Deutsch-jüdische Selbstbilder am Beginn des 20. Jahrhunderts


Examensarbeit, 2001

106 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Zum Gegenstand dieser Arbeit
1.2 Quellen- und Literaturlage
1.2.1 Quellenlage
1.2.2 Literaturlage
1.3 Erläuterungen zur Schreib- und Zitierweise

2. Definitionen
2.1 „Identität“
2.2 „Nationaljudentum“ und „Zionismus“
2.3 „Assimilation“

3. Juden im wilhelminischen Deutschland – Probleme der Integration
3.1 Die „Judenfrage“ als Frage der Emanzipation – Juden als Träger der bürgerlichen Kultur
3.2 Die „Judenfrage“ als Frage der Diskriminierung – der neu aufflammende Judenhaß

4. Der „Jüdische Turnverein Bar Kochba“
4.1 Gründe für die Entstehung jüdischer Turnvereine
4.1.1 Antisemitismus in der „Deutschen Turnerschaft“
4.1.2 Das neue jüdische Menschenbild
4.2 Die Entwicklung des „Bar Kochba“
4.3 Ziele jüdischen Turnens und Mittel zur Umsetzung dieser Ziele
4.3.1 Ziele des „Bar Kochba“
4.3.2 Mittel zur Umsetzung der Ziele des „Bar Kochba“
4.4 Selbstbild und Identität der jüdischen Turner

5. Der „Jüdische Wanderbund Blau-Weiss“
5.1 Gründe für die Entstehung des „Blau-Weiss“
5.1.1. Die Identitätskrise der jüdischen Jugend
5.1.2 Der Antisemitismus im deutschen „Wandervogel“
5.2 Die Entwicklung des „Blau-Weiss“
5.3 Ziele des „Blau-Weiss“ und Mittel zur Umsetzung dieser Ziele
5.3.1 Die Ziele des „Blau-Weiss“
5.3.2 Mittel zur Umsetzung der Ziele des „Blau Weiss“
5.4 Selbstbild und Identität der jüdischen Jugend

6. Das „Kartell Jüdischer Verbindungen“und seine Vorgänger
6.1 Gründe für die Entstehung jüdischer Studentenverbindungen
6.1.1 Der studentische Antisemitismus
6.1.2 Der jüdische Nationalismus
6.2 Die Entwicklung der ersten jüdischen Studenten- verbindungen zum „Kartell Jüdischer Verbindungen“
6.3 Ziele jüdischer Studentenverbindungen und Mittel zur Umsetzung dieser Ziele
6.3.1 Ziele jüdischer Studentenverbindungen
6.3.2 Mittel zur Umsetzung der Ziele jüdischer Studentenverbindungen
6.4 Selbstbild und Identität der jüdischen Studenten

7. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wacht auf, ihr Schläfer in tiefer Nacht!

Die Schritte der Jungen erdröhnen.

Es wogt und braust wie Sturm und Schlacht:

Das Volk der Juden ist erwacht

Und ruft nach seinen Söhnen.[1]

Die nationale Renaissance des jüdischen Volkes im ausgehenden deutschen Kaiserreich war gekennzeichnet durch die Entfaltung einer jüdischen Identität. Ein neues jüdisches Selbstbewußtsein wurde wach, welches sich vor allem in der Gründung und Existenz rein jüdischer Vereine manifestierte. In welcher Weise jüdische Turnvereine, Jugendgruppen und Studentenverbindungen an dieser Entwicklung teilhatten, ist das Thema der vorliegenden Arbeit.

Am Ende des 19. Jahrhunderts standen Volk und Volkstum im deutschen Kaiserreich sowie in anderen europäischen Staaten im Vordergrund des nationalen Denken.[2] Daß jüdische Organisationen von diesem Klima nicht unberührt blieben, zeigt die Tatsache, daß die hier zu behandelnden Organisationen sich äußerlich sehr stark am deutschen Vorbild orientierten.[3] Sie trugen diese Entwicklung auf ihre eigene Weise mit. Ein weiterer Einflußfaktor auf jüdische Vereine war die damals aktuelle Bestrebung, ein neues Bild der Männlichkeit zu schaffen.[4] Auch sie beeinflußte maßgeblich vor allem die „Deutsche Turnerschaft“, aber auch Jugendgruppen und Studentenverbindungen, und wurde von deutschen und jüdischen Vereinen in gleichem Maße verinnerlicht.[5]

Ein bedeutendes Element war jedoch das Entstehen des politischen und rassisch geprägten Antisemitismus, der dazu führte, daß Juden trotz ihrer Integrationsbemühungen nie als völlig gleichberechtigte Bürger des Kaiserreichs betrachtet wurden. Dies führte unter den deutschen Juden einerseits zu noch stärkeren Bemühungen, durch völlige Assimilation „gute Deutsche“ zu sein[6], andererseits entstand aber auch die Einsicht, daß die Juden ein Volk, eine Nation seien, die sich selbstbewußter zeigen müsse, da eine völlige Gleichberechtigung niemals erreicht werden könne. Auf diesem Boden wuchs die zionistische Bewegung,[7] die auf alle der hier zu untersuchenden Gruppen einen starken Einfluß ausübte.

1.1 Zum Gegenstand dieser Arbeit

Im Rahmen einer Untersuchung deutsch-jüdischer Selbstbilder und der Entfaltung jüdischer Identität muß notwendigerweise die Frage nach dem Empfinden der eigenen Identität unter deutschen Juden gestellt werden.[8]

Wie die Zusammensetzung des Wortes „Selbstbild“ bereits ausdrückt, zieht die Ermittlung eines solchen eine Analyse der Turnvereine, Jugendgruppen und Studentenverbindungen von innen heraus nach sich. Das bedeutet, daß sich die Untersuchung hinsichtlich des Quellenmaterials vor allem auf das von den jüdischen Vereinen selbst produzierte Material stützt. Würden beispielsweise Zeugnisse der „Deutschen Turnerschaft“, des „Wandervogels“ oder des „Vereins Deutscher Studenten“ in gleichem Maße berücksichtigt, ergäbe sich kein ausdrückliches Selbstbild. Das bedeutet jedoch nicht, daß diese Materialien grundsätzlich unberücksichtigt bleiben können. Es besteht die Notwendigkeit, deutsch-jüdische Selbstbilder im Kontext ihrer Umwelt zu betrachten.

Gegenstand der Untersuchung bilden drei Arten von Organisationen: Turnvereine, Jugendgruppen und Studentenverbindungen. Der begrenzte Umfang dieser Arbeit macht es notwendig, sich teilweise auf eine exemplarische Untersuchung der genannten Gruppen zu beschränken. Innerhalb der Turnerschaft, der Jugendorganisationen und der Studentenschaft konzentriere ich mich daher auf jeweils einen Verein. Wie sich zeigen wird, ist dies jedoch nicht für alle genannten Gruppen in gleichem Maße möglich.

Innerhalb der „Jüdischen Turnerschaft“ wird der Berliner Turnverein „Bar Kochba“ genauer betrachtet. Da sich die einzelnen Vereine der „Jüdischen Turnerschaft“ ideologisch jedoch nicht stark voneinander unterschieden – alle waren national-jüdisch bzw. zionistisch orientiert[9] –, wird die Untersuchung zum Teil auf die „Jüdische Turnerschaft“ in ihrer Gesamtheit ausgeweitet. Anders stellt sich die Situation für die jüdische Jugend dar. Unter die Bezeichnung „Jüdische Jugendbewegung“ fielen zahlreiche Gruppen, die in ihrer ideologischen Ausrichtung völlig verschieden waren.[10] Das Spektrum der sogenannten „Jugendbewegung“ umfaßte deutsch-nationale, religiöse und zionistische Gruppen. In der vorliegenden Arbeit beschränke ich mich daher auf die Untersuchung einer einzigen Gruppe, nämlich des zionistisch orientierten „Jüdischen Wanderbundes Blau-Weiss“. Für die Gruppe der Studentenschaft ermöglicht das wenige vorhandene Material leider keine exemplarische Analyse einer einzigen Verbindung. Gegenstand der Untersuchung ist deshalb das zionistische „Kartell Jüdischer Verbindungen“ und seine beiden Vorgänger („Bund Jüdischer Corporationen“ und „Kartell Zionistischer Verbindungen“).

