Soziale Benachteiligung adulter, männlicher AD(H)S-Patienten in der Leistungsgesellschaft


Hausarbeit, 2014

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung
2.1 Soziale Ausschließung
2.2 Normalität und Abweichung
2.3 Gesundheit und Krankheit
2.4 ADS und ADHS
2.4.1 Definition und Nomenklatur
2.4.2 Diagnoseverfahren und Symptomatik
2.4.3 Soziales Phänomen oder genetische Veranlagung
2.4.4 Therapie
2.5 Cognition-Enhancement
2.6 Leistung

3. Männliche Geschlechterrolle und AD(H)S
3.1 Rollenerwartungen
3.2 Geschlechterrolle im Widerspruch zur AD(H)S-Symptomatik
3.3 Fehlende Selbstfürsorge bei männlichen AD(H)S-Patienten
3.4 Die neue Männlichkeit

4. Ausschluss durch Krankheit
4.1 Selbstverantwortung und Gesundheit als Norm
4.2 Krankheit auf dem Arbeitsmarkt
4.3 Medikamentöse Lösungsstrategien

5. Sozioökonomische Aspekte der AD(H)S

6. Hochbegabung und Kreativität bei AD(H)S

7. Fazit

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Die Aufmerksamkeitsdefizit(hyperaktivitäts)störung bei Erwachsenen ist ein aktuell diskutiertes Thema in den Medien.1 Die ursprüngliche Kinderkrankheit wird immer häufiger auch rückwirkend bei Erwachsenen diagonstiziert. Mit einer Prävalenz von 3,1% (vgl. Krause und Krause 2014, S. 15 nach Fayyad et. al. 2007) in Deutschland ist AD(H)S im Erwachsenenalter keine Ausnahme mehr. Oft zeigen sich die Symptome erst in schwierigen Lebenssituationen und die Betroffenen begeben sich in therapeutische Behandlung. Arbeitsplatzverlust, Ehescheidung oder kriminelle Auffälligkeit können Auslöser sein um nach Gründen für erschwerte Lebensbedingungen zu suchen. Die gesellschaftlichen Umstände, Leistungs- und Normanforderungen führen oft zu Zurückweisung der Betroffenen. Besonders verstärkt werden diese Erwartungen durch die geschlechterspezifischen Rollenbilder, denen entsprochen werden muss um gesellschaftlich anerkannt zu sein.

Deshalb möchte ich mich in der vorliegenden Arbeit folgender Frage widmen:

Inwieweit sind männliche, adulte AD(H)S-Patienten in einer kapitalistischen Gesellschaft von sozialen Benachteiligungs- und Ausschließungsprozessen betroffen?

Besonders möchte ich auf die Anforderungen der an Wirtschaftlichkeit und Leistung orientierten Gesellschaft eingehen und erforschen welche Faktoren des männlichen Rollenbildes und der AD(H)S-Symptomatik zum Ausschluss von gesellschaftlichen Ressourcen führen können.

