Die Achtsamkeit ist das 7. Glied des "Edlen Achtfachen Pfades" im Buddhismus. Durch das Beschreiten verschiedener Etappen auf den Gebieten der Weisheit, Sittlichkeit und Meditation soll der Mensch durch diesen Pfad zur Erleuchtung finden. Achtsamkeit ist aber nicht nur ein antikes Heilskonzept, sondern mittlerweile fester Bestandteil in der modernen Therapie.
Doch welche Rolle kommt ihr dabei zu? Wie ist es durch Achtsamkeit möglich, psychisches Wohlbefinden zu erlangen, Stress abzubauen und Verhaltensstörungen oder gar Depressionen entgegen zu wirken?
Dieser Band gibt einen Überblick über verschiedene, achtsamkeitsbasierte Ansätze und zeigt, wie sie bei der Therapie psychischer Probleme eingesetzt werden.
Aus dem Inhalt:
- Achtsamkeit im Buddhismus
- Empirische Befunde zur Wirkung von Achtsamkeit
- Achtsamkeit in der Psychotherapie
- Krankheitsbild Depression
- Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR)
- Sucht- und Abhängigkeitstherapie von Drogen- und Alkohol
Inhaltsverzeichnis
Das buddhistische Konzept Achtsamkeit im Netzwerk der Copingstile von Franziska Thieme
1 Einleitung
2 Achtsamkeit
2.1 Definitionsansätze der Achtsamkeitskonzepts
2.1.1 Achtsamkeit im Buddhismus
2.1.2 Achtsamkeit in der Psychotherapie
2.1.3 Achtsamkeit als psychologischer Prozess
2.1.4 Achtsamkeit auf der Ebene psychologischer Konstrukte
2.2 Operationalisierungsansätze der Achtsamkeit
2.2.1 Der Freiburger Fragebogen zur Achtsamkeit
2.2.2 Konvergente und divergente Konstruktvalidität
2.2.3 Faktoranalytische Untersuchung des Achtsamkeitskonzepts
2.2.4 Vergleich der deutschsprachigen Achtsamkeitsskalen
2.3 Empirische Befunde zur Wirksamkeit von Achtsamkeit
2.3.1 Ergebnisse kontrolliert-randomisierter Untersuchungen
2.3.2 Ergebnisse nicht-kontrollierter Untersuchungen
2.4 Vorschlag einer Klassifikation vermuteter Wirkfaktoren der Achtsamkeit
2.4.1 Befundlage und Hemmnisse
2.4.2 Distanz gegenüber innerpsychischen Prozessen
2.4.3 Neubewertung von Gedanken
2.4.4 Reduktion der Grübelneigung
2.4.5 Identifizieren verzerrter Kognitionen
2.4.6 Emotionsregulation
2.4.7 Entkoppelung der Kognitions-Emotions-Verhaltensverknüpfung
2.4.8 Erweiterung des Handlungsspielraums durch Akzeptanz
2.4.9 Subjektives Kontrollerleben
2.4.10 Selbstwertgefühl und Selbstkonzept
2.4.11 Sensorische Sensibilisierung
2.4.12 Klassische und Operante Konditionierungseffekte
3 Stressbewältigung
3.1 Annahmen psychologischer Stressmodelle
3.1.1 Erklärungsansätze zur Entstehung von Stress
3.1.2 Bewältigung nach Lazarus und Folkman
3.2 Klassifikationen von Bewältigungsstrategien
3.2.1 Problemorientiertes und Emotionsorientiertes Coping
3.2.2 Funktionales und Dysfunktionales Coping
3.2.3 Bewältigung durch Aufmerksamkeitssteuerung: Vigilanz und Kognitive Vermeidung
3.3 Wirksamkeit spezieller Bewältigungsstrategien
4. Fragestellungen der Untersuchung
5 Methodik und Hypothesen der Untersuchung
5.1 Untersuchungsdesign
5.2 Stichprobe
5.3 Messinstrumente
5.3.1 Soziodemografischer Teil
5.3.2 Der Freiburger Fragebogen zur Achtsamkeit
5.3.3 Das Angstbewältigungs-Inventar
5.3.4 Das COPE-Inventar
5.3.5 Die Symptom-Checkliste
5.4 Statistische Hypothesen
6. Ergebnisse
6.1 Zum Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und Bewältigungsstrategien
6.1.1 Geht Achtsamkeit mit aktiv-problemlösenden Strategien einher?
6.1.2 Geht Achtsamkeit mit passiv-vermeidenden Bewältigungsstrategien einher?
6.1.3. Unterscheiden sich Hoch- und Niedrigachtsame in ihrem Bewältigungsverhalten?
6.1.4 Unterscheiden sich Hoch- und Niedrigachtsame hinsichtlich der Aufmerksamkeitssteuerung in Belastungssituationen?
6.2 Zum Zusammenhang von Psychischer Gesundheit und Achtsamkeit
6.2.1 Besteht ein Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und psychischer Gesundheit?
6.2.2 Wird der Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und Psychischer Gesundheit über die Bewältigungsstrategien vermittelt?
