Gattungsbestimmung von Ludwig Tiecks "Der blonde Eckbert". Eine Märchennovelle?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Blonde Eckbert und das Problem der Gattungsfrage

2. Die Märchennovelle: Wesensmerkmale einer literarischen Gattung
2.1 Das Märchen
2.1.1 Der Weg in die Waldeinsamkeit
2.1.2 Die Waldeinsamkeit: Das Reich der Alten
2.1.3 Das Ende der Waldeinsamkeit
2.2 Die Novelle
2.2.1 Ort, Zeit und Personen
2.2.2 „Strohmian“: der Wendepunkt
2.3 Die Märchennovelle
2.3.1 Zur Gattung
2.3.2 Der Aufbruch der traditionellen Märchenhandlung
2.3.3 Die Wirkungsmomente des Unheimlichen
2.3.4 Die Psychologisierung des Märchen

3. Abschließende Bemerkungen

4. Literaturverzeichnis

1. Der Blonde Eckbert und das Problem der Gattungsfrage

„Alles was wir sehen oder scheinen,

ist es nichts anderes als ein Traum in einem Traum?“[1]

– Edgar Allan Poe, A Dream Within a Dream –

Bei kaum einem anderen romantischen Text herrscht innerhalb der Forschung so große Uneinigkeit hinsichtlich der Gattungsbestimmung als bei Ludwig Tiecks Der blonde Eckbert. In weiten Teilen der Forschungsliteratur bietet die Frage nach der Einordnung in ein bestimmtes Genre Stoff für zahlreiche, zum Teil sehr differierende Interpretationsansätze. Ob Märchen, Novelle, Märchennovelle, phantastische Novelle, Novellenmärchen, Anti-Märchen, Kunstmärchen – nahezu jede Idee einer Gattungsbestimmung ist vertreten, um dieses Phänomen der Vermischung der Gattungen zu erfassen. Durch dieses Ineinandergreifen verschiedener Genres erfüllt sich Friedrich Schlegels Forderung nach einer progressiven Universalpoesie, denn Tiecks Erzählung verbindet Märchenhaftes und Novellistisches, Lyrisches und Idyllisches, Wunderbares und Tragisches. Tieck schafft somit das, was Friedrich Schlegel in seiner Progressiven Universalpoesie fordert: „alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen.“ Anstoß für diese Arbeit gab der hermeneutische Ansatz von Friedrich Gundolf in seinem Essay Ludwig Tieck:

Das romantische Meisterwerk Tiecks ist seine M ä r c h e n n o v e l l e ‚Der blonde Eckbert‘ (1796) – das Kernstück seiner vom Mittelalter angeregten Stimmungspoesie und ein Muster für die spätromantisch-phantastischen Erzähler, von Brentano und Arnim bis zu E.T.A. Hoffmann und Heinrich Heine. [...] In dieser Landschaft verschwimmen Seele und Verhängnis vor der aufgewiegelten Phantasie zu einem gleitenden Raum. Die Menschenfiguren sind nur […] gleichsam die Saiten, auf denen die geheimen Mächte – ebenso sehr Natur als Schicksal und Seele – ihre zerrüttenden Melodien spiegeln […] Traum und Grauen ist der Grund, das ‚Märchen‘ die Technik dieser Novelle.[2]

Die vorliegende Arbeit möchte herausarbeiten, inwieweit nun „das ‚Märchen‘ die Technik dieser Novelle“ ist und inwiefern folglich Der blonde Eckbert in die Gattung der Märchennovelle eingeordnet werden kann. Jedoch soll methodisch vor allem auf neuere literaturtheoretische Modelle zurückgegriffen werden, um die Frage der Gattungszuordnung vor allem mit der romantischen Gattungsästhetik in Verbindung zu setzen. Für die Gattungseinordnung werden unter anderem Aspekte der Literatursoziologie, der psychoanalytischen Literaturwissenschaft und der kulturwissenschaftliche Ansatz des spatial turns miteinbezogen.

Zuerst werden Elemente des Volksmärchens innerhalb der Binnengeschichte Berthas aufgezeigt, daraufhin sollen mit Hilfe einer Definition Tiecks novellistische Merkmale und der Wendepunkt der Erzählung herausgearbeitet werden. Im Anschluss wird gezeigt, anhand welcher Aspekte der Blonden Eckbert in die Gattung der Märchennovelle eingeordnet werden kann.

2. Die Märchennovelle: Wesensmerkmale einer literarischen Gattung

2.1 Das Märchen

Tieck schreibt die meisten seiner Märchen[3] in seiner romantischen Zeit und veröffentlicht sie zunächst 1799 unter dem Titel Romantische Dichtungen, 1812 schließlich in den Bänden des Phantasus.[4] Seine große Zuneigung den Märchen gegenüber zeigt sich aber auch vor allem in seinen Aussagen über diese Gattung in Briefen, verschiedenen Gesprächen oder aber auch indirekt in manchen seiner Werke. In den Rahmengesprächen des Phantasus von 1812 schreibt Tieck:[5]

Das echte Märchen […] erschließt mit seinem Kinderton und dem Spielen mit dem Wunder eine Gegend unseres Gemütes, in welche die übrige Kunst und Poesie nicht hineinreicht. Unsere ersten und heiligsten Verhältnisse zur Natur und der unsichtbaren Welt, die Basis unsers Glauben, die Elemente unsers Erkennens, Geburt und Grab, die Schöpfung um uns her, die Bedürfnisse unsers Leben. Alles ist wie ein Märchen und Traum und lässt sich nicht vernünftig und folgerecht nennen.[6]

Im Folgenden sollen nun die wichtigsten märchenhaften Elemente durch die Aufarbeitung ausgewählter Motivstränge und Handlungsstereotypen des Märchens herausgearbeitet werden,[7] auch wenn „[g]egen den Konsens zahlreicher Interpretationen […] jedoch eingewandt werden [muss], daß […] die Binnengeschichte, also die Erzählung der heranwachsenden Bertha, Märchenmotive verfremdend übernimmt."[8]

2.1.1 Der Weg in die Waldeinsamkeit

Am Anfang der Erzählung erfährt der Leser, dass Eckbert und Bertha sich zwar von ganzem Herzen lieben, doch beklagen sie sich auch über die Kinderlosigkeit ihrer Ehe.[9] Besonders bei Eckbert zeigen sich die Spuren des Kummers in „seinem blassen eingefallenen Gesichte.“[10] Außerdem wird er als verschlossen und zeitweise melancholisch beschrieben.[11] Zudem spielt diese Beschreibung auf Schuldgefühle an, welche ihn bedrücken, weil er vor seinem Freund Philip Walther ein Geheimnis hat:

Es gibt Stunden, in denen es den Menschen ängstigt, wenn er vor seinem Freunde ein Geheimnis haben soll, was er bis dahin oft mit vieler Sorgfalt verborgen hat, die Seele fühlt dann einen unwiderstehlichen Trieb, sich ganz mitzuteilen, dem Freunde auch das Innerste aufzuschließen, damit er um so mehr unser Freund werde. In diesen Augenblicken geben sich die zarten Seelen einander zu erkennen, und zuweilen geschieht es wohl auch, daß einer vor der Bekanntschaft des andern zurückschreckt.[12]

An dieser Stelle sei Marianne Thalmann zitiert, die treffend betont, dass das Märchen erst dort beginnt, „wo ein Geheimnis vorhanden ist.“[13] Dieses Geheimnis entpuppt sich schließlich als ein Erlebnis aus Berthas Jugend, das sie letztendlich dem Freund auf Drängen Eckberts mitteilt.[14] Was sie im Anschluss erzählt, ist das Kernstück der Erzählung und führt in die Welt des Märchens.