2. Begriffsbestimmung

2.1 Soziale Ausschließung

Erstmals wurde der Begriff Soziale Ausschließung2 auf einer UNESCO-Armutskonferenz im Jahr 1964 verwendet. Dabei wurde Sozialer Ausschluss als ein Phänomen von ausgrenzender Armutskultur gesehen, war stark mit dem Begriff der Armut verknüpft und wurde als beschönigender Begriff für eben diese benutzt. Armut und damit auch Sozialer Ausschluss wurden in der politischen Debatte noch vorwiegend als selbstverschuldetes Problem angesehen. Der Staat hatte dabei weniger die Aufgabe Sozialen Ausschluss zu vermeiden als die Disziplin und Arbeitsmoral zu bewahren. Um Soziale Ausschließung als strukturelles Problem ansehen zu können, musste besagtes Problem so weit verbreitet sein, dass ein Selbstverschulden als einzige Ursache ausgeschlossen werden konnte (vgl. Steinert, 2000 S.7ff.). In den Sozialwissenschaften wurde der Begriff durch Luhmann's 1994 verfassten Aufsatz über „Inklusion und Exklusion“ etabliert. Darin erörtert er, dass ein Ausschluss immer auch mit einer Zugehörigkeit zu einem anderen System verbunden sei und Inklusion und Exklusion keine Gegenteiligen Begriffe sind (vgl. Steinert 2000, S.9 und 15). Damit lässt sich eine Abstufung von sozialem Ausschluss feststellen. Steinert nennt dabei neben der „wirtschaftliche[n, Anm. des Verfassers] Ausschließung“ auch „politisch-administrative“ die „soziale“ und „sozial-administrative“ Ausschließung (Steinert 2000, S. 9). Soziale Ausschliessung wird also als mehrdimensionales, mehr strukturell als personell bedingtes Problem definiert und die Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen als Lösungsansatz betrachtet. Vorraussetzung für sozialen Ausschluss ist vor allem die Kategorisierung von Menschen oder Gruppen und der Konflikt von Teilhabe an gesellschaftlich erzeugten Gütern (vgl. Steinert 2000, S. 17). Insbesondere möchte ich mich in dieser Arbeit mit der Kategorien gesund und krank beschäftigen. Auch, inwieweit die Befindlichkeit in einer dieser Kategorien selbstverschuldet, unverschuldet oder strukturell bedingt ist, ist im Folgenden zu diskutieren.

2.2 Normalität und Abweichung

„[Bei Normalität in seinem Alltagsverständnis wird, Anm. des Verfassers] wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass normale Handlungsweisen oder Personen von solchen unterschieden werden können, die in irgendeiner Weise außergewöhnlich, unpassend, störend, irritierend usw. sind.“ (Stehr 2006, S. 130) Normalität und Abweichung gelten weithin als sich gegenüberstehende Kategorien. So entstehen Formen des Sozialen Ausschlusses, die verschiedene Einschränkungen im Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen nach sich ziehen können. Diese binäre Etikettierung lässt sich in verschiedenen Kontexten wiederfinden. Es bilden sich zwei gegensätzlich Kategorien wie Täter oder Opfer, lasterhaft oder tugendhaft, Norm erfüllt oder nicht erfüllt. (vgl. ebd., S. 130ff.) Auch gesund oder krank, männlich oder weiblich, leistungsbereit oder leistungsschwach können solche Kategorien darstellen.

2.3 Gesundheit und Krankheit

Die WHO3 definiert Gesundheit als einen Zustand vollkommenen physischen, mentalen und sozialen Wohlbefindens. Dass nach dieser Definition die wenigsten Menschen gesund sind, ist offensichtlich. (vgl. Walcher-Andris 2013, S. 61) Ich möchte mich stattdessen eines normativen Verständnises von Gesundheit und Krankheit bedienen. Dabei tragen gesellschaftlich geschaffene Werte und Normen grundlegend zum Verständnis von Krankheit bei. Krankheit ist demnach eine Abweichung der gesellschafltichen Norm von geistiger oder körperlicher Leistungsfähigkeit. (vgl. ebd., S. 52ff.) „Die Festsetzung einer Norm kann dazu führen, dass ein Mensch, wenn er ihr nicht entspricht, möglicherweise als krank gilt, obwohl er sich nicht krank fühlt.“ (ebd., S. 55)

