Die wunderbare Wirklichkeit Lateinamerikas und der Surrealismus Europas im Vergleich anhand der Aufsätze von Alejo Carpentier


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
10 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Alejo Carpentier- Ein Sohn Lateinamerikas

3. Das Konzept der Wunderbaren Wirklichkeit Lateinamerikas

4. Der Unterschiede vom Real maravilloso zum Surrealismus

5. Schlussbetrachtung

6. Bibliographie

Die wunderbare Wirklichkeit Lateinamerikas und der Surrealismus Europas im Vergleich anhand der Aufsätze von Alejo Carpentier

1. Einführung

Alejo Carpentier gilt als einer der bekanntesten Autoren Lateinamerikas des 20. Jahrhunderts. Mit seinen Romanen und Aufsätzen prägte und vermittelte er die Auffassung Lateinamerikas auf der ganzen Welt.

Seine Studien reichen von der kubanischen Musik über afrokubanische Mythen bis hin zur Kunst und Literatur Lateinamerikas, die er oftmals in Vergleich zu der von ihm wahrgenommenen europäischen Kultur setzte. Durch viele verschiedene Einflüsse prägte sich seine Auffassung der Welt, die er in seinen Werken an den Leser vermittelt. Besonders seine Zeit im Kreise der bekanntesten Surrealisten Europas hatte einen großen Einfluss auf sein Schaffen. Carpentier vertrat diese surrealistischen Ansichten und übertrug sie auf das ihm bekannte Leben in Lateinamerika. Nach seiner Rückkehr in die kubanische Heimat erlebte er die Lebensweise und Kultur dort anders, als vor seinem Verlassen. Diese neuen Erkenntnisse formulierte er in seinem Prolog für den Roman El reino de este mundo und prägte dort den Begriff des real maravilloso, nachdem er die magische Realität der haitianischen Gesellschaft erlebt und kennengelernt hatte. Als er später diesen Prolog zu einem Aufsatz ausarbeitete, definierte er den Begriff genauer und übertrug ihn auf die Kulturen anderer nicht- westlicher Kulturen und Gesellschaften. Der Ursprung liegt für ihn jedoch weiterhin in Lateinamerika. Sein Begriff lo real maravilloso ist stark verbunden mit den surrealistischen Auffassungen, es gibt jedoch auch gravierende Unterschiede zwischen diesen beiden Begriffen. Auf diese Unterschiede und Gemeinsamkeiten möchte ich im Folgenden anhand der Essays von Alejo Carpentier, sowie seiner Biografie und den Einflüssen durch Weggefährten, eingehen und analysieren.

