Substanzkonsum in der Jugendphase

Multifaktorielles Entstehungsmodell


Bachelorarbeit, 2014

57 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff „Droge“ und ihr Konsum
2.1 Psychotrope Substanzen
2.2 Relevante Substanzen in der Jugendphase
2.2.1 Tabak
2.2.2 Cannabinoide
2.2.3 Illegale Stimulanzien - „Partydrogen“
2.2.4 Alkohol

3. Jugend und jugendlicher Drogenkonsum
3.1 Jugendphase
3.2 Jugendlicher Drogenkonsum als Bewältigungsstrategie
3.3 Jugendtypen der heutigen Zeit und deren Zeitorientierungen

4 Resilienz- und Schutzfaktoren

5. Risikofaktoren und Vulnerabilität
5.1 Personenbezogene Risikofaktoren (Vulnerabilität)
5.1.1 Genetische Merkmale
5.1.2 Persönlichkeitsmerkmale
5.2 Umweltbezogene Risikofaktoren
5.2.1 Familie
5.2.2 Peers/ Gleichaltrige
5.2.3 Schule

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

1. Einleitung

Bei näherer Betrachtung der Geschichte des Menschen wird deutlich, dass diese und „Drogenkonsum“ nicht voneinander zu trennen sind. Beinah in jeder Kultur im Laufe der menschlichen Geschichte wurden Drogen konsumiert. Dabei handelt es sich sowohl um legale als auch illegale Substanzen. Heutzutage sind vor allem legale Drogen gesellschaftlich etabliert und kaum wegzudenken. Dass es vor allem innerhalb der Jugendphase bei einer Vielzahl von Jugendlichen zum Substanzkonsum kommt, bestätigt eine Reihe an Studien. Seit Veröffentlichung des Drogen- und Suchtberichts 2014, durch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, finden sich außerdem vermehrt Berichte zum Konsumverhalten Jugendlicher, mit Schlagzeilen wie:

„Früher Griff zur Flasche – Drogen- und Suchtbericht 2014: Alkoholkonsum in Deutschland beängstigend hoch – vor allem bei Jugendlichen“1 des Weserkuriers am 08.07.2014 oder „Jeder zweite Jugendliche trinkt zu viel Alkohol – Die Bundesregierung ist besorgt über den gefährlichen Alkoholkonsum bei jungen Erwachsenen und die Ausbreitung der Droge Crystal Meth.“2 in der WirtschaftsWoche Online vom 07.07.14.

Die Präsenz des Themas in den Medien und die Ergebnisse des Drogen- und Suchtberichts 2014 zeigen, dass „Drogen“ im Leben Jugendlicher eine besondere Rolle spielen. Zu den Ergebnissen des Drogen- und Suchtberichts äußert sich die Drogenbeauftragte Marlene Mortler in einer Pressemitteilung, laut dieser lässt sich durchaus ein Rückgang beim Konsum von Tabak, Alkohol und Cannabis bei den Jugendlichen verzeichnen. Als Gründe dafür gelten vor allem Präventionsmaßnahmen oder gesetzliche Regulierung. Trotz dieses Rückgangs, ist besonders der Konsum von Alkohol und Tabak bei Jugendlichen weiterhin sehr verbreitet.3 Demnach muss es vor allem in dieser Lebensphase verschiedene Motivationen für den Konsum oder die Abstinenz von psychotropen Substanzen geben. In der nachfolgenden Arbeit soll folgende konkrete Frage diesbezüglich bearbeitet werden: Welche Faktoren sind bei der Entwicklung von Substanzkonsum in der Jugendphase bedeutend?

Mithilfe veröffentlichter Literatur wird der Frage nachgegangen, was bestimmte Jugendliche anfälliger für die Entwicklung von Substanzkonsum macht, welchen Einfluss ihr Umfeld sowie die Droge selbst darauf nimmt und warum es vermehrt in der Jugendphase dazu kommt. Da nicht alle Jugendliche gleichermaßen für die Entwicklung von Substanzkonsum gefährdet sind, ist es wichtig der Frage nach begünstigenden Faktoren nachzugehen, um diese Jugendlichen möglichst frühzeitig anhand dieser Merkmale zu erkennen und präventiv zu handeln.

Zu Beginn dieser Arbeit wird geklärt, wie „psychotrope Substanzen“ bzw. „Drogen“ definiert sind und welche psychotropen Substanzen bei den Jugendlichen heutzutage besonders relevant und verbreitet sind. Im nachfolgenden Kapitel wird vor allem die Jugendphase mit ihren Entwicklungsaufgaben veranschaulicht. Die Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben kann zu Problemen führen. Welche das sind und wie Jugendliche damit umgehen, wird anschließend dargelegt. Mit den ständigen Veränderungen der heutigen Zeit und den damit steigenden Gestaltungsmöglichkeiten und Erwartungen entwickeln sich verschiedene Jugendtypen und daraus resultierende Handlungsoptionen. Im 4. Kapitel werden die Begriffe „Resilienz- und Schutzfaktoren“, die für eine gesunde Entwicklung des Jugendlichen von enormer Bedeutung sind, betrachtet. Anschließend wird im 5. Kapitel auf „Vulnerabilität und Risikofaktoren“, die begünstigend auf den Substanzkonsum wirken, eingegangen. Es wird besonders jenen Faktoren Beachtung geschenkt, die charakterisierend für die Jugendphase sind. Es handelt sich dabei um personenbezogene und umweltbezogene Risikofaktoren. Im nachfolgenden Fazit werden die gewonnenen Kenntnisse zusammengefasst und bewertet.

Alle personenbezogenen Bezeichnungen wurden aus Gründen der Übersichtlichkeit und der einfachen und durchgängigen Lesbarkeit nur in einer Geschlechterform gewählt, diese gelten gleichermaßen für Frauen und Männer.

2. Der Begriff „Droge“ und ihr Konsum

In den nachfolgenden Kapiteln werde ich die Begriffe „Droge“ und „psychotrope Substanzen“ synonym verwenden. Zunächst wird der Begriff „psychotrope Substanzen“ definiert und später ihre Wirkung und Verbreitung dargelegt. Es wird weiter auf solche psychotropen Substanzen eingegangen, die laut Drogen- und Suchtbericht 2014 für die heutige Jugend eine bedeutende Rolle spielen.

