Bildungsbenachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem


Hausarbeit, 2012
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 „Migration“: Definition und Beschreibung
2.1 Der Übergang vom Ausländer- zum Migrationskonzept
2.2 Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland

3 Die Lage der Schüler/-innen mit Migrationshintergrund im deutschen Schulwesen
3.1 Der Besuch ausgewählter Schulen der Sekundarstufe
3.2 Der Besuch von Förderschulen
3.3 Kompetenzniveau der Schüler/-innen mit Migrationshintergrund im Überblick
3.4 Zusammenfassung

4 Erklärungsansätze für die Bildungsbenachteiligung von Schülern/ Schülerinnen mit Migrationshintergrund
4.1 Außerschulische Erklärungsansätze
4.1.1 Die kulturell- defizitäre Erklärung
4.1.2 Die humankapitaltheoretische Erklärung
4.2. Innerschulische Erklärungsansätze
4.2.1 Die Erklärung durch Strukturdefizite des deutschen Schulsystems
4.2.2 Die Erklärung durch institutionelle Diskriminierung

5 Strukturelle schulinterne Maßnahmen zur Verringerung der Bildungsdiskrepanz in Deutschland

Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Seit den Ergebnissen der internationalen und nationalen PISA-Studien sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in den Blickwinkel der bildungspolitischen Debatte gerückt. Das schlechte Abschneiden Deutschlands deutet darauf hin, dass das gegenwärtige Bildungssystem erneut durchschaut werden muss und mehreren Herausforderungen bevorsteht. Aufgrund der noch bestehenden Überrepräsentation von Kindern/

Jugendlichen mit Migrationshintergrund an Haupt- und Sonderschulen und derer Unterrepräsentation an Realschulen und Gymnasien ist ein relativer Schulmisserfolg und demzufolge eine starke Bildungsbenachteiligung dieser Schülerinnen und Schüler nicht zu bezweifeln (Ceri 2008: 23). Demnach lässt sich die Frage stellen, welche Ursachen für die Bildungsbenachteiligung dieser Kinder verantwortlich sind.

Die Bundesrepublik Deutschland wurde nach dem zweiten Weltkrieg infolge von angeworbener Gastarbeit, Familiennachzug, Vertreibung aus dem eigenen Land oder Wiederkehr von Zuwanderern zu eines der wichtigsten Ziele von Migranten und Migrantinnen in Europa. Außerdem hat sich die Mobilität der Menschen im Zuge der Globalisierung erhöht. Diese Entwicklungen haben zu einer multikulturellen Gesellschaft geführt: Bereits mehr als 16 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund (Deutscher Bundestag 2012) und noch sind sie nicht mit Chancengleichheit in der deutschen Gesellschaft integriert. „Die Befunde der PISA-Studie weisen bezüglich Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf ein immenses Versäumnis deutscher Bildungspolitik und Schulen hin. Ihre defizitären schulischen Karrieren und Leistungen stellen eine dauernde Gefährdung aller Integrationsbemühungen dar. Die Unfähigkeit deutscher Schulen, soziale Benachteiligungen auszugleichen oder abzumildern, schlägt hier besonders zu Buche“ (Heinrich-Böll-Stiftung: 189, zitiert nach Ceri 2008: 11).

Im Rahmen dieser Hausarbeit werde ich im ersten Kapitel den Begriff „Migration“ erläutert, um anschließend den sinnvollen Übergang vom Ausländer- zum Migrationskonzept in der Bundesrepublik zu begründen. Um die Ursachen für die Bildungsbenachteiligung darzustellen, wird im zweiten Kapitel die Lage der Schüler/-innen mit Migrationshintergrund im deutschen Schulwesen mithilfe empirischer Studien und Datenerhebungen beschrieben. Neben außerschulischen Erklärungsansätzen stehen insbesondere innerschulische Erklärungsansätze für die Bildungsbenachteiligung dieser Schüler/-innen im Mittelpunkt dieser Arbeit. Strukturdefizite des deutschen Bildungssystems, sowie institutionelle Diskriminierung werden hierbei kritisch betrachtet. Abschließend werden strukturelle schulinterne Maßnahmen aufgezeigt, mit denen die aktuelle Bildungsdiskrepanz mit einer höheren Berücksichtigung von Kindern mit Migrationshintergrund verringert werden kann.

2 „Migration“: Definition und Beschreibung

Das Wort „Migration“ stammt vom lateinischen migratio und bedeutet (Aus-)Wanderung bzw. Umzug. Mit der heutigen Globalisierung verlassen immer mehr Menschen ihre Heimat, um eine neue Lebensphase in einem anderen Land zu verlegen, sei es aufgrund besserer Lebensumstände, Suche nach Arbeit, Abenteuerlust etc. Auch Deutschland ist längst zu einem Migrationsland geworden und lässt sich gewiss nicht als homogene sondern vielmehr als multikulturelle Gesellschaft denken. Nach Treibel (1999: 21) ist Migration „der auf Dauer angelegte bzw. dauerhaft werdende Wechsel in eine andere Gesellschaft bzw. in eine andere Region von einzelnen oder mehreren Menschen“. Dies sagt aus, dass Migration ein allgemeiner Bewegungsvorgang ist und demzufolge werden Menschen, die aktiv an Migration beteiligt sind, als Migranten bezeichnet. Laut Ceri (2008: 13) lassen sich vier verschiedene Migrationsgruppen in der Bundesrepublik Deutschland voneinander quantitativ unterscheiden:

