Das Mindfuck Movie „Fight Club”. Ein Filmtrend des zeitgenössischen Kinos mit Veranschaulichung seiner Funktionsweise an einem Prototyp

"Where is my mind?"


Masterarbeit, 2009
102 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung: Where is my mind?

2. Mindfuck Movies
2.1 Problematik: fehlende Begriffsdefinition
2.2 Der Begriff ‚Mindfuck’
2.3 Mindfuck im Film
2.3.1 Mindfuck Movies aus der Laienperspektive
2.3.2 Mindfuck Movies aus wissenschaftlicher Perspektive
2.4 Definition von Mindfuck Movies
2.4.1 Vorüberlegungen
2.4.2 Formulierung einer Definition
2.4.3 Experimentelle Mindfuck Movies
2.4.4 Mindfuck Movies: (k)ein neues Filmgenre?

3. Veranschaulichung der Definition
3.1 Typische Mindfuck Movies
3.1.1 Fight Club (David Fincher, US/DE 1999)
3.1.2 The Sixth Sense (Manoj Night Shyamalan, US 1999)
3.1.3 Memento (Christopher Nolan, US 2001)
3.1.4 The Others (Alejandro Amenábar, ES/FR/US 2001)
3.1.5 Vanilla Sky (Cameron Crowe, US 2001)
3.1.6 Weitere Mindfuck Movies
3.2 Analogien auf der Inhaltsebene
3.2.1 Themenschwerpunktsetzung
3.2.2 Heldentypik
3.2.3 Setting
3.3 Putative Mindfuck Movies
3.3.1 The Number 23 (Joel Schumacher, US 2007)
3.3.2 The Game (David Fincher, US 1997)
3.3.3 The Village (Manoj Night Shyamalan, US 2004)
3.4 Abgrenzung zu anderen ‚Mind-Movies’
3.4.1 Mind-Bender
3.4.2 Puzzle Films
3.4.3 Mind-Game Films

4. Funktionsweise von Mindfuck Movies
4.1 Bruch mit populärer Filmdramaturgie
4.1.1 Grundlagen der Dramaturgie
4.1.2 Kognitive Beanspruchung
4.1.3 Informationsvergabe in der Exposition
4.1.4 Umgang mit Chronologie
4.1.5 Erzählebenen
4.1.6 Gestaltung des Filmendes
4.1.7 Fazit
4.2 Unzuverlässiges Erzählen
4.2.1 Erzähltheoretischer Ursprung
4.2.2 Unzuverlässiges Erzählen im Film
4.2.3 Der unzuverlässige implizite Inszenator und Initiator
4.2.4 Die Kamera als Urheber erzählerischer Unzuverlässigkeit
4.2.5 Die Unzuverlässigkeit der selbst getäuschten Protagonisten
4.2.6 Interdependenz unzuverlässiger Instanzen
4.2.7 Rezipientenwirkung
4.2.8 Fazit
4.3 Falsche Fährten
4.3.1 Falsche Fährten im Film
4.3.2 Mikrostrategische Falsche Fährten
4.3.3 Funktionsweise der Täuschung
4.3.4 Makrostrategische Falsche Fährten
4.3.5 Falsche Fährten in Mindfuck Movies
4.3.6 Fazit

5. Popularität von Mindfuck Movies
5.1 Vorläufer von Mindfuck Movies
5.2 Medienfortschritt und veränderte Rezeptionsgewohnheiten
5.3 Soziokulturelle Hintergründe
5.3.1 Identitätsfindung unter gesellschaftlichem Wandel
5.3.2 Orientierungsverlust in einer hyperrealistischen Realität
5.3.3 Jahrtausendwende

6. Veranschaulichung der Funktionsweise von Mindfuck Movies
am Beispiel von David Finchers Fight Club
6.1 Identitätskrise des Mannes: Flucht in die multiple Persönlichkeit
6.2 Strategien zur Publikumstäuschung
6.2.1 Unkonventionelle Dramaturgie
6.2.2 Rückblenden und Voice-over zur kognitiven Herausforderung
6.2.3 Filmästhetik: Farbliche und musikalische Gestaltung
6.2.4 Strategien zur Vermittlung der realen Existenz Tylers
6.2.5 Erzählerische Unzuverlässigkeit
6.2.6 Subjektive Fokalisierung als Falsche Fährte
6.3 Hinweise auf Unstimmigkeiten
6.3.1 Voice-over-Hinweise des Erzählers
6.3.2 Dialogische Andeutungen
6.3.3 Hinweise in der Persönlichkeit des Protagonisten
6.3.4 Hinweise auf mentale Perspektivierung
6.3.5 Selbstreferentialität als Unzuverlässigkeitssignal
6.4 Fazit

7. Schlussbetrachtung und Ausblick

8. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Where is my mind?

Ooooooh – stop

With your feet in the air

and your head on the groundTry this trick and spin it, yeahYour head will collapseBut there's nothing in itAnd you'll ask yourselfWhere is my mind?Where is my mind?Where is my mind?Way out in the waterSee it swimmin?'

I was swimmin' in the CarribeanAnimals were hiding behind the rockExcept the little fishBut they told me, he swearsTryin' to talk to me to me to meWhere is my mind?Where is my mind?Where is my mind?Way out in the waterSee it swimmin'?[1]

– The Pixies –

Die finale Szene von David Finchers Fight Club: Schwer verletzt steht der namenlose Protagonist, Hand in Hand mit seiner Geliebten Marla Singer, hinter der Fensterfront eines Hochhauses mit Blick über die nächtliche Großstadtkulisse. Durch einen Schuss in den eigenen Kopf hat er soeben sein Alter Ego Tyler Durden ausgelöscht. Doch das nicht mehr aufzuhaltende Spektakel nimmt seinen Lauf: Explosionen erleuchten den Nachthimmel, ein gesprengtes Hochhaus nach dem anderen fällt im Hintergrund in sich zusammen – das (ungewollte) Werk des Protagonisten. Erfolgreich wird der Sitz zahlreicher Kreditkartenunternehmen zerstört. Gleichzeitig setzt der Song Where is my mind der Band The Pixies ein. „Du hast mich in einer seltsamen Phase meines Lebens getroffen…“ (2:10:21)[2] rechtfertigt der Schwerverletzte seine bisherigen Verhaltensweisen. Für den Bruchteil einer Sekunde ist die Nahaufnahme eines männlichen Geschlechtsteils, dann wieder die neue Skyline der Stadt, jetzt ohne ihre Wolkenkratzer, als letzte Einstellung des Films zu sehen. Für einen Moment ist der Bildschirm schwarz, dann beginnt in weißen Lettern der Abspann, bis zum Schluss untermalt von Where is my mind.

David Finchers Fight Club aus dem Jahr 1999 lässt sich einer stetig wachsenden Gruppe von Filmen zuordnen, den so genannten ‚Mindfuck Movies’. Der Song Where is my mind könnte dabei in jedem dieser Film Einsatz finden, steht er doch symbolisch für den Kern dieser Filme: An einem bestimmten Wendepunkt zerschlägt sich die bis dahin von Protagonist und Rezipienten für wahr gehaltene filmische Realität und die gesamte Geschichte erscheint in einem völlig neuen Licht. Ausgelöst wird dieser Bruch durch ein Bewusstseinsdefizit des Protagonisten, das erst jetzt zu Tage tritt. Der anstößige Begriff des Mindfuck bezieht sich somit auf die Wirkung, die die Handlung beim Filmheld auslöst, von der aber ebenso der Zuschauer betroffen ist: Ein Durcheinanderbringen des Verstandes wie Beunruhigung, Irritation und Verstörung sind typische Folgen der Rezeption von Mindfuck Movies. Der Zuschauer muss erkennen, vom Film hinters Licht geführt worden zu sein. Doch genau diese Wirkung ist es, die die Faszination an Mindfuck Movies ausmacht.

Ziel dieser Arbeit ist eine möglichst umfassende theoretische Auseinandersetzung mit dem relativ neuartigen Trend der Mindfuck Movies. Wie lassen sich Mindfuck Movies definieren? Welche Filme sind dieser Gruppe zuzuordnen, auf welche trifft die Definition eher nicht zu? Welche inhaltlichen Gemeinsamkeiten herrschen vor? Zentral soll die Untersuchung der Funktionsweise von Mindfuck Movies sein: Welche strukturellen Besonderheiten und wiederkehrenden narrativen Strukturen lassen sich erkennen, die für das Gelingen des finalen Überraschungseffekts verantwortlich sind? Und warum erfährt dieser Trend gerade in der vergangenen Dekade einen so extremen Boom, was macht seine Popularität aus? Die Untersuchung all dieser Fragen soll stets unter Berücksichtigung kognitiver Rezeptionsaspekte des Filmpublikums erfolgen.

Im anwendungsorientierten Teil der Arbeit erfolgt eine konkrete Beschäftigung mit David Finchers Fight Club, da dieser Spielfilm, trotz bestehender unterschiedlicher Definitionsansätze von Mindfuck Movies, unbestritten dieser Filmgruppe zugehörig ist und somit als einer ihrer Prototypen betrachtet werden kann. In einer Filmanalyse sollen die erarbeiteten Grundlagen der Wirkungsweise von Mindfuck Movies auf Fight Club angewendet und vertieft werden: Wie funktioniert hier der Mindfuck? Wie gelingt es, den Zuschauer tatsächlich erst gegen Ende des Films mit der Überraschung zu konfrontieren? Welche Hinweise werden bereits im Filmverlauf eingestreut, die den Zuschauer auf eine Täuschung aufmerksam machen könnten? Und warum nimmt der Rezipient diese Hinweise bei der Erstrezeption nicht wahr? Es folgt eine filmanalytische Betrachtung der Funktionsweise von Fight Club, immer der Leitfrage nachgehend: Where is my mind(fuck)?

2. Mindfuck Movies

2.1 Problematik: fehlende Begriffsdefinition

Noch existiert in der Filmwissenschaft keine feststehende Definition von Mindfuck Movies, was die Arbeit an und mit ihnen erschwert: Filme können nicht eindeutig zugeordnet oder aus der Gruppe dieser Filme ausgeschlossen werden, solange nicht eine greifbare, anwendungsorientierte Begriffsbestimmung vorliegt. Doch wie kann sich dem Terminus genähert werden? Der zweifelsohne anstößige Begriff des Mindfuck Movies lässt darauf schließen, dass diese Art von Filmen zunächst unter Cineasten diskutiert wurde, bevor sie überhaupt Einzug in die Filmwissenschaft hielt. Daher sind gerade die in Diskussionsforen oder Blogs im Internet verbreiteten, unterschiedlichen Begriffsauffassungen nicht außer Acht zu lassen. Aus diesem Grund soll die Herangehensweise an eine Begriffsbestimmung von Mindfuck Movies aus drei Richtungen erfolgen: Zunächst gilt es die originäre Bedeutung von ‚Mindfuck’ zu klären, woraufhin der Blick auf den Meinungsaustausch von Filmliebhabern gerichtet wird bis schließlich der aktuelle Forschungsstand der Filmwissenschaft aufgezeigt wird.

2.2 Der Begriff ‚Mindfuck’

Die ursprüngliche Wortherkunft des ‚Mindfuck’ ist unklar: Eine frühe Verwendung des Begriffs findet sich im amerikanischen Kultfilm The Rocky Horror Picture Show aus dem Jahr 1975: „It's something you'll get used to. A mental mind fuck can be nice.“[3] Ebenfalls 1975 veröffentliche der Verschwörungstheoretiker Robert Anton Wilson zusammen mit Robert Shea die Illuminatus!- Trilogie, in der im Zusammenhang mit der Pseudo-Religion des Diskordianismus die Rede von der ‚Operation Mindfuck’ ist.[4] Ein Anhänger der erisischen Bewegung, die eng mit dem Diskordianismus verwandt ist, schreibt im Internet:

Das Ziel des Diskordianismus wird über die ‚Operation Gedanken-Fick’, zu Englisch [ sic ] ‚operation mindfuck’, zu erreichen versucht. Durch ihn [ sic ] soll dem Konsumenten der allgemeine Subjektivismus bzw. die Idee, daß [ sic ] wir gar nichts darüber wissen, was wirklich ist, vermittelt werden.[5]

Als von dieser originären Bedeutung abgeleitet kann eine offenere Definition des Begriffs verstanden werden, wie sie beispielsweise von einem User des ‚Urban Dictionary’ aufgefasst wird: „mindfuck: an idea or concept that shakes one's previously held beliefs or assumptions about the nature of reality.“[6] Demnach kann ‚Mindfuck’ an dieser Stelle zunächst als überraschender Bruch oder als Verunsicherung der bisherigen Überzeugung von Realität festgehalten werden.

Auf der Basis dieses Verständnisses wurde der Begriff auf unterschiedliche Medien übertragen, so zum Beispiel auf Bilder im weitesten Sinne: „MindFuck: A picture that at first glance, seems normal but when looked at extensively and closely, there is a sort of hidden image.“[7] Ausführlicher verdeutlicht Thomas Elsaesser den Begriff der ‚picture puzzles’, der als gleichbedeutend mit Mindfuck-Bildern aufgefasst werden kann:

A picture puzzle contains enigmatic details or special twists, which is to say that something is revealed that was always there, but hidden in another more conventional configuration, and which in order to re recognized, requires a kind of resetting or perceptual or cognitive default values. A picture puzzle is also an image which via a different organization of the separate parts allows different figures to be recognized; it is an images which contains figures (usually animals, objects, bodies) which cannot be identified at first glance and require for their recognition an adjustment on the part of the viewer; finally, it can be a correctly constructed image, but whose perspectival representation proves to be impossible, such as one finds in gestalt-switches or Escher’s drawings.[8]

So kann in Photographien, Zeichnungen oder optischen Täuschungen, durch entsprechende aktive Leistung des Betrachters, eine zweite Realität entdeckt werden oder aber die dargestellte Realität durch die Logik des Verstandes falsifiziert werden.[9] Ebenso in Literatur, Kunst, TV und Computerspielen sind Mindfucks möglich; auch in diesen Kontexten handelt es sich dabei bevorzugt um die für den Rezipienten untrennbare Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit und damit um ein Brechen mit der bekannten Realität. Charakteristisch für einen Mindfuck, unabhängig vom Medium, ist demzufolge das Erkennen einer anderen oder weiteren Realität bei genauerer Betrachtung der vermeintlich einzigen und richtigen Wirklichkeit. Mindfucks stützen sich demnach grundsätzlich auf die Ungewissheit von Realität, die nicht schlicht als feststehende Tatsache oder Wahrheit hinzunehmen ist.

2.3 Mindfuck im Film

2.3.1 Mindfuck Movies aus der Laienperspektive

Welche Bedeutung aber hat ein Mindfuck im Film? Ist auch hier die Ungewissheit über die Realität, in der der jeweilige Protagonist lebt, ausschlaggebend, um einen Film als Mindfuck Movie zu bezeichnen? In diversen Internetforen wird seit einigen Jahren über Mindfuck Movies diskutiert, User geben dort persönliche Filmempfehlungen ab und beurteilen wiederum die Filmtipps der anderen. Auffallend ist jedoch die enorme Inkohärenz der Bewertungskriterien: Unter den Diskutanten scheint es keine einheitliche und festgelegte Definition von Mindfuck Movies zu geben, sodass ein jeder, mit seiner eigenen Vorstellung eines Mindfuck Movies im Kopf, Vorschläge unterbreitet und denen der anderen zustimmt oder diese zurückweist.[10] Auch in den derzeit populären webbasierten sozialen Netzwerken studiVZ und meinVZ existieren (Diskussions-) Gruppen zum Thema Mindfuck, in denen ähnliche Vorgänge zu beobachten sind. Diese Beobachtungen zeugen von einem relativ hohen Bekanntheitsgrad des Begriffs ‚Mindfuck Movies’, zumindest unter Filmfans. So besteht bei einigen Filmen kein Zweifel an ihrer Zugehörigkeit zur Gruppe der Mindfuck Movies, da diese in sämtlichen Internetforen, in denen mit zum Teil sehr unterschiedlichen Begriffsauffassungen hantiert wird, als exemplarisch zitiert werden:[11]

Das Wort "Mindfuck" wird zwar für jeden neu sein, aber ihr habt so etwas schon sicher einmal gesehen. Bestes Beispiel ist Fight Club... Am Anfang weiß man nichts, man wird im Dunkeln gelassen und am Ende begreift man erst, dass Tyler Durden das zweite Ich von Edward Norton ist. Diese "Mindfuck"-Filme verdrehen die Story und lassen dem Zuschauer viel Freiraum zu spekulieren. Von Memento über Donnie Darko zu The Sixth Sense finde ich alle genial...es ist immer ein überraschendes Ende bei solchen Filmen...zwar ist dann die Luft raus beim zweiten Mal anschauen, aber Filme wie Fight Club schau ich mir immer wieder an...[12]

Fight Club, Memento und The Sixth Sense können somit an dieser Stelle bereits, wie es sich später noch anhand anderer Quellen bestätigen wird, als definitive Mindfuck-Modelle festgehalten werden.[13] Doch die tatsächliche Uneinigkeit über die Definition von Mindfuck Movies und die Zuordnung entsprechender Filme soll durch einige Auszüge aus Internetforen verdeutlicht werden:

Und zwar suche ich Filme im ‚Mindfuck-Genre’, zur Erklärung: Mindfuck Movies ist der Inside Fachausdruck für psychisch erschütternde Filme. Beispiele: Stay, The Others, The Machinist usw. usf. Also oft verworrene Filme mit einer schockierenden Pointe. [Antwort:] Gehören diese Filme auch dazu? Kettensägenmassaker 1, Hostel 1 & 2, Fight Club. Die sind IMHO[14] psychisch erschütternd. Oder gibt's da eine genauere Abgrenzung?[15]

