Gurkhas für die britische Krone. Der diplomatische Diskurs zwischen Großbritannien und Nepal während des Anglo-Nepalesischen Krieges (1814 - 1816)


Hausarbeit, 2014
32 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Über die Gurkhas

2. Der Krieg mit der East India Company 1814-1816
2.1 Entstehung des Konfliktes
2.2 Die erste Kampagne der Briten

3. Die ersten Gurkhas für Großbritannien
3.1 Die große Problematik bei der Erst-Rekrutierung 1815

4. Der Protektoratsvertrag von Segauli 1816
4.1 Die zweite Kampagne der Briten
4.2 Die Vertragskonditionen und deren Folgen

Resümee

Appendix

Kartenmaterial

Quellenmaterial:

Einleitung

"Kaphar hunnu bhanda mornu ramro chha!"1

Dieser Satz gilt als das traditionelle Motto der Gurkha-Einheiten in den Reihen des britischen Militärs, deren Rekrutierungsmaßnahme mit dem kommenden Jahr seit genau 200 Jahren Bestand hat.2 Es ranken sich sehr viele Mythen um diese durchschnittlich 1,55m großen Elite-Soldaten, welche seit jeher das Khukuri-Messer und den Borneo-Hut als Markenzeichen ihrer Ausgeh-Uniform tragen. Attribute wie vorbildliche Disziplin beim Drill, herausragende Tapferkeit in der Schlacht und bedingungslose Loyalität gegenüber dem britischen Königshaus werden diesen Männern von ihren angelsächsischen Kameraden und in NATO-Kreisen nachgesagt.

Gemeint sind jene Kämpfer des ehemaligen Königreich Gorkha, welche die East India Company bei ihrem Expansionsbestreben gen Nepal in den Jahren 1814-16 bekämpfte. Noch während des anhaltenden Konfliktes, den die moderne Geschichtswissenschaft als Anglo-Nepalesischen Krieg oder Britain’s Gurkha War bezeichnet, rekrutierten die Briten ab 1815 eigene Gurkha-Regimenter aus Überläufern und Kriegsgefangenen, zur Regulierung der militärischen Verluste und Erschließung des schwierigen Geländes. Eine offizielle Etikette erhielt diese Truppenaushebung am 4. März 1816 durch die Ratifizierung des Vertrages von Segauli, welcher gleichzeitig das Ende des Krieges markierte.3

Diese Hausarbeit widmet sich nun der Fragestellung, welche genaue Rekrutierungs-Politik die East India Company 1815 bei der Anwerbung von Gurkha-Kriegern auf lange Sicht verfolgte und weswegen die Gurkha gewillt waren, ihre Loyalität einem Staat zu widmen, welchen sie vorerst nie hätten bereisen dürfen und der Ihnen erst im Jahr 2008 Veteranen- und Einbürgerungskonditionen gewährte.4 Folglich ist es auch das Ziel, den Ursprung, die Ursachen und die Folgen der diplomatischen Verhandlungen zu untersuchen, die diese Rekrutierung möglich machten.

Dazu soll als Erstes die Herkunft des Begriffes „Gurkha“, dessen Ethnie und der Aufstieg des Königreich Gorkha und die Konflikt-Situation mit den Briten in den Jahren 1743-1814 erläutert werden. Es folgt eine kurze Skizzierung zur Entstehung des Anglo-Nepalesischen Krieges und dessen Verlauf 1814-1816, da dieser den Ursprung der diplomatischen Beziehungen zwischen Nepal und Großbritannien darstellt. Die Formung der ersten Gurkha-Regimenter 1815 durch die Initiative des britischen Major-General Sir David Ochterlony finden hierbei besondere Erwähnung. Ebenso wird der kriegsbeendende Protektoratsvertrag von Segauli 1816 an dieser Stelle näher betrachtet werden. Anhand dieser Untersuchungspunkte ergibt sich ein Motiv für die nun mehr legitimierten Rekrutierungsabsichten der Company, welches mit dem Resümee als Ergebnis und einem Ausblick, bezüglich derer Folgen für die Gegenwart, abschließen wird.

