Organisierte Armut im Franziskanerorden. Das Konzept der Armut von den ersten Ordensregeln bis 1428


Seminararbeit, 2014

20 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitendes

2. Die neue Armut in der alten Welt: Ideologische und sozialpolitische Umstände des neuen Armutskonzeptes

3. Das Ideal des Franziskus: Anfängliches Verständnis von Armut in den Ordensregeln der Franziskaner

4. Franziskanische Armut: Auseinandersetzungen um das Verständnis der Armut von 1230-1428

5. Abschließendes

6. Bibliographie

1. Einleitendes

Im siebten Buch der Bekenntnisse des Augustinus von Hippo, der ,wie wir wissen, um die Wende vom vierten ins fünfte Jahrhundert lebte und lehrte, greift der Kirchenlehrer in einer recht unscheinbaren Passage ein Konzept des christlichen Glaubens vorweg, das gut 700 Jahre später ein Mann aus der Toskana salonfähig machen wird.

Augustinus strebt einen Vergleich an zwischen den Büchern der platonischen Philosophie und den Schriften des Apostels Paulus, den er abschließend als den minimus apostolorum tuorum, als den geringsten deiner Apostel, also der Apostel Jesu’, bezeichnet. In diesem Vergleich hält er es für erwähnenswert, dass die ach so weisen und gelehrten Philosophen nicht die Stimme dieses einen gütigen Gottes vernehmen können und dass Gottes Güte und Erbarmen für die bestimmt ist, welche ihr Leben mit Mühsal fristen müssen und die in voller Demut leben. Im Original lautet die Stelle wie folgt: „nemo ibi audit vocantem: Venite ad me, qui laboratis. dedignantur ab eo discere, quoniam mitis est et humilis corde. abscondisti enim haec a sapientibus et prudentibus et revelasti ea parvulis.“ Zwei Faktoren macht Augustinus als markante Unterschiede zwischen griechischer Lehre und christlichem Glauben geltend:

Das Ertragen von Mühen (qui laboratis) und die demütige Unterwerfung der Gläubigen, der parvuli. Ein religiöses Konzept von Demut, Mühe und Armut, das in den folgenden Jahrhunderten die Glaubenswelt auf das drastischste beeinflussen wird; nichts zuletzt dank Giovanni di Pietro Bernardone, bekannt unter dem Namen Francesco d’ Assisi.

Diese Arbeit soll ebenjene Vorstellung von Armut im mittelalterlichen christlichen Glauben in ihrer Entstehung und dem politisch-sozialen Umfeld beleuchten ebenso wie auf das Konzept der Armut bei den Franziskanern eingehen und die Entwicklung dieser Idee sowie ihre juridische Wandlung erläutern. Da die Armut an sich bloß ein Aspekt, klarerweise ein bedeutender, aber dennoch bloß ein einziger, der franziskanischen Ordenswelt war und ist, kann ich mich auf drei Autoren stützen: Zunächst auf Otto Gerhard Oexle, welcher in „Armut im Mittelalter“ einen nachvollziehbaren Überblick über Umstände und Gründe für dieses revolutionär anmutende Konzept der Armut liefert, dann auf Helmut Fend und sein Standardwerk „Franziskus von Assisi und seine Bewegung“ sowie abschließend auf Jens Röhrkasten, welcher mit „Theorie und Praxis der Armut im mittelalterlichen Franziskanerorden“ ein chronologisch und kirchenpolitisch sehr guten Ablauf der Entwicklung der franziskanischen Armut skizziert.

2. Die neue Armut in der alten Welt: Ideologische und sozialpolitische Umstände des neuen Armutskonzeptes

„In der Urbanisierung des Okzidents, die im 11. und 12. Jahrhundert einsetzte, liegen die Gründe für die Vermehrung der Armut und für die daraus resultierende religiöse Armutsbewegung als einer Bewegung der freiwilligen Armut.“ (Oexle, S.11)

Die Urbanisierung hatte zudem zur Folge, dass Armut jetzt sichtbar wurde. Ob man wollte oder nicht, man musste sich mit ihr auseinandersetzen. War Armut auf dem Lande klarerweise auch ein tagtägliches Problem, so tangierte es doch nur bedingt eine Gesellschaft, die in der Lage war, sie zu beschreiben und aufzuschreiben. Die enorme Vermehrung der Bevölkerung und eine entstehende arbeitsteilige Verkehrswirtschaft kennzeichnen Wanderungs- und Siedlungsbewegungen, soziale und regionale Mobilität und vor allem das Aufblühen der Städte. In den Städten entsteht eine neue, nach pauperes und potentes, nach Arm und Reich gegliederte Gesellschaft.(Oexle, S.11)

