Vom Kind zum Erwachsenen. Die Entwicklungsphasen des Menschen nach Erik H. Erikson


Fachbuch, 2015
99 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Das Stufenmodell von Erik H. Erikson
1. Einleitung
2. Das Stufenmodell
3. Diagramm des Stufenmodells
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis

Die Entwicklung der Identität
1. Einleitende Grundgedanken
2. Die Entwicklung der Identität nach Erik H. Erikson
3. Die Entwicklung der Identität nach George Herbert Mead
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis

Erik H. Erikson - Die menschliche Stärke und der Zyklus der Generationen
1. Einleitung
2. Die menschlichen Tugenden
3. Ethik in der Wechselwirkung der Generationen
4. Literaturverzeichnis

Die Bedeutung von Gruppen in den verschiedenen Lebensphasen
1. Einleitung
2. Theorie der psychosozialen Entwicklung nach Erik H. Erikson
3. Die Bedeutung von Gruppen in den verschiedenen Lebensphasen
4. Literatur:

Das Stufenmodell von Erik H. Erikson

1. Einleitung

Erik H Erikson (1902 - 1994) ist ohne Zweifel einer der herausragendsten Psy­choanalytiker des letzen Jahrhunderts. Der gebürtige Däne und spätere US- Amerikaner entwickelte die Phasentheorie Sigmund Freuds um die psychosozia­len Aspekte und die Entwicklungsphasen des Erwachsenenalters weiter.

Er geht davon aus, dass der Mensch im Laufe seines Lebens acht Entwicklungs­phasen durchläuft, die in einem inneren Entwicklungsplan angelegt sind.

Auf jeder Stufe ist die Lösung der relevanten Krise in Form der Integration von gegensätzlichen Polen, welche die Entwicklungsaufgaben darstellen, erforder­lich, deren erfolgreiche Bearbeitung wiederum für die folgenden Phasen von Bedeutung ist.

Die Krise ist bei Erikson kein negativ geprägter Begriff, sondern ein Zustand, der konstruktiv gelöst zu einer Weiterentwicklung führt und die Lösungen dieser integriert und in das eigene Selbstbild aufnimmt.

"Jede Komponente kommt zu ihrer Aszendenz, trifft auf ihre Krise und findet gegen Ende des erwähnten Stadiums ihre endgültige Lösung (...). Alle existie­ren am Anfang in irgendeiner Form."[1]

Die menschliche Entwicklung ist somit ein Prozess, der zwischen Stufen, Krisen und dem neuen Gleichgewicht wechselt, um immer reifere Stadien zu erreichen.

Ausführlich untersuchte Erikson die Möglichkeiten der Weiterentwicklung des Individuums und die affektiven Kräfte, die es handeln lassen. Besonders deut­lich werden sie an den acht psychosozialen Phasen, die nun im Zentrum dieser Arbeit stehen sollen. Sie veranschaulichen, dass Erikson Entwicklung vor allem als eins betrachtet hat: als lebenslangen Prozess.

2. Das Stufenmodell

2.1 Ur-Vertrauen gegen Ur-Misstrauen

Der Zustand des Kindes in dieser Lebensphase ist charakterisiert durch das Trauma der Geburt. Das Kind wird schockartig aus der gewohnten Umgebung gerissen und die Bindung zur Mutter wird umgestaltet.

Das Gefühl des Ur-Vertrauens, definiert als ein "Gefühl des Sich-Verlassen- Dürfens"[2], entwickelt sich in dieser ersten Lebensphase, dem ersten Lebensjahr, in der so genannten oralen Phase[3] (Freud), und ist, so Erikson, "der Eckstein der gesunden Persönlichkeit"[4].

Das Kind erlernt die einfachste und frühste Verhaltensweise: das "Nehmen", und zwar nicht in seinem negativen Sinne des ungefragten oder gewaltsamen Neh­mens, sondern im Sinne des Nehmens eines Angebotes[5].

Die soziale Bezugsperson ist die Mutter, die durch das Reichen der Brust nicht nur die elementaren Grundbedürfnisse des Kindes, wie Essen und Trinken, stillt, sondern ihm somit auch eine orale Befriedigung verschafft. Sie übernimmt die Funktion des Versorgers, auf den sich das Kind verlassen kann.

Das Vertrauen erschöpft sich aber nicht nur in der Person der Mutter, sondern es bezieht sich, so Erikson, auch auf den Säugling selbst. "Unter "Vertrauen" ver­stehe ich sowohl ein wesenhaftes Zutrauen zu anderen als auch ein fundamenta­les Gefühl der eigenen Vertrauenswürdigkeit"[6].

"Hier bildet sich die Grundlage des Identitätsgefühls, das später zu dem komple­xen Gefühl wird, "in Ordnung zu sein", man selbst zu sein.. ,"[7]

Dieses Urvertrauen zu sich und anderen bildet die Basis für jegliche spätere Entwicklung und ist somit kein Zustand der überwunden werden muss, sondern etwas, was immer erhalten bleibt und unterschwellig mitschwingt.

In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres kommt es, so Erikson, zu einer ersten Krise. Diese Krise scheint im zeitlichen Zusammentreffen von drei Ent­wicklungen zu bestehen:

zum einen aus einer physiologischen, nämlich der, dass der Säugling das stei­gende Bedürfnis verspürt, sich Dinge einzuverleiben, anzueignen und zu be­obachten, zum anderen aus einer psychologischen, nämlich der wachsenden Bewusstwerdung, ein Individuum zu sein. Die dritte Entwicklung ist eine um­weltbedingte Entwicklung, indem sich nämlich die Mutter scheinbar von dem Kind abwendet und sich anderen Beschäftigungen zuwendet. Dieses Abwenden kann das Kind möglicherweise als Entzug der Mutterliebe verstehen.

Überwältigt das Kind diesen Konflikt nicht und überwiegen die negativen Erfah­rungen, so führt dies, laut Erikson "(...) zu einer akuten kindlichen Depression (Spitz, 1945) oder zu einem zwar milderen, aber chronischen Trauergefühl (.), das vielleicht dem ganzen späteren Leben einen depressiven Unterton verleiht."[8] Statt Ur-Vertrauen entwickelt der Säugling dann Ur- Misstrauen.