2. Alejo Carpentier- Ein Sohn Lateinamerikas

Alejo Carpentier wurde als Sohn eines Französischen Architekten und einer russischen Ärztin am 28. Dezember 1904 in Lausanne in der Schweiz geboren1 Er wuchs jedoch in Havanna, der Hauptstadt Kubas auf. Seine Eltern erzogen ihn bilingual, Französisch und Spanisch. Zudem verbrachte er mit seinen Eltern viele Monate in Frankreich, wo er auch eine französische Schule besuchte. Er hatte somit schon immer auch eine enge Bindung zu Europa, insbesondere zu Frankreich. Trotzdem betonte er immer wieder, dass er Kubaner sei, im Herzen und von der Herkunft her:« Yo me tengo por un cubano integral y estoy orgulloso de serlo»2 Er besuchte in Havanna das Gymnasium, um später, 1921, seinem Vater mit einem Architekturstudium zu folgen.3 Schon in seiner Jugend hatte er, dank des relativ hohen Lebensstandards seiner Eltern, einen breiten Zugang zu Europäischer Literatur, vor allem die Realisten Flaubert und Zolá faszinierten ihn.4 Da er in der Literatur und den Künsten seine Erfüllung verortete und auf Grund nicht genauer bekannter familiärer Probleme, brach er sein Studium schon nach wenigen Monaten ab, um für verschiedene kubanische Zeitungen zu schreiben. Außerdem trat er der sogenannten minoristischen Gruppe bei, deren Mitglieder in Kuba als politische Avangarde gesehen wurden und sich offen kritisch über Themen des öffentlichen Interesses äußerten. In den folgenden Jahren, von 1922 bis 1927 reiste er das erste Mal in andere lateinamerikanische Länder, lernte unter anderem den mexikanischen Wandmaler Diego Rivera kennen, dessen außergewöhnliche Werke ihn sehr begeisterten.5 1927 wird das Minoristische Manifest mit Carpentier als Mitautor veröffentlich, auf Grund dessen Carpentier verhaftet und ins Prado- Gefängnis gesperrt wird. Machado sah ihn als ernst zu nehmenden Unruhestifter an. 1928 gelingt dem wieder auf freien Fuß stehenden Carpentier die Flucht aus Kuba, hinein in die pulsierende surrealistische Szene Paris`. Dort herrschte zu seiner Ankunft ein reger Diskurs der Surrealisten über ihre Ideale, Carpentier sympathisierte hier eher mit den Gegnern André Bretons. Dieser hatte zuvor mit seinem 2. Surrealistischen Manifest viele seiner Kollegen erzürnt und gegen sich aufgebracht. Trotzdem lernte Carpentier auch Breton kennen und arbeitete mit ihm zusammen an der Zeitschrift La révolution surréaliste. In dieser Zeit erlernte er die surrealistische Methode des Texte- Verfassens, bei der es darum ging, einfach zu schreiben, ohne über den Sinn nachzudenken. In Paris entwickelt er sich zu einer Art Medium zwischen der Künstlerszene Lateinamerikas und dem dankbaren Publikum Europas.6 Unter anderem durch ihn fand die Literatur seiner Landsleute Eingang in das lesende und an neuem Interessierte Publikum des Westens, der sogenannte Boom latinoamericano erreichte Europa. Zudem veränderte sich durch seinen Aufenthalt in Europa seine eigene Sicht auf seine Heimat. 7 Er laß die Reiseaufzeichnungen von Kolumbus, setzte sich mit den Aufsätzen von Humboldts über Lateinamerika auseinander und suchte immer neue Beschreibungen über den Kontinent. Diese Lektüre entfernte ihn vom Gedanken des Surrealismus, da er diesen nicht mit der Realität in Lateinamerika verbinden konnte, jedoch sagt er selbst, dass er diese Erkenntnis niemals ohne den Surrealismus erlangt hätte :

América se me presentaba como una enorme nebulosa, que yo trataba de entender porque tenía la oscura intuición de que mi obra se iba a desarrollar aquí, que iba a ser profundamente americana […] He dicho que me aparté del surrealismo porque me pareció que no iba a aportar nada a él. Pero el surrealismo sí significó mucho para mí. Me ensenó a ver texturas, aspectos de la vida americana que no había advertido, envueltos como estábamos en la ola de nativismos traída por Güiraldes, Gallegos y José Eustasio Rivera. Comprendí que detrás de ese nativismo había algo más; lo que llamo los contextos: contexto telúrico y contexto épico político: el que halle la relación entre ambos escribirá la novela americana.8

1939 kehrte er schließlich nach Kuba zurück, um seine Eindrücke und Impressionen auf die Lateinamerikanische Kultur zu übertragen und seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Mit seiner Reise nach Haiti 1943 begann seine wichtigste Schaffensphase. Durch die dort erlebten Mythen und Rituale, durch das alltägliche Leben auf der Insel und die Geschichten, die man ihm dort erzählte wurde er für seinen Roman El reino de este mundo und den Aufsatz über Lo real marravilloso americano inspiriert. Die Veröffentlichung des Romans mit dem besagten Prolog erfolgte Venezuela, wo Carpentier bis 1959 lebte und arbeitete. Nach der siegreichen Revolution Fidel Castros und seinen Anhängern konnte auch Carpentier wieder in seine Heimat zurückkehren, wo er im Laufe der folgenden Jahre immer mehr und verantwortungsvollere Ämter einnahm, wie dem Lehrstuhl für Kulturgeschichte an der Universität von Havannna. Er formte so aktiv das Land in seiner neuen Ausrichtung mit und wurde eine wichtige und bekannte Persönlichkeit Kubas, die sogar an Universitäten in den USA Vorträge und Vorlesungen halten durfte. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Alejo Carpentier als Kulturattaché der kubanischen Regierung in Paris, wo er am 24. April 1980 starb.