Das für diese Untersuchung mit einbezogene Quellenmaterial umfasst die persönlichen Aufzeichnungen von Francis Edward Rawdon Hastings, dem Marquis of Hastings und Earl of Moira, welcher zusätzlich die Position des „Governor-General of India“ vom 30. April 1813 bis zum 31. Januar 1823 innehatte und die Kriegserklärung an das Königreich Gorkha vom 1. November eigens instruierte. Es handelt sich bei diesen Aufzeichnungen um eine direkte Zusammenfassung aller britischen Operationen in Indien, die unter seiner Regentschaft durchgeführt wurden und den Titel „Summary of the operations in India: with their results: from 30 April 1814 to 31 Jan. 1823“ tragen.5 Interessant ist dieses zeitgenössische Werk aufgrund des hohen Detailgrades mit welchem Hastings die militärischen Interventionen während des Gurkha-Krieges schildert. Den Versuch seine eigenen Entscheidungen gleichzeitig zu rechtfertigen und in ein ihn rühmendes Licht zu rücken, vermag er dennoch nicht zu verbergen. Von den Ereignissen wird so nur sehr einseitig aus britischer Sichtweise berichtet, was als Problem für eine sachliche Analyse gewertet werden kann.

Eine weitere Quelle stellt das Werk des Zeitzeugen und britischen Historikers Henry Thoby Prinsep dar, welcher in den Jahren 1814-1816 Mitglied des Kabinettes von Governor-General Hastings in Kalkutta war. Er begann 1823 seine Erlebnisse aus erster Hand unter dem Titel „A History of the Political and Military Transactions in India during the Administration of the Marquis of Hastings“ niederzuschreiben.6 Im Gegensatz zur Darstellung Hastings, gelingt es Prinsep eine neutrale und sachliche Analyse der britischen Kampagne gegen die Gurkha als unmittelbar Außenstehender vorzulegen, die noch heute große Bedeutung in der Forschung findet.7

Als wichtigste Primärquelle wird eine Dokumentensammlung der East India Company hinzugezogen, welche Original-Kopien von Briefen, Korrespondenzen und Verträgen enthält, die während des Krieges verfasst wurden. Im Jahr 1824 wurden diese unter dem Titel „Papers respecting the Nepaul War. Papers regarding the administration of the Marquis of Hastings in India” veröffentlicht.8

Ein Wort zur Quellenlage muss abschließend noch hinzugefügt werden. Nach den Ergebnissen genauer Recherche im Rahmen dieser Hausarbeit, existieren nur britische Quellen, welche die Rekrutierung der Gurkha-Regimenter während des Anglo-Nepalesischen Krieges beschreiben. Dies führt zur begründeten Vermutung, dass man von einer recht einseitigen Schilderung in der Gesamtdarstellung ausgehen muss, abgesehen von den Verträgen, die mit den Gurkhas verhandelt wurden. Das Problem ist schlichtweg das keine Quellen vorliegen oder bekannt sind, welche von einem Gurkha selbst verfasst wurden, so dass man primär nur britische Quellen mit einbeziehen kann.9

In der Sekundärliteratur bietet die Publikation „Krieg im Himalaya: Hintergründe des Maoistenaufstandes in Nepal; eine politische Landeskunde“ von Thomas Benedikter einen präzisen Überblick über die Entstehung des Königreich Gorkha und die aufkeimende Auseinandersetzung mit den Briten in den Jahren 1769-1814.

Weiterführend soll auch der Artikel zu den Gurkhas von Michael Weaver im „Historical Dictionary of the British Empire“ Erwähnung finden, welcher sich insbesondere auf eine Übersicht der militärischen Vorgehensweise der East India Company während des Krieges und die hier von abhängige Aushandlung des Vertrages von Segauli konzentriert.

Einen tieferen Einblick zur Historie der ersten Gurkha-Hilfstruppen in der East India Company liefert die spezialisierte Literatur von Militärhistoriker Chris Bellamy, welche den gesamten militärischen Werdegang der Gurkha-Regimenter von ihrer Gründung 1815 bis zum aktuellen NATO-Einsatz in Afghanistan für die britische Armee in 12 Kapiteln thematisiert. Das gesamte Werk ist mit Augenzeugenberichten und Quellenmaterial versehen, welche in den Fließtext mit eingearbeitet sind und so ein nachvollziehbares Referendum darbieten. Zusätzlich ist ein umfangreicher Anhang vorhanden mit Kartenmaterial, Fotografien und Skizzen, sowie einem Glossar für den militärischen Terminus.

