Im Jahr 1928 erschien Erich Kästners erster Gedichtband Herz auf Taille. Es folgten Lärm im Spiegel (1929), Ein Mann gibt Auskunft (1930) und Gesang zwischen den Stühlen (1932). Die vier Bände aus Kästners engagiertester Zeit, der Zeit der Weimarer Republik, mit Gedichten, die - entstanden in Kästners „kleiner Versfabrik“ - fast alle ursprünglich in Tageszeitungen, Wochenschriften etc. erschienen waren, erreichten allesamt ungewöhnlich hohe Auflagenzahlen. Der Verkaufserfolg ist dabei nicht zuletzt zurückzuführen auf die Volkstümlichkeit der Kästnerschen Gedichte, die sich sowohl an der Themenwahl, als auch am eingängigen Sprachstil festmachen läßt. Erich Kästner verwendete für seine Gedichte gerne den Begriff „Gebrauchslyrik“. Die genannten Merkmale der Volkstümlichkeit nun gehören unmittelbar zu Erich Kästners Konzept von Gebrauchslyrik, das in der vorliegenden Arbeit in Theorie und Umsetzung dargestellt und untersucht werden soll.
Wird in wissenschaftlicher Literatur der Begriff „Gebrauchslyrik“ verwendet, so ist damit vorrangig die beim Lesen leicht zugängliche und vielfach in irgendeiner Weise (gesellschafts-) politisch ambitionierte Lyrik gemeint, die als typische Äußerungsform der sogenannten Neuen Sachlichkeit in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts ihre kurze Blütezeit hatte. Genau zu definieren, was unter Gebrauchslyrik eigentlich zu verstehen ist, gestaltet sich allerdings nicht einfach.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. 1. Kästners Lyrikkonzept in der Theorie
2. Umsetzung des Konzepts
2.1 Der private Bereich
2.1.1 Beziehungen
Sachliche Romanze
Familiäre Stanzen
Gewisse Ehepaare
Ein Mann gibt Auskunft
2.1.2 Sexualität
Moralische Anatomie
2.2 Der öffentliche Bereich
2.2.1 Militarismus und autoritäre Strukturen
Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
2.2.2 Die sozialen und ökonomischen Verhältnisse
Vorstadtstraßen
Ein Buchhalter schreibt seiner Mutter
Maskenball im Hochgebirge
2.2.3 Heldentum
Der Handstand auf der Loreley
III. Zusammenfassende Betrachtung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Erich Kästners Konzept von Gebrauchslyrik, eingebettet in dessen Selbstverständnis als Aufklärer und Moralist, um zu analysieren, inwiefern seine Gedichte eine Wirkung auf den Leser ausüben können und welchen praktischen Gebrauch dieser von ihnen machen kann.
- Theoretische Grundlagen von Kästners Gebrauchslyrik im Kontext der Neuen Sachlichkeit.
- Analyse der privaten Themensphären wie Beziehungen und Sexualität.
- Untersuchung des öffentlichen Bereichs, insbesondere Militarismus, soziale Verhältnisse und Heldentum.
- Evaluierung des aufklärerischen Anspruchs im Hinblick auf Breitenwirksamkeit und Identifikationspotenzial.
- Beurteilung der Wirkungsabsichten sowie der tatsächlichen Gebrauchsmöglichkeiten für den Leser.
Auszug aus dem Buch
EIN MANN GIBT AUSKUNFT
Das Jahr war schön und wird nie wiederkehren. Du wußtest, was ich wollte, stets und gehst. Ich wünschte zwar, ich könnte dir’s erklären, und wünsche doch, daß du mich nicht verstehst.
Ich riet dir manchmal, dich von mir zu trennen, und danke dir, daß du bis heute bliebst. Du kanntest mich und lerntest mich nicht kennen. Ich hatte Angst vor dir, weil du mich liebst.
Du denkst vielleicht, ich hätte dich betrogen. Du denkst bestimmt, ich wäre nicht wie einst. Und dabei habe ich dich nie belogen! Wenn du auch weinst.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in die Thematik der Gebrauchslyrik bei Kästner sowie Darstellung der forschungsleitenden Fragestellung bezüglich seiner Theorie und deren Umsetzung.
II. 1. Kästners Lyrikkonzept in der Theorie: Erläuterung der theoretischen Positionen Kästners zu Lyrik und deren Abgrenzung gegenüber zeitgenössischen Strömungen.
2. Umsetzung des Konzepts: Analyse ausgewählter Gedichte zur Überprüfung, wie Kästners theoretische Forderungen in der lyrischen Praxis realisiert werden.
2.1 Der private Bereich: Untersuchung der Umsetzung des Konzepts in Gedichten mit privater Thematik, insbesondere zu zwischenmenschlichen Beziehungen.
2.1.1 Beziehungen: Detaillierte Betrachtung einzelner Gedichte, die sich mit dem sozialen Miteinander und den Problematiken von Liebesbeziehungen befassen.
2.1.2 Sexualität: Untersuchung der Darstellung von Sexualität und der damit verbundenen moralischen Haltungen in Kästners Werk.
2.2 Der öffentliche Bereich: Analyse der gesellschaftskritischen Dimensionen in Kästners Lyrik, die sich mit politischen und sozialen Phänomenen auseinandersetzt.
2.2.1 Militarismus und autoritäre Strukturen: Beleuchtung der pazifistischen Haltung Kästners und seiner Kritik an autoritären Systemen.
2.2.2 Die sozialen und ökonomischen Verhältnisse: Untersuchung der Darstellung von Armut, Klassengegensätzen und den ökonomischen Nöten der Bevölkerung.
2.2.3 Heldentum: Auseinandersetzung mit Kästners Kritik an falschen Heldenbildern und übersteigertem Heroismus.
III. Zusammenfassende Betrachtung: Synthese der Ergebnisse zur ästhetischen Konzeption von Kästners Gebrauchslyrik und deren Funktion im Rahmen seines aufklärerischen Programms.
Schlüsselwörter
Erich Kästner, Gebrauchslyrik, Neue Sachlichkeit, Aufklärung, Moralist, Lyriktheorie, Rollenlyrik, Gesellschaftskritik, zwischenmenschliche Beziehungen, pazifistische Lyrik, soziale Verhältnisse, Wirkungsabsicht, Breitenwirksamkeit, Indirekte Lyrik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das literarische Konzept der Gebrauchslyrik von Erich Kästner und dessen Einbettung in seine Rolle als aufklärerischer Moralist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Analyse umfasst den privaten Bereich (Beziehungen, Sexualität) sowie den öffentlichen Bereich (Militarismus, soziale Verhältnisse, Heldentum).
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das primäre Ziel ist zu untersuchen, inwieweit Kästner seine theoretischen Aussagen über eine "brauchbare" Lyrik in seinen Gedichten tatsächlich umsetzt und welche Wirkung diese auf den Leser haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine werkanalytische Methode angewandt, bei der ausgewählte Gedichte im Hinblick auf Form, Sprache und Intention untersucht und in den Kontext von Kästners Selbstverständnis und publizistischen Äußerungen gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in Kästners Lyrikkonzept sowie eine umfangreiche Analyse verschiedener Gedichtgruppen, die unterschiedliche Lebensbereiche und gesellschaftliche Zustände abbilden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Gebrauchslyrik, Aufklärung, Neue Sachlichkeit, gesellschaftskritische Lyrik und Rollenlyrik.
Wie bewertet die Arbeit das Gedicht "Sachliche Romanze"?
Die Arbeit sieht in der "Sachlichen Romanze" ein Paradebeispiel für Kästners indirekte Lyrik, die durch ihre Nüchternheit und Alltagssprache eine tiefe emotionale Wirkung erzielt, indem sie das Scheitern einer Beziehung präzise abbildet.
Warum ist laut der Arbeit der Humor für Kästner so wichtig?
Der Humor dient bei Kästner nicht der reinen Unterhaltung, sondern als pädagogisches Instrument, um den Leser zu befähigen, Dinge und soziale Verhältnisse aus der richtigen Perspektive zu betrachten und sich von falschen Denkstrukturen zu lösen.
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- Fabian Otto (Author), 2003, Erich Kästners Konzept von Gebrauchslyrik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29262