Das Dämonische bei E.T.A. Hoffmann in "Das öde Haus" und "Der Sandmann"

Aus Sicht der romantischen Naturphilosophie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
19 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Entwicklung der Fragestellung

3. Die romantische Naturphilosophie nach Gotthilf Heinrich Schubert
3.1. Ansichten der Nachtseite der Naturwissenschaft
3.2. Die Symbolik des Traumes

4. Untersuchung der dämonischen Phänomene in den Texten von E.T.A. Hoffmann aus naturphilosophischer Sicht
4.1. Das öde Haus
4.2. Der Sandmann

5. Schluss-Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Er stellte sich und Clara dar, in treuer Liebe verbunden, aber dann und wann war es als griffe eine schwarze Faust in ihr Leben und risse irgend eine Freude heraus, die ihnen aufgegangen. Endlich, als sie schon am Traualtar stehen, erscheint der schreckliche Coppelius und berührt Claras holde Augen; die springen in Nathanaels Brust wie blutige Funken sengend und brennend, Coppelius faßt ihn und wirft ihn in einen flammenden Feuerkreis, der sich dreht mit der Schnelligkeit des Sturmes und ihn sausend und brausend fortreißt. Es ist ein Tosen, als wenn der Orkan grimmig hineinpeitscht in die schäumenden Meereswellen, die sich wie schwarze, weißhauptige Riesen emporbäumen in wütendem Kampfe. Aber durch dies wilde Tosen hört er Claras Stimme: „Kannst du mich denn nicht erschauen? Coppelius hat dich getäuscht, das waren ja nicht meine Augen, die so in deiner Brust brannten, das waren ja glühende Tropfen deines eigenen Herzbluts - ich habe ja meine Augen, sieh mich doch nur an! “ - Nathanael denkt: das ist Clara, und ich bin ihr Eigen ewiglich. - Da ist es, als fasst der Gedanke gewaltig in den Feuerkreis hinein, daß er stehen bleibt, und im schwarzen Abgrund verrauscht dumpf das Getöse. Nathanael blickt in Claras Augen; aber es ist Tod, der mit Claras Augen ihn freundlich anschaut. “ (Hoffmann, E.T.A. (1817). Nachtstücke. In: G.R. Kaiser (Hrsg.), E.T.A. Hoffmann. Nachtstücke. S. 27. Stuttgart: Reclam.)

Bei diesem Zitat handelt es sich um den berühmten Umriss des Gedichts aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann (1816), welches der Protagonist Nathanael seiner Geliebten Clara dichtet. Diese Stelle ist eine von vielen bei Hoffmann, in denen das Ergebnis einer besonders lebhaften Fantasie zum Ausdruck kommt. Die bedingungslos romantische Hauptfigur erschafft mit seiner gesamten poetischen Kraft ein Gedicht, das sich auf unzählige Arten interpretieren lässt und somit auch auf den unterschiedlichsten Wegen Zugang zur Interpretation erlangt werden kann. Man kann sich die Frage stellen: Was sind die Gründe für einen solchen Ausbruch an fantastischen, ja beinahe verstörenden Gedanken Nathanaels? Ist die Antwort in seiner Psyche zu suchen? Ausgelöst durch biographische Ereignisse, die sich durch Aspekte der zeitgenössischen Psychologie erklären lassen? Sind es übersinnliche Phänomene, die von Nathanael Besitz ergreifen und ihn zu solchen Gedanken verführen oder ist es der „versteckte(n) Poet in unserem Inneren“ (Schubert, 1814, zitiert nach Kremer, D. (2009). E.T.A. Hoffmann. Leben - Werk - Wirkung. S. 73. Berlin: Walter de Gruyter.), der sich in jedem von uns verbirgt? Oder ist all dies in Hoffmanns Werk bloß dichterische Willkür ohne besondere Intention, außer der Unterhaltung der Rezipienten?

Um die Beantwortung einiger dieser Fragen soll es nun in der folgenden Arbeit gehen. Hierbei soll, nach einer Konkretisierung der Fragestellung und einer Untersuchung des kulturwissenschaftlichen Kontexts, anhand der Erzählungen Der Sandmann und Das öde Haus (1817) aus E.T.A. Hoffmanns Nachtstücke (1817) die gewonnenen Erkenntnisse am Text überprüft werden. Den zentralen Aspekt bei dieser Darstellung soll die Untersuchung des, von Hoffmann selbst so genannten, „dämonischen Prinzips“ (Hoffmann, 1817, S. 182) ausmachen und alles, was damit in Verbindung gebracht werden kann, wenn es um den Einfluss auf den poetischen Menschen in Hoffmanns Werken geht. Zu guter Letzt soll dann in einem Schluss-Resümee ein Strich unter die formulierte Fragestellung und deren Beantwortung gezogen werden.