Des Weiteren sind die Erkenntnisse von Sir Francis Tucker, welcher diese bereits 1957 unter dem Titel „Gorkha-The Story of the Gurkhas of Nepal“ verfasste ebenso in diese Hausarbeit mit eingeflossen. Tuker diente von 1912-1948 zuletzt als Lieutenant General in der britischen Armee. Im ersten Weltkrieg kämpfte er in der 2nd King Edward VII's Own Gurkha Rifles als Second Lieutenant und erhielt so tiefe Eindrücke über die Lebens-und Kampfweise seiner nepalesischen Kameraden, welche sein Buch so einzigartig im Vergleich zu den übrigen Autoren in der Sekundärliteratur erscheinen lassen. Es begegnet dem Themenfokus der Rekrutierung hierbei am ausführlichsten, da Tuker, wie er selbst schreibt, ein „Insider“ ist.10

Weiteres Referenzmaterial mit dem Titel „The Gurkhas“ von Byron Farwell, enthält ebenfalls einen umfangreichen Appendix und eine übersichtlich strukturierte Stellungnahme zur Rekrutierung der Gurkhas, ergänzt diese jedoch zusätzlich um Lebensweise, Traditionen und Familienumstände, was nochmal ein genaueres Bild zur Kultur der Gurkhas kreiert, da Farwell 1967 auf einer Bildungsreise in Nepal direkten Kontakt mit angehenden Gurkha-Rekruten und Veteranen pflegte.11

Das Buch „Britain’s Gurkha War: The Invasion of Nepal, 1814-16“ von John Pemble hingegen legt sein Hautaugenmerk auf den Gurkha-Krieg an sich und beschreibt in 3 Teilen mit 12 Kapiteln im Detail, Entstehung, Verlauf und Ausgang des Konfliktes. Eine genaue Kopie des Vertrages von Segauli ist im großzügigen Anhang vorhanden und wurde nach Abgleich mit den Quellen der British East India Company in diese Hausarbeit zu Untersuchungszwecken integriert.

Das umfangreichste Werk, welches in direkter Zusammenarbeit mit dem Gurkha Museum in Winchester, Großbritannien entstand, trägt den Titel „Britain’s Gurkhas“ geschrieben von Christopher Bullock. Es enthält detailliertes Kartenmaterial zum Anglo-Nepalesischen Krieg und ist, von allen in dieser Hausarbeit verwendeten Werken, am meisten illustriert. Bullock selbst ist Kurator des Gurkha Museums.

Eine genaue Angabe der Quellen, Quellensammlungen und Sekundärliteratur ist der Bibliographie entsprechend zu entnehmen.

Diese Hausarbeit ist ein wissenschaftlicher Beitrag zur kritischen Hinterfragung des Ursprunges der Gurkha-Rekrutierung durch die East India Company am 24. Januar 1815 und zugleich eine Stellungnahme zum Anglo-Nepalesischen Krieg als Beginn dieser Truppenaushebung.

1. Über die Gurkhas

Die weltweit populäre Titulierung „Gurkha“ ist eine britische Sprachmodifikation des Begriffes „Gorkha“. Im militärischen Kontext gilt das Wort als Sammelbezeichnung innerhalb der Streitkräfte Großbritanniens für alle in Nepal rekrutierten Hilfstruppen, unabhängig derer ethnischen Herkunft. Es wurde daher 1891 zur Vereinheitlichung der entsprechenden Regimenter-Bezeichnungen für die Armee-Register standardisiert. Im Englischen wird es ´gerker´ gesprochen. Es entstand aus irrtümlichen Schreibweisen wie beispielsweise „Goorkha“, „Ghoorkha“ und „Ghorka“, die in der East India Company gebräuchlich waren und sowohl für Feind als auch für die eigenen Hilfstruppen verwendet wurden.12 Gegensätzlich werden in Nepal, diejenigen Soldaten, welche in einer auswärtigen Armee als Söldner dienen, „lahuré“ genannt, was „Ausgeliehener“ bedeutet.13

