Ich möchte die Bahnen der aktuell diskutierten Konzepte der Wissens-, Wissenschafts-, Kommunikations- oder Informationsgesellschaft nun verlassen, auf die (diesbezüglich) gängigen Definitionen von Wissen verzichten und den Fokus der Betrachtung auf eine generalisierte Vorstellung von Wissen lenken – nämlich auf das, was Wissen sein wird (bzw. teilweise schon ist), wenn man es kommerzialisiert: Wenn Wissen – seine Produktion, sein Erwerb und seine Nutzung – den Gesetzen des Marktes, den Gesetzen von Angebot und Nachfrage, unterworfen wird, dann lässt es sich schlechthin unter den Begriff „Ware“ subsumieren.
Bereits die Begriffe Kommerzialisierung, Ware, Angebot und Nachfrage offenbaren eine ökonomische Sichtweise– diese soll auch beibehalten werden, indem ich mich im Weiteren auf Coleman’s Theorie der rationalen Wahl (Rational-Choice-Theorie) stütze.
Inhaltsübersicht
1. Wissen – ein weites Feld
2. Zweckgebundene Definition von „Wissen“
3. Bedeutung der Transformation von „Wissen“ in „Ware“
4. Auswirkungen auf Wissensproduktion, Wissenserwerb und Wissensnutzung
5. Politische, soziale und kulturelle Folgen
6. Kritische Bewertung
Zielsetzung & Themen
Ziel dieses Essays ist die Untersuchung der Konsequenzen einer totalen Kommerzialisierung von Wissen. Basierend auf der Theorie der rationalen Wahl wird analysiert, wie sich die Transformation von Wissen in eine handelbare Ware auf die Wissensgesellschaft auswirkt.
- Transformation von Wissen in eine ökonomische Ware
- Einfluss von Marktmechanismen auf Wissensproduktion und -nutzung
- Soziale und kulturelle Folgen der totalen Kommerzialisierung
- Rolle von Eigentumsrechten und Patenten
- Diskussion über die Qualität und Verfügbarkeit von Wissen
Auszug aus dem Buch
4. Auswirkungen auf Wissensproduktion, Wissenserwerb und Wissensnutzung
Ausgehend von der Vorstellung von nutzenmaximierenden, egoistischen Akteuren, die über eine mehr oder minder große Anzahl von Ressourcen verfügen, ergeben sich folgende Auswirkungen der Kommerzialisierung von Wissen auf dessen Produktion, Erwerb und Nutzung: Zunächst bedeutet die totale Privatisierung von Wissen den Ausschluss vom Wissen: Derjenige, der die Eigentumsrechte hält, kann entscheiden, wem er Zugang zu seinem Wissen gewährt und wem er es vorenthält.
Verspricht sich der Wissenseigner keinen Nutzen von der Offenlegung seines Eigentums, wird er es für sich behalten. Auch kann er, sofern er ein Monopol auf bestimmtes Wissen innehat, den Kaufpreis dafür (zumindest für eine bestimmte Zeit) gewinnmaximierend selbst bestimmen. Wissen ist somit nicht mehr frei verfügbar und bedarf der Geheimhaltung bzw. der geplanten Verteilung, um seinen finanziellen Wert nicht zu mindern.
Das Vorenthalten von Wissen – so Gläser – verlangsame die Wissensproduktion, gefährde sie aber nicht, weil ein Geheimnis entweder (illegal) preisgegeben oder überholt werden könne (vgl. Gläser 2003: 64, 68f.; Hervorhebung nicht im Original). Unter der Annahme der Koexistenz von privater und öffentlicher Wissensproduktion mag dies zutreffen, nicht aber für die Vorstellung einer rein privaten Wissensproduktion: Privat erzeugtes Wissen ist – wie gesagt – teuer und nicht frei verfügbar. Insofern ist eine Wissensproduktion nach dem Trial-and-Error-Prinzip nicht mehr möglich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Wissen – ein weites Feld: Einführung in die Problematik der Wissensdefinition und Darlegung des Fokus auf kommerzialisiertes Wissen als Ware.
2. Zweckgebundene Definition von „Wissen“: Abgrenzung eines spezifischen Wissensbegriffs, der als Produkt und Ware wirtschaftlich nutzbar ist.
3. Bedeutung der Transformation von „Wissen“ in „Ware“: Erläuterung der ökonomischen Voraussetzungen wie Privateigentum und Marktmechanismen für den Handel mit Wissen.
4. Auswirkungen auf Wissensproduktion, Wissenserwerb und Wissensnutzung: Analyse der Folgen der Privatisierung, wie Wissensausschluss, Qualitätsminderung und Ressourcenbindung.
5. Politische, soziale und kulturelle Folgen: Untersuchung des Machtverlusts der Politik sowie der zunehmenden sozialen Schichtung und kulturellen Verarmung.
6. Kritische Bewertung: Reflexion der düsteren Prognosen und Einordnung der Bedeutung öffentlicher Wissenschaft und Systemtheorie.
Schlüsselwörter
Wissen, Ware, Kommerzialisierung, Privatisierung, Wissensgesellschaft, Rational-Choice-Theorie, Wissensproduktion, Eigentumsrechte, Patentierung, Bildungsabstieg, Wissenskluft, Gewinnmaximierung, Marktmechanismen, kulturelle Vielfalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Der Essay befasst sich mit den politischen, sozialen und kulturellen Konsequenzen, die entstehen würden, wenn Wissen vollständig den Gesetzen des Marktes unterworfen wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Kommerzialisierung von Wissen, die Transformation von Wissen in eine Ware sowie die Auswirkungen auf Wissenschaft, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, eine Zeitdiagnose zu erstellen und aufzuzeigen, wie eine totale Kommerzialisierung die Strukturen von Wissensproduktion und -nutzung radikal verändern könnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die Theorie der rationalen Wahl (Rational-Choice-Theorie), um ökonomisch-rationales Handeln im Bereich der Wissensproduktion zu modellieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mechanismen der Transformation von Wissen in eine Ware, die Auswirkungen auf die Innovationsfähigkeit sowie die daraus resultierenden Machtverschiebungen in der Gesellschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Privatisierung, Gewinnmaximierung, geistiges Eigentum, Wissenskluft und die ökonomische Sichtweise auf Wissen.
Warum wird im Text die "Wissenskluft" erwähnt?
Die Wissenskluft wird als ein Problem identifiziert, das durch die ungleiche Verteilung finanzieller Ressourcen bei der kommerziellen Wissensaneignung weiter verschärft wird.
Welche Rolle spielen Patente in diesem Kontext?
Patente werden kritisch als Instrumente betrachtet, die einerseits zwar Wissen publizieren, andererseits aber den Zugang beschränken und den Wettbewerb zugunsten großer Akteure verzerren.
- Quote paper
- Sebastian Wiesnet (Author), 2004, Politische, soziale und kulturelle Folgen der totalen Kommerzialisierung des Wissens - Eine Zeitdiagnose, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29260