2.1 Psychotrope Substanzen

Als psychotrope4 Substanzen werden in der medizinischen Fachliteratur alle Stoffe bezeichnet, welche „unmittelbar verändernd auf die Funktion des zentralen Nervensystems einwirken“5. Substanzen die psychotrop wirken, haben eine anregende oder dämpfende Wirkung auf den Konsumenten. Sie beeinflussen durch ihre Wirkungen unsere psychischen und mentalen Prozesse, indem sie zu einer Abschwächung oder Verstärkung der Signalübertragung im Gehirn führen.6 Psychotrope Substanzen wirken hauptsächlich im limbischen System, dem Hippocampus und dem präfrontalen Kortex. Entsprechend ihrer Wirkung können psychotrope Substanzen in Stimulanzien, Sedativa und Halluzinogene eingeteilt werden. Dabei kommt es sowohl auf der physischen und psychischen als auch auf der sozialen Ebene zu lang- und kurzfristigen Wirkungen. Vor allem die Steuerung von Hormonen wie Endorphine, Serotonin, Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin werden durch psychotrope Substanzen beeinflusst.7

Heutzutage werden unter dem Begriff „Droge“ in der Gesellschaft, fast ausschließlich nur noch jene psychotrope Substanzen verstanden, die durch das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) gesetzlich verboten sind. Verboten bedeutet, der Besitz und Erwerb illegaler Drogen wird strafrechtlich verfolgt sowie durch das BtMG geregelt. Laut BtMG verstehen sich unter illegalen Drogen solche Stoffe die zwar eine bestimmte Rauschwirkung verursachen aber dennoch keinen anerkannten Nutzen im medizinischen Bereich mit sich bringen (§1 Abs. 2 BtMG). Das bedeutet aber nicht automatisch, dass diese illegalen Drogen gesundheitsgefährdender sind.8 Dauerhafter Konsum psychotroper Substanzen erhöht die Anfälligkeit für eine stoffgebundene Sucht. Ebenfalls weit verbreitet in der heutigen Gesellschaft, jedoch nicht durch psychotrope Substanzen hervorgerufen, sind die nicht-stoffgebunden Süchte. Zu diesen zählen: Pathologisches Glücksspiel, Internetabhängigkeit, Essstörungen oder Pathologisches Kaufen.9

Zu den legalen psychotropen Substanzen zählen sowohl Alkohol und Tabak als auch sedierende und schmerzlindernde Arzneimittel. Dagegen gehören Halluzinogene, Amphetamine, Haschisch, Opiate oder Kokain usw. zu den illegalen Substanzen.10 Es handelt sich bei psychotropen Substanzen sowohl um gesellschaftlich akzeptierte Substanzen als auch um gesetzlich verbotene und von der Gesellschaft geächtete Substanzen. Nach Dilling wird zwischen medikamentösen Substanzklassen und jenen mit hohem Missbrauchspotenzial unterschieden. Zu den Substanzklassen mit hohem Missbrauchspotenzial finden sich sowohl illegale Substanzen wie Amphetamine als auch legale wie Alkohol.11 Um Diagnosen im Bezug auf Substanzkonsum vornehmen zu können, werden unterschiedliche diagnostische Mittel verwendet. Es handelt sich dabei um das „Mulitaxiale Klassifikationsschema für psychische Störungen der Welt-Gesundheitsorganisation“ (ICD-10) und das „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-IV), sozusagen einem Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen. Dabei handelt es sich um in Deutschlang gebräuchliche diagnostische Mittel in denen außerdem eine Einordnung in verschiedene Substanzklassen stattfindet.12

Um die Herstellung, den Erwerb und die Verfügbarkeit von psychotropen Substanzen zu überwachen gibt es gesetzliche Regelungen. So wird versucht mithilfe von Tabaksteuererhöhungen, den Konsum einzudämmen. Verkaufsbeschränkungen oder Altersbeschränkungen seien ebenfalls nützliche Kontrollmechanismen. 13 Auch mithilfe von Nichtrauchergesetzen soll der Konsum von Tabak ebenfalls eingeschränkt werden. In der Folgebefragung der „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ (KIGGS) wurde eine Steigerung des Einstiegsalters beim Tabakkonsum festgestellt. Bei Mädchen stieg das Einstiegsalter auf 15 und bei den Jungen auf 15,1 Jahre. Die Basiserhebung lag dagegen bei 14,2 Jahre.14 Es liegt nahe, dass die Einschränkungen für Rauchen an öffentlichen Plätzen sowie die Einschränkung der Verfügbarkeit für Jugendliche an dieser Entwicklung beteiligt sind. Diese Ergebnisse geben Aufschluss darüber welchen Einfluss die Verfügbarkeit auf den Konsum von Jugendlichen hat, jedoch nicht welche individuellen Faktoren den Konsum begünstigen.

Außerdem wurde der Frage nachgegangen, welchen Einfluss das subjektiv empfundene Drogenangebot auf den tatsächlichen Konsum hat. Im Jahr 2011 haben 17,6% der 12- bis 17-Jährigen schon einmal Drogen angeboten bekommen. Jedoch probierten nur 7,4% der Jugendlichen jemals illegale Drogen aus. Das bedeutet, dass weniger als die Hälfte derer die Drogen angeboten bekommen, diese auch konsumieren. Von den 18- bis 25-Jährigen haben bereits 65,1% jemals illegale Drogen angeboten bekommen. Von diesen 2/3 der Jugendlichen die illegale Drogen angeboten bekamen, liegt die Lebenszeitprävalenz bei 39,8%. Innerhalb der letzten 12 Monate konsumierten 14,3% der jungen Erwachsenen. Das bedeutet, dass der Drogenkonsum bei den meisten bereits mehr als 12 Monate zurückliegt.15 Dabei muss aber beachtet werden, dass darin auch die Drogenerfahrungen mit illegalen Substanzen enthalten sind, welche bereits vor dem 18. Lebensjahr gemacht wurden. Sowohl der regelmäßige Konsum als auch der Konsum innerhalb der letzten 30 Tage, fällt deutlich geringer aus. Nur ein geringer Teil derer, die Drogen angeboten bekommen, konsumieren diese auch tatsächlich. Aufgrund dessen muss es weitere Motivationen für den Konsum geben, als das Drogenangebot im Umfeld der Jugendlichen.

2.2 Relevante Substanzen in der Jugendphase

Um Aufschluss über Motivationen Jugendlicher für den Substanzkonsum ausfindig zu machen, sollen relevante psychotrope Substanzen und anschließend ihre Wirkung auf den menschlichen Körper beschrieben werden.