Deshalb ist es wichtig, dass in dieser Phase der sich häufenden Eindrücke von Enttäuschung, Trennung und Verlassenwerden, das Ur-Vertrauen aufrechterhal­ten und gefestigt wird.

Die Grundhaltung, die in dieser ersten Lebensphase aufgebaut wird, beeinflusst das ganze Leben einer Person.

Wurde Ur-Vertrauen aufgebaut, herrscht eine überwiegend optimistische, ande­ren Menschen gegenüber positive Grundeinstellung. Fehlt dieses Ur-Vertrauen, so besteht die Gefahr, dass sich ein allgemeines Misstrauen, nicht nur gegenüber der Welt, sondern auch gegenüber sich selbst ausbildet. Wird das Ur-Vertrauen stark beschädigt, bzw. gar nicht erst ausgebildet, können psychische Störungen, wie z.B. Depressionen entstehen.

Die positiven Erfahrungen, wie Geborgenheit, Wärme, Zuverlässigkeit, Auf­merksamkeit und Zuwendung, sollten den negativen Erfahrungen und Frustrati­onen, wie auf Bedürfnisbefriedigung warten zu müssen, Enttäuschung, Einsam­keit, Missachtung oder physischer Schmerz, überwiegen.

Natürlich können Frustrationen im Kindesalter nicht gänzlich vermieden wer­den.

Nach Erikson ist es jedoch wichtig, dass nicht nur positive Erfahrungen über­wiegen, um ein Gefühl des Vertrauens zu entwickeln, sondern dass die Summe des Vertrauens, die das Kind aus diesen frühen Erfahrungen mitnimmt, nicht absolut von der Quantität, sondern viel mehr von der Qualität der Mutter-Kind-

Beziehung abhängig ist. "Ich glaube, dass die Mutter in dem Kinde dieses Ver­trauensgefühl durch eine Pflege erweckt, die ihrer Qualität nach mit der einfüh­lenden Befriedigung der individuellen Bedürfnisse des Kindes zugleich auch ein starkes Gefühl von persönlicher Zuverlässigkeit (...) vermittelt."[9]

Der Erfolg ist somit vielmehr abhängig von der Erfüllung der mütterlichen Funktion im jeweiligen Kulturkreis mit den jeweiligen Wertvorstellungen, wie Wissen, Religion etc., als von der Menge der erbrachten Mutterliebe.

Dies ist also der Anfang - das Zusammenkommen eines Säuglings, einem El­ternpaar und einer Gesellschaft in einem Akt des Glaubens und Vertrauens.

2.2 Autonomie gegen Scham und Zweifel

In dieser zweiten Phase, dem zweiten und dritten Lebensjahr, entwickelt sich bei gesunden Persönlichkeiten, bedingt durch die wachsenden körperlichen Fähig­keiten, insbesondere der Ausbildung des Muskelsystems, die Autonomie. Durch das Reifen der Muskulatur werden dem Kind zwei Modalitäten eröffnet: das Festhalten und das Loslassen.[10] "Es entwickelt sich die allgemeine Fähigkeit, ja das Bedürfnis, mit Willen fallenzulassen und wegzuwerfen und das Festhalten und Loslassen abwechselnd zu üben."[11]

Durch die neu erworbenen Fähigkeiten wird das Kind in die Lage versetzt, sich von der Bezugsperson zu entfernen, sich abzugrenzen und den eigenen Willen durchzusetzen, um so gewissermaßen unabhängiger von der Versorgungsumwelt zu sein. Desweitern ist es in der Lage, seine Ausscheidungen selbst zu kontrol­lieren.

Besondere, jedoch nicht ausschließliche Bedeutung, kommt dabei den Aus­scheidungsorganen zu; nicht ohne Grund wird diese Phase in der Psychoanalyse auch als anale Phase (Freud) bezeichnet.

Die Ausscheidungsfunktion des Körpers kontrollieren zu können, bedeutet für das Kind Wohlbefinden, so Erikson. Zudem bedeutet ihr Beherrschen, zumin­dest in den westlichen Kulturen, Lob von Seiten der Bezugspersonen, welches "zunächst noch recht oft für das Unbehagen und die Spannung entschädigen" muss, "die das Kind empfindet, bevor seine Organe gelernt haben, ihr Tagwerk zu verrichten."[12]

Erneut bedingt sich hier die Ausbildung organischer Funktionen mit dem Heran­reifen persönlicher Fähigkeiten. Das Kontrollieren des Stuhlganges ist für das Kind ein bedeutsamer Schritt in Richtung Autonomie. Indem es nicht mehr ge­wickelt werden muss, wird es von den Eltern unabhängiger. Das stärkt das Selbstvertrauen, unterstützt von der einhergehenden Anerkennung durch die El­tern.

Erikson bezeichnet diese ganze Lebensphase als "Kampf um die Autonomie"[13]. Das Kind beginnt seine Welt in "ich", "du" und "mein"[14] zu unterteilen. Die scheinbar widersprüchlichen Tendenzen, wie sich anschmiegen und wegstoßen, aufheben und fallenlassen, fügsam und rebellisch zu sein, fasst Erikson unter der Formel des "retentiv eliminativen Modus"[15] zusammen.

Der besondere Wert, der in dieser Lebensphase auf die Autonomie gelegt wird, macht aber auch deutlich, was das Kind noch nicht kann.

Scham und Zweifel entstehen, wenn Angestrebtes noch nicht erreicht werden kann und das Kind das Gefühl hat, lächerlich gemacht zu werden; dies kann ge­schehen, wenn z.B. die Reinlichkeitserziehung zu streng und zu früh durchge­führt wird. Verstärkt wird dieses Gefühl auch, wenn Eltern sich als nicht verläss­lich erweisen. In dieser Phase muss eine Balance zwischen Autonomie und Ab­hängigkeit gefunden werden.

"Sei gegenüber dem Kinde in diesem Stadium zugleich fest und tolerant, und es wird auch gegen sich fest und tolerant werden. Es wird stolz darauf sein, eine autonome Person zu sein; es wird auch anderen Autonomie zugestehen; und dann und wann wird es auch sich selbst etwas durchgehen lassen."[16]

Damit die entwickelnde Autonomie gestärkt wird, muss das Kind vor allem vor übermäßigen Misserfolgserlebnissen geschützt werden, welche in ihm ein Ge­fühl von Scham über das eigene Unvermögen bis hin zu Zweifeln an der eigenen

Kompetenz auslösen können. Erikson bezeichnet Scham als "(...) einen gegen das Ich gekehrten Zorn."[17] und Zweifel als "Bruder der Scham"[18].

