Die Entwicklung der Sprache beim gehörlosen Kind. Ein Argumentationsversuch für die bilinguale Erziehung Gehörloser


Seminararbeit, 2004
20 Seiten, Note: Sehr gut (1)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Einleitung

B) Was ist Sprache?

C) Der Lautspracherwerb
I. Die Entwicklung der Lautsprache in ihrem zeitlichen Verlauf
II. Die Schwierigkeiten beim Erwerb der Lautsprache für das gehörlose Kind
III. Die Folgen einer unvollständigen Sprache für die Entwicklung des Kindes

D) Die Deutsche Gebärdensprache – eine Alternative zur Lautsprache?
I. Die Deutsche Gebärdensprache ist eine Sprache!
II. Vorteile bei dem Erwerb der Deutschen Gebärdensprache als Erstsprache

E) Ungeklärte Fragen

F) Literaturverzeichnis

Die Entwicklung der Sprache beim gehörlosen Kind.

Ein Argumentationsversuch für die bilinguale Erziehung Gehörloser

A) Einleitung

In dem Seminar „Kind und Sprache” von Dr. Volker Fröhlich wurde an Hand verschiedener Referate gezeigt, wie bei Kindern der Erwerb der Sprache abläuft. Es ging hier jedoch speziell um die Situation hörender Kinder. Da ich in meinem privaten Umfeld oft Kontakt mit Gehörlosen habe, stellte sich mir die Frage, wie denn ein gehörloses Kind zu “seiner” Sprache kommt. Schließlich kann es weder die Stimmen der Eltern bzw. des Umfeldes noch die eigene Stimme wahrnehmen. Außerdem unterhalten sich die meisten erwachsenen Gehörlosen – wenn möglich auch mit Hörenden, und untereinander sowieso – in der Deutschen Gebärdensprache.

Hieraus ergibt sich also eine weitere Frage: Was ist „die” Sprache der Gehörlosen? Ist es die Deutsche Lautsprache oder etwa die Deutsche Gebärdensprache (DGS)? Welche Schwierigkeiten haben Gehörlose beim Erlernen der Lautsprache? Welche Vor- und/oder Nachteile entstehen hieraus? Welche Vor- und/oder Nachteile ergeben sich im Gegensatz dazu beim Erlernen der Gebärdensprache? Innerhalb der Hörgeschädigtenpädagogik besteht hier ein Methodenstreit über die sprachliche Ausrichtung der Erziehung Gehörloser. Entweder soll das Kind die Laut- oder die Gebärdensprache – zumindest als Erstsprache – lernen. Ist statt der Entweder-oder-Frage möglicherweise ein Kompromiss in Form einer bilingualen Erziehung ratsam? Die Antworten hierauf werde ich in dieser Hausarbeit zu geben versuchen.

Meine Ausführungen beginne ich mit einer Definition von Sprache und einer Erläuterung ihrer Bedeutung für den Menschen. Anschließend werde ich den „normalen” Spracherwerb eines hörenden Kindes kurz anreißen um daraus die Schwierigkeiten für den Lautspracherwerb bei gehörlosen Kindern[1], sowie deren Konsequenzen, heraus zu arbeiten. Danach werde ich zeigen, dass die Deutsche Gebärdensprache eine vollwertige Sprache ist und welche Vorteile es mit sich bringt, wenn gehörlose Kinder diese als Erst- oder Muttersprache erlernen. Im Abschluss der Hausarbeit werde ich noch einige, für mich ungeklärte, Fragen stellen.

B) Was ist Sprache?

Die Sprache ist eines der Hauptmerkmale, die den Menschen vom Tier unterscheidet. Für Prillwitz[2], einen führenden Linguisten im deutschen Sprachraum, ist sie von zweifacher Bedeutung für den Menschen: Zum einen dient sie der Verständigung zwischen den Menschen, zum Austausch von Informationen, Ideen, Gedanken, Vorstellungen, Emotionen, Bedürfnissen und Problemen. Sie ist somit eine grundlegende Bedingung für soziales Verhalten, für die Eingliederung oder Integration in eine soziale Bezugsgruppe, kurzum sie ist Voraussetzung für die Sozialisation des Menschen.

