"La perfecta casada" von Fray Luis de León. Frauenbild und grundlegende Wertvorstellungen


Essay, 2012

6 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Das Frauenbild von Fray Luis de León und die es begründenden Wertvorstellungen

La perfecta casada[1], von dem Theologen und Augustinermönch Fray Luis de León (1527/28-1591) im Jahre 1583 verfasst, ist ein moralpädagogisches Traktat, das die Normen, Werte und das ideale Verhalten einer perfekten christlichen Ehefrau aufzeigt. In ihm vereint Fray Luis seine ideellen und religiösen Überzeugungen, welche in einem misogynen Kontext entstanden sind und oftmals als solche verstanden wurden, laut Daniela Radpay aber die Frau nicht zu erniedrigen suchen, sondern ihr einen Leitfaden, einen „guía“ (Lpc S. 9), zur Verfügung stellen sollen (vgl. Radpay). Fray Luis war der festen Überzeugung, dass sein Werk zu einer harmonischen Beziehung der Eheleute beitrage (vgl. Radpay), da die Frau ihrer Rolle bewusst würde, die darin bestehe ihrem Mann zu dienen, ihre Kinder aufzuziehen, den Haushalt zu organisieren, gottesfürchtig zu sein und ihr Gewissen rein zu halten[2]. Um diese Aufgaben bewältigen zu können, sei Wissen nötig, das sich in La perfecta casada finden lässt, weswegen Fray Luis sein gesellschaftsprägendes Werk auch seiner Nichte María Varela Osorio als Hochzeitsgeschenk überreichte (vgl. Radpay).

Fray Luis betont mehrfach welche große Bedeutung er dem bien obrar der Ehefrau beimisst. Um dieses zu veranschaulichen, stellt er verschiedene Verhaltensweisen vor und bewertet sie nach ihren positiven, nachahmenswerten und negativen Effekten. Diese Vorgehensweise der Handlungsbewertung ist charakteristisch für verschiedene Strömungen der Ethik, die gemeinhin als die „Theorie der Moral, […] die Reflexion und argumentative sowie handlungsorientierte Prüfung der ‚gelebten‘ Werte und Normen“ (Dietrich S. 15) bekannt ist. Der vorliegende Essay versucht zunächst das ‘Tun-Sollen‘ Fray Luis‘ perfekter Ehefrau und damit sein Frauenbild sowie die es begründenden Wertvorstellungen herauszuarbeiten. Abschließend soll das umstrittene 16. Kapitel (Lpc S. 122-125) aus der Sicht der Frau anhand zweier ethischer Positionen genauer untersucht werden: Zum einen mithilfe Immanuel Kants Ethik, die er in Eine Grundlegung der Metaphysik der Sitten [3] vorstellt und sich fragt, zu was das Individuum verpflichtet ist, zum anderen die utilitaristische Ethik[4], die untersucht, was den Nutzen aller am meisten fördert.

Fray Luis‘ Überzeugung nach hat jeder Mensch seinen zugewiesenen, festen Platz im Leben und sollte von diesem nicht abweichen. Von Natur aus sei die Frau das schwächere und zerbrechlichere Geschöpf und brauche deswegen strikte Richtlinien und Regeln (vgl. Radpay)[5]. Dies sei besonders in der Ehe von Bedeutung, die von der Heiligen Schrift als gut und für den Erhalt des Menschengeschlechts als wichtig geheißen wird[6]. Fray Luis beruft sich immer wieder auf die Bibel, um seinem Werk Überzeugungskraft und Legitimität zu verleihen. Jedes der 20 Kapitel wird durch ein Zitat aus dem Kapitel 31 der Sprüche Salomos eingeleitet und erhebt somit ausdrücklich Anspruch auf ‚salomonische Weisheit‘ (vgl. Hassauer). Aufgrund seines Aufbaus wurde es auch oftmals als Bibelkommentar gelesen. Da nicht nur christliches Gedankengut aufgegriffen wird, sondern auch die Ideen antiker Philosophen wie Platon und Aristoteles (vgl. Alan Jones S. 416), lässt sich Fray Luis dem humanismo cristiano zuordnen.