Deshalb ist es besonders wichtig, dass dem Kind und seinem nun erwachenden Tatendrang durch die Erziehung der Eltern ausreichend Rückhalt geboten wird. Die Bedürfnisse des Kindes müssen beachtet und ernst genommen werden. Aus der Bestätigung seines Handels und der Reaktion der Bezugspersonen heraus erlebt das Kind Selbstvertrauen und es wird in seiner Neugier, seinem Wissens­und Forschungsdrang bestätigt und befriedigt und lernt so zu wissen und zu er­kennen, was es will. Es entwickelt sich Selbstvertrauen.

Das Kind muss in seinem Handeln ermutigt werden und soll sich ständig dar­über bewusst sein, dass das in der ersten Phase gewonnene Ur-Vertrauen weiter­hin besteht.

"Das Kleinkind muss das Gefühl haben, dass sein Urvertrauen zu sich selbst und zur Welt, jener aus den Konflikten des oralen Stadiums erworbene bleibende Schatz, nicht bedroht wird durch den plötzlichen Wunsch, seinen Willen durch­zusetzen, sich etwas fordernd anzueignen und trotzig von sich zu stoßen."[19] [20]

Nur so kann es seinem eigenen Willen Ausdruck verschaffen, ohne Angst haben zu müssen, dass die Eltern diesen mit Missbilligung strafen und es für seine Ta­ten beschämen. Es muss eine Balance zwischen Autonomie und Abhängigkeit gefunden werden.

Wird dem Kind die Autonomie durch die erziehenden Personen vorenthalten, so kann dies wiederum zu gravierenden Einschnitten in der Entwicklung und letzt­lich zu Krankheitsbildern wie Zwangsverhalten und Selbstzweifeln führen. Menschen, die kein Autonomiegefühl entwickeln, hegen immer Zweifel und fürchten Kritik.

"Das empfindliche Kind, (...) das durch einen frühen Vertrauensverlust ge­schwächt ist, kann all seinen Drang, die Dinge zu erforschen und zu betasten, gegen sich selbst richten. Es wird übermäßig selbstkritisch und entwickelt ein frühreifes Gewissen. Anstatt von den Dingen Besitz zu ergreifen und sie spie­lend zu erproben, ist es besessen von seinem eigenen Wiederholungsdrang; ( )"20

Die internalisierten Ergebnisse dieser Phase drücken sich in der Beziehung des Einzelnen zu den Prinzipien von Recht und Ordnung aus.

2.3 Initiative gegen Schuldgefühl

Im Zentrum dieser Phase, dem vierten und fünften Lebensjahr, die der ödipalen oder phallischen Phase (Freud) entspricht, steht die Fähigkeit zur Initiative. In der bewältigten zweiten Phase hat das Kind gelernt, dass es ein Individuum ist und ist davon überzeugt, eine selbstständige Person zu sein. Das Kind muss laut Erikson " (...) nun herausfinden, was für eine Art von Person es werden könn­te."[21]

Es erkennt erstmals Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu sich und anderen Menschen. Auch die Geschlechterdifferenzierung tritt erstmals auf. Das Kind verschiebt seinen Fokus von der eigenen Person auf die Umwelt und beginnt so die Realitätserkundung. Es entwickelt einen Forscherdrang und die Motivation etwas zu tun, zu handeln und sich an etwas anzunähern.

Dass es wiederum organische Fähigkeiten sind, die auch diese Phase kennzeich­nen, scheint nunmehr kaum noch zu verwundern. Laut Erikson kommen dem Kind in diesem Stadium drei kräftige Entwicklungsschübe entgegen, die jedoch auch die nächste Krise aktivieren: zum einen lernt das Kind, sich freier und kraftvoller zu bewegen und gewinnt dadurch ein neues Betätigungsfeld; zum anderen vervollständigt sich sein Sprachvermögen so weit, dass es mehr verste­hen und nachfragen, aber auch missverstehen kann. Das erweiterte Sprachver- mögen und die Bewegungsfreiheit zusammen erweitern so seine Vorstellungs­welt.[22] Das Kind erträumt sich dann in seinen Gedanken Welten, vor denen es sich fürchtet.

"Trotzdem muß das Kind aus alle dem mit einem Gefühl der Initiative hervorge­hen, als Grundlage für einen der Wirklichkeit gerecht werdenden Ehrgeiz und ein Gefühl sinnvoller Zielgerichtetheit."[23]

Eine Lösung des Problems bietet sich darin, " (,..)dass das Kind plötzlich "zusammenwächst", sowohl psychisch wie physisch (...) es verfügt über einen gewissen Energieüberschuß mittels dessen es Misserfolge rasch vergisst und an alles, was ihm wünschenswert erscheint (...) mit unverminderter und zielsiche­rer Energie herangeht."[24]

Das Kind beginnt sich mit den Erwachsenen zu messen und zu vergleichen; es möchte in die Erwachsenenwelt eindringen, wie es auch sonst ein Bedürfnis zum Eindringen hat.

Der "eindringende Modus"[25] beherrscht diese Phase weitgehend und bezeichnet eine Vielzahl von ähnlichen Handlungen und Phantasien, wie das Eindringen in einen Raum durch kraftvolle Bewegung, das Eindringen in die Ohren und das Denken anderer durch aggressives und lautes Reden, oder auch das Eindringen in das Unbekannte durch eine unersättliche Neugier.

Dadurch, dass das Kind sich und seine Welt zu verstehen versucht, wächst in ihm auch das Interesse an seiner eigenen, allerdings noch infantilen Sexualität[26]. Hier erlebt es, bedingt durch die mangelnde körperliche Entwicklung deutliche Grenzen; Erikson erinnert in diesem Zusammenhang an den von Freud so be- zeichneten "Ödipus-Komplex"[27].

Bei Jungen ist diese Phase phallisch geprägt und gekennzeichnet durch den Wunsch, etwas zu erobern und in etwas einzudringen. Gegensätzlich dazu cha­rakterisiert der Wunsch des Empfangens diese Phase bei den Mädchen. Sie ver­suchen dies entweder durch aggressive Tat in Form von eifersüchtiger Erobe­rung oder durch das Gefallen bei jemandem, durch ein "Sich-Liebkind- Machen"[28].