Es wird hier deutlich, daß alle zu untersuchenden Gruppen national-jüdisch bzw. zionistisch orientiert waren. Die Beschränkung auf genau diese Gruppen ist insofern gerechtfertigt, als sich in ihnen in hohem Maße eine eigene jüdische Identität entfaltete. Im Gegensatz dazu ist bei Gruppen, die den Zionismus ablehnten, eine weitgehende Anpassung an ihre jeweilige, in diesem Fall deutsche Umwelt festzustellen.[11] Dies traf auf den größten Teil des deutschen Judentums zu.

Um eine Vergleichbarkeit der einzelnen Gruppen zu erzielen, wird, soweit es möglich ist, eine einheitliche Vorgehensweise für alle Gruppen angewendet. Für die Ermittlung eines Selbstbildes und die Entfaltung einer eigenen Identität ist es sinnvoll, Gründe und Ursachen für die Entstehung der Vereine aufzuzeigen. Zur Kontextklärung wird danach die Entwicklung des jeweiligen Vereins dargestellt. Von größter Bedeutung sind die Zielsetzungen der Gruppen, da sich darin ihr Selbstbild am deutlichsten manifestiert. Die Untersuchung der Zielsetzung zieht letztlich zwangsläufig die Frage nach den Mitteln zur Umsetzung dieser Ziele nach sich.

Die vorliegende Untersuchung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Jede einzelne der untersuchten Gruppen stellt ein Untersuchungsobjekt für sich dar und könnte unter zahlreichen weiteren Fragestellungen analysiert werden. Innere Entwicklungen wurden hier nur insofern berücksichtigt, als sie für die Hinwendung zum Nationaljudentum bzw. zum Zionismus von Bedeutung sind.

1.2 Quellen- und Literaturlage

1.2.1 Quellenlage

Die vorliegende Untersuchung stützt sich hauptsächlich auf das durch die zu analysierenden Vereine selbst publizierte Material. Da jede der untersuchten Gruppen mindestens eine Vereinszeitung oder –zeitschrift herausgab, ist die Quellenlage zufriedenstellend.

Für die „Jüdische Turnerschaft“ liegt die Jüdische Turnzeitung – später Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport bzw. Jüdische Turn- und Sportzeitung – vor, die 1977 durch Manfred Lämmer in ihrer Gesamtheit als Neudruck zugänglich gemacht wurde.

Der „Jüdische Wanderbund Blau-Weiss“ betätigte sich ebenfalls als Herausgeber sogar zweier Zeitungen, der für den Verein bestimmten Blau-Weiss-Blätter und der Blau-Weiss-Blätter-Führerzeitung. Ebenso stellt sich die Lage für die Studentenschaft dar. Zumindest die den einzelnen Verbindungen übergeordneten Verbünde gaben Zeitungen heraus. Im vorliegenden Fall handelt es sich um die Zeitungen Der Jüdische Student, herausgegeben vom „Bund Jüdischer Corporationen“ sowie die Mitteilungen des Kartells Zionistischer Verbindungen, herausgegeben vom „Kartell Zionistischer Verbindungen“. Nach dem Zusammenschluß dieser beiden Gruppen wurde das Erscheinen des Jüdischen Studenten fortgesetzt, der in den folgenden Jahren zum publizistischen Organ des „Kartells Jüdischer Verbindungen“ wurde. Im Gegensatz zur Jüdischen Turnzeitung sind die publizistischen Organe der Jugendgruppen und Studentenverbindungen nicht im Neudruck erschienen. Die einzelnen Jahrgänge sind innerhalb europäischer Bibliotheken leider nur sehr bruchstückhaft erhalten. Alle genannten Quellen befinden sich vollständig im Zionistischen Zentralarchiv Jerusalem (Central Zionist Archives). Dort sind darüber hinaus auch die meisten unregelmäßig erschienenen Schriftstücke vorhanden, wie Flugschriften der Vereine oder private Briefe führender Persönlichkeiten der zionistischen Bewegung. Solche Quellen konnten im Rahmen dieser Arbeit nur in Form von Zitaten aus der vorhandenen Sekundärliteratur erschlossen werden.

1.2.2 Literaturlage

Die Literaturlage zum vorliegenden Thema hat sich bei der Recherche als weniger umfangreich als die Quellenlage erwiesen. Obwohl die Minoritätengeschichte in den letzten Jahren einen Aufschwung erfahren hat, ist die Forschungslage zu allen drei untersuchten Gruppen – Turnvereinen, Jugendgruppen und Studentenverbin-dungen – nicht zufriedenstellend. Für alle drei Gruppen gilt, daß sie in den letzten fünf bis zehn Jahren nur wenig Beachtung gefunden haben und zu dem bereits bestehenden Material kaum neues hinzugekommen ist.[12]

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Gruppen fand erstmals in den 1920er Jahren statt, als diese zum Teil noch existierten. Bedingt durch die Zeit des Nationalsozialismus blieb in der darauf folgenden Zeit eine Beschäftigung mit jüdischen Vereinen aus. Erst zu Ende der 1950er und in den 1960er Jahren erfuhren sie wieder größere Beachtung.

Für die Gruppe der jüdischen Turner erweist sich das vorhandene Material als lückenhaft. Die meisten Veröffentlichungen sind kürzere Aufsätze, die zu Jubiläen und Jahrestagen vor allem des Turnvereins „Bar Kochba“ erschienen sind.[13] Hervorzuheben ist jedoch der von Manfred Lämmer 1989 herausgegebene Sammelband über die jüdische Turn- und Sportbewegung in Deutschland.[14]

Vor allem die Literatur zum Thema Jugendgruppen und Jugendbewegung entstand, wie das verwendete Material in dieser Arbeit zeigt, größtenteils in den 1960er Jahren. Noch immer als unübertroffen gilt die äußerst fundierte Darstellung der Geschichte der jüdischen Jugendbewegung von Hermann Meier-Cronemeyer.[15] Neueren Datums ist die Dissertation Jutta Hetkamps,[16] die 1994 die jüdische Jugendbewegung in Deutschland für den Zeitraum 1913-1933 untersuchte. Dabei berücksichtigte sie sämtliche vorhandenen Jugendgruppen, was eine in die Tiefe gehende Untersuchung offensichtlich unmöglich machte. Zu ihrer Untersuchung gehört darüber hinaus ein Ergänzungsband, der Interviews mit ehemaligen Mitgliedern der Jugendgruppen enthält.[17]

Die zionistischen Studentenverbindungen scheinen noch weitgehend unerforscht. Mehrere Aufsätze des Leo Baeck Institute Yearbook beschäftigen sich mit der Thematik der jüdischen Studenten. Hervorzuheben sind die Aufsätze von Walter Gross und Moshe Zimmermann.[18]

Eine Auseinandersetzung mit der hier untersuchten Thematik hat, wie die verwendete Literatur zeigt, hauptsächlich im Rahmen der Erziehungs- und der Sportwissenschaften stattgefunden. Davon abgesehen blieb zumindest in der „Historikerzunft“ eine nähere Beschäftigung mit dem Thema für den deutschen Raum bisher aus.[19]

1.3 Erläuterungen zur Schreib- und Zitierweise

Zur Schreibweise hebräischer Ausdrücke liegt keine wissenschaftliche Umschrift vor. In den verwendeten Monographien und Aufsätzen sowie in den Quellen finden sich viele verschiedene Schreibweisen. Für die vorliegende Arbeit habe ich mich dazu entschieden, eine Umschrift zu benutzen, die einer Wiedergabe des jeweiligen hebräischen Wortes in der deutschen Aussprache entspricht. Andere Schreibweisen sind zur korrekten Aussprache nicht nötig, sie erlauben höchstens Rückschlüsse auf das verwendete hebräische Graphem.[20] In Zitaten und Eigennamen wird selbstverständlich die dort verwendete Schreibweise beibehalten.

In der vorliegenden Arbeit werden die vollen Namen der zu untersuchenden Gruppen jeweils bei der ersten Nennung ausgeschrieben und danach der besseren Übersicht wegen teilweise abgekürzt, z.B. ist der „Jüdische Turnverein Bar Kochba“ später auch als „Bar Kochba“ zu finden.

Beim Nachweis der Artikel der publizistischen Organe der Vereine beschränke ich mich in der bibliographischen Angabe auf die Nennung der Nr. bzw. des Heftes und des Erscheinungsjahres der jeweiligen Ausgabe. Angaben zum Jahrgang und Erscheinungsmonat werden in den Quellen nicht konsequent durchgehalten und sind zur eindeutigen Identifizierung nicht notwendig. Aus diesem Grund wird auf diese Angaben beim Zitieren verzichtet.

