Träume weiblicher Figuren in der deutschen Literatur des Mittelalters


Masterarbeit, 2012
84 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abstract

0. Einleitung

1. Zum Traum in der Antike
1.1. Träume und ihre Funktionen in der antiken Literatur
1.1.1. Penelopes Gänsetraum
1.1.2. Klytaimnestras Drachentraum
1.2. Allgemeines zum Traum und zur Traumdeutung im Mittelalter
1.2.1. Traum in der mittelalterlichen Literatur

2. Tiere in den weiblichen Träumen im Mittelalter
2.1. Kriemhilds Träume im Nibelungenlied
2.1.1. Kriemhilds Falkentraum
2.1.1.1. Falke im Mittelalter
2.1.1.2. Zur symbolischen Bedeutung des Falken im Nibelungenlied
2.1.1.3. Adler im Mittelalter
2.1.1.4. Zur symbolischen Bedeutung des Adlers im Nibelungenlied
2.1.2. Kriemhilds Ebertraum
2.1.2.1. Eber im Mittelalter
2.1.2.2. Zur symbolischen Bedeutung des Ebers im Nibelungenlied
2.1.3. Funktionen der Träume in der Handlung
2.2. Herzeloydes Traum im Parzival
2.2.1. Herzeloydes Drachentraum
2.2.1.1. Drache im Mittelalter
2.2.1.2. Zur symbolischen Bedeutung der Drachen im Parzival
2.2.2. Funktionen des Traums in Parzivals Leben und in der Handlung

3. Schlussbemerkung

4. Literaturverzeichnis

5. Anhang

Vorwort

An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen, um denjenigen Personen zu danken, die zum Gelingen meiner Arbeit ganz wesentlich - direkt oder indirekt - beigetragen haben. Mein erster Dank geht an GLITEMA; ohne GLITEMA hätte ich diese Arbeit nicht geschrieben. Der größte Dank gilt Prof. Dr. John Greenfield für seine Geduld, seine Unterstützung und seine wertvollen Hinweise, mit deren Hilfe ich im Rahmen meines Studiums meine Arbeit zu einem erfolgreichen Abschluss bringen konnte. Meinen Studienkollegen danke für ihre immerwährende Hilfsbereitschaft. Mein besonderer Dank gilt meinen Eltern für ihre unermüdliche Motivation.

Abstract

Modem psychology teaches us that dreams play an important role in human thoughts and behaviours, and that they are an indispensable part of our psyche. However, interest in the meaning of dreams is not a modern concept and can be traced back to ancient cultures. As literature and the written word developed, oneiromancy was included along with other philosophical writings. The Middle Ages were influenced by the ancient traditions regarding dreams and continued to explore their possible meanings and uses. Dreams appearing in medieval literature were often used as tools of premonition, allowing the author to strengthen parts of his narration.

In this thesis, the dreams of two significant women figures’ in medieval literature, those of Kriemhild and Herzeloyde, have been addressed. Kriemhild had two dreams that foresaw her husband’s death: one in which an eagle and a hawk appear, and in the other a boar. Herzeloyde, who played a significant and determinative role in ‘Parzival’, had a dream about dragons, which foretold of the death of her husband as well as the birth of her son and her own death. In this thesis, the significance of dreams are discussed as well as the role of animals in these dreams as reflections of the incidents and characters. In this way, two questions: “How did these animal-dreams affect the characters’ lives and the story?” and “What kind of functions did these dreams have?” are explained.

0. Einleitung

Träume spielen im Denken und Handeln der Menschen eine wichtige Rolle. Nach Latacz ist „das Träumen [...] ein universales Phänomen [...] unabhängig von der historischen Zeit, vom historischen Ort, von der Rasse; es ist für den Menschen lebensnotwendig, und es ist wegen der so täuschend echten Realitätsillusion, die es zu erzeugen vermag, zutiefst beunruhigend“ (1984, 10).

Träume haben eine besondere Magie. Sie sind die Sekunden, in denen man passiv ist. Man tut nichts, aber gleichzeitig macht man alles. Man sieht und hört und man kann alles sein und haben, was man in der Wirklichkeit nicht ist oder nicht hat. Während wir im Wachzustand eine gemeinsame Welt mit den anderen Menschen haben, besitzen wir aber in den Träumen eine ganz andere, eine eigenartige Welt, die nur zu uns gehört. Diese Welt nennt Heraklitos ídios kosmos, nämlich die Welt der Träume. Er sagt dazu in seinen Fragmente: „Die Wachen haben eine einzige und gemeinsame Welt. Im Schlafe wendet sich jeder der eigenen zu“ (NEEßE: 1982, 103).

Die Menschen sind immer in allen Epochen und Kulturen von diesen täglichen und nächtlichen Eindrücken der Träume fasziniert und gleichzeitig beunruhigt gewesen. Träume sind allgemeine menschliche Erfahrung. Wie Weber bemerken hat, träumte jeder vom Kaiser bis zum Sklaven, Männer und Frauen, und es wurde eher als bemerkenswert angesehen, wenn jemand nicht träumte (2003, 21). Träume versuchte man immer in verschiedener Art und Weise zu deuten. Es wurde nach ihren Sinn und Nutzen gefragt. Deswegen stellt die Literatur aller Zeiten schon von Anfang an öfters Träume, deren Deutungsversuche und Erklärungen dar.

In der Literatur des Mittelalters spielen Träume eine ganz besondere Rolle. Das Ziel der Arbeit ist es herauszuarbeiten, welche Rollen und Funktionen die Tier-Träume in der mittelalterlichen Literatur haben. Es gibt viele verschiedene Träume in der mittelalterlichen Literatur, aber es ist nicht möglich im Rahmen der vorliegenden Masterarbeit alle Träume zu untersuchen. Besonders erscheint es mir interessant, die Tiere in den weiblichen Träumen zu untersuchen. In zwei kanonischen Werken, dem Nibelungenlied und Parzival, werden die Tier-Träume von zwei wichtigen Figuren geträumt. Das Anliegen meiner Arbeit ist es, diese Träume zu untersuchen. Dabei möchte ich mich auf die wichtige Studie Speckenbachs beziehen, die sich mit der Traumdeutung in der Literatur des Mittelalters beschäftigt. Er unterschiedet nämlich fünf Funktionen der Träume in der mittelalterlichen Literatur: 1. Forderung der Handlung, 2. Schaffung von Stimmung durch die Bildsprache des jeweiligen Traumes, 3. epische Vorausdeutung, 4. Verknüpfung auseinanderliegender Handlungsepisoden, 5. Schaffung einer Transparenz mit Hilfe der allegorischen Denkweise (1976, 180). Im Rahmen der folgender Arbeit wird auch nachzuforschen sein, inwiefern in den zu analysierenden Träumen Kriemhilds und Herzeloydes diese fünf Funktionen Speckenbachs nachzuweisen sind.

