Albert Henry Munsell


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
12 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Gliederung

1) Vita

2) Vor Munsell
a) Wilhelm von Bezold
b) Nicholas Odgen Roods
c) Wilhelm Ostwald

3) Munsells Farbsystem
a) Die Problematik - Sein Ansatz
b) Die HUE-SKALA
c) Die VALUE-SKALA
d) Die CHROMA-SKALA
e) Ergebnis: der “COLOR TREE"

4) Nach Munsell
a) Die Munsell Renotation
b) Verbesserung des Hue-Farbtonkreises
c) Das HLS-System
d) Das CIE-Dreieck
e) Tryggve Johansson
f) DIN-System
g) ISCC-NBS-System

5) Links / Bibliographie

1) VITA

Der amerikanische Künstler (er malte v.a. Meeresstimmungen) und Kunstprofessor Albert Henry Munsell wurde am 6. Januar 1858 in Boston geboren und starb am 28. Juni 1918 im Alter von 60 Jahren.

Berühmt wurde er allerdings weniger auf Grund seiner Bilder, sondern eher wegen seines neuartigen Entwurfs eines allgemeinen Farbordnungssystems.

Er begann 1898 mit Farbstudien, publizierte 1905 sein erstes Buch “A Color Notation” und 10 Jahre später, 1915, “The Atlas of the Munsell Color System”, worin Farbproben seiner 10 Primärhues (seiner Hauptfarben) mit verschiedenen Chroma- und Value-Werten zu finden waren. Diese waren ein Hauptbestandteil seines 3-dimensionalen Farbsystems, dem “Color Tree”, welches erstmalig nach Maßstäben der Wahrnehmung gegliedert war und nicht nach puren wissenschaftlich-theoretischen Regeln funktionierte. Zudem war durch seine Einführung der Farbvariablen Hue, Value und Chroma zum ersten Mal eine genaue Klassifikation von Farben (die “Munsell Notation”) möglich, die jeder existierenden Farbe genaue Attribute zuwies und sie auch so kommunizierbar machte.

Zudem erfand er das Tageslicht-Photometer, welches er eigens für seine perzeptiven Farbstudien entwarf.

Munsell gründete noch 1917 die Munsell Color Foundation (heute im Besitz von Gretag MacBeth), bevor er 1918 starb.

Sein “Color Atlas” wurde mehrfach neu aufgelegt und immer weitere Farbproben und -mischungen hinzugefügt (1929 sind es 20 Hues / 1950 sind es 40 Hues / 1958 werden Farben auf brillanten Oberflächen eingeführt etc.)

Dieses Farbsystem, die erste international akzeptierte Farbnorm, wird heute, in verfeinerten Formen, noch in vielen Gebieten benutzt, v.a. wenn es um die Bestimmung von Farboberflächen geht.

Man kann das Munsell Farbsystem zudem als Wegbereiter des heutigen Farbstandards, des CIE-Dreiecks sehen.

2) Vor Munsell

a) Wilhelm von Bezold

Schon Wilhelm von Bezold (1837-1907), ein Münchner Professor für Meteorologie, formulierte das Anliegen, Farben nach perzeptiven Maßstäben zu beurteilen: ”... den Kreis so in Farbgruppen einzuteilen, daß der Charakter benachbarter Gruppen dem Auge gleich große Unterschiede darzubieten scheint". Beim Betrachten der jetzigen Ordnung "...hat man doch den Eindruck, daß der Ton im Gebiet von Blau und Grün sich viel langsamer ändert als in dem des Purpur und Violett.”

Von Bezold dachte bei seinen Farbüberlegungen eher daran, für Künstler und Färber Farbordnungen zu vereinfachen, so publizierte er 1874 "Die Farbenlehre in Hinblick auf Kunst und Kunstgewerbe”, Er war besonders an der Farbharmonielehre interessiert. So entwickelte er einen Farbkegel und bemühte sich, harmonische Triaden mit dem Modell gleichseitiger Dreiecke zu finden, die er um eine weiße Mitte legte. Nur, schaffte er so nicht den gesamten Farbraum abzudecken, was hauptsächlich auf seine falsche Überlegung zurückzuführen ist, dass Farbharmonie sich auch symmetrisch und einfach im geometrischen Raum zeigen müsse. Erst Munsell legte mit seinem Farbsystem einen asymmetrischen dreidimensionalen Farbraum vor.