Anhand dieses Beitrages wird deutlich, dass die Definition von Mindfuck Movies lediglich als psychisch erschütternde Filme mit verworrener Narration und überraschendem Ausgang noch zu offen ist und die Zuordnung zu unterschiedlicher Filme zulässt. Das folgende Beispiel aus der studiVZ -Gruppe Mindfuck Fans belegt eine wenig erkenntnisorientierte Diskussionsweise, in der sich statt einheitlicher Kriterien und Argumente individueller Vorlieben und eigenwilliger Interpretationen bedient wird um Filme als Mindfuck Movies auszumachen:

Uzumaki ist richtig, richtig übel ... Da empfehle ich eher Gozu, sehr, sehr strange!! [Antwort:] Gozu ist eine einzige Scheiße. Uzumaki ergibt immerhin einen Sinn und braucht keine billigen Holzhammermindfucks wie eine sich die Brüste auspressende alte Frau, um zu begeistern. Wieso wird denn eigentlich nicht Tetsuo und Begotten erwähnt? Und Holy Mountain und El Topo vermisse ich irgendwie auch, ziemlich fucking geil. Oh, und auf seine Art der alte Klassiker Citizen Kane. Leider knapp am Mindfuck vorbei, da am Ende das Geheimnis von Rosebud doch noch geklärt wird.[16]

Gerade die Erwähnung von Orson Welles’ Citizen Kane wirft die Frage auf, was der Diskutant bereits als Mindfuck empfindet: Ein ungelöstes Rätsel am Ende eines Films? Dieser Beitrag lässt einerseits die Frage nach der Grenze von Mindfuck Movies aufkommen, andererseits steht er exemplarisch für die Diskussionsweise in Internetforen, in denen User zahlreiche Filmvorschläge unterbreiten, ohne diesen ihr Verständnis von Mindfuck Movies zugrunde zu legen. Die nächsten Beiträge belegen die Uneinigkeit über den Sinngehalt von Mindfuck Movies:

Tetsuo empfand ich wieder als den letzten Schrott und zu Uzumaki: Der Sinn eines
Mindfucks ist nicht unbedingt Sinn zu machen... Holy Mountain ist ein schöner
melancholischer Film, jedoch Mindfuck in keiner Weise... [Antwort:] Mindfuck = komplett sinnlos? Hmm... da haben wir unterschiedliche Meinungen... imho soll ein Mindfuck, welcher Form auch immer, den Konsumenten nicht nur plump verwirren (was imho Gozu tut), sondern ihn zwingen, neue Wege des Denkens einzuschlagen. […] Auch wenn der Sinn nicht sofort erfassbar ist, denke ich (und ich denke, da stimmst du mir zu), dass Mindfucks wie Mulholland Drive, Lost Highway und, wie ich finde, auch Inland Empire von Lynch durchaus Sinn ergeben. Einfach komplett Sinnloses, was nur um der Sinnlosigkeit willen gedreht wurde, kann mich nur kurz begeistern. Und ich würde bspw. Confuse-a-Cat von den Pythons, auch wenn es keinen Sinn ergibt, nie als Mindfuck bezeichnen.[17]

Im folgenden Ausschnitt wird versucht, eine Abgrenzung zum Psychothriller sowie eine persönliche Definition von Mindfuck Movies zu geben, die in der Antwort mit völlig konträren Ansichten konfrontiert werden:

Also meine Tipps für Mindfuck Fans: Oldboy, Fight Club, The Game, A Tale of Two Sisters, Butterfly Effect, Vanilla Sky oder auch das Original Öffne deine Augen, Arlington Road (keine Ahnung, ob das noch als Mindfuck durchgeht, aber ist auf jeden Fall ein wahnsinnig spannendes Psychoduell!), The Eye (mehr Geister- als Psychothriller, aber mit tollem Plot-Twist!). […] Requiem for a Dream ist mehr das Psychogramm eines Drogenabhängigen mit all seinen Wahnvorstellungen, doch in keiner Weise ein Mindfuck in dem Sinne. Saw ebenso. Das sind typische Vertreter des Psychothrillers, in denen man sich fragt, wer der Killer ist, mehr nicht! Ein Mindfuck ist ein Film, der den Zuschauer nicht in eine falsche Richtung schickt, sondern ihn mehrmals im Verlauf unterschiedliche Thesen des Vorganges unterbreitet, die für sich keinen Zusammenhang ergeben, doch am Ende schlüssig aufgezeigt werden. [Antwort:] Für mich macht Mindfuck aus, dass man solch einen Film nicht nur guckt, man spürt ihn regelrecht, er besitzt Tiefe, Relevanz, Mut usw. […] Oldboy - grandioser Film - kein Mindfuck; The Game - intelligenter Thriller - null Mindfuck; A Tale of Two Sisters - netter Grusler - aber Mindfuck? Butterfly Effect und Vanilla Sky - "Mindfuck" für die Masse […] Und solch Kram wie Saw soll Mindfuck sein, nur weil am Ende ein netter Plottwist drinsteckt? Ist dann jeder Film von Manoj Night Shyamalan ein Mindfucker? Für mich ganz klar nein[18]

Auch hier wird es ersichtlich, dass eine Zuordnung von Mindfuck Movies ohne festgelegte Definition, allein auf der Basis persönlicher Kriterien, statt zu Erkenntnis lediglich zu unlösbaren Streitgesprächen führt. Außerdem lässt sich eine Aufspaltung in Mainstream- und eher experimentelle Mindfuck Movies erkennen:

Gut, ich steig dann mal aus! ;-) Das wird für mich zu abgedreht. Ich bleibe auf Memento -, Prestige - und Butterfly -Niveau. Hole in my heart, Audition, Pi oder Naked Lunch ist mir zu experimentell und strange.[19]

Auch im Diskussionsforum gulli:board finden sich meist ohne Erklärungen aneinander gereihte Filme, die hier unter dem Begriff ‚Mindfucker’ verzeichnet sind.[20] Schließlich wirft auch hier ein User die Frage nach der Grenze von Mindfucker Filmen auf:

Verstehe nicht ganz, wo dieses "Genre" anfängt und wo es aufhört. Denn entweder sind da oben ganz eindeutig zu viele Filme in der Liste oder sie kann beliebig ergänzt/erweitert werden (vielleicht nicht gerade durch Hollywood-Happy-End-Märchen).[21]

Des Weiteren existieren im World Wide Web alphabetisch sortierte, ebenfalls weitgehend unkommentierte Auflistungen von Mindfuck Movies. The Mindfuck Movie List auf der Internetseite www.classreal.com thematisiert das Fehlen einer einheitlichen Definition und führt die dort berücksichtigten Kriterien zur Klassifizierung als Mindfuck Movie an:

Many definitions exist for defining what makes any given movie a 'mindfuck'. At Class Real we look for movies which have the following elements and themes: Surreal atmosphere, identity surprises, reality surprises, existentialism, postmodernism, time travel.[22]

Es wird jedoch schnell deutlich, dass es sich bei dieser Aufreihung von Elementen um keine zuverlässige Definition handelt, da die meisten der angegeben Filme nie alle Themen gleichzeitig vereinen; so spielen sich die wenigsten der Filme in einer surrealen Atmosphäre ab. Welche Elemente sind folglich notwendig, um einen Film als Mindfuck Movie zu klassifizieren? Reicht bereits ein Element aus? Dass diese Herangehensweise nicht greift, zeigt sich in der logischen Konsequenz, jeder postmoderne Film müsse folgerichtig einen Mindfuck enthalten. Welche Elemente aber sind obligatorisch, welche optional? Da diese Frage offen bleibt, handelt es sich bei der von Class Real gegeben Definition eher um eine Orientierungshilfe; die Zuordnung der angegeben Filme stellt sich jedoch je nach eigenem Definitionsverständnis als gerechtfertigt oder nicht nachvollziehbar heraus.[23] Darüber hinaus steht eine Liste mit vermeintlichen Mindfuck Movies zur Verfügung, die sich nach wiederholter Rezeption nicht als solche qualifizieren konnten;[24] auch die Auswahl dieser Filme erfolgt nach einem nicht näher beschriebenem Prinzip.

Das Konzept der noch unvollständigen Website www.mindfuuuck.jimdo.com ist noch offener formuliert: „Verwirrung und Schockierung – Mindfuck-Filme! This site is a collection of mindfucking, surreal, plottwisting, shocking movies.” [25] Auf einer weiteren privaten Homepage wurde eine Mindfuck Movie Database angelegt, die auf wiederum anderen Bewertungsgrundlagen basiert:

My rating: Storyline: Suprising plot and fresh dialogues; Screenplay: Interesting characters and convincing actors; cut: How are the different scenes merged with each other? Ending: How surprising is the ending of the movie?[26]

Hier steht der Überraschungseffekt bezüglich der Handlung und vor allem des Filmendes im Vordergrund, die Themen Identität und Realität werden allerdings nicht angesprochen. Die aufgelisteten Filme decken sich jedoch weitgehend mit den anderen, bereits in Diskussionsforen erwähnten.