2.4 ADS und ADHS

2.4.1 Definition und Nomenklatur

Aufmerksamkeitsstörungen werden in unterschiedlichen Definitionen und damit verbunden Diagnoseverfahren beschrieben. ADHS wird 1978 in der International Statistical Classifaction of Diseases and Related Health Problems in der neunten Auflage4 unter dem Begriff des „hyperkinetischen Syndroms des Kindesalters mit Störung von Aufmerksamkeit und Konzentration“ (Krause u. Krause 2014, S. 5) erstmals als eigenständiges Krankheitsbild abgegrenzt. Im Jahr 1980 erfolgte die Erfassung im Diagnostical and Statistical Manual of Mental Disorders in der dritten Auflage5 unter dem Namen „Attention Deficit Disorder“ (vgl. ebd.). Die Symptome einer Aufmerksamkeitsstörung zeigen sich bereits im frühen Kindesalter, besonders durch Verhaltensauffälligkeiten (vgl. Banaschewski et al. 2013, S. 7). „Eine Erstmanifestation der Störung im Erwachsenenalter ist nicht plausibel“ (Krause u. Krause 2014, S. 9). Im Verlaufe dieser Arbeit möchte ich mich überwiegend auf die Definition laut DSM-IV beziehen, da hier eine Persistenz der Krankheit in das Erwachsenenalter zugelassen wird.

Verschiedene Verlaufsstudien haben das Fortbestehen der Störung bis in das Erwachsenenalter untersucht. Dabei wurden Persitenzraten von 4 bis zu 70% festgestellt. Bedingt wurde diese große Breite von Ergebnissen auch durch die Voraussetzung, dass eine große Anzahl der Symptome fortbestehen mussten (vgl. Krause u. Krause 2014, S. 11-13). So hat sich gezeigt, dass besonders die „Kernsymptome Hyperaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit“ (Banaschewski et al. 2013, S. 9) bei Erwachsenen stark zurückgeht (vgl. ebd.).

Das DSM-IV unterscheidet drei Typen von Aufmerksamkeitsstörungen. Die Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung als vorwiegend unaufmerksamer Typus (314.00), als vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typus (314.01) und als Mischtypus (314.01) (vgl. ebd., S. 6). Der hyperaktiv-impulsive Typus wird allgemein oft als ADHS, der vorwiegend unaufmerksame Typus als ADS bezeichnet. So soll es auch im folgenden Text verstanden werden.

2.4.2 Diagnoseverfahren und Symptomatik

Im DSM-IV sind die Kernsymptome für Kinder definiert. Je nach Ausprägungsgrad von Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität kann eine bestimmter Typus AD(H)S diagnostiziert werden (vgl. Roy 2012a, S. 36).

Um besonders der Variation der Kernsymptomatiken laut DSM bei Erwachsenen gerecht zu werden, wurden 1998 die Wender-Utah-Kriterien entwickelt, die eine genaue Diagnose im Erwachsenenalter sicherstellen sollen. Neben Aufmerksamkeitsschwäche und Hyperaktivität müssen zwei der Merkmale „Affektlabilität [...] Desorganisiertes Verhalten […] Affektkontrolle […] Impulsivität […] Emotionale Überreagibilität“ (Roy 2012a, S. 38) vorhanden sein (vgl. ebd.). Die Betroffenen haben in der Regel ein negative Selbsteinschätzung (vgl. Krause und Krause 2014, S. 81ff.) und eine geringe Stress- und Frustrationstoleranz welche häufig in der Einnahme von Alkohol, Nikotin oder Drogen bewältigt wird (vgl. ebd., S. 106ff.). Wie ebendiese Symptome Soziale Ausschließung verursachen können, wird im folgenden Text untersucht.

Besonders zu beachten ist, dass einige psychiatrische Störungen sehr ähnliche Symptome aufweisen und deshalb eine umfassende Befragung des/der Patient_in erforderlich ist (vgl. Roy 2012a., S.52). Es können auch verschiedenste komorbide Störungen auftreten. Ein Ausschluss von körperlichen Erkrankungen, die zu AD(H)S-ähnlichen Symptomen führen können, ist ebenfalls erforderlich (ebd., S. 62f.).

