Das Kunstgespräch in Georg Büchners Werk "Lenz"


Seminararbeit, 2010

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Das Kunstgespräch in Georg Büchners Werk `Lenz`
2.1 Begriffsklärung
2.2 Die Position des Kunstgesprächs im Handlungsverlauf
2.3 Idealismus contra ästhetischer Realismus – Büchners Kunstauffassung anhand der Novelle `Lenz`
2.4 Die Metapher des Medusenhauptes – Widerspruch zu Büchners Ästhetik?
2.5 Interpretation der beiden beschriebenen Gemälde innerhalb des Kunstgesprächs – Erzählende Bilder
2.5.1 Lenzens Interpretation des ersten Gemäldes `Jesus und die Jünger von Emmaus`
2.5.2 Lenzens Interpretation des zweiten Gemäldes `Die Frau am Fenster`
2.6 Kurzzusammenfassung des Lebens von J.M.R. Lenz
2.7 Jakob Michael Reinhold Lenz´ kunsttheoretische Gedanken
2.8 Das Verhältnis zwischen J.M.R. Lenz und Georg Büchner

3. „Er hatte sich ganz vergessen“. Ist der formale Höhepunkt des Kunstgesprächs auch ein inhaltlicher?

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

1. Vorbemerkung

Eine kurze Sequenz aus dem Leben des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz bildet das Zentrum des `Lenz` genannten Fragments des Schriftstellers Georg Büchner. Eben dieses Werk wurde erst nach dem Tod Büchners veröffentlicht und über Jahrzehnte hinweg kaum beachtet[1].

Heutzutage stellt die Verleihung des Georg-Büchner-Preises für deutschsprachige Autoren eine besondere Auszeichnung dar. Dieser Literaturpreis wird an Dichter und Schriftsteller vergeben, die an der Gestaltung des deutschen Literaturlebens großen Anteil haben. Dabei wird der Preis jährlich Mitte Oktober verliehen, wobei dadurch Georg Büchner gedacht wird, der am 17. Oktober 1813 im Großherzogtum Hessen-Darmstadt geboren wurde.

Verblüffend ist diese nachträgliche Ehrung des Dichters deswegen, weil dieser in Form des `Hessischen Landboten` im Jahre 1834 zu einer Revolution gegen die damalige Staatsordnung aufgerufen hatte und anschließend von den polizeilichen Behörden per Steckbrief gesucht worden war. Schließlich konnte sich Büchner nur durch Flucht nach Frankreich vor einer Verhaftung retten.

Im Jahre 1831 setzte Büchner in Straßburg sein bereits begonnenes Medizinstudium fort und beschäftigte sich zeitgleich mit dem Lebenswerk von Jakob Michael Reinhold Lenz, der sich zwischen 1772 und 1775 ebenfalls in Straßburg aufgehalten hatte. Das Genie als Vertreter des Sturm und Drang war später in Moskau krank und verlassen verstorben.

Georg Büchner, der am 19. Februar 1837 in Zürich nach kurzer Krankheit an Typhus starb, hinterließ mit seinem `Lenz` ein Meisterwerk realistischer Literatur, das auf authentische Art und Weise seine Kunst- und Lebensauffassung darstellt[2].

Im Folgenden soll nun eben diese Kunstauffassung Büchners anhand einer repräsentativen Passage des Fragments, dem Kunstgespräch, dargeboten werden. Dabei treten die Abgrenzung Büchners vom Idealismus und die Entwicklung einer Kunsttheorie Büchners aus dem Kunstgespräch in den Mittelpunkt.

2. Das Kunstgespräch in Georg Büchners Werk `Lenz`

2.1 Begriffsklärung

Bei dem Kunstgespräch handelt es sich um einen Diskurs über Kunst und Literatur zwischen den Personen Lenz und Kaufmann im Hause des Pfarrers Oberlin. Das Thema Literatur ist Lenz sehr angenehm, da er „auf seinem Gebiet[e]“[3] ist. Im Verlauf des Gesprächs wird der Dialog jedoch zu einem Monolog Lenzens transformiert.

