Die motorische Entwicklung eines Kindes. Entwicklungsschritte, Reflexe und Reaktionen


Akademische Arbeit, 2006

33 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Gehirnentwicklung - Grundlage der Bewegungsentwicklung
1.1 Aufbau und Funktion des Gehirns
1.2 Stufen der Gehirnentwicklung
1.3 Die Bedeutung der Bewegung für die Gehirnentwicklung

2 Wahrnehmung und sensorische Integration
2.1 Die Sinne
2.2 Integration der Sinne

3 Die Prinzipien der motorischen Entwicklung
3.1 Das Prinzip der reziproken Verflechtung
3.2 Das Prinzip der Reihenfolge der motorischen Entwicklungsschritte
3.3 Das Prinzip der Nichtumkehrbarkeit
3.4 Das Prinzip der Entwicklungsrichtungen
3.5 Das Prinzip der funktionalen Asymmetrie

4 Die wichtigsten Entwicklungsschritte
4.1 Kopfkontrolle
4.2 Arm- und Beinbewegungen
4.3 Roll- und Drehbewegungen
4.4 Sitzen
4.5 Robben
4.6 Krabbeln
4.7 Stehen
4.8 Gehen
4.9 Laufen und Hüpfen
4.10 Handmotorik

5 Frühkindliche Reflexe und Reaktionen
5.1 Der Moro-Reflex
5.2 Der Palmar- und Plantar-Reflex
5.3 Der Asymmetrisch Tonische Nackenreflex
5.4 Der Spinale Galantreflex
5.5 Der Such- und Saugreflex
5.6 Der Tonische Labyrinthreflex
5.7 Der Symmetrisch Tonische Nackenreflex
5.8 Weitere primitive Reflexe

6 Lebenslange Halte- und Stellreaktionen

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Einleitung

Die folgende Arbeit beschreibt, wie die motorische Entwicklung des Kindes der Norm entsprechend verläuft beziehungsweise verlaufen sollte.

Dabei wird vorerst auf Aufbau und Funktion des Gehirns und seine Entwicklung eingegangen, da dies die Grundlage jeglicher Bewegungsentwicklung darstellt. Nur mit einem gut ausgebildeten Gehirn ist es dem Kind möglich, sich motorisch normal zu entwickeln. Danach werden Grundlagen zur Wahrnehmung und zum Prozess der sensorischen Integration erläutert, die Prinzipien der Entwicklung erklärt und die einzelnen wichtigen motorischen Entwicklungsstufen beschrieben. Schließlich wird im letzten Abschnitt noch ein sehr bedeutender Aspekt behandelt: Die frühkindlichen Reflexe, ihr Erscheinungsbild und ihre Funktion sowie Zeitpunkt des Auftretens und der Hemmung werden genau erörtert.

1Gehirnentwicklung – Grundlage der Bewegungsentwicklung

Aufgrund der Tatsache, dass unsere Bewegungen vom Gehirn gesteuert werden und die Ursachen vieler motorischer Dysfunktionen in einer unterentwickelten Gehirnreife liegen, scheint ein Blick auf dieses zentrale Organ bedeutsam zu sein. Das Verständnis der normalen motorischen Entwicklung und ihrer Abweichungen setzt ein grundlegendes Wissen über den Aufbau, die Entwicklung und die Funktion des menschlichen Gehirns voraus.

1.1Aufbau und Funktion des Gehirns

Das Gehirn ist neben dem Rückenmark der wichtigste Bestandteil des zentralen Nervensystems beim Menschen. Das Nervensystem besteht aus Millionen Nervenzellen, die als Neuronen bezeichnet werden. Sie haben die Aufgabe, Informationen von den Sinnesorganen aufzunehmen, zu verarbeiten und an das Gehirn weiterzuleiten. Hier werden die Informationen nochmals verfeinert und schließlich an motorische oder organische Zentren weitergeleitet, die eine Reaktion planen oder durchführen. Die Weiterleitung von Nervenimpulsen geschieht über die Fortsätze der Neuronen, den so genannten Dendriten und Synapsen (vgl. Ayres, 2002). „Während der Mensch sich bewegt, etwas wahrnimmt, denkt, sich erinnert, körperlich oder geistig aktiv ist, werden ständig neue Dendriten und Synapsen gebildet. Dadurch bilden sich vermehrt zusammenhängend neurale Netzwerke.“ (Beigel, 2004, S. 15) Das bedeutet, dass körperliche und geistige Bewegung zur Entwicklung des Nervensystems und dadurch auch des Gehirns beiträgt. Dies ist auch die Grundlage aller Therapieformen, die durch Bewegung und Wahrnehmungsförderung eine Verbesserung von kognitiven, aber auch sozialen Fähigkeiten und Verhaltensweisen zu erreichen versuchen.

