Das Verhältnis von Globalisierung und Lokalisierung am Beispiel des städtebaulichen Projekts der Hamburger HafenCity


Diplomarbeit, 2000
141 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Ebene des Globalen - Städte in Zeiten der Globalisierung
1.1 Vom Fordismus zum Postfordismus
1.2 Die World-City-Hypothesis
1.3 Global Cities
1.4 Sozialräumliche Polarisierung
1.5 Globalisierung und Soziologie

2. Die Ebene des Lokalen
2.1 Die Konvergenz- und die McDonaldisierungsthese
2.2 Die Divergenzthese
2.3 Die These der „glokalen“ Entwicklung
2.4 Urbanität der Moderne
2.4.1 Urbanität in der Stadtentwicklung
2.5 Neue Urbanität
2.5.1 Kulturpolitik als Standortpolitik
2.5.2 Die Ökonomie der Symbole
2.6 Das Verschwinden der Städte - Die Digitale Stadt
2.7 Raum-Zeit-Verdichtung
2.8 Die Feldtheorie von Pierre Bourdieu
2.8.1 Die Kapitalarten
2.8.2 Physischer Raum und sozialer Raum
2.9 Die Postmoderne Stadt

3. Das Projekt: Hafencity Hamburg
3.1 Das Stadtentwicklungskonzept
3.2 Das Projekt
3.2.1 Daten und Fakten
3.2.2 Geschichtlicher Hintergrund des Gebietes
3.3 Der städtebauliche Wettbewerb
3.4 Der Masterplan
3.4.1 Das erste Projekt: SAP Schulungszentrum
3.5 Perspektiven

4. HafenCity – Die neue Stadt mitten in Hamburg?
4.1 Das Hans Albers Syndrom - Hamburg-Bilder und Identitäten
4.2 Digital City – Die HafenCity als Epizentrum der New Economy?
4.3 Über Yetties und Yuppies – Die feinen Unterschiede
4.4 www.hafencity.com - HafenCity digital
4.5 HafenCity - ein Ort?
4.6 HafenCity in der Kritik - Der Altenwerder-Fluch
4.7 Die HafenCity und die Magie der Europäischen Stadt
4.8 Hamburg und die HafenCity im Spannungsfeld von Globalität und Lokalität

Schlussbetrachtung

Interviews

Literaturverzeichnis

Abbildungsnachweise

Anhang zum Internetauftritt

Einleitung

Bei der Bewertung und Beschreibung der Hamburger HafenCity legen die Verantwortlichen ihre schon sprichwörtliche hanseatische Zurückhaltung ab:

„Jahrhundertaufgabe“ (3. Reihe zur Hafencity: 4), „das wichtigste Hamburger Projekt seit dem Wiederaufbau nach 1945“ (vgl. Runde 3. Reihe zur Hafencity), „ein Vorhaben von europäischem Rang“, „ein Stück Europäischer Stadt des 21. Jahrhunderts“ und „die neue Stadt mitten in Hamburg“. So lauten einige der Zuschreibungen für dieses städtebauliche Projekt. Auf keinen Fall soll die HafenCity ein „Yuppie-Ghetto“ (Walter 2000 In: SZ- Bundesländer Beilage Nr. 98) werden. Lifestyle-Magazine haben da von Haus aus weniger Berührungsängste und feiern schon den neuen Trend vom Großstadtleben am Wasser. Das Magazin schreibt offen, was die Kritiker befürchten:

„Ideal für: Medienleute, die den kurzen Weg zu Gruner + Jahr schätzen, Segelfreaks, die ihre Jolle direkt vorm City-Domizil parken wollen, und andere, die es sich leisten können.“

(HOME 04/02: 36).

Der wohl auffälligste Haken des Projektes ist schnell ausgemacht: mit den Erlösen aus den Grundstücksverkäufen der HafenCity, muss die Stadt Hamburg per Senatsbeschluss die Hafenerweiterung in Altenwerder finanzieren. Dieser Tatbestand birgt eine Vielzahl von Problemlagen in sich. Eine unabhängige Stadtentwicklung scheint da nicht ganz einfach zu werden. Schon fordert die Hamburger Architektenkammer einen unabhängigen Beirat (vgl. Hamburger Abendblatt 11.07.00). Und der Ex-Oberbaudirektor befindet gar über die bisherigen Entwürfe: „Das Ergebnis ist fade und langweilig. Das ganze hat keine Erotik. Da knistert nichts.“ (vgl. Hamburger Abendblatt 02.07.00).

Die Ansprüche sind in jedem Fall sehr hoch und, es wird sich erst am Ende der zwanzigjährigen Umsetzungsphase zeigen, ob wirklich der große Wurf zu Bestaunen ist. An dieser Stelle lässt sich bereits eine nicht unbeträchtliche Problemlage der hier vorliegenden Arbeit benennen. Wenn diese Untersuchung abgeschlossen ist, wird nicht ein einziger Spatenstich zu einem neuen Gebäude erfolgt sein. Gleichwohl begannen am

27.04.00 die ersten Abrissarbeiten mit dem Schuppen 4/5 am Sandtorkai. Und doch lassen sich eine Vielzahl von soziologischen Analysen an dem Untersuchungsgegenstand Hamburger Hafencity durchführen, die nicht unbedingt auf in Stein materialisierten Gegebenheiten angewiesen sind.

Der Prozess der Globalisierung wird nicht nur in der Soziologie auf einer breiten Ebene thematisiert und diagnostiziert. Die Dialektik von Globalem und Lokalem wirkt sich zunehmend auf die Städte und deren soziale Akteure aus.

Das Forschungsinteresse dieser Arbeit begründet sich aus der Annahme, dass die HafenCity einen spezifischen Kristallisationspunkt für das komplexe Verhältnis von Globalität und Lokalität darstellt und sich dieses Verhältnis an diesem Projekt exemplarisch zeigen lässt, obwohl noch nicht einmal mit dem Bau der HafenCity begonnen wurde.

Die vorliegende Arbeit soll folgender zentraler Fragestellung nachgehen: Wie genau stellt sich das Verhältnis von Globalität und Lokalität am Beispiel der HafenCity dar?

Die These dieser Arbeit lautet, dass das Globale und das Lokale in Bezug auf die HafenCity keine objektiven Gegebenheiten, sondern diskursive Konstruktionen sind. Diese Konstruktionen werden von der lokalen Politik als Instrumentarium benutzt, um die Entwicklung der HafenCity gezielt steuern zu können.

Folgende Grundannahmen werden in dieser Arbeit verfolgt:

Das Verhältnis von Globalität und Lokalität muss, um für die HafenCity zu relevanten Aussagen zu gelangen, auf mehreren Ebenen analysiert werden.

Erstens auf der Ebene der ökonomischen und der kulturellen Globalisierung, welche sich ganz konkret in der postfordistischen Umstrukturierung der ungenutzten Hafenflächen und in der Vervielfältigung der Bedeutungssysteme durch kulturelle Pluralisierung zeigen.

Die zweite Ebene des Verhältnisses von Globalität und Lokalität, ist die Ebene der Bildkonstruktion. Das Globale und das Lokale sind, auf Hamburg und die HafenCity bezogen, diskursive Konstrukte, die im Spannungsverhältnis von Globalität und Lokalität Veränderungen unterworfen sind.

Das Globale und das Lokale sind als Konstrukte mit Macht durchzogen. Diese Konstrukte bringen Bilder wie, im Falle Hamburgs, das Tor zur Welt oder das neue Bild der Digital City hervor. Über diese Bilder wird der neue physische Raum HafenCity sozial besetzt und mit entsprechenden Zeichen versehen. Diese Zeichen ermöglichen bestimmten Gruppen, Macht über den Raum zu erlangen und zu festigen. Die sozialen Strukturen, werden sich auch in den Raumstrukturen der HafenCity ablagern.

Die Stadt Hamburg hat ein elementares Interesse an dieser Entwicklung. Über die diskursive Konstruktion von Bildern wie das der Digital City, wird der Raum gezielt einer bestimmten Bevölkerungsgruppe verfügbar gemacht. Durch das Konstrukt der Digital

City, versucht die lokale Politik, eine Zwangsläufigkeit der Entwicklung einer digitalen Ökonomie in Hamburg festzuschreiben.

Das propagierte Leitbild der europäischen Stadt, mit entsprechender Vielfalt an Nutzungen und Bewohnern, kann unter diesen Umständen nicht realisiert werden.

Bezüglich des Verhältnisses von Globalisierung und Lokalisierung wird in dieser Arbeit nicht von einem einseitigen Verhältnis ausgegangen, sondern von gegenseitiger Durchdringung und Einflussnahme. Das Lokale wird als das notwenige Pendant zum Globalen verstanden.

Die Verantwortlichen und Planer der HafenCity operieren durchweg mit Denkkonstrukten der Moderne. Dies bezieht sich auf den Begriff der Urbanität sowie auf das Verständnis von Gemeinschaft, Identität und die Funktion des geographischen Ortes. Diese Konstrukte, scheinen jedoch vor dem Hintergrund von Globalisierung und Digitalisierung nicht mehr zeitgemäß und werden möglicherweise zu Entwicklungen führen, welche die Planer überraschen könnten.

Es lassen sich eindeutige Merkmale der postmodernen Stadt in den Diskursen über die HafenCity auffinden.

Ist also ein neuer Begriff von Stadt nötig, als der der Moderne, welcher die Stadt als Ort versteht? Gewinnt die Stadt durch Globalisierung an Bedeutung, oder verschwindet sie von der Bildfläche und wird von der digitalen Stadt abgelöst? Wie wirkt sich Globalisierung und Lokalisierung auf die Menschen in den Städten aus? Sind Touristen und Nomaden die neuen Bewohner der postmodernen Städte?

Um auf gezielte Informationen und Aussagen über das Projekt von Seiten Verantwortlichen zurückgreifen zu können, wurden im Rahmen dieser Arbeit Interviews durchgeführt. Im einzelnen waren die Gesprächspartner:

Stadtentwicklungssenator Maier, Sabine Ehlers stellvertretenden Leiterin der Projektgruppe HafenCity, Architekt Wilhelm Maier vom Architekturbüro Schweger + Partner (1. Preis beim Städtebaulich Wettbewerb), sowie Dieter Läpple von der TU Harburg. Ferner wurde die Tagespresse verstärkt zur Analyse hinzugezogen, da das Projekt besonders nach der Veröffentlichung des Masterplanes rege Aufmerksamkeit fand.