Grund für die Auseinandersetzung ist die Ankunft Kaufmanns im Steintal bei Pfarrer Oberlin, da Kaufmann als Vertreter des Idealismus gesehen wird. Neben den ästhetischen Äußerungen werden aber auch philosophische Themen behandelt.

Allerdings ist das Kunstgespräch nicht lediglich auf eine innerliterarische oder philosophische Auseinandersetzung zu beschränken. Weitaus wichtiger ist das Verhältnis zwischen Kunst und Leben bzw. Kunst und Praxis. Das bedeutet also, dass der Diskurs eine gesellschaftskritische Dimension erreicht.

Zusammenfassend ist definitiv zu sagen, dass das Kunstgespräch nicht ausschließlich als reines Ästhetikprogramm gedeutet werden darf.[4]

2.2 Die Position des Kunstgesprächs im Handlungsverlauf

Um den Stellenwert des Kunstgespräches innerhalb der Lektüre darstellen zu können, ist es erforderlich, die Position des Gespräches inmitten des Werkes zu klären. Der Beginn des Treffens mit Kaufmann markiert der Satz: „Um diese Zeit kam Kaufmann mit seiner Braut in´s Steintal[5].“[6] Abgeschlossen wird die Ästhetikpassage von der Beschreibung Lenzens: „Er hatte sich ganz vergessen.“[7]

Lenz befindet sich seit dem 20. Januar 1778 bei Pfarrer Oberlin im Steintal. Der Dichter leidet an einer schizophrenen Psychose, dessen Symptome im Verlauf des Aufenthalts zunehmen. So wechseln ständig friedvolle Tätigkeiten mit Angst und lähmender Untätigkeit. Bis zum Kunstgespräch verläuft die soziale Integration Lenzens relativ erfolgversprechend, was auch an Oberlins pädagogischer und seelsorgerischer Unterstützung liegt. Oberlin und Lenz arbeiten gemeinsam und tauschen übersinnliche Erfahrungen aus. Mehr und mehr beginnt Lenz seinen neuen Lebensraum als heilsam zu empfinden.[8]

Als jedoch Kaufmann anreist, fürchtet Lenz, dass durch diesen Besuch seine Vergangenheit ihn wieder einholen könnte. Speziell vor Oberlin wären ihm diese Erinnerungen peinlich. Allerdings verschwindet Lenzens Verstimmung mit dem Beginn des Tischgesprächs, wo Lenz der idealistischen Auffassung Kaufmanns seine realistische entgegensetzt.[9]

Am Ende des Kunstgesprächs kommt es zum Eklat, da Kaufmann Lenz vorhält, er erfülle seine Sohnespflichten nicht ausreichend und solle doch in seine Heimat zurückkehren. Nach dem abschließenden Streit zwischen Lenz und Kaufmann verschlechtert sich Lenzens Gesundheitszustand rapide. Sein psychischer Verfallsprozess nimmt mehr und mehr gewalttätige Formen an. Er fühlt sich missverstanden und sozial isoliert. Die Folge seiner Krankheit sind Autoaggression und Suizidversuche. Schließlich weiß sich Oberlin nicht mehr zu helfen und übergibt ihn in medizinische Betreuung nach Straßburg, nur drei Wochen nach Lenzens Ankunft im Steintal.[10]

2.3 Idealismus contra ästhetischer Realismus – Büchners Kunstauffassung anhand der Novelle `Lenz`

Wie schon gesagt wurde, ist ein zentrales Thema des Diskurses der Kontrast zwischen Idealismus und ästhetischem Realismus. Unter Idealismus versteht man im Allgemeinen „das Streben nach Verwirklichung von Idealen, das Ausgerichtetsein an Idealen, Beherrschtsein von Idealen, auch die Neigung, die Wirklichkeit nicht zu betrachten, wie sie nach Meinung der Realisten ist, sondern wie sie sein sollte.“[11] Idealistische Gestalten, die nach dem Geschmack Kaufmanns sind, sind beispielsweise die antike Götterstatue des „Apoll von Belvedere[12][13] oder „eine Raffaelische Madonna[14][15].

