Grundlagen der Phonemanalyse unter eingehender Berücksichtigung des Phonembegriffs der Prager Schule


Seminararbeit, 1997

16 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Grundlagen und Begriffe der Phonologie
II.1. Die Begründung der Phonologie
II.1.1. Vorläufer in der phonologischen Forschung
II.1.2. Die Prager Schule des Strukturalismus
II.2. Phonembegriff und Phonemanalyse
II.2.1. Das Phonem als Grundeinheit der Phonologie
II.2.2. Varianten eines Phonems
II.2.3. Relevante und redundante Merkmale
II.2.4. Neutralisation
II.2.5. Synchronie und Diachronie
II.2.6. Deskriptive und präskriptive Sprachwissenschaft
II.2.7. Syntagmatische und paradigmatische Beziehungen

III. Die Bedeutung der Phonologie für die Sprachwissenschaft

IV. Literatur

I. Einleitung

Die Phonologie ist, verglichen mit der Phonetik, die jüngere Wissenschaft. Bei der Phonetik handelt es sich um den Teilbereich der Linguistik, der Sprachlaute als konkrete physikalische Erscheinungen untersucht und beschreibt; in der Phonologie dagegen steht die Funktionalität der Laute im Vordergrund. Das bedeutet: Es wird nur das ins Auge gefaßt, was eine festumrissene Funktion in der jeweiligen Sprache erfüllt. Zur Beschreibung der Eigenschaften, die für sie von Bedeutung sind, bedient sich die Phonologie allerdings der physiologisch-naturwissenschaftlichen Kriterien aus der Phonetik.

Im Gegensatz zur Phonetik, der Lautlehre auf der Ebene der Rede und der Norm, ist die Phonologie an ein bestimmtes Sprachsystem gebunden: Sie ist Lautlehre auf der Ebene des Systems[1].

Entwickelt wurde die Phonologie, deren Verfahrensweisen hier dargestellt werden sollen, im wesentlichen in der Prager Schule des Strukturalismus. Die Theorien, die dieser Schule entstammen und heute als Basis linguistischer Forschungen gelten, sollen im folgenden eingehend berücksichtigt werden.

II. Grundlagen und Begriffe der Phonologie

II.1. Die Begründung der Phonologie

II.1.1. Vorläufer in der phonologischen Forschung

Eine entscheidende Rolle bei der Wegbereitung der Phonologie spielte der polnische Linguist Jan Baudouin de Courtenay. Bereits in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts erkannte er, daß Lautwerte zur Differenzierung der Bedeutung einer sprachlichen Einheit verwendet werden und ,,daß die unendlich verschiedenen tatsächlich geäußerten Laute im Bewußtsein der Sprecher einer Sprache einer genau angebbaren Menge von Lauttypen entsprechen“ (Geckeler/Dietrich 1995: 24).

Kruszewski, ein Schüler Courtenays, entwickelte die Thesen seines Lehrers fort und beschrieb das Phonem[2] als phonetische Einheit mit einer besonderen Funktion im Verständigungsprozeß.

Zwar stimmten diese frühen Definitionen nicht mit dem heutigen Phonembegriff überein, dennoch ebneten sie, wie Milka Ivic (1971: 122) feststellt, ,,den Weg für das Eindringen in das Wesen des Phonems“ und damit für die Phonologie als Teilbereich der Sprachwissenschaft.

II.1.2. Die Prager Schule des Strukturalismus

Die Grundgedanken der Phonologie schließlich gehen zurück auf die Prager Schule des Strukturalismus mit Nikolaj Trubetzkoy[3] und Roman Jakobson[4] als ihren wichtigsten Vertretern.

1926 bildete sich in Prag eine sprachwissenschaftliche Vereinigung, der sogenannte Cercle Linguistique de Prague. Die ersten Mitglieder gehörten einer Generation von Wissenschaftlern an, die die neuesten Strömungen der Sprachwissenschaft, unter anderem die Ideen de Saussures[5] und Courtenays, aufnahmen und weiterverfolgten.

Zwei Jahre nach seiner Gründung erlangte der Prager Zirkel internationale Bekanntheit, als auf dem 1. Internationalen Kongreß der Linguisten in Den Haag ein Programm einiger seiner Mitglieder, darunter auch Jakobson und Trubetzkoy, vorgelegt wurde. Das Publikationsorgan des Prager Zirkels, die achtbändigen Travaux du Cercle Linguistique de Prague (TCLP), gilt noch heute als allgemeine Grundlage phonologischer Betrachtungen.

Die Prager Schule war es, die die Sprachwissenschaft erstmals als linguistique structurale et fonctionelle[6] charakterisierte und damit zwei entscheidende Erkenntnisse für die Betrachtung des Funktionierens von Sprache zusammenfaßte. Der Begriff linguistique structurale impliziert, daß jedes Element der Sprache nur als Glied im gesamten Sprachsystem und nicht losgelöst davon betrachtet werden kann. Ein Laut für sich genommen, beispielsweise der Vokal a, erhält erst eine Bedeutung, wenn man ihn innerhalb eines Sprachsystems beziehungsweise im Vergleich zu anderen Lauten dieses Systems betrachtet. Hier wird eine von Ferdinand de Saussure gewonnene Einsicht, die heute Grundlage jeder strukturalistischen Theorie ist, aufgegriffen: Nicht das Wesen der Dinge ist für ihre Definition entscheidend, sondern ihre Position in einem System.

