Fight the power - Die Nation of Islam und ihr Einfluss auf die Musikrichtung HipHop


Magisterarbeit, 2003

93 Seiten, Note: Gut (2)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vorgeschichte des Black Nationalism
2.1. Anfänge des organisierten Black Nationalism in den USA
2.1.1. Die prä-nationalistische Phase
2.1.2. Die formative Phase
2.1.3. Die „klassische“ Phase
2.2. Pioniere des Black Nationalism
2.2.1. Marcus Mosiah Garvey und die Universal Negro Improvement Association
2.2.2. Noble Drew Ali und der Moorish Science Temple

3. Die Nation of Islam
3.1. Die Geschichte der Nation of Islam
3.1.1. Wallace D. Fard Muhammad
3.1.2. Elijah Muhammad
3.1.3. Malcolm X in der Nation of Islam
3.1.4. The Fall of the Nation
3.1.5. Der Wiederaufbau der Nation of Islam durch Louis Farrakhan

4. Die Ideologie der Nation of Islam
4.1. Die fantastische Mythologie und zentrale Glaubensvorstellungen der NOI
4.2. Regeln und Normen in der Nation of Islam
4.3. Sakrale Wissenschaften der Nation of Islam
4.4. Die Struktur der Nation of Islam
4.4.1. Fruit of Islam (FOI)
4.4.2. Muslim Girl’s Training Class (MGTC) und die General Civilization Class (GCC)
4.5. Integration vs. Separation
4.6. Der Antisemitismus in der Nation of Islam

5. Die Nation of Islam und die Musikrichtung HipHop
5.1. Entstehung und Entwicklung der Musikrichtung HipHop
5.1.1. Ursprünge
5.1.2. Rap auf Schallplatten – Old School
5.1.3. New School
5.1.4. Native Tongues
5.2. Nation Conscious Rap
5.2.1. Prophets of Rage – Public Enemy
5.2.2. The Teacher – KRS-One
5.2.3. Afrozentrischer Rap – X-Clan
5.2.4. Der nationalistische Gangsta – Ice Cube
5.2.5. The Minister of Rap – Prince Akeem

6. Resümee

7. Bibliographie
7.1. Literatur
7.2. CDs/MCs/LPs
7.3. Internetseiten
7.4. Bilderverzeichnis

1. Einleitung

Bei der Betrachtung dieses Themas verwundert es wahrscheinlich etwas, dass die dazu gehörige Arbeit von einem „weißen“ Europäer verfasst wurde. Als ich den Wunsch dieser Diplomarbeit meinem Betreuungsprofessor unterbreitete, kam die Frage über meine Interesse an der Nation of Islam und der Musikrichtung HipHop auf. Wieso wollte ich gerade zu dieser Thematik meine Abschlussarbeit schreiben? Meine Antwort kam spontan, aber doch bestimmt, dass ich mich schon seit geraumer Zeit mit Rapmusik beschäftige und von der Vermittlung politischer Gedanken via Musik beeindruckt bin. Beginnen wir am Anfang: es war noch zu meiner Schulzeit im Jahr 1989, als ich die ersten HipHop-Beats wahrnahm. Es war die Zeit der Kommerzialisierung der Musikrichtung und der damit verbundene Durchbruch in Europa. In ständigem Austausch mit meinen Mitschülern über neue Acts und stundenlanges Ausharren vor dem Fernsehgerät, um die eine Stunde „Yo! MTV Raps“ zu erhaschen, entwickelte sich eine Art Liebe zu Rapmusik. Aufgrund ständigen Geldmangels beschränkten sich meine Plattenkäufe auf ein Minimum, doch den ersten muss ich hier anbringen. 1991 verbrachte meine Schulklasse eine Woche im Mekka des europäischen HipHops, in London. Dort, verführt durch die extrem niedrigen Preise auf Musikplatten (CDs waren zu dieser Zeit noch nicht so verbreitet), erwarb ich die Maxi-Single von Naughty By Nature’s „O.P.P.“ Es sollte nicht der letzte Kauf einer HipHop-Platte gewesen sein, doch erinnert man sich an die erste wohl sein ganzes Leben lang.

In dieser Diplomarbeit wird einleitend ein Überblick über die Anfänge des Black Nationalism gegeben, wobei sich die versklavten Männer und Frauen erst nach Beendigung des Unabhängigkeitskrieges zu organisieren begannen. Erst mit herausragenden Persönlichkeiten wie Marcus Mosiah Garvey und Noble Drew Ali konnten die Grundsteine für eine funktionierende Black Community gelegt werden. Diese beiden Protagonisten des Black Nationalism habe ich deshalb näher betrachtet, da sie für die Entwicklung der Nation of Islam und ihrem Gedankengut essentiell waren.

Die Spekulationen über den Beginn der Bewegung mit ihrem spirituellen Führer Fard Muhammad, die eigentliche Gründung der NOI durch Elijah Muhammad, der Eintritt Malcolm X’ und die aktuelle Führung der Gemeinschaft durch Louis Farrakhan sollen ebenso beleuchtet werden, wie die zwischenzeitliche Krise nach dem Tod Elijah Muhammads. Im zweiten Teil werden deren Ideologie, im speziellen ihre fantastische Mythologie, die Regeln und Normen und wichtige Untergruppierungen beschrieben, um einen genaueren Überblick über die Bewegung zu erhalten.

Der Teil über die Musikrichtung HipHop beginnt mit einem für mich wichtigen Teil über die Ursprünge, da die Wurzeln bis auf den afrikanischen Kontinent zurückreichen. Den tatsächlichen Startschuss erfuhr die Jugendkultur Ende der 1970er Jahre mit sogenannten Blockpartys und dem kommerziellen Erfolg der ersten HipHop-Single „Rapper’s Delight“ von der Sugarhill Gang. Den Einfluss der Nation of Islam auf die Musikrichtung habe ich in Anlehnung an das hervorragende Buch von Eure/Spady „Nation Conscious Rap“ genannt, wobei die einzelnen Acts in direkten (Mitgliedschaft) oder indirekten Verhältnis zur Bewegung stehen. Die Auswahl der HipHop-Künstler stellt natürlich nur eine kleine Zahl derer dar, die sich mit der NOI verbunden fühlen.

Ereignisse in der näheren Vergangenheit, sprich der Anschlag vom 11.09.2001 und der „Sniper von Washington“, die mehr oder weniger in Verbindung mit dem islamistischen Glauben gebracht wurden, wurden bewusst bei dieser Arbeit vernachlässigt, um den Rahmen der Betrachtung nicht unnötig weit zu spannen.

