Kriminalerzählungen im Barock? Nachweis kriminalliterarischer Elemente und Erzählmuster in Georg Philipp Harsdörffers "Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte" (1649/50)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

27 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Barock
2.1 Historischer Hintergrund
2.1.1 Staat
2.1.2 Rechtswesen
2.1.3 Religion und Weltbild
2.2 Epoche des Barock in der Literatur
2.2.1 Definition und typische Elemente
2.2.2 Gattungen

3 Entstehung und Entwicklung der Kriminalliteratur

4 Merkmale und Elemente moderner Kriminalerzählungen
4.1 Definition
4.2 Elemente
4.3 Merkmale
4.4 Ziele der modernen Kriminalliteratur

5 Georg Philipp Harsdörffers Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte
5.1 Textgeschichte
5.2 Auswahl der Textbeispiele

6 Überprüfung der kriminalliterarischen Elemente bei Harsdörffer
6.1 Elemente
6.2 Merkmale
6.3 Ziele der Erzählungen Harsdörffers

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Bereits in der Bibel begegnet uns mit dem Mord Kains an Abel ein tödliches Verbrechen. Auch zahlreiche Geschichten der Antike und des Mittelalters sind durch Intrigen, tödliche Kämpfe oder Mord geprägt. Jedoch ist die Kriminalliteratur bzw. die Gattung der Kriminalerzählung laut Forschung eine Erfindung des späten 18. Jahrhunderts.1

Es stellt sich also die Frage, welche Merkmale und Elemente die Kriminalliteratur kennzeichnen und was genau sie von früheren Erzählungen, die einen Kriminalfall behandeln, unterscheidet.

In dieser Arbeit werden Textbeispiele aus Georg Philipp Harsdörffers Der grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte untersucht. Wie der Titel bereits verspricht, enthält die Sammlung Erzählungen, in denen ein Mord verübt wird oder werden soll, was die erste übliche Erwartung an eine Kriminalerzählung erfüllt.

Die Sammlung wurde 1649/1650, also etwas mehr als ein Jahrhundert vor der ‚offziellen‘ Entstehung der Kriminalerzählung, veröffentlicht. Daher lässt sich vermuten, dass bereits erste Tendenzen dieser Gattung zu erkennen sind. Des Weiteren konnte Harsdörffer durch seine juristische Tätigkeit notwendige Einblicke in die ‚Ermittlung‘ in Kriminalfällen und die Bestrafung des Täters gewinnen, die sich von heutigen Methoden jedoch deutlich unterscheiden.

Daher bietet das folgende Kapitel zunächst einen kurzen Überblick über den historischen Hintergrund des Barockzeitalters, ebenso wie über die Literatur des Barock, deren prägenden Elemente und Gattungen nicht die Entstehung einer Kriminalerzählung erwarten lassen.

In Kapitel 3 wird anschließend die Entstehung und Entwicklung der Kriminalliteratur beschrieben, gefolgt von einer Definition, typischen Elementen und Merkmalen sowie den Zielen moderner Kriminalliteratur in Kapitel 4.

Kapitel 5 und 6 befassen sich schließlich mit Harsdörffers Werk Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mordgeschichte, wobei zuerst näher auf die Entstehung der Sammlung und anschließend auf drei ausgewählte Textbeispiele eingegangen wird. Nachfolgend werden die kriminalliterarischen Elemente des vierten Kapitels anhand der Textbeispiele überprüft sowie die Ziele, die Harsdörffer mit seinen Erzählungen verfolgte, erläutert.

Das Fazit fasst abschließend Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Harsdörffers Erzählungen und moderner Kriminalliteratur zusammen und versucht anhand dieser Überprüfung eine Zuordnung seiner Geschichten.