Das Gehirn als Hauptorgan des zentralen Nervensystems setzt sich aus mehreren Abschnitten zusammen (vgl. Kesper Hottinger, 2002; Zinke-Wolter, 2005):

Der Hirnstamm

Dieser Teil des Gehirns wird weiter unterteilt in verlängertes Rückenmark, Brücke, Mittelhirn und Formatio reticularis. Der Hirnstamm hat folgende Aufgaben (vgl. Kesper Hottinger, 2002):

- Verarbeitung der Informationen aus allen Hirngebieten, die hier zusammen-laufen, und Weiterleitung der Informationen an das Großhirn.

- Sicherung der Kontrolle des Körpers im Raum.

- Regelung lebenswichtiger Funktionen wie Atmung, Kreislauf, Saugen und Schlucken.

- Hemmung oder Verstärkung von sensorischen Reizen in der Formatio reticularis und dadurch Schutz des Gehirns vor Reizüberflutung.

Das Kleinhirn

Dieser Abschnitt ist für die Erhaltung des Gleichgewichts sowie die Bewegungssteuerung und –koordination zuständig. Das Kleinhirn hat die Aufgabe, unsere motorischen Leistungen zu kontrollieren und zu harmonisieren. Weiters ist es an der Bewegungsplanung, Erinnerung an konkrete Bewegungen und Speicherung von Bewegungsabläufen beteiligt. Zeitliche Abläufe von Bewegungen und die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts werden hier geregelt. Zu guter Letzt hilft das Kleinhirn mit, unsere Orientierung im Raum zu sichern (vgl. Zinke-Wolter, 2005).

Das Zwischenhirn

Das Zwischenhirn besteht aus mehreren Kerngebieten, die unterschiedliche Aufgaben haben. Von hier aus werden sowohl das Bewusstsein als auch Empfindungen, Emotionen und Sexualfunktionen gesteuert. Die Basalganglien, die im Zwischenhirn ihren Sitz haben, sind für die Steuerung automatisierter Bewegungen zuständig.

Das limbische System

Auch hier spielen sowohl Emotionen als auch Bewegungen eine zentrale Rolle. Die Steuerung der Grobmotorik, das Entstehen von Gefühlen und die Verknüpfung von Lernprozessen mit Emotionen sind Funktionen des Limbischen Systems (vgl. Kesper Hottinger, 2002).

Die Großhirnrinde

Der Kortex, wie die Großhirnrinde noch genannt wird, stellt den größten Abschnitt des Gehirns dar. Er ist unterteilt in zwei Hemisphären. Die linke Hemisphäre ist vor allem für logisches und analytisches Denken und Rationalität zuständig. In der rechten Hemisphäre hingegen dominieren ganzheitliche Denkweisen, Gefühle und Intuitionen. Die Lernforschung hat ergeben, dass eine häufige und intensive Aktivierung beider Hirnhälften zu einer vermehrten neuralen Verknüpfung führt, was sich sehr positiv auf die Lernleistung auswirkt. Die beiden Hemisphären sind nochmals gegliedert in vier Bereiche, die als Lappen bezeichnet werden und unterschiedliche Funktionen haben (vgl. Beigel, 2004):

- Schläfenlappen: Emotionen, Hören, Wortverständnis und Wortgedächtnis
- Hinterhauptslappen: Sehen
- Scheitellappen: Verarbeitung von Berührung, Temperatur und Schmerz
- Stirnlappen: Denken, Planen, kognitive Abläufe, Sprache

Der Balken

Hierbei handelt es sich um das Verbindungsstück zwischen den beiden Hemisphären des Großhirns. Seine Aufgabe ist es, Informationen zwischen rechter und linker Hemisphäre auszutauschen und dadurch komplexe Leistungen zu ermöglichen (vgl. Kesper Hottinger, 2002).

