Orson Welles: Genie und Mythos


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
39 Seiten, Note: 1

Leseprobe

GLIEDERUNG

I) PROLOG

II) EINLEITUNG

III) GELEBTES
a) WUNDERKINDLICH
b) WANDERSCHAFT
c) ZURÜCK
-"Macbeth"
d) SEIN EIGENES THEATER: DIE MERCURY ZEIT
-"the Cradle will Rock"
-"Cäsar"
-"War of the Worlds"
e) HOLLYWOOD RUFT: WELLES BEI RKO
f) CITIZEN KANE
-Inhaltlich
-Charakterlich
-Formal
-Ästhetisch
-Danach
g) WELLES UND HOLLYWOOD: VERSCHIEDEN
-"The Magnificent Ambersons"
-"It's all true"
h) WELLES POLITISCH: THE STRANGER
-"The Mercury Wondershow"
-"The Stranger"
i) WELLES IM NOIR: THE LADY FROM SHANGHAI
-Thematisch
-Spiegelung
-Danach
i) WELLES UND SHAKESPEARE: NACH EUROPA
-"Macbeth"
-"The third man"
-"Othello"
-"Mr. Arkadin"
j) EIN LETZTES MAL IN HOLLYWOOD: TOUCH OF EVIL
-Schauspieler
-Dreh
-Inhaltlich
-Charakterlich Schwarz
-Ästhetisch
-Nationalistisch
k) ENDE

IV) ANDERE ÜBER WELLES

V) BIBLIOGRAPHIE

I) PROLOG

"Ein Skorpion wollte einen Fluß überqueren, also bat er einen Frosch ihn hinüber zu tragen. "Nein", sagte der Frosch, "Wenn ich dich auf meinen Rücken lasse, könntest du mich stechen und der Stich eines Skorpions bedeutet Tod." "Wo ist denn die Logik dieser Geschichte?", antwortete der Skorpion. "Wenn ich dich steche, wirst du sterben, ich aber muß ertrinken." Dies überzeugte den Frosch. Aber genau in der Mitte des Flusses spürte der Frosch einen schrecklichen Schmerz und erkannte, dass der Skorpion ihn doch gestochen hatte. "Wo ist die Logik?", rief der sterbende Frosch, als er unterging. "... ich kann nichts dafür", sagte der Skorpion, "so ist nun mal mein Charakter"(aus: Mr. Arkadin, 1955)

Dieses Filmzitat aus "Mr. Arkadin", den O. Welles 1955 inszenierte, spiegelt sehr gut ein zentrales Thema aus dem Werk von Welles wider und die Tragik, die ihn selber im Leben ereilte. Wie Mr. Arkadin (ebenso: Charlie Kane, Harry Lime, Othello, Falstaff, Quinlain, Elsa Bannister und Macbeth, um nur einige der Welles'schen Hauptfiguren zu nennen) ist auch Welles in seinem realen Leben unfähig, die eigene wahre Persönlichkeit zu ändern, oder dem ihr bestimmten Schicksal zu entrinnen. Menschen sind in ihrem Leben beides, Opfer ihres eigenen Wesens, welches das eigene Schicksal und das Schicksal anderer bestimmt.

"Ich mache aber nur das, was von ganz alleine kommt. Wie in dem Witz: Wissen sie Herr Doktor, ich habe jeden Morgen diese fürchterlichen Kopfschmerzen. Jeden Morgen wenn ich aufgestanden bin, mich übergeben habe, bekomme ich diese Kopfschmerzen. Doktor: Was? Ja, wenn ich aufgestanden bin, übergebe ich mich, putze mir die Zähne und bekomme dann diese Kopfschmerzen. Sie meinen, Sie übergeben sich jeden Morgen? Ja sicher, tun wir das nicht alle? ...das ist meine Antwort zu diesen verrückten Aufnahmen: tun wir das nicht alle?"(Welles aus Bogdanovich ,s.330)

II) EINLEITUNG

Das Werk von Welles in seiner Ganzheit erfassen zu wollen, gleicht dem Versuch des Journalisten in "Citizen Kane", das Rätsel eines vollen Lebens eindeutig beschreiben zu wollen, man muß daran scheitern. Der Mythos Orson Welles, wie der Mythos der vielen Figuren, die er inszenierte und spielte, entzieht sich der normalen Kategorisierung und Schablonen, die man so gerne auf das Schaffen eines großen Menschen anwendet. Mittlerweile ist O. Welles als eines der größten Genies und Innovatoren des letzten Jahrhunderts auf dem Gebiet des Filmes, des Radios und des Theaters angesehen. Zu Lebzeiten eckte er aber an und konnte nicht alle Hindernisse, die sich seinem enormen Schaffensdrang entgegenstellten, überwinden. Er war schon immer seiner Zeit weit voraus.

Er inszenierte sein erstes Theaterstück mit 9 Jahren, hatte in diesem Alter schon fast alle Länder der Welt bereist, mit 16 wurde er in Dublin ein Theaterstar und in Spanien ein Stierkämpfer, mit 22 löste er die größte Massenhysterie der Geschichte Amerikas aus und wurde zum Radiostar, mit 24 durfte er, mit jeglichen Freiheiten ausgestattet (was einmalig in der Geschichte war), sein Hollywood-Debüt inszenieren. Der entstandene Film "Citizen Kane" brachte eine der ersten Schmutzkampagnen der Medien hervor und wurde 1995 zum besten Film aller Zeiten gekürt. Welles wurde von der Traumfabrik verstoßen und wieder aufgesogen, versuchte sein Glück in Europa, und kam wieder zurück. Er wollte Präsident der USA werden und konnte mit 70 nicht einmal die einfachsten mathematischen Formeln ausrechnen.

Unverstanden in Amerika, bewundert in Europa, schaffte er es nie wirklich, das zu machen, was er eigentlich nur wollte und wofür er Zeit seines Lebens kämpfte: seine Ideen so umzusetzen, wie er sie erdacht hatte. Von den 200 Filmprojekten und Drehbüchern, die er in seinem Leben schrieb und vorbereitete, konnte er nur 12 umsetzen, oft unter großen finanziellen und produktionsbedingten Schwierigkeiten. Die Tragik, die in so vielen seiner geliebten Figuren steckt, hat eine einfache Wurzel: ihn selber.

"Wenn Menschen ihr Paradies verlieren... das ist ein Thema, was mich interessiert. Eine Nostalgie, das Heimweh nach dem Garten Eden"(O.Welles; aus Bogdanovich, S.180)

III) GELEBTES

a) WUNDERKINDLICH

Am 6.5.1915 wurde George Orson Welles in Kenosha/Wisconsin geboren, als zweiter Sohn des Gelegenheitserfinders und Fabrikanten Richard Head Welles und der Pianistin Beatrice Welles. Sein Bruder Richard ist schon 10 Jahre alt.

Schon früh bemerken die Eltern und Dr. Bernstein, ein enger Freund der Familie, die erstaunlichen musikalischen Qualitäten von Orson und seine Affinität zu Geschichten. Bernstein schenkt ihm ein Puppentheater (womit er sein erstes kleines Theaterstück mit 5 Jahren inszeniert) und bringt ihm kleine Zaubertricks bei. Er wird mit 3 Jahren Kleindarsteller am Opernhaus von Chicago und kann mit 5 Jahren auswendig dramatische Texte rezitieren.

Das Haus seiner Eltern ist offen für zahlreiche Intellektuelle und Künstler und da sie sich weigern, ihren Sohn auf eine Schule zu schicken, findet der Anfang seiner liberal-künstlerischen Erziehung in diesem Kreise statt. Zudem lieben sie es zu reisen, so dass Orson Welles schon mit 9 Jahren fast alle Länder Europas und Asiens kennengelernt hatte.

"Mein Vater war ein netter, sensibler Mensch...viel Toleranz, generös, von allen geliebt - ihm verdanke ich den Vorteil keine formale Schulbildung haben zu müssen, bis ich 10 Jahre alt war. Von ihm erbte ich die Liebe zu reisen, welche sich in mir fest verwachsen hat. Von meiner Mutter erbte ich die echte und andauernde Liebe zur Musik und dem gesprochenen Wort."(O.Welles aus Bazin s.15)

1921 scheitert die Ehe und Orson lebt bei der Mutter, die 3 Jahre später stirbt. Seither verweigert er sich seiner damals größten Leidenschaft; dem Musizieren. Er lebt bei seinem Vater, der alles Geld in Reisen mit dem Jungen investiert, bevor er 1930 nach dem Börsenkrach stirbt.

"Ich hielt die Hand von Sarah Bernhard,...diese hatte die Hand von Madame George berührt, welche die Geliebte von Napoleon war!...Ich war nur 3 Handschläge von Napoleon entfernt! Nicht die Welt ist klein, sondern die Geschichte ist so kurz. Vier oder fünf alte Männer könnten sich die Hand reichen und dich bis zu Shakespeare zurückführen... Man könnte alle Päpste seit Petrus hier in diesem Restaurant unterbringen, und immer noch müßte niemand auf einen freien Tisch warten."(O.Welles aus Bogdanovich s. 56)

Mit 10 Jahren inszeniert er erstmals mit großen Erfolg eine eigene Bühnenfassung von Stevensons "Jekyll and Hide" in einem Sommercamp der Todd School. Er spielt alle Rollen selber und entwirft Bühne und Kostüme alleine. Zudem beginnt er, eine eigene Schulzeitung zu redigieren und zu illustrieren.

Nach dem Sommer besucht er erstmals eine Schule, die Todd School, welche bekannt ist für ihre damals revolutionären Erziehungsmethoden. Seine Hauptfächer sind Inszenierung und Schauspiel. Dr. Hill, der Direktor der Todd School, erkennt schnell seine überragenden Fähigkeiten und fördert ihn. Hill wird später sein Mentor, Freund und enger Mitarbeiter. Hier bekommt er den ersten tiefen Kontakt mit dem Multitalent Shakespeare, der zeitlebens sein Vorbild wird. Bis zum Ende seiner Schulzeit (1931) ist er als Darsteller, Regisseur und Bühnenbildner in 30 Stücken tätig ("Dr.Faustus", "Jekyll and Hide", "Julius Cäsar" etc.). Er produziert nebenbei auch Hörspiele nach Sherlock Holmes Geschichten und schreibt Theaterkolumnen für Zeitungen. Seine Abschlussinszenierung ist eine eigene Verschmelzung von "Richard II." "mit Heinrich IV."

"Ich schaffte die Schule nur (Mathematik und Naturwissenschaften), weil ich einen Jungen namens Guggenheim dafür bezahlte, dass er mir die Plackerei abnahm."(O.Welles aus Bogdanovich s.146)

Allgemein kann man über die Kindheit und Jugend von Orson Welles sagen, dass er nie wirklich eine hatte. Er durfte nie ein Kind sein, war schon sehr früh an Erwachsenenkonversationen und intellektuellen Anforderungen weit über sein Alter hinweg gewöhnt und hatte kaum Kontakt zu Gleichaltrigen. Er lebte in seiner eigenen Phantasiewelt und wie viele Wunderkinder war er auch ein Außenseiter im "normalen" Leben. Dieses Thema der nicht ausgelebten Kindheit kehrt in vielen seiner späteren Arbeiten und Hauptfiguren wieder, z.B. in der Figur des Kane, den die Sehnsucht nach seiner nie gelebten Kindheit bis in seine letzten Worte verfolgt.

b) WANDERSCHAFT

Nach Abschluß der Todd School beginnt er 1931 eine Ausbildung als Maler am Chicago Art Institute, bricht aber nach einem Monat das Studium ab, da ihn das Reisefieber packt. Er durchquert Irland auf einem Eselskarren und malt Landschaften, bis ihm nach wenigen Monaten die 500 Dollar, die er mitgenommen hatte, ausgehen. Eine Rückkehr an das Art Institute ist für ihn ausgeschlossen.

"Ich war bereit, alles zu werden, wenn es mich nur von der Uni fernhielte ."(O.Welles aus Bogdanovich s.110)

"Die einzige Möglichkeit, meine Bildung zu vermeiden, war irgendein Job..so habe ich angefangen, Theater zu spielen, um zu essen"(O.Welles aus Bogd. s.51)

So beschließt er am Dubliner Gate Theater vorstellig zu werden. Er rauchte Zigarren, um seine Stimme tiefer zu machen und behauptete, dass er ein Star aus N.Y. wäre. Er ist gerade 16 geworden und bekommt den Job. Kurz darauf spielt er die Hauptrolle in "Jud süß" und inszeniert Ibsens "Die Frau am Meer". Zwei Jahre ist er an verschiedenen Dubliner Bühnen als Schauspieler/Regisseur/Bühnenbildner tätig (Er inszeniert eine eigene Fassung von "Alice im Wunderland", "Peer Gynt", "Richard II.", "Macbeth", "König Johann" etc.) Nebenher schreibt er unter einem Pseudonym noch eigene, gute Theaterkritiken für die hiesige Zeitung.

Mit dem gewonnenen guten Ruf kehrt er 1933 in die USA zurück. Er inszeniert die "Twelth-Night" und gewinnt den Preis der Chicagoer Theatergilde. Jedoch holt ihn der amerikanische Theateralltag schnell ein. Es herrscht gerade Depression: 15 Mio. Arbeitslose, und viele Theater werden geschlossen. Kurz entschlossen kehrt er nach Europa zurück. In Spanien verdient er sich sein Leben als Autor von Trivialgeschichten und als Stierkämpfer.

"So habe ich also angefangen, gleich ganz oben. Seitdem habe ich mich nach unten vorgearbeitet..,was mich auf die Bühne hinauf und hinaus in die Stierkampfarena geführt hat, war nicht Mangel an Nerven, es war schlicht und ergreifend ein absolut vollkommener Mangel an Ehrgeiz."(O.Wellles aus Bogdan. s.112)

c) ZURÜCK

Er kehrt im Herbst 1931 an die Todd School zurück, um mit seinem Mentor Dr.Hill adaptierte Spielfassungen von Shakespeare herauszugeben. Er editiert und illustriert einen Band "Everybodys Shakespeare" (Shakespeare für jedermann), welcher 1934 erscheint. Hill ermutigt ihn, in dieser Zeit Dramatiker zu werden. Es entsteht "Bright Lucifer" (ein autobiografischer Dreiakter über einen Jüngling) und "The Marching Song", der Dramaturgiemodell für Citizen Kane wird, aber nie veröffentlicht wurde. 1933 vermittelt ihm Wilder endlich Arbeit in der Tourneetruppe von Katharine Cornell. Er geht auf 36-wöchige Tournee. 1934 beginnt seine Tätigkeit beim Radio. Welles wird Sprecher einer Schulfunkserie bei CBS (Hörspiele über aktuelle Politik, Literatur, Geschichte) und organisiert im selben Jahr ein Bühnenfestival in Woodstock. Er heiratet Ende des Jahres die Schauspielerin Virginia Nicholson und hat mit 19 sein Debüt am Broadway als Tybald in "Romeo und Julia".

1935 schließt er sich J. Housemans Phoenix Theatre Group an, welcher ihn auch für den Broadway entdeckt hatte. Aus der anfänglichen Zusammenarbeit an der wöchentlichen NBC Serie "The March of Time" (eine Nachrichtensendung, die man in ihrer satirischen Form aus "Citizen Kane" kennt) mit Houseman wird eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit entstehen.

1936-inszeniert er in NY Macbeth.

"Macbeth" wird ein Skandalerfolg: Welles inszeniert ihn an einer Harlemer Bühne, alle Rollen werden von Farbigen gespielt, Macbeth selber (in der Harlemer Fassung) von einem Schwerverbrecher aus Harlem selbst. Die Handlung wird kurzerhand von Schottland nach Haiti verlegt, ein Dschungel aus Palmen und Bananenstauden tritt anstelle des Waldes. Aus den 3 Schicksalsweibern werden 6 Medizinmänner.

"Wir wollten farbigen Künstlern, von denen viele sehr talentiert sind, eine Chance geben, eine Rolle in einem Stück zu spielen, welches sie normalerweise nicht spielen durften. Normalerweise dürfen sie nur schwarze Bananenmammis oder die Onkel Rastas spielen."(O.Welles aus Bazin s.43)

1937 wird seine Tochter geboren - sie erhält den Namen Christopher, da Welles gerade Marlowes "Dr. Faustus" inszeniert. Welles steht der Faustgestalt persönlich ähnlich nahe, wie den Shakespeare-Königsgestalten. Er sagt später, dass die wichtigsten, von ihm gespielten Figuren, die verschiedenen Formen des Fausts seien. Im selben Jahr beginnt die MBS-Hörspielreihe "The Shadow", nach dem Walter B. Gibson Comic, welche zur Kultserie avanciert. Welles spricht die Rolle des Titelhelden, sein erster Satz ist in Amerika ein Mythos geworden: "Who knows what evil lurks in the heart of men..."

d) SEIN EIGENES THEATER: DIE MERCURY ZEIT

Wie es schon in der Macbeth-Inszenierung anklang, scheut sich Welles nicht vor einer klaren politischen Haltung in seinen Arbeiten. Dies war zu der Zeit keine Besonderheit. Nach Ende der Depression und bedingt durch Roosevelts New-Deal-Politik, welche eine Offensive gegen Rechtsradikalismus und hin zur Betonung der Grundwerte von Demokratie, Solidarität und politischer Verantwortung sein sollte (vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Aufstieges in Deutschland), gab es v.a. im Theaterbereich eine neue künstlerische Freiheit und eine Ermutigung zur Politisierung der Stücke.

Wie immer sollte aber die kritische Auseinandersetzung mit den USA selbst nicht zu weit gehen. Nach dem Vorbild von Capra in Hollywood, der in seinen Arbeiten eine Umverteilung von oben nach unten forderte, will Welles in der Zeit die Arbeiteroper "The Cradle will Rock" von Blitzstein aufführen, was den Autoritäten nun doch zu weit geht.

Die Vorbereitungen der Arbeiteroper " The Cradle will Rock" (eine Satire des politischen Lebens der USA) rufen großes Mißtrauen unter den politischen Kräften der USA hervor. Das FBI schaltet sich ein und die Gegner der Rooseveltschen Politik veranlassen, dass am Premierenabend das Theater von WPA Leuten besetzt und geschlossen wird. Die Polizei verhindert, dass Akteure und Zuschauer ins Theater kommen. Welles diskutiert nicht lange, er führt Schauspieler und Zuschauer in einem legendären Theaterzug ein paar Querstraßen weiter in ein Ersatztheater, das "Venice". Das Stück wird im Zuschauerraum gespielt, ohne Bühnenbild und Kostüme. Blitzstein selber setzt sich an das Klavier und spielt die gesamte Partitur, währenddessen er Regieanweisungen vorliest. Diese improvisierte Fassung der Oper hat einen so großen Erfolg, dass diese Form der Show beibehalten wird und auch so auf große Tournee geht.

1937 gründen John Houseman und Orson Welles ihr eigenes Theaterensemble. Das Mercury Theatre ruft sich in seinen eigenen Räumen mit der Aufführung von "Cäsar" (Shakespeare) ins Leben und geht damit in die Theatergeschichte ein. Das Mercury Ensemble umfaßt Menschen wie Joseph Cotten, Robert Wilson, Agnes Moorehead, Everett Sloane, Paul Stewart, etc. Viele davon werden später, mit oder ohne Welles, in Hollywood oder am Broadway große Karrieren machen.

"Cäsar" Auch in der Aufführung des Cäsar von Orson Welles vermischt sich Kunst mit Politik: Er bringt es, den geschichtlichen Umständen entsprechend, als faschistisches Hitler/Mussolini Stück auf die Bühne. Die Akteure treten in Straßenkleidung auf, das Bühnenbild sind nackte, rot angemalte Theaterwände. Die politischen Anspielungen sind eindeutig: vom Faschistengruß über einen Fackelzug, bis hin zu den Massenszenen, in denen Truppen in rhythmisch-donnerndem Gleichschritt wie die Bühne zum Beben bringen. Es ist ein Achtungserfolg für Welles am Broadway, wie ein Kritiker schreibt: "..hemmungsloses Theater aber wirkungsvoll."

Ab 1938 inszeniert das Mercury Ensemble, unter der Leitung von Welles, zusammen mit einem Autorenteam (Mankiewicz, Brooks, Koch, Polonski etc.) wöchentlich ein Werk der Weltliteratur als einstündiges Hörspiel für die CBS. Sie gehen erstmalig mit "Dracula" on Air. Bis 1940 entstehen dann über 70 Hörspiele, angelehnt an die großen Autoren der Geschichte (Dickens, Verne, Bronte, Conrad, Twain, Hammett etc.). Der Titel der Sendung "The Mercury Theatre on Air" wird am 30.10.1938 Geschichte schreiben und Welles zum Radiostar machen.

"War of the Worlds" Nach den eher klassisch geprägten ersten Hörspielen interessiert sich Welles dafür, eine Science-fiction Sendung zu gestalten. Er entscheidet sich für H.G.Wells Werk "The War of the Worlds". CBS findet die Story zu langweilig, deshalb setzt sich das Mercury Ensemble die Nacht davor zusammen und beschließt, die Story etwas aufzupeppen. Ihr Ziel, mehr Realismus und Authentizität in den Text zu bringen, wollen sie dadurch erreichen, dass sie eine aktuelle Nachrichtenform wählen, in die sie abrupte Brüche über letzte Meldungen aus dem ganzen Land von zugeschalteten "Reportern vor Ort" streuen, die von der Massenhyterie im Land berichten. Sogar ein Statement des Ministeriums des Inneren, der besagt, dass die Lage ernst sei, wird angefertigt.

Die Sendung beginnt. Über 1.750.000 Radios übertragen Welles unglaubliche Nachricht von der Marsmenscheninvasion in New Jersey. Das bis dahin Unmöglich geglaubte wird Wirklichkeit; die Realität holt die Fiktion ein.

Viele der 6 Millionen Hörer, sekündlich werden es mehr, glauben, das Ende der Welt sei gekommen und fliehen verängstigt aufs Land. In der ersten Massenhysterie des 20. Jahrhunderts wird ein unglaubliches Verkehrschaos ausgelöst, ähnlich dem, was Welles sich zuvor in seinen Meldungen ausgedacht hatte. Straßen sind blockiert, menschenleere Städte werden geplündert, Priester nehmen die letzten Beichten ab, Selbstmorde werden verübt, die Krankenhäuser und psychiatrischen Anstalten sind landesweit überfüllt, im Süden fangen die Menschen gemeinsam auf öffentlichen Plätzen an zu beten. Noch Wochen später muß man die geflohenen Menschen überzeugen, aus den Bergen in ihre Häuser zurück zu kehren. Man darf natürlich nicht vergessen, dass diese Panik sich vor einem besonderen geschichtlichen Hintergrund abgespielt hat. Es waren die "Münchner Tage". Hitler hatte sich gerade das Sudetenland einverleibt und die wachsende Angst vor einer deutschen Invasion war auch in den USA deutlich spürbar. (Nur wenig später, 1941, glaubten die Menschen anfangs die Nachricht des Angriffs auf Pearl Harbour nicht mehr, da diese im ähnlichen Stil abgefaßt war.)

Welles selber erfährt von alledem erst am nächsten Morgen, er probt die ganze Nacht noch an "Dantons Tod". Zunächst wird er festgenommen, aber mit Hilfe von fähigen Anwälten kann man die Anklage nicht aufrecht erhalten. Die Millionenklage geht an den Sender CBS.

"Das beweist nur, mein guter Strahlemann, dass alle intelligenten Leute einem Dummy zugehört haben, und alle Dummen dir."(Woollcott)

1938 inszeniert Welles u.a. Dantons Tod mit dem Mercury-Ensemble. Er benutzt ein Bühnenbild aus menschlichen Gesichtern. Er kauft über 5000 Halloween-Masken und malt sie einzeln per Hand an. Augenzeugen sprechen von einem erstarrten Totentanz. 1939 versucht er sich an einer 5-stündigen Shakespeare-Montage aus seinen Königsdramen in Boston - er selbst spielt den Falstaff, das Theaterstück floppt. Später (1966) verarbeitet er denselben Stoff noch mal filmisch zu "Chimes at Midnight".

"Ich liebe Theater, wenn sie leer sindwährend der Proben, meine ich. ...Ein Zustand schummriger alter Konfektschachteln, wenn die Schauspieler unter sich sind und das selbst leben, was dann auf der Bühne geschehen wird."(O.Welles aus Bogdan. s.52)

Welles inszeniert während seiner Mercury/Broadway-Zeit 13 Dramen, in denen er auch selber mitspielt. Seine Theaterästhetik ist grundsätzlich im elizabethanischen Sinne, er selbst sieht sich, bis zum Ende seines Lebens, noch, als "Marktplatzerzähler". Doch bei ihm schwappt das Leben oft in die Theatralität und umgekehrt. Er vermischt gerne aktuelle politische Themen mit der Fiktion und ist ein Meister der Improvisation. Das Merkmal des Anti-Naturalismus und Verfremdungseffekte, in der Adaption alter (meist Shakespeare) Theatertexte, werden zu seinem Stilmittel.

Er versucht die Zuschauer-Bühne-Trennung aufzuheben und spielt auch gerne in der Inszenierung selber mit einer unscharfen Realität-Fiktionsgrenze (Einflüsse: hauptsächlich die Dubliner Schule, das Theatre theatrical, und der Bühnenraumreformer Hilton Edwards.) Zu seinem Faible für die tragischen Königsfiguren von Shakespeare und der Faustgestalt, die einen starken persönlichen Einfluß auch auf ihn ausüben, kommt ein medialer Experimentiergeist. Er benutzt häufig filmische Sequenzen, um wortreiche Expositionen zu vermeiden, und hat, durch sein akustisches Talent und seine Tätigkeit beim Radio eine große Bandbreite an rhythmischen-auditiven Elementen, die er geschickt in seinen Inszenierungen orchestriert.

Diese deutliche Stilisierung der Wirklichkeit, einhergehend mit der Veränderung der Raum-Zeit-Komponenten, wird auch seine späteren filmischen Arbeiten prägen. Welles hat eine starke Shakespeare-Affinität, persönlich und in seinen Arbeiten.

"Shakespeare war Pessimist und Idealist, wie ich, kein Optimist. Optimisten sind unfähig zu verstehen, was es heißt, das Unmögliche anzustreben. Der Pessimismus steht unserer modernen Gemütsverfassung näher."(O.Welles aus Bogdan. S.343)

Er hat zahlreiche Texte und Bücher über sein Vorbild veröffentlicht, hier aus dem "Mercury Shakespeare:

"Man kann nicht beides haben: Schönheit sehen und Schönheit hören...,weil die Poesie selbst ihr schönstes Bühnenbild ist und weil wir doch dem materiellen Bühnenbild huldigen und unsere Schauspieler vom Publikum isoliert haben,... sind wir der Prosa verhaftet geblieben. Früher gab es das Theater mit einem Podium in der Mitte, man ging hin, um zu hören und gehört zu werden. Inzwischen sind Theater Konfektschachteln vor einem gerahmten Bild und man geht hin, um zu sehen und gesehen zu werden"(O.Welles aus Bogdan. s 344).

In seiner New Yorker Zeit am Broadway und immer unterwegs zwischen den Radiostationen gibt Welles zu, dass er ein Dauerworkaholic war ("Ich war derart beschäftigt, dass ich vergessen habe, wie man schläft"). Seine Ehe scheitert nach 4 Jahren. Die letzten 2 Theaterstücke floppen. Das Mercury-Theater kommt in eine finanzielle Krise und löst sich offiziell auf. Dann kommt ein Ruf aus Hollywood, den er davor immer abgelehnt hat.

e) HOLLYWOOD RUFT: WELLES BEI RKO

Am 21.8.1939 verpflichtet Schaefer, Studiochef bei RKO, eines der 8 größten Hollywood Studios, Welles als Produzent, Regisseur, Autor und Schauspieler für einen Zweijahresvertrag. Bedingung ist, dass 3 Filme von ihm in der Zeit entstehen müssen. RKO überläßt dem Erstlingsregisseur absolute Kontrolle und Freiheit über seine Projekte, was zu der Zeit einmalig in Hollywood war. RKO behält sich nur vor, über das Drehbuch zu entscheiden. Der Radiostar Welles nimmt sofort an und zieht direkt mit seinem kompletten, filmunerfahrenen Mercury-Ensemble nach Hollywood. Die Filmstadt, mißtrauisch und neidisch gegenüber dem 24 jährigen Querkopf, nimmt ihn nicht an. Warum gerade Welles? Die Marktsituation der Studios damals sah nicht rosig aus, Überlebenskämpfe waren auch in der Traumfabrik an der Tagesordnung. Die finanzielle Krise, die durch einen zunehmenden Konkurrenzdruck (der Hörfunk war mächtig geworden und das Fernsehen nahm 1939 an Bedeutung zu) verstärkt wurde, ließ das mächtige Studio-System erbeben. Welles als Radio- und Broadwaystar schien ein Erfolgsgarant an sich zu sein.

Welles filmische Erfahrungen beschränken sich auf einen S8-Film (ein Dokumentarfilm über eine Kirche in Rom), den er mit 9 Jahren gemacht hatte, 1934 sein Kurzfilm "Hearts of Age" (eine Persiflage auf die surrealistischen Caligari/Bunuel Filme) und diverse kleine Theater-Film-Stücke, die er für seine Stücke gedreht hatte.

Er lernt in dieser Zeit das Filmemachen bei J. Ford im Schnittraum. Er schaut sich mit ihm 40 Mal "Stagecoach" an.