2 Barock

2.1 Historischer Hintergrund

2.1.1 Staat

Als literarische Epochenbezeichnung bezeichnet Barock hinsichtlich deutschsprachiger Literatur den Zeitraum von ca. 1620 bis 1720. In der Geschichtswissenschaft wird der Barock als ein Jahrhundert des Zwiespalts beurteilt, denn das heutige Deutschland war geprägt durch eine territoriale Reichstruktur, konfessionelle Differenzierung und dem Schrecken des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) und den damit verbundenen Hungersnöten und Krankheiten. Parallel erfolgten gleichzeitig aber kulturelle Entwicklungsleistungen in der Kunst, der Technik, der Ökonomie und der Wissenschaft.2

So spielten seit Anfang des 17. Jahrhunderts die Territorialstaaten eine dominierende Rolle; das Kaisertum steckte in einer tiefen Krise, was eine Funktionsunfähigkeit des Reichstags zur Folge hatte. Die politische Zersplitterung der Staaten verhinderte den Schritt und zur Verwirklichung der Reichsidee.3

Durch die Entstehung des frühmodernen fürstlichen Territorialstaates benötigten nicht nur der Herrscher, sondern auch die Stände juristisch qualifizierte Beamte. Diese sollten die durch den Souverän bedrohten ständischen Interessen vertreten und verteidigen, wodurch sich der bürgerlichen Gelehrtenschicht die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs auch außerhalb der territorialfürstlichen Verwaltung bot. Die Beamten wurden jedoch nicht nur in römischem Recht geschult, sondern auch hinsichtlich ihres rhetorischen und literarischen Könnens. Der legale politische Spielraum der Barockdichter lag damit vor allem zwischen dem Landesfürsten und den Landständen, deren Macht allerdings immer mehr ausgehöhlt und abgebaut wurde.4

2.1.2 Rechtswesen

Die Konsolidierung des Staatswesens führte im 17. Jahrhundert nicht nur in Frankreich und England, sondern auch in den deutschen Territorialstaaten zur Entstehung eines frühneuzeitlichen Polizeiwesens und einer weitgehend staatlichen Strafjustiz. Auch Strafgesetzgebung und Strafverfolgungssystem wurden überterritorial geregelt.5

Der Begriff Policey bezeichnete all das, „was zum guten Regiment eines Gemeinwesens nötig ist“.6 Daraus entstand im 17. Jahrhundert das Ziel, die meisten Lebensbereiche der Menschen zu reglementieren – dies sowohl auf Ebene der absolutistischen Territorialstaaten als auch auf lokaler Ebene innerhalb der Stadt und der Gutsherrschaft, wo oft noch die ständische, auf Privilegien gestützte Ordnung gültig war. Die Disziplinierung der Untertanen durch die Regierenden entsprach der absolutistischen Staatslehre und war aufgrund der schnell wachsenden Bevölkerung der Städte in gewisser Weise auch notwendig.7

Damit Recht auch gerecht ist, muss es rational einsehbar und berechenbar sein. Dies war sowohl im 16. als auch im 17. Jahrhundert jedoch nicht der Fall.8 Denn gängige Verfahren zur ‚Wahrheitsfindung‘ waren das Gottesurteil und die Inquisition.

Das Gottesurteil galt bis in das 17. Jahrhundert auch im Rahmen alltagsgeschichtlicher Gerichtsordnung als Möglichkeit der Wahrheitsfindung.9

Zu den Mitteln der Rechtsfindung des Ordals gehörten Feuerprobe, Wasserprobe, der gerichtliche Zweikampf und die Bahrprobe. Für den Beschuldigten hing sehr viel von der Art des Ordals ab, denn bspw. im Fall der Wasserprobe endete die Rechtsfindung immer mit dem Tod: Gelang es dem Beschuldigten trotz Fesseln über Wasser zu bleiben, galt er als schuldig und wurde hingerichtet, schaffte er es nicht, galt er zwar als unschuldig, doch starb durch Ertrinken.10

Ebenso fragwürdig war die Wahrheits- und Rechtsfindung im Rahmen der Inquisition, die seit dem 13. Jahrhundert praktiziert wurde11, aber auch im 17. Jahrhundert noch dominierte.12

Es wurden jedoch auch schriftlich niedergelegte und öffentlich verhandelte Akkusationsprozesse und Indizienverfahren praktiziert. Durch die gleichzeitige Veränderung der Medienlandschaft durch Flugblätter und Flugschriften sowie ab Mitte des 17. Jahrhunderts auch Zeitungen stiegen dadurch das öffentliche Interesse und die öffentliche Teilnahme an Kriminalfällen rasch an, was eine Etablierung der Kriminalberichterstattung in den Printmedien ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zur Folge hatte.13

2.1.3 Religion und Weltbild

Das „Gesamtphänomen“14 Barock ist geprägt durch ein neues geistiges und politisches Ordnungsstreben, verursacht durch die Folgen der Gegenreformation sowie die Konventionen der sich neu verfestigenden absolutistischen Hofkultur und ständischen Gesellschaft.15 Die Einheit des Christentums war durch die Gegenreformation allerdings nicht voll wiederherstellbar.16