2. Vorgeschichte des Black Nationalism

Schon während der Sklaverei waren Akte des schwarzen Widerstand keine Seltenheit, doch äußerten sich diese selten in physischer oder offener verbaler Gegenwehr. Sondern so versuchten die Versklavten oft durch vorgetäuschte Ungeschicktheiten oder Krankheiten ihre Arbeitsleistung zu mindern, um ihren Sklavenhaltern zu schaden und sich gegen die Ausbeutung zu wehren. Über viele Jahre hinweg beschränkte sich der Widerstand der Afroamerikaner also auf kleinere Akte der Sabotage. Ein anderer Teil der Versklavten kämpfte offen, aber ohne Anwendung von Gewalt gegen die Ausbeutung durch den jeweiligen Herren. Sie forderten in diesem Zuge, häufig unter Verweis auf die von Weißen propagierten christlichen Werte, Freiheit und Gleichberechtigung. Dabei riskierten die Versklavten allerdings ihr Leben, denn den Sklavenhaltern war die Absicherung und Beibehaltung der Herrschaftsverhältnisse wichtiger als ihre „christliche“ Glaubwürdigkeit. Eine dritte Äußerungsform des schwarzen Widerstand fasst alle jene Formen der Gegenwehr zusammen, die entweder von Gewaltanwendung begleitet waren oder die politische und ökonomische Selbstorganisation der schwarzen Gemeinschaft zum Ziel hatten. Dazu zählten Fluchtversuche, Revolten und Aufstände versklavter Afroamerikaner, Emigrations- und Separationsbestrebungen der freien schwarzen Bevölkerung sowie die Forderung nach der Schaffung eigener kultureller, politischer und sozialer Institutionen innerhalb oder außerhalb der Vereinigten Staaten.[1] In Verbindung mit der letztgenannten Forderung stand das Postulat einer umfassenden Solidarisierung und politischen Vereinigung aller Schwarzen in den USA. Viele Protagonisten des Black Nationalism sahen sich häufig nicht nur mit dem Repressionsapparat der Weißen konfrontiert, sondern mussten ihre politischen Interessen und Machtansprüche auch innerhalb der schwarzen Gemeinschaft verteidigen. In den Anfängen des schwarzen Widerstandes herrschte immer das Problem, dass es keine homogene Gruppe mit identen Lebenserfahrungen und Gestaltungsansprüchen gab. Der ständige Konkurrenzkampf unter den einzelnen Gemeinschaften zwang viele Nationalisten zur Aufgabe ihrer Ziele, wobei hier Marcus Garvey[2] besonders hervorzuheben ist.

Schwarzer Nationalismus ist in seiner Entstehung mit der vorhergehenden totalen Entrechtung aller Menschen afrikanischer Abstammung verbunden. Seine Anhänger können weder auf eine ursprüngliche gemeinsame Sprache noch auf ein klar bestimmtes Herkunftsland Bezug nehmen:

„Slavery was, in a sense, the cause of black nationalism. It destroyed the ethnic loyalties of those whom it enslaved; it disastrously eroded traditional culture within a generation or two. But while it tended to strip slaves of their local traditional cultures, it endowed them with a sense of common experience and identity. The slavery experience (…) was the basis of racial unity, unknown among the various traditional peoples of Africa before the slave trade.”[3]

Die Zugehörigkeit zur Black Nation definiert sich also vordergründig durch die gemeinsamen Erfahrungen, wie die der Unterdrückung oder der sozialen Ausgrenzung.

Black Nationalists, die eine politische Separation vom weißen Amerika anstrebten, können in zwei Gruppen unterteilt werden: Die eine forderte die Schaffung von schwarzen Städten oder Bundesstaaten auf amerikanischem Territorium, also „a nation within a nation“.[4] Für die andere Gruppe stand neben der politischen Selbstbestimmung eine territoriale Separation im Vordergrund. Diese sollte entweder durch Repatriierung nach Afrika oder durch Emigration an einen anderen Ort außerhalb der USA geschehen.

Zwei Sonderformen von Nationalismus, die ebenfalls in enger Verbindung zum politischen Nationalismus stehen können, sind der religiöse und der wirtschaftliche Nationalismus, wobei wir uns hier auf den ersteren konzentrieren, da dieser essentiell für die Betrachtung der Nation of Islam ist. „Im religiösen Nationalismus wird die „Erschaffung der Nation“ als Teil eines göttlichen Plans konstruiert. Abgeleitet davon lässt sich die Vorstellung von Nation als göttlicher Wille realisieren. Damit einhergehend findet sich häufig die Überzeugung, dass die eigene Nation mit besonderem Wissen ausgestattet und von Gott dazu auserwählt sei, die „Rechtschaffenen“ in der Welt vor einem unmittelbar bevorstehenden Jüngsten Gericht zu warnen.“[5] Als Resultat dieses „Armageddons“ und die damit verbundene Vernichtung der „weißen“ Sünder wird die Black Nation die Macht über die Welt an sich reißen und ihre verlorengegangene Kultur wieder aufbauen.

2.1. Anfänge des organisierten Black Nationalism in den USA

Im Hinblick auf die historische Entwicklung schwarz-nationalistischer Konzepte in den USA lässt sich eine Einteilung in drei Phasen vornehmen: 1) eine prä-nationalistische Phase (1619-1815), 2) eine formative (1815-1850) und 3) eine „klassische“ Phase (1850-1930).

2.1.1. Die prä-nationalistische Phase

Die erste Phase wird vom amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1770-1779) in zwei Teile getrennt, wobei sich der Widerstand bis 1770 vor allem auf individuelle Akte des Aufbegehrens beschränkt. Die geläufigsten Äußerungsformen des Widerstands zu dieser Zeit waren Arbeitsverweigerung, Sabotage, Flucht von den Plantagen sowie Gewaltakte gegen Sklavenhalter und deren Familien. Nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges formten sich erste autonome afroamerikanische Einrichtungen, wobei hier Bruderschaften, Schwarze Kirchen und Selbsthilfegruppen (mutual aid societies)[6] hervorzuheben sind.

2.1.2. Die formative Phase

In der sogenannten formativen Phase bauten die bereits bestehenden religiösen und sozialen Organisationen ihre institutionelle Infrastruktur aus. Während dieser Periode entwickelten sich die Negro Church, die Bruderschaften und die mutual aid societies zu den wichtigsten Organisationsformen des schwarzen Widerstandes. Zur gleichen Zeit wurde unter der freien afroamerikanischen Bevölkerung die Forderungen nach Repatriierung nach Afrika immer lauter. Der Erste, dem es tatsächlich gelang, freie African Americans nach Afrika zu repatriieren, war Paul Cuffe, für den eine Repatriierung der einzige Weg zu einem menschenwürdigen und erfüllten Leben darstellte.[7] Angeregt durch Cuffes Beispiel, wurde im Dezember 1816 in Philadelphia die American Colonization Society (ACS) gegründet, dessen vorrangiges Ziel es war, die gesamte freie afroamerikanische Bevölkerung nach Afrika auszusiedeln. In einer relativ kurzen Zeitspanne entwickelte sich die ACS zur erfolgreichsten unter den vielen vor dem amerikanischen Bürgerkrieg entstandenen Emigrations- und Kolonisationsbewegungen. „Bis zur Auflösung im Jahr 1828 zeichnete die American Colonization Society für rund 12.000 der insgesamt auf 15.000 geschätzten nach Afrika deportierten oder ausgesiedelten freien African Americans verantwortlich.“[8]