Arbeitsmigranten aus ehemaligen Anwerbeländern

Aussiedler aus Polen, Rumänien und Ländern der ehemaligen Sowjetunion mit deutscher Herkunft Bürgerkriegsflüchtlinge/ Asylbewerber und Zuwanderer aus EU-Ländern und sonstige Personen, die nach Deutschland kommen (vgl. Ceri 2008: 13)

Durch diese Unterscheidung nach Migrationsart wird deutlich, dass unter den Zuwanderergruppen auch eine Heterogenität besteht. Oftmals wird im Alltag generalisierend über „Ausländer“ geredet, obwohl es mehrere unterschiedliche Kategorien von Menschen mit Migrationshintergrund gibt. Zu den Personen mit Migrationshintergrund zählt nicht nur die ausländische Bevölkerung, sondern auch alle Zugewanderten unabhängig von ihrer Nationalität (ebd.: 13), diese wären nach dem Mikrozensus 2005:

in Deutschland geborene eingebürgerte Ausländer

in Deutschland geborene eingebürgerte Personen, deren Eltern nicht aus Deutschland stammen

in Deutschland geborene eingebürgerte Personen, deren ein Elternteil nicht aus Deutschland stammt und in Deutschland geborene Personen ausländischer Eltern, die eine deutsche und eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzen.

2.1 Der Übergang vom Ausländer- zum Migrationskonzept

Bis vor sieben Jahren galten Menschen mit einer deutschen Staatsangehörigkeit, welche jedoch zur Gruppe der Spätaussiedler gehörten, nicht als Ausländer. Nach dem Ausländerkonzept gaben statistische Erfassungen Ende 2004 eine Gesamtzahl von ca. 7,3 Mio. ausländische Einwohner in Deutschland an (Statistisches Bundesamt 2006: 41). Damit Probleme, wie beispielsweise die von internationalen Vergleichsstudien IGLU und PISA erkannte Bildungsdiskrepanz in der Bundesrepublik durchschaubarer werden konnten, musste ein neues sinnvolleres Konzept entwickelt werden, das den tatsächlichen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland erfassen konnte. „Mit dem Mikrozensus 2005 kann sowohl die Differenzierung der Zuwanderungskonstellation nach der individuellen und familialen Migrationserfahrung (1. oder 2. bzw. 3. Generation) sowie dem rechtlichen Status (deutsch vs. nicht-deutsch) vorgenommen werden“ (Ceri 2008: 14). Mit dem neuen Migrationskonzept deuteten statistische Erfassungen im Jahr 2005 auf eine mehr als doppelt so hohe Anzahl der Zuwanderer (insgesamt 15,3 Mio. Menschen), als die Erfassung nach dem Ausländerkonzept. Laut Ceri (2008) war dieser Übergang ein wichtiger Schritt für die Integration der Zuwanderer in die deutsche Gesellschaft, da eine deutsche Staatsangehörigkeit eine höhere Stabilität im sozialen Status der Migranten vermitteln kann und „die Migrationserfahrung darüber Auskunft gibt, inwieweit der außerfamiliale soziale und kulturelle Kontext noch vom Herkunfts- oder schon vom Aufnahmeland geprägt worden ist“ (ebd.: 14).

2.2 Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland

Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland beträgt laut dem Mikrozensus 2005 rund 18,6% an der Gesamtbevölkerung. Zur weitaus größten Gruppe der nicht Deutschstämmigen gehören Personen mit türkischer Herkunft mit ca. 3,4%, gefolgt von (Spät-)Aussiedler/-innen mit 2,5% und Mitbürgern aus den sonstigen ehemaligen Anwerbestaaten, wie Bosnien und Herzegowina, ehemaliges Jugoslawien, Griechenland, Italien, Kroatien, Portugal, Serbien und Montenegro, Slowenien und Spanien mit rund 3,6%. 6,8% sind Menschen von sonstigen Staaten.

Die Verteilung der Menschen mit Migrationshintergrund ist in den Bundesländern unterschiedlich. Während ihr Anteil in Hamburg, Bremen,, Baden-Württemberg, Berlin und Hessen mehr als 20% beträgt, ist die Bevölkerung mit Migrationshintergrund in den neuen Bundesländern, wie Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt nur gering vertreten. Angesichts dieser Tatsache stellt sich für jedes Bundesland die Frage nach einer Anpassung des Bildungssystems auf ganz unterschiedliche Weise.

Abbildung 1: Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund 2005 nach Altersgruppen und Herkunftsregionen (in %).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: BMBF: Konsortium Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland; 2006)

In der obigen Abbildung ist zu erkennen, dass ein hoher Anteil von 32,5% der Kinder von 0 bis 6 Jahren einen Migrationshintergrund aufweisen. Der Anteil beträgt bei den Altersgruppen von 6 bis 10, 10 bis 16 und 16 bis 25 Jahren 29,2%, 26,7% und 24,3%. Gemeinsam mit Migranten aus den sonstigen Anwerbestaaten haben türkischstämmige Personen den größten Anteil in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund.