Charakteristisch für die Epoche ist außerdem ein gewisser Pessimismus: Die Vergänglichkeitsstimmung verdrängt die vorangegangene Skepsis der späten Humanisten, der Optimismus der Renaissance wird durch den Pessimismus des Barock ersetzt. Die Vielzahl der wissenschaftlichen Entdeckungen zieht zwar große Aufmerksamkeit auf sich, doch man betrachtet sie mit der üblichen vanitas-Skepsis.17 „Die Menschen dieser Epoche betrachten Zeit und Ewigkeit aus einer wissenden Distanz, und fühlen sich imstande, dank ihrer Heilshoffnung allen Widerwärtigkeiten der Welt und somit auch der Vergänglichkeit zu trotzen“.18

Wie bereits angesprochen, ist die Epoche von Gegensätzen geprägt. Der Wissenschaft stehen Glaube und Aberglaube (insbesondere in Form des Hexenwahns bzw. der Hexenverfolgung19 ) entgegen. Zudem war die Wissenschaft des 17. Jahrhunderts „kein Garant für Rationalität und Unabhängigkeit“.20

In Naturbeschreibungen folgern die Dichter von der sichtbaren Welt auf die unsichtbare, göttliche Welt und stellen Analogien zwischen Gott und der Natur auf.21 Kennzeichnend ist außerdem die Kosmologie, die die Welt als eine geordnete versteht22 und geprägt ist durch das Streben zu Gott durch das All sowie der Erkenntnis des Alls als System und Harmonie, in welche sich der Mensch und seine Kunst und Wissenschaft einfügen soll. Das Chaos und die Verwirrung hingegen sind Sinnbilder des Bösen und Teuflischen.23 Die Aufgabe des Menschen ist daher, gegen diese anzukämpfen und die „himmlische Ordnung auf Erden nachzuschaffen“.24

Auch bei Harsdörffer findet sich dieses Weltbild: Er interpretiert seine Bemühungen um die Verbesserung der deutschen Sprache daher als eine Art ‚Friedensarbeit‘, denn auch Krieg hat seine Ursache in der Verwirrung, im Chaos; Erhellung und Aufklärung lassen sich nach Harsdörffer über Sprache erreichen.25 Er bindet Wissenschaft und Lehre außerdem noch prinzipiell an Moral, wohingegen sich die Wissenschaftler ab Mitte des 17. Jahrhunderts immer mehr von einer persönlich bindenden moralischen Verpflichtung abgrenzen26. Auch hinsichtlich der Lasterhaftigkeit der Menschen vertritt Harsdörffer noch zum Teil bereits vergangene Ansichten27, so erklärt er in der Zuschrifft seiner Mord-Geschichte:

Der Meister dieser Mordspiele (Editor) ist der Mörder vnd Lügner von Anfang / der leidige Satan /welcher die Jugend mit Wollüsten / das männliche Alter mit Ehrgeitz / die bejahrten mit der leidigen Geltgeitz auf den Schauplatz dieser Welt führet / vnd verführet.28

2.2 Epoche des Barock in der Literatur

2.2.1 Definition und typische Elemente

Der Begriff Barock stammt ursprünglich aus dem Portugiesischen (barocco) und bezeichnet zunächst „Schmuckperlen als ‚unregelmäßig‘, ‚bizarr‘; er wird später als Stilbegriff metaphorisch auf andere Kunstgegenstände übertragen“29. In der Germanistik ist Barock ein Verständigungsbegriff für die dt.sprachige Lit. zwischen ca. 1620 und 1720. – Der Begriff wird von der Kunstkritik des 18. Jh.s geprägt und gilt zunächst als abwertende Kategorie zur Bez. Eines übertrieben schwülstigen Stils.30

Typische Merkmale des Sprachstils barocker Literatur sind Antithetik, Intensivierung und Häufung, Pointierung, kettenartige Aufzählungen, Gleichnisse, Wortspiele sowie die Suche nach Dissonanzen und Widersprüchen.31 Darüber hinaus hat die Barockliteratur einen rhetorischen Grundzug, der zu einer sehr genauen Beachtung der Form und der Pflege von Wort und Stil führte.32 Ziel der Barockdichter war die Schaffung einer gehobenen Literatursprache, die sich von der Umgangssprache deutlich abhob.33 Damit einhergehen zum einen der verstärkte Einsatz von rhetorischen Figuren und Tropen, u.a. Metaphern, Hyperbeln und Epigramme34 (hierzu mehr im nächsten Kapitel), aber auch die Horaz’schen Ziele docere et delectare, teilweise ergänzt um movere.35

Hinsichtlich der Themenstellung dieser Arbeit sind zwei Punkte des Inhalts barocker Literatur besonders zu erwähnen:

Erstens existieren im Barock zwei verschieden strukturierte Wahrheitsbegriffe. Es wird unterschieden zwischen einer faktischen, oberflächlichen, äußeren Wahrheit sowie einer tieferen, inneren, ideellen (auch exemplarischen oder belehrenden) Wahrheit, die heute eher mit dem Begriff ‚Wahrscheinlichkeit‘ gleichzusetzen ist.36

Zweitens hat sich im 17. Jahrhundert die literarische Beurteilung der ‚poetischen Gerechtigkeit‘ gewandelt. So wurde der Poesie vor dem Hintergrund realer Erfahrung einer ungerechten Welt die Rolle des Richters übertragen37. Denn die „Poesie übermittelt dem Leser die Grundsätze der göttlichen Gerechtigkeit und befestigt ihn im Glauben an sie. Die Funktion des Kunstrichters ist es, darüber zu wachen, daß diese Grundsätze in der Poesie eingehalten werden“.38

2.2.2 Gattungen

Auch innerhalb der literarischen Gattungen sind die typischen Gegensätze des Barock zu finden. So ist die Literatur zwar in weiten Teilen höfisch, aber es entstehen auch die ersten volkstümlichen Romane.39

Hinsichtlich dieser Arbeit spielen folgende Gattungen jedoch eine besondere Rolle und werden daher näher beschrieben: Emblem und Epigramm.

Das Emblem, oder auch Sinnbild, wird im Metzler Lexikon Literatur wie folgt definiert:

eine der Lehrdichtung zuzurechnende frühneuzeitliche Wort-Bild-Gattung mit im Regelfall dreigliedriger typographischer Anordnung von Bild und Wort: 1. Motto (auch Inscriptio, Lemma) als Überschrift, in der Regel in Prosa […]; 2. Bild (Pictura, Icon […]) mit Darstellung eines im Hinblick auf einen sensus spiritualis auslegungsfähigen Sachverhalt […]; 3. Subscriptio als beschreibende, erläuternde oder auslegende Bildunterschrift, zunächst versifiziert als Epigramm, später auch in Prosa.40

Das Emblem ist nicht nur strukturbildendes Prinzip in zahlreichen Wort-Bild-Formen der frühen Neuzeit, sondern auch für viele Trauerspiele und lyrische Texte des Barock. Hierbei wurde die dreiteilige Struktur mit rein sprachlichen Mitteln nachgeahmt.41

Das in der Definition bereits erwähnte Epigramm ist eine für Bücher konzipierte, zugespitzt formulierte Aussage zu einem Gegenstand, einer Person oder einem Sachverhalt in Versen (dt. auch ‚Sinngedicht‘). […] Notwendige Merkmale der Gattung sind Versform, expliziter Bezug auf einen Gegenstand und Kürze […] Typisch (aber nicht notwendig) sind ein Titel, eine Pointe, Reimform oder Einhaltung eines metrischen Schemas.42

Das Epigramm gehört zu den beliebtesten Gattungen des 17. Jahrhunderts. Ziel des Epigramms ist die Belehrung. Es soll kurz und deutlich sein, sowie einen nachdenklichen und unvermuteten Schluss besitzen.43:

In der deutschen wie auch der europäischen Literatur ist die Kriminalgeschichte bzw. der Kriminalroman im 17. Jahrhundert noch nicht als eigene Gattung ausgeprägt. Jedoch gab es auch im Barock (z.T. sogar schon früher) Mordgeschichten, Nacherzählungen von Kriminalfällen, Gottesgerichtssagen oder auch Märchen, in denen Verbrechen begangen wurden.44