Zunächst wird im ersten und zweiten Kapitel der theoretische Bezugsrahmen der Arbeit dargestellt. Das erste Kapitel wendet sich der Ebene des Globalen zu, das zweite Kapital stellt Ansätze und Begriffe auf der Ebene des Lokalen vor. Dabei werden ökonomische und kulturelle Globalisierung gleichermaßen thematisiert. Zentrale Begriffe die in diesem Zusammenhang relevant sind wie Urbanität, und die Frage des Raum schließen sich an.

Der soziale Raum, der sich wiederum auch über Städtebilder, Symbole und Images konstruiert, soll mittels der Feldtheorie von Pierre Bourdieu thematisiert werden. Der Abschnitt postmoderne Stadt beschließt den theoretischen Teil der Arbeit.

Im dritten Kapitel folgt dann eine Vorstellung des Projekts HafenCity Hamburg. Dabei werden die zu diesem jetzigen Zeitpunkt vorliegenden Unterlagen über das Projekt zusammengestellt, so dass ein Überblick über das Projekt möglich wird. Besondere Beachtung finden hierbei das Stadtentwicklungskonzept, der städtebauliche Wettbewerb und der Masterplan.

Das vierte Kapitel setzt das konkrete Projekt HafenCity Hamburg in Bezug zu dem theoretischen Rahmen, welcher in den ersten beiden Kapiteln entwickelt wurde. Zuerst werden „alte“ Bilder von Hamburg untersucht, die sich im wesentlichen auf den Mythos des Hafens und dessen Verbindung zur weiten Welt beziehen. Das traditionelle Bild von Hamburg als Tor zur Welt, wird durch das neue Bild von Hamburg als Digital City und Internethochburg ergänzt. Dieses neue Bild ist ganz wesentlich für die Planungen der HafenCity, soll diese doch das neue Epizentrum der New Economy in Hamburg werden und die Hafenwirtschaft als wichtigsten Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber der Stadt ablösen. Damit dies gelingt, wird die Gruppe der Mitarbeiter der New Economy massiv umworben und soll für das neue innenstädtische Wohn- und Arbeitsgebiet begeistert werden. Diese Gruppe ist jedoch sehr viel ausdifferenzierter als dies den Verantwortlichen bewusst ist. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, die Planer gehen von den Yuppies der 80er Jahre als deren Zielgruppe aus. Zur teilweisen Klärung soll ein eigener Gliederungspunkt beitragen, welcher sich genauer mit den Protagonisten der New Economy auseinandersetzt.

Der Unterschied zwischen Yuppies und der neuen Gruppe der Yetties (young, entrepreneurial, tech-based) (vgl. Der Spiegel 19.06.00: 122) wie die Mitarbeiter der Internet-Industrie seit einiger Zeit genannt werden, ist für das Projekt von Bedeutung, da wie zu zeigen sein wird, Yetties wenig mit den modernen Denkkonstruktionen der Planer verbindet. Insofern erscheint auch der Internetauftritt der HafenCity fragwürdig, da dieser genau diese Denkmodelle zum Ausdruck bringt und den Raum HafenCity im Vorfeld mit Zeichen, Symbolen und Zuschreibungen belegt, welche den realen Raum in der Folge strukturieren werden. Der Internetauftritt wird ebenfalls in diesem Teil vorgestellt. Es folgen Analysen der aktuellen Diskurse über die HafenCity. Dabei werden zentrale Kritikpunkte vorgestellt, sowie das dem Projekt zu Grunde liegende städtebauliche Leitbild

der europäischen Stadt und dessen Problematik erläutert. Daran anschließend wird das Verhältnis von Globalität und Lokalität für die HafenCity konkretisiert.

Die Arbeit schließt mit einer Schlussbetrachtung, die auch die eigene Position des Verfassers benennt und reflektiert.

1. Die Ebene des Globalen - Städte in Zeiten der Globalisierung

1.1 Vom Fordismus zum Postfordismus

Der Prozess der Globalisierung kann als eine Folge der Krise des fordistischen Entwicklungsmodells verstanden werden. Kennzeichnend für die fordistische Gesellschaftsformation ist das System standardisierter Massenproduktion und eines damit gekoppelten Massenkonsums. Verbunden wird der Fordismus mit dem Konzept des Automobilherstellers Henry Ford, der durch Massenproduktion und „tayloristische“ Arbeitsorganisation die gesteigerte Arbeitsproduktivität mit einer Erhöhung des Lohnniveaus verband. Dieses System wurde zur Grundlage einer relativ langanhaltenden Prosperitätsphase und bewirkte einen spürbaren Anstieg der Realeinkommen und des materiellen Wohlstands breiter Bevölkerungsschichten. Gegen Anfang der siebziger Jahre schien diese Produktionsform allerdings ihre Produktivitätsreserven erschöpft zu haben und mündete in eine tiefe Wirtschaftskrise, die durch verschiedene Faktoren (komplexes Netz sozialstaatlicher und tariflicher Regulation, steigende Staatsverschuldung und einsetzende „Stagflation“, Ölkrise, relative Marktsättigung standardisierter Massenprodukte) noch verstärkt wurde.

Die Krise des fordistischen Entwicklungsmodells bereitete damit das Terrain für weitreichende ökonomische und soziale Umstrukturierungsprozesse.

Die stärkere Weltmarktorientierung der Industrienationen führt zu einer sich drastisch verschärfenden Weltmarktkonkurrenz und „Globalisierung“ der Produktionsstrukturen. Flexible Produktionsformen, Flexibilisierung und Polarisierung der Arbeits- und Lohnverhältnisse und entsprechende Muster polarisierter und hochgradig aufgespaltener Konsumformen. Die einzelnen städtischen Standorte sind in sehr unterschiedlicher Weise von den genannten Umstrukturierungsprozessen betroffen und in die neuen Produktionszusammenhänge eingebunden. Während die meisten fordistischen Metropolen von umfangreichen Deindustrialisierungsprozessen betroffen waren (verkörpert zum Beispiel durch die „Industriewüsten“ von Detroit), konnten andere Städte (wie z.B. New York) teilweise neue Kommando- und Reindustrialisierungspotentiale der global organisierten Ökonomie an sich binden. In diesem Zusammenhang wird auch der neuere Typus von Stadtentwicklung, die Herausbildung von „Global-Cities“ diskutiert, welcher im wesentlichen auf der von John Friedmann Anfang der achtziger Jahre formulierten World-City-Hypothese (vgl. Friedmann In: Knox/Taylor 1995: 317ff.) zurückgeht.

Auch in Hamburg lässt sich der postfordistische Strukturwandel auffinden. Besonders evident wird dieser jedoch in der Hafenwirtschaft, die durch die beschriebenen Deindustrialisierungsprozesse in eine Krise geraten ist. Als einziges wirtschaftliches Standbein konnte der Hafen nicht mehr ausreichen. Obwohl sich der Warenumschlag immer mehr steigerte, konnte der Hamburger Hafen immer weniger Menschen beschäftigen. Durch den starken weltweiten Konkurrenzdruck in der Werftenindustrie, kam es zu starken Konzentrationsprozessen. Diese führten unter anderem auch zu immer größeren Containerschiffen, welche in der Folge die Hafenbecken der heutigen HafenCity nicht mehr anlaufen konnten. Diese Teile des Hafens konnten so nicht mehr für die Hafenwirtschaft genutzt werden. Die Flächen der HafenCity sind also direkt aus den postfordistischen Umstrukturierungsprozessen frei geworden.

1.2 Die World-City-Hypothesis

Zentraler Erklärungshorizont der Friedmanschen Argumentation ist die Variable der Weltökonomie, der alle anderen Faktoren untergeordnet werden. Die World-City- Hypothesis beinhaltet im wesentlichen sieben Thesen (vgl. Blotevogel 1998: 48):

1. Die Form und das Ausmaß der Integration einer Stadt in die Weltwirtschaft und die Funktion einer Stadt in der neuen räumlichen Arbeitsteilung werden entscheidend für sämtliche innerstädtischen Strukturveränderungen sein.
2. Schlüsselstädte in der ganzen Welt werden von globalen Kapital als „Basispunkte“ in der räumlichen Organisation und Artikulation von Produktion und Märkten genutzt. Die daraus resultierenden Verflechtungen ermöglichen es, die World Cities in eine komplexe räumliche Hierarchie einzuordnen.
3. Die globalen Kontrollfunktionen der World Cities spiegeln sich unmittelbar in der Struktur und Dynamik ihrer Produktions- und Beschäftigungssektoren wieder.
4. World Cities sind bedeutende Plätze für die Konzentration und Akkumulation des internationalen Kapitels.
5. World Cities sind Zielorte für eine große Zahl sowohl nationaler als auch internationaler Migranten.
6. Die Bildung der World Cities lenkt die Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Widersprüche des Industriekapitalismus, darunter die Polarisierung von Raum und Klassen.
7. Das Wachstum der World Cities verursacht soziale Kosten, die tendenziell die fiskalische Kapazität übersteigt.

Den Thesen Friedmanns liegt eine rein ökonomische Sichtweise zugrunde. Aus der These der neuen internationalen Arbeitsteilung leiten sich die folgenden Annahmen wie ein Kausalzusammenhang ab. Lokale oder kulturelle Aspekte von Stadt sind dann immer nur sekundär. Diese Sicht erscheint in Anbetracht des hochkomplexen Gebildes Stadt verallgemeinert und deterministisch. Die Richtung bei Friedmann ist ganz klar bestimmt: Die globale Ökonomie bestimmt das Handeln auf lokaler Ebene. Macht und Einfluss sind auf Seite der Globalisierung, auf der Ebene des Lokalen wird aus reiner Notwendigkeit gehandelt.

