Entscheidung für oder gegen eine militärische Intervention, auf Grund der Vergangenheit des Landes, für schwierig hält und wenn, dann auf der Basis demokratischer Entscheidungen, das bisherige Verhalten aber für falsch ansieht. Er verpackt seinen Zuhörern die Entscheidung zu intervenieren unter dem Vorwand, dass sie zwar darüber abstimmen müssen, um dem Aspekt der Rechtstaatlichkeit gerecht zu werden, sieht aber keine Alternativen vor und scheint damit durch die Hintertür eine bereits fällige Entscheidung zu verkaufen. Diese Theorie erscheint deutlicher an einem späteren Punkt seiner Rede, an dem er aufführt, was passiert, wenn die Kriegsfrage dennoch mit einem Nein beantwortet würde9. Die Sicherheit des Landes wäre gefährdet. Zu einem noch späteren Zeitpunkt greift er die Perspektiven auf, die darauf abzielen, dass durch die militärische Intervention Maßnahmen getroffen werden können, die die Lage in dem Land verbessern werden und die Sicherheit von Europa und Amerika enorm erhöhen werden10. Fischer schließt seinen Vortrag mit einem abschließenden Appell an die Verpflichtungen, die man gegenüber den vereinten Nationen und für die Weltsicherheit hat, die mit der Entscheidung zur Ultima Ratio (Krieg) gestärkt und gesichert werden. Fischers Argumentationsverlauf ist schlüssig und baut auf der alles entscheidenden Frage auf, ob das Land an einer Intervention teilnimmt. Dabei baut er immer wieder grundsätzliche Punkte der Rechtstaatlichkeit und Verweise auf die Vergangenheit ein, die im Prinzip zwar den Kernaspekt des Krieges ablehnen, aber dazu dienen, mit Hilfe der militärischen Intervention diese Grundsätze zu sichern. Also mehr eine Erklärung einer Tatsache, die eigentlich keine akzeptable Alternative bietet.

Goebbels Rede verfolgt ein ähnliches Ziel, ist aber vom Grundsatz her eine Steigerung, des eigentlich schon andauernden Krieges. Goebbels Rede geht ähnlich der von Fischer, von einer Krisensituation11 aus. Nur sind bei Goebbels keine zivilen Gebäude und Insassen Opfer, sondern der Untergang der 6. Armee in Stalingrad, die zum Anlass genommen wird, die Bevölkerung auf eine „höhere“ Stufe des Krieges einzustellen. Zu Beginn seiner Rede stellt Goebbels den Zuhörern klar, dass eine riesige Menge dem Vortrag zugeschaltet ist und baut damit das Bild in den Zuhörern auf, an etwas Wichtigem und Entscheidenden teilzunehmen. Somit Teil eines „Großen und Ganzen“ zu sein, obwohl im Prinzip keine Möglichkeit des Ermessens besteht. Damit im Gegensatz zu Fischer, bei dem der Bundestag immer noch die Entscheidungsgewalt hat, aber von ihm theoretisch auf die Zustimmung eingestellt wird, nur eine Scheinentscheidungsmöglichkeit aufgebaut wird. Daraufhin folgt eine längere und ausführliche Darstellung der Situation, die nochmal die prekäre Lage erläutert12 und auf die nötigen Konsequenzen hindeutet. Abgesichert wird dieser Teil von einer erneuten längeren Ausführung darüber, dass man sich von vorne herein über die Schwierigkeit der möglichen Lage bewusst war, als man den Krieg gegen Russland 1941 begann und diese Tatsache darin mündet, nun umso entscheidender vorzugehen13, da sonst der Untergang Europas drohe. Somit die „Alles oder Nichts“ Entscheidung deutlich hervor hebt und deutlich keine Alternativen zulässt. Diese Darstellung der Situation und die daraus mündenden Folgen, dargestellt in drei Thesen, die dafür sorgen sollen die Gefahr abzuwenden, dafür aber in keinem Vergleich zu vorherigen Anstrengungen stehen, stellen zu diesem frühen Punkt bereits die getroffenen Entscheidungen im vollen Umfang dar. Die drei Thesen nehmen den Großteil des folgenden Verlaufs ein und lassen sich kurz zusammenfassen: Erstens, würde die Wehrmacht verlieren, so würde Europa untergehen. Zweitens, nur die Wehrmacht und ihre Verbündeten scheinen die Kraft zu haben diese Gefahr abwenden zu können.

Drittens, die Situation ist eilig, es muss schnell gehandelt werden. Diese Thesen werden daraufhin ausführlich erläutert, haben aber nur ein Ziel. Durch einen stetigen Abgleich früherer Erfolge und angeblicher Gefahren aus dem Osten, soll die Bevölkerung eingestimmt werden härtere Maßnahmen im Alltag zu ertragen. Es soll mehr kriegsdienlich gewirtschaftet und gearbeitet werden, auf Luxusgüter ein Verzicht entstehen und die eigene Person der Sache des Sieges über den Bolschewismus geopfert werden. Jedoch ist die Idee, diesen Zustand nur für den Zeitraum des Krieges anzuhalten und bei einem Sieg schnell wieder rückgängig werden zu lassen, sodass auch gewohnte Luxusgüter wieder vorhanden sind. Also eine Verlockung der Zuhörer alles zu geben, auch wenn es noch so beschwerlich ist, da bei einem Sieg die Belohnung erwartet wird. Goebbels Argumentationsverlauf macht von vorne herein klar um was es geht: Die Existenz. Dies erfordert Opfer, die man gemeinsam meistern kann und bringen soll. Eine längere Ausführung der Lösung zeichnet ein klares „schwarz - weiß“ Bild der Situation, die nur die deutsche Bevölkerung als Sieger hervor gehen lassen kann. Damit unterscheiden sich die beiden Reden im Argumentationsverlauf deutlich. Die zu Beginn genannte Ähnlichkeit, was zumindest das Ziel anbelangt, verschwimmt, wenn man sieht wie Fischer zwar die Schwierigkeit und Not der Situation erläutert, aber immer wieder einschiebt, dass die richtige Antwort eine militärische Intervention darstellt. Goebbels setzt den kritischen Status der Situation zwar auch zu Beginn und macht von vorne herein klar, dass es nur den einen Weg gibt, geht aber daraufhin rein auf die Einstellung ein und lässt das eigentliche Ziel mit der Gesinnung der Zuhörer verschwimmen, sodass die Konsequenzen im geglaubten schnellen Sieg verschmelzen.

Sprachliche und rhetorische Besonderheiten

Beginnend mit der Rede von Fischer soll in diesem Teil zunächst herausgestellt werden, welche Besonderheiten an Sprache und Rhetorik in den jeweiligen Reden auffallend und erwähnenswert erscheinen. Im Anschluss daran sollen diese, in Abhängigkeit des zeitlichen Kontextes, verglichen werden.

Der Sprachstil in der Rede von Joschka Fischer ist durchgehend ein verständlicher, um nicht Alltagssprache zu sagen, mit wenigen Fremdwörtern durchsetzte Rede. Bei dem ersten Durchlesen fallen keine Stellen auf, die ein Verständnisproblem aufwerfen. Viel mehr fällt es auf, dass die Position des Redners, sich abhängig von dem gerade beschriebenen Element, zwischen der Einbeziehung und Nähe der Zuhörer schwankt und distanziert wirkt. Dieser Aspekt fällt direkt in den Anfängen auf, wenn man betrachtet, dass im zweiten Absatz14 von „einer zentralen Entscheidung […] Deutschland tut sich schwer“, die Position außerhalb des Zuhörerkreises liegt. Aber bei dem darauf folgenden Absatz „Insofern haben wir eine Verantwortung“, die Position auf Augenhöhe wechselt, und die Zuhörer direkt mit einbezogen werden. Dieser Aspekt ist wiederholt zu beobachten15 und ist ein charakteristisches Mittel dieser Rede, um die eigene Position und die Position, in die die Zuhörer gerückt werden sollen, deutlich zu machen. So werden immer, wenn es um die Sicherheit und die Wichtigkeit der Entscheidung geht, die Zuhörer auf Augenhöhe angesprochen und wenn die Sprache auf den potenziellen Gegner fällt, eine direkte Redewendung vermieden und dadurch eine implizierte Entfremdung hervorgerufen. Weiter ist auffällig, dass besonders bildreiche Beschreibungen an bestimmten Stellen auftreten, die dem Zuhörer die Situation in besonderer Weise aufnehmen lassen und besonders negative Assoziationen verstärken. So wird auch direkt zu Beginn von der Menschenwürde gesprochen, „die mit Füßen getreten wird“16 und einige Absätze weiter auf „mörderische Attentate“17 verwiesen. Betrachtet man den Wortschatz als Spiegel der Zeit, so ist auffällig, das die Wörter: „wir“; “uns“; “Unterstützung“; “gemeinsam“; “Terror“ und „Verpflichtung“ besonders häufig Verwendung finden. Von dieser These ausgehend, so erscheint die Situation als eine, in der besonderer Zusammenhalt und Entschlossenheit gesucht werden. Dabei werden schwierige Entscheidungen getroffen werden, die nicht ohne Hilfe erfolgreich durchführbar sind. Im Anbetracht der inhaltlichen Aspekte kann man zu diesem Zeitpunkt festhalten, dass die Rede von Joschka Fischer ein perfektes Zusammenspiel von Rhetorik und Inhalt bildet, die das Ziel der Rede und die Entscheidungsfindung zum militärischen Einsatz in besonderer Weise darstellen und untermauern.

Goebbels Rede ist ein riesiger Fundus für Belege von Besonderheiten. Dabei wird sich der folgende Abschnitt aber nur an wenigen auffälligen Aspekten orientieren, die klassisch für die Sprache der Zeit sind und sich von den Aspekten der vorangegangen Rede stark unterscheiden. Die Rede scheint zunächst auf den ersten Blick verständlich und in einfacher Sprachwahl gehalten, arbeitet jedoch an einigen Stellen mit Fremdwörtern, die erst bei genauerer Betrachtung und Überlegung erschließbar sind. So ist im fortgeschrittenen Teil die Rede von „[…] das teuflische Ferment der Dekomposition“18, was so viel bedeutet wie, die teuflische gärende Zersetzung, welches der Masse an Zuhörern bei durchschnittlicher Bildung nicht geläufig sein dürfte. Heute, wie auch zum Zeitpunkt der Rede. Das Wort „Zersetzung „spielt nach Vitor Kemperer darüber hinaus in der Sprache des III. Reich seine zentrale Bedeutung und wird zur „negativen Ergänzung“ angefügt19. Sinnbildliche Dopplung eines einprägsamen Faktors. An anderer Stelle taucht der Begriff „Mimikry“20 auf. Dieses stammt aus der Biologie und bezeichnet die Fähigkeit der Täuschung im Tierreich. Ein solch fachspezifischer Terminus ist in der Regel nur Personen mit dementsprechendem Fachwissen oder dem dazugehörigen Bildungsstand bekannt und damit wiederum nicht jedem Zuhörer verständlich. Da Goebbels ansonsten häufig in der Ich- Form von sich selber redet und die Zuhörer durch Verwendung von Schlagworten wie, „Wir“ oder „Uns“21 mit einbezieht, ist auch in dieser Rede ein häufiger Perspektivwechsel zu erkennen. Allerdings wird hierbei der Zuhörer scheinbar einbezogen, aber durch Verwendung häufiger Fremdwörter auf Distanz gehalten. Dadurch entsteht ein Verhältnis wie zwischen Mentor und Schüler, ein Abhängigkeitsverhältnis, welches den Redner in besserem Wissen und Übersicht dastehen lässt.

„Nicht der Geist ist Sieger, es geht nicht ums Überzeugen, nicht einmal die Übertölpelung mit den Mitteln der Rhetorik bringt die letzte Entscheidung zugunsten der neuen Lehre, sondern das Heldentum […]“22

Ein von Klemperer angeführter Punkt, der unter anderem in der Rede von Goebbels erhöhte Verwendung findet, ist die Begründung von „Heroismus“. Die Darstellung von Heldentum zu Legitimierung „großer Taten“. Goebbels verwendet den Begriff mehrmals im Zusammenhang von Niederlagen, die dennoch „heldenhaftes“ Verhalten zeigen23 sollen. Eine Umkehrung des eigentlichen Geschehens durch Überlagerung fremder Tatsachen. Denn was genau heldenhaft ist oder erscheint wird nicht erklärt und kann demnach auch kaum beobachtet worden sein, denn von Quellen die etwaiges berichteten ist keine Rede. Es wird schlichtweg vorausgesetzt, denn damit liefert man eine Vorlage für das weitere Ziel.

Eine andere Sache, die dem Heldentum fast verwandt, und äußerst auffällig erscheint, ist der Fanatismus, der beim Zuhörer erzeugt werden soll. Ein aktuell durchaus negativ besetzter Begriff. Bei ersten Assoziationen fallen Verknüpfungen zur Religion oder ekstatischen Krampfzuständen ein. Jedoch die Überlegung, dass eine Verschleierung der Realität dafür sorgen kann, dass rationales Denken beim Zuhörer ausgeschaltet wird, kann man Goebbels in seiner Rede unterstellen, dass damit die Umsetzung seiner Ziele bei den Hörern Anklang finden. Vergleicht man die Reaktionen, die auf Fragen ins Publikum münden und gerade am Ende der Rede bis zum äußersten getrieben werden24, so liegt dieser Schluss nahe.

„[…] In all seiner Blutgier und Grausamkeit ist nämlich der Fanatismus eine große und starke Leidenschaft, die das Herz des Menschen erhebt, die ihn den Tod verachten läßt, die ihm mächtigen Schwung verleiht und die man nur besser lenken muß, um ihr die erhabensten Tugenden abzugewinnen[…]“.25

Klemperer weist in seinem Werk LTI ausführlich daraufhin hin, dass Fanatismus elementarer Bestandteil der Überzeugungswirkung im III. Reich gewesen ist und zitiert dabei mehrmals ältere Quellen zu diesem Thema. Dazu zählt auch das oben genannte Zitat von Bayle. Dabei soll deutlich werden, dass Fanatismus nicht erst seit 1933 als Gefahr bekannt war und die Menschen sich haben blenden lassen. Die Reaktionen der Rede belegen dies deutlich.

