Die Szenische Interpretation nach Ingo Scheller als Methode zur Förderung der Interkulturellen Kommunikativen Kompetenz


Hausarbeit, 2014
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

1. Einleitung

Die verschiedenen menschlichen Kulturräume heben sich in vielfacher Weise voneinander ab. Diese Unterschiede zeigen sich in Wertvorstellungen, Normen, Glaubensrichtungen und dem geteilten Wissen, sowie der damit zusammenhän- genden Sprache und Kommunikation.1 Aufgrund der Globalisierung spielt die Kommunikation zwischen verschiedenen Kulturräumen in den sozialen, politischen und wirtschaftlichen Aufgabenbereichen eine zunehmend wichtige Rolle. Ein Überschreiten von Grenzen durch die Reduktion von realer und relativer Entfer- nungen intensiviert das Zusammenleben und Kommunizieren von Menschen un- terschiedlicher Herkunft.2 Jedoch stehen dem Wunsch einer interkulturellen Ge- sellschaftsform weiterhin zahlreiche Widerstände entgegen. So verhindern Vorur- teile, Ignoranz, Angst, Diskriminierung und Ethnozentrismus ein interkulturelles Verstehen.3

In diesem Zusammenhang kann kulturelle Annäherung dazu verhelfen der Prob- lemstellung einer gegenseitigen Abgrenzung unterschiedlicher Kulturräume ent- gegenzuwirken. Dabei spielt Kommunikation eine wesentliche Rolle, da diese im- mer mit dem jeweiligen Kulturraum im Zusammenhang steht. Menschen, die in einem bestimmten Kulturraum kommunizieren, beeinflussen diesen und die kultu- rellen Eigenschaften drücken sich wiederum in Kommunikation und Sprache aus.4 Vor dem Hintergrund der Globalisierung ist die Vermittlung und Erlernung von Sprachen also das wichtigste Instrument zum Aufbau wechselseitiger Empathie zwischen den unterschiedlichen Kulturräumen.5 Trotz dieser Tatsache wird das Sprachelernen oftmals lediglich als Grammatikerwerb betrachtet und nicht als Zu- gang zu anderen Kulturen, der wiederum zur kritischen Betrachtung und Reflexion der eigenen Kultur führen würde.6

Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, das Lehren und Lernen von Interkul- tureller Kompetenz in den Fremdsprachenunterricht einzubeziehen. Hierzu können zahlreiche Verfahren und Methoden Verwendung finden, wie zum Beispiel die Szenische Interpretation als Dramapädagogische Methode.7 In der vorliegenden Hausarbeit soll daher untersucht werden, welche Möglichkeiten das dramapäda- gogische Verfahren der Szenischen Interpretation zur Förderung der Interkulturel- len Kompetenz bietet. Dazu ist es zunächst notwendig das Konzept der Szeni- schen Interpretation nach Ingo Scheller zu erläutern, um im Verlauf dieser Arbeit mit den Charakteristika und Methoden dieses Konzepts unmissverständlich arbei- ten zu können. Anschließend sollen die Begriffe Interkulturelles Lernen und Inter- kulturelle Kompetenz definiert werden. Hierbei soll das Konzept des Sprachwis- senschaftlers Michael Byram dienen, da dieser die Interkulturelle Kompetenz um den Aspekt der Kommunikation erweitert und so deutlicher aufzeigt, dass Kom- munikation und das Verstehen einer Kultur stark voneinander abhängig sind. Ab- schließend soll die Rolle der Szenischen Interpretation als ein erfahrungsbezoge- nes Unterrichtsverfahren zur Förderung Interkultureller Kommunikativer Kompe- tenz diskutiert werden.

2. Die Szenische Interpretation

2.1 Definition der Szenischen Interpretation nach Ingo Scheller

Das Konzept der Szenischen Interpretation wurde in den 1970er- und 80er Jahren vom Oldenburger Hochschulpädagogen Ingo Scheller entwickelt und in den Folge- jahren an verschiedenen Bildungsinstitutionen wie Schulen, Universitäten und Lehrausbildungsstätten angewandt und weiterentwickelt. Mittlerweile ist es fest im Literaturunterricht verankert und gilt als ein literaturdidaktischer Ansatz, der den Lernenden dazu verhilft, literarische Texte auf vielfältige Art und Weise zu er- schließen.8

Konzeptionell knüpft Scheller bei der Szenischen Interpretation an das Konzept des Szenischen Spiels an, setzt jedoch andere Schwerpunkte in Bezug auf die didaktischen Zielsetzungen. Während das Szenische Spiel als allgemeiner gefass- tes Konzept seinen Schwerpunkt auf die Realisierung von szenischen Erfahrun- gen und Lernprozessen für die Lernenden legt, konzentriert sich Schellers Kon- zept bei Übernahme dieser Realisierung auf die Interpretation des literarischen Textes, mit dessen Unterstützung die Lernenden ihre Erfahrungen machen.9