b) Nicholas Odgen Roods

Der amerikanische Physiker Nicholas Odgen Roods legte 1879 seine Forschungen und Einsichten zur physiologischen Optik in dem Buch «Modern Chromatics» vor. Als Physiker interessierte ihn hauptsächlich die additive Farbmischung, so benutzte er die von Maxwell entwickelte Farbscheibe, um die genaue Position von Farben in seinen konzentrischen Farbkreisen zu bestimmen. Farbmischungen wurden durch das Drehen dieser Scheibe erzeugt, die zuvor mit verschiedenen Anteilen der drei additiven Primärfarben Rot, Grün, Blau bemalt worden waren. In seinem Farbkreis ging er von den drei additiven Primärfarben Rot, Grün und Blau aus und entwickelte insgesamt 12 äußere Segmente gleicher Größe. Jedem Farbpunkt liegt genau sein Komplementärer gegenüber. Jedoch tritt auch bei Roods das Problem der Wahrnehmung von Farben auf.

Um Farben auch dementsprechend zuzuordnen schlug Roods vor, zwei Pyramiden an ihren Unterflächen zusammenzukleben, jeweils eine Spitze weiß anzumalen und die Andere schwarz, um die Klebestelle einen Spektralkreis aufzutragen und den Rest nach Augenmaß auszumalen. Zunächst folgte Munsell seinem Vorschlag.

c) Wilhelm Ostwald

Der Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald, ein Zeitgenosse Munsells (sie lernten sich 1905 in den USA auf einer Reise kennen) entwickelte parallel sein eigenes Farbsystem, das er 1916/17 in seiner “Farbfibel” vorstellte. Sein größtes Anliegen in Bezug auf die Farbordnung war es, die Harmonie der Farben besser zu verstehen und wissenschaftlich in den Griff zu bekommen.

Auch Ostwald bemühte sich ein Farbsystem nach der Farbempfindung zu konstruieren, nur wählte er drei andere Variablen, um die jeweiligen Farbattribute beschreiben zu können. Bei ihm bestimmten Farbgehalt – Weissgehalt – Schwarzgehalt eine Farbe.

Zudem führte er den Begriff der VOLLFARBE ein, die Ähnlichkeiten mit den Hues von Munsell aufweisen. Eine Vollfarbe ist eine optimal reine Farbe, d.h. sie enthält weder Schwarz- noch Weißanteile, sie ist gesättigt und gleichzeitig hell. Diese Idealfarben können mit tatsächlichen Pigmenten nicht produziert werden, in Ostwalds Farbproben enthalten die Vollfarben noch 5% Weiß- und Schwarzanteil.

Der Hauptsatz in Ostwalds Farbenlehre lautet: Mischungsfarbe = Vollfarbe & Weiss & Schwarz, so ist jede Farbe mit diesen drei Variablen bestimmbar.

Ostwald unterschied, ähnlich wie Munsell, die bunten von den unbunten Farben und konstruierte dementsprechend sein dreidimensionales Farbsystem:

Er legte die unbunten Farben als Grauskala auf einer Linie mit 8 Stufen an. Diese Grauabstufungen zwischen Weiß und Schwarz an den Enden folgen, ähnl. Wie bei Munsell, einer geometrischen Reihenfolge (nicht einer linear-gleichmäßigen), die auf der Farbwahrnehmung beruht. So kommt es, dass die Mitte zwischen Weiß und Schwarz einen Weißanteil von nur noch 20% aufweist (Grundlage der Reihe ist das Weber-Fechnersche Gesetz der Psychophysiologie).

Die Vollfarben ordnete er nun, nach Hering, kreisförmig an, beginnend mit seinen 4 Grundfarben (Gelb im Norden, Rot im Osten, Blau im Süden, Seegrün im Westen). Anschließend setzte er 4 weitere Farben dazwischen (die Mischfarben: Orange, Violett, Eisblau, Laubgrün). Genau wie bei Munsell stehen sich im Farbkreis die kompensativen Paare, also die Paare deren Mischung ein neutrales Grau ergibt, gegenüber.

