Schweigen und Nicht-Schweigen in der konkreten Poesie und Musik


Hausarbeit, 2014
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Aspekte der konkreten Poesie
2.1 Schweigen und Nicht-Schweigen

3. Eugen Gomringer: schweigen

4. Jan Russezki: dialog

5. Interdisziplinärer Blick auf John Cages 4'33"

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis und weitere Literatur

1. Einleitung

"Schweigen ist das Element, in dem sich große Dinge gestalten." - Thomas Carlyle

Es gibt viele Gründe zu schweigen, zu verstummen und nichts zu sagen. Sie reichen vom fehlenden Wortschatz über emotionale Überwältigung bis hin zu einem Willen nichts zu sagen.1 Jean Clam stellt sich dabei ein Szenario vor, in dem der Schweigende sich dadurch immer weiter von der Welt distanziert, so gar, wie durch eine Glasscheibe getrennt wird und sich auch von seinem Selbst entfernt.2 Doch wenn die Sprache an ihre Grenzen stößt kann das Schweigen selbst, wie Thomas Carlyle entdeckt, viel präziser sein. Es kann an einem Punkt ansetzen, an dem Worte versagen und an dem nur Leerstellen, Stille und Meditation die Idee und den Gedanken vermitteln können. Auch mit solchen Leerstellen und Ideen vom Unsagbaren beschäftigte sich Eugen Gomringer in seiner konkreten Poesie. Aber ist Schreiben nicht auch eine Art von Sagen und eben nicht Schweigen? Und wie kann dieses Schweigen überhaupt etwas vermitteln, wenn es doch gar nicht spricht? Mit diesen und mehr Fragen des Schweigens und Nicht-Schweigens wird die Arbeit sich im Folgenden beschäftigen. Dabei wird sie, ohne Vollständigkeitsanspruch, die Unterschiede der verschiedenen Formen des Schweigens verdeutlichen und ihre Umsetzung in der konkreten Literatur anhand von Gomringers schweigen3 und Russezkis dialog4 veranschaulichen und vergleichen. Darüber hinaus ist das Motiv auch in der konkreten Malerei und der Musik vorhanden, besonders da die Ideen der konkreten Künste genreüberschreitend sind. Die Arbeit wird eine Umsetzung des Schweigens in der Musik analysieren, da das Motiv auch in John Cages Komposition 4'33" und der Performance von William Marx5 leitend ist. Folglich wird versucht einen Zugang zu den Gedanken der konkreten Poesie zu eröffnen und anhand des Motivs hervorzuheben, wie Komplex dieses Genre mit der Sprache als Material arbeiten und spielen kann.

2. Aspekte der konkreten Poesie

In der Entwicklung der Kommunikation im 20. Jahrhundert spiegelt sich auch die Entwicklung der Poesie wieder: Sie wurde schneller, zeichenhaft und praktisch orientiert.6 Der Sprecher formt das Gesagte möglichst sparsam und doch präzise genug, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Die Poesie hingegen war schon immer ein Inbegriff des Schönen und Geformten, doch bei der kommunikativen Tendenz musste auch sie sich anpassen, um "im Sprachgeschehen"7 zu bleiben. Die konkrete Poesie entwickelte sich von Form- und Zwecktraditionen und individuellen Gedanken zu einer sehr freien Poesie, die jedoch auch ihren eigenen, hohen Anspruch hat. Konkreten Dichtern, wie Gomringer, ging es unteranderem um die Wiedereinführung der Poesie in den gesellschaftlichen Alltag.

das neue gedicht ist deshalb als ganzes und in den teilen einfach und überschaubar, es wird zum seh- und gebrauchsgegenstand: denkgegenstand - denkspiel. es beschäftigt durch seine kürze und knappheit. es ist memorierbar und als bild einprägsam. [...]8

Die konkrete Poesie verknappt und verbildlicht sich also für ihren Zweck, doch schafft sie zugleich auch weiteren Freiraum für das Denken. Eugen Gomringer nennt den Dichter einen Spielgeber, der die Regeln und das Spielfeld, also das Wort, bestimmt. Der Leser ist Mitspielender und verpflichtet sich, in Form von Meditation, mit dem Gedicht auseinander zu setzen und es zu lösen. Die Lösung kann dabei variieren, denn oft ist konkrete Dichtung in ihrer Interpretationsmöglichkeit offen gehalten, dadurch umfassend und zugänglich.

