Psychologische Wirkungen von Arbeitslosigkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

36 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Das „wahre Ausmaß“ der Arbeitslosigkeit

3.) Die Bedeutung von Arbeit

4.) Wirkung von Arbeitslosigkeit
4.1.) Die Arbeitslosen von Marienthal
4.2.) Heutige Forschung
4.2.1) Typenbildung in der heutigen Forschung
4.2.2.) Proaktive und resignative Anpassung

5.) Arbeitslosigkeit und Gesundheit
5.1.) gesundheitliche Wirkungen von Arbeitslosigkeit
5.2.) Gesundheitsriskantes Verhalten von Arbeitslosen
5.3.) Verstärkungseffekte und psychosoziale Problemdichte

6.) Die Bewältigung von Arbeitslosigkeit
6.1.) Individuelle Faktoren
6.1.1.) Soziographische Faktoren
6.1.2.) Berufsbiographie
6.1.3.) Psychologische Faktoren
6.1.4.) Coping Ressourcen
6.2.) Faktoren der sozialen Umgebung

7.) Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf das soziale Umfeld

8.) Gesellschaftliche Verarbeitungsmuster

9.) Interventionsmaßnahmen
9.1) Arbeitslosigkeit als berufliche Transition
9.2.) Die Initiative Arbeitsmarkt Friedrichshafen
9.2.1.) Beschreibung der Maßnahme
9.2.2.) Erfolge der Maßnahme
9.2.3.) Bewertung der Maßnahme

10.) Diskussion
10.1.) Probleme der IAF als individuenzentrierter Maßnahme
10.2.) Gesellschaftliche Alternativen

11.) Literatur

1.) Einleitung

Arbeitslosigkeit ist ein komplexes individuelles und gesellschaftliches Phänomen, das in allen industrialisierten Ländern eine große Zahl von Menschen direkt und eine noch weit größere Zahl von Menschen indirekt (etwa als Familienangehörige) betrifft. Bei der Beschäftigung mit dem Phänomen Arbeitslosigkeit verdienen die psychologischen Wirkungen besondere Beachtung: Arbeitslosigkeit ist ein Ereignis, das für die Betroffenen nicht notwendigerweise, aber bestürzend oft mit erheblichen psychischen und in der Folge auch physischen Belastungen einhergeht. Doch Arbeitslosigkeit wirkt nicht nur auf der individuellen Ebene, sondern produziert auch gesellschaftliche Reaktionen: Ausgrenzung und Abwertung von Arbeitslosen sind gesellschaftliche Realität.

Durch diese Ergebnisse der psychologischen Arbeitslosenforschung lässt sich begründen, warum die Gesellschaft als Ganzes in der Unterstützung der von Arbeitslosigkeit Betroffenen gefordert ist.

Auch in der Unterstützung Arbeitsloser in Form von Interventionsmaßnahmen sind die Erkenntnisse über die psychologischen Prozesse in der Arbeitslosigkeit richtungsweisend. Selbst der scheinbar völlig unpsychologische Versuch, Arbeitslose in neuen Anstellungen wiederzubeschäftigen, ist oft auf Training und Beratung arbeitsloser Arbeitnehmer angewiesen, um für eine erneute Anstellung unerlässliche Qualifikationen zu ermöglichen.

Der Aufbau dieser Arbeit stützt sich auf die eben beschriebene Rolle von Erkenntnissen aus der psychologischen Arbeitslosenforschung: Nach einem kurzen Überblick über das aktuelle Ausmaß von Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland werden die psychologischen Wirkungen von Arbeitslosigkeit im Einzelnen beschrieben. Ausgehend von der Bedeutung, die Arbeit für Menschen unseres Kulturkreises hat, wird gezeigt, welche Folgen zu erwarten sind und welche eintreten, wenn dieser zentrale Pfeiler unserer alltäglichen Existenz zusammenbricht. Dies wird zunächst für das Individuum diskutiert, dann werden die Auswirkungen und Reaktionsweisen des sozialen Umfelds und schließlich der Gesellschaft beschrieben. Ein gesonderter Abschnitt wird die Rolle moderierender Faktoren beleuchten; in diesem Zusammenhang wird auch auf die Rolle von Coping Ressourcen insbesondere von Kontrollüberzeugung und Selbstwirksamkeit eingegangen.