2. Entwicklung der Fragestellung

Den Anstoß für die Entwicklung einer Fragestellung lieferte die Besprechung von Das öde Haus von E.T.A. Hoffmann im Rahmen des Hauptseminars E.T.A. Hoffmann - Dichtung zwischen Psychologie und Jurisprudenz. Der Gegenstand der Diskussion war Identifizierung der Ursache des diagnostizierten „fixen Wahns“ des Protagonisten Theodor in Hoffmanns Erzählung. Theodor sieht in seinem fixen Wahn immer wieder die Erscheinung einer „wunderherrlichen Gestalt eines Mädchens“ (Hoffmann, 1817, S. 170) und zwar in den verschiedensten Situationen: als Vision zur Mitternachtsstunde, als Erscheinung im Taschenspiegel und so weiter. Dass es sich bei der Ursache dieser Vision tatsächlich um den von Johann Christian Reil untersuchten „fixen Wahn“ handelt, lässt sich nicht nur in Das öde Haus selbst feststellen:

„ „War es Absicht oder Zufall, daß einer der Freunde, welcher Arzneikunde studierte, bei einem Besuch Reils Buch über Geisteszerrüttungen zurückließ. Ich fing an zu lesen, das Werk zog mich unwiderstehlich an, aber wie ward mir, als ich in allem, was über fixen Wahnsinn gesagt wird, mich selbst wieder fand. “ (Hoffmann, 1817, S. 177)

Desweiteren gibt auch die Kenntnis des erwähnten Werkes den Anlass einen „fixen Wahn“ bei Theodor zu identifizieren:

„Die Aufmerksamkeit seiner Seele ist so sehr an seinen Körper gefesselt, dass er immerhin angstvoll über den selben wacht, alle Gefühle vergrössert, ihnen falsche und bedeutende Objecte unterschiebt, das Blenkwerk fast aller Krankheiten, von denen er nun hört, an sich wahrnimmt, dadurch unruhig, angstvoll, kleinmüthig wird, und für jeden heitern Blick der Freude verschlossen bleibt. Er redet daher von nichts lieber, als von seiner Unpässlichkeit, lieset gern medicinische Bücher, findet allenthalben seine eigenen Zufälle, gerät stossweise in überspannte Ausbrüche der Freude und Traurigkeit, plagt seinen Arzt, wechselt gern, und fürchtet täglich seinen Tod. “ (Reil, J.C. (1805). Ueber die Erkenntnisse und Cur der Fieber. Besondere Fieberlehre. S. 300. Halle.)

Die Beschreibung des Krankheitsbildes soll nun jedoch nicht weiter Beachtung finden, sondern es ging, wie gesagt, viel mehr um die Ursache dieser Geisteskrankheit beim Protagonisten. Im Seminar kristallisierten sich nun fünf Erklärungsmöglichkeiten heraus. Dabei konnte der medizinische, beziehungsweise psychologische Aspekt eines organischen Fehlers beim Betroffenen relativ schnell ausgeschlossen werden, da der Text keinerlei Auskünfte darüber bei der Beschreibung Theodors bietet. Es folgten der Ausschluss des zweiten psychologischen Aspekts der Ursache, einer sogenannten „dunklen Vorstellung“, die sich aus einem Ammenmärchen aus der Kindheit festgesetzt haben könnte, da auch hier der Text wieder keinerlei ausreichende Identifizierungsmöglichkeiten aufzuweisen hat. Als nächste mögliche Ursache des „fixen Wahns“ wurde nun der „magnetische Rapport“, der aus dem Mesmerismus entspringt, untersucht in dem sich Theodor möglicherweise befinden könnte. Hierfür sind im Text zumindest einige Stellen gegeben. Die eindrucksvollste ist wohl die, bei der Theodor, nachdem er seine Erkrankung vermutet, bei seinem Arztbesuch von eben diesem in magnetischen Rapport gesetzt wird. Daraufhin erblickt der Arzt auch die Gestalt im Spiegel (vgl. Hoffmann, 1817, S. 179). Dies ist aber lediglich ein Beweis für den Rapport zwischen Arzt und Theodor und keine Erklärung für seine Erscheinung. Dafür müsste es schon zu einer magnetisierten Wechselwirkung zwischen Edmunde, der Mädchengestalt aus der Vision und Theodor gekommen sein. Doch auch hierfür findet man im Text keine Anhaltspunkte, da von keiner möglichen Situation der Magnetisierung die Rede ist und Theodor das Mädchen sogar nie zuvor im wirklichen Leben gesehen hat, geschweige denn es zu einer Begegnung der beiden gekommen ist. Insofern blieben noch die Möglichkeiten des „dämonischen Prinzips“ und des „Übermaßes an Fantasie“ als Erklärungen übrig. Von Ersterem wird Theodor von einem älteren Fremden in einer abendlichen Gesellschaft berichtet, bei dem dämonische Kräfte auf den Geisteszustand einer Person wirken, wie es zum Beispiel bei Liebestränken der Fall ist (vgl. Hoffmann, 1817, S. 182). Das „Übermaß an Fantasie“ ist schon als Ursache des „fixen Wahns“ in Reils Ausführung manifestiert (vgl. Reil, 1805, S. 291 ff.) und auch im Text wird immer wieder zu Theodors Charakter als Fantast Stellung bezogen. So zum Beispiel berichtet er selbst, dass ihn seine Freunde oft als „überspannten Geisterseher“ (Hoffmann, 1817, S. 164) bezeichnen. Diese Tatsache ließ sich nun als stichhaltiges Argument für das Ergebnis der Suche nach der Ursache der Krankheit Theodors festhalten, da die Beweise im Text deren des dämonischen Prinzips deutlich überlegen sind. Dennoch fand ich mich in der weiteren Diskussion in der Rolle wieder, ein Fürsprecher des dämonischen Prinzips als Ursache für die Erkrankung zu sein. Denn der