Ein Analyse der zwei Werke Das Nibelungenlied und Parzival zeigt, inwiefern die verschiedenen Tier-Träumen von Kriemhild und Herzeloyde zentrale Elemente zum Verständnis der jeweiligen Handlungen sind.

Im Nibelungenlied werden zwei Tier-Träume von Kriemhild erwähnt, die die Schicksalhaftigkeit der Geschichte näher beleuchten und in gewisser Weise auch einen Blick auf Kriemhilds Emotionalität gestatten. Dies sind zum einen der Falkentraum in der ersten Aventiure zu Beginn des Nibelungenliedes und zum anderen der Ebertraum, in Aventiure 16. Beide Träume weisen auf den Tod Siegfrieds hin und können als Vorboten von Kriemhilds Leid betrachtet werden. Im zweiten Buch von Parzival wird Herzeloydes Drachentraum erwähnt. Dieser Traum kann auch als Vorbote von Herzeloydes Leiden betrachtet werden und die Schicksalhaftigkeit kann ins Auge fallen, weil er die Geburt Parzivals, nämlich eines großen Königs, symbolisiert und im weiteren Verlauf des Textes spürbaren Einfluss hat. Aber dieser Traum spielt auch eine große Rolle in der Mutter-Kind Beziehung.

In der Forschung sind die Tier-Träume Kriemhilds und der Tier-Traum Herzeloydes ein wichtiger Gegenstand der Untersuchungen. Sie werden als als „memorable dreams“ betrachtet (vgl. Hatto: 1968, 16). „Each of these dreams is vivid, immediate [...] and each is an 'Angsttraum'“ (Hatto: 1968, 16).

Wegen der Deutung des Falken als künftigen Geliebten sieht die Forschung den Falkentraum auch als ein Wunschtraum an (vgl. Ehrismann: 1987, 111). Ehrismann behauptet, dass dieser Traum den sicheren Mord Siegfrieds prophezeit und trotzdem glaubt die fromme Ute an Gott. Deswegen betrachtet er diese Haltung als die Differenz zwischen (magischem) Wissen und aktueller Hoffnung (vgl. 1987, 110) und „sie zeigt, dass die Akteure ihr Tun nicht von der Magie, deren Äußerungen immer die (unabwendbare) Zukunft voraussagen, bestimmen lassen“ (1987, 110). Wegen seiner die Zukunft voraussagenden Funktion betrachtet Greenfield den Falkentraum als ein prophetischen Traum (vgl. 2001, 108). Außerdem behauptet Greenfield, dass der Falkentraum seit Beginn der Dichtung die Verbindung zwischen dieser höfischen Dame und dem Tod bildet (vgl. 2001, 108). Laut der Forschungsliteratur sind die Träume Kriemhilds ein Teil der sinngebenden Vorausdeutungen des Nibelungenlieds (vgl. Schulze: 2008, 120).

Die Forschung betrachtet den Ebertraum Kriemhilds als eine Verdopplung der Deutung des Falkentraums (vgl. Ehrismann: 1987, 150). Er handelt sich auch um eine Prophezeiung des Tods Siegfrieds, deswegen gilt dieser Ebertraum als ein Warntraum (vgl. Miedema: 2011, 91). Miedema versucht den Ebertraum zu interpretieren, indem sie betont, dass es nicht sicher ist, ob dieser Traum von Kriemhild erfunden ist oder nicht. Aber trotzdem bewertet sie den Ebertraum als einen prophetischen Traum (vgl. 2011, 92).

In der Forschung gilt der Drachentraum Herzeloydes als Höhepunkt mittelalterlichen Sinnbildsprache (vgl. ROßKOPF: 1972, 139) wird dieser Traum wegen der verschiedenen Traumbilder in drei inhaltliche Teile gegliedert (Speckenbach: 2001, S. 71). Die symbolischen Bedeutungen dieser Traumbilder bilden eine Einheit. Diese Bilder betrachtet Hartmann als ein prophetischer Traum (2000, 290). Beim Drachentraum handelt sich um einen Angsttraum aber gleichzeitig ist er ein Wunschtraum (vgl. Bachorski: 2007, S. 38). Wolfram spielt mit dem Drachentraum Herzeloydes auf antiken Drachenträume, die dort die Geburt großer Helden ankündigen, oder auf die apokalyptische Passagen des Neuen Testaments an (Dallapiazza: 2009, 37).

Nach diesem kurzen Forschungsbericht möchte ich jetzt die Gliederung meiner Arbeit vorstellen. Die Arbeit ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil der Arbeit besteht aus einem Überblick über Traum und Traumdeutung in der Antike und im Mittelalter Es soll herausgearbeitet werden, was man in jener zeit über Träume dachte und wie man sie in der antiken Literatur darstellte. Ferner soll erklärt werden, auf welche Weise der Traum das gesellschaftliche Leben und die Literatur der Antike und des Mittelalters prägte. Dazu werden einige Beispiele von Träumen aus der antiken Literatur analysiert, um Funktionen des Traums in der Antike und in der antiken Literatur für die Figuren und für die Handlung zu zeigen. Ferner soll im ersten Teil auch auf den Traum und die Traumdeutung des Mittelalters näher eingegangen werden, um ein besseres Verständnis des Hauptteils der Arbeit zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang werden auch Traumdeutungen im Mittelalter näher erläutert und ausführlich dargestellt, was die Träume aussagten sowie für die mittelalterlichen Menschen bedeuteten und wie die Träume gedeutet wurden. Außerdem soll auch der Traum und seine Funktionen in der mittelalterlichen Literatur erörtert werden. Es ist hier allgemein festzuhalten, dass die meisten mittelalterlichen Autoren mehr oder weniger direkt auf den Gedanken griechischer und römischer Philosophen aufbauten (vgl. Wittmer-Butsch: 1990, 90). Gezeigt werden sollen damit die Rolle und die Wichtigkeit des Traums und seiner Deutung im Mittelalter sowie in der Antike. Am Beispiel eines männlichen Tier-Traums im Rolandslied, werde ich auch die Unterschiede, Rolle und Funktionen der männlichen und weiblichen Tier-Träumen zeigen.

