Über Moral und Gerechtigkeit in „Jenseits von Gut und Böse“ und „Zur Genealogie der Moral“ von Friedrich Nietzsche


Essay, 2010

6 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Kann eine Moral absolut sein oder welche Arten von Moral lassen sich auffinden? Mit diesen Fragen setzte sich Friedrich Nietzsche vor allem in seinen 2 Standardwerken „Jenseits von Gut und Böse“ und „Zur Genealogie der Moral“ intensiv auseinander. Anhand seiner gewonnen Erkenntnisse aus der Analyse der philosophischen Diskussion über die Frage der Moral entwickelt er seine eigene „Typenlehre der Moral“ in Form der Unterscheidung zwischen Herren- und Sklaven-Moral.

Im Folgenden möchte ich mit Hilfe der zugrundeliegenden Ausschnitte erläutern, warum Nietzsche die Moral als relativ betrachtet. Danach bzw. dazu folgt zunächst eine Charakterisierung seiner 2 Grundtypen und anschließend eine kritischen Prüfung dieser Konzeption. Abschließend werde ich auf seine aus der Typologie rührende Vorstellung des Gerechtigkeitsbegriffs eingehen und diese hinterfragen. Gerade hier wird der kurze Einbezug von Nietzsches grundlegender Denkweise von Nöten sein, um überhaupt sein Argumentieren nachvollziehen zu können.

Schon in „Jenseits von Gut und Böse“ geht Nietzsche mit den bisherigen philosophischen Untersuchungen zur Moral hart ins Gericht. So wirft er den Kollegen vor nur „willkürliche Auszuge“ (S.276) untersucht und analysiert zu haben, wodurch nur die zu jener Zeit vorherrschenden sozialen Rahmenbedingungen, aber eben nicht die Historizität des Phänomens berücksichtigt wurde. Zusammengefasst hält er die Ergebnisse für verkürzt und zu vereinfacht. Daraufhin stellt er selbst Vergleiche und Untersuchungen von verschiedenen Moralen an. Dabei kommt er zu allererst zu der Erkenntnis, dass eine Moralvorstellung immer in direkter Abhängigkeit zu den sozialen Umständen und Machtverhältnissen steht (Vgl. S.274), für eine gültige Moralvorstellung jedoch eine Kontinuität von Nöten ist. Daraus folgt, dass es- zumindest bis jetzt- keine absolute Vorstellung von Moral gibt, sondern sie als relativ zu den gegebenen Lebens- und Herrschaftsumständen zu sehen ist. Mit Blick auf die Geschichte oder auch die Gegenwart muss man Nietzsche hier sicherlich beipflichten, dass es kontextbezogene Unterschiede gibt. So ist es in manchen Kulturen gängige Praxis Hunde, Pferde u.Ä. zu essen, während dies in anderen als moralisch verwerflich gilt. Diese Abhängigkeit halte ich für durchaus gegeben und plausibel.

In der ersten Abhandlung aus der „Genealogie der Moral“ kritisiert er desweiteren aus welchen Gründen Handlungen als moralisch gut angesehen werden. Er verweist hierbei darauf, dass viele Handlungen im Laufe der Zeit nur noch „gewohnheitsmäßig“ (S.280) als gut empfunden und nicht mehr grundlegend hinterfragt werden. Dies sei umso angebrachter, da „es ‚die Guten‘ selbst gewesen [sind], das heißt die Vornehmen, Mächtigen, Höhergestellten und Hochgesinnten, welche sich selbst und ihr Tun als gut“ (S.280) deklarierten. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelt er den ersten Typus seiner Moral-Typologie- die Herren-Moral. Die Herren-Moral zeichnet sich nach Nietzsche dadurch aus, dass sie überhaupt erst wertschaffend ist, d.h. die Mächtigen legen fest, was eben eine (moralisch) gute Handlung und was eine (moralisch) schlechte Handlung ist. Die Grundannahme ist dabei, dass sie die Wahrhaftigen sind und das gemeine Volk „lügnerisch“ (S.277) ist. Entscheidend ist also, was die Mächtigen als gut bzw. schlecht ansehen. Die Moralkonzeption bezeichnet Nietzsche als „Selbstverherrlichung“ (S.277) und sie obliegt einer gewissen Willkür.

Demgegenüber steht bei Nietzsche die sogenannte Sklaven-Moral. Sie entsteht durch die Leidenden, Unfreien usw. und hat das Ziel die eigene Situation zu verbessern. Er bezeichnet dabei die Sklaven-Moral auch als Nützlichkeits-Moral. Der Antrieb des Ressentiment ist Neid und Wut auf die Herrenklasse. Diese Vorstellungen werden seiner Meinung nach so sehr internalisiert, dass sie in den modernen Vorstellungen von „schlechtem Gewissen“ oder Schuld münden und die ursprünglichen Motive des Ressentiments vollständig verdrängen(S.282 f.). Aufgrund dieses Prozesses sei der Wert der Werte auch grundsätzlich zu überdenken(S.279). Dadurch, dass die Vorstellungen von gut und böse aus der Nützlichkeit für die Sklaven stammen, sind es genau die Eigenschaften, die als gut bezeichnet werden, die das Leid mindern. Im Umkehrschluss wird eben das, was für die Herrschaftsschicht typisch ist als schlecht bzw. um bei Nietzsches Terminologie zu bleiben böse gekennzeichnet. Aus dem folgt, dass der Gute nach dem Maßstab der Herren-Moral der Schlechte nach dem Maßstab der Sklaven-Moral und umgekehrt ist (Vgl. S.278). Letztlich stellt Nietzsche damit heraus, dass die Moralkonzeptionen an sich immer subjektiv und interessengeleitet aufgestellt werden, so dass es nicht die EINE Moral geben kann.[1] Interessanterweise sucht bzw. findet Nietzsche mit seiner Typologie den Ursprung beim Menschen, der jeweils entsprechend der Moralvorstellung als gut oder schlecht bzw. gut oder böse bezeichnet wird und erst daraus folgt die Zuschreibung zu den entsprechenden Handlungen.