Innerhalb der folgenden Binnenerzählung sind Motive und Sinnbilder der autobiografischen Schilderung Berthas der Welt des Märchen entnommen, auch wenn sie ihre Zuhörer bittet: „Nun haltet meine Erzählung für kein Märchen, so sonderbar sie auch klingen mag.“[15] Tieck greift gleich zu Beginn auf das - bei den Brüdern Grimm sooft verwendete - Motiv des Dummlings zurück:[16]

[Sein Glück] vollzieht sich [...] beinahe gegen den eigenen Willen. Tugend, Vernunft und gutes Benehmen sind für seinen Aufstieg offensichtlich nicht allzu sehr von Belang. Der Dummling zeichnet sich nebst schlechten Sitten besonders durch zwei Dinge aus: Lernunfähigeit und Handeln wider den allgemeinen Menschenverstand. Und dennoch wird diese Unangepasstheit ans alltägliche Leben nicht selten am Ende belohnt.“[17]

Die Figur der Bertha kann vorerst zu dem Typenarsenal des Märchens gezählt werden, denn eben diese Kennzeichen tauchen in ihrer Kindheitsgeschichte auf: Zum einen erscheint Bertha ihren Eltern nur als Last, da sie unfähig ist, ihnen im Haushalt zu helfen:

Ich bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war ein armer Hirte. Die Haushaltung bei meinen Eltern war nicht zum besten bestellt, sie wußten sehr oft nicht, wo sie das Brot hernehmen sollten. […] Sonst hört’ ich beständig von mir, daß ich ein einfältiges dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste Geschäft auszurichten wisse, und wirklich war ich äußerst ungeschickt und unbeholfen, ich ließ alles aus den Händen fallen, ich lernte weder nähen noch spinnen, ich konnte nichts in der Wirtschaft helfen […]. Mein Vater war immer sehr ergrimmt auf mich, daß ich eine so ganz unnütze Last des Hauswesens sei […].[18]

Währenddessen flieht Bertha in ihre eigene Gedankenwelt und beschäftigt sich mit „wunderbarsten Phantasien und wenn [sie] nun aufstehn mußte, um irgend etwas zu helfen, oder zu tragen, so zeigte [sie sich] noch viel ungeschickter, weil [ihr] der Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte.“[19]

Um der Armut und den ständigen Vorwürfen ihrer Eltern zu entkommen, verlässt Bertha aus Verzweiflung ihr Zuhause und flieht in den Wald. Diese Ausgangslage ruft Assoziationen zum Grimmschen Märchen Hänsel und Gretel hervor,[20] auch wenn Bertha nicht wie dort ausgesetzt wird, sondern aus eigenem Entschluss Vater und Mutter verlässt:[21]

Als der Tag graute, stand ich auf und eröffnete, fast ohne daß ich es wußte, die Tür unsrer kleinen Hütte. Ich stand auf dem freien Felde, bald darauf war ich in einem Walde, in den der Tag kaum noch hineinblickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehn, ich fühlte keine Müdigkeit, denn ich glaubte immer, mein Vater würde mich noch wieder einholen, und, durch meine Flucht gereizt, mich noch grausamer behandeln.[22]

Bertha flieht also vom Wald weiter ins Gebirge,[23] doch das bloße Wort ist ihrem „kindischen Ohr ein fürchterlicher Ton gewesen.“[24] Etwa zwei Wochen lang irrt sie hungrig durch die trostlose Wildnis und sehnt sich nach Zivilisation, doch die felsige und schaurige Landschaft steigern ihren Wunsch „nur eines Menschen ansichtig zu werden“[25] ins Unermessliche.[26]

Dieses zentrale Motiv der Einsamkeit stammt nach Schlaffer „aus dem [...] unüberbrückbaren Vorbild, dem Volksmärchen [...].“[27] Nach Max Lüthi handelt es sich im Volksmärchen stets um Figuren, die von der Außenwelt abgegrenzt sind und die sich durch eine ihnen unbekannte und große Welt bewegen.[28] Doch hier wird – anders als im Volksmärchen – ein Gefühl der Verlorenheit und Angst gegenüber der detailliert beschriebenen Umwelt[29] genannt:

[I]ch erriet nun, dass ich mich wohl in dem benachbarten Gebirge befinden müsse, worüber ich anfing mich in der Einsamkeit zu fürchten. […] meine Angst trieb mich vorwärts; oft sah ich mich erschrocken um, wenn der Wind über mir durch die Bäume fuhr […]. Ich war ganz trostlos, ich weinte und schrie […].[30]

Während also der Held aus dem Volksmärchen die sonderbare Welt ohne Verwunderung durchschreitet, erlebt Bertha diese Umgebung als „bedrückende Leere“,[31] in der sie sich einsam und verlassen fühlt.[32] „So wird der unbewußte Zustand der isolierten Märchenfigur: das Alleinsein, in den bewußten: die Einsamkeit, transformiert.“[33]

Nach einiger Zeit allerdings erreicht sie jenseits des wüsten Gebirgszuges ein idyllisches Tal und ihr war, „als ob [sie] aus der Hölle in ein Paradies getreten wäre.“[34] An diesem Punkt trifft Bertha auf die Figur der Alten, welche im weiteren Verlauf der Geschichte eine entscheidende Rolle spielen wird.