Aus diesen 8 Grundfarben konstruierte er nun 24 Farbtöne, die in gleichen visuellen Abständen zueinander liegen, um danach aus diesen Vollfarben die “Hellklaren” (mit Weiß gemischten) und die “Dunkelklaren”(mit Schwarz gemischten) Farben zu bestimmen. Er erhält ein gleichseitiges Farbdreieck für jede Vollfarbe, mit jeweils einer senkrechten Schwarz-Weißen Achse und der betreffenden Vollfarbe als dritten Punkt des Dreiecks. Die Seiten des Dreiecks enthalten so alle hell- und dunkelklare Farben, dazwischen liegen die sogenannten “trüben” Farben, welche die Mehrzahl der Körperfarben ausmachen. Jede “trübe” Farbe ist eine Mischung aus einer Vollfarbe und Grau, Grau wiederum ist eine Mischung aus Schwarz und Weiß, so kann man mittels des Dreiecks und diesen drei Variablen jede Farbe bestimmen.

Wenn man nun das monochromatische Dreieck mit dem jeweiligen Dreieck der Komplementärfarbe zusammenfügt entsteht eine Raute. Weitet man dieses System auf den ganzen Kreis der Vollfarben aus, entsteht ein Doppelkegel, welcher das dreidimensionale Farbsystem Ostwalds kennzeichnet.

3) MUNSELLs FARBSYSTEM

a) Die Problematik - Sein Ansatz

Die Grundprobleme der vorherigen Farbordnungen kann man wie folgt beschreiben: zum einen versuchte man hauptsächlich Farbproben nach einem logischen Plan zu organisieren, also mit einer rein wissenschaftlich–logischen Methodik Farbräume zu entwerfen, die meist in symmetrische, geometrisch klare Formen gepresst wurden. In diesen Systemen wurde nur selten, bzw. ansatzweise der empfundenen Affinität der Farben Rechnung getragen. Zum anderen gab es abhängig vom jeweiligen Farbsystem individuelle Farbbezeichnungen, die stark variieren konnten je nach Farbempfindung des einzelnen Menschen. Es gab also keinerlei übergreifende Farbklassifikation, die eine allgemeine Kommunikationsbasis hätte darstellen können.

Diesen Problemen hat als erster Munsell Abhilfe geschafft, wohl auch aus rein persönlichen Überlegungen und Schwierigkeiten heraus, die er als Künstler und Kunstlehrer mit diesem Ist-Zustand gehabt haben mußte.

Er entwickelte ein System, welches hauptsächlich auf der “empfindungsmäßigen Gleichabständigkeit” der Farben beruht. Er versuchte, in visuell gleichen Schritten (die er mit seinen eigenen Augen begutachtete und aussuchte) den jeweiligen Attributen der Farbe Rechnung zu tragen. Zum anderen wollte er auch einen rationalen Weg finden, Farben zu beschreiben, also eine klare dezimale Notierung einführen, um nicht mehr mit den willkürlich gewählten verschiedenen Farbnamen operieren zu müssen.

Zunächst hatte Munsell in seinem ersten Buch “A Color Notation” (1905) noch eine Kugel als Darstellung des Farbraums vorgeschlagen, und sich an den “Modern Chromatics” von Roods orientiert. In der Umsetzung mit gemalten Proben fiel ihm jedoch auf, dass der geometrisch symmetrische Körper unzureichend ist, wenn man auch versuchen will, unsere Wahrnehmung der Farben in das System mit einzubeziehen, d.h. man kann die reinen Buntfarben nicht gleichmäßig nebeneinander anordnen, wenn man den empfundenen Helligkeitsunterschieden auch Rechnung tragen will. (z.B. Gelb ist heller als Rot, Rot ist heller als Violett etc.)

Munsell versuchte nun ein System zu konstruieren, welches ausschließlich darauf basiert, dass jeder Farbabstand als gleich groß empfunden wird. Er führte hierfür drei mathematisch beschreibbare Variablen ein (Hue, Value und Chroma), die sogenannte “Munsell Notation”, die jede existierende Farbe genau beschreiben kann und unabhängig von der jeweiligen Farbbezeichnung in der Sprache existiert.

Der so entstandene Hue-Farbkreis, die Value-Skala und die Chroma-Skala, die er selbst mit handgemalten Proben entwickelte und realisierte, rein auf der perzeptiven Gleichabständigkeit beruhend, fügte er zu seinem berühmten dreidimensionalen Farbsystem zusammen, dem “Color Tree”.

b) Die HUE-SKALA

HUE = "the quality by which we distinguish one color from another."