Den Hauptteil dieser Arbeit soll eine Vorstellung und eine Analyse der Tier­Träume der zwei Werke Das Nibelungenlied und Parzival bilden: Die Träume Kriemhilds im Nibelungenlied und der Traum Herzeloydes in Parzival. Obwohl es sich um Werke handelt, die unterschiedlichen Traditionen und Gattungen angehören (das Nibelungenlied als ein germanisches Heldenepos; Parzival als ein höfische Arturs- und Gralroman), wie es sich zeigen wird, spielen die Gattungsunterschiede für die Traumdeutung kaum eine Rolle; wie Geith treffend bemerkt: „Gemeinsam ist diesen Träume, dass sie allegorisch sind, d.h. dass handelnde Personen in der Gestalt von Tieren auftreten und dass sich das Traumgeschehen als Aktion zwischen Tieren oder Tieren und Menschen abspielt“ (1989, 227). Die beiden Figuren der zwei unterschiedlichen Werken gehen mit ihren Träumen völlig verschieden um. Ihre Reaktionen auf die Träume sind grundverschieden. Dazu ist es notwendig, die Symbolik der Tiere, von denen die beiden Hauptfiguren geträumt haben, zu erklären. Diese Tiere spielen entscheidende Rollen in den Handlungen beider Werke. Jedes Tier hat eine andere symbolische Bedeutung und deswegen sind sie wie Schlüssel, mit denen die Figuren jede Tür des Geschehens öffnen können. Geht man auf die Symbolik dieser Tiere näher ein, erkennt man ihre Bedeutung für die Figuren und für die Handlung. Es soll herausgearbeitet werden, was diese Träume und Tiere symbolisieren, welche Rolle sie spielen, welche Funktionen sie haben und schließlich, wie sie Einfluss auf den Verlauf der Handlung nehmen.

Ziel dieser Arbeit soll es auch sein, die Traumsymbole als Schlüssel zu verstehen, die es ermöglichen, die Hauptpersonen und das Geschehen zu charakterisieren und zu interpretieren.

1. Zum Traum in der Antike

Der Traum war immer ein lebendiger Bestandteil des Lebens. Schon die Beispiele der Bibel sind wie ein Beweiß dafür, dass auch die Menschen der Frühzeit die Träume Ernst genommen haben. In allen Weltreligionen, in vielen überlieferten Mythen und Sagen, in den großen Epen der Weltliteratur gibt es immer wieder Träume. Der Traum beeinflusste sowohl das Leben als auch die Philosophie. Er kommt auch in Medizin, Mantik, Magie und in der Dichtung zum Ausdruck. Die wichtigsten Ereignisse wurden immer mit dem Traum verknüpft. Über diesen Zusammenhang wurde Vieles geschrieben und geglaubt und es wurden immer wieder neue Theorien über das Träumen hervorgebracht.

Der Traum wurde als eine nächtliche Verbindung zum Jenseits gesehen. Neben der Verbindung ins Jenseits, enthalten die Träume die Nachrichten von den Toten. Nach Thomas geht das deutsches Wort Traum über das althochdeutsche troum und das altnordische drugr auf das alte Sanskrit - Wort druck zurück, das Totenerscheinung bedeutet (1989, 10).

Der Traum gilt als das älteste Orakel der Menschheit. Er ist ein lebendiger Bestandteil des Alltagslebens. In der Antike gab es verschiedene Ansichten über den Traum und seine Entstehung. Der Traum galt als eine menschliche Eigenschaft. Deswegen war es nicht normal, wenn ein Mensch nicht träumte. Nicht nur einfache Leute, von Sklaven über den Handwerker bis zum Bauern, befragten die Menschen ihre Träume hinsichtlich ihrer persönlichen Zukunft und ließen sich durch Traumerlebnisse emotional stark beeinflussen (vgl. Hermes: 2000, 21).

Wie erwähnt wurde, war der Glaube an die Vorhersagekraft von Träumen in der Antike bei allen sozialen Schichten weit verbreitet. Aber während die reichen und mächtigen Leute der Antike meistens ihre Haus-Traum-Deuter hatten, brauchten die Leute aus dem mittleren und einfachen Bürgertum bis zu den Sklaven, die lesen konnten, ein Traumbuch. Zweifellos wurden damals viele Traumbücher geschrieben, aber das erste und ganz erhaltene Traumbuch mit einem theoretischen Teil, gedeuteten Traumsymbolen und Beispieldeutungen, unter den zahlreichen Büchern über Träume und ihre Deutung aus der antiken Zeit, wurde von Artemidor von Daldis geschrieben (vgl. Hermes: 2000, 67). Das lexikonartige Werk besteht aus fünf Büchern mit 1400 Traummotiven und deren 3000 Bedeutungen (vgl. Giebel: 2006, 226). Dieses Traumbuch, das in Europa zur Grundlage des

Deutungssystems wurde, wird heute immer noch von Historikern als sozial- und alltagsgeschichtliche Quelle genutzt (vgl. Hermes: 2000, 67).

Die Traumdeutung war eine anerkannte Weissagungstechnik (vgl. Hermes: 2000, 13). Die Träume durften auch in der Antike nicht von jeder Person analysiert und ausgelegt werden. „Der Traumdeuter musste vor allem ein gelehrter Mann sein“ (Thomas: 1989, 28). Viele Menschen, von Königen bis hin zu den Sklaven, haben diese professionelle Hilfe gern in Anspruch genommen.

Die antiken Menschen haben die Träume als Vorboten der Zukunft angesehen. Die Träume hatten durch Wortspiele und Ähnlichkeiten eine von Gott gesandte, zukunftverkündende Funktion und galten als ein Mittel göttlicher Offenbarung. Deswegen hatten sie prophetische Kraft, sie prognostizierten. Sie konnten durch ihre Bilder und Zeichnen verstanden werden. Nach Aristoteles ist der Traum eine notwendige Erscheinung der Natur des menschlichen Geistes. Aber es gab auch konträre Meinungen wie beispielsweise die Ansicht Ciceros, der meinte, dass Träumen keinen Glauben geschenkt werden dürfte und Träume keine Botschaften der Götter seien (vgl. Hammerschmidt­Hummel: 1992, 21).

So war der Traum dem antiken Menschen vertraut und wurde von ihm als Erkenntnismittel geschätzt. Der Traum begegnete ihm in literarischen Zeugnissen, philosophischen Theorien und religiösen Kulten immer wieder. Im folgenden Teil meiner Arbeit sollen Träume und ihre Funktionen in der Literatur der Antike erläutert werden.

1.1. Träume und ihre Funktionen in der antiken Literatur

Die Träume sind seit Jahrhunderten ein lebendiger Teil der Literatur aller Zeiten. Die antike Literatur ist auch keine Ausnahme. Der Glaube an die Macht der Träume in der antiken Welt prägte auch die Literatur.

Latacz hat die Traumerwähnungen, Traumerzählungen und Traumerörterungen innerhalb der griechisch-römischen Literatur in drei Haupttypen gegliedert, die er nach dem Kriterium „Erwähnungszweck“ differenziert: Praktische Zwecke, theoretische Zwecke und künstlerische Zwecke (1984, 14).