Protagonist selber spricht am Ende der Erzählung davon, dass „mystische Wechselwirkungen ihr dämonisches Spiel trieben“ (Hoffmann, 1817, S. 194) und er keine sinnvolle Erklärung für die Phänomene um ihn herum hat. Dies nährte in mir den Verdacht, dass Hoffmann in seinen Erzählungen eben nicht nur erklärbare Phänomene anbietet, sondern dem Leser an so manchen Stellen absichtlich im Unklaren lässt und ihn somit zum Schaudern bringt. Somit sind eben nicht nur psychologische Aspekte wie von Reil oder Pinel zu finden, sondern auch Aspekte des Übernatürlichen, des Dämonischen und eben auch Unerklärliches zu finden. Dies gilt übrigens auch für meinen Eindruck von Hoffmanns Der Sandmann. Außerdem fand ich noch dieses Zitat, welches mich in meinem Vorhaben bestärkte:

„zum Kernproblem psychoanalytischer Literaturkritik: nur das Werk kann im Mittelpunkt stehen, der Psychoanalyse kommt lediglich eine dienende Rolle zu. Eine Dichtung darf nicht dazu mißbraucht werden, psychoanalytische Themen zu untermauern. Psychoanalyse kann wesentlich zum Verstehen eines Werkes beitragen, hier aber liegt ihre Grenze, mehr kann sie nicht. “ (Köhler, G. (1971). Narzißmus, Übersinnliche Phänomene und Kindheitstrauma im Werk E.T.A. Hoffmanns. Diss. S. 5. Frankfurt am Main.)

Infolgedessen entfernten mich meine Nachforschungen von Psychologie und Jurisprudenz und sie gelangten immer mehr in den Bereich der Fantastik. In diesem Zuge fand ich immer mehr Forschungsbeiträge, die sich genau mit diesen Aspekten in der Hoffmann- Forschung beschäftigen. So schreibt Klaus Deterding in seiner Einführung in das Werk Hoffmanns Hoffmanns Erzählungen (Würzburg 2007) vom „Dämonischen“ in Der Sandmann, was ihn auch noch nachhaltig zu beschäftigen scheint, denn so schreibt er weiterhin in seinem Werk Magie des Poetischen Raums. E. T.A. Hoffmanns Dichtung und Weltbild (Heidelberg 1999) ein ganzes Kapitel über „Die Erscheinung der Phantasie in der Erzählung Das öde Haus“ (Deterding, 1999, S. 9) und geht auch dort wieder auf „das Dämonische“ ein. Sogar ein gewisser Gero von Wilpert schreibt über Hoffmanns Werke:

„ Sie sind gespeist von dem quälenden Ungenügen an der vorgefundenen Wirklichkeit und beschwören aus der Sehnsucht nach einem höheren, sinnvolleren Dasein heraus eine teils magisch-übernatürliche Wunschwelt des wahren Künstlertums, oder sie durchbrechen die Schranken der Alltagsexistenz zum Negativen einer dämonisch-bedrohlichen Phantastik. “ (von Wilpert, G. (1994). Die deutsche Gespenstergeschichte. Motiv - Form - Entwicklung. S. 210. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag)

Er beschreibt weiter, dass Hoffmann nicht nur psychologisch abnorme Motive aufgreift, sondern auch den dämonischen Untergrund der Psyche in einer zeitgenössischen Betrachtungsweise untersucht (vgl. von Wilpert, 1994, S. 216), der in einer unbegreiflichen

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Dämonische bei E.T.A. Hoffmann in "Das öde Haus" und "Der Sandmann"
Untertitel
Aus Sicht der romantischen Naturphilosophie
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V292929
ISBN (eBook)
9783656901310
ISBN (Buch)
9783656901327
Dateigröße
692 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
e.t.a. hoffmann, hoffmann, dämonische, kulturwissenschaft, das öde haus, sandmann, naturphilosophie, romantik, wunderbare, phantastische, romantisch
Arbeit zitieren
Johannes Dentler (Autor), 2013, Das Dämonische bei E.T.A. Hoffmann in "Das öde Haus" und "Der Sandmann", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292929

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