2.2.1 Tabak

Nikotin gehört zu den Alkoiden und hat eine ähnliche stereochemische Struktur wie die Opiate. So nimmt sie beruhigenden, dämpfenden oder anregenden Einfluss auf Herzfrequenz, Blutdruck oder Hungergefühl. Bei geübten Konsumenten kommt es durch den Konsum sowohl zu einer antriebs- und motivationssteigernden als auch zu einer erregenden oder angstlösenden Wirkung. Dies geschieht durch die Beeinflussung der Neurotransmitter Dopamin, Glutamat und GABA.16

Laut Ergebnissen der KIGGS und der Repräsentativbefragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zum Tabakkonsum Jugendlicher und junger Erwachsener, konnte innerhalb der letzten Jahre ein deutlicher Rückgang des jugendlichen Tabakkonsums verzeichnet werden. Momentan rauchen jedoch immer noch 12,2% der 11- bis 17-Jährigen.17 Von den 18- bis 25-Jährigen geben 67,6% an, zumindest das Rauchen in der Vergangenheit ausprobiert zu haben.18 Es muss beachtet werden, dass diese Ergebnisse im Betracht der Verbreitung zu sehen sind. Immer noch ist Tabak das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko in Deutschland. So rauchen laut Mikrozensus, einer repräsentativen Haushaltsbefragung, 25,7% aller Männer und Frauen ab dem Alter von fünfzehn. Zwar ist der Wert gesunken, im Vergleich zu anderen psychotropen Substanzen jedoch immer noch sehr hoch.19

2.2.2 Cannabinoide

Zu den Halluzinogenen gehört neben Cannabinoiden auch Meskalin oder Phencyclin. Diese Substanzen setzen vermehrt Dopamin frei und wirken auf die Endorphine. Die verschiedenen Substanzen können zu Entspannung, Stimmungsaufhellung oder erhöhter Kontaktfreudigkeit bei den Konsumenten führen, wobei es allerdings auch zu raschen Stimmungswechseln und Verzerrungen der Wahrnehmung kommen kann.20

Der Konsum kann zu Wirkungen wie: Steigerung der Stimmung, Angst- und Krampflösung oder Entspannung führen, weshalb Cannabinoide in der Medizin eingesetzt werden. Andererseits können Wahrnehmungsstörungen oder eine Störung der Konzentration auftreten. Cannabinoide werden auch von unserem Körper produziert, was Voraussetzung dafür ist, dass diese nach Zuführung von Außen, an entsprechenden Rezeptoren ansetzen können. Mithilfe unseres Cannabinoidsystems werden Emotionen, Gedächtnisleistungen, Stressverarbeitung und Belohnungssystem reguliert. Wie auch bei anderen Drogen kommt es zu einer Dopaminkonzentration in einem Bereich des Vorderhirns, welches stark mit emotionalen Lernprozessen verbunden ist (Nucleus accumbens). Cannabiskonsum führt zu einer verstärkten Belohnung, jedoch kann diese „künstliche“ Zufuhr den körpereigenen Cannabinoidhaushalt dauerhaft schädigen.21

Cannabis zählt, trotz des zu verzeichnenden Rückgangs bei den bis zu 17-Jährigen, zu der am häufigsten konsumierten illegalen Substanz. Bei dieser Substanz ist Erstkonsum im Jugendalter häufiger zu finden als bei anderen Drogen. 7,8% aller Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren haben bereits einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert, so die Ergebnisse der BZgA. Ein Weiterer Grund für die Aufnahme der Konsumenten zwischen 18 und 25 Jahren in diese Aufzählungen, ist der Wiederanstieg der letzten Jahre auf 15,8%.22 Nach Ergebnissen des Drogen- und Suchtsurvey konsumierten 20,8% der Männer zwischen 18-25 Jahren innerhalb der letzten 12 Monate Cannabis.23 Da sich die Jugendphase auch bis über das Alter von 18 Jahren ausdehnt, worauf zu einem späteren Zeitpunkt dieser Arbeit eingegangen wird, ist auch diese Altersgruppe als Jugend zu bezeichnen.

2.2.3 Illegale Stimulanzien - „Partydrogen“

„Unter dem Begriff ,Partydrogen` werden verschiedene psychotrope Substanzen zusammengefasst, die sich zwar chemisch unterscheiden, aber hinsichtlich Rauschwirkung und Konsummustern Ähnlichkeiten aufweisen. Zu den weltweit häufigsten synthetischen Drogen zählen die Stimulanzien Amphetamine (inkl. der besonders gefährlichen Methamphetamine) und Ecstasy (MDMA, MDA, MDEA usw). Aufgrund ihrer aufputschenden und stimmungsverändernden Wirkung werden diese Drogen häufig auf Partys oder in Diskotheken konsumiert, nicht selten in Kombination mit Alkohol oder Cannabis.“ 24

Stimulanzien beeinflussen Hormone wie Endorphine, Serotonin und Dopamin. Diese Hormone wirken anregend, sodass es zu einer erhöhten Aufmerksamkeit kommt. Ebenfalls Wahrnehmung und Leistung können mittels illegaler Stimulanzien gesteigert werden. Durch die Einnahme von Stimulanzien erlangen die Konsumenten mehr Selbstvertrauen und sowohl Aggressivität als auch sexuelles Verlangen werden verstärkt. Hingegen nehmen Schlafbedürfnis und Hunger ab und es kommt zu physischen Wirkungen wie dem Anstieg des Blutdrucks.25

2.2.4 Alkohol

Alkohol ist vorwiegend als Genussmittel bekannt und bei seinen Konsumenten für seine angenehm empfundene Wirkung beliebt. Durch die Aufnahme von Alkohol wird die Ausschüttung des Neurotransmitter Dopamin erhöht. Dies wirkt sich stimmungssteigernd sowie anregend auf unseren Körper aus und kann die Kommunikationsbereitschaft verbessern. Bei erhöhtem Konsum kann es allerdings auch zu Gedächtnisbeeinträchtigungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Störungen der Reflexe bzw. Muskelkoordination oder einem Bewusstseinsverlust kommen. Neben diesen kurzfristigen Folgen kommt es durch regelmäßigen Konsum auch zu schwerwiegenden Langzeitfolgen. Dabei werden körperliche, soziale und psychische Folgen unterschieden.26

