Die psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit


Seminararbeit, 2014

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Allgemeine Auswirkungen
2.1 Die Bedeutung der Arbeitslosigkeit für die Psyche des Menschen
2.2 Psychische Folgen des Arbeitsplatzverlustes

3. Depression
3.1 Entstehung einer Depression durch Arbeitslosigkeit
3.2 Nachweis depressiver Züge an den Aussagen einiger Arbeitsloser

4. Schlussbetrachtungen

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich suche nach Arbeit. Ich bücke mich dienstfertig, frage, bettle; ich demütige mich selbst und verliere mein Ich. Ich werde zum Tier, zu einem erniedrigten Tier, ausgeschlossen aus der Gesellschaft.“ (Wacker 1976, S. 46)

Dieses Gefühl der Ohnmacht beschreibt recht gut, in welcher Lage sich ein Großteil der Arbeitslosen in unserer Gesellschaft befindet. Erniedrigt, ungebraucht, ausgeschlossen. Rund 5 bis 6 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind von der Arbeitslosigkeit betroffen und das Problem ist vorläufig nicht vollständig in den Griff zu bekommen. Neben wirtschaftlichen Problemen, die immer im Fokus stehen, beherrschen auch meist unbeachtete psychische Folgen unsere Gesellschaft.

Arbeitslosigkeit als „Mangel an Arbeitsgelegenheit für arbeitswillige Personen.“ (ebd., S. 13) soll bei meiner Arbeit betrachtet werden. Somit spreche ich über Personen, die nicht mutwillig arbeitslos sind, sondern deren Wunsch eine Arbeitsstelle ist.

Denn nur aus diesem Wunsch entspringen die meisten psychischen Probleme, denn das Akzeptieren der Arbeitslosigkeit ist für den Menschen untypisch, sein Wesen sucht ständig nach seinem Sinn in der Gesellschaft, nach Anerkennung und Selbstverwirklichung. Daher ist die fehlende Möglichkeit einer Beschäftigung für den Menschen nur schwer verkraftbar. Er fühlt sich ungebraucht und ist unzufrieden mit seiner Lebenssituation. Doch wie und in welchem Ausmaß kann dieses Lebensereignis die Kontrolle über das Seelenleben der Betroffenen übernehmen? Sind hier lediglich starke Emotionen, wie Trauer und Wut im Spiel oder kann der Verlust des Arbeitsplatzes der Grundstein für eine schwere psychische Störung sein? Mich interessiert unter all diesen Fragen am meisten, ob in diesem Zusammenhang eine Depression, die neue Volkskrankheit, entstehen kann. Damit verbunden ist immer eine Auseinandersetzung mit der Streitfrage, ob die Depression genetisch veranlagt ist oder doch durch äußere Einflüsse entstehen kann. Mein Ziel ist es, diese Fragen zu klären. Dafür beschäftige ich mich zuerst mit den allgemeinen psychischen Folgen des Arbeitsplatzverlustes, gehe dann über zu den Symptomen der Depression, um letztendlich beide Themengebiete zu verknüpfen, indem ich die Symptome einer Depression in Aussagen arbeitsloser Menschen widerspiegle.

2. Allgemeine Auswirkungen

Der Verlust eines Arbeitsplatzes hat bei verschiedenen Persönlichkeiten unterschiedliche psychische Folgen, man kann eine große Vielfalt an Reaktionen feststellen. Das resultiert natürlich genauso aus Charaktereigenschaften, wie aus äußeren Einflüssen, zum Beispiel der sozialen oder finanzielle Unterstützung. Trotzdem gelang es einer Studie aus Polen durch biographische Berichte ein Verlaufsmuster zu erstellen, welches die emotionalen Reaktionen der meisten Arbeitslosen chronologisch darstellt. Diese Warschauer Studie teilt den Verlauf des Seelenlebens der Betroffenen in sechs Stufen ein, beginnend beim Verlust des Arbeitsplatzes. Dabei überkommt ihn zuerst eine starke emotionale Reaktion, in der Angst, Hass, Rache und Trauer gleichermaßen dominieren. Sobald langsam die Ausweglosigkeit der Situation bewusst wird und sich somit ein Ohnmachtsgefühl entwickelt, wechselt der Gemütszustand des Betroffenen in die zweite Phase, „einem dumpfen Gefühl der Lähmung.“ (Wacker 1976, S. 46)

Dieser Folgt ein Gefühl der relativen Beruhigung, die das dritte Stadium darstellt.