2.1.2 Die Waldeinsamkeit: Das Reich der Alten

Nachdem Bertha sich an einem Wasserfall niedergelassen hat, entdeckt sie am Waldrand eine wundersame alte Frau, welche sie mit Brot und Wein versorgt. Mit dem Auftauchen der Alten werden wieder verschiedene Motive des Märchens aufgenommen.[35] „Sie war fast ganz schwarz gekleidet und eine schwarze Kappe bedeckte ihren Kopf und einen großen Teil des Gesichtes, in der Hand hielt sie einen Krückenstock.“[36] Die Erscheinung der Alten ruft in Bertha zunächst Angst hervor,[37] doch nach einiger Zeit bringt diese sie „beinahe wieder zum Lachen.“[38]

Ingrid Kreuzer hält fest: „Die Alte wurzelt in einer Zone des totalen Urmärchens; ihre Existenz transzendiert den Text ins zeitlose Vorher und Nachhinein; sie gehört zu den ‚Überirdischen‘, deren Macht Menschenkraft übersteigt.“[39]

Im weiteren Verlauf der Geschichte lebt Bertha bei der Alten und entwickelt sich dort von einem unnützen Kind zu einer tüchtigen Hausfrau. Sie hilft der Alten, ihren Hund und den Vogel zu pflegen, lernt wie selbstverständlich häusliche Tätigkeiten und das Lesen, sodass sie, auch wenn sie die Alte immer wieder für einige Zeit verlässt, durchgehend beschäftigt ist.[40]

Neben dem seltsamen Erscheinungsbild der Alten gibt es in diesem Erzählabschnitt noch weitere wundersame Elemente: Der Vogel, den Bertha zu versorgen hat, „legte nämlich an jedem Tage ein Ei, in dem sich eine Perl’ oder ein Edelstein befand.“[41] Sie ist also aus der rauen Wirklichkeit in eine Phantasieexistenz geflohen, in der ihr all jener Besitz und Reichtum in Form der Edelsteine[42] im Überfluss zukommt, der ihr bei ihren Eltern fehlte.[43] Außerdem singt der sonderbare Vogel[44] immerfort folgendes Lied:[45] „Waldeinsamkeit, / Die mich erfreut, / So morgen wie heut / In ewger Zeit, / O wie mich freut / Waldeinsamkeit.“[46] Der wundervolle Gesang des Vogels und der Glanz seines Gefieders[47] verschmelzen zu einem Symbol schöpferischer Poesie und bilden zusammen mit der detailliert beschriebenen Topographie[48] eine märchenhafte Atmosphäre:[49]

In das sanfteste Rot und Gold war alles verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröte, und über den Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmütiger Freude.[50]

Hier wird deutlich, dass dem Blonden Eckbert die für das Volksmärchen so typische Aufhebung von Natur- und Kausalgesetzen zu Grunde liegt, denn das Märchen führt als realitätsüberhobene Erzählung bruchlos aus der realen Welt ins Wunderbare.

Die Anerkennung durch die alte Frau, die ihr zuteil wird, ist die fürsorgliche und umfassende Liebe einer Mutter, denn sie nennt sie „Kind und Tochter“,[51] und sie ist es, die beginnt, ihr die Welt zu öffnen, indem sie sie in „den Abendstunden“[52] das Lesen lehrt. Bertha fühlt sich bei der Alten so wohl, dass sie dieses wundersame Leben in der Waldeinsamkeit nach einiger Zeit als selbstverständlich ansieht: „Nun war mir, als müßte alles so sein, ich dachte gar nicht mehr daran, daß die Alte etwas Seltsames an sich habe, daß die Wohnung abenteuerlich und von allen Menschen entfernt liege, und daß an dem Vogel etwas Außerordentliches sei.“[53]

Berthas Lektüre führt zu Tagträumereien, welche zur Folge haben, dass der Hund und der Vogel anthropomorphe Funktionen annehmen:

Aus dem wenigen, was ich las, bildete ich mir ganz wunderliche Vorstellungen von der Welt und den Menschen, alles war von mir und meiner Gesellschaft hergenommen: wenn von lustigen Leuten die Rede war, konnte ich sie mir nicht anders vorstellen wie den kleinen Spitz, prächtige Damen sahen immer wie der Vogel aus, alle alte Frauen wie meine wunderliche Alte.[54]

Die Zusammengehörigkeit dieser beiden Tierwesen in der idyllischen Waldeinsamkeit „deutet dann auf das grundlegende Merkmal des Lebens in der heilen Welt: das Einfach, Naive und das Wunderbare, schöpferische müssen beieinander bestehen, um die Harmonie des Daseins zu bewahren.“[55] Bertha scheint wahrlich einem Paradies zu leben, in einer in sich geschlossenen, heilen Welt. Sie ist eins mit der Natur, lebt in einem traumähnlichen,[56] naiven Zustand und der Geist und ihre Augen „schwärmten nur zwischen den goldnen Wolken.“[57] Bertha findet zu sich selbst, indem die Verbindung von phantastischer Welt und alltäglichem Leben, welche ihr bei den Eltern versagt wurde, Realität wird. Winfried Freund beschreibt diesen paradiesischen Zustand Berthas wie folgt: „Das Paradies ist sowohl die Einheit von Mensch und Natur, Sein und Bewusstsein als auch die Einheit von Geist und Sinnlichkeit, Erscheinung und Wesen. Es ist der kindliche Zustand des Menschen.“[58]

Bertha lebt in einer Welt zwischen magischer Naturidylle und Isolation und in der Figur der mütterlichen Alten erlebt sie freudvoll-harmonische Naturwesen in seiner ewig gleichbleibenden Existenz.

Mein Rädchen schnurrte, der Hund bellte, der wunderbare Vogel sang und dabei war alles so still in der Gegend umher, daß ich mich in der ganzen Zeit keines Sturmwindes, keines Gewitters erinnere. […] [I]ch war zufrieden und arbeitete mich von einem Tage zum andern hinüber. – Der Mensch wäre vielleicht recht glücklich, wenn er so ungestört sein Leben bis an Ende fortführen könnte.[59]

Berthas Märchen in der Hütte kann in Analogie zum „Vertrauens- und Probemärchen, wie es auch das Volksmärchen kennt“,[60] gesehen werden. An dieser Stelle steht sie kurz vor dem Abschluss der Erfüllung: „sie wird von der ‚Tochter‘ zur Gebieterin im Hause’; Hund und Vogel lieben sie; sie hat ihr ‚Reich‘ schon in Besitz genommen. So lange sie ‚im Grunde nie einen Wunsch nach Veränderung fühlt‘, lebt sie im Märchenglück in einer fremden Welt.“[61]

Des Weiteren kommt hier die für die Volksmärchen so typische „Bedeutungslosigkeit des Zeitablaufs“[62] sehr gut zum Ausdruck und das gewohnte Wiederkehren der immer gleichen Handlungen und Ereignisse suggeriert und unterstreicht vor allem das Lied des Vogels von der „Waldeinsamkeit […] in ew’ger Zeit.“[63]

