Popper und das politische Programm der "Politeia". Ist Platons Idealstaat totalitär?


Hausarbeit, 2010

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Der Totalitarismusbegriff nach Friedrich und Brzezinski

3. Poppers Platon-Kritik
3.1 Die „offene Gesellschaft“
3.2 Platons „politisches Programm“

4. Überprüfung von Poppers Vorwürfen anhand der „Politeia"

5. Fazit: Ist Platons Staat totalitär?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Platon, der mit Sicherheit als einer der einflussreichsten Philosophen der abendländischen Kultur gesehen werden muss, – Alfred North Whitehead spricht sogar davon, dass die gesamte abendländische Philosophie aus „Fußnoten zu Platon“[1] bestehe – wurde, nicht zuletzt wegen der Erfahrungen, die die Welt durch den Aufstieg totalitärer Systeme im 20. Jahrhundert erfahren hat und seiner vermeintlichen Feindschaft zur attischen Demokratie, zur Zielscheibe kontroverser Diskussionen. Der hauptsächliche Kern dieser Diskussionen bezog sich vor allem auf den Charakter des von ihm entwickelten Idealstaates und manifestierte sich in der Frage, ob dieser als totalitär zu bezeichnen sei und er demnach selbst Anhänger totalitärer Ideen gewesen sein könnte. Bezüglich dieser Anschuldigungen zum Totalitarismus sticht auf Seiten der Antiplatoniker besonders Karl Popper mit seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ heraus, mit dem er die wohl radikalste, weitgehendste und systematischste Kritik an Platon und dessen Werken erarbeitete.[2] Er sieht in ihm einen der Wegbereiter nationalsozialistischer und bolschewistischer Diktaturen und ihrer grauenvollen Verbrechen.[3]

Dies ist auch der Grund, warum hauptsächlich die Vorwürfe Poppers zur Grundlage der Untersuchungen und der Überprüfung von Platons Staatsentwurf verwendet werden sollen. Allerdings ergibt sich bei Popper das Problem, dass er den Begriff des Totalitarismus nicht hinreichend befriedigend definiert und somit Gefahr läuft ihn mit jeder anderen Art autoritärer Herrschaftsformen gleichzusetzen. Popper begründet zwar die Identität des platonischen Staatsentwurfes mit totalitären Systemen vor allem damit, dass beide Konzepte „rein totalitär und antihumanitär“[4] seien. Dennoch findet eine wissenschaftliche Begriffsanalyse nicht statt. Auch das politische Programm, welches er Platon unterstellt und welches er als totalitär bezeichnet, kann, da es lediglich auf den Staatsentwurf Platons zugeschnitten ist und somit keine universelle Gültigkeit beanspruchen darf, nicht als wissenschaftlich fundierte Begriffsbestimmung aufgefasst werden.

Da eine exakte Begriffsbestimmung für die Überprüfung des Totalitarismusvorwurfs enorm wichtig ist, soll im zweiten Kapitel dieser Arbeit der Totalitarismus im Sinne von Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski definiert werden. Der Rückgriff auf diese beiden Politologen liegt vor allem darin begründet, dem speziellen, auf den platonischen Staat ausgerichteten Totalitarismusbegriff einen wissenschaftlich fundierten entgegenzustellen. Zwar ist aufgrund der Komplexität des Begriffes klar, dass auch die Definition von Friedrich und Brzezinski keinen absoluten Wahrheitsanspruch besitzt. Allerdings weist sie eine professionelle und allgemeine Kategorisierung totalitärer Systeme auf, die an die Erfüllung sechs gemeinsamer Merkmale gebunden ist. Die herausgearbeiteten Merkmale sollen dann von Argumenten von Hannah Arendt gestützt und gegebenenfalls noch ergänzt werden. Insgesamt ergibt sich aus der geschilderten Problematik, dass eine Überprüfung der Vorwürfe auf zwei verschiedenen Ebenen stattfinden muss. Nachdem der Begriff des Totalitarismus hinreichend definiert wurde und die Vorwürfe Poppers gegenüber Platon dargelegt wurden, muss im vierten Teil der Arbeit eine detaillierte Überprüfung der Vorwürfe stattfinden, die hauptsächlich anhand von Platons „Politeia“ vorgenommen wird. Die zweite Ebene wird dann durch einen Vergleich der Grundzüge von Platons „Politeia“ mit den sechs Merkmalen totalitärer Herrschaft von Friedrich und Brzezinski gebildet. Diese Notwendigkeit eines zweiten Vergleichs ergibt sich aus der Feststellung, dass der Totalitarismusbegriff bei Popper wissenschaftlich als unzureichend definiert erscheint.[5]

Dieser soll allerdings aufgrund seiner vermeintlichen Mängel ebenfalls einem Vergleich unterzogen werden. In diesem letzten Teil der Arbeit werden dann die Ergebnisse der Untersuchungen zusammengefasst, bevor eine Antwort auf die Frage, ob Platons Staat totalitär sei, den Abschluss der Arbeit skizzieren kann.