Unter „praktische Zwecke“ versteht er zunächst die Oneirokritik, die Traumauslegung. Sie dient im wesentlichen der Zukunftsvorhersage. Die Wunderheilungsberichtsliteratur gibt Latacz als Beispiel. In einem Tempel wird ein Patient durch rituelle Handlungen in den Schlaf gebracht. Während des Schlafens erscheint dem Patient ein Heilgott in seinem Traum und macht ihn gesund (vgl. 1984, 15). Die Kranken, die geheilt wurden, verpflichtet waren, ihre Träume auf Heilungstafeln aufzuschreiben oder aufschreiben zu lassen (Wagner-Simon :1984, 69).

Für die theoretischen (wissenschaftlichen) Zwecken von Träumen findet sich vor allem philosophisches Belegmaterial bei den philosophischen Schriftstellern. Man kann hier die Vorsokratiker, Sophisten, Sokrates, Platon und Aristoteles erwähnen. Sie haben zum Teil umfangreiche Arbeiten zum Thema Traum hinterlassen, die im Wesentlichen schon alle Aspekte berühren (vgl. Latacz: 1984, 19, 20).

Die letzte Form der Traumverwertung laut LATACZ dient künstlerischen Zwecken. Er sagt, dass die große Dichtung ein Schöpfen aus der Tiefe des Unbewussten sei (1984, 21). In der Dichtung der Antike sieht man viele Traumbehandlungen als poetische Gestaltungsmittel. LATACZ betont, dass Technik und Funktionen der Traumfingierung im Sprachkunstwerk in der griechisch-römischen Antike im Wesentlichen in Homers Werken zu finden seien (vgl. 1984, 22). In „Der Odyssee“ träumt dreimal Penelope und einmal Nausikaa. Es kann hier damit ein Charakteristikum der antiken literarischen Traumfingierung gesehen werden: Es ist von Latacz als die Bedeutsamkeit bezeichnet worden, weil die Dichter immer bedeutsame Handlungsfiguren an bedeutsamen Handlungspunkten haben träumen lassen (1984, 22) und die Träume führten die Handlung weiter. Lataczs Meinung nach bringt der Traum den Schlafenden zum Handeln: Der Träumende erwacht mit dem kurz zuvor im Traum Erlebten. Er schickt sich sofort an, den Auftrag, der ihm im Traum gegeben wurde, auszuführen. Mit der Erscheinung im Traum gewinnt er eine unmittelbare Gewissheit. Der Dichter benutzt Träume also als eine Art der Gewissheitsvermittlung an den Schlafenden und schafft sich damit ein unfehlbar wirksames Mittel der Handlungssteuerung (vgl. 1984, 25).

In dem folgenden Teil sollen die Merkmale der antiken Literatur anhand zwei antiker Tier-Träumen verdeutlicht werden. Es soll auch geklärt werden, wie sich die Bedeutsamkeit der Träume Penelopes und Klytaimnestras in den Handlungen der Träumenden widerspiegelt und wie die Tiere in ihren Träumen sowie deren symbolische Bedeutung für die Figuren und für die Handlung wichtig sind.

1.1.1. Penelopes Gänsetraum

Penelope ist die Gattin des Odysseus. Sie ist die liebende Gattin, die ihrem Mann zwanzig Jahre lang die Treue bewahrt und auf seine Heimkehr wartet. Nach dem trojanischen Krieg kehrt Odysseus eines Tages zurück nach Ithaka. Er verkleidet als ein Bettler, weil er die Freier besiegen will. Penelope sieht diesen Bettler und erkennt ihn nicht. Aber trotzdem erzählt sie dem Bettler von ihrem merkwürdigen Traum, den sie kurz zuvor geträumt hat:

Zwanzig Gänse fressen den Weizen im Hause. Dann kommt ein großer Adler bringe alle Gänse um. Tot liegen sie in den Hallen, während der Adler sich wieder zum göttlichen Äther erhebt. Dann komme der Adler wieder und spreche mit menschlicher Stimme. Er gebiete ihr Einhalt und sage, dass dies kein Traum sondern eine Wirklichkeit, sei, die er erfüllen werde. Und der Adler beginnt den Traum im Traum zu deuten. Er sagt, dass jene Gänse die Freier[1] seien und ihr Gatte der Adler im Traum gewesen sei und wiedergekommen sei. Da erschien er ihr plötzlich als Odysseus. Dann fügt er hinzu, dass er den Freiern ein schmähliches Ende breiten werde. Nachdem der Adler gesprochen hat, sei sie aufgewacht. Daraufhin deutet der Gast den Traum Penelopes: Odysseus selber habe die Rätsel des Traumes in ihrem Traum aufgelöst. Der Traum werde daher in Erfüllung gehen und Odysseus werde sich an den Freiern rächen. Am nächsten Tag geht Penelopes Traum aber in Erfüllung.

Der Traum Penelopes zeigt auch Überlegungen zu Herkunft und Glaubwürdigkeit der Träume. Auf verschiedene Weise stellt ihr Tier-Traum die Sehnsucht nach Liebe und Brutalität dar. Der Adler ist ein Symbol für ihren Mann Odysseus. Er ist ein großer und starker Vogel. Deswegen kann behauptet werden, dass Odysseus diese Rolle in diesem Traum wegen seiner Stärke und Größe hat, weil er mit seiner Herrlichkeit die Geschichte weiterführt und das Ende der Freier symbolisiert. Die symbolische Bedeutung des Adlers in der Antike ist weitreichend: „Er ist Orakeltier und weissagend bei den Völkern des Altertums“ (Hoffmann-Krayer: 1987, 178). Hünermörder erklärt, dass er als einziger göttlicher und mantischer Vogel gleichzeitig Siegverkünder, Bote und Helfer des Zeus ist (vgl. 1996, 116). Nach Hermes steht der Adler, besonders wenn er auf einem

Felsen oder in schwindelnder Höhe ist, für das Böse für die Leute, die wegen ihm in Angst leben. (vgl. 2000, 70). Er steht als Greifvogel für die Macht und den Gegnern symbolisiert er das Verderben, so wird das Ende der Freier schon mit seiner Symbolik klar macht. Durch dieses Symbol wird gezeigt, dass es am Ende keinen Ausweg für die Freier, die symbolisch durch die Gänse dargestellt werden, gibt, denn der siegverkündende Greifvogel im Traum tötet die Gänse.

HÜNERMÖRDER bemerkt, dass die Gänse fast wie beliebige Vögel in der Traumdeutung verwendet wurden. Er fügt hinzu, dass Gänse wegen ihrer Gefräßigkeit aber auch beachtlichen Schaden anrichteten (vgl. 1998, 779, 780). Während Penelope über den Verlust ihres Mannes traurig ist, freuen sich die Freier darüber. Darüber hinaus versinnbildlicht das Symbol der Gänse auch die Freier, da auch sie Schaden verursachen wollen.