2.1.3 Das Ende der Waldeinsamkeit

„Das Märchen im Kernbereich der Erzählung erfüllt sich als der Traum vom wiedergefundenen Paradies.“[64] Dieses paradiesische Leben allerdings währt nicht ewig, sondern geht mit Einsetzen der Pubertät und der Entwicklung ihres Verstandes zu Ende: „Ich war jetzt vierzehn Jahre alt, und es ist ein Unglück für den Menschen, daß er seinen Verstand nur darum bekömmt, um die Unschuld seiner Seele zu verlieren.“[65] Berthas Bedauern richtet sich vermutlich darauf, „den Zustand innerer Harmonie in der Waldeinsamkeit aufgeben zu müssen.“[66] Marja Rauch deutet diesen Wandel wie folgt: „Das Ausscheren aus dem Gleichgewicht wird auf einen Konflikt von Verstand und Seele zurückgeführt, der mit dem Übergang von der Kindheit zum Erwachsenen zusammenhängt.“[67]

Bereits in ihren frühen Kindheitstagen hat Bertha von Reichtum gesprochen, damals jedoch noch im Zusammenhang mit der Armut des Elternhauses.[68] Auch wenn ihr der Wert dieser Gegenstände bekannt ist, so spielen sie doch zunächst in der behüteten Waldeinsamkeit keine Rolle, weil sie die Alte innerhalb dieses isolierten Raumes von der äußeren kapitalistischen Gesellschaft abgrenzt.[69]

Doch durch Berthas zunehmendes Streben nach Wissen und durch die Rezeption von verschiedener Literatur kann sie bald „Vorstellungen von der Welt und den Menschen“[70] entwickeln. Bertha lässt sich von den Büchern, die sie liest, zu Tagträumereien hingeben, wobei nicht mehr nur der Wunsch nach Reichtum vorherrschend ist, sondern vor allem die Phantasievorstellung eines schönen Ritters.[71] Sie will in die Welt hinausziehen, um dort ihr wahres Glück zu finden.[72] Dieser Punkt der Erzählung kann als „Eintritt in eine neue Entwicklungsphase gedeutet werden.“[73] Es ist wohl das Verbot der Alten, das den Reiz ausmacht und Berthas weltliches Verlangen initiiert: „‚Du bist brav, mein Kind!‘ sagte sie einst zu mir mit einem schnurrenden Tone; ‚wenn du so fortfährst, wird es dir auch immer gut gehn: aber nie gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt nach, wenn auch noch so spät.‘“[74]

Die Alte darf hier weder als Hexe, aus deren Fängen sich die Protagonistin befreien muss, noch als erlösende Fee gesehen werden. Die alte Waldfrau stellt vielmehr eine moralische Instanz dar, die aus unerklärlichen Motiven eine Prüfung über Bertha verhängt.[75] „Mit dieser moralischen Rede hat die Alte im Grunde das Rad des Bösen, das sie wohl vorauswußte, in Gang gebracht“,[76] denn Bertha verspürt erst jetzt das Verlangen nach Veränderungen in ihrem Leben und denkt über die Aussage der Alten nach. Berthas tiefe Sehnsucht wird so stark, dass sie ihre glückliche Ahnungslosigkeit gegen den eigensüchtigen Verstand tauscht und das Paradies und die Alte trotz aller Warnungen verlässt, um die „sogenannte Welt“[77] aufzusuchen.[78]

Sie lässt die Hund angebunden in der Hütte zurück und macht sich mit dem wundersamen Vogel und seinen Juwelen auf den Weg: „Die Sucht etwas Neues zu sehn, trieb mich vorwärts.“[79] Aber ihrer Rückkehr unter die Menschen ist kein Glück beschieden. In der realen Welt ist es keineswegs so „wunderbar, als [sie] es vermutet hatte.“[80] Als sie in das Dorf kommt, in dem sie aufgewachsen war, muss sie schmerzlich feststellen, dass ihre Eltern, die sie eigentlich mit ihrem Reichtum überraschen wollte, nicht mehr leben.[81] „[I]m Unterschied zu klassischen Märchenhelden bleibt ihr die Aussöhnung verwehrt […].“[82]

An dieser Stelle soll angemerkt werden, dass die Heimkehr in ihr Dorf keineswegs der typischen Märchenhandlung entspricht, denn „[d]ie Personen des Märchens besitzen nicht nur keine Innenwelt, sie besitzen keine Umwelt.“[83] Doch Bertha treibt es „zurück in die Heimat, mit der [sie] sich verwachsen fühlt.“[84] Nach Max Lüthi kann dieses Heimatgefühl in die Gattung der Sage eingeordnet werden.[85]

Sie zieht weiter in eine „angenehme Stadt“,[86] mietet sich dort ein kleines Haus, nimmt sich eine Aufwärterin und will die Alte und ihr ehemaliges Zuhause in der idyllischen Waldeinsamkeit vergessen.[87] Eines Tages aber beginnt der Vogel nach langer Zeit wieder zu singen, diesmal allerdings ein verändertes Lied[88] und ruft somit Berthas verdrängte Schuldgefühle wieder hervor:[89] „‚Waldeinsamkeit / Wie liegst du weit! / O dich gereut / Einst mit der Zeit. –/ Ach einzge Freud / Waldeinsamkeit!‘“[90]

So ist sie nun wiederum allein, aber diesmal empfindet sie die Einsamkeit nicht als Idylle, sondern als Qual. Doch der Weg zurück zu jener idyllischen Einheit mit der Natur ist ihr versperrt. Um ihr schlechtes Gewissen zu betäuben und die Vergangenheit zu vergessen, tötet sie den Vogel und hegt fortan großes Misstrauen gegen ihre Aufwärterin,[91] die sie möglicherweise „auch einst berauben oder wohl gar ermorden könn[t]e.“[92]

Die Geschichte endet an dieser Stelle sehr abrupt: „Schon lange kannt ich einen jungen Ritter, der mir überaus gefiel, ich gab ihm meine Hand – und hiermit, Herr Walther, ist meine Geschichte geendigt.“[93]

An dieser Stelle soll nun noch einmal das Motiv des Dummlings aufgegriffen werden. Wie bereits beschrieben, kann Berthas Geschichte einige Übereinstimmungen mit diesem Motiv aufweisen. Ein weiteres markantes Kennzeichen hierfür ist, dass gerade die Verletzung von Regeln und Nichtbeachtung moralischen Verhaltens am Ende das Glück des Helden bewirkt. Dies kann allerdings bei Bertha nur bedingt festgestellt werden. Sie findet zwar am Schluss ihrer Geschichte, trotz des Verrats an der Alten und den Regelverstößen, einen jungen Ritter – das Glück, das sie sich immer erträumt hat – doch entspricht die Realität einem melancholischen, stillen Ritters, dessen „kurze hellblonde Haare schlicht und dicht an seinem blassen eingefallenen Gesichte [lagen]“[94] kaum ihrer Wunschvorstellung vom „schönsten Ritter von der Welt […] mit allen Vortrefflichkeiten.“[95] In Bezug auf einen möglichen Grund dieser Heirat sei an dieser Stelle außerdem auf folgenden Punkt hingewiesen:

„Auffallend ist die etwas prosaische Begründung der Eheschließung, die zwar nicht ohne Sympathie geschieht, aber kaum auf ein großes Gefühl gestützt ist, eher der Kompensation von Schuld und Furcht zu dienen scheint.“[96]

Im Folgenden soll nun untersucht werden, auf welche Weise Tieck im Blonden Eckbert die „Verbindung novellistischen Erzählens mit dem Märchen und jener eigentümlichen ‚Wendepunkt‘-Theorie“[97] schafft.