Zudem befassen sich Autoren einiger Aufsätze und Blogs im Internet mit Mindfuck Movies; aber auch hier ist zu beachten, dass sich die Verfasser zwar intensiv mit dieser Filmgruppe beschäftigen, doch kommen sie nicht aus einer professionell filmwissenschaftlichen Richtung. Matthew Baldwin beispielsweise, hauptberuflich Programmierer, führt wie folgt in seinen mit ‚Mindfuck Movies’ betitelten Artikel im Online-Magazin The Morning News ein:

Some movies inform. Some movies entertain. And some pry open your skull and punch you in the brain. [...] There’s a certain brand of movie that I most enjoy. Some people call them “Puzzle Movies.” Others call them “Brain Burners.” Each has, at some point or another, been referred to as “that flick I watched while I was baked out of my mind.”[27]

Auch Baldwin sieht die Infragestellung von Realität als ein Merkmal von Mindfuck Movies an. Seiner Auffassung nach muss der chaotischen, verstörenden Handlung eine rationale Erklärung zugrunde liegen, sei sie noch so unglaubwürdig oder plump; demnach stellt die anschließende Aufklärung des Mindfuck für ihn ein wichtiges Kriterium dar. Anderen Meinungen entgegen machen für Baldwin Filme, in denen Protagonisten und Zuschauer die Vorgänge zu durchschauen glauben und erst in einer finalen Schlüsselszene der Wendung erliegen, nicht zwangsläufig ein Mindfuck Movie aus. Charakteristisch für ihn ist vielmehr das Wissen des Zuschauers darüber, dass etwas Außergewöhnliches im Film vor sich geht, ohne jedoch Klarheit darüber zu haben.[28] In seiner darauf folgenden Liste von Mindfuck Movies befinden sich neben zuvor diskutierten Titeln auch hier erstmalig erwähnte, die im Gegensatz zu den meisten anderen schon vor den 1990er Jahren entstanden sind.

Zusammengefasst demonstrieren diese Aussagen von Filmfans die Problematik einer fehlenden Definition von Mindfuck Movies: Basierend auf dem persönlichen Geschmack ergibt sich eine Vielzahl von Merkmalen dieser Filmgruppe. Welche und wie viele zur Bestimmung eines Mindfuck Movies tatsächlich erforderlich sind geht hieraus nicht klar hervor. Auch die Rolle des Zuschauers ist nicht eindeutig geklärt: Ahnt er, dass etwas mit der im Film präsentierten Realität oder Identität des Protagonisten nicht stimmt oder unterliegt er am Ende des Films einer ‚ent-täuschenden’ Überraschung? Je nach Interpretation kommt es zu den unterschiedlichsten Auffassungen über die Zuordnung konkreter Filmbeispiele.

2.3.2 Mindfuck Movies aus wissenschaftlicher Perspektive

Um die genannten Unklarheiten zu beseitigen ist die Betrachtung aus einer dritten Perspektive, die Bestimmung des aktuellen Forschungsstandes, grundlegend. Wie werden Mindfuck Movies in (film-)wissenschaftlichen Abhandlungen definiert? Inwieweit decken sich die Aussagen mit denen der Cineasten, wo bestehen gravierende Unterschiede? Und welche Filme finden in diesem Zusammenhang Erwähnung?

Von fundamentaler Bedeutung ist der Aufsatz A beautiful mind(fuck): Hollywood structures of identity des Filmwissenschaftlers und Drehbuchschreibers Jonathan Eig aus dem Jahr 2003. Im Titel bezieht er sich bereits explizit auf Ron Howards Filmbiographie über das schizophrene Physikgenie John Nash: A Beautiful Mind (US 2001) wurde allerdings von keinem der Internetuser angeführt, was ein differierendes Verständnis Eigs von Mindfuck Movies vermuten lässt.

An erster Stelle steht für Eig das Merkmal der Identitätsproblematik, das es jedoch schon seit langem selbst in typischen Hollywood-Produktion gibt wie beispielsweise die Persönlichkeitsspaltung des mordenden Norman Bates im 60er-Jahre-Hitchcock-Klassiker Psycho. Eig trifft jedoch eine Unterscheidung zwischen Filmen, die lediglich für den Zuschauer eine Überraschung über die wahre Identität einer Hauptfigur bereithalten, und Filmen wie The Sixth Sense, Fight Club, Memento, Mulholland Drive, Donnie Darko oder The Others. Zum einen handelt es sich in diesen Filmen ausnahmslos um den Protagonisten, dessen wahre Identität überraschend aufgedeckt wird. Zum anderen kennen weder der Betroffene noch die Zuschauer die wahre Identität des Filmhelden und deren Hintergründe.[29] Demnach verbirgt der Protagonist nicht intentional ein Geheimnis vor dem Publikum wie in Paul McGuigans Lucky Number Slevin (US 2006), und auch die Zuschauer verfügen über keinen Wissensvorsprung gegenüber dem Protagonisten wie es zum Beispiel der Fall ist in Peter Weirs The Truman Show (US 1998), in dem nur die Zuschauer von Trumans Funktion als Hauptperson einer 24 Stunden am Tag live ausgestrahlten Fernsehserie wissen. „A sudden boomlet of movies intentionally lie [ sic ] to the audience and manipulate viewers’ emotional investment in the heroes. In critical circles, these movies have developed a trendy name: mindfucks“[30], konstatiert Eig. Ausschlaggebend ist dabei die Selbsttäuschung der Protagonisten statt einer Manipulation durch andere Charaktere wie zum Beispiel in David Finchers The Game (US 1997), der demnach, trotz häufiger Nennungen in Internetforen, nicht als Mindfuck Movie einzuordnen ist. Dazu hält Eig fest:

The fundamental distinction between most earlier „surprise“ movies and films like Fight Club, Memento, Mulholland Drive, The Sixth Sense, and Donnie Darko lies in the nature of the hero’s identity. [...] [They] are all, to some degree, self-deluded. In the forerunners – The Crying Game, Usual Suspects, and especially Fincher’s Se7en and The Game, all of the heroes (and the audience) are surprised to learn the truth about the level of manipulation effected by the other characters.[31] [Hervorh. i. Orig.]

Als wesentliches Merkmal der narrativen Struktur von Mindfuck Movies nennt auch Eig eine differierende Wahrnehmung von Realität: „The audience, along with the hero […], is tricked into believing in a reality which is ultimately proven false.“[32] Weiterhin ist die Identitätsproblematik als Hauptthema der Handlung nach Eig für ein Mindfuck Movie bedeutend; Filme, in denen mit denselben narrativen Verfahren ein Mindfuck integriert wird, in denen jedoch andere Themen im Vordergrund stehen, sieht er etwas abseits dieser Filmgruppe. Dazu zählt er beispielsweise Vincenzo Natalis Cube (CA 1997), in dem sich die Handlung vorrangig mit Gesellschaftsstrukturen und weniger mit der Frage nach Identität beschäftigt, und auch A Beautiful Mind, in dem die Schizophrenie im Vergleich zu typischen Mindfuck Movies relativ früh im Filmverlauf offen gelegt wird und zudem eine andere Botschaft, den eindeutigen Vorzug der Realität gegenüber der Phantasie, in der Retrospektive eines Wissenschaftlerlebens vermittelt wird.[33]

Der Aufsatz Der mindfuck als postmodernes Spielfilm-Genre des Soziologen und Medienrezeptionsforschers Alexander Geimer rekurriert zum Teil auf Eigs Abhandlung. Auch Geimer sieht in der Identitätsproblematik des Protagonisten, die schließlich aufgedeckt wird, wenn die verzerrende Wahrnehmung des Helden evident wird, das zentrale Kennzeichen eines Mindfuck Movies.[34] Doch nur Geimer weist neben dieser inhaltlich hervorstechenden Thematik auf die besondere Struktur der Narration dieser Filme hin, die sich durch die Trennung von Fabula und Sujet auszeichnet.[35] Das Sujet als Geschichte, wie sie im Film dargestellt wird, ist demnach nicht deckungsgleich mit der Fabula, der im Nachhinein rekonstruierbaren Handlung.[36] Diese Inkongruenz wird erst mit dem finalen Plot Twist aufgedeckt:

Die Narrationsstruktur des Films (Sujet) ist also aus der Perspektive der ‚Wirklichkeit’ im Film (Fabula) infolge ihrer Orientierung an den Verwirrungen ihrer Hauptfigur ‚dysfunktional’ für den Zuschauer und bildet nicht das tatsächliche Geschehen ab. […] Der Zuschauer hat durch die Struktur des Sujets an der imaginierten bzw. simulierten Realität des Helden, seinen Wahnvorstellungen und Halluzinationen oder Träumen ohne dies zu wissen teil.[37]