Ich halte diese Typologie an sich für nicht tragbar und zu extrem. Auch wenn Nietzsche erwähnt, dass es auch „Versuche der Vermittlung beider Moralen“ (S.276) gegeben habe, berücksichtigt er nur sehr unzureichend, wie inhomogen der Mensch, die Kulturen und die Gesellschaften sind. Es ist nicht gerechtfertigt beispielsweise einen Betriebsangestellten mit einem behinderten Menschen gleichzusetzen und diesem die gleichen geleiteten Moralvorstellungen wie jenem zu unterstellen. Hier empfinde ich die Typologie als allzu offen und Nietzsche verfällt einem für seine Zeit allzu typischen Klassendenken. Sicherlich kann man (auch historisch) eine gewisse Systematik in dem kontinuierlichen Spannungsfeld „oben“ und „unten“ erschließen. Jedoch scheitert dies spätestens seit der Durchsetzung der demokratischen Prinzipien, durch die diese Übergänge fließend geworden sind. So ist es für mich unvorstellbar, dass der Elektromechaniker Kurt Beck nach Eintritt in die Politik seine kompletten Moralvorstellungen verändert hat. Zumindest sieht Nietzsches Konzeption diese Phänomene noch nicht vor. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass es eben doch Eigenschaften gibt, die von sich aus moralisch gut sind (egal ob aus Herren-oder aus Sklavensicht). So wird jeder Unternehmensleiter, wie auch der einfache Angestellte den respektvollen Umgang mit sich gut heißen, womit der respektvolle Umgang mit anderen Menschen an sich als gut und der respektlose Umgang als schlecht angesehen werden kann.

Abschließend möchte ich noch ein wenig intensiver auf Nietzsches Gerechtigkeitsbegriff eingehen, der direkt an der Problematik „Klassenkampf“ anschließt. Hier ist es umso wichtiger, dass man, was Nietzsche im Vorwort „Zur Genealogie der Moral“ voraussetzt, seine früheren Schriften bereits gelesen hat.[2] So ist Nietzsche der Überzeugung, dass „jede höhere Kultur […] eine ausbeutbare, arbeitende Menschenklasse, einen Sclavenstand“[3] braucht. Denn nur, wenn es eine breite Masse gibt, die einigen wenigen die einfache Arbeit abnimmt, ist es möglich, dass eine Kultur ihren Höhepunkt erreicht bzw. überhaupt erreichen kann.[4] Erst aus diesem Denken wird sein Verständnis von Gerechtigkeit als der Suche nach Mitteln der stärkeren Macht (also der herrschenden Klasse), „unter diesen dem unsinnigen Wüten des Ressentiment ein Ende zu machen“ (S.286), nachvollziehbar. Dieses Denken widerspricht natürlich jeglicher moderner Vorstellung von Gerechtigkeit, auch wenn der Aspekt des Machterhalts beim Handeln der Oberschicht keine unbedeutende Rolle spielt. Interessant bei Nietzsches Gerechtigkeitsbegriff bleibt außerdem die Betonung des Ausgleichs (S.286). Denn dieses Prinzip ist auch heute noch absolut anerkannt (siehe staatliche Hilfsleistungen) und ist im Sinne der Gerechtigkeit unverzichtbar. Die Mitmenschlichkeit und der Wille zum Wohlstand für alle bleibt trotz alledem bei Nietzsches Konzeption unberücksichtigt.

[...]


[1] Nietzsche selbst bekennt sich übrigens als Verfechter der Herrenmoral, womit er später auch immer wieder den Versuch unternimmt, einen umsetzbaren Entwurf einer solchen Herrenmoral zu erstellen. (siehe auch S.275)

[2] Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. Stuttgart (1988). S.11.

[3] Safranski, Rüdiger: Nietzsche. Biographie seines Denkens. Frankfurt am Main (2008). S.64.

[4] Ebd. S.66.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Über Moral und Gerechtigkeit in „Jenseits von Gut und Böse“ und „Zur Genealogie der Moral“ von Friedrich Nietzsche
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Philosophie)
Veranstaltung
Grundbegriffe der Ethik
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
6
Katalognummer
V288930
ISBN (eBook)
9783656891635
ISBN (Buch)
9783656891642
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich Nietzsch, Jenseits von Gut und Böse, Zur Genealogie der Moral, Moral
Arbeit zitieren
Marius Hummitzsch (Autor), 2010, Über Moral und Gerechtigkeit in „Jenseits von Gut und Böse“ und „Zur Genealogie der Moral“ von Friedrich Nietzsche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288930

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