Der Inhalt des Gedichts beruht auf dem Wort, das herausgelöst aus der Sprache, für sich selbst steht oder die Realität und ihre Sprache vermittelt. "Dichtung aber und keine bloße Linguistik ist die linguistische Poesie schon deshalb, weil sie, statt von Wörtern nur zu reden, diese selber reden läßt."9 Auch in Verbindung mit anderen Worten, soll dem Wort nicht der 'absolute Charakter' und die Individualität genommen werden.10 Worte werden in ihrem Sinn oder Gedanken verbunden, oft auch durch das kleine Wort "und", doch für diese Arbeit ist das Fehlen dieses Wortes und die daraus folgende Leerstelle, das Schweigen, besonders von Interesse, denn Gomringer schreibt: "das schweigen zeichnet die neue dichtung gegenüber der individualistischen dichtung aus." und benennt es gleichzeitig als einen Beitrag der konkreten Dichtung. Zum Schweigen selbst, äußert er sich nur wenig.

Ergänzende Aspekte der konkreten Poesie sind in Eugen Gomringers theorie der konkreten poesie nachlesbar.

2.1 Schweigen und Nicht-Schweigen

Da es sich hierbei um eine literaturwissenschaftliche Arbeit handelt, werden auch nur dafür relevante Kommunikationssituationen berücksichtigt. Dabei kann diese Situation als die Kommunikation zwischen Autor und Leser, über den Text als Vermittler, verstanden werden. In dieser Kommunikationsweise ist Schweigen "allerdings ebenso interpretationsbedürftig wie Sprechen; dies zeigt sich daran, dass man zumeist nicht davon ausgeht, dass mit Schweigen einfach nichts gesagt werden soll, sondern annimmt, dass etwas in einer anderen Form zum Ausdruck gebracht wird."11

Als erste Unterscheidung muss verdeutlicht werden, dass Nichts-sagen und Schweigen grundsätzlich verschieden sind. Wo das Nichts-sagen ein Reden ohne erkennbaren Inhalt und Information ist, ist das Schweigen ein beredetes bzw. inhaltsvolles Schweigen. Somit kann den Autoren, auch Gomringer vorgeworfen werden in seinem Gedicht schweigen nicht tatsächlich zu schweigen, weil schon das Schreiben und die Zugänglichkeit des Textes einer Leserschaft eine kommunikative Situation schafft. Katja Schönwandt nennt drei Aspekte der Schweigens als wesentlich: die Kommunikationssituation, die Asynchronizität, welche in der Rezeption von Literatur immer gegeben ist, und das Eingebettetsein des Schweigens in einen sprachlichen Kontext.12 Dies bedeutet, dass das Schweigen prinzipiell aus dem Wechsel von Rede und Nicht-Rede besteht, also ein kommunikativer Rahmen geschaffen werden muss. Dieser Rahmen kann als Vor- und Nachrede des Schweigens oder als vom Schweigen umrahmte Rede gedacht werden. Nur ein Schweigen, beispielsweise eine leere Seite ohne jegliches Kommentar, kann nicht als eigenständige Kommunikation verstanden werden, da der Rezipient kein Schweigen erwartet bzw. nicht davon überrascht wird und auch kein Kontext im zyklischen Sinne gegeben ist. Für den Leser wird das schweigende Moment erst durch Leerstellen, also visuell verständlich.

Auch das Vorlesen eines Gedichts, sogar desselben Gedichts, kann diese Leerstelle bzw. dann Pause auditiv vermitteln. Wie visuell, muss auch hier ein Rahmen durch Sprache geschaffen werden, welcher jedoch das umrahmende Schweigen ausschließt, da dem Hörer ein Beginn und ein Abschluss der Performance gegeben werden muss. Christian Wagenknecht stellt in seinen Variationen über ein Thema von Gomringer13 das Schweigen ans Ende des Gedichts und stellt selbst fest, dass das Schweigen zwar sicht- und hörbar ist, jedoch in der auditiven Vorstellung zu lang ist, da es nicht endet. Umgekehrt kann kein Schweigen auditiv vor dem Vortrag beginnen, da es zu kurz wird. Somit kann das Schweigen nur durch Reden dargestellt werden, wie Gomringer es im Folgenden realisiert.