Diese einseitige Richtung, global wirkt auf lokal, wird unter anderem auch von Beauregard in Frage gestellt und als unzureichend kritisiert (vgl. Beauregard In: Knox/Taylor 1995: 237). Diese reduzierte Sichtweise, die kulturelle Aspekte, Urbanität und Öffentlichkeit nicht thematisiert und diese auch sowieso als in Abhängigkeit von der globalen Weltwirtschaft stehend verstehen würde, soll später in diesem Abschnitt durch Ansätze ergänzt werden, die versuchen, die Wechselwirkung von Globalem und Lokalem anders zu analysieren. Dies wird auch zu der Frage führen, ob vielleicht ein neuer oder modifizierter Begriff von Stadt nötig ist als der im Verständnis der Moderne, in der Stadt als Orte gedacht wird.

Eine derartige ökonomisch verkürzte Sichtweise ist auch bei der Diskussion um die HafenCity zu beobachten. Die HafenCity wird oft lediglich als standortpolitisches Instrument verstanden, um sich im globalen Städtewettbewerb positionieren zu können. Dieser ökonomischen Sichtweise werden alle anderen Aspekte von Stadt untergeordnet.

Auf den theoretischen Überlegungen Friedmanns baut auch Sassen mit ihrem Begriff der Global Cities auf.

1.3 Global Cities

Unter Global Cities versteht man zentrale Standorte mit hochentwickelten Dienstleistungen und Telekommunikationseinrichtungen, in denen sich wichtige Steuerungsfunktionen konzentrieren (vgl. Sassen 1996: 39). Durch die in 1.1 beschriebene Verlagerung des Wirtschaftsschwerpunkts produzierender Industrie auf internationale Finanzindustrie und das Wachstum produktionsorientierter Dienstleistungen wird es möglich, dass Städte, die Zugang zum Weltmarkt, explizit zu Gebrauchsgütern gewährleisten, Wirtschaftsberatung inklusive Werbung, Versicherung und Online-Agenturen bieten, Bank- Finanz- und Investitionsgeschäfte mit den dazugehörigen produktionsorientierten Dienstleistungen aufweisen und vor allem über eine weltweite Vernetzung von Informations- und Telekommunikationsdiensten verfügen, zu einem bestimmten Typus Stadt werden, der Global City.

Multinational operierende Konzerne haben in der ersten Liga der Global Cities (vgl. Knox In: Knox/Taylor 1995: 8) wie New York, London und Tokio, ihren Sitz. Sie fungieren als Weltstadt für einen ganzen Kontinent bzw. Subkontinent. Ferner sind diese Städte prozentual in größerem Maße an der globalen Wirtschaft beteiligt als das Land ihres Standortes. Der Nationalstaat verliert zunehmend an Macht und Steuerungsfunktion. Ist nun die Produktion weltweit verteilt, muss ein Standort existieren, an dem sämtliche Firmenbelange zusammenlaufen. Der Akkumulationsvorteil und die Möglichkeit von face- to-face Beziehungen lassen immer mehr Firmen mindestens einen Sitz in diese Städte verlagern. Die Städte sind untereinander eng verbunden und werden erst auf diese Weise zur Spitze der globalen städtischen Hierarchie.

Die Telekommunikationsmedien übernehmen im Zusammenhang der Dienstleistungsversorgung eine verteilungsunterstützende und somit wichtige Funktion. Die standortbezogene Konzentration des regulierenden Managements benötigt, um eine globale Kontrolle herstellen zu können, Telekommunikationsmedien. Denn ...“without (the) ‘communication´ there can be no ‘geography of´. You cannot have a geography of anything that is unconnected. No connections no geography.” (Gould 1991: 4).

Auf Grund ihrer Raum/Zeit- Homogenität ist der Stellenwert der Telekommunikation sehr hoch (vgl. Kellermann 1993: 32). Wichtig ist hierbei ist auch der Kostenvorteil durch Video-, Telefon- und Internetkonferenzen gegenüber diversen Flügen zu internationalen Treffpunkten.

Demnach kann einerseits eine voranschreitende Dispersion von Unternehmen und andererseits eine urbane Konzentration der Unternehmensleitung in Global Cities beobachtet werden. Inwieweit sich die Inanspruchnahme von Telekommunikationsmedien weltweit und flächendeckend ausbreiten wird und welche Folgen daraus entstehen könnten, ist umstritten. Die Möglichkeit einer Auflösung oder zumindest ein starker Bedeutungsverlust der Städte (vgl. Rötzer 1995) durch Suburbanisierung und Virtualisierung wird im medientheoretischen Diskursfeld ebenso diskutiert wie die Vermutung, dass die intensive Nutzung dieser Medien zu einer qualitativen räumlichen Konzentration führt. Dagegen argumentiert Sassen:

„Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auch in der vorherrschenden Erzählung die Auffassung vertreten wird, Raum spiele keine Rolle mehr, die Unternehmen könnten sich dank der Telematik an jedem beliebigen Ort niederlassen und die wichtigsten Brachen seien, da sie auf Informationsverarbeitung beruhten, nicht mehr ortsgebunden. Diese Argumentation entwertet die Städte in einer Zeit, in der sie sich zu wichtigen Schauplätzen der neuen multikulturellen Politik entwickeln. Sie erlaubt es den Großunternehmen darüber hinaus, den Stadtregierungen bedeutende Konzessionen zu entringen, wobei sie geltend machen, dass sie wegziehen und sich anderswo ansiedeln könnten – was für einen ganzen Komplex von Unternehmen durchaus nicht zutrifft, [...]. (Sassen 1997:169).

Telekommunikationstechniken ermöglichen sowohl die Dezentralisierung physischer Produktionsaktivitäten als auch die Zentralisierung kontrollierender und informierender Aktivitäten. (vgl. InformationsZentrum Sozialwissenschaften 1987: 331). Globale Verteilung der produzierenden Industrie und Konzentration von Management und hochspezialisierten Dienstleistungen sind Prozesse, die ineinander übergehen und entsprechenden gegenseitigen Einfluss nehmen (vgl. Sassen 1993: 75). Am Terminus der Global City festgemacht bedeutet dieses Verhältnis, dass aus der Motivation der Globalisierung eine Polarisierung entstanden ist und zwar eine Polarisierung der Sozialstruktur und der Beschäftigungsstruktur.

Neben der in den Dienstleistungsunternehmen beschäftigten Dienstleistungselite entwickelt sich zunehmend ein Dienstleistungssegment, dass die aus dem Lebensstil der Elite resultierenden Wünsche befriedigt. Also alles was sich zum Beispiel um Haushalt und Kinder dreht. Als drittes Dienstleistungssegment kommen diejenigen der Instandhaltung und Sicherheit hinzu. Beiden Segmenten gemein ist die im Vergleich schlechte Bezahlung. Allgemein kann ganz deutlich ein antigewerkschaftliches Klima ausgemacht werden.

Das Anforderungsprofil an die Arbeitnehmer entspricht dabei dem Bild des flexiblen Menschen, welches auch von Richard Sennet (vgl. Sennet 2000) skizziert wurde.

Kurzfristigkeit und völlige Elastizität um ständig wechselnde Aufgaben, Arbeitsstellen- und Orte hinnehmen zu können sind wesentliche Merkmale. Die für das Projekt der HafenCity umworbenen Mitarbeiter der New Economy erfüllen scheinbar mit großer Freude die Merkmale des flexiblen Menschen (s. a. 4.3).

Der Global City Ansatz weist bei einer kritischen Analyse eine Reihe von Schwachstellen auf. So entspricht das Repräsentationsmodell der Global City einem zentralistischen Modell der Weltgesellschaft. Die Global City-Hypothese geht vom Zentrum aus, nicht von Wechselwirkungen von Einflussfaktoren. Wer das Zentrum nicht repräsentiert, steht auf der Verliererseite. Kultur taucht als konstitutives Element von Gesellschaft erst gar nicht auf. Ferner fehlt die mikrosoziologische Dimension, welche Aneignungspraxen und körperlichen Kontext zu thematisieren hätte.

Das Konstrukt des Globalen, wird in Sassens Analyse nicht als solches wahrgenommen, sondern vielmehr im Sinne eines objektiven Konstrukts des globalen Wandels. Daraus folgt, dass die Analysen der Global City Forschung letztlich die Konstruktionen des dominanten Repräsentationsmodells der Globalisierung widerspiegeln (vgl. Noller 1999: 123). Die Analyse lokaler Stadträume kann nicht als räumliche Praxis erfasst werden, weil sie aus funktionalistischer Sicht nur das Ergebnis des kapitalistischen Weltsystems ist.

Auch Hamburg versucht seine Stellung als deutsches Außenhandelszentrum weiter auszubauen und neue Kontrollfunktionen dazu zu gewinnen. Da Hamburg als Finanzplatz keine wichtige Rolle spielt und spielen wird, versucht Hamburg in der HafenCity wichtige Vertreter der New Economy zu platzieren. Hamburg kann sicherlich nicht als klassische Global City verstanden werden. Gleichwohl lassen sich in Hamburg für spezifische Bereiche, wie z.B. Werbung, eine Konzentration von Management und hochspezialisierten Dienstleistungen erkennen. Multinational operierende Konzerne sind in Hamburg vorhanden, aber in ganz anderen Dimensionen als in London oder New York. Um seine Verhandlungsposition gegenüber Großunternehmen zu verbessern, versucht die Stadt Hamburg vermehrt nach strategischen Partnerschaften. Jüngstes Beispiel ist das sogenannte Medientandem Hamburg-Berlin.

1.4 Sozialräumliche Polarisierung

Als eine direkte Folge von Globalisierung wird eine sozialräumliche Polarisierung konstatiert. Diese konkretisiert sich theoretisch unter anderem in der Segregationforschung (vgl. Dangschat In: Prokla 109 1997: 619ff.). Polarisierte Einkommensstrukturen schlagen sich direkt in sozialräumlicher Differenzierung nieder. Die Vorstellung einer fundamental gespaltenen Stadtstruktur in arm und reich lässt sich bereits bei Friedrich Engels finden (vgl. MEW Bd. 2: 256 ff) und wird von Brake als „dual city“ (vgl. Brake 1991: 114) beschrieben. Dieses Verständnis scheinen auch Häußermann und Siebel zu teilen, wenn sie formulieren:

„Den Inseln luxuriösen Wohnens und gehobenen Konsums werden die ausgegrenzten Quartiere der Marginalisierten gegenüberstehen“ (Häußermann und Siebel 1987: 83f.).