2. Der Totalitarismusbegriff nach Friedrich und Brzezinski

Vorab ist es wichtig zu wissen, dass der Totalitarismus ein Begriff moderner politikwissenschaftlicher Terminologie ist und erstmalig Verwendung im faschistischen Italien fand. 1923 wurde Italiens Diktator Mussolini von seinen liberalen Kritikern und Gegenspielern als totalitär bezeichnet, da dieser in seiner Herrschaftsweise zunehmend eben genau diesen Anspruch auf Totalität erhob.[6]

Ob allerdings die Modernität des Begriffes automatisch darauf schließen lässt, dass es sich bei totalitären Systemen um Erscheinungen handelt, die erst seit dem 20. Jahrhundert auftreten können, davon wird noch an einer anderen Stelle (fünftes Kapitel) zu sprechen sein. Bezüglich des Totalitarismus sehen Friedrich und Brzezinski den Kern dieser Systeme vor allem in sechs gemeinsamen Merkmalen begründet, die, wie sie betonen, alle erfüllt sein müssen, damit überhaupt von Totalitarismus gesprochen werden kann.[7]

Darum erscheint eine sinngemäße Darlegung der Merkmale an dieser Stelle als notwendig.

1. Muss es eine offizielle und ausgearbeitete Ideologie geben. Sie bildet praktisch ein offizielles Lehrgebäude, welches versucht alle lebenswichtigen Bereiche des menschlichen Zusammenlebens und der menschlichen Existenz zu umfassen und zu durchdringen. An diese Ideologie müssen sich die in der Gesellschaft Lebenden zumindest passiv halten. Sie ist auf einen idealen Endzustand der Menschheit ausgerichtet, den sie anstrebt und enthält eine chiliastische Forderung (z.B. Errichtung eines tausendjährigen Reiches), die gegründet ist auf der radikalen Ablehnung der bestehenden Gesellschaft mit der Forderung nach der Eroberung der Welt für die neue.[8]
2. Ist charakteristischerweise eine einzige Massenpartei vorhanden, die in der Regel von einem einzigen Diktator geführt wird. Sie besteht aus einem relativ niedrigen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung (bis zu zehn Prozent). Männer und Frauen können gleichermaßen Mitglied in ihr sein, in der ein fester Stamm der Ideologie ohne Vorbehalte und leidenschaftlich anhängt und dabei bereit ist, die Durchsetzung ihrer allgemeinen Übernahme in jeder Weise zu fördern. Eine solche Partei ist hierarchisch und oligarchisch organisiert und typischerweise der Staatsbürokratie übergeordnet oder mit ihr völlig verflochten.[9]
3. Soll ein Terrorsystem vorhanden sein, welches auf psychischer, sowie physischer Grundlage Terror ausübt. Dieses ist durch eine Partei- oder Geheimpolizei-Kontrolle verwirklicht, die für ihre Führer auch die Partei selbst überwacht. Terror wird nicht nur gegen erwiesene „Feinde“ des Systems angewendet, sondern auch gegen mehr oder weniger willkürlich ausgewählte Klassen der Bevölkerung. Der Terror macht sich dabei die moderne Wissenschaft zunutze, ganz besonders die wissenschaftliche Psychologie.[10]
4. Ist ein technologisch bedingtes nahezu vollständiges Monopol der Kontrolle über alle wirksamen Mittel der Massenkommunikation, wie Presse, Funk und Film notwendig. Dieses liegt in den Händen von Partei und Staat.[11]
5. Muss es ein gleichermaßen technologisch bedingtes, nahezu vollständiges Monopol über die wirksame Anwendung von Kampfwaffen geben.[12]
6. Existiert eine zentrale Überwachung und Lenkung der gesamten Wirtschaft durch die bürokratische Koordinierung vorher unabhängiger Rechtskörperschaften, charakteristischerweise unter dem Einfluss der meisten anderen Gesellschaften und Konzerne.[13]

Diese sechs Merkmale können nach Friedrich und Brzezinski als Minimalvoraussetzung für ein totalitäres System gelten, was allerdings die Existenz anderer gemeinsamer, bisher noch nicht entdeckter Merkmale nicht ausschließt.