Im folgenden Teil soll der Drachentraum von Klytaimnestra ausgedeutet werden, um die Tiersymbolik in ihrem Drachentraum aufzuzeigen.

1.1.2. Klytaimnestras Drachentraum

Klytaimnestra ist die Gattin von Agamemnon. Er wird bei seiner siegreichen Heimkehr von Klytaimnestra und von ihrem Geliebten Aigisthos getötet, der die Herschafft bekommen möchte. Nach ihrer Tat schickt Klytaimnestra ihren Sohn, den Erben Orestes, weit entfernt zu Pflegeeltern. Aber später kommt er zurück, rächt seinen Vater und tötet seine Mutter sowie ihren Geliebten. Bevor Klytaimnestra dieses grausame Ende erlebt, hat sie nach ihrer Bluttat einem Alptraum. Deswegen bekommt sie Angst und schickt Sühnegaben zu Agamemnons Grab. Als der Sohn Orestes zurückkommt, trifft er sich an dem Grab seines Vaters mit der Dienerin seiner Mutter und fragt, warum seine Mutter, die Mörderin, sie mit den Grabspenden geschickt habe. Da erzählt die Dienerin, warum sie am Grab seines Vaters sei. Sie sagt, dass seine Mutter von einem Traum aufgeschreckt wurde. Deswegen habe sich auch entschlossen sie mit diesen Spenden zu dem Grabe zu schicken. Daraufhin fragt der Sohn nach dem Traum seiner Mutter. Sei sagt, Klytaimnestra schien, dass sie einen Drachen geboren und ihn wie ein Kind in Windeln gelegt habe. Der Sohn fragt, welche Nahrung der Neugeborene wollte. Da erzählte die Dienerin die Traumgeschichte von seiner Mutter weiter. Im Traum biete Klytaimnestra selber dem Drachen ihre Brüste; der Drache verletze ihre Brüste und er säuge das geronne Blut. Sie habe geschrien und sei aus dem Schlaf erwacht. Dann habe sie die Spende sofort zum Grab aus sendet. Nachdem der Sohn den Traum seiner Mutter gehört hat, schwört er gleich dort einen Eid und sagt, dass er diesen Traum seiner Mutter selber in Erfüllung gehen lassen wird. Daraufhin deutet er den Traum selber: Wenn so ein Tier von der gleichen Mutter geboren und in Windeln eingehüllt wird wie er, mit dem Maul die Brust umschließt, die auch ihn genährt hat und Klumpen ihres Blutes in ihre Milch mischt, müsse sie fürwahr gewaltsam sterben. Sie erschreckt und sie zittert vor dem Angst. Er fügt hinzu, dass er selber dieser Drache sein müsse, wenn die beiden von der gleichen Mutter geboren wurden und dass er sie töten werde. Am Ende geht der Drachentraum von Klytaimnestra in Erfüllung; ihr Sohn Orestes tötet Klytaimnestra (Vgl. Schnepel: 2001, 71). Giebel betrachtet diesen Traum als einen Orakeltraum, weil Orestes, der Rächer, gekommen ist und am Grabe erscheint (vgl. 2006, 35).

In diesem Traum symbolisiert der Drache Klytaimnestras Sohn Orestes. Die Traumhandlung wie das ambivalente Drachensinnbild belasten Orestes deutlich. Zunächst erfährt Orestes den Drachentraum seiner Mutter und deutet ihn dann selbst.

Der Drache ist ein ambivalentes Symbol. Er bezeichnet in der antiken Literatur und in der Bibel zum einen ein Fabelwesen der Mythologie, das möglicherweise auf Saurier der Vorzeit zurückgeht. In diesem Traum ist der Drache klug und sündhaft; durch seine Intelligenz findet Orestes heraus, warum Klytaimnestra diese Spende zum Grabe des Vaters gebracht hat. Aber seine Tat ist auch sündhaft, weil er seine Mutter tötet und so Blutrache nimmt.

Im folgen Teil sollen die verbreiteten Gedanken über den Traum und seine Deutung im Mittelalter in einem Überblick herausgearbeitet werden

1.2. Allgemeines zum Traum und zur Traumdeutung im Mittelalter

Das Wort Traum stammt vom mittel- und althochdeutschen Wort troum ab (alsächsish drom, altfriesisch dram, mittelanglisch dream, altnordisch draumr), was übersetzt etwa „Trugbild“ bedeutet (und geht wahrscheinlich auf das germanische Wort drau(g)ma bzw. die indogermanische Wurzel dhreugh= Trügen zurück) (Vgl. Kemper: 1977, 11). Traum heißt im Mittelalter auch Somnium und noch häufiger Somnia; ein Plural, der gestattet, die Verschiedenartigkeit der Träume und ihrer Ursprünge herauszustellen. Somnia bedeutet „Gegenstand des Denkens“. Man kann Somnia daher als eine ganz bestimmte Kategorie von Träumen betrachten (vgl. Schmitt: 1989, 10).

Träume spielten im Mittelalter eine wichtige Rolle und wurden Teil der damaligen Wissensstruktur. Es gab verschiedene Traumbewertungen. Es wurde zwischen drei Arten von Träumen unterschieden: die Träume, die von Gott stammen, die Träume, die von den Dämonen in der Absicht gesandt werden, die Menschen zu täuschen und die Träume, die von der menschlichen Seele zum Problem erhoben werden. Die letzteren Träume sind die gewöhnlichen Träume, die keinerlei Beachtung verdienen (vgl. HALL: 1982, 34-35). Hammerschimidt-Hummel behauptet, dass die mittelalterlichen

Traumwissenschaften auf Überlieferungen der Antike beruhen. Um das Jahr 400 entwickelte Macrobius in einem Kommentar von Ciceros „Somnium Scipionis“ eine Theorie, auf die fast alle weiteren Traumtheorien des Mittelalters aufbauten. Er teilte die Träume in fünf Grundtypen ein: 1. Enigmatischer Traum(griech. Oneiros, lat. Somnium), 2. Prophetische Vision(griech. Horama, lat. Visio), 3. Orakeltraum (griech. Chrematismos, lat. Oraculum), 4. Albtraum (griech. Enypnion, lat. Insomnmium), 5. Erscheinungstraum (griech. Phantasma, lat. Visio) (Vgl. 1992, 22).