Literarische Texte bezeichnen und gestalten mit sprachlichen Mitteln Räume, Ge- genstände, Menschen, Situationen, Vorgänge, Beziehungen und Bilder. Diese müssen kognitiv in konkrete Szenen verwirklicht werden um sie zu verstehen. Die Szenische Interpretation soll dabei diese kognitiven Vorstellungen darstellen und sie deuten.10 Damit Lern- und Interpretationsprozesse dabei erfolgen können, müssen sich die Lernenden schrittweise in die Rollen und Situationen einfühlen. Von besonderer Wichtigkeit ist die anschließende Reflexion der dargestellten Szene aus verschiedenen Perspektiven, die in den jeweiligen Rollen der beteilig- ten und unbeteiligten Lernenden durchgeführt werden kann. Dieser Prozess, in dem vorgegebene Situationen und Ereignisse in Ablauf von Szenischen Gescheh- nissen in einer Gruppe rekonstruiert und gedeutet werden, bezeichnet Scheller als die Szenische Interpretation.11 Der Autor betont dabei, dass die sprachlich entwor- fenen Szenen nur verstanden werden können, wenn Lernende sie sich als reale Szenen vorstellen.12

Die hier dargestellte zentrale Bedeutung der eigenen Erfahrungen der Lernenden in Schellers Konzept soll im Folgenden anhand der Begriffsdefinition der Szene in Schellers Werk Szenische Interpretation: Theorie und Praxis eines handlungs- und erfahrungsbezogenen Literaturunterrichts in Sekundarstufe I und II erläutert werden. Scheller definiert hier eine Szene als „räumlich und zeitlich begrenzte soziale Situation, in der Menschen mit bestimmten Intentionen und Erwartungen, Wahrnehmungen und Gefühlen körperlich und sprachlich (inter-)agieren und sich wechselseitig zueinander in Beziehung setzen.“13

Szenen sind demnach für Scheller in Bezug auf das Lesen und den Literaturunter- richt von großer Bedeutung. Alles was der Mensch von seiner Umgebung und sich selbst erfasst, stellt einen Teil der Szene dar. Somit spielen verschiedene Gegen- stände im Raum, Menschen mit ihren individuellen Verhalten, Geräusche, Gerü- che, sowie Vorstellungen und die Emotionen, die durch diese Eindrücke hervorge- rufen werden eine entscheidende Rolle. Der Mensch gestaltet Szenen und verar- beitet diese in Erlebnissen, sodass sie anschließend mit den jeweiligen Emotionen im szenischen Gedächtnis eingeprägt werden. Es werden also mit Bezug auf früh- kindliche Szenenerlebnisse immer neue Wahrnehmungs- und Beziehungsmuster entwickelt, die wiederum das Handeln beeinflussen und steuern. Daraus resultiert eine Verknüpfung über das gegenwärtige Verhalten mit früheren Erlebnissen.14 Bezieht man diese Erfahrungen auf den individuellen Zugang zu Literatur zeigt sich eine enge Verknüpfung von Schellers Begriff der Szene mit dem Lesen. Denn der Leser bewegt sich durch Szenen, in denen Figuren an bestimmten Orten und Zeiten miteinander agieren. Die individuellen Imaginationen erstellen dabei kogni- tive Vorstellungen, die der Leser auf seine persönlichen Erfahrungen projiziert. Imaginäre Szenen werden also mit Szenen verbunden, die der Leser selbst erlebt hat. Dabei wird bereits existierendes szenisches Wissen ständig hervorgerufen und auf den literarischen Text übertragen.15 Die Szenische Interpretation nutzt hierbei diesen Zusammenhang von den Erfahrungen der Lesenden und der Ver- knüpfung mit dem literarischen Text, um eine Interpretation zu erarbeiten.16 Ebenso wichtig ist es, dass die Lernenden sich selbst erfahren und neue Haltun- gen und Handlungsmöglichkeiten unter dem Schutz der Rolle ausprobieren kön- nen. Jedoch darf hierdurch der literarische Text und seine Interpretation nicht ver- nachlässigt werden. Die Sprachdidaktin Dagmar Grenz erläutert das Verhältnis von eigenen Erfahrungen des Lesenden im Bezug zum Text im folgenden Zitat sehr anschaulich:

„Beim szenischen Interpretieren wird ein literarischer Text nicht von einer Außenperspektive analysiert und interpretiert, sondern von einer Binnenperspektive erkundet, indem sich jede SchülerIn sich in eine Figur einfühlt- meist durchgehend aus der Perspektive dieser Figur szenisch agiert. Dadurch wird den Schülerinnen und Schülern ein Umgang mit Literatur auf kognitiver, emotionaler, imaginativer und sinnlich-körperlicher Ebene(wozu auch das Sich-Bewegen zu rechnen ist) ermöglicht.17

