Bomben-Stimmung. US-Lehrfilme im Kalten Krieg


Hausarbeit, 2015

12 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Kontext

Filme im Klassenzimmer

Bert the Turtle

The House in the Middle

Post-Hiroshima

Literaturverzeichnis

Kontext

Am 16. Juli 1945 testen die USA die erste Atombombe. Um das Kaiserreich Japan zur Kapitulation zu zwingen, folgen die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945. Die Kapitulation Japans beendet im September 1945 den Zweiten Weltkrieg auch in Asien. Es beginnt der Kalte Krieg. Die USA setzen die Tests ihrer Atombomben fort, so beispielsweise unter der › Operation Crossroads‹, unter welcher 1946 zwei Tests im Bikini Atoll im Pazifischen Ozean stattfinden. Dort wird 1954 auch die Wasserstoffbombe getestet. Zwischenzeitlich testet die Sowjetunion 1949 ihre erste Atombombe und 1955 die erste Wasserstoffbombe. 1950-1953 kämpfen beide Nationen im Koreakrieg gegeneinander.

In den Nachkriegsjahren, und besonders in den 1950er Jahren, lässt das neu gegründete US Department of Defense (zuvor United States Department of War) über seine Organe wie die Federal Civil Defense Administration (FCDA) oder Federal Civil Defense Authority Filme im Stil der ›Social guidance films‹ produzieren. Wurden diese während des Zweiten Weltkriegs noch hauptsächlich zu Propagandazwecken eingesetzt, dienen sie nun dazu, sicheres Verhalten bei möglichen Atomangriffen zu lehren. Also bekanntestes Beispiel kann hier der 1952 veröffentlichte Film „ Duck and Cover“ [1] betrachtet werden. Ein weiterer etwa 10-minütiger Dokumentarfilm wird 1954 unter dem Titel „ The House in the Middle[2] veröffentlicht. Beide sollen im Folgenden ausführlich betrachtet werden.

Filme im Klassenzimmer

1923 wird der 16mm-Film eingeführt und entwickelt sich schnell zum populärsten Format für Filmvorführungen in Schulen und außerhalb von Kinos. Im Vergleich zum (damals noch leicht brennbaren) 35mm-Film ist das 16mm-Format vor allem wirtschaftlicher[3]. Das Potential, was öffentliche Vorführungen in Schulen, Kirchen, Vereinen[4] und weiteren öffentlichen Einrichtungen vor allem für die Meinungsbildung und Propaganda bietet, wird bald erkannt. „Film can help to win the war“[5] ist hierbei ein viel zitierter Satz aus Mary Losey Buch Films for the community in wartime.

Bert the Turtle

Nicht zuletzt durch die Verwendung in Popkultur, wie in dem Film The Atomic Café[6] zählt Duck and Cover [7] zu den bekanntesten Social guidance films. Zu Beginn des 9-minütigen Films wird der Protagonist, Bert the Turtle, eine Zeichentrick-Schildkröte (Abb. 1c), etabliert, deren Kernkompetenz darin besteht, sich bei Gefahr in ihrem Schildkrötenpanzer zu verstecken. Begleitet wird Bert dabei von einem Lied, dass im Stil einem Kinderlied nachempfunden ist. Der Text lautet dabei:

There was a turtle by the name of Bert / and Bert the turtle was very alert;

When danger threatened him he never got hurt / he knew just what to do...

He'd duck! / And cover! / And cover!

He did what we all must learn to do / You / And you / And you /

And you! / Duck, and cover! (Time-Code: 00:00:08)

Der nach dem Lied einsetzende Off-Sprecher erklärt im Folgenden, dass besagtes ‚Ducken und Decken‘ bei einer Atombombenexplosion Leben retten könne (TC: 00:01:19). Daher solle dies geübt werden. Es wird erklärt, dass eine Explosion mit einem hellen Blitz beginne, worauf hin man sich ducken und verdecken solle. Ferner wird erwähnt, dass es zwei Arten des Angriffs gebe, mit und ohne Vorwarnung. Bei einer Vorwarnung durch Alarm solle das Haus oder ein Luftschutzbunker aufgesucht werden. Sollte es keine Vorwarnung geben, müsse man beim Blitz sofort in die Duck and Cover -Position gehen. Dies wird zunächst wieder von Bert demonstriert, worauf weitere Beispiele von Situationen einer Atombombenexplosion folgen. So werden u.a. ein Junge auf einem Fahrrad (Abb. 1b), eine Familie beim Picknick, ein Junge auf einem Traktor oder Kinder in einem Schulbus gezeigt, die nach einem Blitz jeweils besagte Position einnehmen (vgl. Smith 1999, S. 143).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbildung 1 a-c: Szenenfotos aus „Duck and Cover“, USA 1951 Producer: Archer Productions, Inc. Sponsor: U.S. Federal Civil Defense Administration.

Abb. 1a: Bert the Turlte, Texttafel. (TC: 00:01:00)

Abb. 1b: Junge mit Fahrrad, in der Duck-and-Cover-Position. (TC: 00:06:57)

Abb. 1c: Bert the Turtle. (TC: 00:08:56)

Bildquelle: https://archive.org/movies/thumbnails.php?identifier=DuckandC1951 (20.11.14)

Der Film wird in Schulen gezeigt und geht einher mit ebenfalls im Film gezeigten Drills, also Alarmübungen für den Fall eines Angriffs (vgl. Matthews 2011[8], S. 1). Was Schüler also machen sollen, wenn es zu einer Atomexplosion kommt, sollte also mittlerweile klar sein („That’s what this film is all about, duck and cover“, TC: 00:00:45). – Bei meiner folgenden Auseinandersetzung mit diesem Film und der Analyse möchte ich vor allem auf die Punkte Verharmlosung und Hilflosigkeit eingehen, und zeigen, wie diese speziell in diesem Film verarbeitet und impliziert werden.

So wird die Bedrohung durch die Atombombe als Gefahr beschrieben, die etwa gleichermaßen alltäglich scheint, wie die Gefahr möglicher Brände („Fire is a danger, (…) but we are ready for fire“, TC: 00:01:39), oder Autounfällen. Im Zusammenhang mit diesen bekannten Gefahrenquellen wird die Atombombe als „new danger“ (TC: 00:02:06) vorgestellt. Über Hintergründe oder spezifische Auswirkungen der Atombombe wird nicht gesprochen, vielmehr wird nur anhand einer Zeichentricksequenz die Auswirkung einer Explosion beschrieben („It can smash in buildings, knock sign boards over and break windows all over town“, TC: 00:02:37). Die Sequenz endet auf Bert, der in seinen Panzer gekrochen ist, mit den Worten „If you duck and cover, you will be much safer“ (TC: 00:02:43). Es mag zunächst an der Zielgruppe liegen, dass das dargestellte Beispiel für Erwachsene nicht sehr nachvollziehbar ist. Wird wie in der Sequenz dargestellt, eine ganze Stadt durch die Explosion zerstört, scheint es in diesem Moment wenig auszumachen, ob man sich auf den Boden geworfen hat oder nicht. Nicht nur der Nutzen der Methode „Duck and Cover“, sondern auch die bereits erwähnten Drills bieten Anlass zur Kritik. Zum einen konnten Kinder durch die Übungen traumatisiert werden (Matthews 2011, 24), zum anderen konnte die Position, auch als „atomic clutch“ beschrieben, zu Stauchungen gewisser Organe kommen (a.a.O. S. 18).

Doch natürlich würde die US-Regierung nie einen Film produzieren, dessen Kernaussage ist, dass man im Fall eines Atomangriffs weitestgehend hilflos sei. Vielmehr wird die mögliche Gefahr durch genannte weitere Beispiele verharmlost. Somit scheint es für den Zuschauer wahrscheinlich logisch, dass man durch das erklärte Verhalten sicherer ist. Dies könnte jedoch aus der eigentlichen Schutz- und Hilflosigkeit im Fall eines Angriffs ohne Warnung entstammen. Davon ausgehend soll nun die altbekannte US-amerikanische Souveränität und Stellung als Weltmacht, vor allem in historischem Bezug zu den sowjetischen Atomtests, unterstrichen werden. Lässt sich also über den Sinn des „atomic clutch“ streiten, wird erkennbar, dass der Sinn des Films darin liegt, die Zielgruppe, also Schulkinder, mit der Gefahr vertraut zu machen. Die eigentliche Brutalität eines Atomangriffs aber zu verschweigen, wohlmöglich, um keine Panik zu erzeugen. –

Dieser Ansatz lässt sich in Freuds Begriff der Verdrängung wiederfinden[9], wonach die Angst vor der möglichen Gefahr unterdrückt werden soll. Eine umfassende Abhandlung zu Freud würde allerdings an dieser Stelle den Rahmen eines Essays überschreiten, werden in der Unterdrückung ferner auch Ansätze der Jugendbewegungen in den USA der späten 1960er Jahre gesehen (Brown 1988, 84).

The House in the Middle

Filme wie Duck and Cover gehen von einen Nutzen für die Bevölkerung aus, auch wenn sich über die Methoden im Einzelnen diskutieren lässt. Selbst wenn man davon ausgeht, dass das Wissen über Atombomben und deren Auswirkung und Gefahr gering war, sticht der im Folgenden betrachtete Film The House in the Middle [10] in seiner Kernaussage heraus. Unterstützt von der Federal Civil Defense Administration wird die Dokumentation vom › National Clean Up-Paint Up-Fix Up Bureau‹ produziert und 1954 veröffentlicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abb. 2: Vorspann (TC: 00:00:32)