Nach Hammerschimidt-Hummel werden der enigmatische Traum, die prophetische Vision und der Orakeltraum in ihrer Wertigkeit höher als der Alptraum und der Erscheinungstraum eingestuft, weil sie das für einen Traum notwendige Kriterium der Zukunftsverkündung erfüllen (1992, 22). In diesem Kontext gilt Somnium als rätselhafter, verschlüsselter Traum, visio als ein Traumbild, welches dann tatsächlich so eintritt und oraculum als die durch eine Traumgestalt mündlich überbrachte göttliche Willensbekundung. in solchen Orakelträumen können Gott, Engel oder andere Wesen auch in menschlicher Gestalt erscheinen (vgl. Wittmer-Butsch: 1990, 136). „Ihre

Glaubwürdigkeit kann wie bei den Eltern durch die Natur bedingt sein, beim Herrn oder Vorgesetzten durch die Stellung, beim Geistlichen durch die Sitten, beim Würdenträger durch das Glück, bei Gott, Engel sowie einem durch Weihen geheiligten Menschen jedoch durch die Religion“ (Wittmer-Butsch: 1990, 136). Nach Wittmer-Butsch hat die visio Kategorie von Träumen bei den mittelalterlichen Autoren neben den Hauptpersonen noch die Beimischung weiterer Figuren gekannt, was das Verständnis manchmal erschweren konnte (vgl. 1990, 135, 136). Diese konnten sowohl von Gott, als auch vom Teufel geschickt sein. Der Albtraum und der Erscheinungstraum haben keine wahrsagerische Kraft. Der Albtraum gehört zu den bedeutungslosen Träumen, die das Tagesgeschehen dem Träumer vorgibt. Er gilt als durch Ängste und Wünsche ausgelöster Traum. WITTMER- Butsch behauptet, dass bei insomnium (Albtraum) körperliche Leidenschaften oder ein Aufruhr der Gefühle eine wichtige Rolle spielen; wenn man Emotionen wie Liebe oder Leid erfährt, erlebe man solche Träume (vgl. 1990, 135). Der Erscheinungstraum wird als wirrer Traum betrachtet. Dieser Traum ist von der Realität völlig abgetrennt. Er entsteht zwischen Wachen und schlafen, wenn man sich von einem unbekannten Wesen höchst unangenehm bedrängt und zusammengedrückt fühlt (vgl. Wittmer-Butsch: 1990, 135).

Hammerschmidt-Hummel fügt hinzu, dass die mangelnde prophetische Signifikanz dieser Träume sie der Notwendigkeit einer Interpretation enthebt (vgl. 1992, 22).

Auch die Traumdeutung spielte eine große Rolle. Im Mittelalter konnte man aber für die Deutung von als bedeutungsvoll angesehenen nächtlichen Erlebnissen auf bereits im Altertum entstandene Ideen und Anleitungen zurückgreifen. Von Artemidors Werk[2] [3] sind die Träumbücher im Mittelalter direkt oder indirekt abgeleitet worden. Dies gilt auch für das wichtigste und berühmteste Traumbuch Somniale Danielisi Bei der Somniale Danielis handelt es sich um ein alphabetisch geordnetes Verzeichnis von Traummotiven mit ihren traditionellen Deutungen, was der der Zukunftprognose dienen sollte. Laut diesem Traumbuch muss ebenfalls auch die Deutung der persönlichen Lebensumstände des Träumers berücksichtigt werden (Wittmer-Butsch: 1990, 175). Aber Witmer-Butsch fügt hinzu, dass die diejenigen, welche die Vorlagen entziffern, abschreiben und vorlesen konnten, aus kirchlichen Kreisen stammen, da die schriftlichkeit während des Hochmittelalters praktisch auf den Klerus[4] beschränkt war (1990, 177).

1.2.1. Traum in der mittelalterlichen Literatur

Die mittelalterliche Literatur ist reich an Traumberichten. Dem Traum wird auch in der mittelalterlichen Literatur eine große Bedeutung beigemessen. Der Traum sieht die Zukunft voraus, weist von vorneherein, und sei es in verschleierter Form, auf die Begebenheiten des Berichtes hin (vgl. Deremble-Mannes: 1989, 51). Er ist meist die Ausgangstellung. Er fördert die Handlung. Für das mittelalterliche Publikum deutet der Traum die gesamte Handlung voraus. Unter den verbreiteten Zeugnissen für die hohe Achtung des Traums in der mittelalterlichen Literatur kann man viele relevante Beispiele nennen. In Bezug auf mein Thema habe ich bis jetzt nur Tiere in weiblichen Träumen analysiert. Aber um ein besseres Verständnis für die Tier-Träume in der mittelalterlichen Literatur zu entwickeln, die Vielfältigkeit der Funktionen der Tiere in männlichen und weiblichen Tier-Träumen aufzuzeigen und zu den weiblichen Tier-Träumen Kriemhilds und Herzeloydes im Hauptteil der Arbeit überzuleiten, könnte man auch einen Blick auf die Tier-Träume Karls im Rolandslied[5] werfen.

Die berühmtesten Beispiele von Tierträumen kommen in den Träumen Karls in Das Rolandslied des Pfaffen Konrad vor. „Engel überbringen ihm die Befehle des Himmels, Träume verkünden ihm die Zukunft, Wundergeschehen auf sein Gebet: er ist der Stellvertreter Gottes auf Erden, Bürge und Symbol für Frankreichs Größe“ (Winkler: 1919, 7). In diesem Werk gibt es drei Träume und sie werden von Kaiser Karl geträumt. Nur im zweiten und dritten Traum kommen die verschiedenen Tiere vor. Dadurch lassen diese Tier­Träume uns in die Zukunft zu schauen. Wie es in den weiblichen Tier-Träumen passiert ist, sieht auch Karl durch die symbolischen Bedeutungen dieser Tier-Träume das zukünftige Geschehen.

Gleich nachdem er seinen ersten Traum[6] geträumt hat, gibt Gott ihm nach seinem Gebet einen anderen Traum, in dem er von einem Bär träumt:

in dûchte, wie er ze Ache waere unt ain bere vor im laege mit zwain keten gebunden. sâ ze den studen der bere in vaste ane sach, die keten er bêde zebrach. an lief in der bere.

der kaiser en macht sich sîn nicht erhaln. er geweltigôt im den arm. daz flaisc er ime allez abe brach, daz bain er gar nacket sach.