Das Kind versucht vor allem, die Rolle des gleichgeschlechtlichen Elternteils zu übernehmen, der gegengeschlechtliche Elternteil wird zum Triebobjekt. Durch die Fokussierung der Umwelt empfindet das Kind nicht mehr Rivalität zu jünge­ren Geschwistern, sondern zu denen, die schon da waren. Das Kind tritt in Kon­kurrenzkampf um die Liebe von Vater oder Mutter, um mit der Niederlage Re­signation, Schuld und Angst zu empfinden.

Zum Scheitern verurteilt, ist es zu Nachahmungshandlungen und Phantasien hingerissen, da es nicht in der Lage ist, den Erwachsenen zu besiegen und nicht "mächtig" genug ist, deren Funktion zu übernehmen.

"Dies ist dann das Stadium der Angst um Leib und Leben, einschließlich der geheimen Furcht, das männliche Glied zu verlieren oder, beim Mädchen, es ver­loren zu haben, zur Strafe für die mit den kindlichen Sexualregungen verbunde­nen Phantasien."[29] Es ist nötig den Kastrationskomplex dieser Phase zu überwin­den, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass das Kind selbst ein Teil der Ge­schlechterfolge ist.

Zugleich, so Erikson, entwickelt sich in dieser Phase auch das Gewissen, wel­ches er "Lenker der Initiative"[30] nennt. Schon während des Tuns weiß das Kind nun, ob es richtig oder falsch handelt und misst sich und die Eltern an ihrem Handeln. Das Kind beginnt, sich nicht nur für das, was es getan hat zu schämen, wenn es entdeckt wird, sondern es beginnt, die Entdeckung an sich zu fürchten und sich für bloße Gedanken und Taten schuldig zu fühlen. Erikson nennt dies den Grundstein für die Moralität im individuellen Sinne.

Die erfolgreiche Meisterung der Krise in dieser Phase führt dazu, dass das Kind mit einer ungebrochenen Initiative daraus hervorgeht. Wird der Konflikt nicht angemessen gelöst, entwickelt sich ein übersteigertes Gewissen, welches die Ini­tiative auch in späteren Lebensphasen behindert und einschränkt, oder übertrie­ben hervortreten lässt. Auf dieser Stufe muss also eine Balance zwischen einem gesunden Maß an Initiative und einer normalen Regulationsinstanz entstehen.

"Nur durch eine Kombination von früher Vermeidung und Verminderung der Gefühle von Haß wie der von Schuld (...) kann eine friedliche Kultivierung von Initiative und freiem Unternehmungsgeist entstehen."[31]

Die Frucht besteht aus Schuldgefühlen und einem Gefühl, der Herr der eigenen Initiative zu sein.

2.4 Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühl

In dieser Phase, dem sechsten Lebensjahr bis hin zur Pubertät, gibt es keine neue Quelle der inneren Unterstützung und so wird diese auch Latenzperiode oder - phase (Freud)[32] genannt, weil die stürmische sexuelle Entwicklung nun zu einem vorläufigen Abschluss gekommen ist.

Erikson bezeichnet diese Phase allerdings auch als "(...) die Windstille vor dem Sturm der Pubertät (...)".[33]

Kristallisierte sich in der ersten Phase die Überzeugung: "Ich bin, was man mir gibt", in der zweiten Phase: "Ich bin, was ich will", in der dritten Phase: "Ich bin, was ich mir zu werden vorstellen kann", so ist es in der vierten Phase das: "Ich bin, was ich lerne"[34] vorrangig.

Das Kind wird offener für die Welt und in ihm wächst das Bedürfnis, produktiv zu sein, etwas Neues zu lernen, einen Beitrag zur Erwachsenenwelt zu leisten und in dieser anerkannt zu werden. Dieses Verlangen bezeichnet Erikson als "Werksinn"[35].

Erikson leugnet nicht die Bedeutung des Spiels in dieser Phase; er bezeichnet es als "(...) eine Vorbereitung auf die Zukunft oder eine Methode, vergangene Gemütserregungen abzureagieren, vergangene Versagungen in der Phantasie zu befriedigen (...)"[36], aber auch als "(...) ein Hafen, den das Kind sich schafft und zu dem es zurückkehrt, wenn es sein Ich "überholen" muß."[37] Aber er unter­streicht zugleich die Tendenzen von Kindern in dieser Altersstufe, gemäß ihren wachsenden Fähigkeiten zuzuschauen, mitzumachen, zu beobachten und teilzu­nehmen. Dies kann in der Schule, auf der Straße, bei Freunden oder bei sich zu Hause geschehen. Insofern übernimmt das Spiel hierbei durchaus wichtige Funktionen: Im Gegensatz zu dem Spiel des Erwachsenen, dem das Spiel zur Erholung dient, erlaubt es dem Kind eine neue Stufe von "Realitätsmeisterung"[38], "(...) einen kindlichen Weg der Bewältigung von Erleb nissen durch Meditieren, Experimentieren und Planen, allein und mit Spielge­fährten."[39]

Das Spiel ist also für das Kind und im Gegensatz zum Erwachsenen nicht Mittel zur Flucht vor der Realität, sondern Mittel zu deren Bewältigung, die für das Kind immer bedeutsamer wird. Spielen allein reicht jedoch nach Erikson nicht aus für die Entwicklung. Das Kind möchte nützlich sein und etwas leisten, es entwickelt die Lust an Wissen, Zielstrebigkeit, Genauigkeit, Perfektion und Ausdauer, es möchte etwas schaffen.

Das Kind entdeckt während dieser Zeit, dass es von Seiten anderer leicht Aner­kennung gewinnen kann, indem es Dinge selber lernt oder herstellt. Das sich bei Erfolg einstellende Bestätigungsgefühl motiviert es, fleißig zu sein, und sich Dinge selbstständig zu erarbeiten, unterstützt den Werksinn.

Jedoch besteht auch die Gefahr, dass das Kind durch Misserfolge in seinem Selbstvertrauen geschwächt wird. Wird es dann nicht immer wieder von Perso­nen wie Lehrern oder Eltern, welche eine Vorbildfunktion auf das Kind ausü­ben, ermutigt, einen neuen Versuch zu starten, können sich diese anfänglichen Fehlschläge zu einem bleibenden Minderwertigkeitskomplex entwickeln.