2.2 Die Novelle

Bizarr, eigensinnig, phantastisch […] alle diese Farben und Charaktere lässt die ächte Novelle zu, nur wird sie immer jenen sonderbaren auffallenden Wendepunkt haben, der sich von allen anderen Gattungen der Erzählung unterscheidet.[98]

Tieck verarbeitet in seiner Erzählung durchaus novellistische Merkmale, indem „er einen alltäglichen Rahmen mit einer ungewöhnlichen Binnenerzählung kontrastiert, […] die Rationalität des nun Bestehenden durch die Irrationalität des einst Geschehenen aufhebt, das Unheimliche als psychisches Phänomen aufklärt und wieder verrätselt, aus der einmaligen ‚unerhörten Begebenheit‘ das Unglück des jetzigen Lebens ableitet.“[99]

Inwieweit die Tiecksche Definition der Novelle und Heinz Schlaffers novellistische Merkmale auf den Blonden Eckbert zutreffen und welche Aspekte innerhalb der Erzählung aufgegriffen und verwendet werden, soll im Folgenden gezeigt werden.

Im weiteren Verlauf der Arbeit werden psychoanalytischer Deutungen im Vordergrund stehen, um zu zeigen, inwieweit sich Berthas und Eckberts Vergehen auf selbstzentrierte Wunscherfüllung beziehungsweise auf die Eliminierung von Schuldgefühlen zurückführen lassen, welche Rolle in diesem Zusammenhang die Einbildungskraft spielt und in welchem Maße diese als eine Macht des Unbewussten bedrohliche Phantasien erzeugen kann.

2.2.1 Ort, Zeit und Personen

Eines der wichtigsten Merkmale der Novelle ist nach August Wilhelm Schlegel, dass sie immer „in der wirklichen Welt zu Hause sein [soll], deswegen liebt sie auch die ganz bestimmten Angaben von Ort, Zeit und Namen der Personen.“[100] Der Anfang des Blonden Eckbert weist auf den ersten Blick durchaus novellistische Merkmale auf, denn Tieck definiert sowohl Ort und Zeit, als auch die Namen, das Aussehen und den Charakter der Personen. „Zu Beginn scheint eine völlig gesicherte Realität vorzuliegen.“[101]

Am Anfang der Rahmenhandlung werden die Personen „in einer für die Romantik typischen Situation der Geselligkeit“[102] geschildert. Allerdings werden Ort, Zeit und Protagonisten bei genauerem Hinsehen nicht so detailliert geschildert wie von Schlegel gefordert, sondern werden sehr unpräzise bestimmt: Über den Zeitpunkt der Erzählung erfährt der Leser nur soviel, als dass Bertha ihre Geschichte an einem nass-kalten,[103] „neblichten Abend“[104] „im Herbst“[105] erzählt, als die Nacht bereits angebrochen ist.[106]

Auch hinsichtlich des Ortes und der Personenbeschreibung bleiben die Schilderungen relativ unbestimmt:

Eckbert wird als ein Ritter beschrieben, der „ohngefähr vierzig Jahr alt, kaum von mittler Größe“[107] ist und „[i]n einer Gegend des Harzes wohnte“.[108] Auch der Freund Philipp Walther wird nicht näher charakterisiert: Er ein Mann aus Franken, [109] der sich jedoch oft[110] „in der Nähe von Eckberts Burg“[111] aufhält, Steine und Kräuter sammelt[112] und ein unabhängiges Leben führt.[113] Von Bertha erfährt der Leser nur, dass sie ebenso wie ihr Mann die Einsamkeit liebt, doch ihr Äußeres wird an keiner Stelle beschrieben.

Mit Beginn von Berthas Kindheitsgeschichte treten diese unpräzisen Bestimmungen von Ort und Zeit zurück und werden ersetzt durch märchenhafte Requisiten: „Wald, Gebirge, Ferne, Hütte der Alten.“[114] Der Ritter Eckbert entspricht zudem so gar nicht dem märchenhaften Bild Berthas von dem „schönsten Ritter von der Welt, […] mit allen Vortrefflichkeiten“,[115] sondern er ist ein unscheinbarer „Freiherr aus dem mittleren Adel und nicht ein Typus aus der Märchen-Welt der Ritter und Könige, aus der Wunschwelt der entschwundenen Ritterzeit.“[116]

Die selbstgewählte Einsamkeit von Eckbert und Bertha deutet weniger auf ein idyllisches und glückliches Dasein hin, als auf eine „Existenz ohne Höhe- und Tiefpunkte also, ein Leben, das völlig in der Gewohnheit aufzugehen scheint, ohne das Verlangen, Grenzen zu überschreiten, in Unbekanntes vorzudringen.“[117] Gleich zu Beginn der Erzählung heißt es „[…] auch sah man ihn nur selten außerhalb der Ringmauern seines kleinen Schlosses.“[118] Diese Ringmauern demonstrieren Eckberts Lebensstil und Gemütszustand: „Enge, Kreisen um sich selbst und die Abwehr von Kontakten, ein Leben in offenbar selbstgewollter Isolation, bestimmt von Berührungsängsten, ohne Anregung und das Bedürfnis nach persönlicher Erweiterung.“[119]

Nach Winfried Freund ist diese selbstbestimmte Abgeschiedenheit ein erstes Indiz auf ein wohlgehütetes Geheimnis:

Ängstlich, in ihrem Innersten verschlossen, scheinen sie etwas mit sich zu tragen, das sie bedrückt, ohne sich davon aus eigener Kraft befreien zu können oder auch nur zu wollen.[120]

Inwieweit dieses Geheimnis noch eine wichtige Wende im Blonden Eckbert spiegeln wird, wird im folgenden Kapitel herausgearbeitet.

2.2.2 „Strohmian“: der Wendepunkt

Tieck selbst definiert die begrifflichen Merkmale des „sonderbaren auffallenden Wendepunkt[s]“:[121]

Diese Wendung der Geschichte, dieser Punkt, von welchem aus sie sich unerwartet völlig umkehrt, und doch natürlich, dem Charakter und den Umständen angemessen, die Folge entwickelt, wird sich der Phantasie des Lesers um so fester einprägen, als die Sache, selbst im Wunderbaren, unter andern Umständen wieder alltäglich sein könnte. So erfahren wir es im Leben selbst, so sind die Begebenheiten, die uns von Gekannten aus ihrer Erfahrung mitgetheilt, den tiefsten und bleibensten Eindruck machen.[122]

Zwei Aspekte dieser Definition sind für die vorliegende Arbeit besonders hervorzuheben: die „Wendung der Geschichte“ und ein Element des „Wunderbaren“, das sich darin manifestiert. Dieser innere Zusammenhang soll im Folgenden in Bezug auf Tiecks Blonden Eckbert herausgestellt werden.