Wenn die Sprachwissenschaft als funktionell bezeichnet wird, spiegelt dies die Erkenntnis wider, daß sprachliche Elemente konkrete Funktionen, in der Regel in bezug auf Kommunikation, besitzen. In der Phonologie wird demnach am Laut nur das als relevant akzeptiert und untersucht, was eine bestimmte Funktion im Sprachgebilde erfüllt. Der Prager Strukturalismus wird, zurückgehend auf diese Erkenntnis, auch als Funktionalismus bezeichnet.

II.2. Phonembegriff und Phonemanalyse

II.2.1. Das Phonem als Grundeinheit der Phonologie

Die Grundeinheit in der Phonologie ist das Phonem, das definiert wird als kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit innerhalb eines Sprachsystems. Phoneme als solche haben keine Bedeutung, wohl aber bedeutungs-unterscheidende Funktion. Sie sind nicht zu verwechseln mit den Phonen: Hierbei handelt es sich um Lautsegmente, deren Status im Sprachsystem noch nicht definiert ist.

Nach der in II.1.2. erläuterten Charakterisierung des Sprachsystems durch Ferdinand de Saussure ist das einzelne Systemelement, beispielsweise ein Laut, nur negativ zu definieren als das, was alle anderen Elemente des jeweiligen Sprachsystems nicht sind. Oder, wie es Georges Mounin (1978: 81) formuliert: ,,Das Charakteristische eines Phonems kann nur definiert werden als die Summe der distinktiven Merkmale, die zusammenwirken, um gerade dieses Phonem zu konstituieren“. Ein zentraler Begriff in der Phonologie, der in diesem Zusammenhang verwendet wird, ist der der Opposition: Hier handelt es sich um

[...]


[1] Die Einteilung der Sprache in System, Norm und Rede geht zurück auf Eugenio Coseriu, der das vom Schweizer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure entworfene Modell der Zweiteilung zwischen langue und parole als unzureichend kritisierte. Coseriu unterteilte die langue in das Funktionelle der Sprache (System) und das in einer Sprache Übliche (Norm).

[2] kleinste Einheit in der Phonologie; heute allgemein akzeptierte Definition unter II.2.1.

[3] Nikolaj Sergejevitsch Trubetzkoy, 1890 in Moskau geboren, verließ Rußland nach der Revolution und hatte von 1922 bis zu seinem Tod 1938 den Lehrstuhl für Slawistik in Wien inne. Obwohl er seine wissenschaftliche Laufbahn als Ethnologe begann, wurde die Sprachwissenschaft schon früh zu seinem Hauptinteressengebiet.

[4] Roman Jakobson, 1896 in Moskau geboren, verließ Rußland ebenfalls nach der Revolution und nahm 1920 sein Studium in Prag auf, wo er zehn Jahre später promovierte. 1939 floh er vor den deutschen Besatzungsmächten nach Stockholm. Wenig später wanderte er in die USA aus, wo er sich als Professor in Harvard der Weiterentwicklung der Ideen des Prager Zirkels verschrieb. Jakobson starb 1982.

[5] Ferdinand de Saussure verstarb 1913. In seinem postum veröffentlichten Cours de linguistique générale (CLG) sind grundlegende Begriffe und Sachverhalte der Sprachwissenschaft festgehalten. Etliche Linguisten übernahmen de Saussures Theorien und bauten darauf eigene Prinzipien auf.

[6] aus TCLP 4: 291; zitiert in Szemerényi, 1971: 56

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Grundlagen der Phonemanalyse unter eingehender Berücksichtigung des Phonembegriffs der Prager Schule
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Romanisches Seminar)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1997
Seiten
16
Katalognummer
V29279
ISBN (eBook)
9783638308380
ISBN (Buch)
9783656073963
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Nützlich für alle, die einen ersten Überblick über das sprachwissenschaftliche Thema Phonologie suchen
Schlagworte
Grundlagen, Phonemanalyse, Berücksichtigung, Phonembegriffs, Prager, Schule
Arbeit zitieren
Kristin Hammer (Autor), 1997, Grundlagen der Phonemanalyse unter eingehender Berücksichtigung des Phonembegriffs der Prager Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29279

Kommentare

  • Gast am 21.5.2007

    Madame Meyer, salut!.

    Hallo Kristin,
    die Welt ist so klein! Wollte mich nur kurz in puncto "3-Konsonanten-Gesetz" schlau machen und stolpere über Deine Arbeit aus unserem damaligen Erstiseminar in MS. Viele Grüße aus Bremen!
    Madame Fröhlisch

Im eBook lesen
Titel: Grundlagen der Phonemanalyse unter eingehender Berücksichtigung des Phonembegriffs der Prager Schule



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden