Die Idealisierung Rennewarts in Wolfram von Eschenbachs 'Willehalm'


Seminararbeit, 2010

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Die Idealisierung Rennewarts in Wolfram von Eschenbachs `Willehalm`
2.1 Allgemeiner Überblick über die Rennewart-Handlung innerhalb des `Willehalm`
2.2 Rennewart als „vriunt“ Willehalms
2.3 Willehalms Klage über Rennewarts Verschwinden
2.4 Rennewart als Retter der Christen
2.5 Rennewarts `tumpheit` als Verstoß gegen den Männlichkeitsentwurf?
2.6 Rennewarts Minnebeziehung zu Alyze
2.7 Rennewarts Stärke und Schönheit

3. Schlussbewertung

Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

Sekundärliteratur:

Eidesstattliche Erklärung

1. Vorbemerkung

Wolfram von Eschenbach gilt gemeinhin als der herausragendste Dichter der mittelhochdeutschen klassischen Literatur, der das Dichten zum Beruf machte, obwohl ihm im Vergleich zu anderen Genies seiner Zeit eine geringe Bildung nachgesagt wird.[1] Das Gesamtwerk Wolframs umfasst drei epische Werke, nämlich den `Willehalm`, den `Parzival` und das `Titurel-Fragment`, sowie neun Lieder.

So wie bei den anderen großen Dichtern seiner Zeit, Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und dem Verfasser des `Nibelungenlieds`, so ist auch über das Leben Wolframs nur sehr wenig bekannt. Alles, was wir über sein Leben zu wissen glauben, beruht auf Andeutungen in seinen Werken und in Schriftstücken späterer Dichter.

Wolframs ungefähre Lebenszeit kann aus der erschließbaren Abfassungszeit seiner Epen gedeutet werden: so ist der `Parzival` im ersten und die beiden anderen Epen im zwei Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts entstanden.[2]

Zusätzlich dazu kann vermutet werden, dass Wolfram nach dem heutigen Wolframs-Eschenbach benannt ist, das in Mittelfranken liegt. Der bedeutendste Gönner Wolframs war Landgraf Hermann I. von Thüringen (1190-1217), der der einflussreichste Förderer der Literatur seiner Zeit war.[3] Weitere bekannte Personen, die für den Landgrafen gearbeitet haben, waren beispielsweise Heinrich von Veldeke und Walther von der Vogelweide. Es scheint sicher, dass der Landgraf Wolfram auch die französische Quelle des `Willehalm` lieferte, nämlich `Aliscans`.[4]

Heutzutage sind vom `Willehalm` insgesamt 70 Handschriften bekannt, wobei zwölf vollständig und 58 fragmentarisch erhalten sind. Diese Zahlen belegen auch, dass dieses Epos ähnlich beliebt war wie der `Parzival`.[5]

Im Folgenden wird nun eine Person im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, die erst im IV. Buch des `Willehalm` erscheint, Rennewart. Die Arbeit will klären ob und wie Rennewart von Wolfram idealisiert dargestellt wird und wie sich diese Idealisierung in ausgesuchten Textpassagen äußert. Dabei wird versucht, nach und nach Themenkomplexe vorzustellen, die als Belege für den Männlichkeitsentwurf des Rennewart gelten können.

2. Die Idealisierung Rennewarts in Wolfram von Eschenbachs `Willehalm`

2.1 Allgemeiner Überblick über die Rennewart-Handlung innerhalb des `Willehalm`

Anfangs kann festgehalten werden, dass innerhalb des `Willehalm` weder Gyburg, noch Willehalm selbst oder Rennewart als alleinige Hauptgestalten des Versepos gesehen werden dürfen.

Rennewart kommt erstmals vor, als sich die eigentliche Haupthandlung im Abklingen befindet. Dabei betritt er die Bühne im IV. Buch in aufsehenerregender Weise, aber zuerst beziehungslos zur Haupthandlung. Seine anfängliche Unterordnung macht sich besonders im V. Buch bemerkbar, als Willehalm, Gyburg und deren christlichen Verwandten in den Vordergrund treten.

Erst zu Beginn des VI. Buches schiebt sich nun Rennewart in den Fokus der Betrachtung. Zuerst erfahren wir darin einiges über seine Vorgeschichte, bis er zu einem gleichwertigen Handlungsträger im Vergleich zu Gyburg entwickelt. Daraus kann der Leser schon die Bedeutung Rennewarts für den Fortgang der allgemeinen Handlung abschätzen.

Zusammenfassend kann nun festgestellt werden, dass ab dem ersten Auftreten Rennewarts, er und Willehalm die Handlungsträger im IV. Buch bilden. Das V. Buch wird von Gyburg, Willehalm und deren Verwandten dominiert. Im VI. Buch sind Rennewart und Gyburg die Hauptgestalten und im VII. Buch Willehalm und Rennewart. In den beiden letzten Schlacht-Büchern erhält Rennewart sogar ein kleines Übergewicht gegenüber den anderen christlichen Anführern.

Also erhalten wir den Eindruck eines Gesamtgeschehens, in dem sich die Einzelnen abwechselnd oder gemeinsam bewähren. Nicht der Einzelne ist es, auf den es ankommt. Trotz alledem spielt Rennewart und dessen Idealisierung innerhalb des Gesamtwerks eine sehr bedeutende Rolle.[6]

2.2 Rennewart als „vriunt“ Willehalms

Ein Zeichen der Idealisierung Rennewarts durch Wolfram von Eschenbach ist mit Sicherheit die Tatsache, dass Willehalm den vermissten Rennewart als seine `rechte Hand` bezeichnet:

„ine hân noch niht vernumen,

war mîn zeswiu hant sî kumen.

ich mein in, der ze bêder sît

den prîs behielt, dô diu zît

kom und der urteillîche tac,

daz ich von im des siges pflac

und von der hoehsten hende.“ (452, 19-25)[7]

Dadurch wird Rennewart praktisch zu einem der wichtigsten Christenkämpfern und Erhalter des Reichs erkoren. Es scheint fast so, als ob Rennewart bereits auserwählt worden sei.[8]

Doch Willehalm geht noch weiter, wenn er Rennewart als seinen „ vriunt“ (289, 19) bezeichnet. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass zwischen Willehalm und Rennewart eine Ebenbürtigkeitsbeziehung gegeben ist, denn bei einer `vriuntschaft` stehen die Partner auf derselben Ebene. Die Stellung der beiden Allianzpartner in der ständischen Hierarchie wird von Willehalm im Dialog mit Rennewart problematisiert:[9]

„bistû von sölher art erkant,

daz dich rîchen sol mîn hant,

ich meine: under mir und niht obe,

sô bring ich dich zuo sölhem lobe,

[…]

daz nie vürsten soldier

baz wart vür dich geêret.

dîn wirde wirt gemêret.

bist aber dû hôher, dan ich bin,

sô trag ich dir dienstlîchen sin

und allez mîn geslehte:“ (331, 1-11)

Darauf antwortet Rennewart, dass er einen „lôn“ (331, 16) für seine Mühen bekommen möchte. Dabei will Rennewart aber nicht als dienender Untergeordneter in den Krieg ziehen, sondern seinen eigenen „prîs“ (331, 14) zum Scheinen bringen.

Als „solt“ (331, 17) fordert Rennewart vom Markgrafen das Ende seines „herzesêre“ (331, 19). Hiermit wird offensichtlich, dass Rennewart damit eine mögliche Ehe mit Alyze meint. Denn der Zweck der Erringung adliger Würde hat Rennewart Willehalm benannt, er will sich dafür qualifizieren, von einer „wert amîe […] umbevâhen“ (193, 26 f.) zu werden. Indem Rennewart indirekt die Nichte des Markgrafen als Lohn fordert, gibt er zu erkennen, dass er Alyze als für ihn ständisch angemessen betrachtet. Somit antwortet Rennewart auf Willehalms indirekte Frage nach Rennewarts Status, dass kein Verhältnis der Über- und Unterordnung besteht, sondern eines von gleichen herrschaftlichen Machtverhältnissen.

Ein weiterer eindeutiger Beweis der Ebenbürtigkeit Willehalms und Rennewarts wird beim Abschiedsmahl zu Oransche geliefert, als sich die Ritter um Rennewart versammeln, um mit seiner Stange Kraftproben anzustellen:[10]

„er leite sîne stangen nidere.

dar gie manec rîter sidere.

ieslîches kraft sich sô verbarc:

ir neheiner was sô starc,

der´s hüebe von der erde,

wan Willehalm, der werde,

[...]


[1] Vgl. Brunner, Horst: Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters im Überblick. Stuttgart: Reclam Verlag 2007, S. 162

[2] Vgl. von Eschenbach, Wolfram: Willehalm. Herausgegeben von Joachim Heinzle. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 2009, S. 791

[3] Vgl. Brunner 2007, S. 162 f.

[4] Vgl. Heinzle 2009, S. 792

[5] Vgl. Brunner 2007, S. 186

[6] Vgl. Knapp, Fritz Peter: Rennewart. Studien zu Gehalt und Gestalt des `Willehalm` Wolframs von Eschenbach. Wien: Notring Verlag 1970, S. 273 ff.

[7] Im Folgenden wird aus der Primärquelle im laufenden Text unter Angabe der Strophen- und Verszahl zitiert; es werden hierbei keine Fußnoten verwendet

[8] Sabel, Barbara: Toleranzdenken in mittelhochdeutscher Literatur. Wiesbaden: Reichert Verlag 2003, S. 151

[9] Vgl. Grenzler, Thomas: Erotisierte Politik – Politisierte Erotik? Die politisch-ständische Begründung der Ehe-Minne in Wolframs `Willehalm`, im `Nibelungenlied` und in der `Kudrun`. Göppingen: Kümmerle Verlag 1992, S. 34

[10] Vgl. ebd., S. 34 f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Idealisierung Rennewarts in Wolfram von Eschenbachs 'Willehalm'
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Proseminar: Bekleidete und nackte Männlichkeit: Verstöße gegen Männlichkeitsentwürfe
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V289020
ISBN (eBook)
9783656892151
ISBN (Buch)
9783656892168
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Willehalm, Wolfram von Eschenbach, Rennewart, Wolframs Willehalm, Heldenepik, Rennewart im Willehalm
Arbeit zitieren
Thomas Körner (Autor:in), 2010, Die Idealisierung Rennewarts in Wolfram von Eschenbachs 'Willehalm', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289020

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