Von den sachen

Der kaiser begonde aber wachen. (RL: 3068-3081)

Er träumt, dass er in Aachen wäre und ein Bär in zwei Ketten vor ihm läge. Aber der Bär zerreißt diese beiden Ketten und zerfleischt Karls rechten Arm. Dadurch erwacht er. Um die Prophezeiung des Bärs zu entschlüsseln, muss man sich zuerst die symbolische Bedeutung des Bärs anschauen. Der Bär symbolisiert Gefahr: Wenn man träumt, dass der Bär einen angreift, wird man mit seinen Feinden streiten (vgl. Fischer: 1989, 10). Nach Tuczay sind angreifende wilde Tiere im Allgemeinen als Topos für Niederlage, Verrat oder Gefahr zu verstehen. Die rechte Hand, der rechte Arm, deutet auf einen nahen Verwandten hin: Vater bzw. Sohn oder Freund.[7] In diesem Kontext machen diese Erklärungen die Deutung des Traums klarer. Die allegorische Bedeutung des Bärs entschlüsselt den Traum für das Publikum: Durch den Bären wurde Genelun, der als der König der Heiden bezeichnet wird, symbolisiert, der durch seinen Verrat Karls rechten Arm (RL: 2974), d.h. Roland beschädigt. Auch im ersten Traum sehen wir Genelun, aber anders als in dem zweiten Traum Er tritt im ersten Traum noch in Menschengestalt auf.

Nachdem er Rache für Rolands Tod geschworen hat (RL: 6994), kommt es zu einer Schlacht gegen die Heiden. Als die Nacht hereinbricht, betet Karl nochmals und während er schläft träumt er:

er resach in dem troume wunderlîche gotes tougen.

in dûcht, daz der himel stuont ûf getân,

unt fiur dar ûz scolte varen,

allen vier ende in die werlt sich scolte tailen.

daz liut begunde wuofen unt wainen.

dar nâch kômen donerslege unt winte,

si zezarten in die schilte.

nâch diu kômen lewen unt beren,

daz si sich nicht entrûten erweren.

daz gewâfen si in aber zarten.

dar nâch kômen lêbarten,

die muoten si vil lange.

dar nâch kômen slangen

hart egeslîchen.

dar nach kômen grîfen,

die muoten si vil sêre.

in dûcht, er scolte wider kêre.

ain starker lewe kom dô dar.

er straich vaste durch die scar.

dem kaiser wollte er gerne schaden.

ûf huob er den arm,

er sluoc im ain slac,

daz er tôt vor sînen füezen gelac.

dar nâch kämen fraislîche beren.

si begunden mennisclîchen reden.

den kaiser si vorderôten,

er gaebe in widere ir tôten,

si scolten si ir jungen wider bringen.

In dûcht, er waere ze Karlingen.

ûf den hof kom ain tier gevaren,

michel unt fraissam.

sine machtenz im alle nicht erweren,

an den kaiser begunde ez geren.

der kaiser entsaz daz.

ain rüde fuor ab dem palas,

der was strac unt êrlich.

daz tier warf er unter sich,

ze tôde er ez erbaiz.

der heilige engel, gotwaiz,

den kaiser wol bewarte,

daz im nicht nescadete

neweder gote noch goukelaere.

die troume wären seltsaene. (RL: 7084-7127)

Wie auch von dem Dichter in der letzten Zeile des Traums betont wurde, ist dieser Traum Karls ein seltsamer Traum.[8] Es wird zuerst wunterlîche gotes tougen beschrieben, indem der Dichter sagt, dass es Feuer regnet und die Menschen schreien und weinen. Dann kommen Donner und Stürme, die die Schilder wegreißen. Danach kommen verschiedene Tiere: Löwen und Bären, die die Rüstungen herunterreißen. Nach den Löwen und Bären kommen Leoparden, Schlangen und Greifen. Dann kommt ein mächtiger Löwe, der dem Kaiser Schaden zufügen will, und läuft durch das Heer. Aber durch einen Hieb tötet Karl ihn. Danach kommen Bären, die mit menschlichen Stimmen sprechen. Die Bären sagen, dass er ihre Toten und ihre Kinder zurückgeben müsse. Dann scheint es ihm, er wäre in Frankreich. Ein wildes Tier kommt an seinen Hof und niemand kann ihn davor beschützen. Dieses Tier bedroht den Kaiser und er fürchtet sich davor. Plötzlich läuft ein starker und prächtig aussehender Hund durch den Palast. Er besiegt das Untier und tötet es. Ein Engel rettet den Kaiser (RL: 7084-7127). Der zweite und dritte Traum haben den Tiertraum vom Bären als gemeinsame Eigenschaft. Die symbolische Bedeutung des Bärs im zweiten Traum gilt auch für den dritten Traum; der Bär ist ein Symbol der Gefahr. Aber der dritten Traum steht unter der Gefahr des bevorstehenden Kampfes gegen die Heiden. Auch der Löwe hat eine symbolische Bedeutung. Der Löwe kann als König aller Vierfüßler betrachtet werden: Er ist ein Symbol für die Macht (vgl. Telesko: 2001, 90). Der Löwe hat darüber hinaus auch noch andere Bedeutungen. Wenn die Figuren träumen, dass ein Löwe sie angreift, dann müssen sie sich vor der Treulosigkeit seines Feindes hüten (vgl. FISCHER: 1989, 57). Der Löwe wurde also auch als Streit mit einer gewaltigen Person gedeutet (vgl. Palmer, Speckenbach: 1990, 273). In diesem Sinne passt diese Bedeutung des Löwen zu der Rolle des Königs der Heiden, Paligan. Nach dem Löwen erscheinen Leoparden und Schlangen. Die Schlangen symbolisieren die Feinde. Der Kampf mit den Schlangen im Traum bedeutet ein Kampf mit den Feinden. Wenn eine Schlange jemanden angreift, dann wird sie ihren Feind überwältigen (vgl. Fischer: 1989, 70). Die Greifen stehen für Schaden, Zorn und Traurigkeit und stehen so für die böse Verleumdung (vgl. Fischer: 1989, 81). Diese allegorischen Bedeutungen der Tiere in Karls Traum, lassen uns die Personen erkennen, die hinter diesen Allegorien stehen. Die Schlangen können im Zusammenhang mit ihrer symbolischen Bedeutung als die Heiden und König Paligan angesehen werden. Auch der Greif könnte in diesem Traum sinnbildlich für die Heiden und gleichzeitig für ihren Angriff stehen. Jetzt komme ich zum angreifenden Tier in seinem Traum. „Wer von Angriff der Tiere träumt, der wird von seinen Feinden überwältigt oder gequält werden. Das Laufen der Tiere kündigt Unruhe an, die Stimmen der Tiere Angst oder großen Ärger“ (Fischer: 1989, 77). Der Hund steht für das Symbol der Treue, Glaubentreu, verschiedener Tugenden, Laster, Sinne und der Herrschaft. Diese sinnbildliche Deutung des Hundes gilt für den Traum Kaisers. Der Kampf zwischen dem wilden Tier, das den Kaiser angreift, und dem prächtig aussehenden Hund, der den Kaiser verteidigt, sagt die Betrügerei der Heiden und den späteren Gerichtskampf zwischen Binabel, der Bedrohung, und Tirrich, dem treuen Freund voraus. Der Hund, der das wilde Tier tötet, prophezeit also Tirrichs Sieg über Binabel. Unter dem Eindruck dieser Erklärungen kann man sagen, dass sich die männlichen Tier-Träume von den bisher erwähnten weiblichen Tier-Träumen unterscheiden. Es könnte gesagt werden, dass sich die männlichen Tier-Träume um Macht und Politik drehen, die weiblichen Tier-Träume dagegen emotionell sind und als Thema die Liebe behandeln.