Aus einer Repräsentativbefragung der BZgA zum Alkoholkonsum Jugendlicher und junger Erwachsener wurde erstmals in den letzten Jahren ein Rückgang des regelmäßigen Alkoholkonsums bei den 12- bis 17-Jährigen erfasst. Dieser sank von 17,9% (2001) auf 13,6% (2012). Bei den 18- bis 25-Jährigen war kein signifikanter Unterschied zwischen 2001 und 2012 zu verzeichnen. So trinkt immer noch jeder zweite junge Mann und jede vierte junge Frau regelmäßig Alkohol.27 Zusätzlich fangen Jugendliche mittlerweile früher an zu trinken und zeigen ein exzessiveres Konsumverhalten. Laut der ersten Folgebefragung der (KiGGS) betreiben 11,6% der 11- bis 17-Jährigen Rauschtrinken. Das bedeutet sie trinken mindestens einmal im Monat sechs oder mehr alkoholische Getränke.28 Besonders stationäre Behandlungen aufgrund von Alkoholvergiftungen nehmen zu. Primär bei den jungen Männern und Frauen zwischen 15 und 20 Jahren hat sich die Zahl seit 2000 mehr als verdreifacht. In anderen Altersgruppen steigen ebenfalls die Zahlen der Einlieferungen wegen Alkoholvergiftung. Es kommt vermehrt in dieser Altersgruppe zu Formen von verstärktem Rausch- und Risikoverhalten.29 Da es sich bei Alkohol um eine gesellschaftlich akzeptierte Substanz handelt und diese mittlerweile fast rund um die Uhr zu erwerben ist, müssen fast alle Jugendlichen früher oder später Stellung zu diesem Thema beziehen.30

3. Jugend und jugendlicher Drogenkonsum

Im nachfolgenden Kapitel, wird „Jugend als Lebensphase“ und die damit zu bewältigenden Entwicklungsaufgaben näher beleuchtet. Neben diesen Entwicklungsaufgaben, birgt die heutige Gesellschaft und die Entwicklungen in dieser, vermehrt Herausforderungen und Konflikte für die Jugendlichen. Welche Möglichkeiten Jugendliche haben, auf diese zu reagieren, ist Bestandteil des nachfolgenden Teils.

3.1 Jugendphase

„Am häufigsten wird Jugend als eine Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsenheit und als eine bestimmte Altersphase in einer Spanne zwischen 13 und ca. 25 Jahren bezeichnet.“31 Jedoch sind die Grenzen dieser Phase nur sehr unscharf. Demnach verschiebt sich der Übergang ins Erwachsenenalter für die Mehrheit der Jugendlichen bereits an das Ende des zweiten oder teilweise in das dritte Lebensjahrzehnt.32

Die Jugendphase wird in Pubertät, Adoleszenz und Postadoleszenz unterteilt. Während der Pubertät finden vorwiegend körperliche Veränderungen sowie Veränderungen durch die Geschlechtsreife statt. Neben Wachstumsschüben kommt es zu Änderungen der seelischen Verfassung. Innerhalb der Adoleszenz finden Prozesse der psychosozialen Entwicklung von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter statt. Die Post-Adoleszenz kann als Form einer „Nach-Jugendphase“ verstanden werden, zu der es aufgrund der Ausdehnung der Jugendphase in der heutigen Zeit kommt.33 Hurrelmann und Quenzel (2013) nehmen ebenfalls eine interne Untergliederung der Lebensphase Jugend in drei Abschnitte vor. Dabei zählen sie zu der „Frühen Jugendphase“, welche auch sie als pubertäre Phase bezeichnen, die 12- bis 17-Jährigen. Den zweiten Abschnitt nennen sie „Mittlere Jugendphase“, zu der die 18- bis 21-Jährigen zählen. Gefolgt von dieser, die „Späte Jugendphase“, zu der sich die 22- bis 27-Jährigen zählen lassen. Im Laufe der Generationen hat sich das Einstiegsalter immer weiter nach vorn und das Ausstiegsalter nach hinten verlegt.34

Besonders die Jugendphase ist geprägt von Veränderungen im Bereich der physischen, sozialen und kognitiven Fähigkeiten. Die damit verbundenen Entwicklungsaufgaben gilt es zu bewältigen, zu verstehen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dabei wirkt sich die Bewältigung einer Entwicklungsaufgabe immer auf weitere Bereiche aus. So besteht die Möglichkeit, dass die einzelnen Entwicklungsaufgaben miteinander verknüpft sind. So wirkt sich z. B. das Bewältigen einer Aufgabe auch auf das Lösen späterer Aufgaben aus.35 Bereits Havighurst (1972) äußerte, dass die erfolgreiche Bewältigung von Entwicklungsaufgaben zu Fertigkeiten und Kompetenzen führt, die wiederum künftige Entwicklungsaufgaben erleichtern. 36

Unter Entwicklungsaufgaben verstehen sich typische Herausforderungen des jeweiligen Lebensalters, welche sich dem Einzelnen stellen. Zu diesen Entwicklungsaufgaben der Jugendphase, die auf Havighurst (1953) zurückführen sind, gehören laut Hurrelmann und Quenzel (2007): der Aufbau intellektueller und sozialer Kompetenzen, einer eigenen Geschlechterrolle und Partnerbindung, die Fähigkeit Geld und den Warenmarkt zu nutzen und die Entwicklung einer Werteorientierung und politischer Teilhabe.37 Das beinhaltet laut Oerter und Dreher (2002) unter Anderem: die Übernahme einer bestimmten Rolle in der Gesellschaft, die Akzeptanz des eigenen Körpers und der Sexualität, die Ablösung von den Eltern und entgegengesetzt der Aufbau von Beziehungen zu Peers oder anderen Personen außerhalb der Familie. Die Jugendlichen sollen sich in dieser Phase auf Ehe, Familien- und Berufsleben vorbereiten und innerhalb der Gesellschaft Verantwortung übernehmen.38 Als Entwicklung bezeichnen Petermann und Resch (2008):

„den Übergang eines Ausgangszustandes in einen neuen Zustand. Hierbei wird jedoch nicht Altes durch Neues ersetzt, sondern vorausgehende Schritte bilden die notwendige Voraussetzung für die nachfolgende Entwicklung. Es besteht demnach eine Systematik und Kontinuität in der Veränderung, die auf natürliche Verläufe (Wachstum, Reifung) oder Eingriffe (Interventionen) zurückgeht.“39

Zimmermann (2006) bezeichnet die heutige Jugendphase als: „ein[en] langgestreckte[n], nicht selten über 15 Jahre andauernder Abschnitt mit eigenem Wert und eigenen sozialen Rhythmen [..] Jugend kann also nicht mehr nur als eine Übergangsphase, sondern eher als ein Lebensabschnitt mit eigener Dynamik bezeichnet werden.“40

Für diese Ausdehnung der Jugendphase gibt es eine Vielzahl an Gründen. Infolge kultureller, sozialer und ökonomischer Veränderungen kommt es seit 1900 zu einer Verkürzung der Lebensphasen „Kindheit“ und „Erwachsenenalter“. Somit dehnt sich als Folge dessen die Jugendphase weiter aus, wohingegen sie in der Vergangenheit kaum existierte. Perspektivisch sei mit einer weiteren Ausdehnung der Jugendphase zu rechnen.41

