Ursachen von Unterrichtsstörungen in der Grundschule


Akademische Arbeit, 2006

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Unterrichtsstörungen in der Grundschule - ein beständiges Problem?

2. Mögliche Ursachen von Unterrichtsstörungen
2.1. Störungsursache „Schüler“
2.1.1. Differenzierte Sichtweise der Schüler
2.1.2. Veranlagte- und entwicklungsbedingte Störfaktoren
2.1.2.1. Konzentrationsschwächen
2.1.2.2. Aufmerksamkeitsstörung – AD(H)S
2.1.2.3. Hochbegabung
2.1.3. Bewegungsmangel
2.1.4. Langeweile
2.1.5. Mitteilungsbedürfnis
2.2. Störursache „Lehrer“
2.2.1. Unterrichtsplanung
2.2.2. Verhalten
2.2.2.1. Unruhiges Verhalten
2.2.2.2. Körpersprache
2.2.2.3. Aufmerksamkeit und Konzentration
2.2.2.4. Autorität
2.2.2.5. Geringe Fachkompetenz
2.2.2.6. Unsicherheit
2.3. Störursache „Schulische Rahmenbedingungen“
2.3.1. Lärmbelästigung durch die Umgebung
2.3.2. Randstunden
2.3.3. Die Pausen
2.4. Störursache „Soziale Komponenten“
2.4.1. Familiäre Probleme
2.4.2. Persönliches Umfeld

3. Schlussbemerkung

4. Literaturverzeichnis und weiterführende Literatur

1. Unterrichtsstörungen in der Grundschule - ein beständiges Problem?

Unterrichtsstörungen kommen in jeder noch so vorbildlichen Klasse bzw. Schule vor. Störungen sind Wesensbestandteile von Unterricht, aufgrund gegenseitigen Missverstehens von Schüler und Lehrer. Manche Störungen können reduziert werden, andere lösen sich von selbst oder sind unbehebbar.

In der Grundschule müssen die Schüler sich anfangs erst an bestimmte Regeln und Richtlinien gewöhnen und zusätzlich lernen, dauerhaft 45 Minuten im Klassenraum zu verbringen – meist sitzend auf dem eigenen Platz. Es ist naheliegend, dass dies nach einem turbulenten und bewegungsintensiven Kindergartenvormittag ungewohnt und neu erscheint. In der ersten Klassenstufe treten gewöhnlich Störungen auf, die sich alljährlich zutragen, wenn Neulinge in den Schulalltag starten. Dazu gehören unruhige Verhaltensweisen, „plötzliches Aufstehen“ oder „in die Klasse rufen“. Viele Regeln werden Schülern im Laufe des Schulalltages gelehrt, damit ihnen bewusst wird, dass für ein Zusammenleben in einer Klassengemeinschaft bestimmte Regeln vonnöten sind.

Inzwischen gibt es eine Reihe an Literatur[1], in der sich die Autoren mit diesem speziellen Thema auseinandergesetzt haben und verschiedene Ratschläge und Lösungen sowie Hinweise geben, bestimmte Unterrichtsstörungen zu vermeiden. Es sind allerdings keine Patentrezepte, die die sofortige Lösung hervorbringen, sondern Verbesserungsvorschläge und Möglichkeiten, Störungen zu verringern. Sie sollen primär zum Nachdenken anregen und nicht unbedingt eins zu eins umgesetzt werden. Es erfordert intensive Arbeit, mit Schülern ein positives Klassenklima herzustellen und dies auch beizubehalten. Man findet immer wieder Schüler mit individuellen Problemen und Niveaustufen. Einige langweilen sich oder sie finden es gerade viel spannender, sich mit ihren gerade neu gefundenen Klassenkameraden zu unterhalten, anstatt dem Unterricht zu folgen.

Allerdings gibt es nicht nur Störungen im Unterricht, die von Schülerseite produziert werden, ihre Gründe können auch anderer Natur sein. Oft stehen die Schüler im Mittelpunkt der Ursache, aber man sollte weitere mögliche Faktoren wie die Lehrkräfte oder soziale Komponenten nicht außer Acht lassen. Lehrer und Schüler können sich gegenseitig als Störfaktoren empfinden und sich demzufolge das Leben erschweren. Resultierend leiden dadurch Lehrer in bestimmten Situationen unter ihren Schülern, aber auch Schüler unter ihren Lehrern.[2]

Die Ursachen von Unterrichtsstörungen sich zudem nicht nur in der Schule oder Klasse vorzufinden, sondern können auch „individuelle, familiäre, gesellschaftliche, historische, zeittypische“[3] Gründe haben, die außerhalb des Schulalltags liegen.

