Platon, der mit Sicherheit als einer der einflussreichsten Philosophen der abendländischen Kultur gesehen werden muss, wurde, nicht zuletzt wegen der Erfahrungen, die die Welt durch den Aufstieg totalitärer Systeme im 20. Jahrhundert erfahren hat und seiner vermeintlichen Feindschaft zur attischen Demokratie, zur Zielscheibe kontroverser Diskussionen. Der hauptsächliche Kern dieser Diskussionen bezog sich vor allem auf den Charakter des von ihm entwickelten Idealstaates und manifestierte sich in der Frage, ob dieser als totalitär zu bezeichnen sei und er demnach selbst Anhänger totalitärer Ideen gewesen sein könnte. Bezüglich dieser Anschuldigungen zum Totalitarismus sticht auf Seiten der Antiplatoniker besonders Karl Popper mit seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ heraus, mit dem er die wohl radikalste, weitgehendste und systematischste Kritik an Platon und dessen Werken erarbeitete. Er sieht in ihm einen der Wegbereiter nationalsozialistischer und bolschewistischer Diktaturen und ihrer grauenvollen Verbrechen.
Dies ist auch der Grund, warum hauptsächlich die Vorwürfe Poppers zur Grundlage der Untersuchungen und der Überprüfung von Platons Staatsentwurf verwendet werden sollen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Totalitarismusbegriff nach Friedrich und Brzezinski
3. Poppers Platon-Kritik
3.1 Die „offene Gesellschaft“
3.2 Platons „politisches Programm“
4. Überprüfung von Poppers Vorwürfen anhand der „Politeia"
5. Fazit: Ist Platons Staat totalitär?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kontroverse Frage, ob Platons Entwurf eines Idealstaates in der „Politeia“ als totalitär klassifiziert werden kann. Dabei steht die kritische Auseinandersetzung mit der Totalitarismustheorie von Karl Popper im Zentrum, deren Vorwürfe gegen Platon einer systematischen Prüfung anhand von Definitionen nach Friedrich und Brzezinski unterzogen werden.
- Totalitarismusbegriff nach Friedrich und Brzezinski
- Kritik Karl Poppers an der Philosophie Platons
- Strukturanalyse von Platons „Politeia“
- Vergleich zwischen antiken Staatsidealen und modernen Totalitarismusmerkmalen
- Die Rolle von Erziehung, Eugenik und sozialer Hierarchie
Auszug aus dem Buch
3.2 Platons „politisches Programm“
Popper kritisiert zum einen Platons Ideenlehre und zum anderen dessen Staatsphilosophie. Theoretischer Kern von Poppers Anschuldigungen bietet der Vorwurf gegenüber Platon, dass dieser ein historizistischer Denker sei und die Abfolge seiner Verfassungen einem historischen Entwicklungsgesetz folge.
Platon sieht in der Aristokratie die beste Staatsform, die mit seinem Idealstaat identisch ist. Allerdings verfällt dieser beste Staat zunächst in die Timokratie, dann nacheinander in die Oligarchie, die Demokratie und die Tyrannei. Möglich ist dieser Verfall lediglich, wenn in der herrschenden Klasse Zwietracht entsteht. Das passiert im Fall der Aristokratie durch Vernachlässigung der Erziehung zur Vernunft, womit ein Qualitätsverlust der Herrscher einhergeht, die dann nicht mehr in der Lage sind die richtige „Hochzeitszahl“ zu berechnen (Platon geht davon aus, dass es Zeiten besserer und Zeiten schlechterer Zeugungen gibt. Um diese Zeiten berechnen zu können, bedarf es eines komplizierten Rechenvorgangs, der ausschließlich durch gut erzogene Philosophen bewältigt werden kann.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die wissenschaftliche Debatte um Platons politisches Denken und führt die zentrale Fragestellung zur Totalitarismuskritik von Karl Popper ein.
2. Der Totalitarismusbegriff nach Friedrich und Brzezinski: Dieses Kapitel definiert die methodische Grundlage der Arbeit durch die sechs Kriterien totalitärer Herrschaft nach Friedrich und Brzezinski.
3. Poppers Platon-Kritik: Es werden die Grundbegriffe der Popperschen Philosophie, insbesondere die Unterscheidung zwischen „offener“ und „geschlossener“ Gesellschaft, sowie dessen Vorwürfe gegen Platon erläutert.
4. Überprüfung von Poppers Vorwürfen anhand der „Politeia": Hier findet die detaillierte Untersuchung statt, inwieweit die von Popper kritisierten Aspekte in Platons Werk tatsächlich vorzufinden sind.
5. Fazit: Ist Platons Staat totalitär?: Das Fazit führt die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und bewertet die Anwendbarkeit des modernen Totalitarismusbegriffs auf Platons antiken Staatsentwurf.
Schlüsselwörter
Platon, Politeia, Karl Popper, Totalitarismus, Friedrich, Brzezinski, Ideologie, Herrschaft, Aristokratie, geschlossene Gesellschaft, offene Gesellschaft, Eugenik, Staatsphilosophie, Politische Ideengeschichte, Historizismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob Platons Idealstaat aus der „Politeia“ als ein totalitäres System im Sinne moderner politikwissenschaftlicher Definitionen betrachtet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der Totalitarismuskritik von Karl Popper, der Definition von Totalitarismus nach Friedrich und Brzezinski sowie der Analyse der platonischen Staatslehre.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die radikale Platon-Kritik Poppers auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen und kritisch zu prüfen, welche der erhobenen Vorwürfe anhand der „Politeia“ belegt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen komparativen Ansatz, bei dem Platons Staatskonzept mit den sechs Merkmalen einer totalitären Diktatur nach Friedrich und Brzezinski abgeglichen wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl die ideologischen Grundlagen Poppers als auch die inhaltlichen Aspekte der „Politeia“ wie Klassenteilung, Erziehung, Zensur und Autarkie untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Untersuchung wird maßgeblich durch Begriffe wie Totalitarismus, geschlossene Gesellschaft, Ideologie, Philosophenherrschaft und politischer Stillstand definiert.
Wie bewertet der Autor die Rolle des technischen Fortschritts?
Der Autor argumentiert, dass viele Kriterien des Totalitarismus, wie etwa die Medienkontrolle, eine technologische Infrastruktur voraussetzen, die in Platons Zeit nicht gegeben war.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Arbeit bezüglich des Totalitarismusvorwurfs?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass Platons Staat zwar autoritäre und totalitäre Züge aufweist, aufgrund der fehlenden technischen Möglichkeiten jedoch primär als autoritäres System einzustufen ist.
- Citation du texte
- M. A. Alexander Gajewski (Auteur), 2010, Popper und das politische Programm der "Politeia". Ist Platons Idealstaat totalitär?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292902