Das Kind lernt in dieser Phase, sich Anerkennung zu verschaffen, indem es et­was leistet. Gerade im Erlangen von Anerkennung birgt sich aber auch eine wei­tere Gefahr für die Entwicklung der Identität des Kindes: "Wenn das übermäßig sich anpassende Kind die Arbeit als das einzige Kriterium des Lohnenswert- Seins akzeptiert und Phantasie und Spiellust zu bereitwillig aufgibt (...)"[40], so besteht die Gefahr, dass ein übertriebener Fleißeffekt aufsteigt und so ein ge­dankenloser, leicht auszubeutender Konformist entsteht.

Erfährt das Kind in dieser Phase Erfolgserlebnisse, zugetraute Verantwortung, positive Rollenzuweisung und nichtständige Frustration, Angst machende Lehrmethoden (insbesondere in der Schule) und ausschließliche Akzeptanz durch Leistung, so kann es die Krise in dieser Phase erfolgreich überwinden. So werden seine Leistungsfähigkeit und eine positive Arbeitshaltung gefördert und Minderwertigkeitsgefühle oder Unzulänglichkeit werden gebannt.

Erikson bezeichnet diese Phase für soziale Beziehungen als höchst entscheidend, "da der Tätigkeitsdrang das Tun mit und neben anderen umfasst, entwickelt sich in dieser Zeit ein Gefühl für Arbeitsteilung und für gerechte Chancen."[41]

2.5 Identität gegen Identitätsdiffusion

Krisenpotential in der fünften Stufe, dem Alter der Pubertät bis zum ca. acht­zehnten Lebensjahr, bilden das rasche Körperwachstum und das Ausreifen der physischen Geschlechtsreife. Diese Stufe entspricht der genitalen Phase (Freud) und beinhaltet die Suche nach der eigenen Identität. Erikson bezeichnet sie als "Lebensform zwischen Kindheit und Erwachsensein"[42].

Eine andauernde und stabile Ich-Identität kann sich nur dann ausbilden, wenn die Krisen der früheren Phasen konstruktiv gelöst wurden. Die Ich-Identität er­laubt dem Jugendlichen, sich als in die Gesellschaft eingebettet und von ihr als akzeptierte Persönlichkeit, die aufgrund der erworbenen Fähigkeiten den Anfor­derungen der Zukunft gewachsen ist, zu begreifen.

Erikson sieht das Problem, sich für eine Berufsidentität zu entscheiden, als Hauptgrund der Beunruhigung des Jugendlichen.[43] Der junge Mensch ist in ers­ter Linie damit beschäftigt, seine soziale Rolle zu festigen und sich darauf zu konzentriert, "(...) wie er, im Vergleich zu seinem eigenen Selbstgefühl, in den Augen anderer erscheint und wie er seine früher aufgebauten Rollen und Fertig­keiten mit den gerade modernen Idealen und Leitbildern verknüpfen kann."[44], das heißt, ein Gefühl der Identität zu entwickeln. Es stellen sich die Fragen nach dem ICH und dem "Wie wirke ich auf andere?".

Die verschiedenen Elemente, welche der Jugendliche in den vorangegangenen Stufen entwickelt hat, wie Vertrauen, Autonomie, Initiative und Fleiß, die in dieser Stufe zu einem Ganzen zusammengeführt werden, sind umso wichtiger, um so eine Identität in der Gesellschaft zu bilden.

Durch die starke Veränderung des eigenen Körpers während der Pubertät kommt es zu einem erneuten Infragestellen der alten Werte, denn der Heranwachsende macht eine ähnliche Umbruchphase wie in der Kleinkindheit durch.

Außerdem kommt das Bedürfnis nach Bestätigung von außen hinzu, jedoch ist jetzt vor allem die Bestätigung Gleichaltriger wichtig, nicht mehr so sehr die von den Eltern oder Lehrern.

Diese besonders kritische und für den Heranwachsenden meist verwirrende Pha­se bezeichnet Erikson als Moratorium[45]. Es besagt, dass alle bisher erlernten Op­tionen während der Karenzzeit der Pubertät erneut ausprobiert werden können, so dass der Jugendliche zum Ende dieser Stufe wirklich sicher sein kann, dass er auch die für ihn persönlich jeweils besten Aspekte für seine Persönlichkeit aus­gewählt hat.

Gegenteilig dazu ist die Annahme einer negativen Identität bzw. die Identitäts­diffusion. Hier wird versucht, durch die Negation der allgemein anerkannten Werte und Normen seine eigene Identität zu finden.

"Es ist wichtig, im Prinzip zu verstehen, dass eine derartige Intoleranz für eine Weile eine notwendige Verteidigung gegen ein Gefühl des Identitätsverlustes sein kann."[46]

Die Identitätsdiffusion beschreibt Erikson als einen Zwiespalt in der eigenen Persönlichkeit, der es eben nicht gelingt herauszufinden, "(...) ob man ein rich­tiger Mann (eine richtige Frau) ist, ob man jemals einen Zusammenhang in sich finden und liebenswert erscheinen wird, ob man imstande sein wird, seine Trie­be zu beherrschen, ob man einmal wirklich weiß, wer man ist, ob man weiß, was man werden will, weiß, wie einen die anderen sehen, und ob man jemals verste­hen wird, die richtigen Entscheidungen zu treffen (.)[47]

"Die Gefahr dieses Stadiums liegt in der Rollendiffusion. In Fällen, in denen dieser Zwiespalt auf starken früheren Zweifel des jungen Menschen an seiner sexuellen Identität beruht, kommt es nicht selten zu kriminellen oder sexuellen oder ausgesprochen psychotischen Zwischenfällen."[48]

Im Idealfall ist das Moratorium ein vorübergehender Zustand, welcher über­wunden, einen gefestigten Menschen hervorbringt, der sich an Idolen und Idea­len orientiert und für sich selbst auch eine Perspektive und Zukunft sieht. Des Weiteren kann nur der eigene Beruf als Identitätsaspekt gesehen werden und so mit Befriedigung ausgeübt werden.