2. Definitionen

2.1 „Identität“

„Identität“ bedarf als einer der Schlüsselbegriffe der vorliegenden Arbeit einer näheren Definition. Studien über Minderheiten in einer Gesellschaft kommen nicht ohne die Verwendung des Begriffes „Identität“ aus. Die folgenden Ausführungen können allenfalls als Versuch einer Definition für den vorliegenden Aspekt gelten, da der Begriff „Identität“ so vielschichtig ist, daß er in dieser Arbeit nicht annähernd vollständig definiert werden kann:

Those who write on these matters use it casually; they assume the reader will know what they mean. And readers seem to feel that they do. [...] But if pinned down, most of us would find it difficult to explain just what we mean by identity.[21]

Zahlreiche in gängigen Lexika zu findende Beschreibungen des Begriffs „Identität“ definieren ihn als „völlige Übereinstimmung einer Person oder Sache mit dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird“.[22] Diese Beschreibung läßt auf die Eingebundenheit der Person oder Sache in eine Gruppe schließen. Für den vorliegenden Fall ergeben sich zwei Arten der Eingebundenheit: Erstens die Eingebundenheit einzelner Individuen in ihre eigene Gruppe, zweitens die Eingebundenheit dieser ganzen Gruppe oder Minderheit in die sie umgebende Gesellschaft. Gleason versteht darunter in beiden Fällen eine Interaktion zwischen zwei Sphären, nämlich zwischen der inneren Entwicklung der individuellen Persönlichkeit und dem Erwachsen eines „Selbst“, das sich durch die Partizipation in der Gesellschaft ergibt, also durch die Übernahme kultureller Normen, das Erreichen eines bestimmten Status oder das Spielen bestimmter Rollen in dieser Gesellschaft.[23] Die Interaktion mit der Gesellschaft hat für den vorliegenden Zusammenhang besondere Bedeutung. Darüber hinaus wird Identität in der Psychologie als „die als ,Selbst’ erlebte innere Einheit der Person“[24] beschrieben. Wieder muß dies im Zusammenhang mit der Gesellschaft betrachtet werden, denn die innere Einheit einer Person stellte in der historischen Entwicklung solange kein Problem dar, wie das innere (die Person) und äußere Konzept (die Gesellschaft) grundsätzlich eins waren, nämlich traditionellen Werten einer christlichen Gesellschaft entsprachen.[25]

Für die Gruppe der Juden waren diese beiden Konzepte jedoch nicht immer gleich. Vor der Emanzipation waren die Juden ohnehin eine abgegrenzte Gruppe, die sich außerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft überhaupt nicht definieren mußte. Definierte sie sich innerhalb dieser Gemeinschaft, so war die zuvor angesprochene innere Einheit der Person bzw. der Gruppe relativ problemlos, da das innere und äußere Konzept übereinstimmten. Die Problematik begann jedoch mit dem Eintritt der Juden in die meist christlich geprägte Gesellschaft der Staaten, in denen sie lebten. Die Frage der Identität stellte sich nun neu. Wenn z.B. ein Kapitel über jüdische Identität den Titel „The Elusive Character of Jewish Identity“[26] trägt, so zeigt sich darin schon die Schwierigkeit, eine jüdische Identität zu erfassen.

Die Definition des Begriffs „Identität” stützt sich auf den Psychologen Erickson: „I shall understand identity as referring to those totalities of characteristics which individuals believe to constitute their selves.“[27] Somit kann „Identität“ das umfassen, was die Anwort eines Individuums oder einer Gruppe auf die Frage „Wer/was bin ich bzw. sind wir?“ und „Wie ordnen wir uns ein?“ ausmachen würde. Es handelt sich bei der Feststellung der eigenen Identität also um die Schaffung eines Selbstbildes, oder, umgekehrt formuliert: Durch die Schaffung eines Selbstbildes, einer „Selbst-Sicht“, entsteht das Bild einer Eigenidentität.

2.2 „Nationaljudentum“ und „Zionismus“

Gegenstand dieser Untersuchung sind jüdische Vereine und Organisationen, die national-jüdisch oder zionistisch orientiert waren. In der Selbstbeschreibung dieser Vereine wird zwischen den Begriffen „national-jüdisch“ und „zionistisch“ unterschieden. Wie im folgenden gezeigt wird, erscheint die Bezeichnung „national-jüdisch“ schwächer als „zionistisch.“

Tatsächlich beginnt die Geschichte des Zionismus mit dem Auftreten der national-jüdischen Idee.[28] Grundlage dieser Idee ist die Annahme, das Judentum sei ein Volk, eine Nation, und keine bloße Religionsgemeinschaft, wie assimilierte Kreise des deutschen Judentums behaupteten. In einer zeitgenössischen Auseinander-setzung mit dem Nationaljudentum und dem Zionismus heißt es, das Nationaljudentum kämpfe für nationale Rechte der Juden in den westeuropäischen Ländern, der Zionismus dagegen versuche, einen unabhängigen Staat in Palästina zu etablieren.[29]

Für die vorliegenden Zusammenhänge gestaltet sich diese Abgrenzung jedoch komplizierter. Der Begriff „Zionismus“ rief bei der Mehrheit der deutschen Juden Ablehnung hervor, bestand doch ihrer Meinung nach die Gefahr, daß alle Bemühungen, als gleichberechtigte Deutsche anerkannt zu werden, durch nationale Bestrebungen des jüdischen Volkes zunichte gemacht würden. Organisationen, deren Anliegen es war, Mitglieder zu werben oder möglichst verschiedene Tendenzen in ihrer Gruppe zu vereinigen, zogen es daher vor, den Begriff „Zionismus“ nicht zu verwenden. Statt dessen bediente man sich des Begriffes „Nationaljudentum“, der zwar eine grundsätzlich ähnliche Richtung beinhaltete, jedoch nicht die Radikalität des Begriffes „Zionismus“ besaß. Wie sich in der vorliegenden Arbeit zeigen wird, trifft dies auf alle Gruppen, die sich „national-jüdisch“ nennen, zu. Bei diesen Gruppen verbirgt sich hinter dem Begriff „Nationaljudentum“ eine zionistische Haltung. In den meisten Fällen ist im Lauf der Zeit eine zunehmende Radikalisierung und eine stärkere Tendenz zur offenen Verwendung des Begriffes „Zionismus“ beobachten. Wegen der engen Verbindung zwischen „Nationaljudentum“ und „Zionismus“ und der Tatsache, daß sich ersteres oft zum letzteren entwickelte, werden diese beiden Ausdrücke in der vorliegenden Arbeit in enge Beziehung zueinander gesetzt und an vielen Stellen „in einem Atemzug“ genannt.

2.3 „Assimilation“

Der Begriff „Assimilation“ ist einer der im Zusammenhang mit der deutsch-jüdischen Existenz am häufigsten benutzten Begriffe. Die Diskussion über das jüdische Leben im Deutschland vor der nationalsozialistischen Herrschaft drehe sich sogar immer [meine Hervorhebung] um den Assimilationsprozeß, heißt es bei Volkov.[30] Es erscheint daher auch hier sinnvoll, diesen oft so unbefangen verwendeten Begriff näher zu erläutern.

„Assimilation“ wird im allgemeinen als das Aufgehen einer nationalen Minderheit in einem anderen Volk bezeichnet. Für das deutsche Judentum ist der Begriff damit jedoch nicht ausreichend geklärt. Der Terminus hat im Laufe des 19. Jahrhunderts einen Wandel durchgemacht. Wurde er ursprünglich als positiver Begriff verwendet, mit dem die soziale und kulturelle Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft beschrieben wurde, so erhielt er in der Auseinandersetzung zwischen Zionisten und ihren Gegnern eine deutlich negative Färbung.[31] Für den vorliegenden Zusammenhang erscheint folgende Definition sinnvoll, wenn es heißt, bei der Assimilation handle es sich um den doppelten Prozeß sozialer Integration auf der einen und kultureller Anpassung auf der anderen Seite.[32] Wichtig ist jedoch, daß hinsichtlich der Situation der Juden in Deutschland keine Übereinstimmung über die Auswirkungen der Assimilation herrscht. Einerseits argumentiere man, daß das deutsche Judentum am Vorabend des Ersten Weltkrieges voll integriert war, anderseits vertrete man den Standpunkt, daß es eine solche soziale Integration nie gegeben habe, schreibt Volkov.[33]

3. Juden im wilhelminischen Deutschland – Probleme der Integration

Die Entfaltung jüdischer Identität am Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts geschah vor allem vor dem Hintergrund des zu dieser Zeit neu aufflammenden Antisemitismus.[34] Darüber herrscht in der Literatur weitgehende Einigkeit. War die „Judenfrage“ zunächst die Frage nach der Emanzipation, so stellte sie sich jetzt neu, allerdings als Frage nach der erneuten Diskriminierung der Juden, die im Zuge der Emanzipation im öffentlichen Leben sowie in Wirtschaft und Gesellschaft eine bedeutende Stellung eingenommen und sich zum größten Teil völlig assimiliert hatten.