In dieser Phase akzeptiert der Arbeitslose vorerst seine Lage, er richtet sich ein, empfindet aber seine Lage keinesfalls als hoffnungslos. Werden seine Hoffnungen trotz Arbeitssuche nicht erfüllt, so entwickelt sich die vierte Stufe, die Hoffnungslosigkeit. Oft folgt dieser Phase erneut eine stark emotionale Reaktion der Verzweiflung, die letztendlich abgelöst wird durch „ein Versinken in tiefer Apathie, in der der Arbeitslose an sich uns seiner Situation kaum mehr Anteil nimmt; er hat sich aufgegeben.“ (ebd., S. 46)

Aus diesen Ausführungen lässt sich schließen, dass die psychische Belastung des Betroffenen sich immer weiter steigert bis zum Höhepunkt, welcher von der Hoffnungslosigkeit ausgelöst wird. In diesem Punkt verliert er das, was ihn bisher noch Kraft gab: die Hoffnung. Wenn man also die psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit betrachtet, so findet man wohlmöglich kurz nach Verlust des Arbeitsplatzes andere Reaktionen vor, als bei Langzeitarbeitslosen. Diese große Vielfalt an Reaktionen stellte bereits in den 30er Jahren der englische Psychiater Robb fest:

„Der hoffnungslose Kampf, verbunden mit einem Gefühl der Wertlosigkeit und Schuld, kann einige zum Selbstmord treiben. Andere finden sich mit ihrer Situation ab, indem sie abstumpfen und sich ihrem verminderten Lebensstandard anpassen. Eine große Zahl wird zu Landstreichern und Kriminellen. Einige finden in der Religion eine ausreichende Konsolidierung. Wieder andere entwickeln Formen von Größenwahn, in denen sie ihre Degradierung kompensieren.“ (Robb 1934, zit. in: ebd., S. 69f.)

Mir dessen bewusst möchte ich im Folgenden mögliche emotionale Reaktionen darstellen, die Arbeitslosigkeit generell auslösen kann, aber nicht muss, um einen allgemeinen Überblick zu geben und diesen dann in darauffolgenden Kapiteln in Einklang mit den Symptomen der Depression zu bringen.

2.1 Die Bedeutung der Arbeitslosigkeit für die Psyche des Menschen

Um die psychischen Folgen der Arbeitslosigkeit zu verstehen, müssen wir erst untersuchen, warum die Arbeit eine so wichtige Rolle in unserem Leben spielt und welche basalen Faktoren unsere psychische Gesundheit erhalten.

„Der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen.“ (WA 31 I, 437)

Dieser Spruch, zu finden in den Schriften Luthers und Zwinglis, beschreibt sehr gut das Verständnis von Arbeit in unserer heutigen Gesellschaft. Der Vogel wird über seine Flügel definiert, genau wie ein Mensch über seine Arbeit. Mehr als ein Drittel der Schweizer und Schweizerinnen über 40 sehen die Arbeit als das Bedeutsamste im Leben, was bedeutet, dass sie andere wichtige Dinge, wie Familie und Gesundheit, hinten anstellen. (vgl. Fäh et al. 1995, S. 29)

Dies hat zahlreiche Gründe, die alle in der Notwendigkeit der Arbeit für den Menschen zu suchen sind. Die Position des Individuums in der Gesellschaft wird maßgebend von der Stellung im Arbeitsleben bestimmt. „Ein Kaufmann ist ein Kaufmann, […] ein Arbeitsloser ist nichts.“ (ebd., S. 27) Der Arbeitslose gehört nicht in die Gesellschaft, er ist ausgeschlossen. Dies ist er in vielerlei Hinsicht, angefangen bei dem sozialen Umfeld des Arbeitsplatzes. Dieser ist nicht nur ein Ort der Arbeit, sondern auch ein Ort der Zusammenkunft, bei der viele Berufstätige soziale Kontakte zu Kollegen pflegen. Ausschluss erfolgt auch „von der Möglichkeit sinnvoller und befriedigender Arbeit, Ausschluss schließlich von der Möglichkeit, selbst einen Beitrag leisten zu können zum gesellschaftlichen Wohlstand, also etwas „nützlich“ zu sein.“ (ebd., S. 28)

Viele andere Faktoren sind von großer psychosozialer Bedeutung. Hier anzufügen sind ebenfalls die Aktivität, die uns beschäftigt und Aufgaben lösen, sowie neues Wissen erfahren lässt, die Zeitstrukturierung und die soziale Anerkennung, die durch eigene Leistungen entsteht. Des Weiteren spielt die Entwicklung der persönlichen Identität eine große Rolle. Durch unsere Berufsrolle entwickeln wir ein Selbstwertgefühl, denn unsere Arbeit und eigene Leistungen zeigen uns, dass wir „jemand“ statt „niemand“ sind. (vgl. ebd.; S.32)

Diese Faktoren sind alle Grundbedürfnisse der menschlichen Psyche und deren Verlust kann weitreichende psychische Folgen haben. Im nächsten Kapitel möchte ich mich diesen Auswirkungen näher widmen.

2.2 Psychische Folgen des Arbeitsplatzverlustes

Robb war davon überzeugt, dass die Entmutigung die „wahrscheinlich bedeutsamste einzelne Einflußquelle“ (Robb 1934, zit. in: ebd., S. 276) darstellt. Diese entsteht größtenteils durch den Einfluss der Gesellschaft und ihrer Vorstellung von Arbeitslosigkeit. „Arbeitslose sind faul und wollen nicht arbeiten, jeder der arbeiten will, kann das auch“. Eine solche Stigmatisierung verstärkt den Verlust des Selbstwertgefühls der Arbeitslosen, sie fühlen sich in ihrer Auffassung, sie seien nutzlos, durch die Gesellschaft bestätigt. Es besteht eine Theorie, die beschreibt, dass Sinnerleben durch drei Dimensionen erlebt wird, durch schöpferische Werte, Erlebniswerte und Einstellungswerte. Die schöpferischen Werte beschreiben das Schaffen und Erreichen von Dingen, was normalerweise durch Arbeit erreicht wird. (vgl. Terneß 2008, S. 4) Diese Theorie stützt die Auffassung, dass das Erschaffen von Produkten durch Arbeit maßgebend für das Empfinden von Sinn ist. Die zweite Dimension des Sinnempfindens, die Erlebniswerte, ist bei Arbeitslosigkeit ebenfalls gefährdet. Es ist viel mehr Zeit zur Verfügung, wodurch aber gleichzeitig der Wert der Zeit verloren geht und Langeweile entsteht. Man hat keinen geplanten Tagesablauf mehr und Zeitstrukturen gehen verloren. (Wacker 1976, S. 116).

So berichtet ein Betroffener:

„Wertlos kam ich mir auch vor. Das hat sich hinterher gegeben, wo ich mein Zimmer tapeziert hab‘ und so. Da sag ich, daß ich was Sinnvolles machte… Das befriedigte mich irgendwie, daß man sah, daß man nicht den ganzen Tag irgendwo dahinlebte.“ (Paul&Wacker 1975, S. 17)

Diese Aussage zeigt, dass schöpferische Werte eine elementare Rolle spielen, wenn es darum geht, seinen Tag und sein Leben sinnvoll zu nutzen.

Bei Erwerbslosen sind somit beide Dimensionen, die nötig sind, um Sinn zu empfinden, gestört, sodass der Betroffene sein Dasein als sinnlos empfindet und in tiefer Traurigkeit versinkt. Meist verliert er jegliches Interesse und vorher nachgegangene Hobbies und Beschäftigungen werden als sinnlos eingeschätzt. In der Psychologie spricht man bei diesem Interessenverlust von Anhedonie, welche oftmals als Symptom einer Depression einhergeht.

Eine weitere Reaktion auf den Verlust des Arbeitsplatzes ist die eigene Schuldzuweisung. Den Grund dafür, dass gerade sie entlassen wurden, suchen viele Betroffene vor allem in der eigenen Persönlichkeit. „Psychoanalytikern ist bekannt, dass unrealistische, unbegründete Schuldgefühle zur Abwehr von Ohnmacht ein Anpassungsmechanismus sind, um überwältigende traumatische Hilflosigkeit zu verarbeiten.“ (Fäh et al. 1995, S. 60)

Das Unterbewusstsein lässt sie glauben, dass sie selbst schuld sind, um dem Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit zu entkommen. Auch diese unbewusste Schutzreaktion haben negative Auswirkungen auf das Seelenleben und schwächen das Selbstbewusstsein zusätzlich.

All diese emotionalen Gefühle und Reaktionen von Wut bis Trauer, Wertlosigkeit, Ohnmacht, Sinnlosigkeit und Schuld können sehr vielseitig auftreten und sich gegenseitig verstärken, sie sind jedoch keinesfalls als allgemeines Muster des Seelenlebens eines Arbeitslosen zu sehen. Weiterhin entscheidend scheint einigen wissenschaftlichen Studien zufolge die Dauer der Arbeitslosigkeit und somit die Phase, in der sich der Betroffene befindet. So sind die Belastungen am Anfang der Arbeitslosigkeit nicht so stark zu beobachten, wie im späteren Verlauf. Anfangs wird der Verlust der beruflichen Tätigkeit auch oft als Entlastung gesehen, doch nach mehreren Monaten beginnt sich das Bild zu wenden und die psychischen Probleme werden schlimmer. (Fäh et al. 1995, S. 35)

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Sozialpädagogik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V289233
ISBN (eBook)
9783656895107
ISBN (Buch)
9783656895114
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitslosigkeit, Auswirkugen von Arbeitslosigkeit, Psychologie Arbeitslosigkeit, Psychische Auswirkungen von Arbeitslosigket, Zitate Arbeitsloser, Depression Arbeitslosigkeit
Arbeit zitieren
Anne-Marie Trenschel (Autor), 2014, Die psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289233

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