In der filmischen Welt des Film Noir (ab Ende der 40er Jahre) veränderte sich die bis dahin vorherrschende Frauenbild im amerikanischen Kino. Die Femme Fatale wird in vielen Film Noir zum Zentrum des filmischen Geschehens, zum handlungsauslösenden Moment.
Sie gewinnt Bewusstsein und Macht über sich selber und wird so vom “Objektstatus” der klassischen Hollywoodära in ein eigenständiges filmisches Subjekt gehoben, dass den Plot, die filmische Erzählung und v.a. den männlichen „Anti-helden“ der Epoche dominiert.
Die Frauen sind hier den Männern ebenbürtig, was Kraft, Ausdauer und Mut angeht, ihnen sogar zum Teil überlegen. Die Femme Fatale weiß ihre Reize genau und geschickt einzusetzen und, schauspielerisch geschickt und manipulativ, bekommt sie auch meistens, was sie will. Ihre eigentliche Maske ist ihre sexuelle Anziehungskraft und physische Attraktivität, unter der sie ihr habgieriges Sein verbirgt.
Wie schon in der christlichen Mythologie Eva, die Sünderin, das Verhängnis der Menschheit wurde, oder die schöne Helena den trojanischen Krieg auslöste, weil Paris sie nur für sich haben wollte, ist die Femme Fatale ein moderner amerikanischer Mythos, die Projektion der männlichen Ängste und Lüste vor dem Unvorhersehbaren, Unbegreifbaren.
In der folgenden Arbeit werde ich versuchen die Entwicklung, Rolle und Besonderheiten dieses „Frauentypus“ im Film noir aufzuzeigen und anhand mehrerer Filmbeispiele ihre verschiedenen Ausprägungen in Bezug auf den Plot und ihre Darstellungsweise darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
1) Historisch-soziale Bedingungen für die Entstehung der Figur der “Femme Fatale”
a) Der deutsche Expressionismus und die schwarze Romantik als Vorläufer des Noirs
b) Veränderung der Frauenrolle in den USA
c) Das Frauenbild im amerikanischen Kino vor dem Film Noir
2) Stilistische und inhaltliche Besonderheiten des Film Noir
a) Allgemeine Charakteristiken
b) Besonderheiten in der Frauenfigur des Film Noir
3) Die verschiedenen Typen der Femme Fatale im Film Noir in bezug auf den Plot und ihre Darstellungsweise (Filmbeispiele)
a) Die Urform der Femme Fatale i
I) “The dark Mirror”
II) “The Killers”
III) “Double Indemnity”
b) Mischformen der Femme Fatale
I) "The Postman always rings twice”
II) “Gilda”
c) Der erste und der letzte Film Noir und ihr Frauenbild
I) "The Maltese Falcon"
II) "Touch of Evil"
4) Ausblick: Das Abbild der Frau im amerikanischen Kino nach dem Film Noir
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die soziokulturellen und historischen Wurzeln sowie die stilspezifischen Ausprägungen der „Femme Fatale“ im amerikanischen Film Noir. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie gesellschaftliche Krisen und das männliche Rollenverständnis dieser Ära die Entstehung dieses archetypischen Frauenbildes als Projektion männlicher Ängste beeinflussten.
- Historische Herleitung des Film Noir aus Expressionismus und schwarzer Romantik
- Analyse der veränderten Frauenrolle in den USA während und nach dem Zweiten Weltkrieg
- Untersuchung der filmischen Darstellung und Charakterisierung der Femme Fatale als Gegenspielerin des „Anti-Helden“
- Vergleichende Analyse spezifischer Filmbeispiele zur Typologie der Femme Fatale
- Betrachtung der Machtverschiebungen zwischen männlichen Protagonisten und Frauenfiguren
Auszug aus dem Buch
b) Veränderung der Frauenrolle in den USA
Mit dem Kriegseintritt der USA (1941-Pearl Harbour) veränderten sich die traditionellen sozialen Strukturen in der Gesellschaft. Vor allem das Rollenverhältnis zwischen Mann und Frau, welches primär familienorientiert war, brach zusammen. 1942 waren schon 11 Millionen amerikanische Männer im Krieg. Das bedeutete, dass die Frau nicht nur in einer völlig veränderten privaten Situation lebte, sondern auch mehr und mehr die Aufgaben, die zuvor der Mann erfüllt hatte, übernehmen musste.