Allerdings gehen sie von einer „dreigeteilten Stadt“ (Luxus, Mittelschicht, Armut) aus. Aus der kritischen Auseinandersetzung mit Erklärungs- bzw. Beschreibungskonzepten, die aus ökonomischen und sozialen Polarisierungsprozessen die Charakterisierung von Stadtstrukturen als eine „dual“ - bzw. „divided city“ ableiten, entwickelte Peter Marcuse seinen Ansatz einer „quatered city“ (vgl. Marcuse 1989). Dabei kritisiert Marcuse vor allem die Spaltung einer in „arm“ und „reich“ geteilten Stadt als unzureichend, um die komplexen sozialen Strukturen innerhalb einer Stadt zu erfassen. Ferner bezieht sich das Konzept nicht auf strukturelle Spaltungen innerhalb einer Gesellschaft, sondern nur auf die quantitative Betrachtung einer einzelnen Dimension (Einkommen/Besitz bimodal verteilt in „arm“ und „reich“, festgemacht über bestimmte Konsumformen: luxuriöses Wohnen/Elendsquartier etc.).

Die differenzierten Formen sozialer Ungleichheit wie rassistische und ethnische Diskriminierung, sowie geschlechtsspezifische Ungleichheit werden in dem Konzept der

„dual city“ nicht erfasst. Das Konzept basiert ferner auf der Nichtbeachtung bzw. falschen Charakterisierung einer „amorphen Mittelklasse“, die bei der Beschreibung der polarisierten Stadt keine Rolle mehr zu spielen scheint. Im Gegensatz dazu lassen sich nach Marcuse auch strukturelle Spaltungen innerhalb der „Mittelklasse“ ausmachen, die in unterschiedlicher Weise von den angesprochenen Restrukturierungsprozessen betroffen und in die transformierte städtische Ökonomie eingebunden ist.

Die Vorstellung einer „dual city“ bildet einen ideologischen Bezugsrahmen, welcher den

„Mittelklassen“ suggeriert, immer auf der besseren Seite (bzw. der Seite der respektablen Mehrheit) zu stehen.

In diesem Zusammenhang legt sie auch die Vorstellung einer klar abgrenzbaren „(urban) underclass“ (vgl. Kronauer 1995) nahe, ohne die Ursachen einer Marginalisierung bestimmter Gruppen zu erfassen, und stellt dieser „underclass“ die restliche Bevölkerung als „overclass“ gegenüber. Damit wird aber die Ausgrenzung bestimmter sozialer Gruppen vertieft und eine mögliche Koalition der am nachteiligsten von den Restrukturierungsprozessen betroffenen wie etwa niedrigentlohnte Arbeiter, Marginalisierte etc. verhindert. Als ein Beispiel inwiefern die falsche Vorstellung einer

„dual city“ von politischen Konzepten übernommen bzw. genutzt wird, zeigt Marcuse anhand der Obdachlosenpolitik der Stadt New York: Statt die „fortgeschrittene Obdachlosigkeit“ (vgl. Marcuse 1993) in der Stadt als Folge ökonomischer Restrukturierungsprozesse und der Dynamik des Wohnungsmarktes zu begreifen, wird sie als ein spezielles Problem der „anderen Stadt“ wahrgenommen und häufig noch durch spezifische Merkmale der Obdachlosen erklärt (vgl. Marcuse 1993: 206 f.).

Demgegenüber stellt Marcuse sein Konzept einer „quatered City“, in der sozialräumliche Differenzierungsprozesse die Stadtstruktur in eine mehrfach geteilte Stadt spalten:“...so dass getrennte Viertel entstehen, seperate, aber interdependente Städte innerhalb einer Stadt“ . (Marcuse 1993: 216). Die Spaltungen innerhalb einer Stadt verlaufen also nicht nur zwischen dem Ghetto einer „underclass“ und dem relativ integrierten Rest der Stadt, sondern entlang verschiedener politischer, kultureller und ethnischer Trennungslinien bzw. Segregationsgrenzen. Dabei finden die sozialräumlichen Differenzierungsprozesse ihre Ausdrucksformen in verschiedenen, voneinander abgegrenzten Wohnquartieren, die sich durch spezifische Nutzergruppen und bestehende räumliche, architektonische Anordnungen charakterisieren lassen. Die von Marcuse ausgemachte Klassenstruktur

„polarisierter Städte“ korrespondiert dabei recht genau mit bestehenden Wohn- und Arbeitsquartieren:

- „Stadt der Herrschaft und des Luxus“: Führungselite
- „gentrifizierte Stadt“: akademisch gebildete Fachspezialisten, Manager etc.
- „suburbane Stadt“: qualifizierte Angestellte, besserverdienende Arbeiter und Handwerker
- „Stadt der Mietwohnungen“: schlechtbezahlte Arbeiter in der Industrie und in Dienstleistungsberufen
- „aufgegebene Stadt“: Arme, Ausgegrenzte, Obdachlose

So kommt in der „quatered city“ einerseits der „räumliche Ausdruck der Klassenzugehörigkeit“ (Marcuse 1993: 222) zum Vorschein, vertieft die räumliche Organisationsform einer mehrfach gespaltenen Stadt und die bestehenden sozialen Ungleichheiten auf verschiedene Weise. Beispielsweise konzentriert sich der soziale Wohnungsbau zumeist auf die „Stadt der Mietwohnungen“ und führt damit zu einer weiteren „Abwertung“ dieser Viertel. Zum andren werden Armut und Obdachlosigkeit, auch teilweise durch eine gezielte staatliche Politik des „containment“ (vgl. Davis 1994: 270), in bestimmte Teile der „aufgegebenen Stadt“ abgedrängt und dort konzentriert. In Hamburg wird dies besonders am Hauptbahnhof deutlich, wo durch massive Polizeipräsenz und gezielte bauliche Maßnahmen die Drogenszene verdrängt werden sollte, um Hamburgs Gästen ein ansprechendes Bild zu gewährleisten. Der Verteilung sozialer Gruppen im Raum kommt somit eine entscheidende Dimension sozialer Ungleichheit zu.

Ein Beispiel für die Beziehungen und Zusammenhänge zwischen den gespaltenen Segmenten der Stadtstruktur liefert Saskia Sassen, in dem sie auf den funktionalen Zusammenhang der neuen Segregationsmuster für die städtische Ökonomie New Yorks aufmerksam macht und beschreibt, in welchem Maße sozialräumlich voneinander gespaltene Stadtquartiere über verschiedene Produktions- und Reproduktionszusammenhänge ökonomisch integriert sind (vgl. Sassen 1989).

Die Problematik des Ansatzes von Marcuse könnte man methodisch nennen, denn es ist nicht eindeutig klar, ob es sich um ein theoretisches (Idealtypus) oder um ein empirisches Modell handelt. Die soziale Ungleichheit überträgt sich exakt in den sozialen Raum. Die nahezu perfekte Segregation in der Stadt führt zu relativ homogenen Vierteln, die an die natural areas bei Park (vgl. Park 1925) erinnern, die bei Park allerdings ganz eindeutig idealtypisch sind, was bei Marcuse nicht zutrifft. Der Idealtypus ist aber real nicht vorhanden, empirisch werden Abweichungen untersucht, die dann erklärt werden müssen. Für ein völlig neues innenstadtnahes Wohn-, Dienstleistungs- und Freizeitgebiet wie die Hamburger HafenCity scheint es hoch interessant, die gewollten und ungewollten Segregationsprozesse zu verfolgen. Es wird sich im vierten Kapitel zeigen, dass alles andere als eine hoch segregierte HafenCity eine Überraschung wäre. Die sehr hohen

Grundstückspreise lassen wenig anderes als Luxusappartements zu, wenn die Investoren auf ihre Kosten kommen wollen.

Zwar ist Mischung und Kleinteiligkeit nach dem Vorbild der europäischen Stadt das Leitbild der HafenCity, jedoch haben die Planer wahrscheinlich wenig Interesse, Arme, Ausgegrenzte, Obdachlose in der HafenCity zu begrüßen. Schließlich soll die HafenCity eine touristische Attraktion werden.

Auch in der Sichtweise von Marcuse wirkt Globalisierung auf Stadt. Als direkte Folge kommt es dann zu Segregations- und Polarisierungsprozessen. Sozialräumliche Polarisierung bringt eine Vielzahl von Problemen für die Stadtentwicklung mit sich, besonders bei Formen von Ghettoisierung von sozial Schwachen. Deshalb ist aller Orten die Durchmischung von Nutzungen und Funktionen das große Thema, dies gilt auch für die HafenCity. Bei einem neuen Quartier wie der HafenCity ist Segregation aus Marketingsicht durchaus wünschenswert, denn es ist ja viel leichter und kostengünstiger nur eine Zielgruppe anzusprechen, als die ganze Breite der Bevölkerung abzudecken. Für den Verkauf von Wohnungen und Büroflächen gilt dies genauso, denn

„Tatsächlich steht einem nichts ferner und ist nichts weniger tolerierbar als Menschen, die sozial fern stehen, aber mit denen man in räumlichen Kontakt kommt.“ (Bourdieu In Wentz 1991:28).

1.5 Globalisierung und Soziologie

„Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.“

(Marx, Engels zit. nach: Beck 1999: 48).

Das Zitat macht deutlich, dass Globalisierung durchaus kein neues Phänomen ist und bereits bei Marx und Engels der Nationalstaat in Frage gestellt wurde (vgl. Beck 1999: 49). Globalisierung, so könnte man argumentieren, lässt den wichtigsten Forschungsgegenstand der Soziologie, die nationale Gesellschaft in den Grenzen des Nationalstaates (vgl. auch Container-Theorie bei Beck 1999: 49), verschwinden oder zumindest dramatisch an Bedeutung verlieren.