Störungen können aufgrund subjektiver Wahrnehmungen als solche betrachtet werden, d.h. manche Personen sehen eine Situation als störend an, von der sich andere wiederum nicht gestört fühlen. Somit gibt es auch Unterrichtsstörungen, die eigentlich keine sind, aber in der Betrachtungsweise einzelner Personen als solche wahrgenommen werden.

Hinter dem Begriff Unterrichtsstörungen verbirgt sich viel mehr, als man zuerst glaubt. Störungen bedeuten oft Konflikte zwischen Personen oder Konflikte, die durch Personen verursacht werden. Diese Konflikte finden in der Schule zwischen einzelnen Schülern oder zwischen diesen und der Lehrkraft statt. Es gibt dementsprechend qualitative Unterschiede bei Störungen wie leichte, indirekte und direkte, unbehebbare sowie unvermeidbare Störungen.[4] Im Lehrerzimmer oder auf Besprechungen klagen Lehrer über Schüler, die ihren Unterricht stören oder boykottieren. Aber gibt es immer Gründe bzw. Beabsichtigungen von Schülern den Unterricht zu stören? Sie reden mit dem Tischnachbarn oder kippeln mit dem Stuhl, anstatt aufmerksam den Unterricht der vorne stehenden Lehrkraft zu folgen. Manche Schüler finden es schwer, sich für eine bestimmte Zeit dauerhaft zu konzentrieren, leiden unter Bewegungsmangel oder brauchen wechselnde Unterrichtsmethoden, um sich neu zu motivieren.

In dieser Arbeit gebe ich einen Überblick über eine Auswahl von klassischen Ursachen von Unterrichtsstörungen. Diese Störungen, ob sie nun vom Schüler oder Lehrer herbeigeführt werden, senden oft verborgene Signale oder Botschaften aus. Zusätzlich werden Rahmenbedingungen, die den Unterricht ebenfalls beeinflussen und stören können, dargestellt.

2. Mögliche Ursachen von Unterrichtsstörungen

Unterrichtsstörungen entstehen im Laufe des Schulalltags und basieren auf den verschiedenartigsten Ursachen, die sich aus einem Netz von Beziehungen entfalten. Einzelne Personen allein, aber auch eine Gruppe mit mehreren Mitgliedern können verschiedene Störungen verursachen. Aber was veranlasst den „Störenfried“ zu diesem Verhalten? Unterrichtsstörungen können sowohl vom Schülerverhalten als auch vom Handeln der Lehrkraft ausgehen, denn „jedes menschliche Verhalten hat Ursachen […] und verfolgt Ziele“[5]. Jede Störung besitzt meist ganz individuelle Ursachen und Hintergründe, obwohl sie äußerlich die gleichen Merkmale aufweist. Durch unterschiedliches Wahrnehmen mehrerer Personen kommt es zu abweichenden Auffassungen und Grenzen von Unterrichtsstörungen. Deshalb gilt es als ziemlich „sinnlos […] ein bestimmtes Geschehen von außen, prinzipiell und von bloß wertenden Personen her beurteilen zu wollen“,[6] denn jede Person, ob Lehrer, Schüler, Kollegen oder Rektoren, bewertet auffälliges Verhalten auf andere Art und Weise. Wenn also Störungen häufiger und chronisch auftauchen, sollten mögliche Ursachen in Erwägung gezogen werden.

Unterrichtsstörungen von Schülerseite sind oftmals Reaktionen auf den Lehr-Lern-Prozess. Es gibt eine endlose Liste von Ursachen und Gründen, die zu Unterrichtsstörungen führen können. Aufgrund dessen wird hier eine ausgewählte Anzahl von diversen Ursachen dargeboten, die sich teilweise überschneiden oder sich bei anderen Störungen wiederfinden lassen, weil sie von betroffenen Personen anders verarbeitet werden und zu unterschiedlichen Störverhalten führen können. Auf direkte Handlungsmaßnahmen der demonstrierten Störungen und ihren Ursachen wird im weiteren Verlauf der Arbeit eingegangen.