3. Eugen Gomringer: schweigen

Eugen Gomringer schafft hier eine Konstellation aus der Wiederholung nur eines Wortes. Vierzehnfach tritt das Wort schweigen auf, wobei wegen der konsequenten Kleinschreibung Gomringers nicht klar ist, ob es als Substantiv oder Verb genutzt wird. In einer Übersetzung ins Spanische durch Gomringer selbst, fasst er das Schweigen als Substantiv auf, was darauf hindeutet, dass hier das Schweigen selbst und nicht eine schweigende Figur oder eine Aufforderung zum Schweigen abgebildet ist. Christian Wagenknecht geht weiter und übersetzt das Gedicht zu "silence"14. Seine Intention ist dabei der Beweis, dass das Gedicht Gomringers ein visuelles Gedicht ist und kein auditives. Weiter begründet Wagenknecht "Weil das visuelle Gedicht nur ein Schriftbild, aber keinen Wortlaut hat, kann es wie in diesem Fall englisch und französisch sein."15 Dies lässt aber auch das Argument zu, das Schweigen in allen Sprachen gleich ist, was das Gedicht und das Thema nicht mindert. In den zwei von Gomringer zusammengestellten Anthologien konkrete poesie und visuelle poesie16 ist sein Gedicht in der Ausgabe der konkreten Poesie, was zu dem Schluss führt, dass auch Gomringer selbst das Gedicht nicht als visuell bewertet. Natürlich kann dem Leser auch ohne auditive Vorführung das Konzept von Schweigen vermittelt werden, was allerdings mehr als Leerstelle wirkt. Erst beim Vorlesen entfaltet sich das volle Potenzial des Gedichts und beeindruckt durch die Darstellung des Schweigens, nicht der Leerstelle.

Paradox dabei ist die Tatsache, dass das Schweigen erst durch das Reden über das Schweigen möglich ist. Gomringer spricht im Grunde mehrfach über das Thema des Gedichts, um es dann tatsächlich umzusetzen bzw. den Leser und Vorleser realisieren zu lassen. Wie schon im vorigen Kapitel beschrieben geschieht dies nur durch die Schaffung des Rahmens bzw. der Pause im dritten Vers. Interessant ist vor allem die Bedingung des Gegensatzes, dass der Dichter reden muss um zu schweigen. Wagenknecht entwirft in den Variationen zu einem Thema Gomringers viele verschiedene formale und inhaltliche Möglichkeiten. Auch die des vollen Schweigens, also gar nicht zu reden, welche sich durch die Nummerierung der Variation und dem Leerbleiben der dafür vorgesehenen Fläche äußert. Er selbst erkennt, dass die Variation weiß, sowie schweigen oder leer heißen könnte und nennt es zusätzlich ein audio-visuelles Gedicht17. Nichts davon trifft wirklich zu, denn die Variation ist nur im Verlauf der zwölf Versuche als Gedicht wahrnehmbar. Zwar schafft Wagenknecht hier einen zyklischen Rahmen für diese völlige Leere, doch verfehlt er dabei den Zweck eines alleinstehenden Gedichts, wie Gomringer es beabsichtigt. Alleinstehend wäre es weder auditiv, noch visuell, noch überhaupt Gedicht. Es wäre eine weiße Seite ohne Titel und Kommentar. Nur ein Zyklus, welche die Variationen als Ganzes sein können, schaffen dieser Leere einen Zweck zu geben, doch eben da unterscheidet sich die Intention und macht diesen Kritikpunkt Wagenknechts unlogisch.

Ein Anspruch der konkreten Poesie ist unter anderem die Zugänglichkeit, Einfachheit und Interpretationsvielfalt. Gomringer erfüllt zwei von diesen drei Vorsätzen. Das Gedicht schafft nahezu jedem einen Zugang. Nicht durch seine Vielfalt, sondern durch die Einfachheit der Interpretationsmöglichkeiten. Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Gedicht notwendig, um es lösen zu können und das Vorlesen ist eine entscheidende Hilfe. Doch ist das Gedicht gelöst und das Thema und die Umsetzung erkannt, bleibt es für den Leser bei dieser einen Lösung. Natürlich ist das Thema Schweigen und es ist dadurch in diesem Sinne meisterhaft umgesetzt, da es durch die Einschränkung der Interpretation dem Schweigen noch näher kommt, doch dadurch fehlt die Vielfalt im Gedicht. Die Variationen und das Spiel mit dem Konzept und dem Wort kann diesen Kritikpunkt entkräften, was aber ein dichterisches Verständnis, wie das Wagenknechts verlangt.