Die Verwaltung der heutigen Demokratischen Bundesrepublik Nepal ist gegliedert in 5 Entwicklungsregionen, die in 14 Verwaltungszonen mit wiederum 75 Distrikten segregiert sind. Der Name des 23. Distrikts und dessen Hauptstadt lautet „Gorkha“, sie liegt ca. 80 Kilometer in westlicher Luftlinie von der Staatshauptstadt Kathmandu entfernt.14 Der dort gesprochene Dialekt heißt „Gorkhali“ und ist als offizielle Amtssprache Nepals seit 1905 besser bekannt als Nepali.15 Die Einwohner nennen sich selbst „Gorkhalis“, was frei übersetzt in der deutschen Sprache „Behüter der Rinder“ bedeutet und etymologisch, laut den Einheimischen, auf den im 8. Jahrhundert nach Christus lebenden Hindu-Kriegshelden Guru Goraksanath zurück zu führen ist.16 Ethnologisch betrachtet leben 2 Volksstämme im Distrikt Gorkha zu denen die Gurungs und die Magar zählen, welche auch den Kern der heute von den Briten rekrutierten Truppen ausmachen.17

Die Gurkhas selbst zählen nicht als eigene ethnische Gruppe oder Volksstamm innerhalb der sozialen Gesellschafts-Struktur Nepals, welche ähnlich der Republik Indien, streng hierarchisch in einem Kasten-System organisiert ist. Man könnte eher sagen, dass jeder Gurkha ein Nepalese ist, aber nicht jeder Nepalese ein Gurkha, gleichzusetzen mit der heimischeren, beispielhaften Behauptung, jeder Osnabrücker ist ein deutscher Staatsbürger, aber nicht jeder deutsche Staatsbürger ist ein Osnabrücker. Das Stichwort an dieser Stelle ist die historische Genese Nepals, auf die in dieser Hausarbeit eingegangen werden muss, um die Hintergründe des Anglo-Nepalesischen Krieges, der Kausalkette hinzuzufügen, welche zur titelgebenden Rekrutierung führt.

Im Grunde existiert die gegenwärtige Staatsbezeichnung „Nepal“ erst seit ca. 83 Jahren und war vorher lediglich, der von dessen Einwohnern genutzte Name für das Kathmandu-Tal.18 Bis zum Jahr 1742 dominierte nicht das Bild einer geeinten Nation, sondern einer Ansammlung von 46 unabhängigen Fürstentümern, die sich in losen Bündnissen zu je 22(Baisi) und 24(Chaubisi) organisiert hatten und bekriegten. Des Weiteren wurde das Kathmandu-Tal von drei Königreichen der sterbenden Malla-Dynastie regiert(Kantipur (Kathmandu), Bhat Gaon (Bhaktapur) und Lalitpur (Patan)). Zu guter Letzt wurde der jenseitige Osten des Kathmandu-Tales und das Himalaya Gebirge durch die Stämme der Kiranti beherrscht und galt allgemein als unwirtliche Gegend.19

Prithvi Narayan Shah, der 9. Nachfolger der in Nepal bis ins Jahr 2008 andauernderen „Shah-Dynastie“,20 wurde 1743 Regent des Fürstentums Gorkha, welches zu diesem Zeitpunkt, laut Forschungsstand, den Grenzen des heutigen Distriktes Gorkha entsprach und zum Bund der Chaubisi gehörte. Von diesem aus einigte er gewaltsam durch mehrere Feldzüge gegen die umliegenden Fürstentümer und die Königreiche im Kathmandu-Tal, bis zu seinem Tod im Jahr 1775 das gesamte heutige Staatsgebiet Nepals. Diese militärische Errungenschaft gilt bis heute als die erste und einzige Einigung des Staates. Prithvi Narayan Shah verlegte 1769 seinen Herrschersitz von Gorkha nach Kathmandu und festigte so die heutige Hauptstadt.21

Von 1769-1931 trug Nepal international den formellen Namen „Königreich Gorkha“. Die Einwohner wurden von ihren chinesischen und indischen Nachbarn „Gorkhas“ genannt. Somit ist abschließend festzuhalten, dass der Terminus „Gorkha“ oder eben „Gurkha“ eine nicht mehr aktuelle Bezeichnung der Staatsbürger Nepals darstellt.