La perfecta casada erwähnt zahlreiche virtudes, die die perfekte Ehefrau in sich vereinen sollte[7]. Zunächst einmal soll sie vom öffentlichen Leben ausgeschlossen werden und sich voll und ganz ihrem „oficio simple y doméstico” (Lpc S. 118) widmen, da sie nicht für die Geschäftswelt gemacht worden sei[8]. Stattdessen beschränke sich die Aufgabe einer buena mujer darauf, ihren Mann zu einem ‚guten‘ Gatten zu machen und ‚gute‘ Kinder großzuziehen[9]. Sie soll ein Vorbild für ihre Umwelt sein, die rechte Hand ihres Mannes, eine liebevolle und fürsorgliche Ehefrau und Mutter, Vorbild für ihre Kinder, gut zu ihren Angestellten, arbeitsam, geschickt, handfertig, erfinderisch, häuslich, ordentlich, früh aufstehend, wachsam, sauber, reinlich, uneitel, sich diskret kleidend, keine Kosmetikartikel benutzend, bescheiden, treu, ehrlich, fromm, barmherzig, fürsorglich, freundlich, sparsam, den Reichtum mehrend, still, und noch vieles mehr. Fray Luis benutzt zahlreiche Metaphern um seine Wertvorstellungen zu unterstreichen, beispielsweise vergleicht er den Haushalt mit einem lebenden Körper, dessen Seele die Frau ist und dessen Organisation und Pflege in den alleinigen Zuständigkeitsbereich der selbigen fällt (vgl. Radpay)[10]:

Like the living, a household is comprised of many parts that need to be maintained and cared for in order for it to run successfully. The wife is the one responsible for this maintenance and survival (Radpay).

Falls eine Frau ihren zahlreichen Pflichten nicht nachkommen könne oder sie vernachlässige, würde sie harsch bestraft werden: „[she] pay[s] for it seven times over” (Radpay). Verständlicherweise kann nicht jede Frau diesem Leistungsdruck standhalten, weswegen Fray Luis argumentiert, dass es nur wenige wirklich gute Ehefrauen gebe[11]. Derjenige Ehemann, der eine besitzt, solle sie wie seinen Augapfel hüten und schätzen[12]. Unter der Hand einer perfecta casada schließlich “crece el bien como espuma, y se mejora la hacienda, y reina el concierto, y va desterrado el enojo” (Lpc S. 63). Auch die innerfamiliären Beziehungen profitieren unter einer mujer de valor: „el marido la ama, y la familia anda en concierto, y aprenden virtud los hijos y la paz reina” (Lpc S. 18). Eine schlechte Ehefrau hingegen sei mit das Schlimmste was einem Mann passieren könne: „La maldad de la mujer es todas las maldades“ (Lpc S. 19).

Aufgrund der Schuld der Frau an dem Sündenfall, die die Vertreibung des Menschengeschlechts aus dem Paradies nach sich zog (vgl. Lpc S. 20), argumentiert Fray Luis, dass sie ihrem Mann dienen und gehorchen solle[13] sowie bei Ungehorsam auch bestraft werden müsse[14]. Nichts desto trotz betont er die Interdependenz der Geschlechter, die die Frau nicht zur „esclava[s]“ (Lpc S. 42) ihres Mannes, sondern zu seiner „ayudadora, y no destruidora.” (Lpc S. 40) mache. Dabei beruft sich Fray Luis auf die Genesis, nach der die Frau aus der Rippe des Mannes geformt wurde: „parte de su cuerpo […] a quien por el mismo caso se debe particular cuidado y regalo“ (Lpc S. 42f). Die Pflicht des Mannes besagt also, dass er seiner Frau „mejor tratamiento” (Lpc S. 42f) schuldet und ihr als Vorbild fungieren soll[15]. Fray Luis lässt auch bedenken, dass nicht jeder Mann eine gute Frau verdient hat[16].

[...]


[1] Im Folgenden wird La perfecta casada mit Lpc abgekürzt.