6.2.3 Verändert Achtsamkeit den Einfluss der Bewältigungsstategien auf die Psychische Gesundheit?
6.2.4 Bildet Achtsamkeit unter den Copingstilen eine eigenständige Dimension?
6.2.5 Wo positioniert sich Achtsamkeit im Netzwerk der Copingstile?
7. Diskussion
7.1 Methodische Einschränkungen
7.1.1 Interne Validität
7.1.2 Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge
7.1.3 Generalisierbarkeit
7.2. Diskussion der Untersuchungsergebnisse
7.2.1 Achtsamkeit geht mit aktiv-problemlösenden Bewältigungsstrategien einher
7.2.2 Achtsamkeit geht nicht mit passiv-vermeidenden Bewältigungsstrategien einher
7.2.3 Hochachtsame unterscheiden sich von Niedrigachtsamen in der Wahl der Bewältigungsstrategien
7.2.4 Achtsame entsprechen nicht der Gruppe der Nicht-Defensiven nach Krohne & Egloff
7.2.5 Achtsamkeit geht mit psychischer Gesundheit einher
7.2.6 Coping vermittelt partiell den Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und Psychischer Gesundheit
7.2.7 Achtsamkeit wirkt nicht als Moderator
7.2.8 Achtsamkeit im Netzwerk der Copingstile
7.2.9 Achtsamkeit - Copingstil oder übergeordnete Einstellung?
7.3 Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die theoretische und empirische Vereinbarkeit des buddhistischen Konzepts der Achtsamkeit mit der psychologischen Copingforschung. Dabei liegt der Fokus auf der Frage, ob Achtsamkeit mit passiven Vermeidungstendenzen oder vielmehr mit aktiven, problemorientierten Bewältigungsstrategien einhergeht und ob sie als Persönlichkeitsmerkmal mit psychischer Gesundheit assoziiert ist.
- Verhältnis von Achtsamkeit und Stressbewältigungsstrategien
- Empirische Überprüfung des Achtsamkeitskonstrukts mittels Fragebögen (FFA)
- Rolle der Achtsamkeit im Netzwerk der Bewältigungsstile
- Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und psychischer Symptombelastung
- Rolle als Moderator oder Mediator bei der Stressbewältigung
Auszug aus dem Buch
2.4.2 Distanz gegenüber innerpsychischen Prozessen
Es ist zunächst das Naheliegendste, die Wirkung im Bereich der Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsprozessen zu suchen. Mit Hilfe der Achtsamkeit wird ja eine Art der Aufmerksamkeitslenkung und -aufrechterhaltung geschult. Diese Art der Aufmerksamkeit soll es ermöglichen, die eigenen Gedanken und Gefühle wertfrei zu beobachten, besonders den Prozess ihres Auftauchens und Verschwindens. Diese einfache Betrachtung, die aus einer nicht bewertenden Haltung heraus geschieht, ermöglicht es, folgende Erfahrung zu machen: Gedanken sind keine realitätsgetreue Abbildung der Wirklichkeit, es handelt sich lediglich um mentale Ereignisse (Bishop, 2002). Die Fähigkeit, die aus dieser Erkenntnis resultiert, nämlich die Beobachtung der eigenen innerpsychischer Vorgänge, beschreibt Goleman (1996) als Metakognition und Metastimmung. Durch die neutrale Haltung, die den beobachteten Vorgängen gegenüber eingenommen wird, wird auch in Zeiten von Stress die Fähigkeit zur Selbstreflexion aufrechterhalten, so Goleman.
In der Achtsamkeitsbasierten Kognitiven Therapie (Teasdale et al., 2000) wird ebenso auf die Entwicklung dieser Fähigkeit abgezielt. In der Analyse der Rückfallraten der depressiven PatientInnen wurde die sog. metacognitive awareness als wesentlicher Prädiktor für einen Nicht-Rückfall identifiziert. Mit diesem Begriff beschreiben die Autoren die Fähigkeit, eine nicht identifizierende Haltung einzunehmen. Diese Haltung ermöglicht es, gegenüber automatisierten Gedankenmustern eine Distanz zu entwickeln. So sei es leichter, das Abgleiten in automatisierte Abläufe aus negativen Gedanken und Gefühlen zu verhindern. Linehan, der Begründerin der Dialektisch-Behavioralen Therapie (1996), spricht ebenfalls von einer nicht-wertenden Beobachtungshaltung. Diese auszubilden ist ein Therapieziel und ermöglicht den Borderline-PatientInnen beispielsweise, dass sie Warnsignale besser einschätzen. Ein sich ankündigender Selbstverletzungsimpuls etwa könne in einer nicht-wertenden Haltung eher erkannt und richtig eingeschätzt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung thematisiert den scheinbaren Widerspruch zwischen der achtsamen Haltung des "Nichts-Tuns" und den in der westlichen Stressforschung als effektiv eingestuften aktiven Problemlösungsstrategien.