Als Grundlage für sein Farbsystem wählte Munsell Proben von den 4 Grundfarben: Rot (R), Gelb (Y), Grün (G), Blau (B) und wählte Purpur (P) als seine 5. Grundfarbe aus, da zwischen Rot und Blau doppelt so viele wahrnehmbare Schritte zu liegen scheinen, als zwischen Rot und Gelb, Gelb und Grün und Grün und Blau. Die spezifischen Farbproben der 5 Grundfarben wählte er nach ihrer empfindungsmäßigen Gleichabständigkeit aus, sie sollten untereinander und von einem Grau dieses Wertes gleich weit entfernt erscheinen.

Diese 5 Grundhues bildeten die Grundlage für seinen Farbtonkreis. Er gesellte ihnen noch 5 Mischungen dazu: Gelbrot (YR), Grüngelb (GY), Blaugrün (BG), Purpurblau (PB) und Rotpurpur (RP). Farbennamen wie Orange sind bei ihm nicht erlaubt, deshalb bezeichnete er seine gewonnenen 10 Grundhues mit den Anfangsbuchstaben ihrer Farben bzw. Mischungen. Diese Grundhues kann man vom Prinzip her mit Ostwalds Vollfarben vergleichen.

Munsell ordnete nun seine 10 Hauptfarben, die alle in gleichen perzeptiven Abständen zu ihrem jeweiligen Nachbarn stehen, so in einem Kreis an, dass sich die jeweils gegenüberliegenden Farben zu unbunt (Grau) mischen (Prinzip der Kompensativität).

Der Hue-Farbtonkreis ist in einer 100er Kompass-Skala gegliedert, hat also 100 Schritte von gleicher visueller Änderung. Sie beginnt bei 0 mit Rot, dann Gelb, Grün, Blau, Purpur und zurück zu Rot. Es können alle wahrnehmbaren Hues auf ihr gefunden werden. Diese Einteilung von 0-100, die auf dem äußeren Kreis eingetragen ist, ist jedoch nur für Statistiken o.ä. sinnvoll. Munsell hat eine andere, besser verständliche, innere Einteilung vorgenommen. Er teilte den Kreis in die 10 Segmente der Haupthues ein, die er jeweils mit 10 Schritten versah. Das ergibt dann die Gesamtsumme von 100 Hues. Da ein Hue von 0 nicht existiert, fängt das erste Segment mit 1R an, dann 2R, 3R...10R, weiter geht es mit 1YR, 2YR...10YR, 1Y, 2Y...10Y, 1GY, 2GY...10GY... bis zum Ende - 10RP woraufhin der Kreis wieder bei 1R anfängt. Die Haupthues siedelte er immer bei 5 an, also 5R, 5YR, 5Y etc.

Um eine bessere Vorstellung zu bekommen, was für eine Farbe man sich denn unter 7YR denken kann, wird oft auch eine andere Beschreibung der Hues verwendet, welche die prozentualen Anteile der beiden verwendeten Haupthues wiedergibt: z.B. pures Gelb (100%) = 5Y, 50% Grün und 50% Gelb = 5GY, 25% Gelb und 75% Grün = 10GY, 12,5 % Gelb und 87,5 % Grün = 2,5 G, reines Grün (100%) = 5G etc.

Im dreidimensionalen Farbsystem von Munsell ist der Hue-Kreis um das neutrale Grau in der Mitte des Farbbaumes angeordnet, mit einem willkürlich zugeordneten Chroma von 5. Man kann die Hues auch als die Blätter des Farbbaumes bezeichnen.

Zudem kann der Hue-Farbtonkreis als wichtiges Element in Munsells Konzept von Farbharmonie und Farbbalance angesehen werden. Da er ein eher konservativer Künstler war mit strikten ästhetischen Prinzipien, diente der Hue-Kreis auch als Hilfe, die genaue Komplementärfarbe herauszufinden, deren Verwendung eines der Grundprinzipien seiner Harmonielehre war.

c) Die VALUE-SKALA

VALUE = "the quality by which we distinguish a light color from a dark one."

Value kann man auch als das Ausmaß, in dem eine Oberfläche mehr oder weniger Licht reflektiert, beschreiben. Ähnlich wie bei der Auswahl seiner Hues, wählte Munsell auch bei seinen Values neutrale Farben mit gleichem Helligkeitsabstand aus. Diese Helligkeitswerte legte Munsell mittels seines selbstkonstruierten Photometers fest, und wählte (vrgl. Ostwald) als Kriterium nicht die einfache lineare Änderung der Reflexion, sondern eine gleichmäßige Änderung der Quadratwurzel der Reflexion. So trug er den perzeptiven Unterschieden in der Betrachtung Rechnung, nicht nur den rein mathematischen.