Der Antisemitismus, wie er im 19. Jahrhundert entstand, darf niemals isoliert betrachtet werden, sondern muß immer in Zusammenhang mit der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung gesetzt werden. Die „Judenfrage“ löste keinesfalls den Antisemitismus aus, vielmehr wurde durch den Antisemitismus die „Judenfrage“ ins Leben gerufen.[35]

Deutsch-jüdische Selbstbilder und die Entfaltung jüdischer Identität können folglich nur vor dem Hintergrund der Situation der Juden im wilhelminischen Deutschland betrachtet werden. Eine detaillierte Darstellung dieser Zeit, die alle Facetten jüdischen Lebens einbezieht, würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen und ist für das Verständnis des Gesamtzusammenhangs nicht notwendig. Die folgende Darstellung kann deshalb nur überblickartig sein und muß zwangsläufig den einen oder anderen Aspekt vernachlässigen.

Nach der völligen Gleichstellung der Juden durch das Gesetz des Norddeutschen Bundes vom 3. Juli 1869[36] war die lange Phase der Emanzipation, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts begonnen hatte, beendet.[37] Doch auch nach der rechtlichen Gleichstellung der Juden bestand keinesfalls Klarheit über ihren Status in der Gesellschaft.

Untrennbar verbunden war die Emanzipation der Juden mit dem Liberalismus[38] und dem liberalen Kapitalismus, von deren Entwicklung sie getragen wurde. 1971 trat eine „radikale Neuinterpretation“ der Emanzipation der Juden hervor: „Capitalism and capitalism alone emancipated the Jews.“[39] Dieser Zusammenhang ist von Bedeutung, da der sich entwickelnde Kapitalismus sowohl für die Emanzipation der Juden als auch für ihre erneute Diskriminierung am Ende des Jahrhunderts eine wesentliche Rolle spielte. Mit dem Auf und Ab des Kapitalismus stand und fiel die Stellung der Juden, auch wenn sie mit dessen Entwicklung nicht immer synchron verlief.[40]

Auf die Hochkonjunktur der „Gründerjahre“[41] folgte im Jahr 1873 eine Weltwirtschaftskrise, durch die das Deutsche Reich stärker als andere europäische Staaten getroffen wurde.[42] Kennzeichnend für das Deutschland der 1870er Jahre war, daß das Krisenbewußtsein in der deutschen Bevölkerung in keinem reellen Verhältnis zur wirklichen Lage stand. Die wirtschaftlichen und sozialen Probleme waren weit weniger dramatisch, als sie empfunden wurden. Einzigartig für Deutschland war vor allem das Krisenbewußtsein von Bevölkerungsschichten, die von der Krise überhaupt nicht unmittelbar betroffen waren.[43] Diese Lage konnte für Minderheiten, die noch nicht voll integriert waren bzw. auf deren vermeintliche Integration keine Phase der Konsolidierung gefolgt war, gefährlich werden. Auf die Situation der Juden traf dies zu: So kommt es zu der Folgerung, daß die Emanzipationsidee nie zu einem allgemein akzeptierten Grundsatz der europäischen Staatsführungen wurde, und auch die gesetzlichen Vorgaben von den Bürokratien vielfach nur widerwillig umgesetzt wurden. Im Zusammenleben von Juden und Christen blieb deshalb vieles erhalten, was den Zusammenbruch des Ancien régime überdauert hatte.[44]

Hier werden die tief verwurzelten Vorurteile, die in breiten Schichten der Bevölkerung trotz des meist veränderten Erscheinungsbild der Juden noch vorherrschten, angesprochen. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine dauerhafte Lösung der „Judenfrage“ im emanzipatorischen Sinne wäre der Abbau der überlieferten Stereotypen bei der christlichen Bevölkerung gewesen. Religiöse und andere Vorurteile waren in Sitten und Gebräuchen so tief verankert, daß sie auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch immer grundlegend die Haltung der Landbevölkerung gegenüber den Juden beeinflußten und sich in abgeschwächter Form auch bei den Gebildeten und politisch Fortschrittlichen bemerkbar machten.[45]

Hinzu kam, daß auch unter den meisten Liberalen die Integration der Juden in die Gesellschaft nicht als Akt der Akzeptanz verstanden wurde. Viel mehr als um eine wirkliche Integration ging es um die Aufgabe des Judentums bzw. der jüdischen Identität. Die Juden sollten „entjudet“ werden, damit sie zu Bürgern erhoben werden konnten.[46]

3.1 Die „Judenfrage“ als Frage der Emanzipation – Juden als Träger der bürgerlichen Kultur

Die Chancen der industriellen Revolution verhalfen vielen Juden zu einer neuen Rolle im Unternehmertum. Die in diesem Bereich tätigen Juden zählten zu dem sogenannten Magnatentum, dessen Entwicklung sich schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgezeichnet hatte. In dieser Zeit wirkten Juden zumeist als Hersteller von Waren für die Industrie. Jüdische Unternehmer betätigten sich vor allem in den Branchen Bank- und Pressewesen, Eisenbahnbau sowie als Inhaber von Warenhäusern, einem neuen Phänomen des 19. Jahrhunderts. Um die Jahrhundertmitte war jeder zweite der neuen Industriellen in Berlin Jude, was keineswegs dem Bevölkerungsanteil der Juden entsprach.[47] Wie bereits erwähnt, gewannen die Juden auch im Bankwesen an Einfluß. Die Stellung des Hofjuden wurde jetzt durch die des Privatbankiers ersetzt. Später erweiterten die traditionellen Familienbanken wie die der Rothschilds, der Mendelsohns oder der Oppenheims ihren Kundenkreis durch die Großindustrie. Juden waren jedoch auch in nichtjüdischen Banken zu finden.[48]

Ein anderer Berufszweig, in dem Juden in verhältnismäßig hoher Zahl vertreten waren, war das Pressewesen. Hier lösten die sogenannten „Pressebarone“ Spekulationen über die vermeintliche Macht der Juden und deren Willen zu einer Machtübernahme in Deutschland aus, die allerdings mit der Realität wenig zu tun hatten. Zu den Pressebaronen zählten beispielsweise Leopold Sonnemann[49], Leopold Ullstein[50] und Rudolf Mosse.[51] Sie engagierten sich zwar von Berufs wegen stark in der Tagespolitik, von einer Übernahme der Macht in Deutschland als von ihnen angestrebtes Ziel kann aber keine Rede sein. Diese Großunternehmer repräsentierten jedoch nur einen sehr kleinen Teil des deutschen Judentums. Die Mehrheit erwarb ihren Lebensunterhalt auf weit weniger spektakuläre Art und Weise.

Der Großteil der Juden, im Jahr 1871 rund 60 Prozent,[52] war dem gehobenen Bürgertum zuzurechnen. Die Tätigkeitsfelder, in denen die Juden nach der Emanzipation wirkten, unterschieden sich trotz aller Anpassung von denen der nichtjüdischen Bevölkerung. Rund ein Drittel der nichtjüdischen Deutschen war in der Landwirtschaft tätig, und nur etwa zehn Prozent erwarben ihren Lebensunterhalt im Handel. In der letzteren Branche betätigten sich dagegen etwa 50 Prozent der Juden.[53] Die Kategorie „Handel“, unter der die Tätigkeit der Juden in Statistiken der Zeit geführt wurde, umfaßte allerdings eine Vielzahl verschiedener Berufe. Vor allem waren Juden als Ladenbesitzer, ganz besonders in der Textilbranche, zu finden. Sie betätigten sich auch in hohem Maße als Lieferanten von Produkten für die Industrie.

Juden wurden gegen Ende des Jahrhunderts zu Trägern der deutschen Kultur.

