In dem biblischen Buch Judith und in Hebbels Tragödie geht es – objektiv betrachtet – um die gleiche Geschichte: Einem Volk droht die Vernichtung durch eine übermächtige feindliche Armee. Angesichts seiner ausweglosen Lage verliert es das Vertrauen in seinen Gott. Eine einzelne Frau zieht in das Lager des Feindes ein und enthauptet dessen Oberbefehlshaber. Dadurch errettet sie ihr Volk vor dem sicheren Tod und stellt seine Glaubensbereitschaft wieder her.
Obwohl die Rahmenhandlung in beiden Versionen identisch ist, unterscheiden sie sich doch wesentlich in der Ausgestaltung der einzelnen Charaktere, dem Aufbau der Textkonzeption, der Erzählweise und letztlich in der Gesamtaussage. Dies liegt an den unterschiedlichen Zielsetzungen, welche die Autoren bei der Niederschrift gehabt haben, und welche im ersten Abschnitt dieser Untersuchung beleuchtet wird.
In den folgenden sieben Abschnitten wird anhand eines direkten Textvergleichs dargelegt, inwieweit die Handlung der beiden Geschichten variieren. Dabei wird versucht, die Tragödie Hebbels in die biblische Vorlage so zu integrieren, dass eine Chronologie entsteht. Dort wo dies nicht ohne weiteres möglich ist, da in beiden Erzählungen Schauplätze, Personen und zeitlicher Ablauf nicht übereinstimmen, wird explizit darauf hingewiesen. Die Gründe für die jeweiligen Abweichungen werden darüber hinaus, anhand von Zitaten aus sekundärer Literatur, Hebbels Selbstinterpretation und eigener Einschätzung, erläutert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Eine unterschiedliche Zielsetzung
II. Die Strafexpedition des Holofernes
III. Der Widerstand der Kinder Israel
IV. Die Einschließung der Bergfeste Bethulien
V. Judiths Eingreifen
VI. Judith im Lager der Assyrer
VII. Das Gelingen von Judiths Plan
VIII. Die Vertreibung der Assyrer
Schlussbemerkung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Gemeinsamkeiten und maßgeblichen Unterschiede zwischen der biblischen Judith-Erzählung und Friedrich Hebbels Tragödie „Judith“ durch einen direkten Textvergleich herauszuarbeiten, wobei insbesondere die differierenden Zielsetzungen der Autoren und deren Auswirkungen auf die Charaktergestaltung beleuchtet werden.
- Vergleichende Analyse der biblischen Vorlage und der dramatischen Adaption von Friedrich Hebbel.
- Untersuchung der psychologischen Motivierung und Charakterentwicklung der Judith-Figur.
- Kontrastierung der religiös-nationalen Heldenrolle mit dem modernen Geschlechterkampf und nihilistischen Weltbild.
- Interpretation der dramaturgischen Funktion von Motiven wie der „jungfräulichen Witwe“ und dem „Opfertod“.
- Aufzeigen der strukturellen und inhaltlichen Divergenzen in Bezug auf die Handlungsführung und das Ende der Erzählung.
Auszug aus dem Buch
Die unterschiedliche Konzeption der Judith-Figur
Ganz anders als der Erzähler des Buches Judith geht Hebbel in seiner Tragödie bei der Konzeption vor: In der Bibel bleibt der Leser bis zur Tat im Unklaren darüber, was sich als nächstes ereignet. Schrittweise wird er an das Geschehen herangeführt. Dadurch, dass sich die Kinder Israel in einer misslichen Lage befinden und dass Judith sich zur Retterin des Volkes durch Gott auserkoren fühlt, ahnt er zwar, dass bald irgendetwas geschehen wird, aber Hebbel bringt fortwährend durch Vorwegnahmen und prophetische Andeutungen etwas Licht ins Dunkel. Dadurch baut er einen Spannungsbogen auf, der auch dann nicht absinkt, als die eigentliche Tat, Holofernes Enthauptung, vollbracht ist.
Als Hebbel seine Judith im zweiten Akt einführt, geschieht dies durch die Schilderung ihres Traumes (vgl. F.H.; S.13). Wir erfahren hier davon, wie sie im Schlaf Gott begegnet und anschließend ins Unendliche, ins Abgründige fällt. Selbst Gott vermag nicht sie zu halten. Hier wird praktisch der Ausgang der Tragödie bereits vorweggenommen: Nach Vollendung der Tat, die sie in Gottes Namen ausführt, vermag dieser sie nicht vor der Rückkehr in die traditionelle Rolle einer Witwe in ihrem gesellschaftlichen Umfeld zu retten. Aus einem flüchtig aufkeimenden Selbstverständnis als Heroin stürtzt Judith zurück in die unlebbaren Verhältnisse der Realität. Helmut Bachmaier schreibt im Nachwort zu Hebbels Tragödie, Judiths Traum drücke „gleichermaßen ihre Sehnsucht nach einem Ideal, ihr erotisches Verlangen sowie ihre Angst vor der Nichtigkeit des Daseins“ aus (F.H.; S.85). Beide Protagonisten sehen im Traum ihr Ende voraus: Der eine das seines Lebens, der andere das Ende seiner Träume und Hoffnungen auf ein würdiges Leben mit gutem Gewissen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es wird die Fragestellung eingeführt, wie sich Hebbels Tragödie von der biblischen Vorlage unterscheidet und welche Rolle die unterschiedlichen Zielsetzungen dabei spielen.
I. Eine unterschiedliche Zielsetzung: Die historische Einordnung des apokryphen Buches Judith wird dem nihilistischen Weltbild Hebbels gegenübergestellt, um die verschiedenen Intentionen der Autoren zu klären.
II. Die Strafexpedition des Holofernes: Dieser Abschnitt vergleicht die Einführung und Charakterisierung von Nebukadnezar und Holofernes in der Bibel und bei Hebbel.
III. Der Widerstand der Kinder Israel: Hier wird analysiert, wie beide Texte den Widerstand des Volkes gegen die Belagerung thematisieren und welche Rolle die Figur Achior dabei spielt.
IV. Die Einschließung der Bergfeste Bethulien: Das Kapitel behandelt die taktischen Entscheidungen zur Belagerung und die Darstellung der verzweifelten Lage der Bevölkerung.
V. Judiths Eingreifen: Hierbei liegt der Fokus auf der Einführung der Judith-Figur und dem Spannungsaufbau durch prophetische Andeutungen bei Hebbel im Vergleich zur biblischen Erzählung.
VI. Judith im Lager der Assyrer: Dieser Teil beschreibt Judiths Vorgehensweise bei der Infiltration des feindlichen Lagers und die Begegnung mit Holofernes.
VII. Das Gelingen von Judiths Plan: Es wird analysiert, wie der psychologische Konflikt der Judith bei Hebbel im Gegensatz zur biblischen Protagonistin zur Tat führt.
VIII. Die Vertreibung der Assyrer: Den Abschluss bildet der Vergleich des Ausgangs des Geschehens, insbesondere der Rolle der Heldin beim finalen Sieg.
Schlüsselwörter
Judith, Friedrich Hebbel, Altes Testament, Apokryphen, Holofernes, Geschlechterkampf, Nihilismus, Literaturvergleich, Bethulien, Heldin, Bibel für Germanisten, Tragödie, Religionsgeschichte, Charakteranalyse, Emanzipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht einen vergleichenden Textvergleich zwischen der biblischen Erzählung vom Buch Judith und Friedrich Hebbels gleichnamiger Tragödie, um die Unterschiede in Struktur und Zielsetzung aufzuzeigen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Divergenz der religiösen vs. nihilistischen Grundhaltung der Autoren, die psychologische Tiefe der Protagonistin sowie die gesellschaftliche Rolle der Frau in beiden Werken.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, nachzuweisen, wie durch die bewusste Veränderung der Motive und Charaktere eine völlig neue Aussage innerhalb des Dramas bei Hebbel erzeugt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine komparative Literaturanalyse unter Einbeziehung von Sekundärliteratur, Selbstinterpretationen Hebbels und theologischen bzw. psychologischen Deutungsansätzen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden chronologisch die Abschnitte der Erzählung – vom Kriegszug des Holofernes über den Widerstand in Bethulien bis hin zur Enthauptung und Flucht – direkt miteinander verglichen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Geschlechterkampf, psychologische Motivation, biblische Vorlage, nihilistisches Weltbild, Heldentum und die Figur Judith als „jungfräuliche Witwe“.
Wie unterscheidet sich die Rolle von Judith in den beiden Fassungen?
Während die biblische Judith als konstante religiöse Heroin ohne Zweifel handelt, entwickelt sich Hebbels Judith durch eine tiefgehende psychologische Krise und innere Zerrissenheit zu einer komplexen, tragischen Figur.
Welche Bedeutung misst die Arbeit der Vergewaltigung in Hebbels Tragödie bei?
Die Vergewaltigung wird bei Hebbel als zentrales Element der psychologischen Ambivalenz interpretiert, welches die Tat der Heldin zusätzlich motiviert und gleichzeitig ihre moralische Eindeutigkeit in Frage stellt.
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- Marijke Lichte (Author), 2002, Friedrich Hebbels "Judith" - ein Vergleich mit der biblischen Judith in den Apokryphen des Alten Testaments, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29047