2.1. Störungsursache „Schüler“

Die unterschiedlichsten Gründe können auftreten, wenn der Schüler den Unterricht indirekt oder geradewegs boykottiert. Nach Winkel sind die meisten Unterrichtsstörungen Signale vom Schüler, der bestimmte Dinge zum Ausdruck bringen will, was ihm z.B. am Unterricht oder daran beteiligten Faktoren missfällt. Lern-, Lebens- und Beziehungsprobleme oder fehlender Sinn des schulischen Unterrichts kursieren im Kopf des Schülers oder ihn überkommt die Langeweile aufgrund von Desinteresse. Der Schüler besitzt den Willen zum Lernen, aber will die Vermittlung des Lerninhalts auf eine andere Weise oder mit anderen Methoden erfahren.[7]

Um den Unterricht interessanter zu gestalten, weil z.B. Langeweile, geistige Überbeanspruchung oder zu langes Stillsitzen ohne Pausen die Ursachen sind, kommuniziert der Schüler z. B. mit dem Nachbarn oder beginnt in seiner Schultasche zu kramen. Jeder einzelne hat andere Wünsche, Bedürfnisse oder Probleme und muss sich im Unterricht an die Situation anpassen. Daraus resultierend weisen fast alle permanent störenden Schüler absinkende Leistungen auf.

Anschließend stellt sich die Frage, welche Absichten der Schüler mit der von ihm ausgelösten Störungen verfolgen will. Rudolf Dreikurs zeigt, ausgehend von dem grundlegenden Ziel, in der Gruppe aufgenommen zu werden, vier mögliche Ziele, die der Schüler durch Störungen erreichen will: Er will Aufmerksamkeit mit den verschiedensten Mitteln wie Charme, altklugen Bemerkungen, Herzigkeit o. Ä. bekommen. Ignoranz verspürt das Kind intensiver als Strafen oder Schlagen. Mit Macht und Überlegenheit versucht er auf einer anderen Weise Annerkennung zu bekommen. Aus einem Vergeltung und Rache werden erneute Störungen produziert, als eine Reaktion auf Sanktionen bzgl. schon erfolgter Vorkommnisse. Er fühlt sich provoziert und übt erneut Handlungen aus. Dies versucht er, indem er aus der Empfindlichkeit des „Gegners“ seinen Profit zieht. Letztes Ziel kann das Zuschaustellen einer tatsächlichen oder eingebildeten Minderheit sein, indem der Schüler aufgibt und nichts weiter von ihm erwartet werden kann.[8]

Eine Auswahl möglicher Ursachen, die den Schüler zum Stören des Unterrichts veranlassen, wird im Folgenden gegeben.

2.1.1. Differenzierte Sichtweise der Schüler

Schüler erleben Unterricht auf eine andere Art und sehen ihn aus einem anderen Blickwinkel. Nach Angaben der Unterrichtsforschung aus diversen Lehrer- bzw. Schülerperspektiven empfinden Schüler ihre Lernumgebung im Schulalltag negativer als Lehrer. Hierbei handelt es sich um Faktoren wie Gleichberechtigung gegenüber Schülern oder allgemeine Mitarbeit im Unterricht. Vor allem in der Grundschule vermischt sich die Gleichberechtigung noch häufig mit der Aufmerksamkeitsgewinnung der Schüler untereinander.

Die Umgangsweise, inklusive Aussprache und Wortwahl, die Schüler aus ihrer (familiären) Umgebung kopieren und in den Unterricht hineinbringen, werden vom Lehrer anders wahrgenommen und möglicherweise als störend empfunden.[9]

Lehrer selber lebten in ihrer Schulzeit und diesem Alter nach anderen Interessen und Wünschen. Jede Generation mit ihren Cliquen besitzt häufig ihre eigene Sprache, die Außenstehende, in diesem Fall die Lehrkräfte, als unangenehm und missverständlich empfinden können. Indessen nehmen Schüler diese Faktoren oft als „normal“ hin und fühlen sich dadurch selten gestört. Im Gegenteil, sie empfinden kleine Störungen oft als Auflockerung des Unterrichts.