Um zu einer Interpretation zu gelangen, bedient sich die Szenische Interpretation den Grundlagen des Szenischen Spiels und arbeitet mit zahlreichen, unterschied- lichen theatralen Verfahren, die das Ziel einer Interpretation des Textes verfolgen. Die Szenische Interpretation hat dabei keine Aufführung, gelungene Inszenierung oder fertiges Produkt als Ziel, sondern vielmehr eine Interpretation durch die Handlungen der Lernenden. Bei der Arbeit mit der Szenischen Interpretation kön- nen zahlreiche Verfahren, wie beispielsweise Verkleidung, Rollentexte, Szenisches Lesen oder Fantasiereisen, benutzen werden, die jedoch einer genauen Anpassung an die jeweilige Situation bedürfen.18

Eine der wichtigsten Grundlagen der Szenischen Interpretation nach Ingo Scheller ist die von Bertholdt Brecht entwickelte Theorie der Lehrstücke.19 Nach dieser Theorie sind Lehrstücke Texte, die nur für den Spielenden Sinn ergeben. Dank der Aufarbeitung der Lehrstücktheorie vom Theaterpädagogen Reiner Steinweg konn- te eine szenische Interpretationsweise legitimiert und gefordert werden, wodurch die Haltungen und Verhaltensweisen der Spielenden thematisiert wurden.20 Zur Ermöglichung einer szenischen Arbeit, die die Lernenden zu einem Wechsel der Perspektiven zwingt, stellen literarische Texte dabei differenzierte Handlungsmus- ter bereit. Scheller nutzt insbesondere Verfremdungen nach Brechts epischen Theater, um zu neuen Sichtweisen zu animieren. Hierfür ist es notwendig, dass die Lernenden an ihre eigenen Erfahrungen und Handlungsweisen anknüpfen können. Um eine Vertrautheit gegenüber fremden Situationen und Verhaltenswei- sen der Figuren aufzubauen, wurden mithilfe Szenischer Verfahren die eigenen Erfahrungen der Lernenden in den literarisch vorgegebenen Kontext eingebettet.21 Zu diesem Zweck nutzt Scheller unter anderem theater- und schauspielpädagogi- sche, sowie sozio- und psychodramatische Ansätze und Verfahren vom Regisseur Konstantin Sergejewitsch Stanislawski, die einen Kontrast zu Brechts Verfrem- dungen darstellten. Stanislawski entwarf Übungen und Einfühlungstechniken, um Schauspielern dazu zu verhelfen individuelle Vorstellungen, die durch eine Szene des literarischen Werkes und den Handlungen und Haltungen der enthaltenen Fi- guren entstanden sind, zu differenzieren und mit eigenen Erlebnissen zu verbin- den. Scheller erprobte und überarbeitet die hier genannten Verfahren in Experi- menten, sodass mit der Methode der Szenischen Interpretation individuelles Wis- sen den Lernenden zu Empathie mit scheinbar fremden Rollen und Situationen verhelfen kann.22

[...]


1 Vgl. Knapp-Rotthoff 1997, S. 181.

2 Vgl. ebd., S.183.

3 Vgl. Roche 2001, S. 3.

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. Knapp-Rotthoff 1997, S.182.

6 Vgl. Roche 2001, S.3.

7 Vgl. Scheller 2008, S. 85.

8 Vgl. ebd., S.14f.

9 Vgl. Scheller 1999,S. 147ff.

10 Vgl. ebd., S. 159.

11 Vgl. ebd., S. 147.

12 Vgl. Scheller 2008, S. 28.

13 ebd., S.22.

14 Vgl. Scheller 2008, S.22ff.

15 Vgl. Scheller, S.22.

16 Vgl. Scheller 2008, S. 24ff.

17 Grenz 1999, S.157.

18 Vgl. Scheller 2008, S. 60ff.

19 Vgl. ebd.,S. 17.

20 Vgl. Steinweg 1995, S. 32.

21 Vgl. Scheller 2008, S. 16.

22 Vgl. Scheller 1989, S. 7.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Szenische Interpretation nach Ingo Scheller als Methode zur Förderung der Interkulturellen Kommunikativen Kompetenz
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Literatur und interkulturelle Begegnung
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V289255
ISBN (eBook)
9783656895459
ISBN (Buch)
9783656895466
Dateigröße
754 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
szenische, interpretation, ingo, scheller, methode, förderung, interkulturellen, kommunikativen, kompetenz
Arbeit zitieren
Ulrike Mey (Autor), 2014, Die Szenische Interpretation nach Ingo Scheller als Methode zur Förderung der Interkulturellen Kommunikativen Kompetenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289255

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