In der Familie bedeutete dies, eine neue Autorität und Selbstbestimmtheit zu haben. Im gesellschaftlichen Umfeld eines Landes, welches sich im Kriegszustand befand, musste die Frau arbeiten gehen. Sie gingen auch in die traditionellen Männerberufe: ab 1941 waren über 4 Millionen Frauen allein in der Rüstungsindustrie tätig. Dieses neue Leben der Frauen bewirkte nicht nur ein neues Selbstbewusstsein und Selbstverständnis, sondern auch ihre ökonomische, politische und sexuelle Freiheit. Die Frau sieht sich nicht mehr nur in Beziehung zu ihrem Mann und ihrer Familie, sondern auch als individuelles Wesen mit Sehnsüchten, Träumen und einer konkreten Erwartung an das Leben. Sie wird sich ihrer bewusst und erlangt dadurch Macht über sich und ihr Leben.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Historisch-soziale Bedingungen für die Entstehung der Figur der “Femme Fatale”: Dieses Kapitel beleuchtet den Einfluss des deutschen Expressionismus sowie die gesellschaftlichen Umbrüche durch den Zweiten Weltkrieg auf die amerikanische Filmkultur.
2) Stilistische und inhaltliche Besonderheiten des Film Noir: Hier werden die atmosphärischen, visuellen und inhaltlichen Merkmale des Film Noir definiert, wobei insbesondere auf die gebrochene Moral und die Bedeutungslosigkeit traditioneller Werte eingegangen wird.
3) Die verschiedenen Typen der Femme Fatale im Film Noir in bezug auf den Plot und ihre Darstellungsweise (Filmbeispiele): Dieser Teil analysiert verschiedene Spielarten der Femme Fatale anhand konkreter Filmbeispiele und untersucht die psychologische Dynamik zwischen ihr und dem männlichen Protagonisten.
4) Ausblick: Das Abbild der Frau im amerikanischen Kino nach dem Film Noir: Das Kapitel reflektiert den Wandel des Frauenbildes nach der Noir-Ära und zeigt auf, wie sich die gesellschaftliche Projektion von Sündenböcken in nachfolgenden Filmgenres weiterentwickelte.
Schlüsselwörter
Film Noir, Femme Fatale, amerikanisches Kino, deutscher Expressionismus, schwarze Romantik, Geschlechterrollen, Identitätskrise, Machtspiel, Anti-Held, Projektion, Nachkriegszeit, Psychoanalyse, filmische Inszenierung, Frauenbild, Genretheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Entstehung und Bedeutung der Figur der „Femme Fatale“ als zentrales Element im US-amerikanischen Film Noir zwischen 1941 und 1958.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Herleitung aus dem Expressionismus, der soziologischen Veränderung der Frauenrolle während des Zweiten Weltkriegs und der filmischen Konstruktion männlicher Ängste durch dieses Frauenbild.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Femme Fatale als Spiegelbild gesellschaftlicher Unsicherheiten und als Projektionsfläche für die Identitätskrisen der männlichen Protagonisten dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine filmwissenschaftliche Analyse, die historische Kontexte mit einer detaillierten Szenenanalyse verbindet, um die narrativen und ästhetischen Muster der Femme Fatale herauszuarbeiten.
Was steht im Hauptteil der Untersuchung im Mittelpunkt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Typologie der Femme Fatale und untersucht anhand prominenter Beispiele wie „Double Indemnity“ oder „Gilda“, wie diese Frauenfiguren Macht ausüben und die Kontrolle über die Handlung übernehmen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit zusammenfassen?
Wesentliche Begriffe sind Film Noir, Femme Fatale, Geschlechterrollen, Anti-Held, Projektion, Identitätskrise und die Ästhetik des Expressionismus.
Welche Bedeutung hat das Doppelgängermotiv im Kontext der Femme Fatale?
Das Doppelgängermotiv wird oft genutzt, um die Spaltung zwischen „gutem Mädchen“ und „Femme Fatale“ zu visualisieren, was den Protagonisten in seinen moralischen Entscheidungsprozessen massiv verunsichert.
Wie wird das Ende der Femme Fatale in den analysierten Filmen typischerweise dargestellt?
In der Mehrheit der Fälle findet die Femme Fatale ein gewaltsames Ende, da sie als zerstörerische Kraft gesehen wird, die erst neutralisiert werden muss, um eine – wenn auch oft fragile – Ordnung wiederherzustellen.
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- Kerstin Polte (Author), 2003, Die Figur der "Femme Fatale" im Film Noir, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29072