Mit der Übernahme des Kathmandu-Tals begann Prithvi Narayan einen Prozess der militärischen Eroberung und Unterwerfung weiterer zahlreicher Kleinstaaten und Völker Nepals, der von seinen Nachfolgern konsequent fortgesetzt wurde.22 Doch die Expansionsabsichten gingen über die Eroberung nepalesischer Kleinstaaten weit hinaus. Richtung Osten dehnten die Gurkhas ihr Reich aus, indem sie zunächst Gebiete in Ost-Nepal überrannten und schließlich nach einem zermürbenden Krieg 1789 auch das Königreich Sikkim im Osten von Nepal eroberten. In westlicher Richtung fielen nach weiteren Kriegen bis 1794 Kumaon und 1804 Garhwal ebenfalls an die Gurkhas. Ausdehnungsversuche in nördlicher Richtung führten zum ersten und zweiten Nepal-Tibet Krieg 1788-1792, der keine territorialen Gewinne erbrachte, dafür einen stabilen Frieden mit China schuf.

Im Süden schickte Bhimsen Thapa, welcher am 25. April 1806 das Amt des Premierministers übernahm,23 Truppen unter dem Kommando seines Vaters, General Amar Singh Thapa, nach Palpa und konnte das letzte unabhängige Fürstentum der Chaubisi einnehmen. Amar Singh Thapa wurde Gouverneur von Palpa und übernahm zugleich Butwal in das Königreich Gorkha. Durch die Übernahme von Palpa kamen die Gurkhas in die Nähe der Region von Gorakhpur und nun ihrerseits in die Nähe der Briten.24

Farwell schreibt: „Before the end oft he eighteenth century these warlike people had reached the zenith of their power and were rubbing the edges of territory conquered by another warlike people: the British.“25

2. Der Krieg mit der East India Company 1814-1816

2.1 Entstehung des Konfliktes

Der East India Company war das Erstarken des nördlichen Nachbarn nicht verborgen geblieben und die ersten Vorbereitungen für den bevorstehenden Konflikt wurden bereits getroffen, da man dem aggressiven Königreich Gorkha, bei einem eventuellen Angriff auf Britisch-Indien, zuvorkommen wollte. Weiterhin gab die ungenau festgelegte Grenze zwischen Indien und Nepal Anlass zum Zwist mit den Gurkhas. Nachdem Richard Wellesley, 1797 bis 1805 Governor-General der East India Company, die britische Herrschaft in Indien zu einem Empire ausdehnte, kündigte man unter seinem Nachfolger Gilbert Elliot-Murray-Kynynmound 1806 an, die umstrittenen Gebiete auch mit Gewalt zu besetzen. Als Hastings 1813 das Amt des Governor-Generals übernahm, wurde diese Drohung schließlich wahr gemacht.26 Die Gurkhas annektierten ihrerseits ebenfalls Gebiete südlich von Butwal, dessen genaue Zugehörigkeit nicht vertraglich geregelt war.27

Die East India Company hatte ihre koloniale Herrschaft auf dem gesamten indischen Subkontinent bis zum Ende des 18. Jahrhunderts fest etabliert.28 Insofern kam es den Briten gelegen, zur Ausweitung und Festigung ihres Reichs mit dieser Handlung einen Krieg zu provozieren und gleichzeitig die Expansionsabsichten der Gurkhas zu stoppen. Dies lässt sich anhand von zwei Punkten begründen:

Von besonderer Bedeutung waren die inzwischen zum Königreich Gorkha gehörenden Bergpässe wie Dehradun, Kumaon, Simla oder Darjeeling. Noch wichtiger aber war die damit verbundene Möglichkeit des Handels mit Tibet, der nur auf dem Weg durch die Gebiete der Gurkhas möglich war. Noch zu Zeiten der Malla-Könige waren die Briten in Nepal willkommen, doch Prithvi Narayan Shah sah in ihnen ein Hindernis, sein neues Reich zu festigen und wies sie aus. In der Zeit der Regierung Bahadur Shahs, der ab 1777 zunächst die Regierungsgeschäfte für seinen damals 2-jährigen Neffen König Rana Bahadur Shah übernahm,29 stellten die Briten einen Antrag, die Handelswege nach Tibet benutzen zu dürfen, der von Bahadur Shah jedoch abgelehnt wurde. So liegt es nahe zu vermuten, dass der Krieg gegen Nepal aus wirtschaftlichen und politischen Interessen durchaus schon längerfristig geplant war. Schon während der Regierungszeit von Girbanyudha Bikram Shah (1799-1816) erwägte die britische Regierung eine Besetzung des Gebietes in Süd-Nepal, und es überraschte nicht, dass Hastings nun im Sinne der Grenz-Defizite von den Gurkhas verlangte, Butwal zu verlassen.30 Prinsep selbst schreibt dazu, dass sich Hastings durch die rasche Expansion der Gurkhas in Butwal und Umgebung unmittelbar herausgefordert und bedroht gefühlt hätte.31

