Unterrichtsstörungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 1997

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Institution Schule
2.1. Die Schule als Sozialisationsbereich
2.2. Charakteristische Strukturmerkmale der Schule

3. Theorien abweichenden Verhaltens

4. Unterrichtsstörungen
4.1. Formen von Unterrichtsstörungen
4.2. Ursachen von Unterrichtsstörungen
4.2.1. Familiäre und soziale Ursachen
4.2.2. Schulinterne Ursachen
4.3. Vergleich verschiedener Schultypen
4.4. Vergleich geschlechtsspezifischen Verhaltens

5. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Unterrichtsstörungen im Schulalltag als einer spezifischen Form abweichenden Schülerverhaltens. Leistungs- und Verhaltensprobleme von Kindern und Jugendlichen im schulischen Bereich sind in den letzten Jahren mehr und mehr ins Interesse der Öffentlichkeit gerückt. Wenn innerhalb der Schule von Problemen und abweichendem Verhalten gesprochen wird, taucht relativ häufig die Argumentation auf, die Gründe der Devianz lägen allein in der Schülerpersönlichkeit. Darüber hinaus existieren allerdings weitere Ursachen, die problemauslösenden Charakter besitzen können. Diese werden u.a. im Verlauf dieser Arbeit dargestellt.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Institution Schule, mit den verschiedenen Sozialisationsfunktionen, die sie wahrnimmt und mit ihren charakteristischen Strukturmerkmalen.

Das zweite Kapitel vermittelt einen kurzen Überblick über einige der wichtigsten soziologischen Theorien abweichenden Verhaltens.

Der dritte Gliederungspunkt befaßt sich mit der Problematik der Unterrichtsstörungen. Dabei werden zunächst die unterschiedlichen Formen dieser Störungen dargestellt. Im Anschluß daran werden die möglichen Ursachen, die sowohl im familiären und sozialen, als auch im außerschulischen Bereich liegen können, näher beleuchtet. In den sich anschließenden Punkten wird zuerst ein Vergleich zwischen unterschiedlichen Schultypen gezogen, um festzustellen, ob schulspezifische Unterschiede bezüglich des Themenkomplexes der Unterrichtsstörungen bestehen. Nachfolgend wird das geschlechtsspezifische Verhalten von Kindern und Jugendlichen im Schulalltag, auch im Zusammenhang mit Formen der Unterrichtsstörung, dargestellt.

Abschließend beschäftigt sich der letzte Gliederungspunkt mit der Diskussion, die im Laufe der Seminarsitzungen im Zusammenhang mit diesem Themenkomplex entstanden ist.

2. Die Institution Schule

2.1. Die Schule als Sozialisationsbereich

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Strukturen des Bildungssystems der Bundesrepublik Deutschland stark verändert. Die Schulzeit hat sich für immer mehr Jugendliche verlängert, immer mehr Jugendliche halten sich immer länger in Einrichtungen des Bildungssystems auf. „Niemals zuvor in der Geschichte und Sozialgeschichte der Jugend hat ein so großer Teil der jungen Generation soviel Zeit im staatlich organisierten Schulsystem verbracht wie gegenwärtig.“[1] Zugleich weitet sich auch die Phase der Jugend immer weiter aus, der Schulbesuch ist das vorherrschende Merkmal der Jugendzeit. Jugend- und Schulzeit sind weitgehend identisch.