Er gewann so 10 Helligkeitswerte, die er die Munsell-Value-Skala nannte, und die senkrecht bei Weiß (10) im Norden und bei Schwarz (1) (wird erst später, bei der Munsell Renotation auf 0 gesetzt) im Süden ihre Endpunkte hatte.

Die Value-Skala, Munsells Helligkeitsindex, ist die neutrale senkrechte Achse und bildet in seinem Farbraum den Stamm des Baumes. Sie teilt ihn in 10 Grauschritten ein und kann so den Helligkeitslevel einer Farbe bestimmen. Farben, die alle den gleichen Hellbezugswert (Y=A=20) aufweisen, haben auch dieselbe Munsell-Value. Dieser Value-Wert wird in der Munsell Notation nach dem Hue-Wert geschrieben, z. B. 5PB 6/ ist ein mittleres Violettblau mit der Helligkeit 6, also eher heller.

Da die Value-Skala selbst aus neutralen Farben besteht, die kein Hue haben (im Gegensatz zu den chromatischen Farben, die ein Hue-Wert haben), wird in der Notation die Hue-Variable durch ein N (Neutral) ausgetauscht und der Value-Wert danach geschrieben, also z. B. N5 wäre ein mittleres Grau. Die Value-Skala selbst wird aber sowohl auf neutrale, wie auf chromatische Farben angewandt.

d) Die CHROMA-SKALA

CHROMA = ”the relative colorfulness”

Den Chroma-Wert kann man auch als Intensität, Sättigung einer Farbe bezeichnen, also der Aspekt, der zwischen einem reinen Hue und einem Grauton unterscheidet.

Von den nun festgelegten Helligkeitsbezugswerten seiner Hues sortierte Munsell jetzt die Proben aus, die den gleichen, beliebig festgelegten Farbempfindungsunterschied, d.h. den gleichen Sättigungsgrad, im Vergleich zum neutralen Grau hatten. Er nannte die so gewonnene Skala Munsell-Chroma.

Diese Unterteilung eines Farbtones in empfindungsgemäß gleichabständigen Sättigungsstufen wird durch das Hinzumischen von Grau erreicht oder andersrum, durch Hinzumischen reiner Farbpigmente. Die Chroma-Skala in Munsells Farbbaum geht rechtwinklig von der Value-Achse weg und bildet sozusagen die Zweige des Baumes. Sie beginnt direkt am Stamm bei neutralem Grau und wächst in chromatischen gleichen Stufen, immer farbiger werdend, vom Baum weg, bis für jeden Hue bei einer bestimmten Value die volle Saturation erreicht ist. Die Chroma-Schritte sind in visuell gleichen Abständen gewählt, jedoch ist der Abstand selber willkürlich ausgesucht.

In der Munsell-Notation wird der Chroma-Wert einer Farbe nach dem Value-Wert geschrieben, z.B. 7,5 YR 7/12 ist ein Rot-Gelb, Richtung Gelb tendierend, mit einer Helligkeit von 7 (relativ hell) und einem Chroma von 12, also ziemlich gesättigt. Ein Chroma von 0 bedeutet eine neutrale Farbe, also ein Grau.

Munsell gab den 10 Haupthues willkürlich das Parameter Chroma 5. Jedoch besitzt die Chroma-Skala ein offenes Ende und kann je nach Intensität der Farbe verschieden große Werte annehmen (bis zu 14, bzw. mit heutigen Pigmenten sind sogar höhere Werte möglich, fluoreszierende Flächen können bis 30 Chroma haben), z.B. Rosa = 5R 5/4, Zinnober = 5R 5/14, Red Purple= 5R 5/26, im Gegensatz hat 10 Y eine viel kürzere Chroma-Achse, bei 6/10, 7/10 ist vollste Sättigung schon erreicht.

Da die Chroma-Werte nicht gleichbleibend bei jedem Hue und bei jeder Value sind, wird das jeweils vollste Chroma an ganz verschiedenen Punkten des Farbraumes erreicht: es scheinen die Rots, Blaus, und Purpurs stärkere Hues zu sein, sie erreichen höhere Chroma-Werte bei voller Saturation und haben ihren vollen Sättigungsbereich in der Mitte der Grau-Skala (höher chromatische Blautöne sind eher im niedrigen Value Bereich zu finden). Im Gegensatz scheinen Gelbs und Grüns schwächer zu sein. Sie bleiben relativ nah an der neutralen Value-Achse bei voller Sättigung und haben die höheren Chroma-Werte eher im helleren Bereich der neutralen Achse (bei 7-8). Diese unregelmäßige chromatische Struktur ist der Hauptgrund für die asymmetrische Form des Farbbaumes.

e) Ergebnis: der “COLOR TREE”

Wie man gesehen hat, gab es für Munsell 3 Dimensionen der Farben: HUE (Farbton), VALUE (Helligkeitsindex) und CHROMA (Sättigungsstufe) nach denen er seinen Farbraum auch konstruierte. Da alle seine Skalen auf der wahrnehmungsbedingten Gleichabständigkeit seiner Farbplättchen beruhen, kann dieser Dreierblock H V/C nun jede existierende Farbe charakterisieren und systematisieren.

Die Verbindung dieser 3 Variablen stellt sein “Color Tree” dar, den er erstmals im “The Atlas of the Munsell Color System” (1915) publizierte, und der für ihn “die natürlich gewachsene Ordnung” der Farben darstellte. Der Farbbaum ist das erste Farbsystem, welches nicht von symmetrischen Formen im geometrischen Raum ausgeht, sondern versucht, die tatsächlichen Beziehungen der Farben untereinander wiederzugeben, die nicht unbedingt einfach bezüglich zueinander sein müssen. z. B. scheint eine Value-Änderung von 1 eher einem Chroma-Schritt von 2, oder einem Hue-Schritt von 3, bei einem Chroma von 5, zu entsprechen.

Der Farbraum des Munsell-Systems ist zentrosymmetrisch. Im Farbbaum ordnen sich die Farben gleicher Sättigung in einer Ebene gleicher Helligkeit um den Graupunkt in konzentrischen Kreisen an. Farbnuancen eines Farbtones haben auch ihren Ursprung auf einem Punkt der neutralen Achse und bilden gleichabständige Geraden, die zum Äußeren des Kreises verlaufen.

Die Hues sind beschränkt darauf einmal im Kreis um den Stamm des Baumes zu gehen. Die Value-Skala ist durch den weissen und schwarzen Endpunkt beschränkt. Das jeweilige Chroma ist bei einem bestimmtem Hue- und Value-Wert auch beschränkt.

So bekommt jede Farbe im dreidimensionalen Farbraum von Munsell einen spezifischen, bestimmbaren und benennbaren Punkt, der mit der Munsell-Notation beschrieben werden kann (H V/C). Jede Farbe steht somit in einer logischen Beziehung zu allen anderen. Mit dem Farbsystem von Munsell öffnen sich zigtausende von Kombinationsmöglichkeiten und v.a. die Fähigkeit, sich über Farben genauestens zu verständigen, unabhängig von den Farbbezeichnungen der Sprachen. Es ermöglicht auch mittels mathematischer Formeln, die Farbdifferenz zwischen zwei beliebig ausgewählten, aber nicht zu weit auseinander liegenden Farbproben, genau zu berechnen.

Das Notationssystem kann beliebig verfeinert werden (wie es auch später gemacht wurde), z. B. mit Dezimalstellen 5,3 R 6,1/14,4 und wird heute noch mittels Farbcharts v.a. bei der Farbbestimmung von Oberflächen verwandt.

4) Nach Munsell

a) Die Munsell Renotation

Das verfeinerte “Munsell Book of Color” (1929) wird heute noch in neueren Auflagen benutzt. 1942 empfahl die Organisation “American Standards” seine Verwendung für die Bestimmung von Farboberflächen, mit der Empfehlung, die Munsell-Notation zu verfeinern, was die “Optical Society of America” (OSA) später getan hat. Es ist heute als “Munsell Renotation” bekannt. Bei der Renotation ging es darum die empfindungsgemäße Gleichabständigkeit der Farben in Bezug auf Hue, Value und Chroma zu optimieren. Die OSA führte hierzu eine Versuchsreihe mit 40 farbennormalsichtigen Menschen durch, die 3 Millionen Farbproben beurteilten und den Farbkörper somit neu ordneten. Die Value-Skala wurde ebenso den neuen Erkenntnissen angeglichen und die Stufe Schwarz (V=0) nach unten korrigiert. Ein weiterer Vorteil der überarbeiteten Version des Munsell Systems ist die farbmetrische Definition der Farben durch die CIE- Maßzahlen X, Y und Z. Die Munsell-Renotation bereitete den Weg für das CIE Dreieck vor, was heute immer noch der weltweite Standard für Farbbestimmungen ist.