Ist die Pubertät zum Ende gekommen, führt dies im positiven Fall zu einer er­folgreichen Identitätsbildung. Mit ihr geht einher, dass alle bisher erlernten Teile des Persönlichkeitspuzzles sich zu einem Ganzen fügen, welches nun die per­sönliche Identität formt. So ist der junge Erwachsene fähig, im Einklang mit sich selbst und seiner Umwelt zu leben, da er sich seiner inneren Stabilität und Kon­tinuität bewusst ist.

"So mancher Jugendlicher, der von seiner Umgebung zu hören bekommt, er sei ein geborener Strolch, ein komischer Vogel oder Außenseiter, wird erst aus Trotz dazu."[49]

Gerade deshalb ist von Seiten der Erwachsenen, eine vorbehaltlose und ernsthaf­te Anerkennung seiner wirklichen Leistungen, ein hohes Maß an Toleranz, Zu­trauen in seine Fähigkeiten und das Annehmen seines Selbst, so wie er ist, be­sonders wichtig, um ihm so zu ermöglichen, diese Krise zu meistern und ge­stärkt in die nächste Phase eintreten zu können.

Die Pubertät ist die Phase, in der die Identitätsentwicklung besonders akzentu­iert erlebt wird, während die Identitätsbildung selbst ein lebenslanger Prozess ist.

Die geklärte Identität ist eine Voraussetzung für Intimität, deren Entwicklung die Aufgabe der nächsten Phase ist.

2.6 Intimität und Distanzierung gegen Selbstbezogenheit

Die sechste Phase findet im frühen Erwachsenenalter statt, wenn junge Men­schen angefangen haben zu arbeiten oder zu studieren und das Zusammentreffen mit dem anderen Geschlecht ernsthafter wird. Wenn Heirat und Familiengrün­dung anstehen oder bereits vollzogen wurden. Durch das erfolgreiche Durchle­ben der vorangegangenen Phase, ist die Persönlichkeitsbildung weitgehend ab­geschlossen.

Das zentrale Thema dieser Phase ist die Herausbildung der Fähigkeit zur Intimi­tät, zum Aufbau von tragfähigen Beziehungen, wobei damit nicht nur heterose­xuelle Liebesbeziehungen, sondern auch ganz normale, freundschaftliche Bezie­hungen gemeint sind. Diese intimen Freundschaften unter jungen Menschen hel­fen dabei, z.B. durch Gespräche, den eigenen Standpunkt zu finden und ent­springen "(...) oft dem Streben, zu einer Definition seiner eigenen Identität zu gelangen(...)"[50].

Der junge Mensch kann eine Beziehung eingehen, ohne Angst vor zu enger Bindung haben zu müssen, die zu einem Verschmelzen der eigenen Identität mit der des Partners führen könnte. Vielmehr ergibt sich aus einer Beziehung die Möglichkeit, das eigene Selbst im Partner zu finden und sich durchaus auch oh­ne Risiko für einige Zeit im Gegenüber zu verlieren, wie es z.B. im Ge­schlechtsakt der Fall ist. Eine feste Bindung fordert vor allem auch Zuverlässig­keit und Pflichtgefühl gegenüber dem Partner.

Erikson dazu: "Körper und Ich müssen nun die Organ-Modalitäten und die Kernkonflikte beherrschen, um ohne Furcht vor dem Ich-Verlust Situationen begegnen zu können, die Hingabe verlangen: in Orgasmus und geschlechtlicher Vereinigung, in enger Freundschaft und physischem Kampf, in Erlebnissen der Inspiration durch Lehrer und der Institution aus der Tiefe des Selbst."[51]

Man muss zu der Einsicht kommen, "(...) dass es keine wahre Zweiheit gibt, bevor man nicht selber eine Einheit ist"[52] und Erikson macht somit darauf auf­merksam, dass erst, wenn die Identitätsbildung weit vorangeschritten ist, echte Intimität möglich ist.

Erikson spricht von einem "ethischen Gefühl"[53], das er als Kennzeichen des Er­wachsenen benennt und dem konkurrierendes Aufeinandertreffen, erotische Bindung und unerbittliche Feindschaft unterstellt sind und nun an die Stelle der ideologischen Überzeugung des Jugendlichen und der Moral des Kindes tritt.

Die Genitalität wird von der Psychoanalyse als Hauptmerkmal der gesunden Persönlichkeit hervorgehoben.[54] und von Freud folgendermaßen erfasst:

"1. Wechselseitigkeit des Orgasmus
2. mit einem geliebten Partner
3. des anderen Geschlechts
4. mit dem man wechselseitiges Vertrauen teilen will und kann
5. und mit dem man imstande und willens ist, die Lebenskreise der
a) Arbeit
b) Zeugung
c) Erholung in Einklang zu bringen, um
6. der Nachkommenschaft ebenfalls eine befriedigende Entwicklung zu si­chern."[55]

Wenn solche intimen Beziehungen nicht aufgenommen werden, ist zu erwarten, dass die Beziehungen, die dieser Mensch zukünftig eingeht, kühl und berech­nend sein werden.

"Wo ein Jugendlicher solch intime Beziehungen mit anderen (...) nicht in der späten Adoleszenz oder im jungen Erwachsenenalter erreicht, kann er sich unter Umständen auf weitgehend stereotypisierte zwischenmenschliche Beziehungen festlegen und zu einem tiefen Gefühl der Isolierung kommen."[56]

Das gesunde Gegenstück zur Intimität ist die Distanzierung, "(...) die Bereit­schaft, jene Kräfte und Menschen, deren Wesen dem eigenen gefährlich er­scheint, abzuweisen, zu isolieren und wenn nötig zu zerstören."[57] Diese fertigere und wirkungsvollere Art der Ablehnung ist über die blinden Vorurteile der Pu­bertät hinausgewachsen.

Wo die Fähigkeit zur Identität und somit zur Intimität nicht genügend entwickelt worden ist, kommt es oftmals zur Isolation, die zu psychischen Störungen, de­pressiver Selbstversunkenheit oder Charakterschwierigkeiten führt.

Die Frage, was ein Mensch gut können müsse, beantwortete Freud mit: "Lieben und Arbeiten"[58].Erikson dazu: "So können wir bei allem Nachdenken nichts an dieser Formel verbessern, die zugleich auch eine ärztliche Verordnung für Men­schenwürde - und für ein demokratisches Leben in sich schließt."[59]

2.7 Generativität gegen Stagnierung

Unter Generativität versteht Erikson den Wunsch zweier Partner nach Fortpflan­zung und elterlicher Verantwortung. Aus diesem Grunde ist diese siebte Phase, die der Mensch im mittleren Erwachsenenalter durchlebt, eng verbunden mit dem Problem der Genitalität.