Wie an den bisher vorgestellten Thesen der World-Cities oder Global-Cities deutlich wurde, haben ökonomische Erklärungsmuster die Überhand und beanspruchen Erklärungskraft, die allerdings eindeutig eindimensional verläuft (vgl. auch Becks Kritik an Wallersteins Weltsystemtheorie 1999: 66). Das Erklärungsmuster gleicht einer Einbahnstrasse, bei der die ökonomischen Globalisierungsprozesse direkte Auswirkungen auf die Stadt haben. Auch bei Stratmann lässt sich diese Position in abgeschwächter Form auffinden. Globalisierung ist demnach kein neuer Faktor, der die Stadtentwicklung neu bestimmt, sondern modifiziert lediglich die bekannten Einflussfaktoren (vgl. Stratmann 1999: 99), die Tendenz bleibt aber gleich (vgl. ebd.: 353).

Ganz in der Tradition der klassischen Stadt- und Regionalsoziologie ist die Stadt der Ort, an dem sich diese Auswirkungen in konzentrierter Form auffinden und untersuchen lassen. Die Stadt reagiert aber nur, sie schafft oder versucht entsprechende Voraussetzungen zu schaffen, um im internationalen Städtewettbewerb mithalten zu können. Dabei ist das Verhältnis der soziologischen Untersuchungsebenen eindeutig geklärt: die Makro-Ebene der Globalisierung bestimmt die Mikro-Ebene des sozialen Akteurs, dem in dieser Sichtweise lediglich eine Ohnmachtsrolle zu Teil wird.

Dies gilt im übrigen auch für Erklärungsansätze, die ihren Fokus von der ökonomischen hin zur kulturellen Dimension verschieben, dabei aber eine kulturpessimistische Position einnehmen (These der McDonaldisierung der Welt (siehe auch 2.1 (Konvergenzthese))). Städte versuchen sich dann auch über Kultur als „weichen“ Standortfaktor zu profilieren, jedoch wird dies ebenfalls als direkte Auswirkung von Globalisierungsprozessen begriffen. Wieder findet die Aktion auf globaler Ebene statt, die Reaktion auf der Ebene des Lokalen. Welche Analyserahmen aber existieren neben den ökonomisch dominierten Makroansätzen wie Weltsystemtheorie, World Cities oder Global Cities, die „das Ambivalente, das Mobile, das Flüchtige, das zugleich Hier-und-dort-Sein-...“ (Beck 1999: 53) thematisieren? Beck benennt hier die Ansätze transnationaler Räume im Rahmen der Migrationsforschung und illustriert diese am Beispiel Afrikas, das keinen geographischen abgrenzbaren Ort darstellt, sondern vielmehr auf einer transnationalen Idee und deren Inszenierung beruht (ebd.: 55).

In 4.4. wird die Gruppe der Yetties näher betrachtet werden, welche die HafenCity bevölkern und Hamburgs Position als Digital City festigen soll. Diese Gruppe und deren Arbeitsplätze können als Folge der Globalisierung und Digitalisierung verstanden werden. Dabei verortet sich diese Gruppe auch eher über die globale Gemeinschaft der Beschäftigten der Internet Industrie als über den Nationalstaat oder den lokalen geographischen Ort.

Die aus Becks eigener Feder stammende Weltrisikogesellschaft nimmt die „Kategorie ungewollter Nebenfolgen“ (ebd.: 54) bezüglich ökologischer Krisen in den Blick. Ansätze der Cultural Theory, zu denen Beck Autoren wie Robertson, Appadurai und Featherstone zählt (ebd.: 62), wenden sich von der Eindimensionalität der Makroansätze ab und richten ihr Augenmerk auf die Praktiken der sozialen Akteure auf der Mikro-Ebene, also auf der Ebene des Lokalen, mit dem sich der nächste Abschnitt auseinander setzen wird. Ansätze, welche auf die Mikro-Ebene fokussieren, sind für die Analyse der HafenCity besonders interessant, da sich die sozialen Akteure den entsozialisierten Raum HafenCity erst wieder sozial aneignen müssen. Die Globalisierung der HafenCity muss erst von den Akteuren vorbereitet und umgesetzt werden.

2. Die Ebene des Lokalen

2.1 Die Konvergenz- und die McDonaldisierungsthese

„Es vollzieht sich eine kulturelle und soziale Revolution als Konsequenz wirtschaftlicher Globalisierung. Der Angestellte in Amerika ist davon genauso betroffen wie der Mann auf der Straße in Moskau oder der Manager in Tokio. Dies bedeutet: was wir in und für Amerika tun, hat Gültigkeit überall in der Welt. Unsere Nachrichten sind globale Nachrichten.“ (Ein Sprecher von CNN zit. nach: Beck 1999: 82).

In den Theorien der Stadtentwicklung wird teilweise die These vertreten, dass sich annähernde globale Rahmenbedingungen auf lokaler Ebene zu mehr und mehr angleichenden Resultaten führen (Konvergenzthese)(vgl. Stratmann 1999: 124). Gänzlich unterschiedliche Städte wie New York und Kairo scheinen sich trotz fundamental ungleicher Ausgangspositionen immer ähnlicher zu werden (vgl. Abu-Lughod 1990). Die Annahme lautet, dass alle Städte der Welt ganz bestimmte Entwicklungsstadien durchlaufen und sich dann mehr oder weniger aneinander angleichen. Als Motor dieses Angleichungsprozesses fungiert die gesellschaftliche Modernisierung und die Industrialisierung der sogenannten Entwicklungsländer, sowie die Verbreitung von gleichartiger Technologie auf globaler Ebene, der Weltmarkt und die standardisierenden Effekte der internationalen Arbeitsteilung und des transnationalen Kapitalflusses. Hinzu kommen die universellen Grundbedürfnisse des Menschen und der Kulturaustausch, welcher über Tourismus, Arbeitsmigration und Medien befördert wird.

Der abstrakte, globale Raum verdinglicht sich im konkreten, lokalen Raum, in überall sich ähnlichen Dienstleistungs- und Konzernzentralen, Bürohäusern, Flughäfen, Hotel- und Vergnügungskomplexen. Die globale Konkurrenz um Unternehmens- und Wohnstandorte veranlasst die Städte dazu, die Vermarktung eines global-abstrakten, also nicht ortstypischen oder traditionell-lokalen Raumes zu fördern (vgl. Stratmann 1999: 130). Die Herausforderungen des Weltmarktes anzunehmen heißt auch, eine bestimmte Symbolik in der Architektur zur Schau zu stellen. Es entsteht eine Standardisierung nach internationalen Maßstäben. Die zentrale Problemlage der zukünftigen HafenCity, an die Finanzierung der Hafenerweiterung in Altenwerder gekoppelt zu sein, wird den Standardisierungsdruck stark erhöhen. Internationale Investorengruppen haben als primäres Ziel eine hohe Rendite zu erzielen und weniger städtebauliche Leitlinien zu

erfüllen. So könnte sich auch die HafenCity und Hamburg durch immergleiche, internationale Investorenarchitektur anderen Städten angleichen.

An dieser Stelle sei auf das Phänomen verwiesen, dass das Lokale gemeinhin immer als das „Reale“ gedacht wird, welches im Gegensatz zum Globalen, dem Abstrakten steht.

„Aber in der zweiten Dimension sind der Globalisierung erhebliche immanente Schranken gesetzt. Denn während das Prinzip der Konkurrenz materiell ebenso wenig fassbar ist wie der aus der Flasche befreite Geist, aber den Weltmarkt insgesamt beherrscht, lässt sich Konkurrenzfähigkeit nur in kleinen Einheiten, und zwar ganz real „vor Ort“ herstellen.“ (Altvater/Mahnkopf 1997:27).

International operierende Konzerne und Handelsketten sind überall auf dem Globus verteilt und betreiben Filialen und Niederlassungen, die sich aus Erwägungen einer corporate identity in einem standardisierten Auftreten präsentieren. Wie viele internationale Konzerne sich am Ende in der HafenCity ansiedeln, sei dahin gestellt. Das erste Projekt der HafenCity, das Schulungszentrum von SAP (s.a. 3.4.1) geht jedenfalls genau in diese Richtung.

Die Konvergenzthese impliziert die Modernisierungstheoretische Annahme einer nachholenden Entwicklung, welcher ein evolutionistisches Gedankengut zugrunde liegt. Entwicklung ist demnach ein Prozess der Nachahmung und Angleichung von weniger entwickelten Gesellschaften oder Städten an moderne oder weiter entwickelte Gesellschaften und Städte.

Das hier vorherrschende Primat der Wirtschaftswissenschaften ist mehr als offenkundig. In der Soziologie wird dieser Gedanke beispielsweise bei Zapf (1986) in Form der technokratischen Modernisierung formuliert. Wiedersetzt sich eine Nation oder eine Stadt dieser Modernisierung, nimmt sie sich unweigerlich jegliche positive Entwicklungsperspektive und wird ausselektiert (vgl. auch Stratmann 1999: 125).

Die These von der McDonaldisierung (vgl. Ritzer 1996) oder auch der Konvergenz der globalen Kultur hebt im Gegensatz zu der oben verkürzt dargestellten ökonomisch dominierten Betrachtungsweise auf die kulturelle Dimension der Globalisierung ab. Die Frage, wie sich Kultur im Zeitalter der Globalisierung verändert, wird hier ganz eindeutig im Sinne einer weltweiten Kulturschmelze (vgl. Breidenbach/Zukrigl 1998: 14) und der Gleichmacherei unter amerikanischer Vorherrschaft beantwortet.

Diese Vereinheitlichung bezieht sich auf die Produktion kultureller Symbole, Lebensstile und Nationalgrenzen überschreitende Verhaltensweisen (vgl. Beck 1999: 81).

Der Konsum bestimmter Produkte wie Coca Cola, CNN, Fernsehserien, Hollywoodfilme oder Burger von McDonalds ist weltweit möglich. Es besteht eine einseitige westliche Vorherrschaft. Die Gefahr, die in dieser Argumentation ausgemacht wird, ist der dramatische Kulturverlust, der durch die weltweite amerikanische Monokultur verursacht wird. Verloren geht die Mannigfaltigkeit der verschiedenen Kulturen. Es bleiben lediglich die Waren-Welt-Symbole übrig. Dieser kulturpessimistischen Position liegt die Annahme zu Grunde, dass die kulturellen Produkte rund um den Globus die gleiche Wirkung entfalten und vor allem gleich von den sozialen Akteuren rezipiert werden. Autoren der Cultural Studies wie Stuart Hall stellen gerade der Annahme, was gesendet wird, wird auch so empfangen, das Encoding/Decoding-Modell (vgl. Hall 1999) entgegen.