Durch die Entwicklung der Industrialisierung kam es in unserer Gesellschaft zum Pluralismus. Dieser zeigt sich z.B. durch die Vielzahl an Wertorientierungen und Lebenszielen.42 Es wird in diesem Zusammenhang auch von der „Auflösung von Traditionen und Lebensformen“ und „Individualisierung“ gesprochen.43 Das führt dazu, dass Jugendliche ihr Leben und speziell Lebensformen freier gestalten können. Ein wichtiger Faktor diesbezüglich ist die freie Gestaltung der Eltern-Kind-Beziehung.44 Einerseits haben Jugendliche heutzutage mehr Möglichkeiten zur Selbstentwicklung und Selbstbestimmung andererseits müssen durch die steigenden Möglichkeiten auch mehr Entscheidungen selbst getroffen und entsprechend mehr Handlungen durchgeführt werden. Das kann zu einem individuellen Druck bei den Jugendlichen führen oder auch einen Verlust an Sicherheit oder Handlungswissen mit sich bringen. Die Bewältigung immer komplexerer Lebensaufgaben gestaltet sich, auch durch sinkende Vergemeinschaftsformen, heutzutage schwierig.45

Ein weiterer Grund für die Ausdehnung der Jugendphase sind besonders „Verschiebungen, Verzögerungen und Veränderungen in Ausbildung und Beruf sowie in Familie und Partnerschaft“.46 So verlängern sich die Bildungswege der Jugendlichen und immer häufiger wohnen Jugendliche aufgrund dessen länger mit ihren Eltern zusammen. Entsprechend verlängert sich auch die Abhängigkeit zu den Eltern und steht einer Selbstständigkeit der Jugendlichen im Weg. Durch diese sozio-kulturellen Veränderungen erhalten Jugendliche einerseits in vielen Bereichen mehr Autonomie andererseits bleibt die sozialökonomische Abhängigkeit bestehen. Ihr Leben ist stets geprägt von Eigen- und Fremdbestimmung.47

3.2 Jugendlicher Drogenkonsum als Bewältigungsstrategie

Zur Bewältigung der zuvor beschriebenen Entwicklungsaufgaben und über diese hinaus brauchen die Jugendlichen bestimmte Ressourcen um weitere Kompetenzen zu erlangen, mit Hilfe derer sie wiederum andere Entwicklungsaufgaben bewältigen.48 Hinzu kommen zuvor beschriebene Anforderungen und Herausforderungen der Neuzeit, die es früher so nicht gab. In dieser Phase reichen bisher erlernte Handlungsmuster und Anpassungsmotive aus der Kindheit, für die in dieser Zeit neu entstehenden Anforderungen an die Jugendlichen nicht mehr aus.49 Aufgabe dieser Phase ist es neue Strategien zu entwickeln, um diese Aufgaben zu bewältigen. Aus diesem Grund wird die Jugendphase als eine labile Phase bezeichnet in der es aufgrund dieses Mangels an Problemlösestrategien zu negativen Verläufen der Entwicklung kommen kann. Zu solch negativen Entwicklungsverläufen zählt unter Anderem gesundheitsgefährdendes Verhalten, welches sich bei Jugendlichen oft mit dem Konsum von legalen und illegalen Drogen zeigt.50 Kommt es zu einem Ungleichgewicht zwischen den Anforderungen einer bestimmten Situation und den zur Bewältigung zur Verfügung stehenden Kompetenzen hat das möglicherweise eine Verhaltensabweichung zur Folge.51 Mit Hilfe des Substanzkonsums beeinflussen Jugendliche ihre psychosomatische Befindlichkeit und können Entwicklungsproblemen aus dem Weg gehen. Durch dieses Verhalten können negative Empfindungen besser kompensiert werden. Einerseits kann Substanzkonsum so als Versuch verstanden werden, Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Gleichzeitig kann es aber auch Resultat aus nicht bewältigten Entwicklungsaufgaben und Überforderung sein.52 Hurrelmann und Freitag beschrieben 1999 sogar „Drogenkonsum“ selbst, als Entwicklungsaufgabe Jugendlicher, der es sich zu stellen und zu bewältigen gilt.53

Daneben können kritische Lebensereignisse dazu führen, dass Jugendliche Drogenkonsum als Bewältigungsstrategie wählen. Dabei ist nie die Situation allein für den Drogenkonsum verantwortlich. Das würde nicht erklären, warum manche Jugendliche trotz kritischer Ereignisse oder Probleme keine Drogen konsumieren. Kritische Lebensereignisse werden dabei jedoch zum Risiko wenn die Ressourcen des Jugendlichen und seiner Umwelt nicht ausreichen, um die entstandenen Belastungen zu beseitigen oder zu minimieren.54

3.3 Jugendtypen der heutigen Zeit und deren Zeitorientierungen

Jugend ist sowohl Bildungs- als auch Freizeit-Moratorium. Für die Entwicklung der Jugendlichen sind die Faktoren Familie, Schule und Peers von besonderer Bedeutung. Beide Moratorien haben spezifische Anreize für die Jugendlichen. Innerhalb der Jugendphase sollen Jugendliche Bildungskapital erwerben und mittels Freundschaften sowie Freizeit einen eigenen Lebensstil mit einer eigenen Identität entwickeln.55

Je nachdem welche Standardsetzer für Jugendliche bedeutsam sind und welchen Wert sie dementsprechend Familie, Schule und Peers zuschreiben, entwickelt sich eine biografische Orientierung. Jugendliche, die sich besonders an Peers orientieren und denen besondere Bedeutung zuschreiben, zeigen vermehrt Merkmale der sogenannten Verbleibsorientierung. Ihre Handlungen sind eher auf die Gegenwart gerichtet und zeigen sich z.B. durch häufiges Treffen mit Freunden. Sie zeigen auch vermehrt bedürfnisorientierte, hedonistische Lebensweisen.56 Jugendliche, die sich mehr an den Standards von Schule und Familie orientieren, zeigen dagegen mehr Merkmale der Transitionsorientierung. Diese Jugendlichen sind eher zukunftsorientiert und an einem schnellen Übergang in den Erwachsenenstatus interessiert.57 Diese biografische Orientierung entscheidet über Bewertung sowie Ereichbarkeitserwartung von Standards und bestimmt die Art der Handlungen Jugendlicher. Im Optimalfall können die Jugendlichen beide Zeitorientierungen miteinander kombinieren, wobei sich diese gegenseitig beeinflussen oder ausschließen können. So z.B. beim schulischen Lernen und der Freizeitgestaltung. Können Standards der Transitionsorientierung z.B. nicht erfüllt werden, kann es zu einem Übergang in die Verbleibsorientierung kommen.58 Bereits diese Erkenntnisse zeigen, dass es abhängig davon ist, ob jemand zukunftsorientiert oder gegenwartsorientiert ist, wie er sein Leben gestaltet und an welchen Personen er sich orientiert.