b) Verbesserung des Hue-Farbtonkreises

1993 schlägt Cal McCamy eine Verbesserung des Munsell Hue Farbtonkreises vor. Er verwendet dieselbe Skaleneinteilung wie Munsell, jedoch wählt er die additiven Primärfarben Rot, Grün, Blau und die subtraktiven Primärfarben Yellow, Cyan, Magenta als Grundlage aus. Er fügt noch 4 dazwischenliegende Hues ein, so dass auch er mit 10 Haupthues arbeitet. Mit dieser Neuauswahl korrigiert er die falsche Blauanordnung im Munsell Hue-Kreis. Zudem berücksichtigt er die additive Farbmischung. Der neue Hue-Kreis nennt sich Primary Hue Circle

Die konkreten Änderungen zum Munsell Hue Circle sind wie folgt: Blau-Grün wird zu Cyan / Blau wird zu Blau-Cyan / Purpur-Blau wird zu Blue prime (blau) / Purpur wird zu Magenta-Blau / Rot-Purpur wird zu Magenta, die restlichen Farbbenennungen bleiben gleich.

c) Das HLS-System

HLS (Hue, Luminance, Saturation) System wird im Bereich der Fernsehtechnologie entwickelt. Es hat die 3 Grundfarben Rot, Grün, Blau und wendet die Farbordnung von Munsell auf Fernsehbildschirme an, die auf einer besonderen Form der additiven Lichtmischung beruht. Der Farbton Hue ist hier in einem Winkel angegeben (0-360 Grad), die Intensität (L) und Saturation durch eine 100 Einheiten Skala, die jeweils von Schwarz nach Weiss geht und von Grau bis zur vollen Farbe. Das Problem zwischen numerischen (metrischen) und chromatischen (psychologischen) Einheiten bleibt aber auch hier erhalten.

d) Das CIE-Dreieck

Anfang des 20. Jahrhunderts kam der Wunsch nach einer objektiven Farbbestimmung immer mehr auf. Es wurde ein Farbsystem gebraucht, das ohne Muster auskommt. Das Normvalenz-System («chromaticity diagram») der CIE (Comission internationale de l’éclairage) beruht auf sinnesphysiologischen Messungen und stellt seit 1931bis heute eine international akzeptierte Methode der Farbkennzeichnung mittels der additiven Lichtmischung dar. Das zungenförmige Gebilde enthält die bei einer mittleren Helligkeit und unter einer sogenannten Normlichtart auftretenden Farbarten («chromaticities»).

e) Tryggve Johansson

Physiker Tryggve Johansson entwickelte sein Farbsystem zwischen 1937 und 1939. Er stützte sich auf die Forderung von Ewald Hering im 19. Jahrhundert, dass die verwendeten Konzepte der Farbe selbst allein aus der Wahrnehmung abgeleitet sein müssten, um jede Konfusion mit ihren physikalischen oder physiologischen Ursachen zu vermeiden. Johansson wollte auch die Ideen von A. H. Munsell verwenden, indem er den Grad der Schwärze von Hering durch eine Helligkeitsvariable, die an den Wert (Value) von Munsell erinnert, ersetzte. Zusätzlich fügte er einen Parameter «Klarheit» ein, der auf die Dunkelstufe hinweist, die später dann im DIN-System verwendet wird. Johanssons System wurde sehr populär und fand große Zustimmung unter Lehrern, Architekten und Designern.

f) DIN-System

DIN (Deutsche Institut für Normung) legte 1951 ein Farbsystem vor, mit dem man praktisch leichter umgehen konnte, als mit dem System von Ostwald, das seit dem Ersten Weltkrieg in Gebrauch war. Auch bei der DIN bestand das Ziel darin, ein empfindungsgemäß möglichst gleichabständiges Farbsystem zu schaffen, das auf den Variablen Farbton, Sättigung und Helligkeit basiert. Nach vielen psychologischen Experimenten entstand eine Ordnung, die auf einen 24teiligen Farbtonkreis, der Sättigungsstufe und einer Dunkelstufe basiert. Die neu eingeführte Dunkelstufe ist ein Maß für die Helligkeitsbeziehung zwischen Körperfarben. Das DIN-System arbeitet heute noch mit diesen drei Variablen: dem DIN-Farbton (T), der DIN-Sättigungsstufe (S) und der DIN-Dunkelstufe (D).