Niemand nahm die deutsche Kultur ernster, als die Juden es taten. Sie schickten ihre Söhne in einer Anzahl auf die Universität, die ihren zahlenmäßigen Anteil der deutschen Bevölkerung bei weitem überstieg. [...] Vor allem wurden deutsche Juden von der Hochkultur angezogen – als Abonnenten von Opern und Konzertreihen, als bücherverschlingende Leser zeitgenössischer Literatur und Förderer der Künste. In ihrem Privatleben nahm die deutsche Kultur einen ganz besonderen Ehrenplatz ein, erfreute sich der gleichen Hochachtung wie früher, bei ihren Vorfahren, das Hebräische und die religiöse Literatur.[54]

Es hat zuweilen den Anschein, als hätten die deutschen Juden versucht, „deutscher als die Deutschen“ zu sein, indem sie die deutsche Kultur und deren Werte in hohem Maße pflegten.

Dieser kurze Überblick spiegelt jedoch eher ein Bild wider, das sich aus Statistiken ableiten läßt. Wie aber empfanden deutsche Juden ihre Kulturzugehörigkeit im Kaiserreich? Thema der Schriften des Autors Jakob Wassermann ist immer wieder die Problematik der deutsch-jüdischen Identität. In seinen Erinnerungen berichtet er von seinem Drang, seine durch sein „Judesein“ begründete Fremdheit zu überwinden und zu seiner christlichen Umwelt zu gehören. Er beschreibt seine Kindheit in der christlichen Kleinbürgerwelt:

[...] am Christabend durften wir zur Bescherung kommen und wurden mitbeschenkt. Aber Wachsamkeit und Fremdheit blieben. Ich war Gast, und sie feierten Feste, an denen ich keinen Teil hatte. Nun war aber das Streben meiner Natur gerade darauf gerichtet, nicht Gast zu sein, nicht als Gast betrachtet zu werden. Als gerufener, nicht als aus Mitleid und Gutmütigkeit geduldeter noch weniger, als einer, der aufgenommen wird, weil man seine Art und Herkunft zu ignorieren sich entschließt, erst recht nicht. Angeboren war mir das Verlangen, in einer gewissen Fülle des mich umgebenden Menschlichen aufzugehen.[55]

3.2 Die „Judenfrage“ als Frage der Diskriminierung – der neu aufflammende Judenhaß

So sehr die Juden jedoch in der deutschen Kultur aufgingen, einen Schutz vor dem Antisemitismus bot dies nicht. Mit der Wirtschaftskrise der 1870er Jahre erlebte das Bürgertum, das die Entwicklung bisher getragen hatte, nicht nur eine materielle Krise. Ausgelöst wurde dadurch vor allem ein Umbruch des kollektiven Bewußtseins des Bürgertums, welches unter dem Eindruck fallender Profite, schrumpfender Absatzmärkte und dem Anwachsen sozialer Spannungen in den folgenden Jahren seine Selbstsicherheit verlor und sich durch bisher unbekannte Gefahren bedroht sah.

Die Phase des Aufschwungs der 1850er Jahre war durch einen relativen Abbau der sozialen Spannungen und den Anstieg des Lebensstandards durch die Möglichkeiten der kapitalistischen Produktion gekennzeichnet. Es entstand eine regelrechte Euphorie. Auf diese Zeit des Wachstums folgte jedoch die als „Große Depression“ bezeichnete Phase des verlangsamten Wachstums und der Stagnation. Diese Phase wurde zwar von kürzeren Besserungen durchbrochen, doch eine Zeit des sicheren Aufschwungs konnte erst in der Mitte der 1890er Jahre entstehen. Hatte die vorangegangene Aufschwungsphase gesellschaftliche Spannungen abgebaut, so verschärften sich diese jetzt und führten zu einer wachsenden Ablehnung des Kapitalismus.

Auf diesem Hintergrund boten sich die Juden als noch nicht voll integrierte Minderheit als Sündenbock an. So heißt es, wesentliche Belastungen hätten sich auch dadurch ergeben, daß die Juden schon früh für die Benachteiligten und Kritiker des sich entwickelnden kapitalistischen Systems zur negativen Symbolfigur des Kapitalismus geworden seien. Sie seien ja in der Tat nicht nur überwiegend in Handel und Geldgeschäft tätig gewesen, sondern hätten auch im Vergleich zu anderen Sozialgruppen beträchtliche Startvorteile in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft genossen.[56]

Im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Lage im Kaiserreich läßt sich eine interessante Beobachtung machen: Kennzeichnend für das wilhelminische Zeitalter, also für die Umwelt, in der die Juden lebten, ist unter anderem das Nebeneinander von Tradition und Moderne. Wie bereits aus den vorangegangen Ausführungen ersichtlich wurde, spielte der technische und folglich der wirtschaftliche Fortschritt eine tragende Rolle bei der Entwicklung von sozialen Spannungen, die sich ihrerseits auf die Lage der Juden auswirkten. Eine Studie über die Mentalität der Wilhelminer beschreibt die Belastung der wilhelminischen Generation durch den Übergang zur kapitalistischen Gesellschaft:

Geboren in der Zeit des Ausbaus des ersten Eisenbahnnetzes, erlebte sie [die wilhelminische Generation] die Einführung des Telefons, des Automobils und Flugzeugs, des Rundfunks, und im Greisenalter womöglich noch den Abwurf der ersten Atombombe. Dieser Wandel vom Agrar- in einen Industriestaat innerhalb kürzester Zeit verlangte seinen Tribut. [...es] entwickelte sich eine politische Mentalität, die sich implizit dem Wandel verweigerte.[57]

Darüber hinaus wird wilhelminischen Unternehmern sogar eine „Unfähigkeit zum Konflikt“ bescheinigt, die dazu führte, daß Konflikte nicht rational ausgetragen, sondern als „Vernichtungskampf“ gegen den sozialen Kontrahenten geführt wurden.[58]

Das Streben der Juden nach voller gesellschaftlicher Anerkennung wurde nicht nur im wirtschaftlichen Bereich von ihrer Umwelt gefürchtet. Als in den 1870er Jahren der Judenhaß wieder aufflammte, tat sich der Hofprediger Adolf Stoecker besonders hervor, indem er neben dem religiösen Judenhaß nun auch politisch und rassistisch gefärbten Antisemitismus predigte.[59]

Im universitären Umfeld wurde der politische Antisemitismus durch Heinrich von Treitschke verbreitet, der an der Berliner Universität Professor für Geschichte war.[60] Die Schriften und Reden v.Treitschkes beeinflußten große Schichten des Bürgertums, welches unter anderem durch die Umwälzungserscheinungen der Zeit für ein solches Gedankengut empfänglich war. Auf v.Treitschke wird noch an anderer Stelle einzugehen sein.

Vor dem Hintergrund des bisher Geschilderten sollen nun die zu dieser Zeit entstehenden und existierenden jüdischen Turnvereine, Jugendgruppen und Studentenverbindungen untersucht werden.

4. Der „Jüdische Turnverein Bar Kochba“

4.1 Gründe für die Entstehung jüdischer Turnvereine

Die Gründung des „Jüdischen Turnvereins Bar Kochba“ in Berlin[61] hatte hauptsächlich zwei Ursachen, die jedoch in gleichem Maße auf die Entstehung der jüdischen Turnbewegung, an deren Anfang die Gründung des „Bar Kochba“ stand, zutrafen. So heißt es, ähnlich der zionistischen Bewegung könne auch die jüdische Turnbewegung zumindest durch zwei Ursachen erklärt werden: Erstens als Reaktion auf den damaligen, sich in den deutschen Turnvereinen bemerkbar machenden Judenhaß, zweitens aber als Versuch, sich zu einem neuen jüdischen Menschenbild durchzuringen.[62]

4.1.1 Antisemitismus in der „Deutschen Turnerschaft“

Es ist unumstritten, daß der Antisemitismus eine der wichtigsten Ursachen für die Gründung des Berliner Turnvereins „Bar Kochba“ war, auch wenn seine 48 Gründerväter 1898 den Judenhaß nicht als Hauptgrund für die Entstehung des Vereins anerkennen wollten.[63]