Die Gestaltung von Interventionsmaßnahmen ergibt sich aus der psychologischen Qualität der beschriebenen Prozesse. Es werden verschiedene Herangehensweisen exemplarisch vorgestellt und vom Autor diskutiert.

2.) Das „wahre Ausmaß“ der Arbeitslosigkeit

Der jeweils aktuellen Zahl der Arbeitslosen ist in den letzten Jahren von Politik und Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit gewidmet worden. Sie liegt derzeit bei rund 3,7 Millionen Menschen (homepage der Bundesanstalt für Arbeit, Monat 05.01)

Ich verzichte darauf, die Entwicklung der Massenarbeitslosigkeit hier ausführlich darzustellen. Stattdessen möchte ich etwas genauer beleuchten, auf Grundlage welcher Zahlen das Ausmaß der Massenarbeitslosigkeit normalerweise beschrieben wird.

Da das Ausmaß von Arbeitslosigkeit mit viel persönlichen Schmerzen und hohen gesellschaftlichen Kosten zusammenhängt, ist die Darstellung dieses Ausmaßes starken Interessen unterworfen. Die offiziellen Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit, die Monat für Monat die Zahl der registrierten Arbeitslosen bekannt gibt, erfassen nicht die Zahl der arbeitssuchenden Menschen in der Bundesrepublik:

Zunächst bedeutet eine bestimmte Zahl von registrierten Arbeitslosen in einem bestimmten Monat nicht, dass tatsächlich diese Anzahl an Menschen bei der Bundesanstalt ohne Arbeit gemeldet war. (Lüdke 1997, S.32ff) Im Laufe des Monats kann die Zahl der Arbeitssuchenden konstant bleiben, während die Arbeitssuchenden wechseln: Einige finden eine Beschäftigung oder verschwinden auf andere Weise aus der Statistik, andere bisher Beschäftigte werden als arbeitslos gemeldet. Eine Million Arbeitslose im Monat Mai kann also bedeuten, dass eine Million Menschen den ganzen Monat ohne Arbeit war oder dass vier Millionen Menschen jeweils eine Woche arbeitslos gemeldet waren. Die Fluktuation ist in dieser Zahl nicht erfasst. So beträgt etwa die Zahl an Menschen, die im Laufe des Jahres Arbeit suchten, für das Rekordjahr 1996, in dem nach offiziellen Angaben 4,65 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet waren, tatsächlich 10,1 Millionen Menschen.

Wir haben es hier nicht einfach mit unterschiedlichen Darstellungsweisen zu tun. Denn auch diejenigen, bei denen Phasen der Arbeitslosigkeit mit Phasen befristeter Beschäftigungen, Umschulungen und/ oder Sozialhilfebezug abwechseln, sind auch wenn sie gerade im Beschäftigungsverhältnis stehen und in keiner Arbeitslosenstatistik geführt werden, von der Erfahrung von Arbeitslosigkeit in ihrem Alltag geprägt. (Kieselbach 1983, S.4)

Ein weiteres Problem der offiziellen Statistik ist, dass die Art der Abgänge aus der Statistik nicht erfasst wird. Wer nicht gemeldet ist, ist nach dieser Zählweise nicht arbeitslos. Es gibt aber verschiedenste Gründe, aus denen Arbeitssuchende oder zumindest potentiell Arbeitssuchende nicht als arbeitslos gemeldet sind.

