Es ist ein prägnantes Motiv, auf welches man bei der Rezeption mittelalterlicher Mären immer wieder stößt: Die böse, betrügerische, hinterlistige Frau. In zahlreichen Werken verschiedenster Autoren betrügen Ehefrauen ihre Männer, belügen sie - um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen oder schlicht aus reiner Bosheit - oder stellen sie in der Öffentlichkeit bloß. Meist einhergehend mit dem Bild der bösen Frau ist das des dummen Mannes, der sich von ihr täuschen oder überreden lässt. Beides sind Stereotypen, sie sich in Mären wiederholt finden lassen.
Das sehr negative Frauenbild hat seinen Ursprung schon in der Bibel: „der erste energielose Eheherr war bereits Adam, nicht allein, daß er Frau Eva so schlecht gezogen hatte, daß sie den lockenden Verführungsworten der Schlange sofort nachkam, sondern er biss auch selbst ohne jede Einwendung in den Apfel, als Eva es so wollte.“ Bereits hier wurde die Frau, die ihren Mann zum Begehen einer Sünde überredet, als Ursprung alles Schlechten und Bösen gesehen, „die Neigung zum Ungehorsam ist seit Evas Zeiten tief im weiblichen Wesen eingewurzelt. Anstatt zu gehorchen, trachten die Frauen zu befehlen.“
Ihre Bosheit leben Frauen - bedingt durch ihre physische Unterlegenheit gegenüber den Männern - meist durch List und Tücke aus, „Frauenlist ist immer Sprachlist, List der Überredung.“ Hier lassen sich zwei verschiedene Typen erkennen: Zum Einen die körperlich schwachen Frauen, die sich mithilfe ihres Intellekts gegenüber stärkeren Männern, Geliebten oder Machtinhabern behaupten müssen, und zum Anderen jene, die einfach böswillig handeln, um ihre Bedürfnisse nach Geld, Macht oder sexueller Befriedigung zu stillen.
Der Stereotyp der bösen Frau wurde in der bisherigen Forschung schon mehrfach untersucht, erscheint aber in Zeiten, in denen sich Gender-Studies und feministische Betrachtungen großer Beliebtheit erfreuen, nicht weniger interessant. In der folgenden Arbeit sollen die verschiedenen Typen der bösen Frau, die Rahmenbedingungen, unter welchen sie handeln und die Motive ihres Handelns anhand zweier Mären, und zwar „Aristoteles und Phyllis“ sowie Heinrich Kaufringers „Drei listigen Frauen“ näher betrachtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung in die Thematik
2. Böse Frauen in „Aristoteles und Phyllis“ und „Drei böse Frauen“
2.1 „Aristoteles und Phyllis“ - Bosheit auf den zweiten Blick
2.2 „Drei listige Frauen“ - Die offensichtlich Bösen
3. Erklärungsansätze für das böse Verhalten
3.1 Hoher Stellenwert des christlichen Glaubens
3.2 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
4. Fazit und Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das literarische Stereotyp der „bösen Frau“ in mittelalterlichen Mären, analysiert die Motive und Methoden weiblicher List sowie die gesellschaftlichen und religiösen Hintergründe für diese negative Darstellung.
- Das Frauenbild in der mittelalterlichen Literatur
- Die Analyse der Mären „Aristoteles und Phyllis“ und „Drei listige Frauen“
- Religiöse Einflüsse und christliche Frauenbilder
- Soziale Machtstrukturen und Geschlechterrollen im Mittelalter
- Die Funktion der Märe als Korrektiv gesellschaftlicher Machtverhältnisse
Auszug aus dem Buch
2.2 „Drei listige Frauen“ - Die offensichtlich Bösen
Ganz anders sieht dies bei Heinrich Kaufringers Märe „Drei listige Frauen“ aus. Hier wird die Bosheit, die Listigkeit der Frauen ganz offensichtlich und ungeschönt dargestellt.
Drei – selbstverständlich wunderschöne – Bäuerinnen, Jüt, Hiltgart und Mächilt, teilen den Erlös ihres Eierverkaufes auf dem Markt zu gleichen Stücken auf. Dabei bleibt ein Heller übrig. Im Streit um den überzähligen Heller fassen sie den Entschluss, dass jene Frau, welche ihren Mann am ärgsten hereinlegen und hinters Licht führen kann, diesen bekommen soll. Schon hier erkennt man, wie tief verwurzelt die Bosheit im weiblichen Naturell scheint – anstatt den Heller zu verlosen, mittels eines normalen, rationalen Wettbewerbs auszuspielen oder einfach für einen späteren Zeitpunkt aufzuheben, machen die Frauen einen Wettkampf daraus, ihre Männer zu belügen und betrügen.