Bereits im elisabethanischen London waren die Stücke Shakespeares von Machtgier, Intrigen und Mord bestimmt. In oftmals entstellter Form verbreiteten Schauspieltruppen die Stücke auch auf dem europäischen Kontinent, jedoch vertrieb der Dreißigjährige Krieg die Truppen und lange Zeit auch die Erinnerung an die Stoffe der Stücke.45

Hinderlich für die stark von Ratio geprägte Kriminalliteratur war zudem im 17. Jahrhundert ein trotz des Aufschwungs der Naturwissenschaften bestehender Glaube an jenseitige Gewalten, magische Kräfte und Mittel. Einige von Harsdörffers Geschichten schließen jedoch das Irrationale bereits aus.46

3 Entstehung und Entwicklung der Kriminalliteratur

„Der historische Terminus ‚Criminalgeschichte‘, der sich Ende des 18. Jahrhunderts eingebürgert hatte, ist relativ eindeutig. […] Er meint die Erzählung einer ursprünglich ‚wahren‘ Begebenheit aus dem Bereich der praktischen Justiz, also einen Rechtsfall mit allen seinen möglichen Umständen. Es handelt sich also ursprünglich um kurze Prosa, die in mancher Hinsicht mit der Novelle vergleichbar ist und sich im 19. Jahrhundert vielfach mit ihr deckt“.47 Als ‚Geburtsstunde‘ der Kriminalliteratur wird zum einen Friedrich Schillers Erzählung Verbrecher aus Infamie (1786) betrachtet, in welcher unter ausdrücklicher Einbeziehung des Lesers ein Konzept zur Fiktionalisierung eines Verbrechens dargelegt wurde.48 Zum anderen stellt Edgar Allan Poes Der Doppelmord in der Rue Morgue (1841) die erste Detektivgeschichte (als Untergattung der Kriminalliteratur) dar.49

An Bedeutung gewinnt die Kriminalliteratur ab Mitte des 19. Jahrhunderts, was zu einer starken Verbreitung und zur Ausbildung eines breiten Spektrums an Mordgeschichten, Kriminalerzählungen und –novellen, Prozessberichten, Pitavalgeschichten, Detektivromanen u.v.m. führt.50 Die Blütezeit der Produktion der Kriminalliteratur liegt sowohl im deutschen Sprachraum als auch in den USA in den 1920er und 1930er Jahren, was durch die damaligen gravierenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen bedingt ist.51

Jedoch reichen die publizistischen, juristischen und poetischen Paradigmen, die Schiller in seiner Erzählung erstmalig in dem „charakteristischen Mischungsverhältnis des später kanonisierten Erzähltyps“52 zusammensetzt, weit in die frühe Neuzeit, zum Teil sogar bis in das Mittelalter zurück.53 Selbst die biblische Geschichte des Mordes Kains an seinem Bruder Abel weist bereits die Themen Mord und Verbrechen auf.54

Ein grundlegender Unterschied zwischen den Verbrechen in alten Sagen und antiken Epen und denen in der Kriminalliteratur liegt in der Funktion. In den Sagen und Epen ist das Verbrechen nur der Auslöser für ein weitreichendes Geschehen, es leitet zumeist eine Katastrophe ein. Dadurch sollen die Grenzen des menschlichen Vermögens und die Grenzen hinsichtlich des Ertragens von Schicksalsschlägen aufgezeigt und begreifbar gemacht werden. Im Gegensatz dazu liegt die vorrangige Funktion der Kriminalliteratur in der Unterhaltung.55

Geschichten mit Verbrechensthematik, die im Mittelalter entstanden sind, fallen somit nicht unter Kriminalliteratur. Denn in einer Zeit, in der sich die Lesefertigkeit fast ausschließlich auf den Klerus beschränkte, entstand keine reine Unterhaltungsliteratur.56

Im Vergleich zur Antike war das Mittelalter keine bildungsfreudig Epoche. Während der Mensch in der Antike versuchte, Klarheit über die Welt zu gewinnen, war die Welt für den Menschen des Mittelalters durch die göttliche Weltordnung klar. Selbst der Versuch, diese Ordnung selbst erfassen und begreifen zu wollen, galt als ‚Teufelswerk‘. Der Teufel wurde allgemein als Verursacher alles Bösen begriffen – er konnte den Menschen, der sich seinen Einflüsterungen und Verlockungen öffnete, zu bösen Taten anstiften. Dies spiegelt sich auch in den Mirakelgeschichten wieder, in denen nicht durch den menschlichen Verstand und menschliches Zutun ein Verbrechen gelöst oder vereitelt wurde, sondern durch ein Mirakel. Die Funktion dieser Geschichten lag nicht darin, zu unterhalten, sondern zu erbauen.57