Daraus ergibt sich als wichtige Folgerung für sämtliche Mindfuck Movies die charakteristische Teilhabe des Zuschauers an der subjektiven Perspektive der Protagonisten, die sich erst nach der Auflösung als solche offenbart, sodass sich der Film zunächst als objektive Darstellung präsentiert. „Das wohl bekannteste Exemplar, welches den ‚mindfuck’-Merkmalen gerecht wird, ist der mittlerweile als Klassiker kanonisierte FIGHT CLUB (USA 1999)“[38] [Hervorh. i. Orig.] bestätigt auch Geimer. Ähnlich wie Eig unterscheidet Geimer zwischen ‚mindfuck-Filmen’ – „mit dem Merkmal der Täuschung des Zuschauers in Kombination mit der Problematisierung der Identität der Hauptfiguren“[39] – und anderen sich mit dem Thema Identität auseinandersetzenden Filmen. Somit fallen ebenfalls Filme aus dem Mindfuck-Raster, in denen sich der Protagonist bewusst auf die Suche nach seiner Identität begibt wie es in Doug Limans The Bourne Identity (US/DE/CZ 2002) zu sehen ist.[40] Nach Geimer gelten jedoch auch Filme als Mindfuck Movies, wenn die Täuschung des Zuschauers nicht vollständig aufgelöst wird bzw. keine komplette Aufklärung der Ursachen für die inadäquate Wahrnehmung der Wirklichkeit seitens des Protagonisten erfolgt: „Diese Interpretationsleistung im Umgang mit einem offenen Ende fordert der ‚mindfuck’-Film vom Zuschauer.“[41]

Diese beiden Texte beschäftigen sich bisher am intensivsten auf wissenschaftliche Weise mit Mindfuck Movies. Doch auch in einigen wenigen anderen Arbeiten werden Mindfuck Movies angesprochen: Im Rahmen seiner Diplomarbeit zum Thema Verschiedene Wirklichkeit hat Jonas Janek eine Dokumentation auf seiner privaten Homepage veröffentlicht. Bei der Untersuchung von Wirklichkeitsauffassungen setzt er sich auch mit dem filmischen Bereich der Mindfuck Movies auseinander und greift, wie schon Geimer, Eigs Definition von Mindfuck Movies auf. Zudem hebt er wie Geimer das für die Zuschauer enorme Irritationspotenzial und die damit verbundene Herausforderung in der Rezeption dieser Filme hervor.[42] Über die Hauptfiguren dieser Filme schreibt er:

Eine Verunsicherung der Identität findet statt. Hauptfiguren sind Subjekte, deren Identisch-Sein-Mit-Sich-Selbst das Produkt von Traumata und psychotischer Halluzinationen oder der Effekt virtueller Realitäten und der Simulation von Wirklichkeiten ist.[43]

In seinen folgenden Ausführungen orientiert sich Jonas jedoch sehr stark an denen Geimers, sodass sich eine weitere Vertiefung als nicht notwendig erweist. Auch der Medienwissenschaftler und Historiker Christian Hardinghaus befasst sich in seinem wissenschaftlichen Aufsatz Die „Mulholland Drive“ Entschlüsselung eingangs mit der Kategorie der Mindfuck Movies, als deren Clou und charakteristische Gemeinsamkeit er die Intention des jeweiligen Regisseurs sieht, seinem Publikum einen Streich zu spielen:[44]

Durch eine völlig unerwartete, überraschende Wendung, meist am Schluss, schafft er es, den Zuschauer so sehr zu verwirren, dass dieser an seinen eigenen Sinnen zweifelt und sich, bevor er den Zusammenhang begreift, ärgert, einer filmischen Lüge beigewohnt zu haben. Typisch für ein solches Mindfuck-Movie ist, dass nicht nur die Zuschauer, sondern auch der Protagonist selbst die Wahrheit nicht kennt und ebenso überrascht oder schockiert ist.[45]

Genau darin liegt für ihn auch der Unterschied zum klassischen Thriller, in dem der Protagonist, wie bereits Eig erwähnt, sein Geheimnis vor dem Publikum verbirgt.[46] Ein Novum in seinem Aufsatz ist jedoch die klare Differenzierung zweier Mindfuck-Typen:

Während A den Zuschauer zwar völlig durcheinander bringt, am Schluss aber die Erklärung liefert, auch wenn diese auf den ersten Blick noch schwer zu begreifen ist, ist B ein wahres Filmpuzzle.[47]

Kennzeichnend für Typ B ist demnach eine Fülle von Deutungsmöglichkeiten, sodass Interpretation und Aufklärung des Mindfuck dem Zuschauer zugeschrieben werden.[48] Allerdings bringt Hardinghaus nicht das zentrale Thema der Filme, die problematische Identität der Hauptfiguren, zur Sprache, sondern belässt es im Unklaren, worüber Protagonist und Publikum am Ende des Films schockiert sind.

Insgesamt zeigt es sich, dass die aus wissenschaftlicher Perspektive verfassten Beiträge mit sehr viel konkreteren und griffigeren Definition arbeiten, wodurch das Verständnis von Mindfuck Movies sowie die Zuordnung von entsprechenden Filmen erleichtert wird. Doch darf eine Filmgruppe einzig anhand von Merkmalen, die von Wissenschaftlern aufgestellt wurden, bestimmt werden, obwohl die ursprüngliche Diskussion aus der Fangemeinschaft dieser Filme hervorging?

2.4 Definition von Mindfuck Movies

2.4.1 Vorüberlegungen

Wie lassen sich nun die drei gewählten Perspektiven – Wortherkunft, Online-Diskussionen unter Mindfuck-Fans und wissenschaftliche Arbeiten – zu einer sinnvollen Definition verbinden? Kann und muss eine Definition allen Ansichten gerecht werden? Wichtig ist die Bewusstwerdung der Tatsache, dass auch Filmwissenschaftler die Rolle der Rezipienten einnehmen (können) und damit ihre Ansprüche an Mindfuck Movies (vermutlich) nicht aus einem geistig von der nicht-akademischen Welt abgeschiedenen ‚Elfenbeinturm’ heraus artikuliert haben. Da ihre Auffassungen von Mindfuck Movies sehr plausibel dargestellt wurden, sollen diese als Grundlage der Definition, mit der im weiteren Verlauf gearbeitet werden soll, dienen. Die für Protagonist und Publikum überraschende Erkenntnis über die problematische Identität des Filmhelden legt somit das Fundament eines jeden Mindfuck Movies. Auch wenn die Wortherkunft nicht völlig geklärt und der Zusammenhang mit der ‚Operation Mindfuck’ des Diskordianismus nicht sicher nachgewiesen werden kann, so verweist doch die Bedeutung des Mindfuck in anderen Medien auf das wesentliche Element der unsicheren oder mehrfachen Realität. Aus diesem Grund sollte es unbedingt in die Definition von Mindfuck Movies Eingang finden. Als entscheidende Mittel zur Funktionsweise eines Mindfuck Movies sind (an dieser Stelle) dessen besondere narrative Struktur, die durch die Trennung von Fabula und Sujet gekennzeichnet ist, sowie die verdeckt subjektive Perspektivierung des Geschehens zu berücksichtigen.

Inwieweit helfen nun die in den Internetforen eingebrachten, sehr vielseitigen (vermeintlichen) Aspekte von Mindfuck Movies bei der Entwicklung einer Definition? Zwar finden die zentralen Themen wie Identität und Realität dort kaum Beachtung, doch beleuchten die zahlreichen und unterschiedliche Schwerpunkte beachtenden Stimmen der Internetuser wichtige zusätzliche, und damit optionale, Inhalte und Darstellungsformen von Mindfuck Movies.

2.4.2 Formulierung einer Definition

Die folgende Definition soll im weiteren Verlauf der Untersuchung als Leitfaden dienen: Mindfuck Movies sind Spielfilme, die die Identität der Protagonisten und deren Wahrnehmung von Realität problematisieren. Genauso wie die ihrer Selbsttäuschung unterliegenden Protagonisten werden die zunächst irregeleiteten Zuschauer durch Plot Twists als narrativem Mittel vom tatsächlichen Handlungsverlauf und der Partizipation an einer subjektiven Perspektive überrascht. Eine anschließende Aufklärung des Geschehens verdeutlicht Ursachen und Auslöser in der Retrospektive.