Die erste Bäuerin, fraw Hiltgart, begann mit ihrer List, sobald sie zu Hause eingetroffen war. Sie behauptete, sterben zu müssen, sofern sich ihr Mann nicht seinen faulen Zahn ziehen lassen sollte, der so arg stinke, dass sie wegen des Geruches sterben müsse. In Wahrheit hatte ihr Mann aber gar keinen faulen Zahn. Nach weiterem Jammern, Schmerzgebärden und Überredungskünsten von Hiltgart ließ er sich aber tatsächlich überzeugen. Von seinem Knecht – der wiederum ein Verhältnis mit seiner Frau hat – ließ er sich einen völlig gesunden Zahn ziehen. Der Bauer litt höllische Schmerzen und blutete, doch das weib hett daran kain genüegen. Sie behauptete, es sei der falsche Zahn gewesen, der faule, der ihr solche Probleme bereitet, säße in der anderen Backe. Und so wurde dem Bauern noch ein weiterer Zahn gezogen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung in die Thematik: Die Einleitung führt in das Motiv der hinterlistigen Frau in mittelalterlichen Mären ein und verknüpft dieses mit biblischen sowie stereotyper Frauenbilder.
2. Böse Frauen in „Aristoteles und Phyllis“ und „Drei böse Frauen“: In diesem Kapitel werden die konkreten Handlungsweisen der Protagonistinnen in den beiden ausgewählten Mären anhand von Textbeispielen analysiert.
3. Erklärungsansätze für das böse Verhalten: Das Kapitel untersucht die Hintergründe für die negative Darstellung, insbesondere den Einfluss der Kirche und die damaligen gesellschaftlichen Machtverhältnisse.
4. Fazit und Schlussbemerkung: Das Fazit fasst zusammen, dass die „böse Frau“ als Stereotyp dient, um gesellschaftliche Kritik zu üben und starre Rollenbilder zu hinterfragen.
Schlüsselwörter
Märe, Mittelalter, Stereotyp, böse Frau, Frauenbild, Aristoteles und Phyllis, Drei listige Frauen, Geschlechterrollen, List, Ehe, Patriarchat, Literaturwissenschaft, Machtverhältnisse, christlicher Glaube, Subversion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert das literarische Motiv der „bösen, listigen Frau“ in zwei ausgewählten mittelalterlichen Mären und untersucht, warum dieses Stereotyp so verbreitet ist.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die Geschlechterrollen im Mittelalter, der Einfluss religiöser Vorstellungen auf das Frauenbild sowie die literarische Darstellung von Macht und Manipulation in der Ehe.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie weibliche Figuren durch List und Täuschung agieren und inwiefern diese Darstellung als Spiegel oder Korrektiv der realen gesellschaftlichen Machtstrukturen des Mittelalters verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse durchgeführt, die die primären Mären „Aristoteles und Phyllis“ sowie „Drei listige Frauen“ im Kontext historischer Sekundärliteratur interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit analysiert?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Untersuchung der Bosheit in den zwei Mären sowie in eine theoretische Herleitung durch christliche Lehren und soziokulturelle Rahmenbedingungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Märe, Stereotyp, Geschlechterrollen, List, Unterordnung, Frauendiskurs und soziale Ordnung.
Wie verhält sich die Figur der Phyllis in „Aristoteles und Phyllis“?
Phyllis nutzt ihre Anziehungskraft gezielt, um den Gelehrten Aristoteles durch eine öffentliche Demütigung zu bestrafen, nachdem dieser ihre Beziehung zum Königssohn unterbunden hat.
Warum wird in „Drei listige Frauen“ die Verstümmelung als extremste Form der List betrachtet?
Die Tat von Frau Mächilt gilt als extrem, da sie weit über bloße verbale Manipulation hinausgeht und ihren Ehemann durch eine Verstümmelung physisch entmannt.
- Quote paper
- Romana Bauer (Author), 2014, Poetik der Stereotype. Die "böse" Frau in der Literatur des Mittelalters, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292656