4. Jan Russezki: dialog

Anders als bei Gomringer ist in Russezkis Gedicht das Reden durch Schweigen dargestellt. Auf den ersten Blick wirken die beiden Gedichte im Vergleich sehr verschieden, dennoch haben sie viele Gemeinsamkeiten. Auch wenn Russezkis Gedicht erst 2014 erscheint, so ist es doch in Anlehnung an die Poetik der konkreten Dichtung entstanden und durch Gomringers schweigen inspiriert.

Schon beim ersten Lesen wird klar, dass es sich um eine Konstellation handelt, die primär visuell wahrgenommen wird. Dem Leser ist entweder kein Punkt gegeben an dem er zu lesen beginnen kann oder, durch die Lesekonvention, zwei Punkte, welche die oberste Zeile oder das am weitesten links stehende Wort markieren. Beide Möglichkeiten lassen ein alleiniges Vorlesen nicht zu, somit handelt es sich um ein stummes Gedicht. Hier wird das Schweigen durch die Rezeptionsweise und auch wörtlich thematisiert, doch ist anders als bei Gomringer ein anderes Thema im Vordergrund. Das Schweigen wird genutzt um das, auch farblich hervorgehobene, Titelthema des Dialogs zu verstärken. Das Schweigen gibt nur den Ausgangspunkt und den gebrochenen Rahmen. Auch hier ist zu kritisieren, dass Russezki nicht tatsächlich schweigt, sondern nur das Schweigen als solches nennt, um es visuell, wie auch thematisch zu brechen. Es wird auch nicht deutlich zwischen wem der Dialog entsteht, da es mehrere Interpretationsansätze gibt.

[...]


1 Jean Clam. Schwierigkeiten des Sagens, Gründe des Verstummens. In: Emmanuel Alloa, Alice Lagaay (Hrsg.). Nicht(s) sagen. Strategien der Sprachabwendung im 20. Jahrhundert. transcript Verlag. Bielefeld 2008. S.28

2 Ebd. S.25

3 Eugen Gomringer. schweigen. In: Konkrete Poesie. Anthologie von Eugen Gomringer Reclam. Stuttgart 2001.

4 Jan Russezki. dialog. Veröffentlichung im Sommer.

5 John Cage. 4'33". Performance im McCallum Theatre von William Marx. http://www.youtube.com/watch?v=JTEFKFiXSx4 (letzter Zugriff 16.04.2014)

6 Vgl. Eugen Gomringer. Theorie der konkreten Poesie. Texte und Manifeste 1954 - 1997. Edition Splitter. S.12 ff.

7 Ebd. S.15

8 Ebd. S.15

9 Christian Wagenknecht. Metrica minora. Aufsätze, Vorträge. Glossen zur deutschen Poesie. mentis Verlag. 2006. S.248

10 Vgl. Gomringer. S.16

11 Katja Schönwandt. Das Gegenstück zum Sprechen. Untersuchungen zum Schweigen in der skandinavischen und deutschen Literatur. Internationaler Verlag der Wissenschaften. Frankfurt am Main 2011. S. 32

12 Ebd. S. 32

13 Christian Wagenknecht. Metrica minora. Aufsätze, Vorträge. Glossen zur deutschen Poesie. mentis Verlag. 2006. S.257

14 Vgl. Ebd. S. 258

15 Ebd.

16 beide im Reclam Verlag erschienen.

17 Vgl. Wagenknecht. S. 259

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Schweigen und Nicht-Schweigen in der konkreten Poesie und Musik
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Kunst und Dichtung im Gedicht
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V289361
ISBN (eBook)
9783656896623
ISBN (Buch)
9783656896630
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schweigen, nicht schweigen, nichts sagen, eugen gomringer, john cage, jan russezki, stille, leere, konkrete poesie, konkrete dichtung
Arbeit zitieren
Jan Russezki (Autor), 2014, Schweigen und Nicht-Schweigen in der konkreten Poesie und Musik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289361

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