Zum anderen kommt zu diesem kommunikativen Aspekt der Sprache ihre Bedeutung für das menschliche Denken hinzu. Sehr viele Begriffe merken wir uns und denken wir an Hand ihrer sprachlichen Symbole. Die Sprache, die wir in unseren Gedanken verwenden, ist „für die Lösung komplizierter Denk- und Problemlösungsaufgaben unabdingbare Voraussetzung” (Prillwitz/Wisch/Wudtke 1991, S. 112). Nicht vorhandene und abstrakte Gesprächsinhalte können durch die Sprache verständlich oder begreiflich[3] gemacht werden. Durch die Sprache sind wir in der Lage, die Gegenwart und sogar die Realität zu verlassen: „Die Vergangenheit kann als Erinnertes oder Erfahrenes in die aktuelle Kommunikation (bzw. in den Gedankengang; F.A.) eingebracht werden, Zukünftiges konstruiert und antizipiert werden. Fiktives, Gewünschtes, Befürchtetes, ja selbst Irreales kann auf sprachlicher Ebene wirklich, gegenwärtig und mitteilbar werden” (Wisch 1990, S. 115).

Wenn eine Sprache einschließlich ihrer sprachlichen Begriffe richtig gebraucht werden soll, gilt es jedoch etwas zu beachten: Sie kann nicht von jedem Individuum den eigenen Wünschen und Vorlieben entsprechend verwendet oder gar verändert werden. Denn „Sprache ist ein System von Zeichen für Begriffe und Gegenstände und ein System von Regeln für die Kombination dieser Zeichen” (Internetlexikon wissen.de). Oder anders ausgedrückt, ist Sprache ein „konventionelles Zeichensystem ... dessen Elemente eine bestimmte Struktur aufweisen, [und die] nach bestimmten Regeln miteinander verknüpft werden...” (Wisch 1990, S. 21). In jeder Sprache gibt es eine Grammatik, die die Verwendung der sprachlichen Zeichen oder Symbole bestimmt. Sprachliche Begriffe, die ohne Regeln bzw. ohne eine Grammatik in beliebiger Struktur und Reihenfolge verwendet werden können, bilden aus linguistischer Sicht keine Sprache. Dieser Gedanke soll an späterer Stelle noch einmal wichtig werden. Da, wie oben angeführt, die Sprache des Menschen also die soziale, die geistige und die emotionale Entwicklung[4] des Kindes beeinflusst, ist der Erwerb einer richtigen und vollständigen Sprache von immenser Bedeutung für die „Gesamtentwicklung des Kindes” (Prillwitz/Wisch/Wudtke 1991, S. 112 f.).

Damit soll die knappe Erklärung des Begriffes Sprache und seiner Bedeutung für die menschliche Entwicklung abgeschlossen sein. Doch wie läuft der Spracherwerb, ausgehend vom Normalfall, bei einem hörenden Kind ab? Denn erst nachdem man sich mit diesem Bereich zumindest grundlegend befasst hat, kann beurteilt werden ob der Lautspracherwerb bei gehörlosen Kindern mit dem von hörenden Kindern, auch im Erfolg der Vermittlung, vergleichbar ist. Können hier vielleicht Unterschiede oder gar Nachteile für die Gehörlosen festgestellt werden? Doch sollen diese Gedanken später näher erläutert werden.

C) Der Lautspracherwerb

I. Die Entwicklung der Lautsprache in ihrem zeitlichen Verlauf

Zum Thema Spracherwerb gibt es in der Literatur sich stark unterscheidende Theorien.[5] All diese Ansätze hier, wenn auch nur kurz darzustellen, würde die Möglichkeiten dieser Arbeit deutlich überfordern. Statt dessen soll hier die Bedeutung des Gehörs in Verbindung mit der Entwicklung der Sprache in ihrer zeitlichen Abfolge umrissen werden. Um diesen Sachverhalt in einer übersichtlichen Form darzustellen, soll hier eine vereinfachende und zusammenfassende Tabelle[6] eingefügt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[7] [8]