Hierin liegen auch die Wurzeln dessen, was André Vauchez als eine révolution de la charité bezeichnet. Damit meint er eine Entfaltung des Hospitalwesens und eine Intensivierung der Reflexion über Armut. (Vauchez, S.151 ff)

Erwähnenswert ist es – und vermutlich weniger bekannt – dass es stets einen Zusammenhang zwischen körperlicher, manueller Arbeit und Armut gab. (Oexle, S.6)

Was wiederum eine Brücke zu Augustinus’ Auffassung schlägt. Die Armen, die Armut, so ließe sich konstatieren, sei im 11. und 12. Jahrhundert endlich sichtbar geworden, doch waren ebendiese Armen seit jeher Objekt des Wortes Gottes und damit eigentlich immer Bestandteil der christlichen Religion. Bei Jesaia 61,6 heißt es nämlich, dass eben den Armen eine frohe Botschaft verkündet werden solle. Das pauperes evangelizantur (oder ptochoi evangelizontai auf Griechisch), die Verkündigung der frohen Botschaft an Arme, an pauperes, galt schon damals als regelrechter Skandal. Denn als ptochoi wurden Bettler, Gelegenheitsarbeiter und Tagelöhner bezeichnet. Ein „Selig sind die Armen“ gehörte wohl nicht in die Vorstellung der griechisch-römischen Welt. (Oexle, S.7) Weshalb die Diskrepanz, die Augustinus evoziert noch verständlicher wird.

Schon körperliches Arbeiten gegen Lohn galt als diffamierend und deklassierend. Manuelle Arbeit machte nicht nur schmutzig, sie disqualifizierte den Menschen auf einer physischen, sozialen, politischen, moralischen und intellektuellen Ebene. (Oexle, S.7)

Doch selbst das Neue Testament kennt einen arbeitenden Jesus, ebenso wie arbeitende Apostel: Er arbeitet für die Ernte (Mt 9,37), ist Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1 ff). Dass einige Apostel zudem Fischer und Zöllner waren ist wohlbekannt, zudem sollten sie als Arme die Arbeit der Verkündigung leisten; was einer regelrechten Revolution gelichkommt, und vom Konzepte Franziskus’ sich nicht allzu sehr unterschied. Die „Entstehung einer geistigen Bewegung in der Tiefe des alltäglichen Volkes, mitten aus dem zeitgenössischen alltäglichen Leben heraus“ (Oexle, S.8), die sich gegen jegliche bekannte, später kirchliche, Wertvorstellung erhob, ist das so außergewöhnliche an den Jüngern Christi und später an der Bewegung des Franz von Assisi. Das Wissen über eine deklassierende Ideologie in den Anfängen des Mittelalters von Seiten der Obrigkeit gegenüber den Armen ist notwendig, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wieso das Konzept Armut in den elitären Sphären der römischen Kirche stets auch Grund zum Disput war. Klarerweise kommt in dieser Diskussion nicht bloß der Unterschied zwischen christlicher und heidnischer Welt und Lehre zum Tragen, sondern auch der Gegensatz von christlichen Auffassungen untereinander.

„Zum Beispiel der Gegensatz zwischen der metaphysisch begründeten Deutung der Welt als einer in Stufen und Ständen (ordines) gegliederten und in dieser Weise von Gott selbst gewollten und geschaffenen Welt einerseits, und, andererseits, einer im Zeichen der Taufe und des göttlichen Gerichts geschaffenen Gleichheit aller Gläubigen.“ (Oexle, S.7)

Ebendiesen Gegensatz beschwört Franziskus in seinem Testament, der „letzten Erinnerung, Ermahnung, und Aufmunterung“ an seine Gefährten. Den Gegensatz zwischen seiner eigenen Lebensform, die ihm selbst von Gott gewiesen wurde, nämlich die vollkommene Armut (vivere secundum formam sancti evangelii) und jener Lebensform des Klerus der römischen Kirche, die Lebensform einer ständisch gegliederten Gesellschaft mit den kirchlichen Würdenträgern an oberster Stelle (vivere secundum formam sanctae ecclesiae Romanae). (Oexle, S.8)

Spricht man von einer Urbanisierung des Okzidents im 11. und 12. Jahrhundert, so kann man davon ausgehen, dass auch Assisi, aber mehr noch Perugia, von einem städtischen Aufblühen betroffen waren. Durch den Aufstieg des Bürgertums wurden mit ihm die Städte zu einer entscheidenden wirtschaftlichen und politischen Kraft. (Feld, 2007, S.77)

Innerhalb von 100 Jahren wuchs in vielen Städten die Bevölkerung um 50 und mehr Prozent an. Ausgehend von 2.255 Feuerstellen in Assisi im Jahre 1232 wird die Einwohnerzahl auf 11.300-15.800 geschätzt. Bereits 1199 hatte man den Mauerring um die Stadt erweitern müssen. Die städtische Bevölkerung teilte sich in eine wohlhabende Oberschicht, den maiores, die um die Wende des 12. Jahrhunderts nicht mehr mit dem Adel identisch war, und in eine einfache Unterschicht, den minores. (Feld, 2007, S.77 ff)

Genau in diese Welt wird Franziskus als Sohn des Kaufmannes Pietro di Bernardone am 26. September 1182 hineingeboren. Und er wird sie verändern.