Auch in zahlreichen Sagen und Märchen tauchen Verbrechen auf, die durch ein Gottesurteil oder –gericht aufgelöst und bestraft werden. Auch hierbei wird das Crimen jedoch nicht verselbstständigt, sondern ist Bestandteil der Wunderhandlung. Die Sühne in diesen Geschichten ist Ausdruck einer ersehnten Gerechtigkeit.58

Gerechtigkeit in der Literatur ist bis in das 18. Jahrhundert eine ‚poetische Gerechtigkeit‘. Dieses Prinzip weist dem Dichter die Rolle des Richters zu, wodurch er seine Figuren je nach Handeln belohnen oder bestrafen kann und soll. Ziel der Schriftsteller dieser Zeit ist es also, ihre Geschichten zu einem dem (mutmaßlich) allgemeinen Gerechtigkeitssinn entsprechend zu Ende zu bringen.59

Mit der Erfindung des Buchdrucks Ende des 15. Jahrhunderts werden die Voraussetzungen für eine breitflächig wirksame Publizistik geschaffen, in welcher auch die Darstellung von Kriminalfällen erste, seltene Blüten treibt.60 Es entsteht eine Art Exekutionsjournalismus, der bald aber auch Spuren einer Lust am Erzählen zeigt, da der Stoff stärker als erfordert differenziert wird.61

Bereits in Verbrechensberichten des früheren 17. Jahrhunderts findet sich eine selbstverständliche Koppelung von Verbrechen und Strafe, begleitet von Illustrationen in einer der zeitgenössischen Emblematik verwandten Weise, die den Text für eine über das Geschehen selbst hinausweisende Deutung öffnen. Den Texten des Exekutionsjournalismus ist zudem ein hoher Stilisierungsgrad der mitgeteilten Informationen gemeinsam: sie arbeiten mit gebundener Rede, Sprachfiguren, narrativen Konventionen, werden um fiktive Elemente erweitert und grenzen in ihrer Präsentation des Stoffes somit an literarische Formen.62

[...]


1 Vgl. Marsch, Edgar: Die Kriminalerzählung. Theorie – Geschichte – Analyse. München, 1972. S. 13.

2 Vgl. Wesche, Jörg: Barock. In: Burdorf, Dieter et al. (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Stuttgart, 2007, S. 69-71, hier S. 69.

3 Vgl. Szyrocki, Marian: Die deutsche Literatur des Barock. Eine Einführung. Reclams Universal-Bibliothek 9924. Stuttgart, 1979. S. 17.

4 Vgl. ebd., S. 19.

5 Vgl. Siebenpfeiffer, Hania: Narratio crimen – Georg Philipp Harsdörffers Der Grosse Schau-Platz jaemmerlicher Mord-Geschichte und die frühneuzeitliche Kriminalliteratur. In: Jakob, Hans-Joachim, Korte, Hermann (Hrsg.): Harsdörffer-Studien. Mit einer Bibliografie der Forschungsliteratur von 1847 bis 2005. Frankfurt, 2006. S. 157-176, hier S. 163f.

6 Szyrocki, S. 19.

7 Vgl. ebd., S. 19f.

8 Vgl. Theiss, Winfried: Nur die Narren und Halßstarrigen die Rechtsgelehrte ernehren… Zur Soziologie der Figuren und Normen in G. Ph. Harsdörffers Schauplatz-Anthologien von 1650. In: Brückner, Wolfgang et al. (Hrsg.): Literatur und Volk im 17. Jahrhundert. Probleme populärer Kultur in Deutschland. Teil II. Wiesbaden, 1985. S. 899-916, hier S. 903.

9 Vgl. Landfester, Ulrike: Das Recht des Erzählers. Verbrechensdarstellungen zwischen Exekutionsjournalismus und Pitaval-Tradition 1600-1800. In: Böker, Uwe, Houswitschka, Christoph (Hrsg.): Literatur, Kriminalität und Rechtskultur im 17. und 18. Jahrhundert. Tagung am 17. und 18. Juni 1994 an der Technischen Universität Dresden. Essen, 1996. S. 155-183, hier S. 157.