3. Das Konzept der Wunderbaren Wirklichkeit Lateinamerikas

Der Aufsatz Lo real maravilloso americano war eigentlich als Prolog für den Roman El reino de este mundo gedacht und erstmals auch als solcher 1949 veröffentlich worden. Anstoß für diesen Aufsatz war seine Reise nach Haiti, die er explizit als den Beginn seiner Wahrnehmungen nennt: « Esto se me hizo particularmente evidente durante mi permanencia en Haití, al hallarme en contacto cotidiano con algo que podríamos llamar lo real maravilloso. »9 In den ersten drei Kapiteln beschreibt er seine Impressionen von Reisen nach China, die ehemalige Sowjetunion und Europa, deren Kulturen und Besonderheiten, die er aus verschiedenen Gründen nicht vollkommen begreifen konnte. Doch er bemerkt etwas Wunderbares in jeder dieser Kulturen, was teilweise jedoch schon lang vergangen war. So haben laut Carpentier Persönlichkeiten wie Luther oder Marco Polo das Wunderbare erlebt und seien somit europäische Vertreter der wunderbaren Wirklichkeit: «Marco Polo admitía que ciertas aves volaran llevando elefantes entre las garras, y Lutero vio de frente al demonio a cuya cabeza arrojó un tintero. »10 Doch ist es in diesen Gesellschaften verloren gegangen. Die industrialisierten westlichen Länder haben den Glauben in das Wunderbare verloren. Nur in Amerika ist es demnach noch zu finden, denn die Menschen dort haben noch diesen Glauben: « Para empezar, la sensación de lo maravilloso presupone una fe. Los que no creen en santos no pueden curarse con milagros de santos,[...] »11 Die Wirklichkeit erscheint also uns, den Nicht- Lateinamerikanern als so unglaublich wundersam, dass wir sie nicht begreifen können. Außerdem betont er, dass sein Konzept keineswegs literarisch zu verstehen ist, sondern den Alltag darstellt:

Hay un momento, en el sexto canto del Maldoror, en que el héroe, perseguido por toda la policía del mundo, escapa a “un ejército de agentes y espías” adoptando el aspecto de animales diversos y haciendo uso de su don de transportarse instantáneamente a Pekín, Madrid o San Petersburgo. Esto es “literatura maravillosa” en pleno. Pero en América, donde no se ha escrito nada semejante, existió un Mackandal dotado de los mismos poderes por la fe de sus contemporáneos, y que alentó, con esa magia, una de las sublevaciones más dramáticas y extrañas de la historia. Maldoror —lo confiesa el mismo Ducasse— no pasaba de ser un “poético Rocambole”. De él sólo quedó una escuela literaria de vida efímera. De Mackandal el americano, en cambio, ha quedado toda una mitología, acompañada de himnos mágicos, conservados por todo un pueblo, que aún se cantan en las ceremonias del Voudou. 12

Carpentier beschließt seinen Aufsatz mit einer Frage an den Leser, in der er als Schluss zieht, dass die Geschichte des Kontinents als eine Chronik der wunderbaren Wirklichkeit gilt: «¿Pero qué es la historia de América toda sino una crónica de lo real maravilloso? »13

4. Der Unterschiede vom Real maravilloso zum Surrealismus

Alejo Carpentier wollte mit seinem Begriff seine lateinamerikanischen Kollegen dazu auffordern, die amerikanische Realität auszudrücken14.