Das franziskanische Armutskonzept, dessen organisatorische Struktur und Wandlung als Thema dieser Arbeit folgen werden, ist jedoch, wie bereits angedeutet, keine originale franziskanische Idee. Das Franziskanertum steht ganz klar in der Kontinuität der Armutsbewegungen, die vor allem in Frankreich und Italien ein gutes Jahrhundert früher verbreitete waren, trotz seines Anspruchs auf Originalität, Einzigartigkeit und Neuheit, den ja Franziskus selbst schon erhoben hat. (Feld, 2007, S.80)

Schon lange vor Franziskus und den Bettelorden waren viele radikale Ideen einer am Leben Christi und der Urkirche orientierten Kirchenform bekannt. Bekannte Namen derer, die an den Idealen der Eigentumslosigkeit und strenger Buße orientiert waren und keine andere Form kannten als das Evangelium, sind Giovanni Gualberto, Stephan von Tiers, Gerald de Sales und Robert d’Arbrissel. Waren dies allesamt Eremiten, die Wurzel und Ursprung ihres Glaubens allein im Evangelium sahen, so hat doch letzterer wohl am eindrücklichsten und nachhaltigsten gewirkt.

Robert zog ein Wanderleben ohne Stab und Tasche in der Nachfolge Christi vor, als „nackter wollte er dem nackten Christi folgen“. So heißt es in einem Mahnschreiben von Robert an die Gräfin Ermengard von der Bretagne: „Voluntas tua esset, ut mundum relinqueres, et te ipsam abnegares, et nuda nudum Christum in cruce sequereris.“ Das nudum christum nudus sequi, bringt im 11. und 12. Jahrhundert sehr häufig das Lebensideal der Armen Christi zum Ausdruck und gewinnt in der franziskanischen Spiritualität eine eigene zentrale Bedeutung. (Feld, 2007, S.80 ff) Dazu sei bloß an die legendäre Entkleidungsszene des Franziskus vor der versammelten Gemeinde von Assisi erinnert.

3. Das Ideal des Franziskus: Anfängliches Verständnis von Armut in den Ordensregeln der Franziskaner

„Und er sprach zu ihnen: Ihr sollt nichts mit euch nehmen auf den Weg, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch einer nicht zwei Röcke haben.“ So steht es bei Lukas 9,3 geschrieben. Diese Worte die Jesus bei der Aussendung seiner Jünger an sie richtete verstand Franziskus als Aufforderung für sich und seine Anhänger, ein Leben in radikaler Armut ohne jeglichen Besitz zu führen. Es sollten ihnen bloß die Kleider gehören, die sie am Leibe trugen, aber auch diese nicht als Eigentum und Besitz, sondern nur als Leihgabe. (Feld, 2007, S.189) Ein Konzept von Armut, das in den folgenden Jahrzehnten immer wieder bemüht werden wird, um gepredigte Armut und eigentlichen Besitz unter einen Hut zu bringen.

Die Forderung von absoluter Besitzlosigkeit ist in den beiden erhaltenen Ordensregeln festgehalten. So bestimmt die Regula non bullata in ihrem zweiten Kapitel, dass wer auch immer der Bruderschaft beitreten wolle, zunächst seinen gesamten Besitz verkaufen und den Ertrag an die Armen verteilen soll. Brüder und Ordensobere sind von diesem Vorgang ausgeschlossen und dürfen weder direkt noch indirekt etwas von dem Geld annehmen.

[...]

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Details

Titel
Organisierte Armut im Franziskanerorden. Das Konzept der Armut von den ersten Ordensregeln bis 1428
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Geschichte, Institut für Romanistik)
Note
1
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V292775
ISBN (eBook)
9783656898689
ISBN (Buch)
9783656898696
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
organisierte, armut, franziskanerorden, konzept, ordensregeln
Arbeit zitieren
Gregor Bazzanella (Autor), 2014, Organisierte Armut im Franziskanerorden. Das Konzept der Armut von den ersten Ordensregeln bis 1428, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292775

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