Betroffen sind nach Kieselbach (Kieselbach 1983, S. 3):

- „Jugendliche, die nach erfolgloser Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz entmutigt eine Meldung beim Arbeitsamt unterlassen (deren Zahl allein zweieinhalbmal so hoch eingeschätzt wird, wie in der Statistik angegeben);
- Ehefrauen, die sich nach Verlust ihres Arbeitsplatzes resignierend in die ‚stille Reservearmee’ des Arbeitsmarktes zurückgezogen haben;
- Arbeitslose, die aufgrund des Verdienstes ihres Ehepartners keine Arbeitslosenhilfe mehr erhalten;
- Ehemalige Bezieher von Arbeitslosenhilfe, die für nicht arbeitsfähig erklärt und zur Sozialhilfe überführt wurden;
- Arbeitslose, die nur in kurzfristige Stellen vermittelt wurden, an Arbeitsbeschaffungs- oder Rehabilitationsmaßnahmen teilnehmen, wodurch ihre Arbeitslosigkeit nur vorübergehend unterbrochen wurde;
- Bewohner von Heimen, Anstalten und Nichtsesshafte“.

Wenn man sich dann noch klarmacht, dass von der Arbeitslosigkeit nicht nur der Arbeitslose selbst betroffen ist, sondern auch seine Familie und (wenn auch weniger stark) das gesamte soziale Umfeld, wird sehr deutlich, in welchem Maße die Zahl derer, die unter Arbeitslosigkeit zu leiden haben, die Zahl der offiziell arbeitslos Gemeldeten übersteigt.

3.) Die Bedeutung von Arbeit

Um zu verstehen, was Arbeitslosigkeit für Menschen bedeutet, ist es hilfreich, sich zu vergegenwärtigen, welche Bedeutung Arbeit in unserer Gesellschaft für Menschen normalerweise hat. Es ist zu erwarten, dass Arbeit in einer Gesellschaft, in der Lohnarbeit für die Mehrheit der Bevölkerung die Teilhabe am sozialen Reichtum erst ermöglicht, und deren Arbeitsbegriff in der calvinistischen Arbeitsethik wurzelt, zentraler Bestandteil jeder erwachsenen Identität ist und darüber hinaus das Alltagsleben in vielfältiger Weise bestimmt.

Marie Jahoda nennt in einem Vortrag an der Universität Bremen 1982 als zentrale Erlebniskategorien der Bedeutung von Arbeit in unserer Gesellschaft (Jahoda 1983, S.5f):

„Die erste Erlebniskategorie, die von der Arbeit latent vorgeschrieben wird, ganz gleichgültig ob ein Arbeiter seine Arbeit hasst oder liebt, bezieht sich darauf, dass die organisierte Arbeit eine Zeitstruktur hat, der man sich nicht entziehen kann. Das Zeiterlebnis aller Menschen, die Arbeitnehmer sind, ist strukturiert.

Die zweite Erlebniskategorie, ebenso unvermeidlich, ebenso unabhängig von der persönlichen Einstellung zur Arbeit, beschreibt, dass organisierte Arbeit unvermeidlich den sozialen Horizont der Menschen erweitert. Man weiß, was Kollegen tun, denken, fühlen, handeln, wie sie sich unterhalten und was ihre Sorgen sind, man kann nicht umhin, auch wenn man der zurückgezogenste Mensch ist, zu bemerken, dass verschiedene Menschen das Leben verschieden betrachten.

Die dritte Kategorie, wiederum ganz generell betrachtet, weist darauf hin, dass die organisierte Arbeit eine tägliche Demonstration ist, dass es kollektive Zusammenarbeit geben muss, um die materielle Kultur eines industrialisierten Landes zu erhalten. Wir können alle zu Hause unseren Lieblingsbeschäftigungen nachgehen und vielleicht sogar einen Fernsehapparat zusammenbauen. Aber wir können nicht als einzelne ein Stahlwerk oder einen Bergbau betreiben. Die Arbeit ist durch die Arbeitsteilung diese Demonstration des kollektiven Zwecks. Der Mensch ist nicht nur ein biologischer Organismus, sondern hat eine zutiefst soziale Existenz.