Schon früh formierte sich aber wachsender Widerstand gegen die ACS: die Negro Convention Movement (NCM) versuchte primär Möglichkeiten zu finden, die Situation der versklavten Afroamerikaner innerhalb der USA zu verbessern. Außerdem verfolgte die Gemeinschaft Emigrationspläne, aber nicht wie die ACS nach Afrika, sondern nach Kanada. Beim Gründungstreffen der NCM im Januar 1817 kam es zum ersten überregionalen Zusammentreffen schwarzer Führungspersönlichkeiten in der afroamerikanischen Geschichte. Bei den bis zum Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs jährlich stattfindenden Conventions des NCM standen neben dem Protest gegen die ACS sowie Emigrationsbestrebungen allgemein die Organisation, Planung und Umsetzung des Siedlungsprojekt in Kanada im Mittelpunkt. 1832 verfügte die NCM über mehr als 800 acres Farmland in Kanada, das rund 2.000 afrikanisch-amerikanische Emigranten bestellten. Scheitern musste dieses Projekt letztlich an der Weigerung der kanadischen Behörden, weiterhin Land an die NCM zu verkaufen.[9]

Das Treffen von 1854, das unter dem Namen Emigration Convention abgehalten wurde, sollte die endgültige Entscheidung pro oder contra Emigration bringen. Die Delegiertenversammlung stellte drei Emigrationsziele zur Diskussion: Mexiko, Haiti und das Niger Valley in Westafrika. Erst 1858 kam man zur Entscheidung, drei Expeditionen auszusenden, die in den genannten Gebieten nach Möglichkeiten für eine Ansiedlung suchen sollten. Nach anfänglichen Erfolgen scheiterten jedoch letztendlich alle drei Versuche.

Zusammenfassend zu diesen Bestrebungen zitiere ich am besten Essien-Udom: „Negro nationalism before the Civil War was led by a group of educated men and found expression in the emigration movement. However, emigration to Africa received little support from the articulate, freed Negroes.”[10]

Das Jahrzehnt unmittelbar nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1865-1875) wird auch als Reconstruction Decade bezeichnet. Der Name entstammt einem von Präsident Lincoln im Dezember 1863 vorgelegten Plan zum Wiederaufbau des Südens, dem Reconstruction Plan.[11] Nach dem Abzug der Unionstruppen 1875 versuchten ehemalige Sklavenhalter, in den Südstaaten mittels neuer Rassengesetze jene gesellschaftlichen Verhältnisse wiederherzustellen, die vor dem Bürgerkrieg geherrscht hatten. Dieser Versuch, ein „legales“ System der Segregation und Sklaverei neu zu etablieren, wurde mit dem Begriff Restauration umschrieben. Weshalb auch dieses Jahrzehnt als Restauration Era bezeichnet wurde. Mit neuen Rassengesetzen, den so genannten Jim Crow Laws[12] sollten die während der Reconstruction Decade erfolgten positiven Veränderungen für die African Americans wieder rückgängig gemacht werden. In ihrer Rechtsgültigkeit beschränkten sie sich auf jene Bundesstaaten, die sie explizit beschlossen.

2.1.3. Die „klassische“ Phase

In der „klassischen“ Phase des Black Nationalism, am Ende des 19. Jahrhunderts treten zwei wichtige afroamerikanische Führer in Erscheinung: Booker T. Washington und W.E.B. DuBois. Washington betonte die Notwendigkeit wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Separation der „Rassen“ für den Aufschwung der Negro masses. Er vertrat die Auffassung, den sozialen Kontakt zwischen den „Rassen“ auf ein durch die Notwendigkeiten des wirtschaftlichen Alltagslebens vorgegebenes Minimum zu beschränken[13].

DuBois war ein Verfechter der völligen politischen Beteiligung der afroamerikanischen Bevölkerung, „and saw in racial unity and action the instrument of Negro Advancement.“[14] Sein kultureller Nationalismus, auch Negro-Americanism genannt, richtete sich auf die Chancen eines empowerment der schwarzen Nation. In seiner im Jahr 1897 unter dem Titel The Conservation of Races veröffentlichten Arbeit unterteilt DuBois die Menschheit in acht Grundrassen.[15] Darauf basiert seine Idee, dass es möglich sein müsste, ein friedliches Zusammenleben der Angehörigen zweier Rassen in ein und der selben Gesellschaft zu gewährleisten, ohne Aufgabe ihrer jeweiligen kulturellen Eigenständigkeit. Was er erreichen wollte, war aus heutiger Sicht die Schaffung einer funktionierenden „multikulturellen“ Gesellschaft. Mit der Gründung der National Association for the Advancement of Coloured People in den Jahren 1909 bis 1912 wurde eine überregionale und nationale Vereinigung geschaffen, um gegen jegliche Form der Segregation und für die Schaffung von Ausbildungsprogrammen für die schwarze Bevölkerung zu kämpfen. 1919 ändert DuBois seine Ideologie in den sogenannten Pan-Afrikanismus, mit dem Ziel der politischen Vereinigung Afrikas.

2.2. Pioniere des Black Nationalism

Marcus Garvey und Noble Drew Ali repräsentieren zwei Traditionen des schwarzen Nationalismus in den USA. Beide begannen ihre nationalistischen Bewegungen zur selben Zeit, während der Jahre des Ersten Weltkriegs und beide verschwanden auch zur selben Zeit, Garvey wurde 1927 aus den USA deportiert und Drew Ali verstarb unter mysteriösen Umständen 1929.