Es ist daher sinnvoll, die Entwicklung der „Deutschen Turnerschaft“, der am Ende des 19. Jahrhunderts auch zahlreiche Juden angehörten, zumindest ab den 1880er Jahren genauer zu betrachten.[64] Von dem zunehmenden Antisemitismus dieser Jahre blieben auch die jüdischen Mitglieder deutscher Turnvereine nicht verschont. Ihren Anfang nahmen die judenfeindlichen Agitationen in Österreich, genauer gesagt in Niederösterreich und in der Gegend von Wien. Organisatorisch gehörten die deutsch-österreichischen Vereine dem XV. Kreis des Dachverbandes, der „Deutschen Turnerschaft“, an. Der XV. Kreis wiederum unterteilte sich in Gaue, die den einzelnen Vereinen übergeordnet waren. Zwei Ereignisse waren im XV. Kreis der „Deutschen Turnerschaft“ Wegbereiter für die Gründung antisemitischer Organisationen: Die Entstehung der ersten „judenreinen“ Turnvereine 1885/86[65] sowie der erste Versuch, einen Arierparagraphen in die Satzung des „Ersten Wiener Turnvereins“ einzuführen. Dieser Versuch war nach einigen Schwierigkeiten auch erfolgreich.[66] In der neuen Satzung des „Ersten Wiener Turnvereins“ heißt es: „Vereinsangehörige können nur Deutsche (arische Abkunft) sein, deren Aufnahme vom Turnrathe bestätigt wird.“[67] Obwohl die „Deutsche Turnerschaft“ zu dieser Zeit noch nicht für deutsch-völkische Ziele zu begeistern war,[68] nahm hier der Antisemitismus in den deutschen Turnvereinen seinen Anfang und sollte sich, wie noch zu zeigen ist, immer stärker ausbreiten.

[...]


[1] Lent, H., „Vereinsliederbuch für Jung-Juda. Hrsg. vom Jüdischen Turnverein ‚Bar Kochba’-Berlin.“ In: Jüdische Turnzeitung, Nr. 11 (1901), S. 136. Es handelt sich um die Vorankündigung der zweiten Auflage des Liederbuches.

[2] Der Umfang der vorliegenden Arbeit macht ein genaues Eingehen auf das nationale Denken am Ende des 19. Jahrhunderts unmöglich. Siehe dazu z.B. Thomas Nipperdeys Ausführungen über den Nationalismus nach 1890 in: Deutsche Geschichte 1866-1918, hier: Bd. 2: Machtstaat vor der Demokratie. München 1998 (Sonderdruck), insbesondere S. 595-609. Einen allgemeineren Überblick bietet Dann, Otto, Nation und Nationalismus in Deutschland. 1770-1990. München 1996 (3. Auflage).

[3] So übte Turnvater Jahn für die deutsch-nationalen ebenso wie für die jüdischen Turnvereine eine Vorbildfunktion aus. Auch in Aufbau und Struktur der jüdischen Vereine sind große Ähnlichkeiten zu ihrem jeweiligen deutschen Pendant festzustellen. Jüdische Jugendgruppen übernahmen die meisten Elemente aus dem deutschen „Wandervogel“, und auch die jüdischen Studentenverbindungen unterschieden sich im Hinblick auf ihre Aktivitäten wenig von deutschen Verbindungen.

[4] Siehe Mosse, George L., Das Bild des Mannes. Frankfurt am Main 1997.

[5] Sicherlich trifft dies am meisten auf die deutsche und jüdische Turnbewegung zu. In engem Zusammenhang damit stand jedoch das Streben nach einer Wehrhaftigkeit, das von jüdischen Jugendgruppen und vor allem von Studentenverbindungen verkörpert wurde.

[6] Die Bestrebungen der assimilierten deutschen Juden, die ihr Judentum oft sogar zu verleugnen versuchten, stehen nicht im Vordergrund der vorliegenden Arbeit. Auf sie, die den größten Teil des deutschen Judentums ausmachten, wird an entsprechenden Stellen kurz eingangen werden. Zum Begriff „Assimilation“ siehe Kapitel 2.3 der vorliegenden Arbeit.

[7] Unter „zionistischer Bewegung“ wird hier der organisierte Zionismus verstanden. Seit 1897 finden bis heute alle zwei Jahre die sogenannten „Zionisten-Kongresse“ statt, auf denen gewählte Vertreter zionistischer Institutionen zu Wort kommen. Daneben existiert ebenfalls seit 1897 die „Zionistische Vereinigung für Deutschland“ (Z.V.f.D.). Auch sie setzt sich aus gewählten Vertretern der zahlreichen Ortsgruppen zusammen. Diese Organisationen bilden die „Zionistische Bewegung“ Der Begriff „Zionistische Bewegung“ wird als feststehender Ausdruck übernommen.

[8] Zum Begriff „Identität“ siehe Kapitel 2.1 der vorliegenden Arbeit.

[9] Die Begriffe „Nationaljudentum“ und „Zionismus“ werden noch erklärt. Siehe Kapitel 2.2 der vorliegenden Arbeit.

[10] Der Begriff „Bewegung“ als Bezeichnung für die zu untersuchenden Gruppen habe wurde aus der Sekundärliteratur übernommen. Die Zugehörigkeit der Vereine zu einer jeweiligen „Bewegung“ wird dabei jedoch in der hier verwendeten Sekundärliteratur weder in Frage gestellt, noch findet sich eine ausdrückliche Definition des Begriffes. Kriterien für oder gegen das Vorhandensein einer „Bewegung“ zu erläutern, kann jedoch aufgrund der Schwerpunktsetzung nicht Teil der vorliegenden Arbeit sein.

[11] Diese Anpassung führte in den meisten Fällen nicht zu einer eindeutigen Identität, sondern zu einer inneren Zerrissenheit. Der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ kann als Beispiel für dieses Phänomen betrachtet werden. Er trat einerseits zwar für jüdische Interessen ein, gab sich andererseits jedoch betont assimiliert und deutsch. An geeigneter Stelle wird der „Centralverein“ noch näher betrachtet werden.

[12] Ausgenommen davon sind zahlreiche Diplom- und Magisterarbeiten, die jedoch nicht veröffentlicht wurden. Dies wurde durch die Einsicht in das Material der Kölner Germania Judaica, Bibliothek zur Geschichte des Deutschen Judentums e.V., deutlich.

[13] Die Auseinandersetzung scheint jedoch oft nicht auf wissenschaftlicher Ebene stattzufinden. Vielmehr handelt es sich um pathetische Rückblicke ehemaliger Mitglieder auf ihren Turnverein. Auf solche Schriftstücke mußte hier deshalb verzichtet werden.

[14] Die Jüdische Turn- und Sportbewegung in Deutschland 1898-1938. Beiträge zu einer Tagung an der Führungs- und Verwaltungsakademie Berlin des Deutschen Sportbundes, 7.-10. November 1988. Hrsg. von Manfred Lämmer. Sankt Augustin 1989.

[15] Meier-Cronemeyer, Hermann, „Jüdische Jugendbewegung. Erster Teil.“ In: Germania Judaica. Kölner Bibliothek zur Geschichte des Judentums e.V., Nr. 1-2 (1969), S. 1-56 sowie ders., „Jüdische Jugendbewegung. Zweiter Teil.“ In: Germania Judaica. Kölner Bibliothek zur Geschichte des Judentums e.V., Nr. 3-4 (1969), S. 57-122.

[16] Hetkamp, Jutta, Die Jüdische Jugendbewegung in Deutschland 1913-1933, Bd. 1. Münster 1994 (Anpassung –Selbstbehauptung – Widerstand, Bd.4).

[17] Hetkamp, Jutta, Ausgewählte Interviews mit Ehemaligen der jüdischen Jugendbewegung in Deutschland 1913-1933, Bd. 2. Münster 1994 (Anpassung –Selbstbehauptung – Widerstand, Bd.4).

[18] Gross, Walter, „The Zionist Students’ Movement.“ In: Leo Baeck Institute Yearbook 4 (1959), S.143-164 sowie Zimmermann, Moshe, „Jewish Nationalism and Zionism in German Jewish Students’ Organisations.“ In: Leo Baeck Institute Yearbook 27 (1982), S.139-153.

[19] Für Österreich sieht die Literaturlage dagegen erfreulicher aus. Hier beschäftigte sich in den letzten Jahren Harald Seewann mit national-jüdischen Studentenverbindungen. Zu nennen ist vor allem: Seewann, Harald, „,Mit Wort und Wehr für Zions Ehr‘!‘ Jüdisch-nationale Studentenverbindungen als Wegbereiter des Zionismus auf akademischem Boden in Österreich.“ In: Einst und Jetzt. Jahrbuch für Corpsstudentische Geschichtsforschung 38 (1993), S. 207-215.