Unterstützend bezüglich einiger dieser Merkmale wirken vor allem die Argumente von Hannah Arendt, die die Bedeutung des Terrors und der Ideologie für totalitäre Staaten mehrfach und deutlich hervorheben.[14]

Als Grundlage der Totalitarismusdiskussion wird im Folgenden hauptsächlich die oben dargestellte, sechs Merkmale umfassende Definition von Friedrich und Brzezinski verwendet, die letztlich als Vorlage für einen Vergleich mit Poppers Totalitarismusvorwürfen gegenüber Platon und Platons „Politeia“ selbst, dienen soll.

3. Poppers Platon-Kritik

3.1 Die „offene Gesellschaft“

Bevor die Vorwürfe gegen Platon in Kapitel 3.2 dargelegt werden, muss vorher eine kurze Definition der Popperschen Terminologien „offene Gesellschaft“ und „geschlossene Gesellschaft“ stattfinden, da diese beiden Arten der Gesellschaft die Grundlage für den Angriff gegen Platon bilden.

Popper bezeichnet die offene Gesellschaft als eine Gesellschaftsform, „in der sich die Individuen persönlichen Entscheidungen gegenübersehen“[15].

Sie steht somit in der Tradition des Liberalismus und findet prinzipiell Anwendung auf unsere modernen Demokratien. Die soziale Mobilität, der Versuch der Mitglieder der Gesellschaft sozial aufzusteigen und die Stellen anderer Mitglieder einzunehmen, ist bezeichnend für den freien Willen und die freie Verfügung der eigenen Fähigkeiten des Individuums. Nach Popper ist gerade die Tatsache gegenseitiger Konkurrenz ein wichtiges Prinzip der offenen Gesellschaft, welches zum Klassenkampf innerhalb der Gesellschaft führen kann. Auch der Staat soll in die Freiheiten der Menschen nicht eingreifen, deren Weg nicht durch Tabus oder sonstige wegweisende Sitten vorgezeichnet ist.[16]

[...]


[1] Whitehead, Alfred North: Prozeß und Realität. Entwurf einer Kosmologie, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1995, S. 91.

[2] Otto, Dirk: Das utopische Staatsmodell von Platons Politeia aus der Sicht von Orwells Nineteen Eighty-four. Ein Beitrag zur Bewertung des Totalitarismusvorwurfs gegenüber Platon, Berlin 1994, S. 130.

[3] Frede, Dorothea: Platon, Popper und der Historizismus, in: Rudolph, Enno (Hrsg.): Polis und Kosmos. Naturphilosophie und politische Philosophie bei Platon, Darmstadt 1996, S. 75.

[4] Popper, Karl: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1: Der Zauber Platons, 6. Aufl., Tübingen 1980, S. 129.

[5] Otto, Dirk: Das utopische Staatsmodell von Platons Politeia aus der Sicht von Orwells Nineteen Eighty-four. Ein Beitrag zur Bewertung des Totalitarismusvorwurfs gegenüber Platon, Berlin 1994, S. 120.

[6] Bracher, Karl Dietrich: Die totalitäre Erfahrung, München 1987, S. 21.

[7] Friedrich, Carl Joachim/Brzezinski, Zbigniew: Die allgemeinen Merkmale der totalitären Diktatur, in: Jesse, Eckhardt (Hrsg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, 2. Aufl., Baden-Baden 1999, S. 230.

[8] ebd., S. 230-231.

[9] ebd.

[10] ebd.

[11] ebd.

[12] ebd.

[13] ebd.

[14] Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, 3. Aufl., München 1993, S. 710-720.

[15] Popper, Karl: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1: Der Zauber Platons, 6. Aufl., Tübingen 1980, S. 233.

[16] ebd., S. 233-234.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Popper und das politische Programm der "Politeia". Ist Platons Idealstaat totalitär?
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften)
Veranstaltung
Klassiker des politischen Denkens I
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V292902
ISBN (eBook)
9783656900313
ISBN (Buch)
9783656900320
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
popper, programm, politeia, platons, idealstaat
Arbeit zitieren
M. A. Alexander Gajewski (Autor), 2010, Popper und das politische Programm der "Politeia". Ist Platons Idealstaat totalitär?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292902

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