Conclusio

Es soll bis hierher keine Illusion darüber entstehen, dass die beiden Redner sich ferner nicht stehen könnten. In ihrer Überzeugung, Einstellung und vor allem Ideologie. Die Verbindung besteht in erster Linie in den Anlässen der beiden Reden. Jeweils ist eine Gefahr und der Weg zu Opfern Anlass den Zuhörern die Überzeugung zu vermitteln das Richtige zu tun. Ob dies jetzt objektiv gesehen richtig erscheint oder sein soll, liegt nicht im Ermessen dieser Auseinandersetzung. Wie Eingangs aufgeführt, soll jedoch eine Entscheidung der Zuhörer weiteres Vorgehen ermöglichen. Die Argumentationslinien haben gezeigt, dass nur in den Anfängen der Reden Ähnlichkeiten bestehen und eine konkrete Gefahr den weiteren Verlauf der jeweiligen Reden bestimmt. Nach dieser Feststellung trennen sich die Argumentationsweisen, wie bereits erwähnt, in eine befürwortende, erklärende Aufführung bei Fischer und eine feststellende impliziert, beeinflussende Rede bei Goebbels. Die Lehren der Geschichte, die mitunter auf die Rede von Goebbels zielen, finden bei Fischer starken Anklang und bilden sich deutlich in seiner Sprache wieder. Die Erklärungen sind eingänglich, unkompliziert und versuchen objektiv gehaltvoll zu erscheinen. Die erwähnte Theorie, dass Sprache ein Spiegel der Zeit darstellt, scheint zu zutreffen, wenn Lehren aus der Vergangenheit sich mitunter auch auf die Sprache beziehen. Klemperer stellte schon ein Jahr nach dem Ende des 2. Weltkrieges fest, dass der Begriff „fanatisch“ komplett aus dem Sprachgebrauch verschwunden ist26. Das bildet die Rede von Fischer gut ab, indem sie gegenpolähnliches Pendant zur Rede von Goebbels bildet, was die Sprache anbelangt.

[...]


1 S. Anhang Rede Fischer Z.13 f.

2 S. Rede Fischer Z. 122 ff.

3 S. Rede Goebbels Z.218 f.

4 „Einstellung und Verhaltensweise, die darauf abzielt, [politische] Ziele durch Terror durchzusetzen“

5 S. Rede Fischer Z.12

6 S. Rede Fischer Z.27

7 S. Rede Fischer Z.38 f.

8 S. Rede Fischer 44 ff.

9 S. Rede Fischer Z.105

10 S. Rede Fischer Z.145 ff.

11 S. Rede Goebbels Z. 5

12 S. Rede Goebbels Z. 48 („ Die Stunde drängt“)

13 S. Rede Goebbels Z.111

14 S. Rede Fischer Z. 12 ff

15 Z. Bsp.: S. Rede Fischer Z. 37ff und Z.57

16 S. Rede Fischer Z.20 f

17 S. Rede Fischer Z.38

18 S. Rede Goebbels. Z.178

19 Vgl. V. Klemperer. LTI. Stuttgart: Reclam, 2007. S. 356

20 S. Rede Goebbels Z.250

21 S. Rede Goebbels u.a. Z. 259 und 267

22 Vgl. V. Klemperer. LTI. Stuttgart: Reclam, 2007. S. 10

23 S. Rede Goebbels Z.13,23 und 44

24 Vgl. Rede Goebbels Z. 834-862

25 Vgl. V. Klemperer. LTI. Stuttgart: Reclam, 2007. S. 79

26 Vgl. V. Klemperer. LTI. Stuttgart: Reclam, 2007. S. 84

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Die Argumentation zur Legitimation der Bekämpfung von Terrorismus
Untertitel
Sprachgeschichtlich betrachtet am Beispiel zweier Reden
Hochschule
Universität Kassel  (Sprachwissenschaft)
Note
1,2
Autor
Jahr
2013
Seiten
46
Katalognummer
V288845
ISBN (eBook)
9783656891024
ISBN (Buch)
9783656891031
Dateigröße
783 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
argumentation, legitimation, bekämpfung, terrorismus, sprachgeschichtlich, beispiel, reden
Arbeit zitieren
Sebastian Kleffner (Autor), 2013, Die Argumentation zur Legitimation der Bekämpfung von Terrorismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288845

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