Bhimsen Thapa berief nach dem Ultimatum von Hastings eine Konferenz ein. Im Königspalast in Kathmandu wurde die Situation besprochen. Amar Singh Thapa erklärte, die Briten würden versuchen, sich zur Stärkung ihrer militärischen Macht mit den gerade übernommenen kleineren Königreichen Palpa und Butwal zu verbünden. Doch Bhimsen Thapa sah trotz der Überlegenheit der modernen britischen Waffentechnologie die Vorteile, im gebirgigen Gelände zu kämpfen, auf der Seite der Gurkhas: „Sowohl unsere Berge als auch die Schnelligkeit und Stärke unserer Kämpfer sind Gottes Geschenke und daher von den Briten nicht besiegbar.“ Ihm muss bei diesen Worten bewusst gewesen sein, dass der Krieg nun unvermeidlich sein würde.32 Hastings befahl einen ersten Angriff auf die Ortschaften Butwal und Palpa durch eine Vorhut im Oktober 1814. Der Gouverneur von Palpa, Amar Singh Thapa, wartete zunächst auf eine Order aus Kathmandu. Diese kam dann auch einige Tage später mit dem Befehl, die britischen Truppen anzugreifen.

Die Kriegserklärung wurde noch im selben Jahr am 1. November 1814 gemacht, obwohl die britische Invasion ja schon vorher begonnen hatte, was ein weiteres Argument ist, dass Hastings den Krieg bereits vorher geplant hatte, da nun alles sehr schnell ging. Insgesamt wurden auf britischer Seite 23.500 Soldaten, gut ausgerüstet mit schweren 12-Pfünder Haubitzen und Gewehren in den mobilen Status versetzt.33 Zwei Drittel dieser Soldaten waren aus der indischen Bevölkerung rekrutierte Sepoys.34 Dagegen kämpften ca. 12.000 Gurkha-Soldaten unter dem Kommando von Amar Singh Thapa und Balabhadra Kunwar.35

2.2 Die erste Kampagne der Briten

Der Plan im Umfang einer ersten, groß angelegten Offensive von Governor-General Hastings sah es vor, dass Königreich Gorkha mit 5 Divisionen an 5 Plätzen anzugreifen und die Gebirgspässe nach Tibet zu sichern:36

Die erste Division unterstand Colonel Sir David Ochterlony. Sie sollte mit 6.000 Männern und 16 Kanonen von Ludhiana aus im westlichsten Teil einfallen und kämpfte gegen Amar Singh Thapas und Sardar Bhakti Thapas Truppen bei Jaitak und Malaun.

Die zweite Division, unter dem Kommando von Major-General Robert Gillespie, sollte von Saharanpur aus (heute Uttar Pradesh) nach Dehradun, Garhwal und Kalunga vordringen. Diese Truppe bestand aus mehr als 3.500 Soldaten und traf auf Balbhadra Kunwar.

Die dritte Division wurde von Major-General John Sullivan Wood kommandiert und bestand aus 4.000 Soldaten. Sie wurde bei Gorakhpur aufgestellt um Butwal und Palpa anzugreifen. Sie traf auf Ujir Singh Thapa.

Major-General Bennet Marley sollte mit 8.000 Soldaten der vierten Division und 26 Kanonen über Makwanpur nach Kathmandu vorstoßen. Sie trafen auf Gurkha-Soldaten, die Rana Bir Singh Thapa unterstanden. Die deutlich höhere Zahl von 8000 Soldaten markiert an dieser Stelle, wie wichtig Hastings ein schneller Sieg durch die Übernahme von Kathmandu und dem Königspalast war.