Ferner wird die Reduzierung der kulturellen Globalisierung auf eine weltweite Popularkultur von Breidenbach/Zukrigl kritisiert:

„Kein Wort über Menschenrechtsdebatten, Hygienestandards und Frauenrechte. Die zunehmende Akzeptanz von Idealen wie der gegenseitigen Anerkennung und des universellen Pluralismus finden hier keine Erwähnung. (Breidenbach/Zukrigl 1998: 15).

Äußerst fragwürdig erscheint an der Konvergenz- oder auch Homogenisierungsthese der zugrundeliegende Ansatzpunkt, es hätten nur westliche Kulturen und ganz besonders die amerikanische, Einfluss auf die kulturelle Globalisierung. Es lassen sich eine Vielzahl von Beispielen benennen, wo eindeutig nicht amerikanische, oder nicht westliche Kulturen weltweiten Einfluss nehmen. Des weiteren ließe sich natürlich auch sofort einwenden, dass sich auch europäische Kulturen miteinander vermischen. Die „schönen“ Zeiten sind vorbei, als die „Schweden noch schwedisch fuhren, aßen und konsumierten, die Engländer englisch fuhren, aßen und konsumierten, “ (Barber 1996: 52). An dieser Stelle seien nur einige Beispiele für eine entgegengesetzte Richtung exemplarisch genannt, wie der sehr starke Einfluss des Buddhismus als geradezu „schicke“ Religion (ganz besonders in den USA), im Musikbereich Techno aus Deutschland und Bossa Nova aus Brasilien. Maori Tattoos, Tribal Art und Piercing zirkulieren ebenfalls rund um den Globus. Die Produkte können, und das ist ein ganz wesentlicher Punkt, in unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Bedeutungen erfahren. Die Produkte werden zwar weltweit konsumiert, jedoch im eigenen lokalen Kontext bedeutet und mit Sinnhaftigkeit versehen.

Das bedeutet, dass lokale Kulturen ganz spezifische Aneignungspraxen besitzen, die wiederum die Funktion haben, eine lebensweltliche Relevanz herzustellen. Konkret erhalten global zirkulierende Kulturwaren wie beispielsweise Michael Jackson oder

Madonna (oder die Bilder von Ihnen) an den verschiedenen Orten der Welt auch verschiedenste Bedeutungen, werden also ganz unterschiedlich rezipiert und nach dem jeweiligen lebensweltlichen Zusammenhang angeeignet.

Kulturelle Aneignungspraxis ist an die jeweilige kulturelle Identität des lokalen Ortes gebunden. Als ein weiteres Beispiel ganz spezieller Aneignungspraxis, sei an dieser Stelle auf die besonders in Deutschland vielfach aufzufindende Trash-Kultur hingewiesen. Dabei wird in ironischer Weise bevorzugt über Secondhand Kulturwaren, eine ganz spezielle Bedeutungsgebung erzielt (vgl. auch Symbolische Kreativität bei Willis (1991)). Auf Hamburg bezogen, kann beispielweise kann das Tragen eines Secondhand HSV- Sweatshirts nicht aus einem Fan- oder Bewunderungszusammenhang getragen werden, sondern wäre vielmehr ironisiert in dem Sinne, das etwas so schlecht ist, das es schon wieder gut ist. Oder man kauft das Sweatshirt weil man es einfach gut findet, losgelöst von einem jeweiligen Logo oder Schriftzug. Bei dem HSV-Beispiel kann es aber je nach lebensweltlichem Zusammenhang zu unterschiedlichsten Interpretationen kommen (vgl. Encoding, Decoding bei Hall (1999)).

Lehnen die Menschen im Umfeld des Trägers den HSV ab und wissen aber, das die Person nichts mit Fußball zu tun hat, kann die ironisierende Trash-Komponente zum Tragen kommen. Trifft die Person aber im Alltagsleben in Hamburg auf unbekannte Personen, ist die Einstellung zum HSV nicht klar und es kann durchaus ein Fanzusammenhang vermutet werden (Fragen nach Ergebnissen, starke Ablehnung, Zustimmung).

Diese Gradwanderung kann also im lebensweltlichen Zusammenhang von Gleichgesinnten geteilt werden, oder stiftet selbst dort Verwirrung. Dies gilt besonders dann, wenn die Person seine Lebenswelt verlässt, sei es nur ein paar Straßen weiter bei einem Zusammentreffen mit „echten“ HSV-Fans. Das wäre die lokale Ebene.

In einer globalisierten Welt wandert auch die HSV-Raute als Image und als Kulturprodukt in Form von Trikots und ähnlichem durch die Welt. In Ländern, in denen gerade der Besitz von Trikots von westeuropäischen Vereinen als Statussymbol verstanden wird, ist eine ironisierte Haltung bei einem Aufeinandertreffen wohl fast gar nicht zu vermitteln. Dieses Beispiel macht die Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten deutlich, die aber im Spannungsfeld von Lokalem und Globalem sehr unterschiedlich ausfallen.

Es wird klar, das weltweit zirkulierende Kulturwaren immer an den spezifischen Ort mit Sinn durch die Konsumenten versehen werden.

Die These der Homogenisierung argumentiert also in der Frage der Aneignungspraxis aus rein kulturimperialistischer Sicht, oder ganz salopp formuliert, gegessen wird, was die

Amerikaner auf den Tisch bringen. Dahinter streckt auch die Annahme, dass sich die einzelnen Kulturen stark von einander unterscheiden, was wiederum auf eine historische Entwicklung zurück geht. Es muss ferner die Frage gestellt werden, wieso Homogenisierung nur als Kulturverlust verstanden wird und nicht auch als Kulturverlust. Die Relevanz der Konvergenzthese für die HafenCity liegt in sich angleichender internationaler Architektur und global zirkulierenden Produkten und Geschäftsideen, die teilweise wohl auch in die HafenCity Einzug halten werden. Besonders für Touristen werden wahrscheinlich internationale Ketten wie McDonalds, Balzac Coffee und Bennetton ihre Pforten öffnen.

2.2 Die Divergenzthese

Die Gegenthese zur Konvergenzthese (2.1) lautet, dass Stadtentwicklung immer kulturabhängig ist und es darum gerade nicht zu einer weltweit gleichartigen Stadtstrukturenentwicklung kommen wird. Demnach lassen sich Stadtstrukturen in verschiedenen Kulturräumen nicht mit verallgemeinerten Modellen erklären. Ähnliche Prozesse der Urbanisierung führen im Ergebnis zu unterschiedlichen Stadtstrukturen (vgl. Hofmeister 1991:5 In: Stratmann 1999: 125). Auch lasse sich bei einem ähnlichen Erscheinungsbild bezüglich Architektur und sozialräumliche Strukturierung von Städten nicht automatisch auf eine angleichende Entwicklung schließen (vgl. Abu-Lughod 1975 In: Stratmann 1999: 125). So zeigt Ehlers bei einer Betrachtung der islamisch-orientalischen Städte, dass man nicht aus dem Verdrängen der traditionellen islamischen Altstadt, Medina, und der Basare durch City und moderne Wohnviertel zu dem Schluss kommen sollte, dass eine westliche Stadtstruktur auch auf eine westliche Stadtkultur schließen lässt (vgl. Ehlers 1993: 32 f.). Vielmehr kommt es zu einer Vermischung von Elementen der westlichen Stadtstruktur mit regionaler Stadtkultur. Wer auf gesellschaftstheoretischer Ebene dem Konzept einer nachholenden Modernisierung nicht folgen mag, wird auch auf der Ebene der Stadtentwicklung eher die Divergenzthese bevorzugen.

Die Städte versuchen, so die These, sich aus dem vermeintlichen Sog der durch die Globalisierung verursachten Gleichmacherei zu entziehen, in dem lokale und regionale Besonderheiten betont werden. Diese zunehmende Bedeutung des lokal Besonderen als Abgrenzungsmöglichkeit und der positiven Imagebildung nach außen und innen, wird zunehmend von den Städten erkannt und gezielt inszeniert.

Neben der eigenen Identitätskonstruktion der Städte hilft das lokal Besondere natürlich auch, sich als attraktiver Standort für den Tourismus zu profilieren und zu positionieren.

„Tourismus bedarf des Unterschieds. Es muß den „anderen Ort“ geben, den Ort, der anders ist als der eigene.“ (Stratmann 1999: 126).

Nach einer Lesart, welche sich auf die Global Cities-Argumentation stützen würde, wäre eine Betonung des Besonderen auf lokaler Ebene, im Sinne einer Steigerung touristischer Attraktivität, lediglich eine Spielart des Reiz-Reaktions-Schemas: Auf der Makro-Ebene

„passiert“ Globalisierung, die Städte reagieren lediglich, um im internationalen Wettbewerb standhalten zu können.

Die Divergenzthese geht von einer Fragmentierung der Kulturräume aus. Diese zerfallen in kleine Einheiten, die Kulturen vollziehen einen Rückbezug auf ihre jeweilige kulturelle Identität. Wie schon angedeutet, beinhaltet diese Argumentation die Annahme, dass sich die einzelnen Kulturen stark voneinander unterscheiden, was auf einer historischen Entwicklung beruht. Der Umgang mit fremdem Kulturprodukten findet in Form von Widerstand statt, eigene lokale Produkte werden bewusst bevorzugt. Diese Argumentation findet sich zum Beispiel im dem deutschen Diskurs um die „ostalgische“ Mentalität von Ostdeutschen. Eine gesteigerte Form des Widerstandes gegen hegemoniale Mächte wird unter dem Begriff „Balkanisierung der Welt“ zusammengefasst, also verstärkter Nationalismus und religiöser Fundamentalismus. Nationalstaaten versuchen eine vermeintliche „nationale Identität“ gegenüber fremden Einflüssen und Werten abzuschirmen. Ein prominentes Beispiel stellt Frankreich mit seinem L’Auriol-Gesetz dar (vgl. Breidenbach/Zukrigl 1998: 50), welches ausländischen Firmen angloamerikanische Terminologie in ihrer Werbung untersagt. Die Nationalstaaten entwerfen das Szenario der Fragmentierung intakter, einheitlicher und organischer Gesellschaften.

Die Relevanz der Divergenzthese ist für Hamburg relativ groß. Hamburg versucht eine besondere und einzigartige Stadt zu sein und sich als solche darzustellen und zu konstruieren. Die HafenCity bietet in diesem Zusammenhang eine gute Gelegenheit das besondere des Hafens neu herauszustellen. Die Besonderheit der Stadt Hamburg ist auch für einen erfolgreichen Tourismus von größter Wichtigkeit.

Die Konvergenz- und auch die Divergenzthese weisen beide eine starke Eindimensionalität auf. Globalisierung wird jeweils als neuer Superfaktor gedacht, der eine ganz bestimmte Wirkung hervorruft, Homogenisierung oder Fragmentierung. Ambivalenzen können mit beiden Thesen nicht hinreichend erklärt werden. Deshalb wird im nächsten

Gliederungspunkt der Begriff der „Glokalisierung“ (Robertson 1998) erläutert, welcher im Gegensatz zu den bereits vorgestellten Thesen von einer Durchdringung von Globalem und Lokalem ausgeht.

2.3 Die These der „glokalen“ Entwicklung

„Die Paradoxie der... Mega-Trends liegt nun darin, dass die Welt in zwei Richtungen driftet. Auf der einen Seite der Trend zur Globalisierung und Internationalisierung der Ökonomien, zur Zivilisierung der Weltpolitik, zur Universalisierung von Kultur und Wertesystem . An die Stelle der Staatenwelt, der Nationalökonomien und der kulturellen Identitäten tritt die Weltgesellschaft, die Weltwirtschaft, die Weltkultur. Auf der anderen Seite verzeichnen wir einen Prozeß der Fragmentierung, der Renaissance der Nationalismen, der staatlichen Zersplitterung, der Retribalisieung, des Ethnoprotektionismus, des kulturellen Relativismus und der zivilisatorischen Regression bis hin zum blanken Atavismus.“ (Menzel 1994: 129).

Die in diesem Zitat als Mega-Trends bezeichneten Pole Fragmentierung und Homogenisierung, Jihad vs. McWorld (vgl. Barber 1996), scheinen sich unvereinbar gegenüber zu stehen.

Das Entweder Oder lautet: homogenisierende Globalisierung oder partikularisirende Libanonisierung. Scheinbare Gegensätze wie global versus lokal, global versus tribal, international versus national, universal versus partikular werden in vielen zeitgenössischen Theorien proklamiert (vgl. Robertson 1998: 204). Dies hat jedoch zur Folge, dass Globalisierung als Gegenbegriff zu Lokalisierung definiert wird. Robertson geht dagegen von einer Durchdringung und Verschränkung von Globalen und Lokalem aus und verwendet den Begriff „Glokalisierung“ (vgl. Robertson 1998) als einen angemesseneren Arbeitsbegriff, um Paradoxien und Ambivalenzen beschreiben zu können.

„Das Globale ist an und für sich nicht dem Lokalen entgegengesetzt. Das, was man häufig als das Lokale bezeichnet, ist vielmehr ein konstitutiver Bestandteil des Globalen.“ (vgl. ebd. 1998: 208).

Der Begriff der Glokalisierung konkretisiert sich bei Robertson über eine Auseinandersetzung mit Giddens (vgl. ebd. 1998: 195), der zwar Globalisierung eine dialektische Komponente zugesteht, aber alten Denkstrukturen verhaftet bleibt. Ganz konkret steht das Zusammendenken von Globalisierung und dem Modernitätsdiskurs in der

Kritik, dem ein Aktion-Reaktion-Modell zugrunde liegt. Wie bereits auch an anderer Stelle festgestellt wurde, wird Globalisierung in dieser Sichtweise lediglich makrostrukturell angedacht. Die Aktion erfolgt auf globaler Ebene, reagiert wird auf lokaler Ebene. Globalisierung als direkte “Konsequenz der Moderne“ (Giddens 1990 In: Robertson 1998:

200) zu verstehen, befördert das Denken in unvereinbaren Gegensätzen.

Die gesellschaftliche Moderne konstituiert sich grundsätzlich über Nationen, die sich zentralisiert organisieren und im Laufe eines geschichtlichen Prozesses eine Homogenisierung erfahren. Diese Homogenisierung erfolgt auf staatlicher und kultureller Ebene. Dieser Mythos der Homogenisierung wird nun einfach auf Globalisierung angewendet. Die Komplexität des Spannungsverhältnisses von Globalem und Lokalem kann auf diese Weise jedoch nicht erfasst werden.

Heimat, Nation, Gemeinschaft stellen auf der Ebene des Diskurses diskursive Konstrukte dar. Diese Begriffe werden im Zusammenhang mit einem zunehmenden Miteinander- Verbundensein unterschiedlichster lokaler Kulturen immer wichtiger. Über Ein- und Ausschlusspraxen - wer gehört dazu, wer nicht - erfolgt die beständige Konstruktion und Reproduktion, sehr anschaulich am Beispiel des Nationalstaates. Die Ebene der Erfahrung wäre dann diejenige, auf der das Konstrukt funktioniert, also wo eine Habitualisierung stattfindet. Erst diese beiden Ebenen zusammen machen Empfindungen wie Heimatgefühl oder Nationalbewusstsein emotional bindend. Die emotionale Bindung wird über Ritualisierungspraktiken auf lokaler und regionaler Ebene im Bewusstsein und im Körper der sozialen Akteure eingelagert und so bei Bedarf abrufbar gemacht. Sehr plastisch zu beobachten bei der Fußball Europameisterschaft 2000, wo durch das ritualisierte Abspielen der Nationalhymnen das Nationalbewusstsein direkt angesprochen wird. Über die Alltagserfahrung, in der die Nationalhymne ja nur bei besonderen Anlässen gespielt wird, ist für den Verstand, aber auch für den Körper klar, dass es sich auch im Stadion um einen feierlichen Akt handelt. Die Abgrenzung zum vermeintlich Anderen ist dann sehr einfach zu vollziehen.

Heimat ist ebenso wie die Nation ein diskursives Konstrukt. Eine Beziehung zu einem gemeinsamen Ort ist den Bewohnern dieses Ortes für ein Gefühl von Heimat essentiell. Diese Beziehung ergibt sich durch ritualisierte Handlungen und Zeremonien, die das Heimatgefühl beständig konstruieren (vgl. Featherstone 1995: 94). Diese erzeugen wiederum eine gemeinsame Erinnerung und helfen, das Andere zu definieren, um sich so selbst zu konstituieren. In Hamburg können der Hafengeburtstag, das Alstervergnügen und das Kirschblütenfest als Beispiele für derartige ritualisierte Handlungen genannt werden.

Hamburger zu sein, ergibt sich aus einer vorgestellten Gemeinschaft, wobei sich ganz klar ein Außen und Innen abgrenzen lassen. Dies äußert sich in Hamburg beispielsweise an den abfälligen Zuschreibungen für Personen aus dem Umland.

Die Bedeutung des Lokalen nimmt durch kulturelle Globalisierung zu. Vertritt man die Divergenzthese, äußert sich dies in der Betonung des Lokalen oder Regionalen als Gegenbewegung oder als Abgrenzung gegen fremde Einflüsse und den „Verlust“ der eigenen Kultur. Aber auch aus unternehmerischer Sichtweise gewinnt das Lokale immer mehr an Bedeutung, da global ausgerichteten Firmen lokal präsent sein und sich gegebenenfalls an die jeweilige Kultur anpassen müssen, um bestimmte Marktsegmente nicht der Konkurrenz zu überlassen. Diese neugewonnene Bedeutung des Lokalen ist als reiner Rückzug oder Einigelung vor dem globalem Sturm, der schon irgendwann wieder vorüber geht, nicht zu erklären. Vielmehr muss das Lokale im globalen Kontext betrachtet werden.

„Shakespeare gehört nicht länger England. Er hat eine universale Bedeutung erlangt; und wir müssen in dieser Hinsicht zwischen dem Shakespeare unterscheiden, der das Englische repräsentiert, und dem Shakespeare von „lokal-plus-globaler“ Relevanz.“ (Robertson 1998: 213).

Das Lokale re-lokalisiert sich sozusagen, ergibt sich vor einem globalen Kontext nationenübergreifender Abhängigkeiten durch Konflikt und Dialog in translokaler Wechselseitigkeit und Austauschprozessen und bestimmt sich inhaltlich neu.

„Kulturelle Globalisierung durchkreuzt die Gleichsetzung von Nationalstaat mit Nationalstaatsgesellschaft, indem transkulturelle Kommunikations- und Lebensformen, Zurechnungen, Verantwortlichkeiten, Selbst- und Fremdbilder von Gruppen und Individuen hergestellt werden bzw. aufeinandertreffen.“ (Beck 1999: 88).

Demnach ist das Lokale keine statische Einheit, sondern muss vielmehr als Prozess verstanden werden, der auch sehr widersprüchliche Elemente beinhalten kann. Aus diesem Grund kann eine Vorgehensweise, welche von einer Makro/Mikro Unterscheidung im Sinne eines Reiz-Reaktions-Schemas ausgeht, nicht zur Klärung beitragen. Die Sichtweise ist bei der Argumentation mit der Begrifflichkeit der „Glokalisierung“ eine diametral entgegengesetzte:

„Globalisierung – scheinbar das Ganz-Große, das Äußere, das, was am Ende noch dazukommt und alles andere erdrückt – wird fassbar im Kleinen, Konkreten, im Ort, im eigenen Leben, in kulturellen Symbolen, die alle die Signatur des „Glokalen tragen“. (ebd. 1999: 88).

An dieser Stelle zeigt sich auch bei Beck die Tendenz, das Globale als abstrakt zu sehen. Was aber viel wichtiger ist, das Lokale bekommt den Anschein des Realen, des Ortes. Dabei ist das Lokale ebenso wie das Globale ein diskursives Konstrukt. Der Verweis auf den Ort, das Konkrete legt die Vermutung nahe, dass Beck sich ebenso wie Giddens, wenngleich nicht so konsequent, in Denkfiguren der Moderne bewegt.

Glokalisierung stellt eine Vermittlung der beiden sich gegenüberstehenden Thesen von Homogenisierung und Fragmentierung dar und geht von einer Gleichzeitigkeit, Prozesshaftigkeit und Komplementarität von globalen und lokalen Entwicklungen aus. Auf Stadt bezogen bedeutet diese Annahme, das Konvergenz und Divergenz gleichzeitig auftreten und Formenpluralität zur Folge haben. Globale Strukturen modifizieren zwar lokale Strukturen, ebnen diese jedoch nicht im Sinne einer Gleichschaltung ein. Die Hervorhebung des Lokalen ist dann auch nicht als generell konträr zur Globalisierung zu verstehen. Das allgemeine Moment des globalen ist ohne das besondere, lokale nicht zu denken. Auch bei dem städtebaulichen Projekt HafenCity Hamburg lässt sich eine komplexe Durchdringung von Globalem und Lokalem ausmachen. Eine Dominanz einer Seite zu unterstellen, würde auch hier den Erkenntnishorizont stark verkürzen.

Bei Appadurai (1993) wird der Zusammenhang von Globalen und Lokalen als Fläche gedacht, er spricht von sogenannten lokalen Landschaften. Der Begriff der Landschaft steht als Fläche im Gegensatz zum Ort und kennzeichnet Ausschnitte, die miteinander verknüpft sind. In diesem Konzept wird der aktive soziale Akteur gedacht, was sicherlich einen Pluspunkt gegenüber einigen schon beschriebenen Konzepten darstellt. Eine Makro/Mikro-Unterscheidung ist mit dem Konzept der lokalen Landschaften nicht zu denken.

Andere Analysebegriffe wie der der Globale Melange (vgl. Pieterse 1998), verstehen Globalisierung als Prozess der Hybridisierung, bei dem sich zwei Kulturen verbinden und etwas Neues entseht. Wichtig ist, das hier immer auch etwas verloren geht. Hinter dem Begriff der Globalen Melange steht das Bild einer interkulturellen Welt, die sich im beständigen Austausch befindet. Melange oder Kreolisierung zielen mehr auf die Verbindung der einzelnen Kulturen ab, als auf deren Autonomie. Die Verbindung entsteht nicht unter gleicher Partizipation der beteiligten Komponenten.

Auf der Ebene des Individuums ist von Hybriden die Rede, Menschen die Vermischtes aber auch scheinbar Widersprüchliches in sich vereinen. Dieser Begriff geht daher über den der Melange hinaus. Das Lokale ist hier nicht mehr der Platz von kultureller, ethnischer und rassischer Homogenität.

Hybride sind ungleich schwerer an ein Konstrukt wie Heimat oder Nation zu binden, da sie sich vielfach in transnationalen oder translokalen Räumen bewegen. Diaspora und Migration treten an die Stelle von Gesellschaft und Nation. Eine Gebundenheit richtet sich eher auf Treffpunkte (real oder virtuell), Zwischenräume und Grenzgebiete, als auf Länder, Städte und Regionen. Hybridität steht durch diffuse und heterogene Erscheinungsformen im Gegensatz zu einer einheitlichen, organischen Identität wie dies von der Ideenkonzeption der Moderne gedacht wird. Vielmehr ließe sich an dieser Stelle von Identifikation als von Identität sprechen. Die Einheit der Identität des Subjektes ist für die Moderne lebensnotwendig. Dies hängt auch damit zusammen, dass eine homogene Identität der Bürger für die Aufrechterhaltung des Nationalstaates eine wesentliche Rolle spielt. Auf postmoderne Identitätskonstruktionen soll an späterer Stelle der Arbeit noch weiter eingegangen werden. Die in 4.3 beschriebenen Yetties sind ein Beispiel für solche postmodernen Identitätskonstruktionen. Dabei ist diese Gruppe in besonderem Maße durch das Verhältnis Globalität und Lokalität geprägt.

Der folgende Gliederungspunkt thematisiert auf der Ebene von Stadt einen zentralen Begriff der Moderne, Urbanität. Für die Analyse von Stadt und für Theorien der Stadtsoziologie ist Urbanität eine besonders wichtige Kategorie und dient häufig auch als eine Art Qualitätssiegel für europäische Städte. Dabei wird Urbanität im modernen Verständnis immer mit konkreten Orten in Verbindung gesetzt.

Auch in Verbindung mit der Hamburger HafenCity wird Urbanität diskutiert. Urbanität gilt als zentrales Merkmal der klassischen europäischen Stadt. Durch Funktionstrennung, und Monostrukturierung der Hamburger Innenstadt wird eine Erosion von Urbanität beklagt. Die Innenstadt ist nach Ladenschluss völlig verödet. Da Hamburg auch ein wichtiger Tourismus Standort sein will, stellt diese Entwicklung ein Problem dar. In der HafenCity sollen diese Fehler nicht wieder begangen werden. Die HafenCity soll ein urbanes, lebendiges und bezüglich seiner Bewohner und der Nutzung gemischt und kleinteilig sein. Dies soll über den sogenannten Masterplan für die HafenCity (vgl. 3.4) abgesichert werden, welcher die Nutzung der einzelnen Flächen vorschreibt.

Die Frage ist besonders umstritten, wie in neuen Quartieren Urbanität durch Stadtentwicklung erzeugt, oder zu mindest Vorschub geleistet werden kann. Der Begriff

Urbanität ist dabei häufig der Theorie der Moderne als Denkmuster verhaftet. Dies zeigt sich auch in der Diskussion um die HafenCity (vgl. 4.5).

2.4 Urbanität der Moderne

„Wie in der Feudalzeit der „freie“ Mann derjenige war, der unter Landrecht stand, d. h. unter Recht des größten sozialen Kreises, unfrei aber, wer sein Recht nur aus dem engen Kreise eines Feudalverbandes, unter Ausschluß von jenem, zog - so ist es heute, in einem vergeistigten und verfeinerten Sinn, der Großstädter „frei“ im Gegensatz zu den Kleinigkeiten und Präjudizierungen, die den Kleinstädter einengen. Denn die gegenseitige Reserve und Indifferenz, die geistigen Lebensbedingungen großer Kreise, werden ihren Erfolg für die Unabhängigkeit des Individuums nie stärker gefühlt, als in dem dichten Gewühl der Großstadt, weil die körperliche Nähe und Enge die geistige Distanz erst recht anschaulich macht; es ist offenbar nur der Revers dieser Freiheit, wenn man sich unter Umständen nirgens so einsam und verlassen fühlt, als eben in dem großstädtischen Gewühl; denn hier wie sonst ist es keineswegs notwendig, daß die Freiheit des Menschen sich in seinem Gefühlsleben als Wohlbefinden spiegele.“ (Simmel 1903: 126).

Historisch bezeichnet der Begriff der Urbanität die höchsten Tugenden des Bürgertums. Der Begriff geht bis in die Antike zurück, in der die Liebe zum Schönen und Geistigen sehr stark im Vordergrund stand. Geistige und politische Freiheit des aktives Bürgertums sind zentrale Merkmale von Urbanität, was auch sehr stark in dem oben stehenden Zitat transportiert wird.

Urbanität stellt eine Beschreibung für einen innerstädtischen Raum dar, nicht für die gesamte Stadt. Freiheit und Individualität der Akteure in diesem Raum sind dabei Grundvoraussetzungen. Die großstädtische Individualität basiert auf Verhaltensweisen, die als Schutzmechanismen auf die Überreizung, oder wie es Simmel formuliert, als

„Steigerung des Nervenlebens“ (ebd.: 116), erklärt werden können. Diese Überreizung führt zu der für Großstädter charakteristischen „Blasiertheit“.

„Es gibt vielleicht keine seelische Erscheinung, die so unbedingt der Großstadt vorbehalten wäre, wie die Blasiertheit. Sie ist zunächst die Folge jener rasch wechselnden und ihren Gegensätzen eng zusammengedrängten Nervenreize, aus denen uns auch die Steigerung der großstädtischen Intellektualität hervorzugehen schein; weshalb denn auch dumme und von vornherein geistig unlebendige Menschen nicht gerade blasiert zu sein pflegen.“ (ebd.: 121).

Eines wird an dieser Stelle ganz deutlich: Nicht die Stadt ist urban, sondern ihre Bürger. Urbanität ist ganz wesentlich mit den Idealen der Aufklärung, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verknüpft. Dieser Typus Mensch wird Anfang des 20. Jahrhunderts durch den Flaneur verkörpert, welcher von Walter Benjamin so eindrucksvoll in seinem Passagen-Werk beschrieben wird:

„Denn Paris haben nicht die Fremden sondern sie selber, die Pariser zum gelobten Land des Flaneurs, zu der „Landschaft aus lauter Leben gebaut“, wie Hofmannsthal sie einmal nannte, gemacht. Landschaft – das wird sie in der Tat dem Flanierenden. Oder genauer: ihm tritt die Stadt in ihre dialektischen Pole auseinander. Sie eröffnet sich ihm als Landschaft, sie umschließt ihn als Stube.“ (Benjamin 1991: 525).

Der Flaneur dieser Zeit ist gespalten zwischen Großstadt und Bürgerklasse. Durch die Menge hindurch erlebt er die Stadt als traumhaftes, bizarres Gebilde in der Dialektik von Landschaft und Stube. Der Begriff der Landschaft signalisiert den Gegensatz zum Ort, zur Heimat. Landschaft ist hier ähnlich wie bei Appadurai (1993) ein gedachtes Gebilde, ein Meer an Möglichkeiten.

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Ende der Leseprobe aus 141 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Globalisierung und Lokalisierung am Beispiel des städtebaulichen Projekts der Hamburger HafenCity
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Soziologie)
Note
1,8
Autor
Jahr
2000
Seiten
141
Katalognummer
V29
ISBN (eBook)
9783638100151
Dateigröße
1639 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gloabalisierung, Lokalisierung, Glokalisierung, Urbanität, Stadtentwicklung, Stadtplanung, Postmoderne Stadt, Architektur, Digitale Stadt, Hamburg, HafenCity
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Michael Schröder (Autor), 2000, Das Verhältnis von Globalisierung und Lokalisierung am Beispiel des städtebaulichen Projekts der Hamburger HafenCity, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29

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