Dass sich verschiedene Merkmale der beiden Zeitorientierungen auf den Konsum psychotroper Substanzen auswirken können, wurde mithilfe verschiedener Studien belegt. So seien bei geringer Leistungsorientierung häufiger regelmäßige Trinker zu finden. Dagegen zeigen Jugendliche, welche keinen Alkohol trinken, eine höhere Leistungsorientierung. Es sei allerdings schwer zu sagen, ob dabei die Leistungsorientierung das Trinkverhalten beeinflusst oder umgekehrt. Jugendliche, die wenig oder keinen Alkohol trinken, gehen motivierter zur Schule als solche, die regelmäßig Alkohol trinken. Regelmäßige Konsumenten würden sogar häufig gern, die Schule vorzeitig beenden. Sie sind außerdem unzufriedener und haben öfter Konflikte mit Lehrern als nicht trinkende Jugendliche.59 „Regelmäßige Trinker räumen dem Alkoholkonsum in ihrer Genussorientierung den größten Stellenwert ein. Auch konsumieren sie am ehesten Zigaretten und Drogen“60, so Bergler (2000). Es handelt sich dabei um eine bereits erwähnte unmittelbare Bedürfnisbefriedigung, wie sie bei der Verbleibsorientierung zu finden ist.

Diese Ergebnisse zeigen, dass vor allem die Verbleibsorientierung zumindest auf den Alkoholkonsum begünstigend wirkt. Mit der Verbleibsorientierung geht einher, dass konsumierende Gleichaltrige einen größeren sowie negativen Einfluss auf das Konsumverhalten des Jugendlichen ausüben können.

4 Resilienz- und Schutzfaktoren

Warum Menschen trotz bestehender Risiken gesund bleiben oder sich von Belastungen schneller erholen als andere, hängt von sogenannten Resilienz- und Schutzfaktoren ab, die Risikofaktoren und Vulnerabilität gegenüber stehen. Sowohl die Resilienzforschung der Entwicklungspsychopathologie als auch das Konzept der Salutogenese aus den Gesundheitswissenschaften (Antonovsky 1979) beschäftigen sich mit diesen schützenden Kriterien für Gesundheit und Entwicklung.61 „Resilienz meint eine psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken.“62 Sie ist Resultat des Zusammenspiels zwischen den Merkmalen des Jugendlichen und den Umwelteinflüssen welchen er ausgesetzt ist. Demnach ist Resilienz niemals eine statische Größe.63 So kann ein Kind welches sich resilient verhält, durch weitere Einflüsse und Aufgaben zu einem späteren Zeitpunkt weniger resilient sein. Es wird in der Literatur von einem „dynamischen Anpassungs- und Entwicklungsprozess“ gesprochen. Dabei wirken Individuum und Umwelt in wechselseitiger Wirkung aufeinander ein und es werden Bewältigungskompetenzen angeeignet.64 Zu Resilienzfaktoren zählen z.B. ein positives Selbstkonzept und eine internale Kontrollüberzeugung.65 Von Seiten der Resilienzforschung gibt es bestimmte Kriterien, die ein adaptives Verhalten begünstigen.66 Diese Bewältigungskompetenzen werden durch Bewältigung von altersspezifischen Entwicklungsaufgaben erworben. Bei der Kompetenzentwicklung wird zwischen kumulativer und interaktionaler Kontinuität unterschieden. Bei interaktionaler Kontinuität löst das Verhalten des Kindes eine Reaktion bei Personen seines Umfelds aus, welche das Verhalten aufrechterhalten bzw. verfestigen. Von kumulativer Kontinuität wird gesprochen, wenn das Verhalten dazu führt, dass sich das Kind weiterhin in seiner Umwelt bewegt und sein Verhalten sich somit verfestigt.67 Es muss beachtet werden, dass Resilienz immer mehrdimensional und situationsspezifisch auftritt. So muss ein Kind welches sich in einem Bereich des Lebens resilient verhält, dies nicht auch in anderen Lebensbereichen oder Situationen tun. Es wird zwischen personalen, sozialen und familiären Schutzfaktoren unterschieden. Dabei bestehen potenzielle Schutzfaktoren bereits vor dem Problem und werden erst zu einem schützenden Faktor, wenn das Entwicklungsrisiko wirkt. In diesem Fall sollen Schutz- oder Kompensationsfaktoren die Wirkung mildern, sie aufheben oder deren Folgen abschwächen.68

Zwischen den Schutzfaktoren finden sich substanzspezifische und substanzunspezifische Faktoren. Dabei ist die „Fähigkeit“, trotz Gruppendrucks in der Clique „nein“ zum Drogenangebot zu sagen, ein substanzspezifischer Schutzfaktor. Dagegen sind substanzunspezifische Schutzfaktoren solche, welche nicht unmittelbar auf den Konsum wirken. So wirken z.B. genügend vorhandene Problemlösestrategien schützend.69

5. Risikofaktoren und Vulnerabilität

Neben den beschriebenen schützenden Faktoren gibt es solche, die eine Entwicklung von Substanzkonsum begünstigen. Es wird bei den sogenannten Risikofaktoren zwischen internen (personenbezogenen) und externen (umweltbezogenen) Risikofaktoren unterschieden. Zu den personenbezogenen Risikofaktoren zählt die Vulnerabilität, wohingegen Risikofaktoren der Umgebung von Familie und dem weiteren sozialen Umfeld ausgehen. Dabei ist entscheidend wann, wie viele und in welcher Komplexität die Risikofaktoren auftreten. So steht bspw. die zu enge Bindung zur Mutter der Entwicklungsaufgabe „Ablösung von den Eltern“ im Weg und kann nicht bewältigt werden. Eine enge Bindung im Säuglingsalter ist dagegen essentiell und schützend.70