"Wenn Ford in Hochform ist, fühlt man, dass der Film eine reale Welt gelebt und geatmet hat - ganz so, als sei er mit Herzblut geschrieben"(Welles über Ford aus Bogdan. s. 85)

Bei RKO arbeitet er erst ein halbes Jahr lang versessen und erfolglos an 8 Filmprojekten. Er überlegt zuerst, "Heart of Darkness" zu verfilmen, eine Parabel des Faschismus, was ein großes Thema der damaligen Zeit (1939/40) war. Der Film sollte durchgehend in einer Subjektiven gedreht werden. Das Studio ist aber gegen das Experiment in visueller und inhaltlicher Hinsicht. (Chaplins "Der große Diktator" war ein Skandal.)

f) CITIZEN KANE

"Citizen Kane" - Regie/Produktion: O. Welles / Gesamtleitung: Schaefer / Kamera: Gregg Toland / Musik: Bernhard Herrmann / Schnitt: R. Wise

Man einigt sich darauf, Mankiewicz als Mitdrehbuchautor zu verpflichten und im Februar 1940 beginnt die Arbeit an "The American" (Arbeitstitel), der die Gefährdung der Demokratie von Innen, durch einen Medienmächtigen Zeitungszaren beschreiben sollte.

Mitte Juli 1940 ist das Buch fertig. Mankiewicz und Welles haben das anfängliche Bild von dem Aufstieg und Fall eines gefährlichen Zeitungstycoon zu einem Beinahe-Helden verwandelt.

"Es war die Idee, ein und dieselbe Geschichte mehrere Male zu erzählen und denselben Menschen aus völlig unterschiedlichen Perspektiven zu zeigen. Rosebud war nur ein nachträgliches Moment, um die Handlung aufzureißen"(Welles zu Kane aus Bogdan.s.122)

Eine Woche später beginnt Welles mit vermeintlichen Probeaufnahmen, fordert aber schon die komplette Ausstattung und die Kostüme dafür an. Zwei Wochen später begreift erst RKO, dass Welles schon dabei ist, den Film zu drehen. Sein erster Tag am Set war auch gleichzeitig sein erster Regietag. Alle Rollen werden von seinen Schauspielern des Mercury-Ensembles übernommen. Da Welles vom Theater kam, wußte er wenig über die filmischen Produktionasabläufe. Er war zwei Wochen lang z.B. überzeugt, dass der Regisseur das Licht mache und machte zudem alle Überblendungen mit der Elektrik und nicht mit der "üblichen" Optik (diese Eigenart hat er sich Zeit seines Lebens bewahrt).

"Wir haben tatsächlich das Licht auf der Bühne langsam ausgemacht, wobei das Wichtige, das, was man noch länger sehen sollte, beleuchtet blieb, und dann auf dieselbe Weise das Licht für die neue Szene wieder aufgeblendet. ...mache das noch heute so. ...Objekt dann an die richtige Stelle im Bild gerückt,...ich dachte, dass so Überblendungen gemacht werden,...eben vom Theater her,...Unwissenheit hat mich dazu gebracht."(Welles aus Bogdan. s. 161)

Die Dreharbeiten dauern bis Ende Oktober 1940.

INHALTLICH

Ein Journalist, der die Bedeutung der Todesworte von Kane herausfinden will, macht sich auf die Suche nach Lebenszeugen des "Citizen Kane". Er scheitert bei dem Versuch, das Leben des Mannes und die Bedeutung seiner letzten Worte eindeutig zu entschlüsseln. Die Summe der verschiedenen Aussagen über einen Menschen ergeben keine charakterliche Kongruenz und aus einigen Puzzleteilen entsteht kein Bild. Man kennt am Ende biographische Fragmente von Kane, nicht aber die Gesamtheit seines Wesens.

In diesem Film gibt es keine auktoriale Perspektive, die Kane be- und verurteilt. Das Ziel des Filmes ist nicht die Lösung des Rätsels "Kane", sondern das Thema ist die Art der Präsentation und Methode, wie er dargestellt und menschlich im nachhinein aufgeschlüsselt wird.

[...]

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Details

Titel
Orson Welles: Genie und Mythos
Hochschule
Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe  (Fachbereich: Medienkunst / Film)
Veranstaltung
Film noir
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
39
Katalognummer
V29070
ISBN (eBook)
9783638306898
ISBN (Buch)
9783638650007
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schwerpunkt auf seine noir-Filme: "Lady from Shanghai" und "Touch of Evil" (mit Szenenanalyse)
Schlagworte
Orson, Welles, Genie, Mythos, Film
Arbeit zitieren
Kerstin Polte (Autor), 2003, Orson Welles: Genie und Mythos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29070

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