[2] „El servir el marido, el gobernar la familia, y la crianza de los hijos, y la cuenta que juntamente con esto se debe al temor de Dios, y a la guarda y limpieza de la conciencia”, Lpc S. 9.

[3] Kant, Immanuel, “Grundlegung der Metaphysik der Sitten”, in: Kritik der praktischen Vernunft. Grundlegung

zur Metaphysik der Sitten., Hg. v. Wilhelm Weischedel, Werkausgabe VII., Frankfurt am Main, Suhrkamp,

1989, S. 41-69.

[4] Höffe, Otfried, „Einführung in die utilitaristische Ethik“, in: Einführung in die utilitaristische Ethik, ders.

(Hg.), 2.überarb. u. Akt. Aufl., Tübingen, Francke, 1992, S. 7-51.

[5] „En la naturaleza es más flaca”, Lpc S. 26 - “cosa de tan poco ser [...] nunca ni emprende ni alcanza cosa de valor ni de ser”, Lpc S. 27 - „de natural flaca y frío”, Lpc S. 33 - „nacieron para sujeción y humildad”, Lpc S. 37.

[6] „El estado del matrimonio [...] la necesidad que hay de él en el mundo, para que se conserven los hombres [...] fué siempre muy honrado y privilegiado por el Espíritu Santo en las Letras Sagradas”, Lpc S. 10.

[7] Z.B.: “Que sea hacendosa, y aprovechada, y veladora, y allegadora, [...], Lpc S. 71.

[8] „La naturaleza no la hizo para el estudio de las ciencias, ni para los negocios de dificultades”, Lpc S. 118.

[9] „Hacer buen marido, y criar buenos hijos”, Lpc S. 126.

[10] “Porque ha de entender que su casa es su cuerpo y que ella es el alma de él [...]”, Lpc S. 57 - “ninguna cosa de su casa quede desaprovechada, sino que todo cobre valor, y crezca en sus manos”, Lpc S. 53 - “ella ha de rodear de su casa todos los rincones, y recoger todo lo que pareciera estar perdido en ellos, y convertirlo en utilidad y provecho”, Lpc S. 54.

[11] „Dificultoso el hallarla, y que son pocas las tales”, Lpc S. 24 - „la mujer buena es más que buena”, Lpc S. 27.

[12] „Un tesoro”, Lpc S. 28 - „no hay joya ni posesión tan preciada, ni enviada, como la buena mujer”, Lpc S. 113 - „corona y luz, y bendición y alteza, de su marido”, Lpc S. 113 - “tratándola honrada y amorosamente [...] todo este trato amoroso y honroso ha de tener principio del marido”, Lpc S. 42.

[13] „La mujer dió principio al pecado, y por su causa morimos todos“, Lpc S. 20 - „la mujer no ha de traspasar la ley del marido, y en todo le ha de obedecer y servir”, Lpc S. 72.

[14] “La buena orden pide algunas veces severidad”, Lpc S. 78.

[15] “Enseñarle con su ejemplo lo que ella haga”, Lpc S. 43.

[16] „El hombre vicioso y distraído [...] no espere, ni siquiera tener, buena mujer; porque ni la merece, ni Dios la quiere a ella tan mal, que la quiera juntar a compañia tan mala; y porque él mismo, con su mal ejemplo y vida desvariada, la estraga y corrompe”, Lpc S. 114.

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Details

Titel
"La perfecta casada" von Fray Luis de León. Frauenbild und grundlegende Wertvorstellungen
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Romanistik)
Veranstaltung
HS: Novellen des Siglo de Oro
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
6
Katalognummer
V293201
ISBN (eBook)
9783656903826
ISBN (Buch)
9783656903833
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fray Luis de León;, La perfecta casada;, Frauenbild;, Wertvorstellungen;, Immanuel Kants Ethik;, Utilitaristische Ethik;, Bien obrar;, Moralpädagogisches Traktat;, Perfekte christliche Ehefrau;
Arbeit zitieren
Eliana Briel (Autor), 2012, "La perfecta casada" von Fray Luis de León. Frauenbild und grundlegende Wertvorstellungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293201

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