500 v. Chr. bildeten sich in Indien, China und Griechenland erstmals Disziplinen aus, die wir als Philosophien bezeichnen. Wo sich in Indien das Denken innerhalb dieser Disziplin mehr um theoretische Sachverhalte drehte, wie z.B. die „Rätselhaftigkeit des Lebens und der Seele“, da war das Denken in China mehr von einem praktischen Interesse geprägt, z.B. wie Menschen am besten miteinander leben können.
Die Griechen nahmen von Beginn an sowohl theoretische als auch praktische Elemente in ihre Philosophie auf.
Möchte man das Verhältnis von Theorie und Praxis untersuchen, so ist es sinnvoll, sich mit griechischer Philosophie zu beschäftigen.
Auf den ersten Blick scheint es sich bei Theorie und Praxis um zwei disparate Bereiche zu handeln, deren Gegenstandsbereich klar voneinander abgegrenzt ist. Betrachtet man die Begrifflichkeiten von Theorie und Praxis jedoch etwas genauer, so wird schnell ersichtlich, dass sich eine strikte Trennung der beiden entweder als problematisch erweist oder letztlich gar nicht durchzuhalten ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsbestimmung
2.1. Traditionelle Rhetorik
2.2. Philosophische Rhetorik
2.3. vPlatons Theoriebegriff: epistéme
2.4. Platons Praxisbegriff: Handeln
2.5. techne
3. Erster Schritt in der Begründung von These (A): Warum ist philosophische Rhetorik eine techne?
4. Zweiter Schritt in der Begründung von These (A): Scham als mittelbarer Übergang von Theorie zur Praxis
5. Begründung von These (B): Philosophische Rhetorik kann Theorie und Praxis zugleich sein
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Theorie und Praxis in der antiken griechischen Philosophie, wobei die philosophische Rhetorik in Platons Dialog „Gorgias“ als zentrales Untersuchungsobjekt dient. Ziel ist es, die strikte Trennung dieser beiden Bereiche als problematisch zu erweisen und aufzuzeigen, dass die philosophische Rhetorik eine Form darstellt, in der Theorie und Praxis ineinandergreifen.
- Die kritische Abgrenzung zwischen traditioneller Rhetorik und philosophischer Rhetorik.
- Die Analyse des Wissensbegriffs (epistéme) und des platonischen Handlungsbegriffs.
- Die Untersuchung der philosophischen Rhetorik als eine Form der techne.
- Die Rolle des Schamgefühls als Vermittlungsinstanz zwischen theoretischen Gründen und praktischem Handeln.
Auszug aus dem Buch
2.1. Traditionelle Rhetorik
Im Verlauf der Diskussion zwischen Gorgias und Sokrates zwingt Sokrates Gorgias in seiner typisch nachfragenden Manier zu einer fortschreitenden Annäherung an Gorgias´ Begriff von Rhetorik, die schließlich in folgender Passage kulminiert:
„SO.: Was meinst du nun damit?
GO.: Ich meine damit die Fähigkeit mit Worten zu überzeugen, im Gericht die Richter, im Rat die Mitglieder des Rates, in der Volksversammlung die Mitglieder der Volksversammlung und in jeder Versammlung, was immer es für eine politische Versammlung ist. Und ich sage dir: kraft dieser Fähigkeit wirst du den Arzt als Sklaven haben, den Sportlehrer als Sklaven. Und es wird sich zeigen, dass dieser Geschäftsmann da für einen anderen die Geschäfte macht und nicht für sich selbst, sondern nur für dich, der du reden und die Menge überzeugen kannst.
SO.: Jetzt habe ich den Eindruck, Gorgias, dass du die Rhetorik ganz aus der Nähe zeigst, was für eine Kunst sie deiner Meinung nach ist.“
Deutlich treten hier sowohl die Funktion als auch das Objekt oder Produkt der Rhetorik als Begriff der Überzeugung hervor. Das griechische Substantiv Peitho ist eigentlich ein Oberbegriff für Überredung (diese gründet nicht auf Wissen) und Überzeugung (diese gründet auf Wissen), das im Deutschen keine Entsprechung hat. Daher ist man bei der Übersetzung gezwungen, sich für eine der beiden Bedeutungen zu entscheiden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, ob eine strikte Trennung von Theorie und Praxis in der griechischen Philosophie aufrechtzuerhalten ist.
2. Begriffsbestimmung: Hier werden die zentralen Begrifflichkeiten wie traditionelle Rhetorik, philosophische Rhetorik, epistéme, Praxis und techne definiert und voneinander abgegrenzt.
3. Erster Schritt in der Begründung von These (A): Warum ist philosophische Rhetorik eine techne?: Dieses Kapitel begründet, warum die philosophische Rhetorik als techne fungiert und somit als Mittelbegriff zwischen Theorie und Praxis dienen kann.
4. Zweiter Schritt in der Begründung von These (A): Scham als mittelbarer Übergang von Theorie zur Praxis: Hier wird anhand des Gorgias analysiert, wie Schamgefühle theoretische Gründe in praktisches Handeln überführen können.
5. Begründung von These (B): Philosophische Rhetorik kann Theorie und Praxis zugleich sein: Das Kapitel erläutert, wie durch das Streben nach dem Guten und Gerechten eine Ebene erreicht wird, auf der Wissensinhalt und Handlungsgrund zusammenfallen.
Schlüsselwörter
Platon, Gorgias, Theorie, Praxis, Rhetorik, epistéme, techne, Handlungsgründe, Scham, Tugend, Gerechtigkeit, Sokratik, Wissenspostulat, elenchos, Lebensführung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Theorie und Praxis in der Philosophie anhand von Platons Dialog „Gorgias“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder sind die Abgrenzung von Rhetorikbegriffen, das platonische Wissen (epistéme), die Handlungstheorie und das Konzept der Gerechtigkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu belegen, dass eine strikte Trennung von Theorie und Praxis nicht haltbar ist und die philosophische Rhetorik als Bereich fungiert, in dem beides zusammenfällt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die textual-analytische Methode, um Begriffe innerhalb der platonischen Dialoge zu definieren und logische Zusammenhänge in der Argumentation freizulegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition der Begriffe, die Herleitung der philosophischen Rhetorik als techne sowie die Analyse der Übergangsmechanismen von Theorie zu Praxis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Platon, epistéme, techne, Scham, Handlungsgründe und Gerechtigkeit charakterisiert.
Welche Rolle spielt der Begriff „techne“ für die Argumentation?
„techne“ dient als Mittelbegriff zwischen Theorie und Praxis, da sie sowohl theoretisches Wissen als auch eine zielgerichtete Mittel-Zweck-Struktur erfordert.
Wie erklärt der Autor den „mittelbaren Übergang“ von der Theorie zur Praxis?
Der Übergang erfolgt über das Gefühl der Scham, das bei einem Probanden eintritt, wenn er erkennt, dass seine Aussagen zu logischen Widersprüchen führen.
Warum wird Gerechtigkeit als unmittelbarer Handlungsgrund gesehen?
Weil Gerechtigkeit für Platon ein intrinsisch wertvoller Wissensinhalt ist, der bei dessen Verständnis automatisch zu einem gerechten Handeln führt.
Was ist das „philosophische Leben“ nach Platon?
Es ist ein Leben, dessen Merkmal die ständige kritische Prüfung der eigenen Seele und des Handelns ist, um stets das Gute zu befördern.
- Arbeit zitieren
- Marcus Gießmann (Autor:in), 2014, Rhetorik in Platons "Gorgias". Zum Verhältnis von Theorie und Praxis in der Antike, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289165