"Sexuelle Partner, die in ihrer Beziehung zueinander die wahre Genitalität fin­den, werden bald wünschen, mit vereinter Kraft einen gemeinsamen Sprössling aufzuziehen."[60]

Der Mensch hat im mittleren Erwachsenenalter bereits seine Identität gefunden und Intimität erreicht und kann nun Fürsorge für andere entwickeln. Erikson nennt diesen Wunsch Streben nach Generativität, da er sich, durch Genitalität und die Gene, auf die nächste Generation richtet.

Voraussetzung dafür ist jedoch, wie auch in den vorangegangenen Phasen, das Erreichen eines positiven und intakten Identitätsgefühls. Statt zu Nehmen, ent­wickelt sich jetzt auch das Bedürfnis zu Geben. Erikson sagt, dass der Mensch von der Evolution sowohl zum lernenden als auch zum lehrenden Tier gemacht wurde und Abhängigkeit und Reife wechselseitig seien.[61] „[D]er reife Mensch hat das Bedürfnis, dass man seiner bedarf und die Reife wird vom Wesen dessen gelenkt, dem man Fürsorge zuwenden muß."[62]

In "Kindheit und Identität" beschreibt er diese siebte Phase noch nachdrückli­cher: "Weder Schöpfertum noch Produktivität noch die anderen modernen Be­griffe scheinen mir aber das Richtige zu bezeichnen: nämlich dass die Fähigkeit, sich in der Begegnung der Körper und Seelen hinzugeben, zu einer allmählichen Ausdehnung der Ichinteressen und zu einer libidinösen Besetzung dessen, was so gezeugt und als Verantwortung übernommen worden ist, führt."[63]

Der Begriff der Generativität, der zeugenden Fähigkeit, umfasst sowohl die Pro­duktivität, wie auch die schöpferische Begabung und bedeutet somit, dass es auch Menschen gibt, die diesen "Trieb"[64], aus welchen Gründen auch immer, nicht auf den eigenen Nachwuchs anwenden, sondern diesen auf andere schöp­ferische Leistungen richten und so den Fortbestand der eigenen Person nach dem Tod zum Beispiel durch Kunst oder Literatur erreichen und sichern.

So bleiben viele Menschen unverheiratet oder kinderlos, wollen jedoch ihren Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft beipflichten, welches ihr Leben wiede­rum positiviert; so übt z.B. nicht nur der Vater auf das Kind die Vaterfunktion aus, sondern umgekehrt auch das Kind auf den Mann. Kann dieses Lebensziel nicht erreicht werden, so droht soziale Isolation und Distanzierung. Der Mensch bringt anderen Hass und Ablehnung entgegen, um sich selbst zu schützen.

Es "(...) findet eine Regression auf ein zwanghaftes Bedürfnis nach Pseudointi­mität statt, oft mit einem durchdringenden Gefühl der Stagnation, Langeweile und zwischenmenschlicher Verarmung."[65]

Dabei versucht der Mensch, durch einen übersteigerten Wunsch des Alleinseins, seine Probleme zu vergessen, indem er sich dem Eindruck der so genannten "glücklichen Familie" möglichst wenig aussetzt. An diesem Punkt kann es auch zu einer übersteigerten Selbstverwöhnung kommen, als sei man sein eigenes Kind.

Die Tatsache, dass man verheiratet ist und eigene Kinder hat, bedeutet allerdings nicht gleich Generativität. Erikson weist darauf hin, dass es scheint, dass viele junge Eltern an der Unfähigkeit leiden, dieses Stadium zu entwickeln.[66] Die Wurzeln dafür finden sich oft in leidigen Kindheitseindrücken, in unheilvoller Identifikation mit den Eltern, übermäßiger Eigenliebe, die auf einer zu mühsam erreichten eigenen Identität beruht oder auch "(...) schließlich (und hier kom­men wir zu unserem Ausgangspunkt zurück) im Mangel an irgendeinem Glau­ben, einem "Vertrauen in die Gattung", dass das Kind zu einem willkommenen Unterpfand der Gemeinschaft gemacht würde."[67]

2.8 Integrität gegen Verzweiflung und Ekel

Nur, wer alle sieben bisherigen Phasen durchlaufen hat, kann jetzt, als älterer Erwachsener, diese achte Phase abschließen, indem er den eigenen Lebenszyk­lus so akzeptiert, wie er sich dargestellt hat, einschließlich der Menschen, die ihm begegnet sind, und der Art und Weise, wie sich diese Begegnungen gestaltet haben. Erikson bezeichnet die Integrität als "Frucht"[68] der siebten Phase.

Die Ich-Integrität ist schließlich die Krönung, die Synthese aller Teile. Man hat sich entwickelt, ist fähig die Umwelt zu akzeptieren und anzuerkennen, bereit sich für den Fortbestand der eigenen Familie einzusetzen; man hat eine Form der Integrität angenommen und wird zum Teil des Ganzen, zum Glied der Kette.

"Der integere Mensch ist bereit, die Würde seines eigenen Lebensstils gegen alle körperlichen und ökonomischen Bedrohungen zu verteidigen, obwohl er sich der Rivalität all der verschiedenen Lebensstile bewusst ist. Denn er weiß, dass ein Einzelleben das Zufällige Zusammentreffen von nur einem Lebenszyklus mit nur einem Ausschnitt der Geschichte ist, und dass für ihn die gesamte menschli­che Integrität mit dem einen Integritätsstil, an dem er teilhat, steht und fällt."[69]

Es kommt also darauf an, wie der Mensch auf sein vergangenes Leben zurück­blickt und welches Resümee er zieht. Durch diese Rekapitulation erweisen sich einerseits viele erlebte Dinge als sinnhaft, jedoch tauchen auch andererseits Probleme und Lebensaufgaben wieder auf, welche entweder nicht gelöst werden konnten, oder vielleicht sogar verdrängt wurden.