1.2Stufen der Gehirnentwicklung

Wie die Gehirnentwicklung Schritt für Schritt abläuft, ist genetisch determiniert. Nach einem bei den meisten Menschen gleich verlaufenden Zeitplan werden nach und nach Meilensteine der Gehirnentwicklung erreicht.

Die folgende tabellarische Darstellung der Entwicklungsschritte des menschlichen Gehirns wurde von Beigel (2004, S. 31f.) übernommen und teilweise gekürzt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Wissen über diese Schritte ist notwendig, um einerseits dem Kind keine Leistungen abzuverlangen, die es aufgrund der unvollständigen Gehirnentwicklung noch nicht schaffen kann und um andererseits mögliche Störungen erkennen zu können.

1.3Die Bedeutung der Bewegung für die Gehirnentwicklung

Körperliche Bewegung hat einen wichtigen Anteil an der Entwicklung des Nervensystems und des Gehirns. Wenn sich das Kind bewegt, werden Neuronen aktiviert. Je öfter und vielfältiger auf diese Weise Neuronen benutzt werden, umso mehr bildet sich um die Nervenbahnen eine so genannte Myelinschicht. Diese sorgt für schnellere Verarbeitung der Informationen und bessere Weiterleitung zum Gehirn. Weiters fördert Bewegung die Bildung von Synapsen und führt zu einer immer besseren neuralen Vernetzung im Gehirn (vgl. Beigel, 2004).

Ganz besonders wichtig ist die Bewegung in den ersten Lebensjahren, da in dieser Zeit das Gehirn noch besonders formbar und leicht veränderbar ist. Viele Bewegungserfahrungen, die in dieser Zeit nicht gemacht werden, können kaum oder nur schwer später nachgeholt werden. „Ohne genügend Gelegenheiten, sich zu bewegen und die frühen Entwicklungsstadien zu durchlaufen, ist das Gehirn nicht in der Lage, die für die geistige Entwicklung notwendigen Fähigkeiten zu entwickeln“ (Goddard, 2005, S. 15).

2 Wahrnehmung und sensorische Integration

2.1Die Sinne

Um etwas über die Welt erfahren zu können und sich in ihr zu bewegen, muss das Kind große Wahrnehmungsleistungen erbringen. „Wahrnehmungs­leistungen nehmen eine Schlüsselfunktion hinsichtlich der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen aus der Umwelt ein. Jede neue Situation muss zunächst mit Hilfe der Sinnesorgane erfasst und an das Zentralnervensystem weitergeleitet werden, bevor sinnvolle motorische Handlungen folgen können“ (Zimmer, 2004, S. 68).

Schon in der neunten Schwangerschaftswoche beginnt beim Fötus die Entwicklung der Wahrnehmung und stellt eine entscheidende Grundlage für die Gehirn- und Bewegungsentwicklung dar. Unter Wahrnehmung ist dabei die Aufnahme und Verarbeitung von Reizen zu verstehen. Dies erfolgt über die verschiedenen Sinnessysteme mit Hilfe der Sinnesorgane.

Taktiles System – Tastsinn

Nach Ayres (2002) entwickelt sich die taktile Wahrnehmung als erstes Sinnessystem im Mutterleib, wenn das Kind Hautreize durch Bewegungen der Mutter erfährt. Das zuständige Sinnesorgan ist die Haut. Sie ermöglicht das Erfühlen und Tasten von Materialien und Gegenständen und die Wahrnehmung von Temperatur. Außerdem wird dem Kind durch Stimulierung der Haut mittels Berühren und Streicheln Wohlbefinden, Sicherheit und Geborgenheit vermittelt.

Kinästhetisches System – Bewegungssinn

„Die kinästhetische Wahrnehmung umfasst die Empfindung von Bewegungen des eigenen Körpers oder einzelner Körperteile gegeneinander und den dabei auftretenden Kraftleistungen“ (Zimmer, 2004, S. 71). Durch Muskeln, Sehnen und Gelenke wird die Bewegung wahrgenommen und über die so genannten Propriozeptoren erhält das Gehirn Informationen über Muskelspannung und Körperstellung.

Vestibuläres System – Gleichgewichtssinn

Ayres (2002, S. 324) beschreibt das Vestibularsystem als „Sinnessystem, das auf die Kopfhaltung in Bezug zur Schwerkraft der Erde sowie auf verlangsamte oder beschleunigte Bewegung reagiert.“ Das Gleichgewichtsorgan hat seinen Sitz im Innenohr und steuert den sehr komplexen Prozess der Gleichgewichtsregulation. Dabei sind immer auch andere Sinne beteiligt und im Gegenzug beeinflusst die vestibuläre Wahrnehmung auch das Funktionieren der anderen Sinne.