[20] Bei dem hebräischen Wort für Diaspora, Galut, findet sich z.B. sowohl die Schreibweise „Galut“ als auch „Galuth“. Die Aussprache der beiden Wörter unterscheidet sich im Deutschen nicht. Wohl aber weist die Schreibweise „Galuth“ auf die Verwendung des im Hebräischen gleichklingenden Buchstaben „Tav“ statt „Tet“ hin, der gemäß dieser Schreibweise durch ein einfaches „t“ repräsentiert wird.

[21] Gleason, Philip, „Identifying Identity. A Semantic History.“ In: Journal of American History 69 (1983), S. 910. Im folgenden zitiert als Gleason, „Identifying Identity.“

[22] Stichwort „Identität“ z.B. in: Brockhaus Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden. Hrsg. u. bearb. vom Wissenschaftlichen Rat und den Mitarbeitern der Dudenredaktion unter Leitung von Günter Drosdowski, hier: Ergänzungsband 27: Deutsches Wörterbuch. Mannheim 1995 (20. Aufl.) sowie in: Meyers Enzyklopäisches Lexikon. Hrsg. und bearb. vom Wissenschaftlichen Rat u.a. Mitarbeitern der Dudenredaktion, hier: Ergänzungsband 31: Deutsches Wörterbuch, Mannheim 1980 (9. Aufl.).

[23] Vgl. Gleason, „Identifying Identity“, S. 914. Gleason bezieht sich in dieser Erklärung auf sein Verständnis von Erik H. Ericksons Auffassung von Identität, die dieser als „a process located in the core of the individual and yet also in the core of his communal culture, a process which establishes, in fact, the identity of those two identities“ vesteht. (Vgl. Anm. 13 in Gleasons Aufsatz).

[24] Stichwort „Identität“ in Wahrig Fremdwörterlexikon. Hrsg., grundlegend überarbeitet und erweitert von Renate Wahrig-Burfeind, Gütersloh 2000. Weitere Definitionen in anderen Lexika gleichen der vorliegenden Definition. Siehe auch die oben genannten Lexika (siehe Anm. 22 der vorliegenden Arbeit).

[25] Vgl. Gleason, „Identifying Identity“, S. 911f.

[26] Meyer, Michael A., Jewish Identity in the Modern World. Seattle/London 1990, S. 3ff. Im folgenden zitiert als Meyer , Jewish Identity.

[27] Ebd., S. 5. Meyer faßt sein Verständnis des Ericksons auf diese Weise zusammen.

[28] Das Entstehen des politischen Zionismus aus einer „national-jüdischen Idee“ ist in der Literatur unumstritten. Die Entwicklung des Zionismus hier auch nur grob nachzuzeichnen, würde allerdings den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen. Eine immer noch unübertroffene Gesamtdarstellung des deutschen Zionismus, in der die Entwicklung von der national-jüdischen Idee zum politischen Zionismus fundiert dargestellt wird, ist Eloni, Yehuda , Zionismus in Deutschland. Von den Anfängen bis 1914. Gerlingen 1987 (Schriftenreihe des Instituts für Deutsche Geschichte, Universität Tel Aviv, Bd. 10). Im folgenden zitiert als Eloni, Zionismus in Deutschland.

[29] Zitiert nach Zimmermann, Moshe, „Jewish Nationalism and Zionism in German Jewish Students’ Organisations.“ In: Leo Baeck Institute Yearbook 27 (1982), S. 130. Im folgenden zitiert als Zimmermann, „Jewish Nationalism and Zionism.“

[30] Vgl. Volkov, Shulamit, Jüdisches Leben und Antisemitismus im 19. Und 20. Jahrhundert. Zehn Essays. München 1990, S. 132. Im folgenden zitiert als Volkov, Jüdisches Leben und Antisemitismus.

[31] Vgl. ebd., S. 132 sowie Paucker, Arnold, „Zur Problematik einer jüdischen Abwehrstrategie in der deutschen Gesellschaft.“ In: Juden im Wilhelminischen Deutschland. Hrsg. von Werner E. Mosse. Tübingen 1976 (Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, Bd. 33), S. 514f.

[32] Vgl. Volkov, Jüdisches Leben und Antisemitismus, S. 133.

[33] Vgl. ebd.

[34] Der hier erwähnte Antisemitismus ist der sogenannnte moderne politische Antisemitismus, wie er in dieser Zeit zu Tage trat. Über den genauen Zeitpunkt der Entstehung dieses Begriffes gibt es verschiedene Meinungen. Eine gute Übersicht dazu bietet: Rürup, Reinhard, Emanzipation und Antisemitismus. Studien zur „Judenfrage“ der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt am Main 1987. Im folgenden zitiert als Rürup, Emanzipation und Antisemitismus.

[35] Vgl. ebd., S. 94.

[36] Dieses Gesetz bestand aus nur einem Artikel, der besagte, daß alle bestehenden Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte, die aufgrund der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses beständen, hiermit aufgehoben seien.

[37] Die Literatur zum Thema „Emanzipation“ ist inzwischen unüberschaubar. Hier sollen deshalb nur einige Übersichtswerke genannt werden: Katz, Jacob, Aus dem Ghetto in die bürgerliche Gesellschaft. Jüdische Emanzipation 1770-1870. Frankfurt am Main 1986. Zu den negativen Auswirkungen der Emanzipation siehe: Erb, Rainer/Bergmann, Werner, Die Nachtseite der Judenemanzipation. Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780-1860. Berlin 1989 (Antisemitismus und jüdische Geschichte, Bd. 1).

[38] Dieter Langewiesche umschreibt die Verbundenheit der Judenemanzipation mit dem Liberalismus wie folgt: „Als dann im Reichsgründungsjahrzehnt erneut unter liberaler Führung die rechtliche Gleichstellung der Juden vollendet wurde, gingen Liberalismus und Judenemanzipation im Urteil der Zeitgenossen eine unlösbare Symbiose ein.“ Langewiesche, Dieter, „Liberalismus und Judenemanzipation in Deutschland im 19. Jahrhundert.“ In: Juden in Deutschland. Emanzipation, Integration, Verfolgung und Vernichtung. Hrsg. von Peter Freimark, Alice Jankowski und Ina S. Lorenz. Hamburg 1991. S. 149.

[39] Zitiert nach Rürup, Reinhard, „Emanzipation und Krise. Zur Geschichte der ,Judenfrage‘ in Deutschland vor 1890.“ In: Juden im Wilhelminischen Deutschland 1890-1914. Hrsg. von Werner E. Mosse. Tübingen 1976 (Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, Bd. 33), S. 2. Im folgenden zitiert als Rürup, „Emanzipation und Krise.“

[40] Selbstverständlich ist dieser Zusammenhang nicht der einzig verantwortliche Faktor für die Stellung der Juden. Eine genauere Erarbeitung der einzelnen Punkte ist jedoch in der vorliegenden Arbeit weder erstrebenswert noch möglich. Rürup bietet in seinem Aufsatz (siehe Anm. 39 der vorliegenden Arbeit) einen Überblick über die zahlreichen Faktoren, die zur Emanzipation und deren Scheitern geführt haben. Die wirtschaftliche Lage im Kaiserreich soll hier jedoch besondere Beachtung finden, da Hochkonjunktur und Krise die wilhelminische Gesellschaft grundlegend geprägt haben und sich auf ihr Wertegefüge auswirkten.

[41] Hinter diesem Begriff verbirgt sich die Euphorie des Wirtschaftswachstums, das vor allem durch die Geldschwemme der französischen Reparationszahlungen, die nach dem Ausgang des deutsch-französischen Krieges eingingen, genährt wurde.

[42] Die Hochkonjunktur zur Zeit der Gründerjahre überdeckte zunächst die Anpassungs-schwierigkeiten, die beim Übergang einer ständisch-feudalen zu einer liberal-kapitalistischen Gesellschaft notwendigerweise entstanden. Zudem verschärfte das Tempo des wirtschaftlichen Wandels die Probleme des Übergangs.

[43] Vgl. Rosenberg, Hans, Große Depression und Bismarckzeit. Wirtschaftsablauf, Gesellschaft und Politik in Mitteleuropa. Berlin 1967. S. 58-117.

[44] Vgl. Battenberg, Friedrich, Das europäische Zeitalter der Juden. Zur Entwicklung einer Minderheit in der nichtjüdischen Umwelt Europas. Band II: Von 1650 bis 1945. Darmstadt 2000 (2. Aufl.), S. 155.