[...]


[1] http://www.bk-luebeck.eu/zitate-poe.html [zuletzt aufgerufen am 19.10.2014].

[2] Gundolf, Friedrich: Ludwig Tieck. 1929. Nachdruck in: Segebrecht, Wulf (Hrsg.): Ludwig Tieck. Darmstadt 1976, S. 243 und S. 245f.

[3] Hier sind beispielhaft zu nennen: Melusine, Die schöne Magelone oder auch Waldeinsamkeit.

[4] Vgl. Bärtsch, Hedwig: Ludwig Tieck. Der blonde Eckbert. In: Tarot, Rolf (Hrsg.): Kunstmärchen. Erzählmöglichkeiten von Wieland bis Döblin. Bern 1993, S. 93-115. Hier: S. 93.

[5] Vgl. Kováts, Judit: Grenzübergänge des Wirklichen in Ludwig Tiecks Märchen Die Elfen. Universität Miskolc, Ungarn. Online abrufbar unter: http://www.uni-miskolc.hu/~philos/2010_tom_XV_3/447.pdf [zuletzt aufgerufen am 30.08.2014].

[6] Frank, Manfred / Wimmer Ruprecht (Hrsg.): Ludwig Tieck. Schriften in 12 Bänden. Band 11. Frankfurt am Main 1988, S. 818.

[7] Hierfür wird vor allem folgendes Werk verwendet: Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen. Tübingen 2005. Der Grund ist zum einen, dass Max Lüthi die Wesenszüge dieser Gattung besonders ausführlich und genau erörtert hat, zum anderen, weil bei der Literaturrecherche aufgefallen ist, dass viele Autoren in Bezug auf die Charakterisierung von Märchen Max Lüthi zitiert haben.

[8] Brittnacher, Hans Richard: Ästhetik des Horrors. Frankfurt am Main 1994, S. 30.

[9] Vgl. Tieck, Ludwig: Der blonde Eckbert. Der Runenberg. Stuttgart 2002, S. 3.

[10] Tieck, S. 3.

[11] Vgl. Tieck, S. 3.

[12] Tieck, S. 3f.

[13] Zitiert nach Kreuzer, Ingrid: Märchenform und individuelle Geschichte. Zu Text- und Handlungsstrukturen in Werken Ludwig Tiecks zwischen 1790 und 1811. Göttingen 1983, S. 160.

[14] Vgl. hierzu Tieck, S. 4: „Freund, Ihr solltet Euch einmal von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen lassen, die seltsam genug ist.“

[15] Tieck, S. 4.

[16] Vgl. Borries, Erika und Ernst von: Deutsche Literaturgeschichte. Band 5: Romantik. München 1997, S. 22.

[17] Perrig, Severin / Mazenauer, Beate: Vom Dummling lernen. In: Crain, Fitzgerald: Dummlinge, bucklige Hexen, böse Stiefschwestern und Zwerge. Vom Umgang des Märchens mit Behinderung. Basel 2007, S. 87-108. S. 92.

[18] Tieck, S. 4f.

[19] Tieck, S. 5.

[20] Vgl. hierzu den Anfang des Märchen Hänsel und Gretel der Brüder Grimm: „Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er das tägliche Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: ‚Was soll aus uns werden? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren da wir für uns selbst nichts mehr haben?‘ ‚Weißt du was, Mann‘, antwortete die Frau, »wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, [...] und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los [...].‘“ Online abrufbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/6248/69 [zuletzt aufgerufen am 30.08.2014].

[21] Vgl. Borries, S. 225.

[22] Tieck, S. 6.

[23] vgl. dazu Borries, S. 225: „Mit Vorliebe entwarfen die Romantiker wie schon die Autoren der im 18. Jahrhundert so beliebten Schauerliteratur wilde Gebirgslandschaften, die wie keine andere Szenerie Angst und Grauen des der Natur ausgelieferten Menschen veranschaulichen; so konnte Tieck allein durch die Nennung des Wortes ‚Gebürge‘ das Schauerliche beschwören.“

[24] Tieck, S. 6.

[25] Tieck, S. 8.

[26] An dieser Stelle kommt Berthas Seelenwelt bereits sehr gut zum Ausdruck, doch diese Reflexion der eigenen Psyche widerspricht dem typischen Märchen, denn dieses „zeigt uns flächenhafte Figuren, nicht Menschen mit lebendiger Innenwelt.“ Zitiert nach Lüthi, S. 16. Auf die Durchbrechung der traditionellen Märchenmotive und Psychologisierung des Märchens wird in den Kapiteln 2.3.2 und 2.3.4 noch näher eingegangen.

[27] Schlaffer, Heinz: Roman und Märchen. Ein formtheoretischer Versuch über Tiecks Blonden Eckbert. In: Kreuzer, Helmut: Gestaltungsgeschichte und Gesellschaftsgeschichte. Literatur-, Kunst- und Musikwissenschaftliche Studien. Stuttgart 1969, S. 251-264. Hier: S.251.

[28] Vgl. Lüthi, S. 49.

[29] Vgl. hierzu zusätzlich Schlaffer, S. 252: „Im Vergleich zu den kargen, generalisierenden Angaben im Volksmärchen ist jedoch die Gebirgslandschaft im ‚Blonden Eckbert‘ ausführlich beschrieben […].“

[30] Tieck, S. 6f.

[31] Wührl, Paul-Wolfgang: Das deutsche Kunstmärchen. Baltmannsweiler 2003, S. 240.

[32] Vgl. hierzu Wührl, S. 240: „Mitfühlend erzählt der Erzähler, was das Volksmärchen verschweigt: die erschreckende Leere des Raums, die Verlorenheit auf dem schmalen Weg.“

[33] Schlaffer, S. 252.

[34] Tieck, S. 8.