Es läßt sich feststellen, daß die Schule als eine formale Organisation zur Qualifikation und Sozialisation der Kinder und Jugendlichen in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat. Für die Jugendlichen ist die Schule neben der Familie und der Gleichaltrigengruppe die wichtigste Institution ihrer individuellen und sozialen Existenz. Für die individuelle Entwicklung der jungen Menschen ist die Schule eine wichtige Instanz, da sie zur schrittweisen Ablösung von der Familie und somit zur Lösung aus dem primären Sozialisationsbereich beiträgt. Innerhalb der Schule werden altershomogene Gruppen von Schülern unterschiedlicher sozialer Herkunft und unterschiedlicher Wert- und Verhaltensmuster gebildet. Diesen Gruppen wird in der Regel ein erwachsener Erziehungsberechtigter, der Lehrer, beigeordnet. Lehrer und Schüler treten sich innerhalb der Schule in typischen Rollenpositionen gegenüber. Diese sind mit jeweils spezifischen Verhaltensmustern belegt, die gesellschaftlich determiniert sind.[2] Mit Beginn der Schulzeit kommen die Kinder vermehrt in Kontakt mit Menschen, die mit dem Bereich der schichtspezifisch ablaufenden Primärsozialisation nichts gemeinsam haben. Es findet eine allmähliche Umorientierung von partikularistischen zu universalistischen Beziehungen bzw. von zugeschriebenen zu erworbenen Merkmalen statt. Im Hinblick auf die soziale Entwicklung ist die Schule bzw. die Schullaufbahn eine wichtige Institution für die Zuteilung der zukünftigen Sozialchancen, also z.B. bezüglich des Berufs und des damit zusammenhängenden Status. Die Schule bereitet die Jugendlichen in gewisser Weise auf bestimmte Verhaltensanforderungen im außerschulischen Lebensbereich vor. Innerhalb der Schule sollen die Fähigkeiten zur Entwicklung von Bereitschaften und Fertigkeiten der Individuen als wesentlicher Voraussetzung ihrer späteren Rollenerfüllung trainiert werden.[3] „Bildungssysteme sind also Teil der gesamten Bemühungen der erwachsenen Generation zur Integration der Heranwachsenden, sie repräsentieren die gesellschaftlich veranstaltete Sozialisation.“[4] Es wird deutlich, daß die Schule nicht nur die Funktion der Wissensvermittlung inne hat, sondern auch eine wichtige Erziehungs- und Sozialisationsfunktion wahrnimmt.

Trotz allem zeigt sich jedoch, daß die Schule für immer mehr Kinder und Jugendliche nur mehr eine Durchgangsstation zum Erwerb von Leistungsnachweisen für den Eintritt in das spätere Berufsleben ist. Viele junge Menschen erkennen der Institution Schule keinen Eigen-Sinn mehr zu, sie wird nur noch als ‘notwendiges Übel’ angesehen. Die Ursachen dieser Entwicklung sind vielfältig, u.a. können die sogenannten charakteristischen Strukturmerkmale der Schule, die im nächsten Kapitel dargestellt werden, für die Schüler problemauslösenden bzw. -fördernden Charakter besitzen.[5]

2.2. Charakteristische Strukturmerkmale der Schule

Schülerprobleme und abweichendes Verhalten von Jugendlichen innerhalb der Schule (z.B. Unterrichtsstörungen) können sowohl auf schulexterne als auch auf schulinterne Bedingungen zurückgeführt werden. Im Kontext der schulinternen Bedingungen stellt sich die Frage, inwiefern die schulischen Interaktions- und Organisationsstrukturen für die Kinder und Jugendlichen einen problemauslösenden Charakter besitzen. Nicht allein aufgrund der Widersprüchlichkeiten zwischen den unterschiedlichen Sozialisationsbereichen, sondern auch wegen der z.T. widersprüchlichen institutionellen Normierungen des schulischen Alltags ist für die jungen Menschen eine Einordnung in die Institution Schule nicht immer ohne Probleme möglich. Die nachfolgend dargestellten charakteristischen Strukturmerkmale der Schule können u.U. problemfördernde bzw. -auslösende Wirkung besitzen.[6]

Der Zwangscharakter von Schule : Aufgrund der allgemeinen Schulpflicht und der Anwesenheitspflicht, die es den Schülern nicht freistellt an den Unterrichtsveranstaltungen teilzunehmen, hat die Schule für viele Jugendliche eine Art Zwangscharakter. Zusätzlich bestehen auch innerhalb des Schulalltags formelle und informelle Regeln und Normen, deren Einhaltung und Durchsetzung mit verschiedenen Formen der sozialen Kontrolle erzwungen werden.

Die Schule als Unterrichtsveranstaltung: Die Schule kann als eine organisierte Durchführung von Lernprozessen angesehen werden, sie dient zu allererst der Vermittlung von Fähigkeiten und Kenntnissen unter festgelegten Formen des Lernens. Der gesamte Unterrichtsalltag hat fast vollständig Unterrichtscharakter. Dies hat zur Folge, daß an das Lernverhalten der Schüler formale Erwartungen gestellt werden, die schließlich zu formalisierten Interaktions- und Beziehungsformen führen.[7]