Die nächste Kategorie besagt, dass die Arbeit in unseren, in allen wirklich industrialisierten Ländern, auch den kommunistischen Ländern, den Status und die Identität des Menschen bestimmt. Man weiß, wo man steht. Man hat es nicht immer gern, wo man steht, aber man weiß wenigstens, wo man steht.

Und schließlich ist die organisierte Arbeit, erzwingt die organisierte Arbeit eine Aktivität.“

Kieselbach fasst diese Kategorien 1995 (Kieselbach 1995, S. 504) folgendermaßen zusammen:

„Arbeitstätigkeit stellt eine erzwungene Aktivität dar, die soziale Kontakte außerhalb des engeren sozialen Netzes vermittelt, in der Verfolgung von gemeinsamen Zielen, die über die unmittelbaren individuellen Ziele hinausgehen, die innerhalb einer gesetzten Zeitstruktur abläuft, und verknüpft ist mit einem sozialen Status, der Berufsprestige mit dem zentralen gesellschaftlichen Bewertungssystem verbindet, nämlich dem Geld.“

4.) Wirkung von Arbeitslosigkeit

Diese Beschreibungen weisen der Arbeit unmissverständlich auch Aspekte zu, von denen man annehmen könnte, dass unter ihrem Fehlen niemand leiden würde: Niemand würde zugeben, „erzwungene Aktivität“ zu brauchen oder zu wollen; soziale Kontakte schließen wir ebenfalls lieber aus freien Stücken und auch eine tagtäglich neu „gesetzte Zeitstruktur“ ist Gegenstand zu heftigen Beschwerden. Gesellschaftlichen Zielen könnte man sich ebenso gut ohne Lohnarbeit verbunden fühlen.

Lediglich der über die Arbeit vermittelte soziale Status und die damit verbundene finanzielle Aufwertung scheinen auf den ersten Blick für eine Mehrheit von Menschen von wesentlicher Bedeutung zu sein. Dennoch zeichnet die psychologische Arbeitslosenforschung ein eher düsteres Bild vom Leben in der Arbeitslosigkeit.

4.1.) Die Arbeitslosen von Marienthal

Die frühe Arbeitslosenforschung machte die Verarbeitung von Arbeitslosigkeit vor allem von der Höhe der noch verfügbaren finanziellen Ressourcen abhängig. Marie Jahoda etwa hat in ihrer klassischen Studie über „die Arbeitslosen von Marienthal“ (zit. nach Lüdke 1997, S.257f) einen weitgehenden Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Familieneinkommen und der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Haltungstyp festgestellt. Die Typen kennzeichneten eine „ungebrochene“, eine „resignierte“, eine „verzweifelte“ und schließlich eine „apathische“ Grundhaltung. Jahoda interpretierte die Ergebnisse im Sinne einer Stufenabfolge, die alle Familien mit der zunehmenden Reduktion staatlicher Zuwendungen durchlaufen würden: „Ungebrochene zeichneten sich durch subjektives Wohlbefinden, Aktivität und Lebenslust aus. Der Alltag wurde planvoll verbracht, der Haushalt war in gutem Zustand, die Kinder gut versorgt. Es bestanden noch Zukunftsperspektiven, es wurde noch versucht, Arbeit zu bekommen. Unter den Resignierten herrschte ein (z. T. heiterer) Fatalismus, ein Gefühl relativen Wohlbefindens, ein gleichmütiges erwartungsloses Dahinleben ("Fortwusteln"). Die Ansprüche waren deutlich zurückgenommen worden, (Alltags-)Pläne und Zukunftsperspektiven fehlten. Auch bei den Verzweifelten war der Haushalt in gutem Zustand und die Kinder versorgt. Die Stimmung war hingegen depressiv, die "bessere Vergangenheit" schwang mit, es herrschte ein Gefühl der Vergeblichkeit allen Tuns. Die Arbeitssuche war eingestellt worden. Indolenz, Planlosigkeit, Passivität und Verfallserscheinungen (auch Betteln, Stehlen) kennzeichneten das Leben der Apathischen. Die Ordentlichkeit der Wohnung und die Pflege der Kinder, die von Jahoda et al. (1975) gleichsam als letzte Barriere gegen den Zerfall gesehen wurden, waren hier nicht mehr gegeben,“ fasst Lüdke die Ergebnisse der Studie zusammen. Anstelle der Identität als arbeitender Mensch trat immer öfter eine spezifische Identität als Arbeitsloser.