Die fünfte Division unter Major-General Gardner bestand aus 2.000 Soldaten und sollte von Dehli aus Almora angreifen.37

Die anfänglichen Resultate der ersten Kampagne waren ernüchternd. Major-General Gillespie verlor bei der Schlacht um das Fort Kalunga am 31. Oktober 1814 zusammen mit 31 erfahrenen, britischen Offizieren und 750 Gemeinen sein Leben. Die Gurkhas verbuchten so anfangs einen Phyrrus-Sieg mit 520 Gefallenen unter ihrem General Balabhadra Kunwar. Das Fort konnte dennoch im dritten Anlauf unter schweren Verlusten von der East India Company am 30. November 1814 genommen werden, da den Belagerten die Lebensmittel zur Neige gingen.

Die drei Divisionen unter Wood, Marley und Gardner verloren je über ein Drittel ihrer Mann-Stärke durch hartnäckige Gegenwehr, rückten im schwierigen Gelände nur mühsam vor und verharrten schließlich bis Januar 1815 in ihrer derzeitigen Position. Lediglich Gardner nahm unter schweren Verlusten am 27. April 1815 Almora ein.

Die erste Division unter Colonel Ochterlony hingegen erzielte den entscheidenden Sieg in der Schlacht um die Festung Malaun am 15. Mai 1815 gegen die Streitkraft von Amar Sing Thapa, welcher in britische Gefangenschaft geriet.38

In den Papieren der East India Company liegt eine Kopie der Kapitulations-Verhandlung vom 15. Mai 1815 vor mit dem Titel: „Convention or Agreement entered into between Kajee Ummer Sing Thappa and Major-General Ochterlony, on the 15th May 1815.“ Laut den Papieren wurde Ochterlony zum Major-General befördert und war Verhandlungsbefugter der British East India Company.39 Die Bedingungen besagten, dass Thapa sich zusammen mit 300 Soldaten seiner Gurkha-Truppen hinter die östliche Grenze des Maha Kali Flusses zurückziehen sollte.40 Die Entlassung aus der Gefangenschaft sei eine Geste der Würdigung seiner militärischen Leistungen.41 Sehr viel wahrscheinlicher ist es jedoch, dass er seinem Sohn Bhimsen Thapa in Kathmandu die Kapitulationsdokumente überbringen sollte. Die Briten wollten so ihre Macht demonstrieren und eine moralische Destabilisierung bewirken, gleichzeitig begreiflich machend, dass dieser Krieg nicht militärisch vom Königreich Gorkha gewonnen werden könnte, da Amar Sing Thapa mit Sicherheit von der Übermacht der britischen Streitkräfte und deren technologischer Überlegenheit berichten würde.

[...]


1 (aus dem Nepalesischen) „Es ist besser zu sterben denn als Feigling zu leben!“

2 The Gurkha Museum Winchester, (http://www.thegurkhamuseum.co.uk/), Abruf am 17.02.2014, Dazu Farwell, Byron, The Gurkhas, New York 1990, S. 11

3 Benedikter, Thomas, Krieg im Himalaya: Hintergründe des Maoistenaufstandes in Nepal. Eine politische Landeskunde, Politikwissenschaft, Bd 97, Münster 2003, S.69; East India Company, Papers respecting the Nepaul War. Papers regarding the administration of the Marquis of Hastings in India, London 1824, S. 835-837; Weaver, Michael, Gurkha War, 1814-1816, in: Historical Dictionary of the British Empire, Volume 1, Olson, James Stuart, Shadle, Robert (Hrsg.), London 1996, S. 492-493

4 BBC News, (http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/7644441.stm), vom 30.09.2008, Abruf am 23.02.2014

5 Marquis of Hastings, Summary of the operations in India: With their results: from 30 April 1814 to 31 Jan. 1823, London 1824, S. 1

6 Prinsep, Henry Thoby, A History of the Political and Military Transactions in India during the Administration of the Marquis of Hastings,1813-1823,Vol. 1, London 1825, S. 1

7 Bellamy, Chris, The Gurkhas. Special Force, London 2011, S. 380; Farwell, S. 307; Pemble, John, Britain’s Gurkha War. The Invasion of Nepal, 1814-16, S. Yorkshire 2008, S. 376