Der Held eines idealistischen Dramas beispielsweise, ist immer eine vollkommene, erhabene, ideale Person, sein Gegenspieler eben genau das Gegenstück. Somit stellt der Idealdichter, laut Büchner, die Welt als Ideal dar und nicht wie sie tatsächlich ist.[16]

Aus den vier poetischen Texten Büchners `Lenz`, `Danton´s Tod`, `Leonce und Lena` und `Woyzeck`, wie auch aus dem `Hessischen Landboten` und einem Brief Büchners an seine Familie vom 28. Juli 1835 sowie einer Probevorlesung `Über Schädelnerven` lässt sich eine Kunsttheorie Georg Büchners rekonstruieren. Allerdings kann nur vermutet werden, ob Büchner das, was er seinen Figuren in den Mund legte auch wirklich so gemeint hat. Den größten Umfang der ästhetischen Anschauungen Büchners finden sich im `Lenz`, weshalb nur dieses Werk und insbesondere das Kunstgespräch zur Interpretation herangezogen wird. Allerdings ist eine konsistente Kunsttheorie nur sehr schwer aufzustellen, da alle Werke unter völlig unterschiedlichen Umständen entstanden sind.[17]

Was als sicher gilt, ist die Tatsache, dass Büchner ein Anhänger des ästhetischen Realismus ist. Das Programm dieser Theorie ist die wirklichkeitsgetreue, streng objektivierende Darstellungsweise.[18]

Generell unterscheidet Lenz zwischen drei Typen von Dichtern: Die unerträglichsten sind für ihn die, „welche die Wirklichkeit verklären woll[t]en“[19] ; doch widerspricht er auch denjenigen, „von denen man sage, sie geben die Wirklichkeit“[20]. Für ihn sind diejenigen Dichter von Interesse, die versuchen, dem lieben Gott „ein wenig nachzuschaffen.“[21] Lenz begründet seine Position mit der Formulierung: „ Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht wie sie sein soll.“[22]

Demnach lässt Lenz den von Kaufmann favorisierten Kunstwerken, solche entgegensetzen, die seiner Kunstauffassung eher entsprechen: „Die holländischen Maler sind mir lieber, als die Italienischen.“[23] Diese sind nämlich wesentlich wirklichkeitsgetreuer als Raffaels Madonnen.[24]

Ebenso logisch konsequent wie das Verlangen nach Lebenswahrheit ist Lenzens Verzicht auf die Unterscheidung zwischen „schön“ und „häßlich“: „wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist, […].“[25] Demnach ist die Aufgabe des Künstlers, die Kunst von äußerlichen formalen und stofflichen Beschränkungen zu befreien. Somit werden allgemeine Regeln[26] aufgebrochen, d.h. nun können auch ästhetisch minderwertige Sachverhalte behandelt werden.[27] Nicht nach dem Schönen solle der Dichter suchen, sondern immer „Leben, Möglichkeit des Daseins“[28] bieten, deswegen auch das Häßliche in die Darstellung miteinbeziehen.[29] Diese Haltung wird durch folgendes Zitat noch gestützt: „Man muß die Menschheit lieben, um in das eigenthümliche Wesen jedes einzudringen, es darf einem keiner zu gering, keiner zu häßlich seyn, erst dann kann man sie verstehen; […]“[30] Diese Aussage impliziert, dass Büchner wie Lenz niemanden seiner Herkunft oder Bildung wegen verachtet, weil kein Mensch dafür verantwortlich zu machen ist.[31] Diese Einstellung ist eine erste Voraussetzung, während sich eine auf die notwendigen Fähigkeiten bezieht: Um die Menschen zu verstehen, muss man „Aug und Ohren […] haben“[32]. Allerdings geht der Prozess des Verstehens über den Vorgang des bloßen Sehens und Hörens hinaus. Demgegenüber muss also folglich das Ziel sein, unter die Haut des Menschen blicken zu können, was grundsätzlich möglich ist, denn „die Gefühlsader ist in fast allen Menschen gleich, nur ist die Hülle mehr oder weniger dicht, durch die sie brechen muss.“[33] Das bedeutet, dass Gestik, Mimik und der Klang einzelner Sätze nur Indizien für etwas sind, das unter der Oberfläche verborgen ist.[34]