[35] Vgl. hierzu Feustel, Elke: Rätselprinzessinnen und schlafende Schönheiten. Typologie und Funktionen der weiblichen Figuren in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Hildesheim [u.a.] 2004, S. 186: „Die Hexe stellt sicher die bekannteste zauberkundige Märchenfigur - auch weit über die Grenzen der Grimm'schen Märchensammlung hinaus.“ Die heutige Vorstellung einer Hexe wurde maßgeblich durch die Kinder-und Hausmärchen und ihre Illustrationen beeinflusst. Bei Feustel erscheint eine Beschreibung der Märchenhexe auf S. 186, welche durchaus mit der Alten im Blonden Eckbert verbunden werden kann: Sie „spricht mit dumpfer Stimme […], schnarrend und höhnisch, jammert und heult ‚ganz grauselich‘.“ Vgl. hierzu außerdem Ziegler, Matthes: Die Frau im Märchen. Leipzig 1937, S. 232: Sie ist „eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützt, kaum hörbar schleicht, mit dem Kopf wackelt.“ Das typische Bild der Hexe hat sich vor allem durch die Beschreibung der Hexe im Märchen Hänsel und Gretel der Brüder Grimm manifestiert, welche im Wald in einem Häuschen lebt: „Da ging auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, daß sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe.“ Online abrufbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/6248/69 [zuletzt aufgerufen am 30.08.2014].

[36] Tieck, S. 8.

[37] Vgl. Tieck, S. 10: „Indem ich sie so betrachtete, überlief mich mancher Schauer […].“ Vgl. hierzu außerdem Rath, Wolfgang: Die Novelle. Göttingen 2000, S. 118: „Die Wirkungsweise des Schauders inkarniert der Märchenprototyp vom Waldweib.“

[38] Tieck, S. 10f. Vgl. hierzu außerdem Rath, S. 119: „Die Symptomatik des Schauers wird hier ins Komische verkehrt. Für das kleine Mädchen, die dem Waldweib begegnet, ist deren Physiognomie, die dem Schauer nachempfunden ist, witzig. […] [S]ie faßt Zutrauen, begleitet die Alte und bleibt bei ihr.“

[39] Kreuzer, Ingrid, S. 180.

[40] Vgl. Tieck., S. 11f.

[41] Tieck, S. 12.

[42] Vgl. hierzu Lüthi, S. 37: „Es [das Märchen] liebt das Seltene, Kostbare, Extreme: das heißt das Isolierte. […] Diamant und Perle.“

[43] Vgl. Giese, Armin: Die Phantasie bei Ludwig Tieck. Ihre Bedeutung für den Menschen und sein Werk. Hamburg 1973, S. 205.

[44] Bertha hört den Vogel singen, doch im Gegensatz zu ihr kann die Alte sogar mit den Tieren sprechen. Vgl. Tieck, S. 10: „[…] bald sprach sie mit dem Vogel, der ihr nur mit seinem gewöhnlichen Liede Antwort gab.“ Dieses typische Merkmal des Volksmärchens wird von Stefan Neuhaus bestätigt: „Im Volksmärchen können Tiere sprechen und Menschen sich mit ihnen unterhalten.“ Zitiert aus: Neuhaus, Stefan. Märchen. Tübingen 2005, S. 5.

[45] Vgl. hierzu Haeuptner, Gerhard: Ludwig Tiecks Marchen „Der blonde Eckbert". In: Schwartländer, Johannes (Hrsg.): Verstehen und Vertrauen. Otto Friedrich Bollnow zum 75. Geburtstag. Stuttgart [u.a.] 1968. S. 22-26. Hier: S. 22.: „Man beachte, daß man die Verse rückwärts lesen kann, ohne ihren Sinn und Zusammenhang wesentlich zu entstellen. Eine solche Umkehrung ist nur dann möglich, wenn die gelebte Zeit kein ‚gerichteter‘ Fortgang ist [...], sondern ein Kreis, mit ‚Zeit ohne Ziel‘ [...].“

[46] Tieck, S. 10.

[47] Vgl. hierzu Tieck, S. 11: „Seine Schönheit fiel mir zwar immer auf, denn seine Federn glänzten mit allen möglichen Farben, das schönste Hellblau und das brennendste Rot wechselten an seinem Halse und Leibe, und wenn er sang, blähte er sich stolz auf, so daß sich seine Federn noch prächtiger zeigten.“

[48] Auch hier wird abermals ein typische Eigenschaft des Märchens umgekehrt: Während im Märchen „[d]er Wald, indem sich der Märchenheld verirrt […] immer nur genannt, niemals geschildert“ (zitiert nach Lüthi, S. 26) wird, beschreibt Ludwig Tieck die Landschaft und Umgebung sehr detailliert. Die Beschreibung der Landschaft wird in Punkt 2.3.4 noch genauer betrachtet.

[49] Sander, Ulirke-Christine: Tiecks Der blonde Eckbert – Alptraum der Indifferenz. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft. Internationales Organ für neuere deutsche Literatur. Jahrgang 48. Stuttgart 2004, S. 117-142. Hier: S. 123.

[50] Tieck, S. 9.

[51] Tieck, S. 11.

[52] Tieck, S. 11.

[53] Tieck, S. 11.

[54] Tieck, S. 12f.

[55] Liedke, Otto K.: Tiecks „Der blonde Eckbert“. Das Märchen von Verarmung und Untergang. In: The German quarterly. American Association of Teachers of German. Band 44. Cherry Hill 1971, S. 311-316. Hier: S. 313.

[56] Vgl. hierzu Tieck, S. 11: „[I]n der Nacht wachte ich einigemal auf, und dann hörte ich die Alte husten und mit dem Hunde sprechen, und den Vogel dazwischen, der im Traum zu sein schien, und immer nur einzelne Worte von seinem Liede sang. Das machte [...] ein so wunderbares Gemisch, daß es mir immer nicht war, als sei ich erwacht, sondern als fiele ich nur in einen andern noch seltsamem Traum.“

[57] Tieck, S. 9.

[58] Freund, Winfried: Literarische Phantastik. Die phantastische Novelle von Tieck bis Storm. Stuttgart [u.a.] 1990, S. 20.

[59] Tieck, S. 12.

[60] Kreuzer, Ingrid, S. 170.

[61] Kreuzer, Ingrid, S. 170.

[62] Lüthi, S. 21.

[63] Tieck, S.10.

[64] Freund, S. 20.

[65] Tieck, S. 14.

[66] Rauch, Marja: Die Schule der Einbildungskraft. Zur Geschichte des Literaturunterrichts in der Romantik. Frankfurt am Main 2011, S. 134.

[67] Rauch, S. 134.

[68] Vgl. dazu Tieck: Eckbert, S. 5: „Oft saß ich dann im Winkel und füllte meine Vorstellungen damit an, wie ich ihnen helfen wollte, wenn ich plötzlich reich würde, wie ich sie mit Gold und Silber überschütten und mich an ihrem Erstaunen laben möchte, dann sah ich Geister heraufschweben, die mir unterirdische Schätze entdeckten, oder mir kleine Kiesel gaben, die sich in Edelsteine verwandelten.“

[69] Vgl. Neubner, Thomas: Das Paradies ist längst zerstört! Der Zerfall des Raum-Zeit-Kontinuums als erzählerisches Stilmittel. Eine werkimmanente Interpretation unter sozialpsychologischen Gesichtspunkten am Beispiel der Biografie der Bertha in Ludwig Tiecks Werk „Der Blonde Eckbert“, S. 90. Online abrufbar unter: https://www.uni-due.de/imperia/md/content/germanistik/mauerschau/mauerschau5_neubner.pdf [zuletzt aufgerufen am 30.08.2014].