Diese Tier-Träume des Kaisers kann man auch in Hinblick auf die schon oben erwähnten drei Arten von Träumen[9] analysieren. Es wurde vom Dichter des Rolandslieds vielmals klar gemacht, dass der fromme Kaiser Karl vor dem Schlaf zu Gott betet und nach der Hilfe Gottes fragt. Deswegen könnte man behaupten, dass diese Träume daher prophetische Funktionen haben. Jedes Mal schläft er nach seinem Gebet ein und Gott gibt ihm die Träume. Das wurde auch von dem Dichter betont.[10] [11] In diesem Kontext können seine Träume als von Gott stammende Träume betrachtet werden. Außerdem könnten die drei Träume Karls mit Hilfe des Modells der Funktion von Träumen in der Literatur11 analysiert werden:

Erstens fördern diese Tier-Träume Karls die Handlung und sie führen die Geschichte weiter, indem sie die wichtigsten Ereignisse im Voraus zeigen. Außerdem strukturiert der Dichter durch die sinnbildlichen Darstellungen der Tier-Träume die Geschichte. Nach dem ersten Traum wacht er zum Beispiel auf und der Traum lässt ihn die Gefahr sehen. Seine Wahrnehmung fördert mit einem Gebet zu Gott. Gleich nach dem Gebet kommt der zweite Traum. Bis der dritte Traum von ihm geträumt wird passiert dann das, was die ersten beiden Träume verkündigt hatten. Der dritte Traum zeigt bereits das Ende der Geschichte.

Auch die zweite Funktion nach SPECKENBACH, die Schaffung von Stimmung durch die Bildsprache des Traums, ist hier festzustellen. Der Dichter gestaltet die Geschichte um die Tier-Träume Karls, weil die Bildsprache dieser Tier-Träume dem Leser Hinweise geben kann und in diesem Sinne lassen die Träume den Leser auch in die Zukunft der Figuren schauen.

[...]


[1] Sie wollen, dass Odysseus im Krieg stirbt und nach seinem Tod um die vermeintliche Witwe werben, weil sie auf diese Weise die Herrschaft über Ithaka erlangen wollen.

[2] Siehe oben S. 5.

[3] sie wird dem Propheten Daniel zugesprochen. Dies ist zwar in keiner Weise gerechtfertigt, erklärt sich aber aus den biblischen Bericht, der Daniel als gottbegnadeten Traumdeuter darstellt. Siehe dazu: Anhang I und II (Speckenbach: 1990, 123). Siehe Anhang I, II.

[4] Der Klerus war die Gesamtheit der Angehörigen des geistlichen Standes. Die Gesellschaft war ständisch organisiert. Es gab Repräsentanten, die eine hohe Machtfülle aufwiesen und solche, die weniger einflussreich waren. Die Macht des Klerus im Mittelalter war insgesamt ausgesprochen groß. Sie ist allerdings immer auch im Zusammenhang mit dem Adel zu sehen. Die Verflechtungen zwischen Klerus und Adel waren dergestalt, dass sie sich gegenseitig stabilisierten, was vorteilhaft für die Machterhaltung beider war. So hatte das Wort der Geistlichen Gewicht in allen Fragen der Staatsführung und die Mitglieder des hohen Klerus übten häufig beratende Funktionen in Adelskreisen aus. Siehe dazu: http://www.leben-im-mittelalter.net/gesellschaft-im- mittelalter/die-staendeordnung/der-klerus.htm.

[5] Das Rolandslied des Pfaffen Kondrad zitiere ich nach der Ausgabe von Dieter Kartschoke: Das Rolandslied des Pfaffen Kondrad. Reclam, 2007.

[6] Um den Übergang vom ersten Traum zu verstehen und die Funktionen des zweiten und dritten Traums deutlich zu machen, ist es besser auch einen kurzen Blick auf den ersten Traum des Kaisers zu werfen. Im ersten Traum träumt Karl, dass er Porta Caesaris sei und einen Speer in seiner Hand halte, den Genelun ihm entreißen will. Aber der Schaft zerbricht und so bleibt ein Teil des Speers in der Hand des Kaisers. Genelun wirft den zerbrochenen Teil in seiner Hand in die Luft und die Stücke lösen sich in der Luft auf (RL, 3030­3047). Dieser Traum ereignet sich, nachdem Genelun vorschlägt, dass Roland als Statthalter nach Spanien gehen solle. Karl kann diesem Vorschlag Geneluns nichts abgewinnen (RL, S.211, 2965-2984) und betet zu Gott, um einen Rat zu bekommen. Da gibt Gott ihm diesen Traum. Man kann sagen, dass der Traum eine Warnung ist und durch ihn Rolands Niederlage und Tod prophezeit werden. Die in die Luft fliegenden Stücke kann man als Himmel interpretieren. Der Verlust des Speers bedeutet für Genelun, dass er seinen Erfolg verlieren wird. Karl hält noch ein Stück in seiner Hand, d.h. dieses Stück repräsentiert seine andauernde Herrschaft.

[7] Christa Agnes TUCZAY: Schlaf-Traum-Vision, S. 46. Zitiert nach https://skriptenforum.net/w/images/2/2f/Schlaf_Traum_Vision_(1).pdf, Stand 12.05. 2012.

Siehe Anhang III.

[9] 1. Die Träume, die vom Gott stammen, 2. Von den Dämonen gesendete Träume, 3. Die gewöhnlichen Träume. Siehe Oben S. 11.

[10] In dem Traum 3017-3029, in dem zweiten Traum 3066-3067, in dem dritten Traum 7075-7083.

[11] Speckenbach. Siehe oben: S. 2.

Ende der Leseprobe aus 84 Seiten

Details

Titel
Träume weiblicher Figuren in der deutschen Literatur des Mittelalters
Hochschule
Universidade do Porto
Autor
Jahr
2012
Seiten
84
Katalognummer
V293367
ISBN (eBook)
9783656908524
ISBN (Buch)
9783656908531
Dateigröße
4502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Traum, weiblich, tier, mittelalter, parzival, dasnibelungenlied, herzeloyde, kriemhild, tiertraum, mittelalterlichestraum, antik, traumdeutung
Arbeit zitieren
Elif Esen (Autor), 2012, Träume weiblicher Figuren in der deutschen Literatur des Mittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293367

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