[45] Vgl. Rürup, Reinhard, „Emanzipation und Krise“, S. 30.

[46] In zeitgenössischen Schriftstücken finden sich häufig Begriffe wie „entjudet“ oder „verjudet.“ Diese wurden jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts neutral verwendet. Unter „entjudet“ wurde allgemein die Aufgabe des Judentums verstanden. Nationaljuden und Zionisten bedienten sich dagegen des Begriffes „verjudet“, um die Hinwendung zum Judentum auszudrücken. Sie strebten beispielsweise eine „Verjudung“ der deutschen Juden an, mit anderen Worten, ein erneutes „Jüdischwerden“ der Assimilierten.

[47] Der Anteil der Juden an der Berliner Bevölkerung betrug in dieser Zeit etwa drei Prozent. Vgl. Gay, Ruth, Die Geschichte der Juden in Deutschland. Von der Römerzeit bis zum Zweiten Weltkrieg. München 1993. S. 164. Im folgenden zitiert als Gay, Geschichte der Juden in Deutschland.

[48] Siehe hierzu z.B. Stürmer, Michael u.a., Wägen und Wagen. Sal. Oppenheim jr. & Cie. Geschichte einer Bank und seiner Familie. München 1994.

[49] Leopold Sonnemann gründete 1866 die Frankfurter Zeitung. Er gehörte elf Jahre dem Reichstag an und war unter den hier genannten Verlegern wohl der aktivste in der Politik.

[50] Leopold Ullstein begann seine Karriere als Verleger 1877 mit dem Kauf des Neuen Berliner Tageblatts. Seine fünf Söhne stiegen ebenfalls in das Geschäft ein und brachten 1898 die Berliner Morgenpost heraus, deren Auflage sie bis auf 600.000 brachten. Die von ihnen eingeführte Neuerung war, daß sie die Zeitung nicht nur an Abonnenten verkauften, sondern auch im Straßenverkauf anboten. Das Haus Ullstein dehnte seine Tätigkeit später auf das Verlegen von Büchern und das Rundfunk- und Filmgeschäft aus.

[51] Rudolf Mosse gründete 1871 das Berliner Tageblatt und war der erste, der den Preis der Zeitung durch die Aufnahme von Reklamebeilagen senken konnte. Der Leserkreis der bis dahin relativ teuren Zeitungen hatte sich auf die wohlhabenden Bürger beschränkt. Durch das Absinken des Preises konnte die Leserschaft erheblich erweitert werden. Das Berliner Tageblatt richtete sich allerdings auch nach der Preissenkung an das Bildungsbürgertum. Zusätzlich zu diesen Zeitungen brachte Mosse auch noch zwei weitere Zeitungen auf den Markt, die Berliner Volkszeitung und die Berliner Morgenzeitung. Diese beiden Zeitungen waren für den Leserkreis der Arbeiterschaft gedacht. Alle von Mosse verlegten Blätter zeigten einen deutlichen liberalen Tenor.

[52] Vgl. Gay, Ruth, Geschichte der Juden in Deutschland, S. 174.

[53] Vgl. ebd., S. 175.

[54] Ebd., S. 176.

[55] Wassermann, Jakob, Mein Weg als Deutscher und Jude. Berlin 1921. S. 19.

[56] Vgl. Rürup, Reinhard, „Emanzipation und Krise,“ S. 31.

[57] Doerry, Martin, Übergangsmenschen. Die Mentalität der Wilhelminer und die Krise des Kaiserreichs. Weinheim 1986. S. 74.

[58] Ebd., S. 75.

[59] Stoecker hielt im Herbst 1879 seine erste antisemitische Predigt, mit der er sich an Büroangestellte, kleine Geschäftsleute und Handwerker wandte. Er gründete im gleichen Jahr die „Christlich-soziale Arbeiterpartei“, aus deren Namen er im Hinblick auf sein Zielpublikum das Wort „Arbeiter“ bald darauf strich und die Partei in „Christlich-soziale Partei“ umbenannte.

[60] Heinrich von Treitschke gilt als Initiator des politisch-völkischen Antisemitismus der gebildeten Klassen. Er prägte den für die Zukunft so verhängnisvollen Satz „Die Juden sind unser Unglück“ in seiner Schrift Ein Wort über unser Judentum. Berlin 1881.

[61] Die Namenswahl des Vereins war Programm. Simeon Bar Kochba (hebr.= Sternensohn) war der Führer des zweiten großen Aufstandes der Juden Palästinas gegen die römische Herrschaft in den Jahren 132-135. Der jüdische Turnverein „Bar Kochba“ Berlin, der der „Jüdischen Turnerschaft“ angegliedert war, wies große ideologische Ähnlichkeiten mit anderen jüdischen Turnvereinen im deutschsprachigen Raum auf. Daher sind Aussagen, die den „Bar Kochba“ betreffen, häufig auch für die „Jüdischen Turnerschaft“ im allgemeinen gültig. Umgekehrt ist dies in gleicher Weise der Fall.

[62] Doron, Joachim/Gan, Shmuel, „,Der Geist ist es, der sich den Körper schafft!‘ Soziale Probleme der jüdischen Turnerschaft (1896-1914).“ In: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 20 (1991), S. 237. Im folgenden zitiert als Doron/Gan, „Der Geist ist es, der sich den Körper schafft.“

[63] Vgl. ebd., S. 240.

[64] Der Schwerpunkt und der begrenzte Umfang der vorliegenden Arbeit machen eine genaue Betrachtung der Entwicklung der „Deutschen Turnerschaft“ in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unmöglich. Daher kann nur angemerkt werden, daß die deutsche Turnbewegung Turnvater Jahns noch keine antisemitischen Tendenzen aufwies, sondern daß jüdische Turner, trotz vereinzelter Angriffe gegen sie, an der deutschen Turnbewegung mitwirkten. Die Lage änderte sich erst in den 1880er Jahren. An diesem Zeitpunkt soll hier angesetzt werden. Zur genaueren Entwicklung in der hier vernachlässigten Zeit siehe Langewiesche, Dieter, „,...für Volk und Vaterland kräftig zu würken...’ Zur politischen und gesellschaftlichen Rolle der Turner zwischen 1811 und 1871.“ In: Kulturgut oder Körperkultur? Sport und Sportwissenschaft im Wandel. Hrsg. von Ommo Grupe. Tübingen 1990, S. 22-61 sowie Becker, Hartmut, Antisemitismus in der deutschen Turnerschaft. Sankt Augustin 1980. Im folgenden zitiert als Becker, Antisemitismus.

[65] Vgl. Becker, Antisemitismus, S. 38. Die Konzentration der antisemitischen Aktivitäten gerade in Niederösterreich und Wien läßt sich dadurch erklären, daß im restlichen Österreich die durch die Slawen ausreichend viele „Sündenböcke“ vorhanden waren, wogegen in der Region Niederösterreich und Wien der Anteil der Slawen nicht sehr hoch war und die Juden daher eine geeignete Zielscheibe für Angriffe der deutsch-nationalen Bewegung darstellten.

[66] Franz Xaver Kießling, Mitglied des Turnrats des „Ersten Wiener Turnvereins“, hatte sich schon seit geraumer Zeit für eine Bekämpfung von nichtdeutschen Elementen, zu denen er auch Juden zählte, eingesetzt. Er stieß dabei zunächst auf Ablehnung, was zur Folge hatte, daß einige liberale Mitglieder aus dem Turnrat austraten und bei der Vollversammlung 1886 die Anzahl der Antisemiten, die zum Teil speziell zur Abstimmung eingeschleust wurden, hoch genug war, um einen Arierparagraphen durchzusetzen.

[67] Zitiert nach Becker, Antisemitismus, S. 50. Becker weist hier auf die Verwendung des Wortes „sein“ statt „werden“ hin, womit eine Handhabe zum sofortigen Ausschluß aller „nichtarischen“ Mitglieder gegeben war.

[68] Vgl. ebd., S. 54.

Ende der Leseprobe aus 106 Seiten

Details

Titel
Deutsch-jüdische Selbstbilder am Beginn des 20. Jahrhunderts
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Historisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
106
Katalognummer
V28925
ISBN (eBook)
9783638305709
Dateigröße
930 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsch-jüdische, Selbstbilder, Beginn, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Astrid Kayser (Autor), 2001, Deutsch-jüdische Selbstbilder am Beginn des 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28925

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