2.4.3 Soziales Phänomen oder genetische Veranlagung

Die Debatte um AD(H)S als soziales Phänomen ist zunehmend Teil einer öffentlichen DIskussion. Dazu möchte ich erläutern welche Verständnis der Krankheit in dieser Arbeit als Grundlage dienen soll. AD(H)S wird heute in der Wissenschaft zunehmend als heterogene Störung betrachtet, die sowohl genetisch veranlagt als auch sozial bedingt ist. Dabei haben soziale Faktoren wiederum rückwirkenden Einfluss auf genetische Veranlagung der Kinder. Auch prä-, peri- und postnatale Risikofaktoren werden als Teil der Ursachen von AD(H)S gesehen (vgl. Banaschewski et al. 2013, S. 1-3). Dazu zählen „Rauchen während der Schwangerschaft, sowie Stresssymptomatik der Mutter […] Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht und Geburtskomplikationen […] sowie soziale und Erziehungsfaktoren“ (Banaschewski et al. 2013, S. 1), die eine Ausprägung der Krankheit begünstigen können (vgl. ebd.).

2.4.4 Therapie

AD(H)S lässt sich sowohl medikamentös als auch verhaltenspsychologisch und tiefenpsychologisch therapieren. Oft wird eine Kombination aus den verschiedenen Therapieformen empfohlen (vgl. Krause u. Krause 2014, S. 217ff.; vgl. Roy et. al. 2012b, S. 65ff.). „[Die Behandlung der AD(H)S] basiert auf den 3 Säulen Psychoedukation, Psychotherapie und medikamentöse Therapie.“ (Banaschewski et. al. 2013, S. 40) Die Behandlung mit Methylphenidat, d-Amphetamin und Atomoxetin kann für Erwachsene in Betrachtet gezogen werden (vgl. Krause u. Krause 2014, S. 217; vgl. Roy et. al. 2012b, S. 65ff.). Alle erwähnten Medikamente erhöhen die Konzentrationsfähigkeit und bewirken „ […] in einer therapeutischen Dosis eine Verringerung der Unruhe und ein gleichmäßigeres Aktivitätsniveau […] “ (Roy et. al. 2012b, S. 66f.). Der Anteil der Erwachsenen AD(H)S PatientInnen zwischen 18 und 44 Jahren in den USA, die im Jahr 2003 medikamentös behandelt wurden liegt, bei einer Prävalenz von 4,4%, bei 11% der Betroffenen (vgl. Krause u. Krause 2014, S. 217).

2.5 Cognition-Enhancement

Coginition-Enhancement bezeichnet den Einsatz von Medikamenten zur kognitiven Leistungssteigerung. „Enhancement bedeutet Steigerung, Verbesserung, Erhöhung, Erweiterung und so fort.“ (Walcher-Andris 2013 , S.49) Es besteht ein Diskurs, wann eine Medikamentierung notwendige Therapie und wann pharmakologische Verbesserung der eigenen Fähigkeiten über das normale Maß hinaus ist.

„Das Vorhandensein und die Breite einer Grauzone [zwischen Enhancement und Therapie, Anm. des Verfassers] hängen vom Krankheitsbegriff und zugleich vom jeweils zugrunde gelegten Gesundheitsverständnis ab.“ (ebd., S. 60) In einem normorientierten Gesundheitsverständnis stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit medikamentöser Behandlung zur Normanpassung.

[...]


1 Siehe dazu: „Wenn Zappelphillipp groß wird“ aus http://www.mt.de/lokales/service/portale/mt_gesund/aktuell/gesundheit_aktuell/20205593_Wenn-Zappelphillipp-gross-wird.html [Abruf am 21.08.]

2 oder auch Sozialer Ausschluss

3 World Health Organization

4 Im folgenden ICD-9 bzw. ICD-10

5 Im folgenden DSM-III bzw. DSM-IV

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Soziale Benachteiligung adulter, männlicher AD(H)S-Patienten in der Leistungsgesellschaft
Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt  (Fachbereich Soziale Arbeit)
Veranstaltung
Soziale Ausschließung und Partizipation: Staat - Gesellschaft -Soziale Arbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V288896
ISBN (eBook)
9783656891161
ISBN (Buch)
9783656891178
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ADHS, Patient, Soziale Arbeit, Leistungsgesellschaft, männlich, Geschlechterrolle
Arbeit zitieren
Jonas Richter (Autor), 2014, Soziale Benachteiligung adulter, männlicher AD(H)S-Patienten in der Leistungsgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288896

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