g) ISCC-NBS-System

Das Inter-Society-Color-Council (ISCC) hat auf Anregung des National Bureau of Standards (NBS) 1955 Farbnamen vorgeschlagen. Das Ziel des Systems besteht darin, einzelnen Blöcken des Farbsystems von A. H. Munsell präzise Benennungen zuzuordnen, mit der Annahme, dass Farbbezeichnungen selber auch eine Ordnung etablieren können. Das vorgestellte Farblexikon ist die Grundform, in die man alle anderen Farbsysteme übersetzen konnte.

Viele Linguisten haben sich schon mit dem Farbnamenphänomen befaßt und kamen zu dem heutigen Ergebnis, daß es unsere Wahrnehmung ist, die dem Farbspektrum Struktur gibt, und nicht die Sprache. Die Sprache versucht nur die Unterschiede in unserer universalen Farbwahrnehmung auszudrücken. Das Wiedererkennen einer Farbe hängt deshalb nicht davon ab, ob wir das Wort für sie kennen. Man fand heraus, daß Sprachen verschiedene Anzahlen von Grundfarbnamen besitzen. Keine Sprache hat weniger als zwei Grundfarbbezeichnungen und keine mehr als elf. Bei einer Sprache mit nur zwei Farbnamen, sind diese Schwarz (Dunkel) und Weiß (Hell). Das erste chromatische Wort, das eine Sprache kennt, ist Rot. Die vierte Bezeichnung dann Grün oder Gelb, die fünfte dann jeweils das andere Wort, an sechster Stelle erscheint Blau, an siebter Braun. Danach kommen je nach Sprache Violett, Orange, Rosa und Grau dazu. Man nimmt an, daß mit dieser Reihenfolge des Farbwortschatzes auch das System offenbar wird, in dem der Mensch das Farblexikon angelegt hat. Rot wäre dann nicht unbedingt die erste Farbe gewesen, die unsere Vorfahren gesehen haben. Die Farbe des Blutes wäre aber die erste gewesen, die für unser Überleben von Bedeutung gewesen wäre. Die Erregungen und Reaktionen, die Rot heute noch hervorruft, lassen den Schluß zu, daß der Gedanke nicht so einfach von der Hand zu weisen ist.

5) Links / Bibliographie (Auswahl)

www.munsell.com

www.colosystem.com

www.billmurphy.com (colorcharts)

http://www.adobe.com/support/techguides/color/colormodels/munsell.html

http://kiptron.psyc.virginia.edu/steve_boker/ColorVision2/node16.html

http://www.dgcolour.co.uk/munsell.htm

http://www.cis.rit.edu/mcsl/about/munsell.shtml

http://library.thinkquest.org/50065/art/theoact.html

http://www.city.ac.uk/optics/visualperception/munsell_system.html

http://farbe.com/munsell.htm

http://www.colormatters.com

http://www.busybrushes.com/Classroom/colorelem.html.

A. H. Munsell, «A Color Notation», Boston 1905

A. H. Munsell, «The Atlas of the Munsell Color System», Boston 1915—“Munsell Book of Color” 1929

W. Billmeyer Jr., «Survey of Color Order Systems», Color Research and Application 12, 173-186 (1987).

Hunt, R. W. G. (1987) Measuring Colour , Ellis Horwood, Chichester

Munsell, A.E.O., Sloan, L.L. and Godlove, I.H. (1933): J. Opt. Soc. Am., 23, 394.

Padgham, C.A. and Saunders, J.E. (1975) The Perception of Light and Colour, Chapter 6, Bell.

Schwartz S.H. Visual Perception: A clinical Orientation. Chapt 5- Colour Vision.Publ. Appleton and Lange.

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Details

Titel
Albert Henry Munsell
Hochschule
Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe  (Kunswissenschaft)
Veranstaltung
Farben
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
12
Katalognummer
V29073
ISBN (eBook)
9783638306928
ISBN (Buch)
9783638789295
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Munsells Farbsystem
Schlagworte
Albert, Henry, Munsell, Farben
Arbeit zitieren
Kerstin Polte (Autor), 2002, Albert Henry Munsell, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29073

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