Das Fehlen oder der Verlust der gewachsenen Ich-Integrität sind dann durch Verzweiflung und Ekel gekennzeichnet. Es besteht die Gefahr der Altersver­zweiflung, welche aus der Erkenntnis resultieren kann, dass das eigene Leben gewissermaßen gescheitert und nicht mehr rückgängig zu machen ist und es überkommt einen ein Gefühl der Wertlosigkeit und Niedergeschlagenheit, hat man sich weder um Vertrauen noch um andere Dinge, sei es aktiv oder passiv, bemüht.

Der Tod scheint als sinnloses Ende und kann nicht als unabänderliches Schick­sal hingenommen werden und wird mit Angst oder Todesfurcht beklagt.

" (...) der eine und einzige Lebenszyklus wird nicht als das Leben schlechthin bejaht; in der Verzweiflung drückt sich das Gefühl aus, dass die Zeit zu kurz, zu kurz für den Versuch ist, ein neues Leben zu beginnen, andere Wege der Integri­tät einzuschlagen (...)" und so " (...) die Selbstverachtung des Individuums aus­drückt."[70]

Erikson sagt, dass der Mensch gegen Ende seines Lebens einer neuen Auflage seines Lebens begegnen, die er so zusammenfasst: "Ich bin, was von mir über­lebt."[71]

Es fließen nun Fähigkeiten wie Glaube, Willenskraft, Zielstrebigkeit, Können, Treue, Liebe Fürsorge und Weisheit "in das Leben der Institutionen"[72]

Die menschliche Persönlichkeit entwickelt sich nach einem angeborenen Plan; eine innere Kraft im Körper, die ihn zu bestimmten Zeitpunkten seines Lebens vor unterschiedliche Konflikte sozialer Interaktion stellt, um sowohl das Indivi­duum, als auch die Gesellschaft zu bereichern.

"Wir kommen also zu dem Schluß, dass die psychologische Stärke von einem Gesamtprozeß abhängt, der die individuellen Lebenszyklen, die Generationen­folge und die Gesellschaftsstruktur gleichzeitig regulieren; denn alle drei haben sich zusammen entwickelt."[73]

[...]


[1] ERIKSON, Jugend, S.94

[2] vgl. ERIKSON, Identität, S. 62

[3] vgl. ERIKSON, Identität, S. 64

[4] vgl. ERIKSON, Identität, .S. 63

[5] vgl. ERIKSON, Identität, S. 65

[6] ERIKSON, Jugend, S. 97

[7] ERIKSON, Identität, S. 72

[8] ERIKSON, Identität, S. 68 f.

[9] ERIKSON, Kindheit, S.231

[10] ERIKSON, Kindheit, S.231

[11] ERIKSON, Identität, S. 76

[12] ERIKSON, Identität, S.76

[13] vgl. ERIKSON, Jugend, S.110

[14] vgl. ERIKSON, Identität, S. 78

[15] vgl. ERIKSON, Jugend, S. 110

[16] ERIKSON, Identität, S. 82

[17] ERIKSON, Kindheit, S. 233

[18] vgl. ERIKSON, Kindheit, S.234

[19] ERIKSON, Identität, S. 79

[20] ERIKSON, Identität, S. 81

[21] ERIKSON, Jugend, S. 117

[22] vgl. ERIKSON, Identität, S. 87

[23] ERIKSON, Jugend, S. 117

[24] ERIKSON, Identität, S. 88

[25] vgl. ERIKSON, Jugend, S.118

[26] vgl. ERIKSON, Kindheit, S.235

[27] vgl. ERIKSON, Identität, S.90

[28] vgl. ERIKSON, Kindheit, S.235

[29] ERIKSON, Identität, S.93

[30] vgl. ERIKSON, Identität, S.94

[31] ERIKSON, Identität, S. 97

[32] vgl. ERIKSON, Jugend, S. 128

[33] ERIKSON, Jugend, S. 128

[34] vgl. ERIKSON, Identität, S.98

[35] vgl. ERIKSON, Identität, S.102

[36] ERIKSON, Identität, S.101

[37] ERIKSON, Identität, S.101

[38] ERIKSON, Identität, S.102

[39] ERIKSON, Identität, S.102

[40] ERIKSON, Jugend, S.130

[41] ERIKSON, Identität, S. 106

[42] ERIKSON, Jugend, S.131

[43] vgl. ERIKSON, Identität, S.110

[44] ERIKSON, Identität, S. 106

[45] vgl. ERIKSON, Jugend, S. 131

[46] ERIKSON, Jugend, S. 135

[47] ERIKSON, Identität, S. 111 f.

[48] ERIKSON, Kindheit, S.239

[49] ERIKSON, Identität, S.110

[50] ERIKSON, Identität, S.115

[51] ERIKSON, Kindheit, S.240

[52] ERIKSON, Identität, S.115

[53] ERIKSON, Jugend, S.139

[54] ERIKSON, Identität, S.116

[55] ERIKSON, Kindheit, S.242f.

[56] ERIKSON, Jugend, S.139

[57] ERIKSON, Jugend, S.139

[58] ERIKSON, Identität, S.116

[59] ERIKSON, Kindheit, S.241

[60] ERIKSON, Identität, S.117

[61] ERIKSON, Jugend, S.141

[62] ERIKSON, Jugend, S.141

[63] ERIKSON, Kindheit, S.243

[64] ERIKSON, Jugend, S.141

[65] ERIKSON, Jugend, S.141

[66] vgl. ERIKSON, Identität, S.118

[67] ERIKSON, Identität, S.118

[68] ERIKSON, Jugend, S.142

[69] ERIKSON, Jugend, S.143

[70] ERIKSON, Identität, S.119

[71] ERIKSON, Jugend, S.144

[72] vgl. ERIKSON, Jugend, S.144

[73] ERIKSON, Jugend, S.144

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Vom Kind zum Erwachsenen. Die Entwicklungsphasen des Menschen nach Erik H. Erikson
Autoren
Jahr
2015
Seiten
99
Katalognummer
V289036
ISBN (eBook)
9783656892342
ISBN (Buch)
9783956871634
Dateigröße
708 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kind, erwachsenen, entwicklungsphasen, menschen, erik, erikson
Arbeit zitieren
Stephanie Scheck (Autor)Tanja Wohlberedt (Autor)Sandra Ruppe (Autor)Anja Schumacher Antonijevic (Autor), 2015, Vom Kind zum Erwachsenen. Die Entwicklungsphasen des Menschen nach Erik H. Erikson, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289036

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