Die Dominanz des Leistungsprinzips: Die an den Schulen ablaufenden Unterrichtsprozesse sind durch das Vorherrschen des Leistungsprinzips eindeutig gekennzeichnet. Zeugnisse und Zensuren bestimmen den Schulalltag. Das gesamte Verhalten der Kinder und Jugendlichen ist schulischen Beurteilungen und Bewertungen ausgesetzt, mit dem Bestreben der Vorbereitung und Rechtfertigung von offiziellen Leistungszuschreibungen. Diese wiederum bestimmen und entscheiden über Schullaufbahn und Schulabschluß und damit auch über zukünftige Berufs- und Lebenschancen. Es erscheint nachvollziehbar, daß dieses Leistungsprinzip auch gewisse Auswirkungen auf das Verhältnis der Schüler zueinander hat. Schüler-Schüler-Beziehungen sind wesentlich vom Leistungs- und Konkurrenzprinzip bestimmt, die Schüler werden durch Leistungsvergleiche und die Knappheit guter Noten in Konkurrenz zueinander gesetzt. Letztlich bestimmt somit der Erfolg der einen den Mißerfolg der anderen Schüler.[8]

Der hierarchische Charakter von Schule: Innerhalb der Institution Schule steht der Schüler auf der untersten Stufe der Hierarchiepyramide, was sich insbesondere in der Lehrer-Schüler-Beziehung zeigt. Der Lehrer organisiert den Unterricht, er überwacht Zeit und Aktivitäten, er steuert und kontrolliert. Zusätzlich ist der Lehrer mit hoher Sanktionsmacht ausgestattet, er kann Normen setzen und soziale Kontrolle ausüben. Es besteht also grundsätzlich eine asymmetrische Interaktionsstruktur, die Schüler befinden sich gegenüber den Lehrern in einer klar untergeordneten, in einer Abhängigkeitsrolle.

Der Öffentlichkeitscharakter von Schule: Innerhalb der Schule findet Privatheit kaum Platz. Fast alle Schulabläufe finden in einer gewissen Öffentlichkeit statt, wodurch die Verhaltensmöglichkeiten der Schüler stark eingeschränkt sind, da sie einer ständigen sozialen Kontrolle ausgesetzt sind.[9]

Zusammenfassend kann man sagen, daß die Schule bedingt durch ihre Funktion und die daraus resultierenden Strukturen als verbindliches Identitätsmuster den leistungstüchtigen, notenhungrigen und konkurrenzfreudigen Schüler verlangt, der sich einordnet in die bestehende Ordnung und die vorherrschenden Hierarchiestrukturen akzeptiert. Somit geht die Schule von einem einheitlichen Schülertypus aus, sie kann die individuelle Vielfalt nicht berücksichtigen und unterstellt gewissermaßen die Homogenität der Schülerpopulation. Daß dies in gewissen Situationen und bei bestimmten Schülern zu Problemen bzw. abweichendem Verhalten führen kann, scheint nachvollziehbar und soll im weiteren Verlauf dieser Arbeit dargestellt werden.

[...]


[1] Schäfers, B.: Soziologie des Jugendalters. Opladen, 1982, S. 110.

[2] Vgl. Ebenda, S. 109f.

[3] Vgl. Hurrelmann, K./Wolf, H.: Schulerfolg und Schulversagen im Jugendalter. Weinheim, München, 1986, S. 5ff.

[4] Fend, H.: Sozialisationseffekte der Schule. Weinheim, Basel, 1976, S. 13.

[5] Vgl. Ulich, K.: Schulische Sozialisation. In: Neues Handbuch der Sozialisationsforschung. Hrsg.: Hurrelmann, K./Ulich, D., Weinheim, Basel, 1991, S. 380f.

[6] Vgl. Holtappels, H.G.1 : Schülerprobleme und abweichendes Verhalten aus der Schülerperspektive. Bochum, 1987, S. 17f.

[7] Vgl. Ebenda, S. 17ff.

[8] Vgl. Ulich, K., a.a.O., S. 384f.

[9] Vgl. Holtappels, H.G.1 , a.a.O., S. 19.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Unterrichtsstörungen
Hochschule
Universität Trier  (Fachbereich IV)
Veranstaltung
Selektionsmechanismen im Bildungswesen und räumliche Segregation
Note
1,3
Autor
Jahr
1997
Seiten
20
Katalognummer
V29107
ISBN (eBook)
9783638307161
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unterrichtsstörungen, Selektionsmechanismen, Bildungswesen, Segregation
Arbeit zitieren
Christiane Schorr (Autor), 1997, Unterrichtsstörungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29107

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