Neben den immer verheerenderen Wirkungen ökonomischer Deprivation betraf die wichtigste Erkenntnis ihrer Studie eine detaillierte Schilderung der Erosion der Zeitstruktur nicht nur beim Einzelnen sondern in der Gemeinde als Ganzes.

Da die Frauen in der Regel ihre ganze Energie auf die Betreuung des Haushalts mit immer geringer werdenden finanziellen Mitteln richteten und die Kinder meistens noch in die Schule gingen, waren besonders die erwachsenen Männer in Marienthal betroffen: Ihr Leben war geprägt von Langeweile, der Verlangsamung und damit Aufblähung aller Alltagstätigkeiten.

Auch die anderen von Kieselbach und Jahoda genannten Kategorien der Bedeutung von Arbeit lassen sich an der Erosion der Zeitstruktur festmachen: Die Unfähigkeit, die eigenen Tagesabläufe zu beschreiben drückt aus, dass Passivität auch die Gedanken der Marienthaler erobert hatte. Das soziale Leben erlahmte. (So ging beispielsweise die Zahl der Vereine stetig zurück.) Noch verbleibende soziale Aktivitäten beschworen die gemeinsame bessere Vergangenheit.

4.2.) Heutige Forschung

Auch die moderne Arbeitslosenforschung stützt die hervorragende Bedeutung der Kategorien Zeit und ökonomische Verhältnisse. Sie geht aber eher von differenziellen Verarbeitungsmustern bei den Betroffenen aus. Unterschiede in der Lebenssituation lassen sich nicht allein durch die finanzielle Deprivation oder die Dauer der Arbeitslosigkeit erklären.

Forschungsfragen betreffen hier oft eine Typisierung der Verarbeitungsweisen, sowie die Mechanismen der Verarbeitung. Wesentlich ist die Suche nach Übereinstimmung zwischen bestimmten Umgehensweisen und möglichen verursachenden Faktoren, wie zum Beispiel sozioökonomischem Status oder Schulbildung.

Da im Forschungsfeld immer nur individuelle Umgehensweisen, die also jede für sich genommen einzigartig ist, zu finden sind und da die Bildung von Typen auch von dem Blickwinkel des Forschers und seiner speziellen Forschungsfragen mitbestimmt wird, kommen unterschiedliche Studien zu unterschiedlichen Kategorisierungen.

4.2.1) Typenbildung in der heutigen Forschung

Exemplarisch werden im Folgenden Ergebnisse dreier Studien aus einem Überblick von Lüdke (Lüdke 1997, S.258ff) vorgestellt:

In einer britischen Untersuchung, die an die Marienthal-Studie angelehnt war, ergaben sich drei (analytisch nicht eindeutig voneinander unterscheidbare) Verarbeitungsstile, nämlich die „entrepreneurs“, die ihren Lebensunterhalt über professionalisierte Nebentätigkeiten bzw. Schwarzarbeit bestreiten, die „sufferers“ mit hohen psychosozialen Verfallserscheinungen und geringer (Arbeits-) Eigenaktivität sowie die „survivors“, die sich durch eine aktive Tagesstrukturierung, klare Zielvorstellungen und geringen Leidensdruck trotz Geldmangels auszeichneten. Im Gegensatz zu der vorgestellten klassischen Studie kommen also zumindest einige Arbeitslose mit ihrer Situation verhältnismäßig gut zurecht.