Der Hörsinn und die Fähigkeit des Kindes, die aufgenommenen Informationen zu verarbeiten, werden im Laufe der Entwicklung immer differenzierter und spielen für den Erwerb der Lautsprache bereits in den ersten Phasen eine wichtige Rolle. So kann z.B. schon das ungeborene Kind Stimmen und Geräusche wahrnehmen und darauf reagieren. Nicht ohne Grund wird in vielen Ratgebern für schwangere Frauen empfohlen, dem Ungeborenen etwas vorzulesen, mit ihm zu reden oder es Musik hören zu lassen. Diese Stimulierungen sollen sich gut auf die weitere Entwicklung des Kindes positiv auswirken. In den ersten Monaten nach der Geburt lernt das Baby die Stimmen der Eltern zu erkennen und orientiert sich an diesen. Ab 0;6 versucht das Kind die von sich und die von anderen verursachten Geräusche und Laute die es wahrnimmt nachzuahmen.

[...]


[1] Wenn ich nichts anderes angebe, beziehe ich mich auf die Situation prälingual gehörloser Kinder von hörenden Eltern.

[2] vgl. Prillwitz/Wisch/Wudtke 1991, S. 112.

[3] Und in doppeldeutigem Sinne begreiflich/fassbar, wenn man an die Gebärdensprache denkt.

[4] Zur Bedeutung der Sprache für diese drei Bereiche der Entwicklung vgl. Prillwitz/Schulmeister/Wudtke 1977, S. 18-21, Wisch 1990 S. 47-73 und zum Zusammenhang von Sprache und Identität Ahrbeck 1997, S. 33-49.

[5] vgl. Zollinger 1999, S. 19-37, sehr umfassend Wirth 1994, S: 89-131 und Wisch 1990, S. 47-73.

[6] Zu den Angaben in der Tabelle vgl. Tracy 2003, S. 1-16, Universität Köln 2003, S. 1 f., Wendlandt 2000, S. 22-28, 32-36 und Wisch 1990, S. 47-73.

[7] Die in der Tabelle angegebenen Altersstufen sind natürlich nur grobe Richtwerte. Wendlandt beschreibt, dass die einzelnen Schritte der Sprachentwicklung in manchen Fällen auch bis zu 6 Monate später erfolgen können, ohne dass man gleich von einer Retardierung ausgehen zu müssen (vgl. 2000, S. 26).

[8] Diese Schreibweise bezeichnet das Alter des Kindes. Die Zahl vor dem Semikolon bezeichnet das Jahr und die Zahl nach dem Semikolon den Monat des Kindesalter. Ist ein Kind z.B. 9 Monate alt, so schreibt man dies 0;9.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der Sprache beim gehörlosen Kind. Ein Argumentationsversuch für die bilinguale Erziehung Gehörloser
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
SS 2004 - Kind und Sprache
Note
Sehr gut (1)
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V29228
ISBN (eBook)
9783638307901
ISBN (Buch)
9783638901772
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gehörlose Menschen rücken immer mehr in den Blickpunkt der Gesellschaft. Auf Phoenix werden die Nachrichten in die Gebärdensprache übersetzt, die Sendung "Sehen statt Hören" wird auf mehreren Sendern ausgestrahlt, Gebärdensprache ist in Deutschland inzwischen als vollwertige Sprache anerkannt worden... Doch welche Sprache lernen gehörlose Kinder? Die deutsche Lautsprache oder die Deutsche Gebärdensprache (DGS)? Welche Sprache nützt ihnen am meisten? Das versuche ich hier festzustellen.
Schlagworte
Entwicklung, Kind, Argumentationsversuch, Erziehung, Gehörloser, Gebärdensprache, DGS, Deutsche Gebärdensprache, gehörlos, hörgeschädigt, Förderschwerpunkt Hören, hörbehindert, Sprache
Arbeit zitieren
Frank Alibegovic (Autor), 2004, Die Entwicklung der Sprache beim gehörlosen Kind. Ein Argumentationsversuch für die bilinguale Erziehung Gehörloser, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29228

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