Die einzelnen Elemente der Definition verstehen sich dabei als eine Art Prioritätenkette; je weiter hinten sie sich innerhalb der Kette befinden, desto eher kann auf sie verzichtet werden. Es dürfen jedoch keine ‚Glieder’ aus der Definition herauslöst werden: Dadurch würde die Kette abreißen und damit die noch folgenden Elemente ebenfalls abtrennen. Auch handelt es sich bei zwei ineinander gehängten Gliedern nicht mehr um eine Kette im eigentlichen Sinne; demnach kann nicht nur der Identitätsfaktor für die Definition geltend gemacht werden. Eine vereinfachte grafische Darstellung soll dies veranschaulichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Prioritätenkette Mindfuck Movie-Definition

Zusätzlich zu den Basiskomponenten können ergänzende Themen, Kontexte, Darstellungsformen etc. im Mindfuck Movie auftreten. Um beim Beispiel der Kette zu bleiben, können diese optionalen Elemente wie Anhänger in die Kette eingeklinkt werden; doch auch ohne sie handelt es sich um eine Kette und damit um ein Mindfuck Movie. So können soziale, politische oder gesellschaftliche Bezüge im Film thematisiert werden, der Film kann rätselhaft, surreal, schockierend oder gar psychisch erschütternd sein, er kann in Zeitsprüngen konstruiert sein oder ihm kann eine verworrene Narration zugrunde liegen. Die filmische Umsetzung in Bild und Ton kann demnach von Film zu Film sehr unterschiedlich gestaltet sein. Diese Aspekte sind jedoch nur zusätzliche, individuelle Prägungen des jeweiligen Films, deren Verwendung ohne die ‚Kettenmerkmale’ der Definition noch kein Mindfuck Movie ausmacht. Entscheidend ist der Überraschungseffekt für Zuschauer und Protagonisten, worin die wesentliche Intention des Films liegt. Die vermeintlichen Hauptthemen des jeweiligen Films treten durch den finalen Plot Twist in den Hintergrund und werden zweitrangig.

Wie es sich bereits bei einigen Forenmitgliedern, aber auch bei Hardinghaus angedeutet hat, lässt sich eine Unterscheidung zwischen Mainstream- und eher experimentellen Mindfuck Movies treffen. Die Mainstream-Filme enthalten alle zuvor genannten Definitionsmerkmale und sind einer größeren Zuschauergruppe bekannt, sodass bei ihnen, sofern das überhaupt möglich ist, vom klassischen bzw. typischen Mindfuck Movie gesprochen werden kann. Die eher experimentellen Mindfuck Movies dagegen werden den meisten durchschnittlichen Kinogängern nicht geläufig sein, sondern insbesondere unter ‚Filmfreaks’ geschätzt sein. Bei diesem Typ von Filmen kann die Darstellung häufiger durch eine verwirrende Narration, gekennzeichnet durch Nonlinearität, fehlende kausale Zusammenhänge oder den Verzicht auf eine abschließende Auflösung, erfolgen.

2.4.3 Experimentelle Mindfuck Movies

Als gutes, da relativ populäres Beispiel hierfür eignet sich Lost Highway (US/FR 1997) von David Lynch. Die Hauptfigur Fred muss verschiedene, unbegreifliche Realitäten erleben, beispielsweise durch die sich durch einen Telefonanruf als wahr herausstellende Behauptung des ‚Mystery Man’, sich in diesem Moment, in dem er sich auf einer Party mit Fred unterhält, sich gleichzeitig in dessen Haus zu befinden. Durch die zweifache Verwandlung des Protagonisten von der Person Fred in den jungen Pete und wieder zurück wird die Verunsicherung der Identität ad absurdum getrieben. Die durch die Verwandlungen markierten Plot Twists entbehren jeder Kausalität; weitere Wendungen und Überraschungen des Geschehens steigern die Verwirrung von Zuschauer und Protagonist. Hier liegt schon ein wesentlicher Unterschied zum typischen Mindfuck Movie, da bereits ab der ersten Metamorphose die Zuschauer wie auch der Protagonist realisieren, dass ungewöhnliche Dinge vor sich gehen, nur können sie sie nicht deuten. Statt einer spontanen Handlungswendung gegen Ende des Films durchziehen mehrere Plot Twists den Film und hinterlassen damit bei Zuschauer und Protagonist ein mulmiges Gefühl. Am Ende folgt zudem keine Auflösung der Vorgänge, die sich wie ein Kreislauf, aber dennoch fernab jeder Logik, schließen; stattdessen lässt der Film viel Raum für eigene Interpretationen und Spekulationen. So kann zum Beispiel angenommen werden, Fred halluziniere sich mit dem jungen Pete ein Alter Ego als sein exaktes Gegenstück und damit als Wunschidentität herbei. Auf der Basis dieses Interpretationsansatzes liegt dem Film auch die nötige Selbsttäuschung des Protagonisten statt einer Manipulation durch äußere Faktoren zugrunde.

Ähnlich verhält es sich mit Lynchs Mulholland Drive (US/FR 2001); auch dieses ungewöhnliche Mindfuck Movie bricht mit tradierten Erzählstrukturen und verzichtet auf eine abschließende Aufklärung der Zusammenhänge zwischen einzelnen Filmabschnitten.

Im Rahmen dieser Untersuchung sollen jedoch die eher untypischen Mindfuck Movies außer Acht gelassen und stattdessen der Forschungsfokus auf die ‚Standard’-Filme gerichtet werden. In diesem Zusammenhang ist auch zu betonen, dass die genannte Zweiteilung selbstverständlich idealtypisch verläuft; tatsächlich sind die Grenzen zwischen Mainstream- und Experimentalfilm fließend und dynamisch, da auch weniger eindeutig abzugrenzende Mischformen existieren.

2.4.4 Mindfuck Movies: (k)ein neues Filmgenre?

Bewusst wurde bisher der Begriff des ‚Filmgenres’ umgangen. Auch ohne an dieser Stelle eine ausführliche Genreanalyse durchzuführen, muss festgehalten werden, dass es sich bei Mindfuck Movies nicht um ein neues Filmgenre handelt.

In Anlehnung an den Ansatz des Filmwissenschaftlers Rick Altman[49] sind unter Genres offene, dynamische Konzepte zu verstehen, die eine Menge von Filmen, darunter auch prototypische, enthalten. Genres sind keine begrenzbaren Gruppen, sondern Netze von Filmen, die sich in ihren Motiven und Strukturen ähneln. Sie entwickeln sich dynamisch und können sich im Laufe der Zeit wandeln. Demnach sind Genres keine klaren, stabilen Kategorien, sondern lediglich theoretische Hilfskonstruktionen, deren konsequente Abgrenzung voneinander in der Praxis schwierig ist.[50] Altman verfolgt mit seinem Genreverständnis einen „semantic/syntactic/pragmatic approach to genre“[51], womit er neben einem Set aus semantischen und strukturellen Ähnlichkeiten der Filme auch den pragmatischen Aspekt berücksichtigt, d.h. die historische Wandelbarkeit eines Genres sowie die Betrachtung und Veränderung des Genres durch unterschiedliche Nutzergruppen. Filme sind damit nicht auf die Zuordnung in nur ein Genre fixiert, sondern können, zum Beispiel aufgrund der subjektiven Fokussierung unterschiedlicher Aspekte durch die Rezipienten, verschiedenen Genres zugeteilt werden.[52]

Zwar verfügen Mindfuck Movies über eindeutige semantische, die Identitätsproblematik betreffende, und auch strukturelle, zum Beispiel die Trennung von Fabula und Sujet bezügliche, Ähnlichkeiten, sodass sich auch auf den ersten Blick nicht miteinander verwandte Filme durch diese Gemeinsamkeiten zu einer Gruppe zusammenfassen lassen. Jeder individuelle Zuschauer kann entweder vorrangig den Identitätsaspekt des Films wahrnehmen und ihn damit als Mindfuck Movie kategorisieren, oder aber eine andere Sichtweise auf den Film einnehmen, sodass er den Film eher in eine andere Gruppe einordnet.

Allerdings ist zukünftig zu beobachten, ob in den kommenden Jahren weitere Mindfuck Movies produziert werden oder ob der Trend bereits abgeschlossen und er somit eher als eine ‚Phase’ der Filmgeschichte denn als ein Genre zu bewerten ist.

Der ausschlaggebende Punkt, der jedoch gegen eine Kategorisierung von Mindfuck Movies als Genre spricht, ist die damit einhergehende Labelung der Filme, die im Kinobesucher bereits entsprechende Erwartungen an den Film hervorruft. Auch die Drehbuch-Expertin Katharina Bildhauer bestätigt: „Ist dem Leser eine Genrezuweisung des Drehbuchs bekannt, werden die ihm bekannten Genrekonventionen aktiviert, auf deren Basis er im Laufe des Rezeptionsprozesses das Drehbuch lesen wird.“[53] Übertragen auf Mindfuck Movies bedeutet dies die Vorwegnahme des Überraschungseffekts für die Zuschauer: Sie wüssten zumindest ansatzweise, welche Abläufe und inhaltlichen Themen sie erwarten, und würden sich auf die Suche nach Hinweisen auf eine Täuschung begeben. Eine Ankündigung eines Kinofilms unter der Etikettierung ‚Mindfuck Movie’ würde folglich den einmaligen Aha-Effekt der Erstrezeption sogleich zunichtemachen.

Vielmehr können Mindfuck Movies als Spielarten oder Narrationsstile verstanden werden, die Filmen unterschiedlicher Genres aufgesetzt werden können. Es lässt sich allerdings eine Tendenz zum Genre des (Psycho- oder Mystery-) Thrillers ablesen, in dem diese Filmart verstärkt vorzufinden ist.