2.1.2. Veranlagte- und entwicklungsbedingte Störfaktoren

Bestimmte Ursachen von Störverhalten können bei Schülern individuell durch vorherige Generationen veranlagt sein oder sie haben sich aus der Erziehung heraus entwickelt, wie z.B. in Form von Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwächen, AD(H)S oder auch Hochbegabung. Anlagebedingte Faktoren weisen eine geringe Intelligenz und Kontaktfähigkeit sowie starke Impulsivität, motorische Hyperaktivität oder in gewissen Fällen Begabungsdefizite auf. Für den Lehrer ist es von Vorteil über bestimmte außerschulische Bedingungen informiert zu sein, um sich im Klaren darüber zu sein, dass solche Störungen nur durch einen Facharzt oder Therapeuten behandelt werden können.[10] Einige der genannten – teils veranlagten bzw. entwicklungsbedingten – Störungen werden im weiteren Verlauf explizit erläutert.

2.1.2.1. Konzentrationsschwächen

Der Begriff „Konzentration“ lässt sich vom lateinischen Wort „concentrare“ ableiten und bedeutet „in einem Punkt vereinigen“ bzw. sich „auf einen Mittelpunkt beziehen“[11]. Konzentration bedeutet, sich mit gesamter und geballter Aufmerksamkeit auf einen zentralen Punkt zu richten und verlangt somit erhöhte Geistesaktivität.

A. und R. Ortner unterscheiden zwischen Konzentrations störungen und Konzentrations schwächen. Störungen treten in diesem Bereich häufig punktuell bzw. phasenweise auf, während Konzentrationsschwächen chronisch vorliegen und schwer zu beheben sind, z. B. aufgrund von angeborenen Symptomen.

Nach A. und R. Ortner begründen sich die Ursachen für Konzentrationsschwächen vorwiegend aus drei Komponenten, die sich allerdings nicht eindeutig voneinander trennen lassen: Somatische Ursachen, Erziehungsbedingungen und umweltbedingte Schädigungen.

Gehen Konzentrationsschwächen vorwiegend aus anlagebedingten Faktoren hervor, gehören sie der schwerwiegendsten Form an – den somatischen bzw. physischen Ursachen. Mögliche Merkmale dieser Komponente sind „konstitutionelle Bedingtheiten des vegetativen Nervensystems, zerebrale Erkrankungen oder Dysregulationen im Stoffwechselbereich des Organismus.“[12] Die Heilungserfolge sind hier sehr gering. Vorliegen können ebenso Nervosität, innere Beunruhigung, Hormonstörungen, Seh- oder Hörfehler, Entwicklungskrisen oder Verletzungen wie Schädelfrakturen infolge von Unfällen.[13]

[...]


[1] U.a. Winkel, Rainer, Der gestörte Unterricht, Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Baltmannsweiler: Schneider, 2005.; Lohmann, Gerd, Mit Schülern klarkommen. Professioneller Umgang mit Unterrichtsstörungen und Disziplinkonflikten, Berlin: Cornelsen, 2003.; Biller, Karlheinz, Unterrichtsstörungen, Stuttgart: Klett, 1981.

[2] Vgl.: Winkel, Rainer, Der gestörte Unterricht, 2005, S.9.

[3] ebenda, S.9f.

[4] Vgl.: Biller, Karlheinz, Unterrichtsstörungen, Stuttgart: Klett, 1981, S.34ff

[5] Winkel, R., Der gestörte Unterricht, 2005, S.32.

[6] Ebenda, S.30.

[7] Vgl. Winkel, R., Der gestörte Unterricht, 2005, S.31f.

[8] Vgl. Dreikurs, Rudolf., Psychologie im Klassenzimmer, Stuttgart: Klett-Cotta, 2004. S.45ff.

[9] Vgl. Lohmann, G., Mit Schülern klarkommen, 2003, S.18.

[10] Vgl. Biller, Karlheinz, Unterrichtsstörungen. 1981, Stuttgart: Klett Verlag. S.30.

[11] Ortner A./ Ortner R., Verhaltens- und Lernschwierigkeiten, 2000, S.281.

[12] Ebenda, S.283.

[13] Vgl. ebenda, S.283f.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Ursachen von Unterrichtsstörungen in der Grundschule
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V288998
ISBN (eBook)
9783656891918
ISBN (Buch)
9783656906216
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unterrichtsstörungen, Ursachen, Hochbegabt, ADHS, Lehrer, Schüler, Grundschule
Arbeit zitieren
Ulrike Albrecht (Autor), 2006, Ursachen von Unterrichtsstörungen in der Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288998

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