10 Vgl. Woeller, Waltraud: Illustrierte Geschichte der Kriminalliteratur. Frankfurt, 1985. S. 20.

11 Vgl. ebd., S. 21.

12 Vgl. Siebenpfeiffer, S. 164.

13 Vgl. ebd., S. 164.

14 Szyrocki, S. 14.

15 Vgl. ebd., S. 14.

16 Vgl. ebd., S. 17.

17 Vgl. ebd., S. 21.

18 Ebd., S. 23.

19 Vgl. ebd., S. 26.

20 Helmer, Karl: Weltordnung und Bildung. Versuch einer kosmologischen Grundlegung barocken Erziehungsdenkens bei Georg Philipp Harsdörffer. Frankfurt, 1982. S. 20.

21 Vgl. Szyrocki, S. 24.

22 Vgl. Helmer, S. 22.

23 Vgl. Szyrocki, S. 25.

24 Ebd., S. 25.

25 Vgl. Helmer, S. 23.

26 Vgl. ebd., S. 22.

27 Vgl. Theiss, S. 903.

28 Harsdörffer, Georg Philipp: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Nachdruck der Ausgabe Hamburg 1656. Hildesheim, 1975. Im Folgenden abgekürzt mit der Sigle JMG.

29 Jeßing, Benedikt, Köhnen, Ralph: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Stuttgart, 2007. S. 21.

30 Wesche, S. 69.

31 Vgl. Szyrocki, S. 10.

32 Vgl. ebd., S. 44.

33 Vgl. ebd., S. 43.

34 Vgl. ebd., S. 64, 65, 86.

35 Vgl. ebd., S. 39.

36 Vgl. van Gemert, Giullaume: Geschichte und Geschichten. Zum didaktischen Moment in Harsdörffers „Schauplätzen“. In: Battafarano, Italo Michele: Georg Philipp Harsdörffer. Ein deutscher Dichter und europäischer Gelehrter. Bern, 1991. S. 313-332, hier S. 317.

37 Vgl. Müller-Dietz, Heinz: Recht und Kriminalität in literarischen Spiegelungen. Berlin, 2007. S. 36.

38 Ebd., S. 35.

39 Vgl. Woeller, S. 23.

40 Scholz, Bernhard F.: Emblem. In: Burdorf, Dieter et al. (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Stuttgart, 2007. S. 186-187, hier S. 186.

41 Vgl. ebd., S. 186.

42 Müller, Ralph: Epigramm. In: Burdorf, Dieter et al. (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Stuttgart, 2007. S. 194-195, hier S. 194.

43 Vgl. Szyrocki, S. 86.

44 Vgl. Woeller, S. 31.

45 Vgl. ebd., S. 22.

46 Vgl. ebd., S. 31.

47 Marsch, S. 13.

48 Vgl. Landfester, S. 155.

49 Vgl. Plummer, Patricia: Kriminalerzählung. In: Burdorf, Dieter et al. (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Stuttgart, 2007. S. 404 und Woeller, S. 7.

50 Vgl. Woeller, S. 8.

51 Vgl. Marsch, S. 79.

52 Landfester, S. 155.

53 Vgl. ebd., S. 155.

54 Vgl. Woeller, S. 7.

55 Vgl. ebd., S. 7.

56 Vgl. ebd., S. 8.

57 Vgl. ebd., S. 15.

58 Vgl. ebd., S. 19.

59 Vgl. Müller-Dietz, S. 35.

60 Vgl. Landfester, S. 156.

61 Vgl. ebd., S. 158-160.

62 Vgl. ebd., S. 163.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Kriminalerzählungen im Barock? Nachweis kriminalliterarischer Elemente und Erzählmuster in Georg Philipp Harsdörffers "Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte" (1649/50)
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
HS Erzählte Kriminalität
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
27
Katalognummer
V293456
ISBN (eBook)
9783656909286
ISBN (Buch)
9783656909293
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Harsdörffer, Schauplätze, Schauplatz Jämmerlicher Mordgeschichte, Barock, Kriminalität, Krimi, Kriminalerzählung
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Melanie Scheid (Autor), 2015, Kriminalerzählungen im Barock? Nachweis kriminalliterarischer Elemente und Erzählmuster in Georg Philipp Harsdörffers "Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte" (1649/50), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293456

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