3. Veranschaulichung der Definition

Um eine praktische Vorstellung von der theoretischen Definition von Mindfuck Movies zu bekommen, soll sie auf ausgewählte Filmbeispiele übertragen und veranschaulicht werden. Ohne die entsprechenden Filme tiefgehend zu analysieren, sollen ihre wichtigsten Merkmale zur Klassifizierung als Mindfuck Movie nachvollzogen werden können. So wird außerdem ein Verständnis für die inhaltliche Divergenz und die unterschiedlichen Umsetzungsmöglichkeiten von Mindfuck Movies geschaffen. Schnell wird deutlich, dass in all diesen Filmen der übliche Vertrag zwischen Film und Zuschauern, den Betrachter nicht zu belügen, gebrochen wird.

3.1 Typische Mindfuck Movies

3.1.1 Fight Club(David Fincher, US/DE 1999)

Der Großteil des Films wird als Rückblende durch einen Ich-Erzähler wiedergegeben. Fight Club handelt von einem gelangweilten, ein angepasstes Leben führenden Dreißigjährigen, der gemeinsam mit dem charismatischen Tyler Durden ‚Fight Clubs’ eröffnet, um sich selbst und anderen Männern die Möglichkeit zu geben, ihre unterdrückte Männlichkeit auszuleben. Gegen Ende des Films begreift der namenlose Protagonist, dass sein neuer bester Freund, das genaue charakterliche Gegenteil des Erzählers, lediglich eine Kreation seines gestörten Geistes war. In einem plötzlichen Plot Twist, verbunden mit einer Rückschau der Ereignisse, realisiert er, dass die Menschen um ihn herum die Realität anders wahrgenommen haben als er selbst. Die Zuschauer erkennen, dem subjektiven Blick der Hauptfigur den gesamten Film über gefolgt zu sein.[54]

3.1.2 The Sixth Sense(Manoj Night Shyamalan, US 1999)

Der Kinderpsychologe Dr. Malcolm Crowe therapiert den verängstigten, als ‚Psycho’ verspotteten Jungen Cole, der nach einer Weile sein Geheimnis preisgibt, er könne tote Menschen sehen. Malcolm schenkt ihm zunächst keinen Glauben, investiert jedoch viel Zeit in die Sitzungen mit Cole, worunter sein Privatleben und die Beziehung zu seiner Frau leiden. Schlagartig wird Malcolm schließlich bewusst, dass er selbst als Toter unter den Lebenden weilt, weshalb er auch von dem Jungen wahrgenommen werden kann. Seine Frau, scheinbar sich ihm abwendend, lebt jedoch in tiefer Trauer als Witwe, bestürzt über den Tod ihres Mannes, der bei einem zu Filmbeginn gezeigten Angriff von einem ehemaligen Patienten getötet wurde. Rückblickend vergegenwärtigt sich Malcolm, und damit auch dem Zuschauer, das reale Geschehen. Der Film folgt einer linearen Narration, integriert aber als Besonderheit mystische und horrorartige Elemente.

3.1.3 Memento(Christopher Nolan, US 2001)

Leonard Shelby ist auf der Suche nach dem Mörder seiner bei einem Einbruch getöteten Frau, über den er sich immer mehr faktische Informationen verschafft, die er auf Polaroids und Notizzetteln sammelt oder auf seinen Körper tätowiert. Grund für diese Art der Memorierung ist eine anterograde Amnesie, sodass Leonard seit einem bestimmten Punkt in der Vergangenheit keine neu hinzukommenden Erinnerungen mehr abspeichern kann. Der Film besticht in erster Linie durch seine irritierende Narration: Beginnend am Ende des Films werden die einzelnen Szenen in entgegengesetzt chronologischer Reihenfolge gezeigt. Ein zweiter Handlungsstrang, der die Geschichte von Sammy Jankis und dessen Frau erzählt, aber auch Leonards Vorgehensweise in einem Hotelzimmer dokumentiert, wird mit dem ersten verwoben, jedoch in korrekter Abfolge erzählt. Durch diese Art der Narration befindet sich der Zuschauer stets auf demselben Wissensstand wie Leonard, er tritt ebenso wie Leonard ohne Vorwissen in die jeweilige Szene ein und kann dadurch den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses mitempfinden. Im späteren Verlauf des Films, d.h. chronologisch gesehen relativ weit vorn in der Handlung, kommen zwei Überraschungen ans Licht: Erstens hat Leonard den vermeintlichen Mörder längst gefunden und umgebracht, seine Erinnerung daran ist jedoch wieder verblasst; zudem hat er selbst seine Notizen manipuliert um seine Rache weiterführen zu können. Und zweitens hat Leonard seine Frau selbst durch eine Überdosis Insulin getötet: Der zweite Handlungsstrang berichtet in Wahrheit über Leonards eigene Geschichte, die er auf ein anderes Paar projiziert hatte. Demnach hat Leonard unwissentlich, aber dennoch vom ihm ausgehend, während des gesamten Films ein falsches Bild seiner Identität und der Realität aufrecht erhalten. Eine explizite Aufklärung des Geschehens folgt zwar nicht, doch kann der Zuschauer, da er alle dafür nötigen Szenen gesehen hat, den Hergang selbst rekonstruieren.

3.1.4 The Others(Alejandro Amenábar, ES/FR/US 2001)

Wie auch schon The Sixth Sense folgt der Film einer gewöhnlichen Narration, die jedoch von mystischen Einflüssen durchzogen wird. Grace Stewart lebt am Ende des Zweiten Weltkrieges zusammen mit ihren an einer Lichtallergie leidenden Kindern auf einem abgelegenen Landsitz. Seltsame, unerklärliche Vorgänge im Haus sowie die Rückkehr des im Krieg gefallen geglaubten Ehemannes stören jedoch den Alltag. Der Fund von drei Grabsteinen im Garten führt eine Wendung herbei: Es handelt sich um die Gräber der derzeit für Grace arbeitenden Hausangestellten, die bereits Jahrzehnte zuvor verstorben waren. Es stellt sich heraus, dass die kleine Familie selbst auch, durch den von Grace verübten erweiterten Suizid an sich und den Kindern, als Tote weiterhin in ihrem Haus leben. Die mysteriösen Geschehnisse sind auf die jetzigen Bewohner zurückzuführen, die wie auch die Betroffenen selbst im Unklaren darüber sind, dass sie ihr Haus mit Toten teilen.

3.1.5 Vanilla Sky (Cameron Crowe, US 2001)

Vanilla Sky ist ein Remake des Films Abre los ojos von Alejandro Amenábar aus dem Jahr 1997. Der erfolgreiche Yuppie David Aames hat eine Affäre mit dem Model Julie, das ihm zum Problem wird, als er seine große Liebe Sofia kennen lernt. Bei einem auf die Trennung von Julie folgenden Autounfall stirbt diese, David überlebt schwer verletzt; sein Gesicht ist von nun an entstellt. Wegen seines verzweifelten, aggressiven Verhaltens wendet sich Sofia zunächst von ihm ab, doch wenig später führen die beiden eine glückliche Beziehung miteinander. Als verwirrendes Element wird plötzlich Davids Unvermögen Realität und Fiktion auseinander zu halten in den Film integriert: Im Glauben Julie vor sich zu sehen, erstickt David seine Freundin Sofia. Im Gefängnis inhaftiert ist es sein Psychologe, der ihn schließlich zu einer Firma namens ‚Life Extension’ begleitet, wo David mit der schockierenden Wahrheit konfrontiert wird: Er ist Kunde dieser Firma, die verstorbene Menschen tiefgefroren konserviert, während diese ihr Leben in einem Traum weiterführen. Wenn sie es wünschen, können die Menschen wieder in ihr echtes Leben zurückgeführt werden. David beging, ohne dessen jetzt noch gewahr zu sein, Selbstmord; seit dem Tag, an dem Sofia sich von ihm anwandte, lebte David die vermeintliche Realität in einem Traum weiter, während sein Körper bei der Firma aufbewahrt wurde. Durch einen Sprung vom Firmendach wählt er am Ende des Films den Weg zurück in die Realität.

3.1.6 Weitere Mindfuck Movies

Eindeutig mit den Mindfuck-Kennzeichen versehen ist zudem Das geheime Fenster (David Koepp, US 2004), in dem der Autor Morton erkennen muss, sich eine zweite Persönlichkeit namens Shooter zugelegt zu haben, die in seinem Auftrag Morde ausführt. Offenbar kann auch das zuvor bereits erwähnte Biopic A Beautiful Mind hier eingereiht werden, da auch hier die ein Mindfuck Movie charakterisierenden Merkmale gegeben sind: „Although the mindfuck in A Beautiful Mind functions differently than the mindfucks in these other movies, it has the same narrative structure“[55] [Hervorh. i. Orig.], so Eig. Allerdings sind die Schizophrenie des Protagonisten und die damit verbundene Imagination die Handlung vorantreibender Charaktere nicht das Kernthema des Films; vielmehr sind dieses wichtige Phasen und Bruchstücke innerhalb der übergeordneten realen Lebensgeschichte des Mathematikgenies John Nash. Demnach kann hier nicht von einer vorrangigen Inszenierung als Mindfuck Movie gesprochen werden; stattdessen handelt es sich um reale biografische Fakten, die daher auch Einzug in die Verfilmung gehalten haben.