3 Die Lage der Schüler/-innen mit Migrationshintergrund im deutschen Schulwesen

3.1 Der Besuch ausgewählter Schulen der Sekundarstufe

Im Bereich Schule reflektieren multikulturell zusammengesetzte Klassen die bereits multikulturelle Gesellschaft Deutschlands und kommen insbesondere in den westdeutschen Bundesländern und in Berlin regelmäßig vor. Nach dem statistischen Bundesamt betrug im Schuljahr 2006/07 der Ausländeranteil 9,6% der insgesamt 9.355.857 Schüler/-innen an allgemein bildenden Schulen. Die mit deutlichem Abstand größte Gruppe bildeten dabei Türkischstämmige mit 42,7% gefolgt von Kindern mit italienischem Migrationshintergrund mit 6,5%. Ein bedeutendes Problem ist, dass bis heute noch eine Bildungsbenachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund besteht, die zu einer Chancenungleichheit beitragen (Ceri 2008: 28). Laut dem Konsortium Bildungsberichterstattung 2008 gelingt es dem schulischen Bildungssystem nur unzureichend mit sozialer und ethnischer Vielfalt umzugehen. Die hauptsächlich auf Hauptschulen überrepräsentierten Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund weisen nicht nur verzögerte Bildungsübergänge auf, sondern wiederholen Klassenstufen häufiger und verlassen eine allgemeinbildende Schule doppelt so häufig ohne Abschluss wie Schüler/-innen ohne Migrationshintergrund. Letztere erwerben dreimal so häufig die Hochschulreife.

Hinsichtlich des Besuchs von Schulen der Sekundarstufe wird in Abbildung 2 der signifikante Unterschied zwischen deutschen und ausländischen Schülern/Schülerinnen im Fall des Besuchs von Hauptschulen und Gymnasien deutlich.

Abbildung 2: Schüler an ausgewählten Schulen der Sekundarstufe im Schuljahr 2006/07 nach Nationalität und Geschlecht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: BAMF: Schulische Bildung von Migranten; 2008)

Während im Schuljahr 2006/07 39,7% der männlichen und 33,9% der weiblichen Schüler mit Migrationshintergrund die Hauptschule besuchten, war nur ein Anteil von 16,7% männlichen und 12,6% weiblichen deutschen Schülern darin vertreten. 41,7% der männlichen und 47,4% der weiblichen deutschen Schüler besuchten das Gymnasium, aber nur 19,1% der männlichen und 23,1% der weiblichen Schüler mit Migrationshintergrund.

Die Bildungsbeteiligung der ausländischen Schüler/-innen schwankt auch nach ihren Staatsangehörigkeiten. So zeigt sich im Schuljahr 2006/07 nach dem statistischen Bundesamt, dass von Kindern aus Serbien und Montenegro ein vergleichsweise großer Anteil von 55,0% männlicher und 49,6% weiblicher Schüler auf die Hauptschule gingen. Ebenfalls hohe Anteile konnten bei den italienischen, den türkischen und den griechischen Schülern/Schülerinnen nachgewiesen werden. Schüler/-innen dieser Staatsangehörigkeiten besuchten zu geringen Anteilen das Gymnasium.

Deutlich besser schneiden im selben Schuljahr die russischen, kroatischen und polnischen Schüler/-innen ab, die insgesamt ähnliche Anteile an Haupt-, Realschulen und Gymnasien wie Deutsche aufweisen.

„Speziell bei den Schülern aus Serbien und Montenegro ist dabei jedoch zu beachten, dass deren schlechtes Abschneiden möglicherweise auch darauf zurückzuführen ist, dass von ihnen viele aus Flüchtlingsfamilien stammen und häufig erst im fortgeschrittenen Alter als so genannte Quereinsteiger ins deutsche Bildungssystem gekommen sind“ (Siegert 2008: 4). Schon am Beispiel der italienischen Schüler/-innen zeigt sich, dass Skepsis gegenüber einfachen Erklärungsmustern angemessen ist, welche auf kulturelle und religiöse Unterschiede als Ursache für geringere Bildungserfolge dieser Gruppe zurückgreifen. Italienische Kinder müssten laut solchen Erklärungsansätzen viel erfolgreicher sein, da sie letztendlich der deutschen Bevölkerung im Bezug auf Kultur sehr nahe stehen (Herwartz-Emden 2007: 17).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Bildungsbenachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Seminar: Interkulturelle Pädagogik – Stereotypisierung im schulischen Bereich
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V288914
ISBN (eBook)
9783656891741
ISBN (Buch)
9783656891758
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildungsbenachteiligung, Erklärungsansätze, Migrationsland, Strukturdefizite, Bildungssystem, Diskriminierung, Bildungsdiskrepanz, Kompetenzniveau, Förderschule, Bildungserfolg
Arbeit zitieren
Denise Lie Eck Kuwabara (Autor), 2012, Bildungsbenachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288914

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