Visuelles System – Sehsinn

Über das Auge nimmt der Mensch die meisten Informationen aus seiner Umwelt auf. Neben einer intakten Sehfähigkeit des Sinnesorgans muss aber auch die Verarbeitung der aufgenommenen Reize problemlos voll funktionstüchtig sein, um die Informationen im Gehirn richtig aufnehmen zu können.

Auditives System – Hörsinn

Eine intakte auditive Wahrnehmung ist eine grundlegende Voraussetzung für die Sprach- und Kommunkationsentwicklung. Wiederum müssen sowohl das Sinnesorgan Ohr als auch die Weiterleitung der Informationen funktionieren.

Weiters gibt es noch das gustatorische System, den Geschmackssinn, und das olfaktorische System, den Geruchssinn (vgl. Zimmer, 2004).

2.2 Integration der Sinne

Damit jede Art von Lernen funktionieren kann, müssen die Sinnesreize nicht nur aufgenommen, sondern auch erkannt, interpretiert, zugeordnet, miteinander verknüpft und schließlich abgespeichert werden. Ayres (2002, S. 322) nennt diesen Vorgang „Sensorische Integration“ und definiert ihn folgendermaßen:

„Die sinnvolle Ordnung und Aufgliederung von Sinneserregung, um diese nutzen zu können. (…) Durch die sensorische Integration wird erreicht, daß alle Abschnitte des Zentralnervensystems, die erforderlich sind, damit ein Mensch sich sinnvoll mit seiner Umgebung auseinandersetzen kann und eine angemessene Befriedigung dabei erfährt, miteinander zusammenarbeiten.“

Kesper (2002) spricht auch von einer Assoziation zwischen den Sinnen und betont die große Bedeutung einer guten sensorischen Integration als Voraussetzung für eine ungestörte kindliche Entwicklung und intakte Lernfähigkeiten.

Sensorische Integration vollzieht sich nach Kesper (2002) auf vier Ebenen. Auf der neuralen Ebene werden Empfindungen und Reize im zentralen Nervensystem aufgenommen, auf der sensorischen Ebene werden Informationen registriert, gehemmt, verstärkt und verknüpft. Schließlich folgt die kognitive Ebene, hier kommt es zum Bewerten, Verstehen und Planen von Handlungen und zum Erarbeiten von Problemlösungen. Die vierte Ebene stellt die motorische Ebene dar. Sie vermittelt zwischen den drei anderen Ebenen und der Umwelt. Wenn ein Prozess auf nur einer Ebene nicht funktioniert, kann dies Störungen im gesamten System zur Folge haben.

3 Die Prinzipien der motorischen Entwicklung

Die Entwicklung der Motorik beim Kind erfolgt nach genauen Regeln, die vor allem hinsichtlich Diagnostik und Therapie große Bedeutung haben. Kesper und Hottinger (2002) nennen fünf Prinzipien, nach denen die motorische Entwicklung abläuft.

3.1Das Prinzip der reziproken Verflechtung

Hinsichtlich der Bewegungsfunktionen kann der menschliche Körper in zwei gleiche Körperseiten geteilt werden. Alle Gliedmaßen und Bewegungsorgane existieren paarweise. Damit es zu einer symmetrischen Bewegung kommen kann und die beiden Körperhälften harmonieren, muss eine geordnete Beziehung zwischen den zwei Seiten bewirkt werden. Dafür ist es nötig, dass die wechselnde Dominanz der Muskelpaare Beuger und Strecker geübt wird und so die Beuge- und Streckmechanismen in Einklang miteinander funktionieren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die motorische Entwicklung eines Kindes. Entwicklungsschritte, Reflexe und Reaktionen
Hochschule
Universität Salzburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
33
Katalognummer
V288991
ISBN (eBook)
9783656891864
ISBN (Buch)
9783656905509
Dateigröße
869 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, kindes, entwicklungsschritte, reflexe, reaktionen
Arbeit zitieren
Mag. Maria Ablinger (Autor), 2006, Die motorische Entwicklung eines Kindes. Entwicklungsschritte, Reflexe und Reaktionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288991

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