Das Gegenstück zur Resilienz stellt die Vulnerabilität dar, welche einer erhöhten Anfälligkeit der Betroffenen entspricht, von der normalen Entwicklung abzuweichen.71 So können z.B. genetische Dispositionen und hinzukommende belastende Umwelteinflüsse, zu einer Abweichung führen. „Vulnerabilität bezieht sich auf die Prädisposition eines Kindes, unter Einfluss von Risikobelastungen verschiedene Formen von Erlebens- und Verhaltensstörungen zu entwickeln.“72 Laut Scheithauer und Petermann sind besonders Übergangsphasen (Transitionen), wie sie in der Jugendphase vorkommen, von erhöhter Vulnerabilität betroffen.73 Es kann zwischen „primärer Vulnerabilität“ und „sekundärer Vulnerabilität“ unterschieden werden. Dabei gehören Merkmale, welche von Geburt an bestehen zur primären Vulnerabilität und Merkmale, welche erst durch Interaktion mit der Umwelt auftreten zur sekundären Vulnerabilität, wie z.B. ein durch die Eltern erzeugtes negatives Bindungsverhalten. Diese individuelle Empfindlichkeit ist ausschlaggebend, wie viele und welche Risikofaktoren nötig sind, um eine gesunde Entwicklung zu behindern. Somit ist auch Vulnerabilität keine stabile Größe.74 Es fällt auf, dass all diese Modelle ineinander greifen und sich die verschiedenen Faktoren gegenseitig beeinflussen. Dabei sind Risikofaktoren nicht automatisch das Gegenteil von Schutzfaktoren.75

Risikofaktoren sind Merkmale, welche die Entwicklung von Substanzgebrauch begünstigen. Sowohl Qualität als auch Quantität der Risikofaktoren sind entscheidend. Dabei können Risikofaktoren bei Zeitpunkt und Dauer variieren. Demnach wirken sich viele Risikofaktoren und wenig Schutzfaktoren positiv auf die Entwicklung von Drogenkonsum und einer Abhängigkeit aus.76 Es ist also eher selten der Fall, dass Risikofaktoren nur vereinzelt auftreten, wenn es zu Entwicklungsstörungen kommt. Meist sind die Betroffenen gleichzeitig von weiteren Belastungen betroffen.77 Außerdem kann zwischen proximalen und distalen Faktoren unterschieden werden, welche auf das Individuum wirken. Dabei wirken die proximalen Faktoren direkt auf das Individuum, wie es beispielsweise innerhalb der Mutter-Kind-Beziehung stattfindet, und die distalen Faktoren, wie z.B. sozialökonomischer Status, wirken sich nur indirekt aus.

Aktuell geht es in der Forschung nicht mehr ausschließlich um spezielle Risiko- und Schutzfaktoren oder um Vulnerabilität und Resilienz, sondern darum welche Wirkungsprozesse und -mechanismen zwischen dem risikoerhöhenden Faktor und der Entwicklungsabweichung wirken.78

Im nachfolgenden Teil wird auf personen- und umweltbezogenen Risikofaktoren eingegangen, die die Entwicklung von Substanzkonsum begünstigen. Also auf Risikofaktoren, die bei oftmals gleichzeitigen Bestehen einer Vulnerabilität oder mangelnden Resilienz, eine Entwicklung von Substanzkonsum begünstigen. Dabei ist nicht auszuschließen, dass es sich bei diesen Risikofaktoren in umgekehrter Form ebenfalls auch um Resilienz- und Schutzfaktoren handeln kann. In Anlehnung an Feuerlein (1972) dürfen die psychologischen, soziologischen und biologischen Faktoren bei der Entwicklung von Drogenkonsum nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Je nach Konstellation, Ausprägung und Interaktion wirken sich diese auf den Drogenkonsum aus und müssen immer innerhalb eines dynamischen Prozesses betrachtet werden.79

5.1 Personenbezogene Risikofaktoren (Vulnerabilität)

Personenbezogene Risikofaktoren sind entweder genetisch bestimmt oder liegen in den, durch Zusammenspiel aus Gen und Umwelt entstandenen, Persönlichkeitsmerkmalen des Jugendlichen. Auf diese Merkmale wird im nachfolgenden Teil dieser Arbeit eingegangen.

5.1.1 Genetische Merkmale

Mittels Literaturrecherche konnten vorwiegend Ergebnisse zu der genetischen Veranlagung bezüglich des Alkoholkonsums gewonnen werden. Da Alkohol eine ähnliche Wirkung auf den menschlichen Körper zeigt, wie auch andere psychotrope Substanzen, soll hauptsächlich anhand dieser Substanz der Einfluss genetischer Merkmale auf den Substanzkonsum beschrieben werden.

Es gibt einige Hinweise darauf, dass eine Vererbung von Faktoren stattfindet, die eine Entwicklung von Alkoholkonsum und Abhängigkeit begünstigen. Nach Schuckit (1998) können bis zu 50% der Varianz von einer Abhängigkeit auf genetische Faktoren zurückgeführt werden. Es wird davon ausgegangen, dass dabei Gene eine wichtige Rolle spielen, welche die Funktionsweise verschiedener Neurotransmittersysteme beeinflussen und es infolge dessen zu Alkoholkonsum kommt. Durch bspw. Mangel verschiedener Neurotransmitter (Dopamin, Serotonin) wird das Belohnungssystem beim Konsum angeregt und es kommt zu einer Verstärkung. Ein solcher Mangel entsteht verstärkt durch bestehenden Konsum.80

Täschner u.a. (2010) verweisen diesbezüglich auf Zwillingsuntersuchungen, Adoptionsstudien und Familienuntersuchungen, in denen der Zusammenhang von erblichen Faktoren und dem Konsum von Substanzen beschrieben wird. In den Familienuntersuchungen wurde herausgefunden, dass sich das Risiko einer Abhängigkeitserkrankung erhöht, wenn es in der Familie bereits Fälle einer Abhängigkeit gibt. Einmal erhöht sich das Risiko je nach Anzahl der Abhängigen innerhalb der Familie und außerdem kann der Grad der Blutsverwandschaft das Abhängigkeitspotenzial beeinflussen.81 Da diese Jugendlichen meistens bei ihren biologischen Eltern aufwachsen und entsprechend von den gleichen Umweltbedingungen betroffen sind, fällt es schwer anhand dieser Untersuchungen direkten Aufschluss über die Rolle der Gene zu geben.82 Ebenso Täschner u.a (2010) stellen die Vertretbarkeit dieser Annahme als Ursache für Drogenmissbrauch oder Abhängigkeit in Frage, da sich diese auch auf die Lerntheorie zurückführen lasse. Mithilfe von Adoptionsstudien wurde dieses Problem umgangen und belegt, dass sogar Kinder alkoholkranker Eltern, welche bei nicht blutsverwandten Adoptiveltern aufgewachsen sind, ein viermal so hohes Risiko aufzeigten selbst zu erkranken.83 Mittels dieser Untersuchungen lässt sich eine Trennung von Anlage und Umwelteinflüssen vornehmen, da diese Kinder nicht die selbe Umwelt mit ihren biologischen Eltern teilen. Die meisten Adoptionsstudien kommen zu dem gleichen Ergebnis. Es kann nicht allein das Gen für die Entwicklung von Alkoholkonsum verantwortlich gemacht werden, sondern in gleichem wenn nicht sogar höherem Maße auch die Umwelt.84 Besonders bei eineiigen männlichen Geschwistern ist ein hoher Zusammenhang zwischen Genen und Drogenmissbrauch zu erkennen. Dies ging aus sogenannten Zwillingsstudien hervor.85 Anhand dieser Studien wurde festgestellt, dass Gene eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Drogenkonsum spielen, jedoch nicht dass sie vollständig dafür verantwortlich sind. Ähnliches zeigt sich bei den Umweltfaktoren. Auch sie sind nicht allein verantwortlich für die Entwicklung des Jugendlichen, sondern nur in Kombination mit genetischen Veranlagungen. 86 Vererbt wird nur die genetische Disposition, die durch spezielle Umweltbedingungen dann zum Konsum führt.