Seine Hauptfrage, die er mit dem Essay beantworten wollte war, wie man als Autor mit literarischen Mitteln die Geschichte Lateinamerikas ausdrücken und vermitteln könne.15 Dies steht im Widerspruch zu dem Konzept des Surrealismus, der eine antiliterarische Bewegung darstellte16. Jedoch ist er, genau wie das Real- Wunderbare auf die Kunst und das leben eingestellt und fokussiert. Trotzdem erscheint der Begriff Carpentiers lebendiger und dem Alltag näher, als die Ideen der Surrealisten. Laut Carpentier entsteht das Wunderbare aus der Wirklichkeit, nicht aus Rausch, Ekstase und Einbildung, wie im Surrealismus. Zudem lehnt sich das Konzept Carpentiers in der literarischen Gattung an den Realismus, der dem Leser die Wirklichkeit so genau und präzise wie möglich darstellen soll. Darauf aufbauend bezeichnet nun der Begriff in der Literatur Lateinamerikas die exakte Darstellung der wunderbaren Wirklichkeit durch die Autoren. Es handelt sich hierbei um wirklich Erlebtes nicht um Phantasien, das den Verfassern als Inspiration dient. Verschiedene Glaubensrichtungen, Mythen und Götterverehrung sind in Lateinamerika der Alltag. Carpentier sieht seinen Begriff daher eher als eine Anleitung für die Betrachtung von lateinamerikanischer Literatur, denn als literarische Gattung17. Man merkt deutlich die Abwendung Carpentiers von den Paradigmen des Surrealismus, er kritisiert ihn zum Teil sogar deutlich :

[...]


1 http://www.fundacioncarpentier.cult.cu/carpentier/cronolog%C3%AD-de-carpentier

2 L. Sainz de Medrano, , Historia de la literatura hispanoamericana desde el modernismo 1989.

3 Hermann Herlinghaus, Alejo Carpentier Persönliche Geschichte eines literarischen Moderneprojekts, München, 1991. S.171

4 Ebd. S.9

5 Ebd. S. 22

6 Hermann Herlinghaus: Alejo Carpentier Persönliche Geschichte eines literarischen Moderneprojekts, München, 1991. S. 42

7 María Antonia Beltrán- Vocal: Novela española y hispanoamericana contemporanea , Temas y técnicas narrativas: Delibes, Goyotisolo, Benet, Carpentier, García Márquez y Fuentes, Madrid, 1989. S.227

8 Ebd. S.228

9 Alejo Carpentier: Obras completas ensayos, México, 1990. S. 115

10 Alejo Carpentier: Obras completas ensayos, México, 1990. S. 114

11 Ebd. S. 114

12 Ebd. S. 116

13 Ebd. S. 116

14 María Antonia Beltrán- Vocal: Novela española y hispanoamericana contemporanea , Temas y técnicas narrativas: Delibes, Goyotisolo, Benet, Carpentier, García Márquez y Fuentes, Madrid, 1989. S.228

15 Hermann Herlinghaus: Alejo Carpentier Persönliche Geschichte eines literarischen Moderneprojekts, München, 1991. S. 86

16 Ebd. S. 85

17 Ebd. S. 90

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die wunderbare Wirklichkeit Lateinamerikas und der Surrealismus Europas im Vergleich anhand der Aufsätze von Alejo Carpentier
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
10
Katalognummer
V288875
ISBN (eBook)
9783656891284
ISBN (Buch)
9783656891291
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alejo Carpentier, Surrealismus, Real Maravilloso, Spanische Literatur, Kuba
Arbeit zitieren
Sandra Pein (Autor), 2014, Die wunderbare Wirklichkeit Lateinamerikas und der Surrealismus Europas im Vergleich anhand der Aufsätze von Alejo Carpentier, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288875

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die wunderbare Wirklichkeit Lateinamerikas und der Surrealismus Europas im Vergleich anhand der Aufsätze von Alejo Carpentier


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden