Handeln bei Niklas Luhmann


Seminararbeit, 2002

31 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kerngedanken der Theorie sozialer Systeme
2.1 Autopoietische, selbstreferentielle Systeme
2.2 Das Verhältnis zwischen System und Umwelt
2.3 Das Ausdifferenzieren sozialer Systeme
2.4 Die Bedeutung von Sinn
2.5 Das Entstehen einer sozialen Ordnung
2.6 Die Strukturen sozialer Systeme

3 Die Elemente sozialer Systeme: Kommunikation und Handeln
3.1 Kommunikation
3.1.1 Das Problem der doppelten Kontingenz
3.1.2 Der Kommunikationsbegriff
3.1.2.1 Die Information
3.1.2.2 Die Mitteilung
3.1.2.3 Das Verstehen
3.1.2.4 Die Annahme bzw. Ablehnung einer Kommunikation
3.1.3 Der Kommunikationsprozess
3.2 Handeln
3.2.1 Das Verhältnis zwischen Kommunikation und Handeln
3.2.2 Die Selbstbeschreibung eines sozialen Systems
3.2.3 Die Konstitution von Handlungen
3.2.4 Der Zusammenhang zwischen Handlungen, Erfahrungen und Erwartungen
3.2.5 Der Entscheidungsaspekt von Handlungen
3.2.6 Der Zusammenhang zwischen Handlung, Entscheidung und Kommunikation
3.2.7 Die Form des Handelns
3.2.8 Das Verhältnis von Handeln und Struktur

4 Niklas Luhmann im Vergleich mit Alfred Schütz: Subjekt, Sinn und Handeln
4.1 Das Subjekt bei Niklas Luhmann
4.2 Das Subjekt bei Alfred Schütz
4.3 Sinn bei Alfred Schütz
4.4 Der Handlungsbegriff von Alfred Schütz
4.5 Zusammenfassender Vergleich beider Theorien

5 Abschließende Betrachtung

1 Einleitung

Niklas Luhmanns Ziel bestand in der Erstellung einer facheinheitlichen, universalen Theorie für die Soziologie; universal in dem Sinne, dass er alles Soziale erfassen wollte und nicht nur einige Teilbereiche.[1] Bei seinem Werk „Soziale Systeme – Grundriss einer allgemeinen Theorie“ handelt es sich um eine Theorie autopoietischer, selbstreferentieller Systeme. Die ersten Anstöße zur Entwicklung selbstreferentieller Systeme entstammen allerdings nicht der Soziologie, sondern fachfremden Theorierichtungen wie der Thermodynamik, der Biologie oder der Kybernetik. Der Begriff ´Autopoiesis´ tauchte erstmals in den 1960er Jahren bei den chilenischen Neurophysiologen Humberto Maturana und Francesco Varela auf. Sie leiteten ihn aus den griechischen Wörtern „autos“ (selbst) und “poiesis“ (Schöpfung) ab und wandten ihn auf lebende Systeme an, die die Fähigkeit besitzen, die Elemente, aus denen sie bestehen, ohne externe Eingriffe selbst zu (re-)produzieren.

Aus der Soziologie konnte im Hinblick darauf nicht nur kein nennenswerter Beitrag gewonnen werden, sondern sie hat sich auf diesem Gebiet auch als lernunfähig erwiesen.[2] Trotzdem versucht Luhmann eine Theorie sozialer Systeme zu entwerfen, die dem derzeitigen Entwicklungsstand der allgemeinen Systemtheorie entspricht.

Für die Bearbeitung des Themengebietes wurde folgendes Vorgehen gewählt. Im ersten Abschnitt werden die grundlegenden Kerngedanken der Theorie sozialer Systeme erläutert. Davon ausgehend, werden die Elemente dieser Systeme, die Kommunikationen, näher beleuchtet. Luhmann leitet den Handlungsbegriff, auf dem der eigentliche Schwerpunkt dieser Arbeit liegt, vom Begriff der Kommunikation ab. Im folgenden Abschnitt werden verschiedene Gesichtspunkte des Handelns beleuchtet. Anschließend soll die Theorie von Niklas Luhmann einem Vergleich mit der Theorie von Alfred Schütz unterzogen werden. Dabei liegt die Aufmerksamkeit besonders auf der Rolle des Subjektes, der Bedeutung von Sinn und dem Handlungsbegriff. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen abschließend noch einmal zusammenfassend dargestellt werden.

2 Kerngedanken der Theorie sozialer Systeme

2.1 Autopoietische, selbstreferentielle Systeme

Luhmann überträgt den Begriff ´Autopoiesis´ in der Soziologie auf Systeme, die sich durch eine systemspezifische Operationsweise selbst erzeugen. Sie bestehen aus einem Netzwerk interagierender Komponenten, die durch ihr Zusammenspiel das Netzwerk immer wieder erneuern und auf diese Weise den Bestand des Systems erhalten.

In der Theorie Luhmanns existieren zwei Arten von autopoietischen Systemen. Zum einen handelt es sich dabei um soziale Systeme, die sich mit Hilfe von Kommunikationen reproduzieren, und zum anderen um psychische Systeme, die sich durch Gedanken fortzeugen. Beide Systemarten können zwar ihre Operationen gegenseitig nicht direkt beeinflussen, bedingen sich aber wechselseitig in ihrer Existenz.

Diese Systeme werden auch als selbstreferentiell bezeichnet, da sie ausschließlich mit systeminternen Elementen operieren und sich somit bei jeder ihrer Operationen auf sich selbst beziehen und sich selbst bestimmen. Sie greifen bei der Reproduktion immer wieder auf bereits vorhandene Systembestandteile zurück.

Die Selbstreferenz sichert die Autonomie eines Systems gegenüber seiner Umwelt. Es ist angesichts seiner operativen Geschlossenheit nicht dazu in der Lage, außerhalb seiner Grenzen zu operieren. Ein externer Eingriff in die Reproduktion der Systemelemente hätte zur Folge, dass die Trennung zwischen dem System und seiner Umwelt aufgehoben werden würde. Dies würde nicht nur den Verlust der Autonomie des Systems, sondern auch die Beendigung seiner Existenz bedeuten.

Da Systeme auf autopoietischer Ebene ausschließlich auf die Reproduktion ihrer Operationen bedacht sind, können sie die Grenzen zu ihrer Umwelt nur auf der Ebene der Beobachtung überwinden. Auf diese Weise erhalten sie wichtige Informationen über Umweltzustände und -veränderungen.

2.2 Das Verhältnis zwischen System und Umwelt

Für die Existenz eines selbstreferentiellen Systems ist es unerlässlich, eine Unterscheidung zwischen dem vorzunehmen, was zum System gehört und dem, was ihm nicht angehört und damit zur Umwelt zählt.

Soziale Systeme differenzieren sich gegenüber ihrer Umwelt aus, indem sie mit Hilfe ihrer Operationen Grenzen ziehen. Alles, was nicht zum System gehört, fällt automatisch in die Umwelt hinein, deren Entwicklung damit parallel zum Systemaufbau verläuft. Dass ein selbstreferentielles System nicht außerhalb seiner Grenzen operieren kann, ist auch der Grund dafür, dass ein soziales System nicht mit anderen Systemen in seiner Umwelt kommunizieren kann. Dennoch ist die Umwelt von großer Wichtigkeit für den Systemaufbau. Es gibt kein System ohne Beziehung zur Umwelt und auch keine Umwelt ohne System, da ein System seine Identität nur in Differenz zur Umwelt entwickeln kann. Folglich können System und Umwelt nur gemeinsam existieren.

Luhmann betont, dass die Elemente selbstreferentieller Systeme Ereignischarakter besitzen. Sie sind keine dauerhaften Zustände, sondern Ereignisse, die nach ihrem Auftreten sofort wieder verschwinden.[3] Soziale Systeme sind somit dem ständigen Dauerzerfall ihrer Elemente ausgeliefert. Zur Sicherung deren unaufhörlicher Erneuerung müssen sie sich strukturell an ihrer Umwelt orientieren. Diese schließt aufgrund ihrer hohen Komplexität immer mehr Möglichkeiten ein als das System aktualisieren kann. Das dadurch entstehende Komplexitätsgefälle zwingt das System zu ständigen Selektionen und trägt insofern zu dessen Erhalt bei. Die Folge dieses Selektionszwangs ist, dass etwas als Datum realisiert wird und der Rest als Bereich möglicher Verweisungen im Hintergrund verbleibt, auf den das System bei Bedarf zurückgreifen kann.

2.3 Das Ausdifferenzieren sozialer Systeme

Unter Systemdifferenzierung versteht Luhmann „...die Wiederholung der Differenz von System und Umwelt innerhalb von Systemen“.[4] Dies geschieht durch den Aufbau von verschiedenen Teilsystemen, wie dem Rechtssystem, dem Wissenschaftssystem, dem politischen System, dem Wirtschaftssystem etc. mit je eigener Operationsweise.

Jedes Teilsystem fokussiert einen anderen Gesichtspunkt des umfassenden Systems und steigert somit dessen Beobachtungsfähigkeit. Je stärker ein System differenziert ist, desto mehr komplexe Informationen kann es aus der Umwelt aufnehmen und verarbeiten. Die einzelnen Teilsysteme sind füreinander Umwelten. Da jedes Teilsystem eine bestimmte Funktion für das Gesamtsystem übernimmt, spricht man auch von einer funktionalen Differenzierung.[5]

2.4 Die Bedeutung von Sinn

Selbstreferentielle Systeme sind sinnverarbeitende Systeme. „Für sinnkonstituierende Systeme hat alles Sinn; für sie gibt es keine sinnfreien Gegenstände.“[6]

Sinn bezeichnet die Ordnungsform des menschlichen Erlebens und bestimmt die Bedeutung, die etwas für einen Beobachter hat. Er bildet eine grundlegende Voraussetzung für das Bestehen und die Reproduktion eines Systems. Ohne Sinn würde jedes Sozialsystem aufhören zu existieren.[7]

Aufgrund des Ereignischarakters der Systemelemente müssen an die bestehenden Elemente ständig neue angeschlossen werden. Sinn zeigt die Überschussmöglichkeiten der Umwelt auf und bestimmt die Anschlussmöglichkeiten an die aktuellen Elemente. Jeder Sinninhalt gewinnt seine Aktualität folglich nur in der Verweisung auf anderen Sinn.

Bei den Grenzen, die das System zu seiner Umwelt aufbaut, handelt es sich um Sinngrenzen. Ein bestimmter Sinn kann entweder dem System oder seiner Umwelt zugesprochen werden.

2.5 Das Entstehen einer sozialen Ordnung

Systeme bestehen aus einer Vielzahl von Elementen, wobei die Zahl der möglichen Relationen zwischen den Elementen exponentiell mit der Zunahme der Zahl der Elemente ansteigt. Das System kann jedoch nur ein bestimmtes Maß an Komplexität beherrschen. Deshalb müssen die Verknüpfungen zwischen den Elementen selektiv beschränkt und auf ein sinnhaft erlebbares Format reduziert werden. Aus den verschiedenen Mustern von Beziehungen werden einige ausgewählt, andere durchaus mögliche Relationen dagegen zumindest vorläufig ausgeschlossen. Nur auf diese Weise kann ein System operieren und Handlungen erkennen.

Es existiert jedoch eine Vielzahl von Selektionsmöglichkeiten. Dieses Auch – Anders – Möglich – Sein erklärt die Verschiedenartigkeit von aus fast identischen Elementen bestehenden Systemen. Luhmann spricht von kontingenten Situationen. „Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist.“[8]

2.6 Die Strukturen sozialer Systeme

Der Begriff ´Struktur´ bezeichnet die „...Einschränkung der in einem System zugelassenen Relationen [zwischen Elementen]“.[9] Es handelt sich dabei um sinnhafte Zusammenhänge, die sich dadurch verfestigen, dass Identisches unter verschiedenen Bedingungen wiederholt und damit generalisiert wird. Durch die Strukturbildung wird die Anzahl der Anschlussmöglichkeiten auf ein erwartbares Maß reduziert.

Die Strukturen sozialer Systeme sind Erwartungsstrukturen. „Erwartungen sind [...] das autopoietische Erfordernis für die Reproduktion von Handlungen.“[10] Sie schränken den Spielraum weiterer Anschlussmöglichkeiten ein, halten aber auch gleichzeitig einen eingeschränkten Möglichkeitsspielraum offen. Infolgedessen bilden sie einem Rahmen für die Systemoperationen. Sie unterstützen ein System dabei, sich an vergangene Situationen zu erinnern und sich künftige Situationen vorzustellen. Da Systeme lernfähig sind, sind ihre Strukturen veränderbar.

Nach dieser Einführung in die Theorie von Niklas Luhmann, soll die Aufmerksamkeit nun auf die Elemente sozialer Systeme gelenkt werden. Dabei handelt es sich um Kommunikationen und deren Reduktion auf Handlungen.

3 Die Elemente sozialer Systeme: Kommunikation und Handeln

3.1 Kommunikation

Kommunikationen bilden die elementaren Operationen sozialer Systeme. Luhmann bezeichnet sie auch als deren Letztelemente, da sie die kleinsten, nicht weiter zerlegbaren Einheiten darstellen, aus denen soziale Systeme bestehen.[11] Würden sie sich auflösen, würde das System aufhören zu existieren.

Soziale Interaktionen wie Kommunikationen sind jedoch nur möglich, wenn es gelingt, das Problem der doppelten Kontingenz zu überwinden.

3.1.1 Das Problem der doppelten Kontingenz

Voraussetzung für eine Kommunikation sind zwei sich wechselseitig wahrnehmende, sinnbenutzende psychische Systeme, die einander gegenüberstehen. Sie sind aufgrund ihrer operativen Geschlossenheit jedoch füreinander undurchsichtig und nicht kalkulierbar. Sie stehen sich sozusagen als Black Boxes gegenüber, die nur ihr eigenes Verhalten durch komplexe, selbstreferentielle Operationen innerhalb ihrer Grenzen selbst bestimmen, das Verhalten des anderen jedoch nicht vorhersehen können.[12] Dies gilt in einem doppelten Sinn, nämlich aus der Sicht beider Systeme. Wenn sie ihr Verhalten gegenseitig voneinander abhängig machen würden, könnte keine Kommunikation zustande kommen. Die Folge davon wäre, dass die Systeme sich auf Grund mangelnder Operationsfähigkeit auflösen würden.

Um dieses Problem zu lösen, muss zunächst die Frage, „...ob der Partner eine Kommunikation annehmen oder ablehnen wird“[13] mit ja beantwortet werden können. Luhmann schlägt in diesem Fall vor, dass Alter in dieser noch unklaren Situation sein Verhalten versuchsweise zuerst bestimmt, zum Beispiel durch einen freundlichen Blick oder eine Geste und abwartet, wie Ego auf diese Situationsdefinition reagiert. Alter wird dieses Risiko aber nur dann eingehen, wenn er sich auf die möglichen Reaktionen von Ego einstellen kann. Folglich kann ein soziales System nur dann entstehen, wenn derjenige, der mit der Kommunikation beginnt, Erwartungen über das Verhalten seines Gegenübers hegt. Da Erwartungen aber auch enttäuscht werden können, muss der Enttäuschungsfall von Beginn an mit in die Erwartungen eingebaut werden.

[...]


[1] vgl. Reese – Schäfer, Einführung, S. 73

[2] vgl. Luhmann, Soziale Systeme, S. 27

[3] vgl. Luhmann, Soziale Systeme, S. 28

[4] Luhmann, Soziale Systeme, S. 22

[5] vgl. Luhmann, Soziale Systeme, S. 261

[6] Luhmann, Soziale Systeme, S. 110

[7] vgl. Reese – Schäfer, Einführung, S. 41f.

[8] Luhmann, Soziale Systeme, S. 152

[9] Luhmann, Soziale Systeme, S. 384

[10] Luhmann, Soziale Systeme, S. 392

[11] vgl. Luhmann, Soziale Systeme, S. 192

[12] vgl. Luhmann, Soziale Systeme, S. 156

[13] Luhmann, Soziale Systeme, S. 160

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Handeln bei Niklas Luhmann
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Veranstaltung
Seminar Struktur und Handeln in der Organisationstheorie
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
31
Katalognummer
V29017
ISBN (eBook)
9783638306461
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Handeln, Niklas, Luhmann, Seminar, Struktur, Handeln, Organisationstheorie
Arbeit zitieren
Annette Gebert geb. Speck (Autor), 2002, Handeln bei Niklas Luhmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29017

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