Lenz selbst habe im „Hofmeister“ und in den „Soldaten“ versucht, sich in das „Leben der Geringsten“ zu versetzen. Die Protagonisten seiner Werke seien die „prosaischten[35] unter der Sonne“[36], also frei von idealistischen oder romantischen Zügen. Zudem fordert Lenz: „[man] senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder, in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel; […]“[37] Nur Dichter, die diese Eigenschaft haben, seien in der Lage der Wirklichkeit entsprechende, objektive Kunst zu schaffen.[38]

[...]


[1] Vgl. Thieberger: Georg Büchner: Lenz. Interpretation von Richard Thieberger. Frankfurt am Main: Diesterweg 1985, S. 5

[2] Vgl. Pelster: Lektüreschlüssel. Georg Büchner. Lenz. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH Co. 2007, S. 5 ff.

[3] Poschmann (Hrsg.): Büchner Dichtungen. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 2006, S. 233

[4] Erb: Georg Büchner. Lenz. Eine Erzählung. Interpretiert von Andreas Erb. München: Oldenbourg 1997, S. 67

[5] In den Vogesen gelegen

[6] Poschmann 2006, S. 236

[7] Ebenda, S. 236

[8] Vgl. Schwann: Georg Büchners implizite Ästhetik. Rekonstruktion und Situierung im ästhetischen Diskurs. Tübingen: Gunter Narr Verlag 1997, S. 98 f.

[9] Vgl. Thieberger 1985, S. 23f.

[10] Vgl. Schwann 1997, S. 99 f.

[11] Pelster 2007, S. 46, zitiert aus: Hoffmeister, Johannes: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Hamburg: 1955, S. 316

[12] Berühmte Götterdarstellung, von der eine Kopie in den Vatikanischen Museen zu besichtigen ist und die als Inbegriff der griechischen antiken Kunst gilt

[13] Poschmann 2006, S. 235

[14] Der italienische Renaissance-Maler Raffaelo Santi (1483-1520) schuf etwa 30 Madonnenbilder, von denen die Sixtinische Madonna die bekannteste ist

[15] Ebenda, S. 235

[16] Vgl. Glebke: Die Philosophie Georg Büchners. Marburg: Tectum Verlag 1995, S. 124 f.

[17] Vgl. Thieberger 1985, S. 49 f.

[18] Vgl. Pelster 2007, S. 49 f.

[19] Poschmann 2006, S. 233

[20] Ebenda, S. 233

[21] Ebenda, S. 234

[22] Ebenda, S. 234

[23] Ebenda, S. 235

[24] Vgl. Pelster 2007, S. 47

[25] Poschmann 2006, S. 234 (alle drei Zitate)

[26] wie z.B. die aristotelischen Einheiten oder die Ständeklausel

[27] Vgl. Meier: Georg Büchners Ästhetik. München: Wilhelm Fink Verlag 1983, S. 99 f.

[28] Poschmann 2006, S. 234

[29] Vgl. Thieberger 1985, S. 51

[30] Poschmann 2006, S. 235

[31] Vgl. Glebke 1995, S. 128

[32] Poschmann 2006, S. 234

[33] Ebenda, S. 234

[34] Vgl. Pelster 2007, S. 48 f.

[35] Menschen von einfacher, nüchterner Art

[36] Poschmann 2006, S. 234 (alle vier Zitate des Abschnitts)

[37] Ebenda, S. 234

[38] Vgl. Pelster 2007, S. 48

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Kunstgespräch in Georg Büchners Werk "Lenz"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Proseminar Georg Büchner
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V288961
ISBN (eBook)
9783656892014
ISBN (Buch)
9783656892021
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunstgespräch im Lenz, Jakob Michael Reinhold Lenz, Georg Büchner, Novelle Lenz von Büchner, Novellle Lenz Kunstgespräch
Arbeit zitieren
Thomas Körner (Autor), 2010, Das Kunstgespräch in Georg Büchners Werk "Lenz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288961

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