Donnie Darko (Richard Kelly, US 2001) und eXistenZ (David Cronenberg, CA/GB 1999) sind als Grenzfälle einzustufen. Der Film über den Teenager Donnie Darko legt am Ende zwar eine Deutungshypothese nahe, doch lässt er ebenso viel Raum für Spekulationen; eine kohärente Auflösung der Geschichte ist jedenfalls nicht möglich. Auch wenn das Filmende eine Überraschung über die Identität des Protagonisten bereithält, so kann die Geschichte je nach Auslegung als Wunschtraum Donnies oder auch der Mutter gedeutet werden; Letzteres erfüllt folglich nicht das Kriterium des selbst getäuschten Protagonisten, dessen subjektiver Wahrnehmung der Zuschauer aufsitzt. eXistenZ kann insofern nicht eindeutig den typischen Mindfuck Movies zugeordnet werden, als dass sich der Überraschungseffekt weniger auf eine Selbsttäuschung der Protagonisten als vielmehr auf einen Orientierungsverlust innerhalb virtueller Parallelwelten zurückführen lässt. Vorherige Traumatisierungen oder mental bedingte Wahrnehmungsdefizite der Protagonisten, die häufig die Ursache dieser Selbsttäuschungen in Mindfuck Movies darstellen, können hier jedenfalls ausgeschlossen werden.

[...]


[1] The Pixies: „Where is my mind“; gekürzter Songtext basierend auf http://lyrix.at/de/text_show/ a794d284965b8e982c41a673fc58779f-_-Pixies%20_%20Where+Is+My+Mind%3F (22.06.2009).

[2] Die Laufzeitangaben richten sich nach der Kauf-DVD Fight Club (Regie: David Fincher, Drehbuch: Jim Uhls, Romanvorlage: Chuck Palahniuk. USA: Twentieth Century Fox Film Corporation 1999. Fassung: Kinowelt Home Entertainment 2008, FSK 18.) und beziehen sich stets auf den Beginn der zitierten Passage.

[3] http://www.horrorlair.com/scripts/rhps.txt (26.06.2009).

[4] http://www.rawilsonfans.com/downloads/Illuminatus.pdf (26.06.2009).

[5] http://erisisch.de/doku.php?id=archiv:2007_07_24:erisier:io:eine_kurze_und_umfassende_ einfuehrung (26.06.2009).

[6] http://www.urbandictionary.com/define.php?term=mindfuck (26.06.2009).

[7] Ebd.

[8] Elsaesser, Thomas: The Mind-Game Film. In: Puzzle Films. Complex Storytelling in Contemporary Cinema. Hrsg. von Warren Buckland. Chichester, West Sussex: Wiley-Blackwell 2009. S. 40.

[9] Vgl. dazu bspw. die im Internet kursierenden Mindfuck-Bilder, die kollektiv auf der Website www.shitbrix.com einzusehen sind, oder die Zeichnungen M.C. Eschers auf www.mcescher.com.

[10] Nicht nur in deutschsprachigen, sondern auch in englischsprachigen Internetforen sind vergleichbare Prozesse zu beobachten; vgl. dazu beispielsweise http://news.ycombinator.com/item?id=479852 (09.07.2009), http://www.reddit.com/r/movies/comments/8l27f/ask_reddit_whatre_your_favorite_mindfuck_movies/ (09.07.2009), http://www.theauteurs.com/topics/1363/comments?page=3#comment_86534 (09.07.2009) oder http://myanimelist.net/forum/?topicid=9902 (09.07.2009).

[11] Aufgrund einer Vielzahl grober sprachlicher Mängel wurden sämtliche Beiträge den aktuellen Grammatik- und Rechtschreibregeln angepasst ohne jedoch den Schreibstil zu verfremden; Hervorhebung der Filmtitel durch die Verfasserin.

[12] http://fotos.php-engeneering.de/thread.php?postid=748 (07.07.2009)

[13] Der Grenzfall Donnie Darko wird an späterer Stelle noch thematisiert.

[14] Die Abkürzung IMHO steht bei Internetusern für ‚in my humble opinion’ und bedeutet ‚meiner bescheidenen Meinung nach’. Sie wird meist in E-Mails, Foren oder Chats verwendet. Vgl. http://www.edv-abkuerzungen.de/definition/erklaerung/IMHO.html (6.07.2009).

[15] http://www.spin.de/forum/msg-archive/20/2008/02/34060 (29.06.2009).

[16] http://www.studivz.net/Forum/ThreadMessages/a6a6a05757040d84/64d9d3a5f4998d07/p/2 (02.07.2009).

[17] Ebd.

[18] Ebd.

[19] Ebd.

[20] http://board.gulli.com/thread/698679-mindfucker-filme/ (07.07.2009).

[21] Ebd.

[22] http://www.classreal.com/definition.php (27.06.2009).

[23] Vgl. http://www.classreal.com/index.php (27.06.2009).

[24] Vgl. http://www.classreal.com/honorable.php (27.06.2009).

[25] http://mindfuuuck.jimdo.com (27.06.2009).

[26] http://matthias-endler.de/?page_id=23 (06.07.2009).

[27] Baldwin, Matthew: Mindfuck Movies. http://www.themorningnews.org/archives/reviews/mindfuck_movies.php (06.07.2009).

[28] Vgl. ebd.

[29] Vgl. Eig, Jonathan: A beautiful mind(fuck). Hollywood structures of identity. In: Jump Cut. A Review of Contemporary Media 46 (2003). o.S. http://www.ejumpcut.org/archive/jc46.2003/eig.mindfilms/text.html (10.07.2009).

[30] Ebd.

[31] Ebd.

[32] Ebd.

[33] Vgl. ebd.

[34] Vgl. Geimer, Alexander: Der mindfuck als postmodernes Spielfilm-Genre. Ästhetisches Irritationspotenzial und dessen subjektive Aneignung untersucht anhand des Films THE OTHERS. In: Jump Cut Magazin. Kritiken und Analysen zum Film. o.J. o.S. http://www.jump-cut.de/mindfuck2.html (11.07.2009).

[35] Vgl. ebd.

[36] Vgl. ebd.

[37] Ebd.

[38] Ebd.

[39] Ebd.

[40] Vgl. ebd.

[41] Ebd.

[42] Vgl. Jonas, Janek: Verschiedene Wirklichkeit. Dokumentation der Diplomarbeit von Janek Jonas. 2007. S. 10. http://www.janekjonas.de/files/DiplomDokumentation.pdf (11.07.2009).

[43] Ebd.

[44] Vgl. Hardinghaus, Christian: Die „Mulholland Drive“ Entschlüsselung. Wie man David Lynchs Straße der Finsternis erleuchten kann. München: Grin 2004. S. 5.

[45] Ebd.

[46] Vgl. ebd. S. 5f.

[47] Ebd. S. 6.

[48] Vgl. ebd.

[49] Vgl. Altman, Rick: Film/Genre. London: bfi 1999 (repr. 2006). S. 207–225.

[50] Vgl. ebd. S. 214.

[51] Ebd. S. 207.

[52] Vgl. ebd. S. 207 und S. 214.

[53] Bildhauer, Katharina: Drehbuch reloaded. Erzählen im Kino des 21. Jahrhunderts. Hrsg. von Béatrice Ottersbach. Konstanz: UVK 2007. S. 45.

[54] Dieses Mindfuck Movie soll an dieser Stelle nicht weiter untersucht werden, da eine eingehende Betrachtung im letzten Abschnitt der Arbeit erfolgen wird.

[55] Eig, J.: A beautiful mind(fuck).

Ende der Leseprobe aus 102 Seiten

Details

Titel
Das Mindfuck Movie „Fight Club”. Ein Filmtrend des zeitgenössischen Kinos mit Veranschaulichung seiner Funktionsweise an einem Prototyp
Untertitel
"Where is my mind?"
Hochschule
Universität Bayreuth  (Sprach- und Literaturwissenschaftliche Fakultät)
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
102
Katalognummer
V289085
ISBN (eBook)
9783656893967
ISBN (Buch)
9783656893974
Dateigröße
877 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mindfuck Movies, Mindfuck Filme, Fight Club, Filmanalyse, Postmoderne, Rick Altman, Baudrillard, David Fincher, Puzzle Film, Mindbender, Plot Twist, Narrative Strukturen, Rezeption, Filmgenre, Filmgattungen, Memento, The Sixth Sense, Dramaturgie, Filmdramaturgie, Falsche Fährten, Unzuverlässiges Erzählen
Arbeit zitieren
Maria Reitzki (Autor), 2009, Das Mindfuck Movie „Fight Club”. Ein Filmtrend des zeitgenössischen Kinos mit Veranschaulichung seiner Funktionsweise an einem Prototyp, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289085

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