8 East India Company, S. 1

9 „[…]no Gurkha ever wrote a book about his experiences in any language; no collections of Gurkha letters are extant; no nepalese records are available; until the middle of this century there were not even short articles written by Gurkha soldiers.[…]”, Farwell, S. 13

10 Tuker, Sir Francis, Gorkha: The Story of the Gurkhas of Nepal, London 1957, S. 2-3

11 Farwell, S. 11

12 Bellamy, S. 5-6; Bullock, Christopher, Britain’s Gurkhas, London 2009, S. 278-281; Farwell, S.12-13, 296-299; Vgl. Quelle Q2 für die Änderungen der Regimenter-Bezeichnungen in den Jahren 1815-1891

13 Bellamy, S. 6, 53; Pemble, S. 349

14 Siehe Karte M1 und M2; Dazu Bellamy, S. 5; Hartung, Ray, Nepal. Mit Kathmandu, Annapurna, Mount Everest und den schönsten Trekkingrouten, Berlin 2014, S. 22

15 Farwell, S. 22; Hartung, S. 83; Pemble, S. 6

16 Bellamy, S. 5-6;

17 Farwell, S.22-23, 300-304; Hartung, S. 72-73

18 Siehe Karte M3

19 Bellamy, S. 24-25; Bullock, S. 14; Farwell, S. 27-28; Hartung, S. 51-52; Pemble, S. 9-11

20 Siehe Herrscherstammbaum Q1

21 Bellamy, S. 7; Bullock, S. 17-19; Farwell, S. 27-28; Hartung, S. 53-54; Pemble, S. 10-13

22 Vgl. die Herrschafts-Perioden in Q1

23 Bhimsen Thapa galt als die zentrale politische Figur des Königreich Gorkha, da der Thronfolger König Girbanyudha erst 8 Jahre alt war; vgl. Q2

24 Vgl. M4 und M5; dazu Bellamy, S. 30-32; Bullock, S. 20-21; Farwell, S. 28-29; Hartung, S. 54-55; Pemble, S. 13-22

25 Farwell, S. 28

26 Hastings, S. 9

27 Bellamy, S. 32; Bullock, S. 21; Farwell, S. 29; Hartung, S. 55; Pemble, S. 47-49

28 Siehe M5

29 Siehe Q1

30 Pemble, John, Forgetting And Remembering Britain’s Gurkha War, in: Asian Affairs, 40. Jg. 2009, Heft 3, S. 361-376

31 Princep, S. 54-80

32 Prinsep, S. 458-460

33 Weaver, S.493-493

34 (aus dem persischen) „Soldat“ bezeichnete die in Indien unter den Einheimischen angeworbenen Hilfstruppen der East India Company

35 Bellamy, S. 32-34; Bullock, S. 21-22; Farwell, S. 29; Hartung, S. 55; Pemble, S. 47-53

36 Siehe M7

37 Bellamy, S. 33-34; Bullock, S. 22;Farwell, S. 29-30; Prinsep, S. 83-85, 94-95

38 Bellamy, S. 39-40, 50; Bullock, S. 22-25; Farwell, S. 30-33; Pemble, S. 134-141, 261, 271, 284-287;

39 Siehe Q4

40 Siehe M7

41 Siehe Q4, Artikel 1-4

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Gurkhas für die britische Krone. Der diplomatische Diskurs zwischen Großbritannien und Nepal während des Anglo-Nepalesischen Krieges (1814 - 1816)
Hochschule
Universität Osnabrück  (Fachbereich 2: Kultur- und Geowissenschaften)
Veranstaltung
Internationale Beziehungen von 1789-1815
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
32
Katalognummer
V292786
ISBN (eBook)
9783656898603
ISBN (Buch)
9783656898610
Dateigröße
5435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gurkha, Nepal, Großbritannien, Anglo-Nepalesischer Krieg, 1814-1816
Arbeit zitieren
Björn-Alexander Thieler (Autor), 2014, Gurkhas für die britische Krone. Der diplomatische Diskurs zwischen Großbritannien und Nepal während des Anglo-Nepalesischen Krieges (1814 - 1816), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292786

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