[70] Tieck, S. 12.

[71] Vgl. dazu Tieck, S. 13: „Ich hatte auch von Liebe etwas gelesen, und spielte nun in meiner Phantasie seltsame Geschichten mit mir selber. Ich dachte mir den schönsten Ritter von der Welt, ich schmückte ihn mit allen Vortrefflichkeiten aus, ohne eigentlich zu wissen, wie er nun nach allen meinen Bemühungen aussah – aber ich konnte ein rechtes Mitleid mit mir selber haben, wenn er mich nicht wieder liebte; dann sagte ich lange rührende Reden in Gedanken her, zuweilen auch wohl laut, um ihn nur zu gewinnen.“

[72] Vgl. dazu Tieck, S. 14: „Ich begriff nämlich wohl, daß es nur auf mich ankomme, in der Abwesenheit der Alten den Vogel und die Kleinodien zu nehmen, und damit die Welt, von der ich gelesen hatte, aufzusuchen. Zugleich war es mir dann vielleicht möglich, den überaus schönen Ritter anzutreffen, der mir immer noch im Gedächtnisse lag.“

[73] Rauch, S. 134.

[74] Tieck, S. 13.

[75] Vgl. Bürger, Christa: Der blonde Eckbert. Tiecks romantischer Antikapitalismus. In: Bark, Joachim (Hrsg.): Literatursoziologie. Band 2. Stuttgart 1974, S. 139-158. Hier: S. 144.

[76] Borries, S. 227.

[77] Tieck, S. 15.

[78] Hier kann erneut ein Bruch der typischen Märchenhandlung gesehen werden, denn Bertha wird weder gezwungen, noch wird sie von anderen Faktoren unbewusst oder gegen ihren Willen dazu gebracht, die Waldeinsamkeit zu verlassen. An dieser Stelle wird eine Wesenseigenschaft des Volksmärchens abermals umgekehrt, „[d]a die Märchenfiguren keine eigene Innenwelt haben und also konsequenterweise eigentlich auch keine eigenen Entschlüsse fassen können.“ Zitiert nach Lüthi, S. 53.

[79] Tieck, S. 15.

[80] Tieck, S. 17.

[81] Vgl. Tieck, S. 17.

[82] Rauch, S. 135.

[83] Lüthi, S. 17.

[84] Lüthi, S. 17.

[85] An dieser Stelle kann leider nicht näher auf die Gattung der Sage eingegangen werden, da dies den Rahmen der Seminararbeit sprengen würde.

[86] Tieck, S. 17.

[87] Vgl. Tieck, S. 17.

[88] Vgl. Lüthi, S. 45: Ein weiteres typisches Merkmal des Märchens sind Wiederholungen.

[89] Vgl. hierzu Haeuptner, S. 22, Anmerkung 9: „Man beachte, daß das Klagelied, obwohl eine genaue Parallele zu dem Freudelied über die Waldeinsamkeit, sich nicht wie dieses rückwärts lesen lässt [...] Man kann als Haeuptners Gedanken weiterführen und in der Formveränderung des Liedes einen Hinweis auf den Verlust des Ewigen (Zeit ohne Ziel) erkennen.“

[90] Tieck, S. 17.

[91] Vgl. Tieck, S. 17f.

[92] Tieck, S. 18.

[93] Tieck, S. 18.

[94] Tieck, S. 3.

[95] Tieck, S. 13.

[96] Borries, S. 228.

[97] Neumann, Gerhard: Kindheit und Erinnerung. Anfangsphantasien in drei romantischen Novellen: Ludwig Tieck: „Der blonde Eckbert“. Friedrich de la Motte Fouqué: „Undine“. E.T.A. Hoffmann: „Der Magnetiseur“. In: Oesterle, Günter (Hrsg.): Jugend. Ein romantisches Konzept? Würzburg 1997, S. 81-103. Hier: S. 85.

[98] Tieck, Ludwig: Schriften. Band 11, Berlin 1829. In: Kunz, Josef (Hrsg.): Novelle. Reihe: Wege der Forschung, Band 55. Darmstadt 1973, S. 84-90. Hier: S. 53.

[99] Schlaffer, S. 235.

[100] Schlegel, August Wilhelm: Über die Novelle. Online abrufbar unter: http://www.stefan-schuch.de/deutsch/gk/ta/novelle/theorie_ab1.pdf [zuletzt aufgerufen am 30.08.2014].

[101] Haenicke, Diether H.: Ludwig Tieck und „Der blonde Eckbert.“ In: Goethe, Albrecht / Pflaum Günther: Vergleichen und verändern. Festschrift für Helmut Motekat. München 1970, S. 170-187. Hier: S. 177.

[102] Rauch, S. 131.

[103] Vgl. hierzu Tieck, S. 4: „[…] und die Bäume draußen schüttelten sich vor Nasser Kälte.“

[104] Tieck, S. 4.

[105] Tieck, S. 4.

[106] Vgl. Tieck, S. 4.

[107] Tieck, S. 3.

[108] Tieck, S. 3.

[109] Vgl. Tieck, S. 3.

[110] Vgl. Tieck, S. 3.

[111] Tieck, S. 3.

[112] Hier deutet sich bereits an, dass Philipp Walther und die Alte ein und dieselbe Person sind, denn das Sammeln von Steinen und Kräutern kann mit dem Waldweib bereits hier in Verbindung gebracht werden.

[113] Vgl. Tieck., S. 3

[114] Arendt, Dieter: Der ‚poetische Nihilismus‘ in der Romantik. Band 2: Märchen und Novelle in der Frühromantik. Tübingen 1972, S. 266-269. Hier: S. 266.

[115] Tieck, S. 13.

[116] Arendt, S. 266.

[117] Freund, S. 17.

[118] Tieck, S. 3.

[119] Freund, S. 17.

[120] Freund, S. 18.

[121] Tieck,: Schriften, S. 53.

[122] Tieck,: Schriften, S. 53.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Gattungsbestimmung von Ludwig Tiecks "Der blonde Eckbert". Eine Märchennovelle?
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
34
Katalognummer
V293064
ISBN (eBook)
9783656902058
ISBN (Buch)
9783656902065
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gattungsbestimmung, ludwig, tiecks, eckbert, eine, märchennovelle
Arbeit zitieren
Christina Mühlbauer (Autor), 2014, Gattungsbestimmung von Ludwig Tiecks "Der blonde Eckbert". Eine Märchennovelle?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293064

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