2 Achtsamkeit: Das Kapitel führt in das Konzept der Achtsamkeit ein, beleuchtet seine buddhistischen Ursprünge sowie die wissenschaftliche Operationalisierung und Validierung des Konstrukts in der Psychologie.
3 Stressbewältigung: Hier werden zentrale theoretische Modelle der Stressentstehung vorgestellt sowie verschiedene Ansätze zur Klassifikation von Bewältigungsstrategien (Coping) diskutiert.
4. Fragestellungen der Untersuchung: Dieses Kapitel formuliert aus dem theoretischen Kontext die konkreten wissenschaftlichen Fragestellungen und Hypothesen, die im empirischen Teil überprüft werden.
5 Methodik und Hypothesen der Untersuchung: Dieser Abschnitt beschreibt das Studiendesign, die Stichprobenzusammensetzung sowie die eingesetzten psychometrischen Testverfahren zur Datenerhebung.
6. Ergebnisse: Hier erfolgt die deskriptive und inferenzstatistische Auswertung der erhobenen Daten, um die aufgestellten Hypothesen zu bestätigen oder zu widerlegen.
7. Diskussion: Das Kapitel reflektiert die methodischen Einschränkungen der Untersuchung, diskutiert die erzielten Ergebnisse im Kontext der Forschungsliteratur und zieht Schlussfolgerungen für die Praxis.
Schlüsselwörter
Achtsamkeit, Stressbewältigung, Coping, Psychische Gesundheit, MBSR, MBCT, Vigilanz, Kognitive Vermeidung, Persönlichkeitsmerkmal, Symptombelastung, Aufmerksamkeitssteuerung, Achtsamkeitsforschung, Depressionsprävention, Rückfallprophylaxe
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, wie das aus dem Buddhismus stammende Konzept der Achtsamkeit in westliche psychologische Modelle der Stressbewältigung (Coping) integriert werden kann und in welcher Beziehung es zu verschiedenen Copingstilen steht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verknüpft klinische Achtsamkeitskonzepte mit der Stressforschung, untersucht die psychometrische Messbarkeit von Achtsamkeit und analysiert deren Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit sowie spezifischen Bewältigungsstrategien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es zu klären, ob Achtsamkeit lediglich mit Passivität einhergeht oder ob sie mit effektiven, aktiven Bewältigungsstrategien korreliert und einen gesundheitsförderlichen Effekt ausübt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine empirische Studie an einer Stichprobe von 143 Studierenden, bei der psychometrische Fragebögen (u.a. FFA zur Achtsamkeit, COPE für Copingstile und SCL-27 zur Symptombelastung) angewendet wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der theoretischen Einordnung von Achtsamkeit, der Klassifikation von Stresstheorien, dem methodischen Aufbau der Untersuchung sowie der statistischen Prüfung der Hypothesen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Achtsamkeit, Stressbewältigung (Coping), psychische Gesundheit, Aufmerksamkeitssteuerung (Vigilanz/Vermeidung) und die Überprüfung von Mediatormodellen zur Symptombelastung.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Achtsamkeit in der Arbeit vom "Autopilot-Modus"?
Während der Autopilot-Modus durch automatisierte, unbewusste Reaktionen auf Stress gekennzeichnet ist, beschreibt Achtsamkeit eine absichtsvolle, nicht-wertende Aufmerksamkeitslenkung auf das gegenwärtige Erleben.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Rolle von Achtsamkeit als Bewältigungsstrategie?
Die Autorin schlussfolgert, dass Achtsamkeit keine isolierte Bewältigungsstrategie ist, sondern eine übergeordnete Einstellung, die einen aktiven und gelasseneren Umgang mit Stress ermöglicht und die Handlungsflexibilität erhöht.
- Quote paper
- Stefanie Gmerek (Author), Nicola König (Author), Franziska Thieme (Author), 2015, Achtsamkeit in der Therapie. Ein buddhistisches Prinzip in der modernen Psychotherapie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289027