Zu Beginn werden in einer Wüstenlandschaft drei Hütten gezeigt, wobei das mittlere Haus deutlich sauberer und gepflegter aussieht als die beiden äußeren. Es setzt ein Countdown ein, auf welchen die Testzündung einer Atombombe folgt. Nach dem von dramatischer Musik unterlegten Vorspann (Abb. 2) zeigt das Bild eine durchschnittliche US-amerikanische Stadt, und bleibt auf einem Haus stehen. Der Sprecher erläutert den vernachlässigten Zustand des Hauses und des Vorgartens mit dem Fazit „A house that is neglected is a house that may be doomed in the atomic age“ (TC: 00:01:16). Im folgenden Bild sitzt der Sprecher an einem Schreibtisch und spricht über die Effekte von „atomic heat“ (TC: 00:01:40; zu Übersetzen mit „Atomwärme“), welche Inhalt verschiedener Nuklear-Tests waren, und will im Folgenden Schutzmaßnahmen erörtern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abb. 3a: Zwei von außen identische Häuser (TC: 00:04:12)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abb. 3b: Nach der Explosion beginnt das rechte, unaufgeräumte Haus zu brennen (TC: 00:05:19)

Es folgen Aufnahmen aus einem Testgelände, bei denen drei verschiedene Beispiele aufgeführt werden. Zunächst fünf Zäune, von denen drei beschmutzt sind. Nach der Explosion sind die verdreckten Zäune stark beschädigt, während die beiden sauberen und gestrichenen noch intakt sind. Als nächstes werden zwei Hütten gezeigt (Abb. 3), die von außen gleich aussehen. Jedoch ist das Zimmer des linken Hauses sauber und aufgeräumt, während im rechten auf herumliegende Zeitungen und die Unordnung hingewiesen wird (ab TC: 00:03:42). Beide Häuser werden äußerlich gleichstark von der Explosion beschädigt, doch beginnt das rechte Haus nach einem Moment, zu brennen. Der Sprecher kommentiert das Bild des abbrennenden Hauses mit den Worten „The lack of fire-safe housekeeping has doomed this house to destruction“(TC: 00:05:27).

Im dritten Beispiel werden drei Häuser gezeigt (Abb. 4). Die beiden äußeren werden als heruntergekommen dargestellt, während das mittlere Haus sauber und frisch gestrichen erscheint. Es folgt die Explosionssequenz aus dem Vorspann, jedoch ohne den Countdown. Danach beginnt zunächst das rechte, dann auch das linke Haus, zu brennen.

Das Haus in der Mitte jedoch steht unverändert da. Nach einigen weiteren Aufnahmen der drei Häuser wird erneut der Sprecher gezeigt. Dieser unterstreicht, dass das saubere und angestrichene Haus die Hitze- und Druckwelle einer Atomexplosion überstanden hat. Folglich ruft er die Zuschauer auf, sich ebenfalls an Aufräum- und Renovierungsaktionen in ihren Kommunen zu beteiligen („Beauty, cleanliness, health, and safety are the four basic doctrines that protect our homes, our cities“, TC: 00:10:49) und endet mit dem Appell „The reward may be survival“ (TC: 00:11:24).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abb. 4a: Die drei Häuser vor der Explosion (TC: 00:07:34)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abb. 4b: Das mittlere Haus hält der Atombombe stand (TC: 00:09:04)

[...]


[1] https://archive.org/details/DuckandC1951 (Aufgerufen am 20.11.14)

[2] https://archive.org/details/Houseint1954 (Aufgerufen am 02.03.15)

[3] Learning with the Lights off. Oxford University Press, 2011. Kapitel 6: Jennifer Peterson: Glimpse of animal life: Nature Films and the emergence of Classroom Cinema, S. 147

[4] Losey, Mary: Films for the community in wartime. National board of review of motion pictures, New York 1943

[5] A.a.O., S. 7

[6] The Atomic Café (USA 1982), Buch und Regie: Jayne Loader, Kevin Rafferty, Pierce Rafferty, 88min

[7] Duck and Cover (USA 1951), Ancher Productions for Federal Defense Administration, R.: Anthony Rizzo, Buch: Ray J. Mauer; 10min

[8] Matthews, Melvin E. Duck and Cover: Civil Defense Images in Film and Television from the Cold War to 9/11. Jefferson, NC: Mcfarland & Co, 2011.

[9] Sigmund Freud: Die Verdrängung. GW X, 248-261. (1915)

[10] The House in the Middle (USA 1954); P: National Paint, Varnish and Lacquer Association; U.S. Federal Civil Defense Administration; R.: n.a. The House in the Middle ist nicht zu verwechseln mit The House I live in. In diesen Film von 1945 erklärt niemand geringeres als Frank Sinatra einer Gruppe weißer Halbstarker, dass sie allesamt, ungeachtet von Religion, Amerikaner seien und gibt so seine sehr patriotische Version der Ringparabel (s. hierzu u.a. Smith 1999, S. 159f). https://archive.org/details/THE_HOUSE_I_LIVE_IN (10.12.2014)

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Bomben-Stimmung. US-Lehrfilme im Kalten Krieg
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V293245
ISBN (eBook)
9783656923282
ISBN (Buch)
9783656923299
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bomben-stimmung, us-lehrfilme, kalten, krieg
Arbeit zitieren
Julian Marquardt (Autor), 2015, Bomben-Stimmung. US-Lehrfilme im Kalten Krieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293245

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