Drei Typen mit unterschiedlichen Haltungen gegenüber der Arbeitslosigkeit und unterschiedlichen (situativen) Bewältigungsformen finden sich auch bei Hess et al. (1991), nämlich die Gruppe mit "auch positiver Verarbeitung", die "eher sozial Isolierten" sowie die "eher Deprimierten". Besonders problematisch ist die Situation der „eher Deprimierten“: Sie litten unter „einer vergleichsweise häufig auftretenden Zukunftsungewißheit, Resignation und einem verringerten Selbstwertgefühl. Mit 78% war der Anteil derer, die Probleme mit der freien Zeit hatten, sehr groß.

Eher sozial Isolierte zeigten ein ausgeprägtes Rückzugsverhalten, das von der ungünstigen ökonomischen Lage beeinflußt wurde. Häufig fühlten sie sich wegen der Arbeitslosigkeit als Außenseiter stigmatisiert. (siehe unten: Absatz „Gesellschaftliche Reaktionsweisen“) Familie und Hobbys wurden nicht als Rückhalt empfunden, etwa die Hälfte betrachteten die freie Zeit als Problem.

Vergleichsweise am günstigsten stand die Gruppe mit auch positiver Verarbeitung, die eine relativ gute Berufs- und Bildungssituation aufwies. Arbeitslosigkeit war für diesen Typ weniger problembehaftet als bei den übrigen Typen: Nur etwa ein Fünftel sah sich als stigmatisierte Außenseiter, weniger als ein Drittel hatte Probleme mit der freien Zeit, was auch an einem größeren Umfang von erfüllter Freizeitbeschäftigung sowie an umfangreicheren Familienaktivitäten deutlich wurde.

Bogai et al. (1994) haben bei einer Untersuchung von Langzeitarbeitslosen der Altersgruppe 46 bis 65 Jahre vier nach sozioökonomischen und erwerbsbiographischen Merkmalen eindeutig unterscheidbare Gruppierungen mit unterschiedlichen Plänen und Perspektiven zur subjektiven Bewältigung ihrer Arbeitslosigkeit gefunden: die "Arbeitsmarktorientierten" (43%), die "Übergangsorientierten" (26%), die "sozialrechtlich Bedingten" (13%) und die "Gruppe ohne klare Übergangsperspektiven" (19%). Arbeitsmarktorientierte streben eine Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt an. Sie bemühten sich vergleichsweise am häufigsten selber um Arbeitsplätze. Unter den Übergangsorientierten gehen 70% entweder demnächst in (Alters-)Rente oder planen es zumindest. Die sozialrechtlich Bedingten sind in einer Zwangssituation, denn bei ihnen ist die Arbeitslosmeldung zumeist Bedingung für den Erhalt von Sozialhilfe. Die Gruppe ohne klare Übergangsperspektiven ist sehr heterogen, orientiert sich tendenziell in Richtung Rentensystem, ist allerdings von der Situation des Partners mitbestimmt.

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Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Psychologische Wirkungen von Arbeitslosigkeit
Hochschule
Universität Bremen  (Institut für Psychologie der Arbeit, Arbeitslosigkeit und Gesundheit)
Veranstaltung
Ouplacement /Replacement und Beratung bei Entlassungen
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
36
Katalognummer
V2900
ISBN (eBook)
9783638117500
Dateigröße
836 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirkungen von Arbeitslosigkeit, Bedeutung von Arbeit, Arbeitslose von Marienthal, Arbeitslosigkeit und Gesundheit, Bewältigung von Arbeitslosigkeit
Arbeit zitieren
Tilmann Warnke (Autor), 2001, Psychologische Wirkungen von Arbeitslosigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2900

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