2.2.1. Marcus Mosiah Garvey und die Universal Negro Improvement Association

Marcus Garvey wurde am 17. August 1887 in St. Ann’s Bay an der Nordküste Jamaikas als Sohn eines Bauarbeiters und einer Bedienerin geboren. Im Alter von 16 Jahren verließ Garvey seinen Geburtsort und übersiedelte in die Hauptstadt Kingston, um dort eine bereits begonnene Buchdruckerlehre abzuschließen.[16] Seine ersten Erfahrungen mit der politischen Praxis sammelte er mit 18 Jahren während eines Druckerstreiks, wo er als einer der Wortführer auftrat und dafür nach Beendigung des Streiks auch entlassen wurde. 1909 trat Marcus Garvey dem Nation Club, einer politischen Vereinigung in Kingston, bei. Diese politische Arbeit erwies sich für Garvey zwar als sehr lehrreich, konnte aber seinen Tatendrang nicht dauerhaft befriedigen. Deshalb bereiste er in den Jahren 1910 bis 1912 mehrere Staaten Mittel- und Südamerikas, um die Situation der schwarzen Bevölkerung in diesen Teilen des Kontinents kennen zu lernen. Aus diesem Grund reiste er 1912 schließlich auch nach London. Dort lernte er den ägyptischen Autor und Nationalisten Duse Mohammed Ali, Herausgeber der Africa Times und der Orient Reviews, kennen. Dieser half ihm, Kontakte zu afrikanischen Nationalisten, Studenten und Arbeitern zu knüpfen, Bekanntschaften, die es ihm ermöglichten, tiefere Einblicke in die Bedingungen der Menschen auf dem afrikanischem Kontinent zu gewinnen.[17] Zusätzlich begann er sich für die Probleme der Afrikaner in den USA zu interessieren, wobei ihn die Autobiographie von Booker T. Washington stark beeinflusst hat. „Garvey selbst bezeichnete die Lektüre dieses Werkes als Schlüsselerlebnis in seinem Leben und als wesentlich für seine weitere politische Entwicklung sowie speziell für sein Engagement für schwarze Menschen in der Diaspora“[18]:

„I read Up From Slavery, by Booker T. Washington, and then my doom – if I may so call it – of being a race leader dawned upon me in London after I had travelled almost half of Europe. I asked: „Where is the black man’s Government? Where is his King and his Kingdom? Where is his President, his country, and his ambassador, his army, his navy, his men of big affairs?” I could not find them, and then I declared, „I will help to make them”.”[19]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Gegensatz zu DuBois kam Garvey zu der Ansicht, dass es für Menschen afrikanischer Abstammung in einem von Weißen kontrollierten Staat keine Aussichten auf ein freies und friedliches Leben gäbe.

Im Sommer 1914 kehrte Marcus Garvey mit einer Vision „of uniting all Negro peoples of the world“[20] nach Jamaika zurück. Bereits am 1. August 1914 gründete er in Kingston die Universal Negro Improvement Association (UNIA)[21] und die African Communities League (ACL) unter dem Motto: „One God! One Aim! One Destiny!“

Mit der Gründung einer New Yorker Niederlassung der UNIA 1917 legte Garvey den Grundstein für die erste ausschließlich von Schwarzen geführte Massenbewegung in den USA. Innerhalb von nur zwei Monaten wuchs die Gemeinschaft in New York auf 1500 Mitglieder an, fünf Jahre später soll sie bereits „several millions“ gezählt haben. Nach Essien-Udom existieren keine genauen Angaben zur Gesamtanzahl der Mitglieder, aber Vermutungen gehen von ein bis sechs Millionen Afroamerikanern aus.[22]

Marcus Garvey verdankte seinen Erfolg unter anderem einer perfekt organisierten Propagandamaschinerie, die es ihm ermöglichte, seine Ideen überall in den Vereinigten Staaten zu verbreiten, besonders hervorzuheben sind hier die Zeitschriften The Negro World, The Negro Times und The Black Man[23]. Mit Slogans wie „Up, you mighty race, you can accomplish what you will!“ versuchte Garvey das schwer angeschlagene Selbstwertgefühl der afroamerikanischen Bevölkerung wieder aufzubauen.

Die organisierte Rückkehr aller „willigen“ Afroamerikaner ins afrikanische Mutterland war Marcus Garveys wichtigstes Projekt, dazu gründete er 1919 die Black Star Steamship Company, eine Schifffahrtsgesellschaft mit, wie es Essien-Udom ausdrückt, „four ill-fated ships.“[24] Afrika sollte zu einem Bundesstaat vereinigt werden. Für den Fall, dass eine friedliche Wiederinbesitznahme des afrikanischen Kontinents misslingen sollte, rief er die Universal African Legion, eine Art Armee von Afroamerikanern, ins Leben. Weitere Organisationen waren die nach dem Vorbild des Roten Kreuzes organisierten Universal Black Cross Nurses, die African Orthodox Church[25], das Universal African Motor Corps und das Black Eagle Flying Corps.

Am 13. August 1920 hielt die UNIA in New York die erste International Convention of Negro People of the World ab. Bei dieser Zusammenkunft im Madison Square Garden verabschiedeten die Delegierten eine Declaration of Rights of the Negro People of the World, in der die Jim Crow Laws verurteilt und die Forderung nach sozialer, politischer und rechtlicher Gleichstellung von schwarzen Menschen mit den Weißen in den USA gestellt wurde. Außerdem wurden eine Nationalhymne – Ethiopia, Thou Land of Our Fathers – und eine Nationalflagge – „a national flag in red, green and black“ – eingeführt.[26] Am Ende rief die Konferenz eine „Afrikanische Republik“ aus und wählte Marcus Garvey zu deren provisorischen Präsidenten.[27]

Trotz der großen Zustimmung die Garvey innerhalb der afroamerikanischen Bevölkerung erhielt, hatten seine Ideen nur mäßigen Erfolg. Insbesondere die wirtschaftlichen Unternehmen erwiesen sich allesamt als Fehlschläge, dazu Essien-Udom: „These enterprises were complete failures because of incompetence, mismanagement, and other difficulties.“[28]

Garveys wirtschaftliche Probleme und damit der langsame Niedergang der UNIA begannen, als er im Oktober 1924 die ersten Afroamerikaner mit seiner Black Star Line nach Afrika bringen wollte und Liberia im letzten Moment deren Aufnahme verweigerte. Als Ursache für diesen Meinungsänderung der Liberianer stand der politische Druck im Vordergrund, den die Regierungen Großbritanniens und Frankreich auf die lokale Regierung ausübten.

In Verbindung mit seinen geschäftlichen Aktivitäten bekam er Probleme mit der US-Regierung. Diese hatte bereits seit längerer Zeit Material gegen Garvey gesammelt, um ihn wegen angeblichen Postabgabevergehens[29] 1925 zu einer fünfjährigen Haftstrafe zu verurteilen. Im Dezember 1927 wurde er aus den USA ausgewiesen und nach Jamaika deportiert. Dort bemühte er sich mit wenig Erfolg, die UNIA wieder aufzubauen. Marcus Mosiah Garvey starb schließlich 1940 in London.

2.2.2. Noble Drew Ali und der Moorish Science Temple

Trotz des mit 10 bis 15%[30] relativ hohen Anteils an Muslimen unter den Versklavten spielte der Islam über lange Zeit hindurch für die Afroamerikaner im Vergleich zum Christentum nur eine untergeordnete Rolle. Dies änderte sich erst Anfang des 20. Jahrhunderts, als das Christentum immer heftiger als Unterdrückungswerkzeug der Weißen kritisiert wurde und im Gegenzug der Islam zur Heilslehre für alle Menschen afrikanischer Abstammung erhoben wurde.

Im Zuge dieses Paradigmenwechsels gründete Timothy Drew 1913 den so genannten Moorish Science Temple (MST) in Newark, New Jersey. Als „an Angel of Allah“, ein Prophet im Namen Allahs, wurde er gesandt, um „the everlasting Gospel of Allah“ auf der Welt zu verbreiten.[31] Eine Art Schöpfungsmythos legitimierte Drew als spirituellen Führer. Während einer Pilgerreise durch Nordafrika sei er als Prophet Allahs erkannt und daraufhin zu einer Audienz an den Hof des marokkanischen Königs geladen worden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als er 1913 in die USA zurückkehrte, änderte er seinen Namen in Noble Drew Ali und begann zunächst als Straßenverkäufer seine Lehren zu predigen. Aufgrund seines umfangreichen Detailwissen über den Koran konnte er schon bald eine Gefolgschaft von mehreren Hundert Afroamerikaner um sich versammeln. Mit der finanziellen Unterstützung seiner zahlreichen Anhänger konnte Drew noch im Gründungsjahr 1913 ein erstes eigenes Versammlungs- und Gebetshaus, den Moorish Science Temple erwerben. In den folgenden Jahren schuf er über das ganze Land verteilt Zweigstellen.[32]

Noble Drew Ali gründete den MST im Glauben, dass die African Americans Asiaten seien, im speziellen Moors, Nachkommen der „ancient Moabites, who inhabited the northwestern and southwestern shores of Africa.“[33] Aus diesem Grund sollten die Afroamerikaner Bezeichnung wie „Negroes“, „black folk“, „colored people“ oder „Ethiopians“ verweigern und sich selbst als „Asiatics“ oder „Moorish Americans“ bezeichnen. Diese Moabiten verstand Noble Drew Ali als Angehörigen einer von Gott geschaffenen asiatischen Nation, deren Heimat Marokko gewesen sei, bevor sie in Nordamerika versklavt wurden. Zahlreiche Ausschnitte des Schöpfungsmythos des MST, besonders der Anspruch auf Amerika als Extension von Afrika, kehrten in den Lehren der Nation of Islam wieder. Drew Ali verband als einer der Ersten die Forderung nach einem eigenen Staatsterritorium der Black Asiatics innerhalb Nordamerikas[34] mit dem Aufruf zum ökonomischen empowerment, das heute im Zentrum der P.O.W.E.R-Bewegung Louis Farrakhans steht.

In einem 1927 von Noble Drew Ali verfassten 64-seitigen Pamphlet[35] mit dem Namen The Holy Koran of the Moorish Science Temple[36] erzählte er seine Geschichte der Moabiten, aus welchen die Mauren und damit die maurische Gemeinschaft hervorgegangen seien. Danach mussten die Moabiten den Garten Eden verlassen, da ihr Volk für das kleine Land zu groß geworden war. Auf der Suche nach einer neuen Heimat gelangten sie an den Hof des ägyptischen Pharaos. Sie erbaten von ihm die Erlaubnis, im Nordwesten Afrikas anzusiedeln, woraus dann das Königreich Marokko entstand. Indem Noble Drew Ali die Menschen afrikanischer Abstammung in Amerika zu Mauren und damit zum Teil der von ihm beschriebenen Moorish Nation erklärte, gab er ihnen aus seiner Sicht ihre geraubte kulturelle und nationale Identität zurück.

Drew Ali benutzte die im Holy Koran of the Moorish Science Temple niedergeschriebene Vorstellung von der früheren Weltherrschaft der Moorish Nation als Argumentationshilfe gegen die Repatriierungspläne Marcus Garveys nach Afrika. Indem er seinen Anhängern erklärte, dass Nordamerika in vergangenen Zeiten von den Mauren beherrscht worden war, versuchte er sie davon zu überzeugen, dass der amerikanische Kontinent ihr angestammtes Land sei.[37] Außerdem vertrat er die Ansicht, dass jede „Rasse“ ihre eigene Religion haben müsse. Er betrachtete den Islam als Religion aller Menschen afrikanischer Abstammung und das Christentum als Religion der Europäer.[38]

Um ihre neue, göttliche Identität zu demonstrieren, trugen die Anhänger des MST an den nordafrikanischen Stil angelehnte Kleidung. „All men wore long white robes and red fezzes, and all women shielded their heads and bodies. On ceremonial occasions, the men would wear Turkish-styled festive clothing, while the women would wear red turbans and yellow Turkish-inspired dresses.”[39] Außerdem ersetzten sie ihre bisherigen „Sklavennamen” durch einen so genannten free national name. Dieser bestand aus einem „El“ oder „Bey“, das dem ursprünglichen Nachnamen angefügt und sogar auf einer nationality card eingetragen wurde: „This is your nationality and identification card for the Moorish Science Temple of America, and birthright for Moorish-Americans. We honour all the divine prophets, Jesus, Mohammad, Buddha and Confucius. May the blessings of God of our father Allah, be upon you that carry this card. I do hereby declare that you are a Muslim under the Divine Law of the Holy Koran of Mecca – Love, Truth, Peace, Freedom and Justice. I am a citizen of the USA. Each card was validated by the subscription, “Noble Drew Ali, The Prophet.”[40] Zusätzlich trug jeder Ausweis „the Islamic symbol (the star and crescent), an image of clasped hands and a numeral „7” in a circle”[41]. Freitag wurde zum Feiertag bestimmt, da „Friday is the day on which man was formed in flesh, and it was on Friday when he departed out of flesh”[42].

Alle Anhänger des MST waren von ihrem Führer Noble Drew Ali angehalten, streng nach den Gesetzen der USA zu leben und keinerlei Protest- oder Gewaltakte gegen die weiße Bevölkerung zu setzen. Trotzdem entstanden mit wachsenden Mitgliederzahlen die ersten gravierende Probleme für Drew Ali. Einen Teil dieser Schwierigkeiten „verdankte“ er jenen Anhängern, „die seine Lehre vom Weg in die Freiheit durch die Annahme der „Moorish nationality“ zu wörtlich genommen und gleichzeitig seine Mahnung – unauffällig, friedfertig und gemäß den Gesetzen der Vereinigten Staaten zu leben – zu wenig beachtet hatten. Ungeduldig forderten sie ein Ende der rassistischen Unterdrückung. Demonstrativ und lautstark zelebrierten sie ihr erwachtes „nationales“ Selbstbewusstsein.“[43]

Eine andere Problematik ergab sich durch eine Anzahl neuer Mitglieder, die sich nicht oder nur lose mit der Zielsetzung der Organisation identifizierten und nur ihren persönlichen Vorteil im Sinn hatten. Als Noble Drew Ali 1929 damit begann, die Machtverteilung im MST zu reorganisieren und Teile seiner Aufgaben und seiner Verantwortung an Stellvertreter zu übertragen, kamen einige der oben erwähnten Geschäftemacher zu wichtigen Positionen. Mit der neu gewonnen Macht begannen sie den Handel mit „various charms, relicts, magical potions, pictures and spurious literature concerning their Asiatic heritage“[44] zu forcieren. Diese Aktivitäten untergruben die Glaubwürdigkeit und Reputation des Tempels. Auch die Moorish Industrial Group[45], eine von Noble Drew Ali nach dem Vorbild von Marcus Garvey gegründete Dachorganisation, diente den Stellvertretern als Einnahmequelle.

Diese Probleme führten schließlich zu einer ersten Aufspaltung der Organisation in zwei verfeindete Gruppen. Im Zuge der immer härter gewordenen Auseinandersetzung wurde Drew Alis Widersacher, Claude Green, am 15. März 1929 in seinem Büro in Chicago erschossen.[46] Zunächst verhaftete die Polizei Noble Drew Ali und einige seiner Anhänger wegen Mordverdachts. Aus Mangel an Beweisen wurde er wieder freigelassen, litt aber danach an einer mysteriösen Krankheit, von der er sich nicht mehr erholen sollte. Er verstarb am 20. Juli 1929 in Chicago.

Da Noble Drew Ali keinen Nachfolger für seine Führungsposition bestimmt hatte, entwickelte sich nach seinem Tod ein erbitterter Kampf um sein Erbe. Logische Folge war die Aufspaltung der Organisation: C. Kirkman Bey, der ehemalige Sekretär Alis, und Givens-El betrachteten sich als legitime Nachfolger von Drew Ali und beanspruchten daher die Bezeichnung Moorish Science Temple Organisation.[47] Aufgrund dieser Aufspaltung konnte der MST nie mehr die frühere Stärke erreichen.

Mit dem Tod Noble Drew Alis und der Deportation von Marcus Mosiah Garvey verloren die afroamerikanischen Nationalisten mit einem Schlag ihre beiden wichtigsten Führungspersönlichkeiten. Die Machtkämpfe innerhalb der UNIA und des MST waren symbolisch für den Zustand der nationalistischen schwarzen Bewegungen.

3. Die Nation of Islam

3.1. Die Geschichte der Nation of Islam

Die Entstehung der Nation of Islam (NOI) beginnt 1930 zur Zeit der „Großen Depression“ mit dem Erscheinen Wallace D. Fard Muhammads in Detroit.

In den folgenden Abschnitten soll nun ein detaillierter Überblick über die einzelnen Abschnitte der Bewegung gegeben werden: der Temple of Islam unter Wallace D. Fard Muhammad, die eigentliche Gründung der NOI unter Elijah Muhammad, der Eintritt Malcolm X in die NOI, der „fall of the Nation“ und der Wiederaufbau durch Louis Farrakhan.

3.1.1. Wallace D. Fard Muhammad

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es war am 4. Juli 1930, als in den Ghettos Detroit ein mysteriöser, fahrender Händler namens Wallace D. Fard Muhammad auftauchte. „He came first to our houses selling raincoats[48], and then afterwards, silks. In this way he could get into the people’s houses, for every woman was eager to see the nice things the peddlers had for sale. He told us that the silks he carried were the same kind that our people used in their home country, and that he was from there. So we asked him to tell us about our own country.”[49] Diese Treffen verband er mit Predigten über einen richtig verstandenen Islam als wahre und ursprüngliche Religion der Afroamerikaner.

Über sein physisches Erscheinungsbild und seine Herkunft herrscht Unklarheit: „So wurde er unter anderem als Jamaikaner syrischer Abstammung, als palästinensischer Araber mit „indischen Einflüssen“, als Sohn einer reichen Familie aus dem Geschlecht der Koreish, dem auch Mohammad (der Begründer des „klassischen“ Islam) entstammte, als türkischer Spion im Dienst Adolf Hitlers und als Angehöriger der indigenen Völker Nordamerikas dargestellt.“[50] Eine andere Variante sah Fard als Betrüger, der als Vertrauensmann versuchte, sich ein beschwerdefreies Leben auf Kosten ungebildeter Südstaatler zu machen. Drei Thesen haben sich im Wandel der Zeit als beständig erwiesen: „the Moorish theory, the black Hebrew theory, and the fraud theory.“[51]

Viele Wissenschaftler[52] sind der Ansicht, dass einiges für einen Zusammenhang zwischen Wallace D. Fard und Noble Drew Alis Moorish Science Temple spricht. Sie vermuten, dass der oben beschriebene Nachfolgekampf in der Bewegung nicht zwischen John Givens-El und Kirkman Bey, sondern eigentlich zwischen Givens-El und W. D. Fard stattgefunden habe. Nach dieser Auffassung habe Fard, ähnlich wie Givens-El, behauptet, eine Reinkarnation Drew Alis zu sein und damit eine Spaltung des MST provoziert. „Allerdings beinhaltet die NOI-Doktrin weder eine Reinkarnationstheorie noch die Vorstellung von afrikanisch-amerikanischen Deszendenten einer Moorish Nation.“[53] Auch Fard selbst trug zu Spekulationen über seine Person bei, indem er bezüglich seiner Identität und Herkunft verkündete: „My name is W. D. Fard and I came from the Holy City of Mecca. More about myself I will not tell you yet for time has not yet come. I am your brother. You have not seen me in my royal robes.”[54]

Herzstück seiner Religion war die Botschaft, dass die Schwarzen in den Vereinigten Staaten ihre Lebenssituation nur durch eine Separation von der „weißen“ Rasse verbessern könnten. Diese „neue“ Religion im Ghetto fand rasch immensen Zuspruch, der es notwendig machte, größere Säle zu mieten. Bald fand Fard in einer ehemaligen Baptistenkirche eine erste Heimstätte, die er Temple of Islam[55] nannte. Die Lebenssituation der Afroamerikaner in den 1930er Jahren bot für Fard den notwendigen Nährboden für seine Predigten. Mit dem formellen Ende der Sklaverei im Jahr 1865 strömten zahlreiche Migranten aus dem Süden in die bereits hoffnungslos überfüllten Ghettos der Städte des Nordens. Die triste Lebens- bzw. Arbeitssituation sowie willkürliche Gewaltakte weißer Polizisten führten zu einem enormen Zustrom zur Bewegung von W.D. Fard, der ja von einer „Überlegenheit und glorreichen Vergangenheit der Schwarzen Rasse“[56] predigte. Essien-Udom spricht von ungefähr 8.000 Anhängern unter den Afroamerikanern Detroits, die in den Jahren 1930-1934 von Fard „rekrutiert“ wurden.[57]

Indem Fard die beiden Größen des Black Nationalism, Marcus Mosiah Garvey und Noble Drew Ali, besonders würdigte, vermochte er eine wichtige Verbindung zu den Anfängen des organisierten Schwarzen Nationalismus herzustellen.

Bereits zu Beginn der 1930er Jahre legte W. D. Fard den Grundstein für die spätere Bildungsoffensive der NOI. Überzeugt davon, dass die Afroamerikaner selbst in der Lage sein müssten, sich weiterzubilden, gründete er Lern- und Konversationsgruppen, deren Aufgabe in der Vermittlung von Schreib- und Lesekenntnissen bestand. Basis dieser Initiative war die University of Islam, die er 1931 neben dem Tempel in Detroit gründete. Die sogenannte Universität – „eine kombinierte Grund- und Mittelschule, die er hochtrabend University of Islam nannte“[58] – war eine Schule, in der Muslims jeden Alters Unterricht in den Fächern Religion, höhere Mathematik, Astronomie und Geschichte erhielten. Hielscher führt auch noch das Fach Tricknology an, eine Art Kurs, wie die Schwarzen die Weißen reinlegen könnten.[59] Eines der vorrangigen Ziele dieser „University“ war es, ein neues positives Selbstbild der Schwarzen Bevölkerung zu schaffen, also die Identitätsfindung der Schüler als Muslime königlicher Abstammung. Außerdem mussten die Jugendlichen über die wahre Identität der Weißen, den „blue eyed devils“, aufgeklärt werden.

Mit dem raschen Anwachsen der Gemeinschaft entstand der Bedarf nach weiteren internen Organisationsstrukturen. Deshalb gründete Fard die Muslim Girl’s Training Class (MGTC), die General Civilization Class (GCC) und die Fruit of Islam (FOI). Die beiden erst genannten Organisationen sollten die muslimischen Frauen lehren, wie ein islamischer Haushalt zu führen sei und welche Pflichten auf sie als Ehefrau und Mutter warteten.[60] Die FOI hingegen stellte eine Selbstverteidigungsorganisation dar, die vor möglichen Auseinandersetzungen mit der Polizei oder mit militanten Gegner der Bewegung schützen sollte. Sie war eine paramilitärische Organisation, in der ausschließlich Männer in verschiedenen Selbstverteidigungs- und Kampftechniken sowie im Gebrauch von Schusswaffen unterrichtet wurden. Die führenden Offiziere wählte der „Messenger“ Fard persönlich aus. Sie erhielten leitende Funktionen in verschiedenen Gruppierungen in Detroit und wurden Minister of Islam genannt. Innerhalb von nur drei Jahren gelang es Fard mit Hilfe der FOI und seiner Minister eine derart straffe Organisationsstruktur aufzubauen, dass er sich nahezu vollkommen aus den öffentlichen Führungsgeschäften zurückziehen konnte.[61] Einer der ersten dieser ausgebildeten Offiziere war Elijah Muhammad, den wir im nächsten Kapitel näher betrachten werden.

Zur Manifestation seiner Bewegung verfasste W. D. Fard Muhammad zwei Texte mit seinen gesammelten Lehren, von denen allerdings nur einer, nämlich Teachings for the Lost-Found Nation in a Mathematical Way[62], in Schriftform publiziert wurde, während er den zweiten, Secret Ritual of the Nation of Islam[63], ausschließlich mündlich an seine Anhänger weitergab. Zu den wesentlichen Lehren des Propheten gehörten folgende Stehsätze, die sich auch noch im Inventar seiner Nachfolgers Elijah Muhammad und dem jetzigen Führer der NOI Louis Farrakhan wiederfinden:

„The black men in North America are not Negroes, but members of the lost tribe of Shebazz, stolen by traders from Holy City of Mecca 379 years ago. The prophet came to America to find and to bring back to life his long brethren, from whom the Caucasians had taken away their language, their nation and their religion. Here in America they were living other than themselves. They must learn that they are the original people, noblest of the nation of the earth. The Caucasians are the coloured people, since they have lost their original colour. The original people must regain their religion, which is Islam, their language, which is Arabic, and their culture, which is astronomy and higher mathematics, especially calculus. They must live according to the law of Allah, avoiding all meat of “poison animals”, hogs, ducks, geese, “possum and catfish”. They must give up completely the use of stimulants, especially liquor. They must clean themselves up – both their bodies and their houses. If in this way they obeyed Allah, he would take them back to the Paradise from which they had been stolen – the Holy City of Mecca.”[64]

All jene, die diesen Vorschriften folgten und zum Islam konvertierten, versprach Fard die Wiederfindung ihres „wahren Selbst“. Als Zeichen dieser Vereinigung durften seine Anhänger ihre Familiennamen – die sogenannten Sklavennamen, die sie von ihren früheren weißen Besitzern bekamen – ablegen und erhielten dafür vom Propheten einen islamischen Vor- und Zunamen[65]. Um Mitglied der Gemeinschaft zu werden, mussten die Anwärter einen schriftliche Antrag ausfüllen. Daraufhin erhielt er/sie eine national Identification Card, welche der Beweis für die Mitgliedschaft in der Bewegung war.[66]

Als W. D. Fard Muhammad im Juni 1934 unter ähnlichen mysteriösen Umständen verschwand wie er gekommen war, übernahm Elijah Muhammad die Führung der Bewegung.

[...]


[1] Zips, Werner und Kämpfer, Heinz: Nation X. Schwarzer Nationalismus, Black Exodus & HipHop. Wien. 2001, S. 54

[2] Garvey versuchte mit seiner eigenen Schifffahrtslinie, „willige“ Afroamerikaner nach Afrika zu repatriieren. Nähere Information zu Garveys UNIA (Universal Negro Improvement Association) siehe Kapitel 2.2.1.

[3] Cone, James H.: Martin and Malcolm and America. A Dream or a Nightmare. London. 1991, S. 9

[4] Marsh, Clinton E.: From Black Muslim to Muslims. The Transition from Separatism to Islam 1930-1980. Metuchen, N.J. – London 1984. S. 15

[5] Zips/Kämpfer, S. 63. Vgl. dazu ebenfalls Gardell, Mattias: Countdown to Armageddon. Louis Farrakhan and the Nation of Islam. London 1996, S. 8f.

[6] Zu den ersten von freien Afroamerikanern geschaffenen Selbsthilfeorganisationen zählten die African Union Society, die Free African Society sowie die Brown Fellowship Societ y und die African Society. Zips/Kämpfer, S. 72

[7] Ebd., S. 84-85

[8] Ebd., S. 88

[9] Essien-Udom, E.U.: Black Nationalism. A search for an identity in America, Chicago 1962. S. 20 und S. 23

[10] Ebd., S. 23

[11] Zips/Kämpfer, S. 107

[12] Ein typisches Beispiel für diese Gesetze war eine im Staat Louisiana erlassene Verordnung, derzufolge nur jene African Americans zur Wahl gehen durften, deren Großväter vor 1867 ebenfalls gewählt hatten. Da African Americans erst im Jahr 1870 das Wahlrecht zugestanden bekommen hatten, war es ihnen unmöglich, die Forderung des Gesetzes zu erfüllen. Ebd. 109

[13] Aufgrund der wirtschaftlichen Komponente wird dieser Nationalismus als „ökonomisch“ bezeichnet. Scharenberg, Albert: Schwarzer Nationalismus in den USA. Das Malcolm X-Revival. Münster 1998, S. 46f.

[14] Essien-Udom, S. 27

[15] Zips/Kämpfer, S. 124

[16] Ebd., S. 134

[17] Essien-Udom, S. 36

[18] Zips/Kämpfer, S. 138

[19] Garvey, Marcus: A Journey of Self-Discovery. In: Clarke, John Henrik (Hrsg.): Marcus Garvey and the Vision of Africa. New York 1974, S. 139-149

[20] Essien-Udom, S. 36

[21] „The manifesto of the UNIA called attention to „the universal disunity existing among the people of the Negro or African race.“ It challenged “all people of Negro or African parentage” to subscribe to the UNIA program. Lincoln, Eric C.: The Black Muslims in America. Boston 1961, S. 57

[22] Essien-Udom, S. 37

[23] The Negro World erreichte rasch eine Auflage von 60 bis 200 Tausend Exemplaren pro Woche. Bestimmte Abschnitte wurden auch ins Spanische und Französische übersetzt, um auch die Leser in den West Indies und Afrika anzusprechen. Die erste Seite der Zeitschrift verfasste Garvey persönlich, welche bei den wöchentlichen UNIA-Treffen laut vorgelesen wurde. Gardell, S. 27-28 und Hielscher, Hans: „Gott ist zornig, Amerika“. Der Aufstieg des Schwarzenführers Louis Farrakhan. Bonn 1996, S. 61

[24] Essien-Udom, S. 39

[25] „The church was an adjunct of the movement and not an integral part, as it is with the Nation of Islam.“ Ebd., S.39

[26] Gardell, S. 28. Probiesch bezeichnet den Nationalismus Garveys als „Äthiopianismus“. Probiesch, Kerstin: Africana Marburgensia: Louis Farrakhan und die Nation of Islam. Sonderheft 18. Marburg 2000

[27] Essien-Udom, S. 38

[28] Ebd., S. 39

[29] Andere Autoren sprechen auch von Steuerhinterziehung. Probiesch, S. 7

[30] Gardell, S. 32

[31] Ebd., S. 37

[32] Charleston (West Virgina), Milwaukee (Wisconsin), Lansing and Detroit (Michigan), Philadelphia and Pittsburgh (Pennsylvania), Pine Bluff (Arkansas), Cleveland and Youngstown (Ohio), Richmond and Petersburg (Virgina) and Baltimore (Maryland). McCloud, Aminah B.: African American Islam. New York 1995, S. 13

[33] Marsh, S. 43

[34] Im Gegensatz zu Marcus Garvey, der eine Repatriierung nach Afrika vorantrieb.

[35] Gardell spricht von einem „pamphlet of sixty-three pages“. Gardell S. 38

[36] Auch Circle Seven genannt. McCloud, S. 13. Der Koran ist „offenbar eine Mischung aus L.H. Dowling’s „Aquarian Gospel of Jesus the Christ“ (1907), Freimaurermythen, Glaubensvorstellungen der Ismailiya, Ahmadiyya sowie Gedankengut des Schwarzen Nationalismus“. Gardell, S. 39f.

[37] Essien-Udom, S. 34

[38] Ebd., S. 34

[39] Gardell, S. 43

[40] Marsh, S. 47

[41] Lincoln, S. 51-52

[42] McCloud, S. 14

[43] Zips/Kämpfer, S. 164

[44] Lincoln, S. 53

[45] „Besides operating restaurants and barber shops, the sale of religious paraphernalia proved to be a lucrative venture.“, Gardell, S. 44-45. Die „Moorish Manufacturing Corporation, which manufactured products such as Moorish Mineral and Heating Oil, and Moorish Bath Compound and Tonic” sollten in diesem Zuge auch erwähnt werden. McCloud, S. 17

[46] Essien-Udom, S. 35

[47] Zips/Kämpfer, S. 166

[48] Er war auch unter zahlreichen anderen Namen bekannt: Walli Farrad, Fard Muhammad, Professor Ford, Farad Muhammad und F. Muhammad Ali. Zips/Kämpfer, S. 182

[49] E.D. Beynon zit. nach Lincoln, S. 10

[50] Zips/Kämpfer, S. 181. Vgl. dazu ebenfalls Essien-Udom S. 44 und Lincoln S. 11f.

[51] Gardell, S. 51-54

[52] Bontemps/Conroy sowie Marsh zit. nach Zips/Kämpfer, S. 182

[53] Zips/Kämpfer, S. 182

[54] Mohammad Y. zit. nach Zips/Kämpfer, S. 186

[55] Die Bewegung wurde als „Lost-Found Nation of Islam in the Wilderness of North America“ bezeichnet. Detroit war als Ausgangspunkt gut gewählt. Hier hatte es in den 20er Jahren eine der größten UNIA-Gruppen in den USA gegeben. Scharenberg, S. 70

[56] Ebd., S. 187

[57] Essien-Udom, S. 44

[58] Hielscher, S. 59

[59] Ebd., S. 59-60

[60] Lincoln, S. 14

[61] Beynon zit. nach Zips/Kämpfer, S. 190

[62] Nach Lincoln war dieser Text „written in Fard’s own „symbolic language“ and required his interpretation.“, Lincoln, S. 14

[63] Beide Texte umfassen 154 Lektionen. Gardell, S. 54

[64] Fard zit. nach Beynon. In: Zips/Kämpfer, S. 188

[65] In der NOI erhielten neue Mitglieder anstelle ihres „Sklavennamens“ ein „X“. „Das X, ein Sinnbild für den Begriff der mystischen Aura, stand dabei, wie in der Mathematik, für „unbekannt“.“ Scharenberg, S. 74 „After a period of dedicated service, God could reward a believer by revealing his or her original Islamic name.“ Gardell, S. 64. Vgl. dazu auch McCloud, S. 28-29

[66] Ebd., S. 54

Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Fight the power - Die Nation of Islam und ihr Einfluss auf die Musikrichtung HipHop
Hochschule
Universität Salzburg  (Institut für Geschichte)
Note
Gut (2)
Autor
Jahr
2003
Seiten
93
Katalognummer
V29010
ISBN (eBook)
9783638306393
Dateigröße
1334 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Arbeit wird eine Verbindung der afro-amerikanischen Widerstandsbewegung Nation of Islam (NOI) zur Entwicklung der Musikrichtung hipHop hergestellt. Neben einem einführenden Teil zur Geschichte dieser Bewegung und deren Ideologie werden einige Music-Acts bearbeitet, die in Beziehung zur NOI stehen (standen).
Schlagworte
Fight, Nation, Islam, Einfluss, Musikrichtung, HipHop
Arbeit zitieren
Robert Rabeder (Autor), 2003, Fight the power - Die Nation of Islam und ihr Einfluss auf die Musikrichtung HipHop, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29010

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