[...]


1 Tietz/Meyer. (2014). [28.07.2014]

2 Gabbert (2014). [28.07.2014]

3 Vgl. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung (2014a). [28.07.2014]

4 auch psychoaktive.

5 Schneider (2009:21).

6 Vgl. Schneider (2009:21); Dilling (2009:149).

7 Vgl. Weichold/Silbereisen (2009:220-229).

8 Vgl. Schneider (2009:21).

9 Vgl. Rumpf (2012:81).

10 Vgl. Hurrelmann/Quenzel (2012:236).

11 Vgl. Dilling (2009:149).

12 Vgl. Dilling (2014: 107).

13 Vgl. Lesch/Walter (2009:59); Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung (2014:64). [26.08.2014]

14 Vgl. Lampert/Kuntz/KiGGS Study Group (2014:830-839). [14.08.2014]

15 Vgl. Täschner (2010:46).

16 Schneider (2009:71).

17 Vgl. Lampert/Kuntz/KiGGS Study Group (2014:830-839). [14.08.2014]

18 Vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2013:14).

19 Vgl. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung (2014:23). [26.08.2014]

20 Vgl. Küfner/Metzner/Bühringer (2011:666).

21 Vgl. Schneider (2009:93ff.).

22 Vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2014a:9f.).

23 Vgl. Drogenbeauftragte der Bundesregierung (2014:35f.).

24 Mühlig (2008:575).

25 Vgl. Küfner/Metzner/Bühringer (2011:722f.).

26 Vgl. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (2014). [29.07.2014].

27 Vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2014:18–25).

28 Vgl. Lampert/Kuntz/KiGGS Study Group (2014:830–839). [14.08.2014]

29 Vgl. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung (2014:20f.).

30 Vgl. Petermann/Helbig (2008:2;14–19).

31 Zimmermann (2006:155).

32 Vgl. Raithel (2011:17f).

33 Vgl. Zimmermann (2006:156f.).

34 Vgl. Hurrelmann/Quenzel (2013: 45).

35 Vgl. Silbereisen/Weichold (2012:235–258).

36 Vgl. Petermann/Resch (2008: 51f.).

37 Vgl. Hurrelmann/Klaus/ Quenzel, Gudrun. (2013:28).

38 Vgl. Oerter/Dreher (2008:281).

39 Petermann/Resch (2008:49).

40 Zimmermann (2006:155).

41 Vgl. Hurrelmann/Quenzel (2013:11–17).

42 Vgl. Fuhrer (2009:15–19).

43 Vgl. Hurrelmann/Quenzel (2012:17ff.).

44 Vgl.Fuhrer (2013:119–131).

45 Vgl. Fuhrer (2009:15–19).

46 Raither (2011:17f.).

47 Vgl. Raither (2011:17f.).

48 Vgl. Petermann/Resch (2008:51f.).

49 Vgl. Schneider/Lindenberger (2012:281–246).

50 Vgl. Schneider/Lindenberger (2012) 235–246; 72f.).

51 Vgl. Heyer/Palentien/Gürlevik (2012:989).

52 Vgl. Resch/du Bois (2005:33–51).

53 Vgl. Hurrelmann/Freitag (1999:10ff.).

54 Vgl. Fuhrer (2009:85–92).

55 Vgl. Reinders (2006:81–86).

56 Vgl. Reinders (2006:81).

57 Vgl. Hurrelmann/Quenzel (2013:46f.).

58 Vgl. Reinders (2006:142ff.).

59 Vgl. Bergler (2000:173–176).

60 Bergler (2000:185).

61 Vgl. Bengel/Meinders-Lücking/Rottmann (2009:17–23).

62 Wustmann-Seiler (2012:18).

63 Vgl. Bengel/Meinders-Lücking/Rottmann (2009:17–23).

64 Vgl. Wustmann-Seiler (2012:28–31).

65 Vgl. Niebank/Petermann (2002:84).

66 Vgl. Bengel/Meinders-Lücking/Rottmann (2009:17–23).

67 Vgl. Scheithauer/Petermann/Niebank (2002:78f.).

68 Vgl. Petermann/Resch (2008:53ff.).

69 Vgl. Fischer/Lammel (2009:17ff.).

70 Vgl. Petermann/Resch (2008:52–55).

71 Vgl. ebd. (2008:50).

72 Wustmann-Seiler (2012:22).

73 Vgl. Scheithauer/Petermann (1999:3–14)

74 Vgl. Petermann/ Resch, Franz (2008:55).

75 Vgl. Bengel/Meinders-Lücking/Rottmann (2009:17–24).

76 Vgl. Hurrelmann/Freitag (1999:65).

77 Vgl. Wustmann-Seiler (2012:40f.).

78 Vgl. Scheithauer/Niebank/Petermann (2000:87ff.).

79 Vgl. Fischer/Lammel (2009:28).

80 Vgl. Hinckers (2006:329–341).

81 Vgl. Täschner u.a. (2010:12f.; 52).

82 Vgl. Zobel (2006:139).

83 Vgl. Täschner u.a. (2010:53).

84 Vgl. Zobel (2006:140–147).

85 Vgl. Täschner u.a. (2010:53).

86 Vgl. Fuhrer (2009:66–70).

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Substanzkonsum in der Jugendphase
Untertitel
Multifaktorielles Entstehungsmodell
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
57
Katalognummer
V289123
ISBN (eBook)
9783656894025
ISBN (Buch)
9783656894032
Dateigröße
846 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugend, Jugendphase, Substanzkonsum, Drogenkonsum, Alkohol, Crystal, Amphetamine
Arbeit zitieren
Lydia Strüning (Autor), 2014, Substanzkonsum in der Jugendphase, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289123

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